Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 1/3
Part 7
Doch vergeben Sie mirs, meine andächtigen Leser und Leserinnen, daß ich unsern _Grafen_ hier seine Apologie für die Freiheit in Geistessachen so trokken hinschwazzen lasse, ohne zu bedenken, daß sie vielleicht da gähnen mögten, wo _Florentin_ am nachdrüklichsten gesprochen zu haben meinte. Ueberdies kann ich auch unmöglich glauben, daß dies Buch von irgend einem gelesen werde, welcher die Sklavenkette seines Geistes liebte, welcher nicht von den zahllosen Vortheilen einer allgemeinen Aufklärung überzeugt wäre. Ich plauderte also unnüz; denn durch dieses Fragment einer Schuzrede für die Freiheit des Geistes werde ich unstreitig niemanden bekehren, wiewohl es mit _Florentinen_ ein andres Bewandniß hatte; denn Fürsten mögen dergleichen Sachen gern etwas bequemlich überdenken.
Inzwischen gelob' ich feierlich, mich nie über einem solchen Fehler wiedrum von den Lesern ertappen zu lassen, aber dafür sind diese auch so discret, mir noch eine kleine Plauderei für gut zu halten, sie mögen sie nun anhören, oder sich die Ohren verstopfen.
Das größte und eigenthümlichste Verdienst unsers Jahrhunderts ist, in Rüksicht der _Religion_ und _Wissenschaften_, der allgemeine _Geist des Selbstforschens_, ein Verdienst, welches in den leztern manches System umwarf, und bei der erstern wichtiger ist, als die Stiftung einer neuen Religion. Dieser Geist des Selbstforschens ist der Vater der _Aufklärung_, deren Vortheile für die Menschheit so offenbar sind, daß es beinah unbegreiflich ist, wie man darauf fallen konnte, sie zu hassen.
Theils ein unbekanntes, doch gewis sehr nichtiges Intresse der Grossen, theils eine unmässige Vorliebe für die Klugheit der Alten wurden die Ursachen, daß das Selbstforschen, vorzüglich in der Theologie zum Verbrechen ward. Allein daß Aufklärung auch mit dem Interesse den Staates bestehen könne, bewies _Friedrichs des Einzigen_ musterhafte Regierung und daß der gröste Theil unsrer heutigen Denker und Halbdenker von dem Vorurtheile zurükgegangen sei, welches das Alterthum über seinen Werth erhebt, bezeugen zahllose Schriften. Was hindert demnach die Fortschritte der Geistes in der Erkenntnis des Wahren und Nüzlichen?
Fast läßt es sich mit Gewisheit behaupten, daß unsre Nachkommen nicht da stehn bleiben werden, wohin _wir_ sie führten, daß sie, unserm Vorspiele getreu, ebenfalls weiter gehn, und der menschlichen Geistesvollkommenheit so lange nachtrachten werden, bis sie zu dem Ziele gelangt sind, welches die ewige Vorsehung, ihrem weisen Plane gemäs, der Menschheit vorgestekt hat, wo man sodann entweder stille stehn, oder, um dem Reiz der Veränderung zu folgen, zu den Irrthümern und Schwächen zurükkehren wird, welchen man sich vorher mit vieler Mühe entriß. Wie gesagt, die Weisen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts werden sich unmöglich mit _dem_ genügen lassen, was wir ihnen gewonnen haben; denn die Glükseeligkeit des Geistes gründet sich eben auf Erweiterung seiner Erkenntnisse, als sinnliches Vergnügen im stufenweisen Fortschreiten in den äusserlichen Vollkommenheiten beruht.
Träges Verharren bei dem, was erworben ist, streitet wider die Natur des Menschen und vermindert seine Freuden.
Wenn denn auch ein Fürst, oder sein Rath, verwöhnt durch mystische, altgläubige, unvollkommene theologische Kenntnisse, welche man ihm schon in frühen Kinderjahren einflößte, und die er, wegen Menge andrer Geschäfte, nie Zeit und Gelegenheit hatte zu verdauen, im gutgemeinten Eifer die fürchterlich geschilderte Freigeisterei durch öffentliche Verordnungen zu unterdrükken sucht: wird er dadurch viel für sich erlangen? -- Bei der _Nachwelt_ gewiß nichts, denn diese verwirft die Autorität der Vorwelt, und bei den Zeitgenossen eben so wenig, ausgenommen, daß die Schriftsteller _ihren_ und den Namen des _Drukorts_ auf dem Titel der Aufklärung befördernden Werke weglassen. Ja dergleichen Befehle der Großen wider Aufklärung und Selbstforschen erreichen gewöhnlich nicht nur nicht ihren Zwek, sondern sind vielmehr dem Gegentheil behülflich.
Wenn ich nicht zuviel wage, so möcht' ich das iztentstehende _moderne Christenthum_ in Rüksicht des erwähnten Verhältnisses, mit dem Entstehen des _ersten Christenthums_ überhaupt vergleichen.
Freilich stehen den neuem Reformatoren der Staatsreligion keine Verfolgungen von neuern _Deciussen_ und _Galeriussen_ bevor; aber demungeachtet wird jeder Zwang eben dasselbe _hier_ bewirken, als Foltern und Verbannungen bei den ersten Bekennern _ehmals_, das ist: Standhaftigkeit bis zur Schwärmerei. Ein Querdamm wider den Strom fesselt denselben nur auf eine Zeitlang, aber benimmt seinem Wachsthume nichts; Und, wenn sich dann plözlich einmal ein _Constantin_ zum öffentlichen Beschüzzer der izzigen Reformazion aufwürfe: so würde dieselbe vielleicht eben so schnell, aus allen Zünften des Volks, von der obern bis zu der niedern, Tausende der Bekenner aufstellen können.
Doch dies sind Muthmassungen, die, ob sie gleich die höchste Wahrscheinlichkeit vor sich haben, immer doch nur leere Erwartungen sind, und über deren Erfüllung oder Nichterfüllung die Zukunft richtet.
Der Streit für und wider _Aufklärung_,[A] für und wider die Rechte des Fürsten in Glaubenssachen und besondere in Hinsicht der veralteten symbolischen Schriften, scheint anizt lebhafter zu werden.
Nähern Anlaß gab hiezu die bekannte Schrift des Herrn _Rönnberg_ über symbolische Bücher im Bezug aufs Staatsrecht, eine Schrift, welche beiweiten nicht das zu bewirken im Stande, ist, weswillen sie der _Herr Professor_ vielleicht drukken, und ein Rescript vom Hofe sie den Geistlichen im Preußischen Lande kommunizieren ließ. --
Würdige, einsichtsvolle Männer schwiegen bisher über den berührten Punkt nicht, besonders lesenswerth war Herrn Prof. _Trapps_ Untersuchung der Gewalt protestantischer Fürsten in Glaubenssachen, und das früher erschienene Werk über das Recht protestantischer Fürsten unabänderliche Lehrvorschriften festzusezzen, und darüber zu halten, vom Hr. _Hufeland_. Allein das _Rönnbergische_ Buch erregte ziemlich allgemeinen Unwillen wider seinen Verfasser, und ich weiß nicht, ob der _alte Preußische Landprediger_, welcher sich, in seinem Sendschreiben an den Hr. Hofrath _Rönnberg_, in einen feurigen _jungen Mann_ verwandelt, ganz Unrecht hat, wenn er dessen Schwächen, deren Anzahl nicht gering ist, mehr mit Wiz angreift, als sie einer ernsthaften Prüfung werth zu halten.
[Fußnote A: Unter den vielen Definizionen von Aufklärung gefällt mir diese am besten, daß sie die Fähigkeit des Verstandes ist, das Wahre, Wahrscheinliche, Falsche, Nothwendige und Unnüzze der Begriffe zu unterscheiden.]
Dies beiseite gesezt, wünscht jeder Biedre und Unpartheiische bei solchen Zwisten unter den Gelehrten mehr Bescheidenheit, als Grobheit, mehr Wahrheitsliebe, als Selbstsucht, und Toleranz auf beiden Seiten. Es entehrt die Würde des deutschen Schriftstellers, Kriege zu führen, wie _Zimmermann_ und _Bahrdt_, welche das Uebel, statt zu verringern, nur vergrößern, und in andrer Hinsicht verehrungswürdige Männer dem entehrenden Gelächter des Pöbels preisgeben.
Noch sind wohl nie die Schriftsteller unsers Vaterlandes, noch wohl nie die Schriftsteller andrer Nazionen, so tief von ihrer Würde herabgesunken, als seit wenig Jahren die deutschen. Wer kann zum Beispiel das neulich erschienene Pasquill: _Bahrdt mit der eisernen Stirne_, ohne Ekel und Verdruß durchblättern? Fürwahr ein Zuchthäusler würde mehr Gefühl für Schande und Ehre, als der Sudler dieser Skarteke haben. O _Fischart_ und _Rabner_, lebtet ihr noch!
Drittes Kapitel. Supplement zum Vorigen. -- Ein Schrek.
_Florentin_ verlies den _Herzog_. Nach acht Tagen wurde er wieder zu ihm berufen, wo er von diesem zu seiner lebhaftesten Freude seinen Sieg erfuhr. --
Jezt unterhielten sich beide über die zwekmäßigsten Mittel, das Volk zu einem solchen wichtigen Schritt vorzubereiten; eine Unterhaltung, welche nicht fruchtlos ablief.
Die erste Folge derselben war, daß die vakante Stelle eines Predigers an der Hofkirche durch einen gelehrten, helldenkenden, beredsamen Mann besezt wurde, dem die Freiheit gegeben war von dem bisherigen Schlendrian abzuweichen, nur _Christusmoral_ und nicht polemische noch dogmatische Säzze zu predigen.
Nach Verlauf eines Monats hatte er sein Amt angetreten, und von Neugier oder beßrer Ueberzeugung hingerissen, eilte ein grosser Theil der Residenzbewohner hin, die schönen Vorträge dieses Mannes anzuhören.
Plözlich stand die gesammte orthodoxe Geistlichkeit auf, den Landesherrn an die alten Konstituzionen, Symbole und Confessionen zu erinnern, der Geheimerathspräsident von _Hello_ suchte mit seinem ganzen Ansehn für die Sache der Orthodoxie durchzudringen, aber alles vergebens. Der _Fürst_ war Mann und blieb seinem Plane getreu.
Jezt hatte _Florentin_, ebenso viel Freunde, als Feinde; diese lästerten, jene vergötterten ihn. -- Aber er hörte beide nicht, sondern ging seine Strasse unerschütterlich fort, und fand sich durch die Güte seiner That hinlänglich im Geheimen belohnt.
Weil er schon seit einiger Zeit der _Prinzessin_ weniger nächtliche Visiten geben durfte, so blieb ihm auch Zeit genug übrig den einmal entworfenen Plan gänzlich, und sich selbst zum Danke, auszuführen. Da wir nur den Roman einiger merkwürdiger Personen erzählen; so überlassen wirs den Statistikern, das bald darauf erschienene Religionsedikt, wie auch das Edikt in Betracht der Denk- und Preß-Freiheit in den herzoglichen Landen, zu notifiziren, wir aber erwähnen noch, daß _Serenissimus_, mit seinem Vertrauten, oft die Häuser seiner begüterten Unterthanen, seine Fabriken besuchte, oft auch in die Hütten der Armuth trat, und theils erkannt, theils unerkannt half, und Wohlthaten und Freude verbreitete.
»Der _Duur_,« sagte der _Geheimerathspräsident von Hello_ zu seinem Fräulein Tochter _Agathchen_, indem er die goldne Tabattiere unwillig auf den Tisch hinwarf: »Der _Duur_ macht unsern Durchlauchtigsten Herrn zu einem Atheisten, zu einem Fantasten, und jezt endlich ganz zu einem _Romanprinzen_. Es ist ein Leiden, wenn solch ein gepuztes, eingebildetes Fäntchen, wie der Graf, Fürst und Volk ins Verderben führt, und dann Leute von Verdienst und grauem Haar nicht gehört werden, wenn sie die Stimme der Warnung erheben. Pfui! -- ändert sich die Lage der Sachen nicht bald, so.« -- -- --
Nein, guter _Hello_, fürchte nicht des Fürsten und des Volks Verderben, wenn der Fürst fühlt daß er Mensch sei, und seinen Kindern sich, als Vater, zeigt!
Es ist ein schwerer Beruf Fürst zu sein, und das Glük von tausenden zu befördern. Nicht Assembleen, Redouten, kostbare Soupees und Dinees, Bälle und Festen versüssen die bangen, mühsamen Stunden und Geschäfte der Grossen genug, oft im fröhlichsten Gelächter ist ihr Herz ein Raub der Sorge, des Verdrusses. Wo sollen sie sich belohnen, und belohnen lassen? in der Mitte ihrer Unterthanen, auch der des niedern Standes.
Wie kann ein Vater, der seiner Stunden grösten Theil für das Wohl seiner Familie hinopfert, ausser derselben Erquikkung finden? Die Freude seiner Kinder, vom lallenden Säugling bis zum Erwachsenen, däucht ihm gewis angenehmer, als anderwärtige, rauschende Vergnügungen.
Freilich bringen oft ganze Städte unter Triumfbögen ihren Landesherrn Oden und Hymnen entgegen, die aber oft nur das Kompliment der Ehrerbietung sind, nicht der Zufriedenheit herzlicher Dankesergus.
Herzog _Adolf_ wußte dies so gut, als wir, und achtete nicht des Helloschen Geschwäzzes. -- Der Unterthan lernte ihn izt näher kennen, und ihn doppelt lieben; man vergoß Freudenthränen, wenn er so unverhoft erschien, und einsame friedliche Familien in ihren häuslichen Geschäften überraschte.
Oft stand er, dem Grafen zur Seite, in der Mitte kniender Dankbaren, welche er oft durch ein Kleines aus schreklichen Labyrinthen gerissen hatte; dann entschwand er ihnen, wie ein guter Engel, der Frieden vom Himmel in ihr Haus gebracht hatte; man zeichnete sich die glüklichen Tage auf um noch Kindern und Kindeskindern diese Ehre, welche ihren Voreltern wiederfahren war, heilig zu erhalten.
Von einer solchen Wanderung kam _Florentin_ an einem Abend zu Hause, als ihm gleich beim Eintritt der _alte Badner_ ein Billet entgegen brachte. _Florentin_ erbrachs, erkannte die Federzüge der _Unbekannten_, und schauderte.
Graf!
Ihr habt dem Lande wohlgethan, daß Ihr die Fesseln zerbrachet, welche der Afterglaube für den freigebornen Geist der Menschen schmiedete, wir danken Euch dafür im Namen _Holders_, im Namen unsrer und im Namen der Einwohner dieses Herzogthums. -- Aber wie stehts mit der Prinzessin? warum verseltnern sich eure Besuche bei ihr? warum erscheint sie nicht mehr so oft am Hofe öffentlich? -- Ahndet Ihr nichts? -- Sie sieht bleich, ihre Gesundheit ist nicht mehr die vorige; ihre Lebhaftigkeit ist verloren gegangen, und -- -- -- _Graf! Graf!_ was habt Ihr angerichtet? sehet Euch vor, wir rathen Euch, im Namen des wohlbekannten _Ludwig Holder_!
Der _Graf_ stürzte entnervt auf ein Ruhebette, eine fürchterliche Ahndung umflog ihn. »Gott, Gott!« rief er beklommen aus: »sie ist -- sie ist« -- --
_Badner_ trat mit der treuherzigsten Miene zu ihm, und stieß seine gewöhnlichen Töne: »Ho! ho! ho!« hervor.
»Heda, Kerl!« rief der _Graf_, und faßte den alten, erschroknen Mann vor die Brust? »Wer war der Ueberbringer dieses verdammten Blattes?«
Badner. (den Kopf schüttelnd und die Hände auseinander werfend) Ho!
Florentin. Sag mir, hast Du's gelesen, weißt Du den Inhalt? gesteh's nur!
Badner. (verneinend und auf das Siegel deutend.) Ho! ho!
Florentin. Kennst Du den Briefträger?
Badner. (schüttelnd) ho!
Florentin. Mensch, warum hieltest Du ihn nicht fest?
Badner. (zukt die Schultern) Ho! ho!
Florentin. (ärgerlich) las mich allein.
Er wars. Nun las er das Brieflein der Unbekannten noch einmal, und fand eben den schreklichen Sinn darin liegen, als zum erstenmal. Er suchte sich zu fassen; ging mit starken Schritten das Zimmer auf und ab; nahm die Flöte, welche ihm sonst so manchen Augenblik verschönerte, so manche Grille hinwegtönte -- aber alles umsonst. Er warf die Flöte hin, bedekte mit beiden Händen sein Gesicht und murmelte einzelne abgebrochne Silben: »Gott! o Gott! -- verdammt! -- was soll nun werden?«
_Florentin_ gehörte zu denen, welche der erste Moment der heranziehenden Gefahr entgeistert, die aber, wenn der erste Schrek vorübergangen ist, muthiger dastehn, und deren Kühnheit sodann oft an Verwegenheit gränzt.
Wir wollen ihn seinen Ueberlegungen allein lassen; Kleinigkeiten sind unfähig die Sicherheit großer Seelen zu zerstören, _Florentin_ zittert wahrscheinlich also nicht vergebens.
Viertes Kapitel. Wer so stirbt, der stirbt wohl!
Inzwischen alles dieses vorging, inzwischen _Florentin_ und _Louise_ bald alle Seeligleiten, bald alle Leiden der Liebe empfanden, inzwischen tausende sich im Vaterlande des braven Landesvaters freuten, welkte unbemerkt, mit jedem Tage mehr eine schöne, vortreffliche Blume.
Fehlgeschlagne Hofnungen, zweimal unglükliche Liebe, Hang zur düstern Schwärmerei, ewiger Harm, bestürmten lange die Gesundheit des liebenswürdigen _Fräuleins v. Gülden_, die endlich erlag. Ein Heer von Uebeln, eine Kette von Krankheiten schien sich wider das Leben dieses guten _Mädchens_ verschworen zu haben; sie sah ihr nahes Grab, allein ohne Quaal.
Vier Wochen hütete sie schon ihr Krankenlager, abwechselnd mit dem Fieber ringend, und noch hatte sie _Florentin_ nicht ein einziges Mahl besucht. Dies schmerzte ihrem weichen Herzen mehr, als der Abschied von einer Welt, welche doch auch für sie manchen Reiz gehabt hatte. Sie sah kalten Blikkes die ehmahls blühenden Wangen verbleichen, ihre Schönheit verschwinden, ihre Augen erlöschen, und murrte, klagte nicht. Freudenlos sah sie andre um sich her glüklich; ungeliebt, fand sie andre sich liebend; am Rande des schauervollen Grabes schwankend, erblikte sie die Welt noch einmahl in ihrer ganzen Pracht, und so viele Freunde, so viele Freundinnen in ihr, die da heimblieben -- und sie blieb ruhig.
Sie sah nicht gern Gesellschafter um sich; am meisten aber waren die Prinzessin Louise und ihr alter, tiefgebeugter Vater, der Herr _von Gülden_, an ihrem Lager. Am liebsten beschäftigte sie sich aber ausser den Fieberschauern, mit des schönen, geliebten _Gustafs_ halbverwischtem Portrait, oder mit _Lavaters_ Aussichten in die Ewigkeit, welche sie sich vorlesen lies. Aufmerksam hörte sie dann jedes Wort an, und beruhigt und erheitert schwang sich ihr schöner Geist im Gebet vor dem Thron des Allerheiligsten empor.
Wie süs ist doch der Lohn des Weisen oder des Dichters, der einem Scheidenden von diesem Erdeleben die herbe Trennung versüßt, und dem ein Sterbender noch Dank lallet! --
Sie fühlte das Herannahen der lezten Stunde, der Stunde, in welcher ihre unsterbliche Seele einer Welt entsagen sollte, deren sie nur auf einige Augenblikke genossen zu haben schien, eine neue Gegend des Unermeslichen begrüssen sollte, wo ihr vielleicht kein Freund entgegenwandelte, wo nur Gott ihr Bekannter war. Sie verlangte deswegen den Genus des Nachtmahls, und trauernd wurde ihr die Bitte gewährt. Der _Herzog_, die Prinzessin _Louise_, der _alte Herr von Gülden_ und einige Freundinnen waren Zuschauer dieser feierlichen Szene. Sie umringten das Bett ihrer gemeinschaftlichen Freundin, und weihten diese heilige Handlung mit ihren Thränen ein.
Der _Geistliche_ bot der Scheidenden alle Trostgründe dar, welche die Religion verleiht; er beflügelte ihre Hoffnungen auf des künftigen Lebens bessre Szenen; lies sie noch einmal einen Heimblik auf die vergangnen Tage richten, und reichte ihr dann das Brod und den Kelch.
Ein Auftritt am Sterbebett ist die schönste Schule für Lebende; darum laßt uns noch einige Augenblikke hier verweilen.
»Warum weinen Sie, Prinzessin?« sagte _Auguste_, die sterbende _Auguste_, und lächelte ihre jammernde Freundin an.
»Sollt' ich nicht, liebe, beste _Auguste_?« _schluchzte_ _Louise_, und faßte die matte Hand derselben, und drükte sie: »du wirst sterben, o _Auguste_, du wirst sterben, dich trennen von mir, und Gott, der nur allein die unbekannten Gegenden jenseits des Grabes kennt, Gott nur weiß, ob wir beide einstens uns wiedersehn werden! -- -- Du warst meine Schwester, meine Gespielin, mein alles; ich sollte nicht weinen, wenn ich das verliere, was mich glüklich gemacht hat? Ich habe dich nicht so glüklich gemacht als du mich.« -- --
»O doch!« sprach die fromme _Sterbende_ zu ihrer ehmaligen Nebenbuhlerin, mit sanfter, tröstender Stimme.
»Nein, nein, _Auguste_, so ist es nicht. Ach, vergieb, vergieb! Du verlierst an dieser Erdenwelt nicht viel, eine _schönere_ harrt deiner, da findest du vielleicht den Geist deines _Gustaf_ wieder, da vielleicht alle Seeligkeiten wieder, welche du hier zurükliessest. Aber ich -- werde dich suchen, und finde deinen Grabstein!«
»Weinen Sie nicht!«
»_Auguste_. Und wenn Du -- wenn Du wüßtest! o Gott!«
»Nein, Prinzessin, wenn ich bitten darf, so schweigen Sie. Ich habe mich losgerissen von allem was irrdisch ist, mein Blik ist auf die Pforten der Ewigkeit gerichtet, meine Wünsche, meine Hofnungen streben nach jenem Jenseits.«
Die Prinzessin schwieg. _Auguste v. Gülden_ sank in einen sanften Schlummer.
Am folgenden Morgen fühlte sie sich so heiter, so erquikt, daß alle ihre Genesung hoften.
»Nein,« sagte sie: »freut euch nicht; es ist nur das lezte Auflodern des verglimmenden Lebenslichtes.«
Sie lies sich noch einmal zum Fenster hinführen, wo sie eine vortrefliche Aussicht über einen Theil der Stadt und über den ganzen Schloßgarten hatte.
»Nun lebt wohl:« sagte sie, indem ihr schmachtender, matter Blik bei jeder Staude, jedem winkenden Halme zu verweilen schien: »lebet wohl, ihr schönen glüklichen Gegenden, an deren Reiz ich so oft mit trunkner Seele hing, die ihr mich so oft in angenehme Hofnungen einwiegtet, mich so oft nach Leiden und Thränen beruhigtet! -- ja, Gott ist die Quelle des Schönen, darum freue ich mich des gelobten, bessern Lebens nach dem Tode! -- -- Alles, alles ist schön! alles, alles gut!« --
Darauf ließ sich die _Liebenswürdige_ zu ihrer kleinen Büchersammlung führen, wo sie fast jedes Buch noch einmal ansah und durchblätterte, dann nahm sie einige Papiere aus dem Schreibepult, liess sich zu ihrem Sterbelager tragen, wo sie denn von mehreren Freundinnen und Freunden den zärtlichsten Abschied nahm, und jedem bei seinem Weggehn mit gebrochner Stimme nachrief: »weinet nicht, denn Gott ist unser, unser ist das Loos der Freundschaft; was bedarf es mehr, um den Traum des Lebens schön zu träumen?«
Ihrem Wunsche zufolge, erschien auch nach einigen Stunden der _Graf Florentin von Duur_. Sie hatte es so zu veranstalten gewußt, daß niemand ausser ihrem _Vater_ bei dieser Szene zugegen war, und ihn mit den Worten vorbereitet: »Wundern Sie sich nicht, lieber Vater, über das was Sie izt hören werden.«
_Florentin_ trat herein -- sie sah den _Jüngling_, und ihre bleichen Wangen färbten sich unter dem Rosenpinsel der Schaam und Liebe.
Er bat um Verzeihung einen nicht frühern Besuch abgestattet zu haben, aber _Auguste_ selber entschuldigte ihn indem sie lächelnd sagte:
»Sollten Sie jeden Bekannten am Krankenbette besuchen müssen, so würden Sie ja nie heiter werden. Aber mir verzeihen Sie es, daß ich Ihnen vielleicht einige trübe Minuten verursache.«
Florentin. Sie beschämen mich, gnädiges _Fräulein_; meine Nachläßigkeit, mein Leichtsinn sind mir kaum zu vergeben.
Auguste. Sehr gern zu vergeben, denn ich spielte eine unbedeutende Rolle in der Geschichte Ihres Lebens; allein Sie in der meinigen eine größere, ohne dass Sie darum wußten.
Florentin. Dürft' ich darum nicht wissen, vortrefliches _Fräulein_?
Auguste. Nein, so ist es und war es vielleicht besser. Aber ich hatt es mir vorgenommen, Ihnen es einst -- und wär es auf meinem Todtenbette -- zu bekennen, oder sollt' ich zu früh aus diesem Leben gegangen, sein, würden es diese Papiere gethan haben.
Florentin. (verwirrt) Gnädiges -- -- Fräulein -- --
Auguste. Ich stehe am Rande des Grabes, getrennt von allen Freuden, allen Leiden dieser Welt, ohne Gram, ohne Sehnen; kein Wunsch keine Hofnung bleibt hier zurük, und deswegen red' ich offen zu Ihnen, wie ich mirs lange schon vorbehalten hatte.
Florentin. Mögten sie noch lange mit uns bleiben!
Auguste. Nein, so ist es besser; meine Wiedergenesung würde mich nicht glüklich machen können.
Florentin. Vielleicht doch. O, daß ich Sie nicht früher, nicht näher kennen lernte!
Auguste (mit leiserer Stimme) Sehen Sie, Graf, _dies_ war der unglükliche Punkt, welchen zu berühren Sie mir die Mühe überheben. -- (mit zitterndem Tone) O Graf! vielleicht daß ich dann nicht hier -- nicht jezt -- --
Florentin. (mit Thränen) Gott!
Auguste. Nicht izt schon -- so früh -- --
Florentin. Können Sie mir auch das -- auch _das_ vergeben? -- -- (indem er ihre Hand küßt) Können Sie das?
Auguste. (die Duurs Thränen auf ihrer Hand fühlt) Weinen Sie, Herr Graf? o, zuviel für eine Sterbende, weinen Sie nicht! --
Florentin. Vielleicht -- vielleicht bin ich Ihres frühzeitigen Verwelkens -- -- --
Auguste. Nicht doch! so entwarf die heilige Vorsehung ihren Plan, so mußten Sie handeln, und so mußt ich empfinden. -- -- Alles unergründlich, mit Leiden verwebt für mich, aber das Wesen, welches für uns eine so planvolle, wunderbare, schöne Welt erschuf, sollte dies Wesen allein planlos in unsern Schiksalen handeln?
Florentin. Ein fürchterlicher, trauriger Plan!
Auguste. Nein, Bester, glauben Sie es nicht! -- mir ist freilich noch izt am Ende meiner Tage manches in denselben verworren und dunkel, allein droben, droben erwarte ich Licht; warum sollte der Himmel unsern Eigensinn, unsre Wißsucht zu befriedigen gegen die Ordnung der Natur und des Schiksals sein?
Florentin. Unnachahmliche, Sie -- Sie sind meine Trösterin, da Sie selber Trostes bedürfen.