Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 1/3
Part 8
Auguste. Nein, ich bedarf keines Trostes; ich habe meinen Zwek erreicht; Sie sollten mich noch ganz kennen lernen, eh ich die Erdenwelt verliesse, sollten mir Ihr Mitleid gönnen, da ich nicht _mehr_ hoffen dürfte; ich glaubte in dieser gegenseitigen Entdekkung Beruhigung zu finden, und ich fand sie.
Florentin. Daß ich mehr zu Ihrer Beruhigung hätte thun können!
Auguste. Genug gethan! -- wollen Sie noch eines, so bitt' ich Sie, diese Blätter, welche ich zu Anfange meiner Krankheit unter ahndenden Gefühlen des Todes schrieb, an _Sie_ schrieb, mir noch einmal vorzulesen, und hernach, sie keinem andern Ohr und Auge, als den ihrigen anzuvertrauen. -- Es sind Träumereien, Schwärmereien, welche Sie als nichts mehr betrachten dürfen. Aber indem ich mich meinen Empfindungen und meiner Einbildungskraft überlies, war ich doch glüklich. -- --
_Florentin_, in die schwermüthigste Seelenstimmung versunken, entsiegelte die Papiere, und begann zu lesen. Oft zitterte, oft brach seine Stimme, aber die _Sterbende_ lächelte holdseelig auf ihn hin, und er fuhr im Lesen fort.
Wer vielleicht aus ähnlichem Hang, vielleicht aus Neugier, oder wider die Langeweile, der liebenswürdigen _Auguste_ Schwärmereien, mit _Florentin_, zu lesen wünsche, wende sich zum folgenden Kapitel.
Fünftes Kapitel. Schwärmereien Augustens von Gülden.
Ich will mich hieherstellen und den Vollmond ansehn, wie er schweigend über den einsamen Thurm der Kirche hinschwebt; -- es ist ein feierliches Schauspiel! die Gottheit erschuf diesen wiederleuchtenden Weltkörper, daß er ewig und liebend uns umschwebe, und nie unsern Stern verlasse, sondern ihn immer begleite in seinem Kreislauf.
Was hier _Gesez der Natur_ heißt, heißt bei den Menschen _Liebe_; aber ist Liebe vorherbestimmtes Gesez, ist Liebe _Zwang_? Ich mag es nicht ergründen, aber Heil mir daß ich diesen süssen Zwang, oder diese beseeligende Willkühr meines Herzens empfinde!
Fragt nicht, wo ist Gott und was ist die Gottheit? -- sehet über euch die zahllosen Gestirne, die liebend und treu sich umeinander hindrehn; sehet die vernunftlosen Thiere, die Gewürme des Staubes welche sich mit einander vereinen, und die Seeligkeit ihres Daseins in der Liebe finden. Dort ist Gott und Gott ist hier, er webt und wandelt in und über den erhabnen Sfären des Weltalls und webt und wandelt in und über den Blumen des Feldes. Gott ist die Liebe; die Liebe ist Gottheit und allgegenwärtig!
Seid mir willkommen, ihr schmeichelnden, heiligen Gefühle, welche meinem Herzen unbekannt waren, seit Gustaf heimkehrte zum Staube, woraus er erschaffen war! Seid mit willkommen, ihr die ihr nicht mit seinem schönen Geiste der Erdenwelt entflohn seid! Ich Unglükliche soll noch glüklich sein; meine erstorbnen Freuden blühn wieder auf, meine melancholischen Klagen lösen sich in frohe Gesänge der Hofnung und Sehnsucht auf, o darum Heil der Liebe, Heil der Gottheit!
Noch weis, noch ahndet er nicht, daß ihn ein Mädchen liebt am Hofe; stolz bieten ihm Rosen, und Tulpen sich an, an seiner Brust verblühn zu können; wird er das unbekannte, einsame Veilchen verschmähen? -- Wird _Florentin_ _Augusten_ verschmähen?
O daß er mich belauschte, wenn die Thräne der Sehnsucht meinem Auge entquillt; daß er mich belauschte, wenn ich sinnend die Züge seines schönen Namens auf das Papier hinmahle; daß er mich belauschte wenn ich: _Florentin! Florentin!_ seufze, und meine Wangen schaamvoll erröthen! -- --
Eine liebliche Ahndung umgaukelt meine Seele; die Hofnung strahlt mir lächelnd entgegen: spät oder früh sinkt er an meinen Busen, spät oder früh umschliessen den Geliebten meine Arme. -- Seelige, beneidenswürdige Auguste, Dein Himmel wohnet auf Erden; Liebe wird Dir mit Liebe vergolten, _Florentin_ Dir alles, und Du dem schönsten Jüngling alles werden; o Loos der Liebe, wie seelig bist Du! --
* * * * *
_Gustaf_, _Gustaf_, warum erschienst Du mir im Traume dieser Nacht? warum lächeltest Du mir so wehmüthig zu, und liessest Thränen über Deine Engelswangen rinnen? -- Heiliger, Auserwählter, zürnest Du?
Ach nein, wie könnte ein Geliebter Gottes zürnen? Dein Lächeln war das Lächeln der Freude, Deine Thräne, die Thräne der Wonne Deine _Auguste_ nach langen Leiden glüklich zu sehn! -- o sieh herab auf mich, Verklärter, und sieh _Augustens_ Glük! -- Ich bin Dir noch treu, treu, wie bei dem ersten Kusse, welchen ich Dir, Engel, aufdrükte; und doch liebe ich einen _Florentin_. Bin ich strafbar? nein, denn, wenn Liebe zum Verbrechen geworden ist, so sind alle Meisterwerke der Schöpfung Sünde; im Hauch der Liebe wurden sie erschaffen, und zur Liebe reizen sie wieder.
* * * * *
Hör' es, hör' es, wohlthätiger Geist der Liebe! hör' es Du ganze glükliche Natur, hört es alle, ihr seeligen Geschöpfe auf Erden, daß ich unglüklich bin! _Florentin_ liebet mich nicht! ach, Gott, er liebet mich nicht! --
Nun sinken sie alle ein, die schönen Fantome meiner hoffenden Liebe; nun verdüstern sie sich, die lächelnden Paradiese, welche meine Einbildungskraft in frohen Augenblikken hinzauberte. Nun ist für _Augusten_ keine Freude mehr! --
O _Louise_, Du hast ihn mir geraubt, Du, die sich meine Busenfreundin genannt hat, ihn der den Traum meiner Tage allein versüssen, konnte: Hast ihn mir geraubt, die Du so vieles besizzest, von einem Herzogthume angebetet wirst, hast ihn mir Armen geraubt, die da nichts, als ein weiches, empfindendes Herz zum Eigenthume hat. Bist Du nicht reich genug gewesen, mußt Du auch die Bettlerin um ihren Schaz plündern?
Verlange nicht stolze Habsüchtige, daß ich Dich noch liebe; fordre nicht Besiz eines Herzens, nach dem Du mit giftigen Pfeilen zieltest. O mit räubrischen Händen entwandst Du mir ein Heiligthum, und ich soll Dich lieben? -- Nein, nein, die kühnsten Widersprüche der Natur mögen sich in Harmonien auflösen; der Raubvogel in den Lüften seiner Antipathie vergessen; liebend neigen die Bewohner des Paradieses die Behausungen der verdammten besuchen, nur nimmer wird meine blutende Seele der Deinigen in Eintracht begegnen!
Ha, Fürchterliche, wisse, das Glük der Liebenden zerstören, heißt den Grundstein der Schöpfung verderben. -- Heilige, reine Liebe konnte nimmer in einem Herzen, wie das Deinige, ihre Wohnstatt aufschlagen, aber nimmer müsse Dich auch ihr leisester Odem beseeligen. -- Nie umarme dich eine liebende Gestalt; finde nie deinen Himmel auf den Lippen eines Jünglings. Geh, geh, suche bei der ewigen Güte Erbarmen, und finde es nicht; geh, geh! -- --
* * * * *
Nein gute _Louise_, vergieb, ich habe gesündigt; habe Dich gelästert und Du bist eine Heilige! -- Ich bin so unglüklich, o, so, unglüklich, dein Zorn mache mich nicht elender!
Wie doch alles so wunderbar im menschlichen Leben an einander gekettet, und durch einander gewirrt ist! und das alles, alles ist weiser Plan des weisesten Wesens? --
Ich bin ja eine Sterbliche; Leidenschaft und zartes Gefühl sind mir angeschaffen, die Schönheiten der Welt sind ja auch für mich vorhanden; und doch bin ich ausgestoßen aus der Zahl froher Wesen? -- die Freude und das Jauchzen der wonneberauschten Kreaturen ist ein Lobgesang auf die Güte des Himmels, verherrlichen meine Thränen den Himmel auch? -- was hat denn meine Seele verbrochen, welches sie abbüssen müsste, warum bin ich so verlassen?
Ich ergründ es nicht, und werd' es nie ergründen!
Seid glüklich, ihr schönen Seelen, Auguste findet ihre Ruhe in den Thränen der Schwermuth; euch umfasse ein blühender Busch, geheime Küsse zu verbergen; mich verdekke ein sterbendes Gesträuch, das sein trauriges Lispeln in meine Seufzer mischet.
Bricht das Licht des Morgens empor, so verscheucht es melancholische Träume von meinen Augenwimpern, und ladet zum Weinen ein; umschleiert die Nacht mich, so sink ich an ihren Busen um ungestörter zu jammern. -- Seid glüklich, ihr meine Mitgeschöpfe, ich bin es im Leiden. Ewigkeit ist unser Loos nicht; meine Thränen werden einst versiegen!
* * * * *
Nein, nein, ich will sie nicht mehr hören, jene bangen, furchtbaren Ahndungen, ich will sie alle verbannen. Die Hofnung steigt vom Himmel herab, lächelt und bringet mir Trost. Furchtlos sollen meine mattgeweinten Blikke auf die Leiden hinsehn, die mir bestimmt sind, vergebens sollen sie mich verfolgen. Eine Freistätte öfnet sich mir, eine Freistätte, an deren Pforte die Furien des menschlichen Lebens zurükbeben, und die ihnen entrinnende Beute unverfolgt lassen. -- O, Tod, dies ist dein Tempel!
Die Nebel zerrinnen, mit welchen die furchtsame Einbildungskraft der Sterblichen deinen Vorhof umlagerte; eine wohlthätige Gottheit schwebst du aus diesen Finsternissen hervor, und strekkest dem zitternden Verlaßnen deine Arme entgegen. Mit ewigem Lichte ist dein Thron umringt, ihm zur Seite glänzt die majestätische Wahrheit, die holde Ruhe, der liebenswürdige Friede herrschen hier, und bieten dem schüchternen Ankömmling ihre Zauberschaalen. Abgemattet von dem mühevollen Lebenslaufe trinkt der Mensch den dargebotnen Trank, und weggeschwunden sind jeder Harm und selbst die wehmüthige Erinnrung.
O Menschen, Sonderbare, Unerklärliche! warum mahlet ihr der Gottheit süssestes Geschenk mit so schauerlichen Farben? -- So manche Noth drükket euern Miterschafnen, geheimer Kummer nascht mit gefrässigem Zahn an der Wurzel seines Lebens und ihr weinet über seinen Leichnam?
Freuet euch, meine Lieben, wenn der gefällige Tod des Lebens Bürde von mir nimmt; bedekket meinen Leichnam nicht mit einem düstern Tuche, worin die Hand des Künstlers das Bild der Verwesung gezeichnet hat. Zündet um meiner Baare keine Todtenfakkeln an, deren blasser, zitternder Glanz, wenn er sich mit grauenvoller Dunkelheit gattet, die Seele des Zuschauers beben macht. Begleitet mich nicht in langen Trauergewändern, mit erdwärtsgesenkten Blikken zu Grabe. -- Nein, umkränzet mir lieber das Haupt mit Blumen, wünschet der Entschlummerten Glük, und senket mit Lobliedern auf den Tod den Leichnam in die mütterliche Erde. So ehret ihr den Triumf eurer Freundin! --[A]
* * * * *
_Louise_, Du fragst, warum _Augustens_ Wangen verblassen? -- verblassen sie wirklich? wohl mir, dies ist der erste Kus des Todes. Ich fühl es, meine Kraft ist vertroknet, meine Hofnungen glüklicher Lebensszenen sind verloschen, _Gustaf_ winkt. --
[Fußnote A: Jakoby.]
Lebt wohl, ihr die ihr mich lieb hattet, lebt wohl. Und Du, _Florentin_, sei glüklich. Dich nur liebt ich allein auf dieser Welt, -- Dich hatte ich mir zum Ersaz vieler Thränen auserkohren Dich hätte ich nicht für die ganze Pracht einer königlichen Krone vertauscht, und Dir entsage ich izt.
Sprach man von den schönsten Werken des ewigen Schöpfers, so dachte ich deiner; sollte sich meine Andacht vor heiligen Altären zum höhern Fluge beflügeln, so dachte ich deiner -- nannte man die Freuden eines künftigen Lebens, _Florentin_, so dachte ich deiner, und dir sag ich izt das Lebewohl! Nur einen Wunsch gewähre mir das Schiksal, daß _Florentin_ einst, wenn ich schon von dem Irrdischen entfesselt, hinübergegangen bin in die Wohnungen der Ruhe, diese Blätter lesen, mich noch mitleidig betrauern mögte, oder daß er mir an meinem Sterbebette noch diese Klagen vorlesen, und ich seine Wehmuth sehen dürfte! Oh, ich habe vielleicht zu viel gebeten, vielleicht -- --
_Florentin_ konnte nicht weiter; er verhüllte schluchzend sein Gesicht; der alte Herr _von Gülden_ zerfloß in Thränen und schaute in stiller Verzweiflung auf sein Kind hin.
»Es ist erfüllt!« lallte _Auguste_ -- ihr Auge war gebrochen, jezt brach ihr Herz. Der alte Vater stürzte sich über ihren Leichnam; _Florentin_ küßte die kalte Hand der Entschlummerten, und Jammer und Thränen wurden allgemein.
Sechstes Kapitel. Der Donner aus der Ferne.
»Ausgerungen hat die schöne Leidende; ihr Fus durchwandelt jezt seligere Regionen; ihr Auge kennt jezt keine Thränen mehr; sie ruht vielleicht jezt am Busen ihres _Gustaf_; ruht aus von überstandenen Leiden, indessen ich Verlassne trüben Bliks ihrem Flug nachstarre!«
So sagte _Louise_ zu sich, als sie von dem Tode ihrer _Freundin_ benachrichtigt worden war; und in der That hatte sie Recht zu klagen.
Sie fühlte, ihre Lage sei, in jeder Hinsicht, schreklich, sie war in ein Labyrinth verschlungen, aus welchem zu entkommen bis izt alle Möglichkeit verloren schien. Und nun war sie auch ihrer Rathgeberin, Trösterin, Mitweinenden -- ihrer Vertrauten, ihrer Schwester beraubt.
»O unglükseelige Liebe!« rief sie zu wiederholten Mahlen aus, indem sie ihre Blikke zu Boden schlug und ängstlich die Hände rang: »Ich mus mich dem unglüklichen Grafen entdekken, es koste was es wolle. Vielleicht findet er einen Ausweg, den mein Auge bisher nicht wahrnahm; vielleicht -- o _Florentin_, wehe Dir und mir, wir sind Beide verloren!«
_Augustens_ Tod war gleichsam das Signal, zu fürchterlichen Ungewittern, die sich izt über unsre beiden Liebenden zusammenzogen.
_Louisens_ Freundin wurde feierlich begraben, und zwar so, wie sie es ausdrüklich auf ihrem Sterbelager gewollt hatte.
Einige Tage vor der Beerdigung stand ihr Leichnam in einem braungebeizten kostbaren Sarge öffentlich zur Schau, damit Freunde und Bekannte und Unbekannte noch einmahl die schöne, zur Verwesung eingesunkne Hülle einer noch schönern Seele sehen mögten. -- Sie war in ein weisses Gewand gehüllt, hin und wieder mit jungen Rosen überstreut; ein Kranz von eben diesen Blumen, mit Vergismeinnichten durchwebt, umflos ihre Stirn. Alles was schauerliche Vorstellungen vom Tode und Grabe erregen konnte, war hier verbannt, keine schwarz überschlagne Wände, kein langer Trauerflor, kein Todtenkopf, waren hier zu erblikken.
Am Fusgestelle der Baare stand ein ovales, lebhaft umkränztes Bildnis errichtet, in welchem die Verstorbne vorgestellt wurde, wie sie von ihrem Genius geführt, den Hallen des Lichts entgegenschwebte. Die Erde lag mit falbem Grün bekleidet, leblos und vernebelt unter ihren Fersen; ihr Gesichte strahlte im Wiederschein der ätherischen Gegenden, und ein Seraf, mit den Zügen des schönen _Gustafs_, schwebte ihr entgegen, mit der glänzenden Palme.
Ehe der Sarg in die Gruft hinabgesenkt wurde, sezte man ihn nach alter Sitte zuvor in der Gegend des Altars in der Schloskirche nieder. Hier sprach der neue Hofprediger vom Wiedersehn in der Ewigkeit, und der Wohlthat des Todes für die Sterblichen so vieles und so schön, daß die Augen der Leidenden und Frohen, die bei dieser Szene versammelt waren, von Thränen stiller Sehnsucht und Hoffnung glänzten; eine angenehme Ruhe wohnte in jeder Brust, eine feierliche Stille herrschte überall, nur hin und wieder hörte man die leisen Seufzer der trauernden Verwandten.
Plözlich erscholl _Klopstoks_
Auferstehen wirst Du, auferstehen!
vom Chore herab; die Gemeinde stimmte mitempfindend in den herzerhebenden Gesang; liebliche Wehmuth und Hoffnung vermischten sich in jeder Seele.
_Augustens_ Hülle wurde eingesenkt, unter den Gesängen unsrer besten deutschen Dichter über Wiedersehn in der Ewigkeit, Auferstehung, und Seeligkeit der Entschlummerten Gerechten. Bekannte und Unbekannte, Mädchen und Jünglinge eilten unterdessen zum Grabe, Blumen herunter zu streun, auch die Prinzessin _Louise_, mit einem Körbchen voll junger Rosen, stand unter ihnen, und warf sie der Asche ihrer _Freundin_ nach.
Heiter kehrten sie alle zurük, und, halbgetröstet über den Verlust seiner geliebten Tochter, auch der _Vater_ _Augustens_.
Man sprach noch lange von diesem Leichenbegängnis, und die einsichtsvollern unter den Residenzbewohnern führten es bei sich ein, worauf auch der gemeine Mann nicht länger anstand es nachzuahmen.
_Florentin_ blieb einige Tage darauf stets in seinem Zimmer verschlossen; er war trostlos um Augustens Tod, als dessen Ursach er sich betrachtete, aber bald wurde er durch einen neuen Auftritt aus dieser Schwermuth gewekt.
Er erhielt nämlich Befehl vor der _Prinzessin_ zu erscheinen.
_Florentin_ ging zur bestimmten Stunde, wurde vorgelassen und fand _Louisen_ auf ihrem Sofa blas, schwermüthig, und wie aus tiefen Gedanken aufgeschrekt, sizzen.
Er küßte zitternd ihre Hand und fragte um ihren Befehl. Sie schwieg eine Weile, bat ihn sich nieder zu lassen, ging darauf schweigend in dem Zimmer auf und nieder und warf unterweilen einen traurigen Blik auf ihn.
»Nicht wahr,« sagte sie endlich, indem sie am Fenster stehn blieb, mit weggewandten Gesicht: »wir haben am Fräulein _v. Gülden_ viel verloren?«
Florentin. (einen Seufzer unterdrükkend) Ja, bei Gott unendlich viel.
Prinzessin. Wer wird jezt ihren Plaz ausfüllen können?
Florentin. Ich wüßte kein Mädchen von so sanftem liebenswürdigen Karakter, von solcher Treue, solcher Verschwiegenheit.
Prinzessin. Sie haben Recht. Aber meinen Sie daß wir jezt einer solchen Vertrauten entbehren könnten? meinen Sie Graf?
Florentin. Eher vielleicht das Geheimnis unsrer Liebe einer Verrätherin offenbart würde, eher dächt' ich -- --
Prinzessin. Es wäre wenigstens zu wagen; denn bester Graf, in kurzem sind wir Beide verrathen.
Florentin. (erschrokken) Verrathen?
Prinzessin. Erschrekken Sie nicht; erwarten Sie alles mit gefaßter, männlichen Entschlossenheit, was Ihnen und mir auch begegnen mögte.
Florentin. (einen Schritt näher tretend) Um Gotteswillen. Theure, wozu diese Vorbereitung?
Prinzessin. Leider daß man Sie vorbereiten mus!
Florentin. Verrätherei unsrer Liebe? -- o, hätten Sie mir gesagt, daß ich in der folgenden Minute des unfehlbaren Todes wäre, es hätte mich nicht erschüttert.
Prinzessin. Unsre Liebe wird verrathen werden, ich sage ja: _wird_; noch _ist_ sie es nicht.
Florentin. _Wird_? o, gnädigste Prinzessin, sagen Sie mirs, durch wen? _durch wen?_ -- ich bitte Sie um Gottes, um ihrer zeitlichen Wohlfahrt, um alles Heiligen willen, _durch wen?_ --
Prinzessin. (die ihr Gesicht verhüllt.) Oh!
Florentin. _Durch wen?_ ich flehe; nur um des verhaßten Namens erste Silbe flehe ich; und bei dem grossen, furchtbaren Gott, bei dem ewigen Geheimnis unsrer Liebe beschwöre ichs, ich bringe den Verräther um. -- Sie wollen nicht? wollen sich unglüklich machen, und mich? --
Prinzessin. (weinend) Verlassen Sie mich.
Florentin. Nein, ich ruhe nicht, bevor ich den Verräther entdekt habe. Sie schweigen noch? o, Louise, gedenke jener seeligen Nächte, und bei diesen sei beschworen: wer will --
Prinzessin. (seine Hand fassend und ihn zärtlich anblikkend) Eben -- eben jene seeligen Nächte -- -- o, las mich nicht fortfahren.
Florentin. (sie anstarrend.) Eben jene seeligen Nächte, Louise -- --?
Prinzessin. (mit weiblicher Schaam an seine Brust sinkend) Oh, Florentin!
Florentin. Was ist das?
Prinzessin. Machten dich -- dich zum Entehrer des herzoglichen Geblüts, Dich -- -- zum Vater! --
Florentin. (hinsinkend) Oh, Gott! Gott!
(eine lange, ängstliche Stille.)
Prinzessin. Nun, mein Florentin?
Florentin. (starrt düster vor sich hin)
Prinzessin. Quäle meine Seele nicht, Lieber. Wir sind unglüklich, nicht so? ohne Rettung, ohne Hofnung unglüklich? --
Florentin. (schweigt, wie oben.)
Prinzessin. Hätten wir uns nie gesehen, hätten wir uns gehasset, statt zu lieben, hätten wir nie, ach nie den giftigen Kelch der Wollust genossen! -- -- Florentin, sieh mich an. Sieh nicht so starr vor dir hin, presse nicht die Lippen so zusammen, -- komm, heitre dich auf, lächle. Ich bin unglüklich, aber doch nicht allein. Du bist elend aber es doch nicht allein; zu jeder andern Stunde, ein fürchterlicher Trost, jezt aber namenlos süs.
Florentin. (giebt keine Antwort)
Prinzessin. Ein unglüklicheres Loos konnte nicht auf mich fallen, als gefallen ist. Wär' ich die ärmste Dörferin dieses Herzogthums, ich wäre glüklicher; es würde sich ein mitleidiger Hirt finden, der mich Verstoßne aufnähme; wir würden uns lieben dürfen, ohne daß die ganze Welt auf unsre Liebe sähe; doch es ist geschehn.
Florentin. (sich ermannend) Es ist geschehn, theuerste _Louise_, es ist geschehn. Ich stehe fest. Ich seh' es voraus, der Staat wird für diese Liebe mein Blut fodern, ich will es ihm nicht verweigern; nur _Louisen_ mögt' ich nicht leidend wissen.
Prinzessin. Sonderbarer, zittre nicht für die Schwester eines Herzogs. -- Doch Du, Bester, Du --
Florentin. Ich bin jeder Gefahr gewärtig.
Prinzessin. (geht zu einem Schrank und zieht ein Kästchen hervor) Nimm dies und entflieh.
Florentin. Nimmermehr.
Prinzessin. Entflieh!
Florentin. Nimmermehr; wo _Louise_ lebt, will auch ich leben, und soll ich sterben, so will ich unter ihren Augen meinen Geist aufgeben. -- Ich fliehe nicht, _Louise_ wäre denn mit mir: dann hin in die unfruchtbarsten Wüsteneien, in die schauerlichsten Winkel eines Waldes, hin in entlegne Welttheile, wo die Menschen noch Thiere sind, wo die Sonne nur halbjährlich hinblikt, oder wo sie ewig glühend sich um ihren Mittelpunkt wälzt, -- allenthalben blühete dann ein Paradies für mich.
Prinzessin. (mit Stolz) Ich bin Fürstin. -- (schmeichelnd) Entflieh!
Florentin. Ich kann nicht. Las mich, wenn es sein soll, sterben, nur entfliehen nicht. Ein leidender Verbrecher erregt wenigstens Mitleiden; der glükliche Flüchtling schleppt den Has der Welt mit sich in alle Zonen herum. Ich will bleiben.
Vergebens bat _Louise_ ihren Liebling mit Thränen; er widerstand mit Hartnäkkigkeit. Lange dauerte der zärtliche Streit, bis die _Prinzessin_ mit heimlichem Schaudern in _Florentins_ Verlangen willigte. Er blieb in der Residenz, bis zur Entwikkelung der Geschichte, sein Schiksal möge sich dann entfalten, wie es wolle.
»O!« -- seufzt der unglükliche _Graf_, wie einst _Hüon_:
-- -- -- Das allgemeine Loos Der Menschheit, schwach zu sein -- ist mein Verbrechen blos. schwer büß' ichs nun, doch klaglos, denn gereuen Des liebenswürdigen Verbrechens soll michs nicht! Ist Lieben Schuld, so mag der Himmel mir verzeihen. Mein sterbend Herz erkennt nun keine andre Pflicht.
Sie schieden von einander. In einer fürchterlichen Angst hing _Louise_ an seinem Halse; noch einmal, unter zahllosen Thränen, unter zahllosen Beschwörungen bat sie ihn, zu fliehn, er aber weigerte standhaft.
»Ich bleibe,« sagte er, und drükte einen Kuß auf ihre Lippen: »ich bleibe. Und muß ich sterben, wohl so sterb' ich gern. Mein Tod wird meine Feinde zum Mitleiden rühren, meine Flucht aber wäre ihr Triumf; alle wohlthätige Anstalten, welche ich zum Besten meines Vaterlandes traf, würden vielleicht dann ihren Werth verlieren, mein Tod kann aber noch eine Stüzze derselben sein.«
Ohne noch ein Wort zu verlieren, entfernte er sich.
Siebentes Kapitel. Das Gewitter zieht näher heran.
Prinz Moriz. (auf einem Ottomann) Es ist alles umsonst; indes kann ich mich leicht darin ergeben. _Duur_, _Duur_ wir begegnen uns noch einmal auf einem fürchterlichen Gange; doch der Kerl ist einer so langen Erinnrung nicht werth. -- (er klingelt)
Ein Bedienter. (kommt herein)
Prinz Moriz. Geh zur Signora _Biondine_; sie darf mich heute zum Nachtessen bei sich erwarten.
Bedienter. (geht ab.)
Pr. Moriz. Prinzessinnen und Sängerinnen sind beim ausgelöschtem Lichte einander gleich. _Louise_ und _Biondine_! freilich eine gräßliche Kluft zwischen beiden, aber _Biondine_ gehört zu den weichherzigen Seelen, und das macht alle ihre Fehler gut.
Sekretair Flimmer. (tritt herein)
Pr. Moriz. Nun?
Flimmer. O vortreflich!
Pr. Moriz. Teufel, du lügst!