Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 1/3

Part 6

Chapter 63,431 wordsPublic domain

Er erschrak, bat um Verzeihung; aber sie lächelte unter Thränen, führte ihn, indem sie zitternd seine Hand faßte, durch verschiedne dunkle Gänge und verschiedne Treppen hinauf zum Gemach der _Prinzessin_.

»Hier,« sagte sie mit gebrochner Stimme: »treten Sie hinein. --«

Er ging. Sie eilte auf ihr Zimmer, warf sich lautweinend auf das Lager und klagte.

»O _Duur_!« -- »O _Louise_!« riefen sich die Liebenden entgegen und stürzten einander in die Arme.

Nie war _Louise_ schöner gewesen, als in diesem Augenblik; und nie war ein Frauenzimmer reizender zu den Freuden der Liebe geschaffen, als sie. Ihren schlanken Wuchs, ihren schöngeformten Busen wußte sie durch die Magie der geschmakvollsten Bekleidung doppelt schöner zu bilden.

Ihr lichtbraunes Haar, angenehm derangirt, flos in lieblicher Verworrenheit über den schönen Hals und die schmalen Achseln herüber. Den Busen wußte sie schlau hinter den nachlässig umgeworfnen Flor, so zu verstellen, daß seine Schönheiten mehr verrathen, als verberget wurden. Um ihren Leib schmiegte sich ein leichtes, tafentnes Korsettchen;

Nie wird die Bildnerin Natur Ein göttlicher Modell zu einer Venus bauen, Als diesen Leib. Sein reizender Contour Flos wellenhaft, dem feinsten Auge nur Bemerklich, zwischen dem genauen Und überflüßigen, so weich, so lieblich hin; Schwer wars dem kältsten Josefssinn Sie ohne Lüsternheit und Sehnsucht anzuschauen!

Das leichte, flüchtige Rökchen wogte bei jeder Bewegung auf, oder schmiegte sich so dicht und ungefaltet an, daß man ohne Fleis die glatteste Ründung der Schenkel errathen konnte.

So jung, so schön, so ganz aus Liebeszunder Gewebt, wer kann sie sehn und nicht vor Sehnsucht glühn? Wo sah man je so frische Wangen blühn, Je Augen funkelnder und Lilienarme runder?

Dicht in einander verschlungen, der Geist, aufgelöst im reinsten Entzükken, hingen sie sprachlos um sich.

»O Gott!« sagte _Florentin_: »daß ich je so seelig werden konnte -- ich hätte es nie geträumt! Louise, _Louise_ _liebt mich_!«

»Sprich leiser, Brausender!« erwiederte sie mit einem unnachahmlich süssem Ton: »Ja, _Louise_ liebt Dich! -- und Du -- --«

»Ob ich Dich liebe? Einzige, ob ich Dich liebe?«

Er antwortete mit Küssen, und zog sie neben sich auf einen Sofa nieder.

Florentin. O dies Strumpfband, (indem er es hervorzieht) sei mir eine ewige, heilige Reliquie!

Louise. Dein Recht daran ist izt verfallen. Ich fodre es zurük.

Florentin. Nein, ich kann es nicht wiedergeben.

Louise. Wie leicht könnte unsre Liebe dadurch verrathen werden! eben das Band, das uns zusammenführte, würde uns auch wieder trennen.

Florentin. Trennen?

Louise. Gesezt es verlöre sich aus Deinen Händen. Mein Name ist darin gestikt, und mehrern bekannt; denn das Fräulein _v. Gülden_ ist die Weberin desselben, sie zeigte es schon vorher vielen Freundinnen, ehe sie mirs zum Geschenk brachte.

Florentin. Ich will es unter drei Schlössern verwahren!

Louise. Dein eigner Stolz würde die drei Schlösser wieder zerbrechen, was vielleicht keine Gewalt des Diebes vermögte. Oh, ich weis es, wie sehr es euch, ihr jungen süssen Herrchen, küzzelt, mit den Trophäen zu prahlen, um die ihr die armen, besiegten Weiber geplündert habt. -- Und Dir, lieber Graf, würde ich es kaum verdenken, wenn Du endlich der Versuchung unterlägest; denn eine Prinzeßin besiegt zu haben, ist zu schmeichelhaft.

Florentin. (ernsthafter) Und so verkennt mich _Louise_ selber?

Louise. Ich lasse nicht ab. Ich verlange es zurük; es sei unter welchen Bedingungen es wolle, ich verlange es zurük. -- Willst Du daß ich Dir tausend freiwillige Küsse dafür gebe?

Florentin. (sie sanft an sich drükkend.) O, _Louise_, die erhalt' ich umsonst!

Louise. Fodre.

Florentin. Wohl, ich gebe es. Aber darf ich es selber um seine Stelle binden?

Louise. (schamhaft zurükstrebend.) Beileibe!

Florentin. (schmeichelnd) O doch![A]

Der Kampf der Liebe begann -- -- --

Mit immer wilderm Ungestüm Umschlingt er sie, und sie, so seelig und beklommen, Ach! sie verweigert ihm, Was er vorher mit leichter Müh genommen. Und beiden, übermannt von süsser Lust Wallt enger, immer enger nun die Brust, Mit zärtlich schwimmenden Blikken sehen Sie sich einander an, und weigern stumm und flehen.

Verloren in entzükkenden Gefühlen, An _Arabellens_ Brust, ruht _Lyonnel_ geschmiegt; Er wagt es kühner schon in seltnern Reizen zu wühlen, Und unbekannt in _Amors_ schlauen Spielen Fühlt sie sich zwar zu früh, doch gern besiegt. Sie giebt den Kuss zurük -- er zupft indes den losen Durchsichtigen Schleier hinweg, der ihren Busen umfliegt; Küßt bald den lanen Schnee, und bald der jungen Rosen Geheimes Paar, das sich auf Marmorhügeln wiegt.

Sie kämpft, doch ach! ihr Kampf führt schneller nur zum Ziele, Das ihm die Liebe vorgestekt. Ermattet schwankt sie. Er erwekt Die Reizende zum wollustvollerm Spiele! Und, o! der keusche Gürtel schlingt Sich selber auf -- die arme Tugend ringt Zum leztenmahle und erlieget, Von ihrem schönen Feind besieget.

Allmählich schwimmt der Kahn des Mondes seinem Porte Gen Abend näher zu, und immer blässer strahlt Er auf die Erdenwelt: _Aurorens_ Morgenpforte Eröffnet sparsam sich und hin und wieder mahlt Ein Wölkchen sich in ihrem Rosenschimmer Als unser liebend Paar, noch immer Im süssen Rausche dicht verschränkt, Nicht an den herbern Scheidekus gedenkt.

Doch _Arabell_' ermannte sich des halben Schlummers Zuerst mit lieblicher Verworrenheit Und suchte ihren Puz, der überall zerstreut Am Boden lag, voll jungfräulichen Kummers; Wand hocherröthend dann um ihren schlanken Bau Das Gürtelband; Herr _Lyonnel_ indessen Verhüllt' den Busen ihr, doch wußt' er schlau Noch hie und da ein Küschen hinzupressen

Sie standen endlich da, und sahn Sich beide bald mit schwimmenden Blikken an Bald auf das Bett, bald auf den Boden wieder, »Ach, Lyonnel, was haben wir gethan!« Seufzt tief das holde Kind und schlägt die Augen nieder, Und spielt gedankenvoll an ihrem losen Mieder: »Daß wir just heute uns und hier uns sahn -- O _Lyonnel_, was haben wir gethan!«

[Fußnote A: Danken Sie meine junge Leser und Leserinnen einem würdigen, Ihnen unbekannten, Mann in der Stille, der mir hier die Hand vor den Mund legte, als ich die üppigste wollüstigste Szene zu erzählen anhub, und der Ihnen statt dessen ein Paar Stanzen aus einem noch ungedrukten episch-romantischen Gedichte zu lesen giebt, welche füglich Lükkenbüsser sein können. _Der Verf._]

Eine in _der_ Lage sehr _gewöhnliche_ Frage der Damen; hätte lieber manche manchen gefragt: »o Lyonnel, was _wollen_ wir thun?« es wäre vielleicht besser gewesen; doch das ist zu _ungewöhnlich_!

Was unser liebendes Paar betrifft, so dient zur Nachricht; daß sie sich bald zu trösten wußten, und Freund _Florentin_ wohlgemuth zum Nebenpförtchen hinaus, nach Hause schlüpfte, ohne von einem Auge bemerkt zu werden.

Dritter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Hofnungen von Italien her.

_Duur_ war noch in mehreren Nächten bei _Louisen_ glüklich, ohne daß der Hof etwas davon erfuhr; und um sich dieser Liebe ganz würdig, seinem Herzog sich immer werther, beim Volke sich immer beliebter zu machen, unternahm er izt eine für das ganze Land interessante Arbeit; nemlich Druk- und Denkfreiheit einzuführen.

So lange der Minister _von Hello_ am Staatsruder gesessen hatte, durfte kein Buchhändler es wagen aufklärende Schriften über Religion und Staat zu verlegen, kein Prediger auf seinem heiligen Lehrstuhl nur auf _gute Werke_ und _rechtschafnen Lebenswandel_ dringen, ohne den alten, theologischen Wort- und Sach-Schlendrian beizubehalten, keine öffentliche Schulanstalt eine Reformazion in Rüksicht des Unterrichts, der Bildung jugendlicher Herzen, und äussern Sitten vornehmen. Ja, mancher ehrliche Mann, der hier zum Besten seiner Untergebnen, dies und das geändert hatte oder geändert wissen wollte, verlor durch _Hello's_ Orthodoxie Amt und Brod und Ehre.

Der _Graf_ unterfing sich vieles, besonders da er den _Geheimerathspräsidenten_ schlechterdings wider sich hatte; allein da er das Herz des _Fürsten_ in seiner Hand trug, hofte er mit leichter Mühe durchzudringen, und er freute sich schon im Stillen dieser guten That.

Allein ehe wir ihn zu diesem Werke begleiten, wollen wir vorher Theilnehmer an einer großen Freude in dem ländlichen Wohnsiz des _alten Grafen von Duur_ sein.

Dieser sowohl als sein _Rikchen_ versüßten sich die Tage ihrer Einsamkeit wechselsweis, so sehr sie es vermogten. -- _Holder_ wurde noch eben so warm und so innig geliebt, als ehmals, aber sein Verlust doch minder betrauert. In der Dämmerungsstunde des Abends, wenn beide entweder in ihrem Zimmer saßen, und von den kleinen Tagsgeschäften ausruhten, oder den Sonnenuntergang von einem Hügel beschauten, oder wenn sie am Kaffetische beisammen waren, erzählten sie sich einander von dem geliebten Sonderling; jeder kleine Umstand von ihm war ihnen merkwürdiger, als der Untergang eines großen Staates; jedes Wort, was er einmal gesprochen hatte, wurde von ihnen mit freundschaftlichen Anmerkungen wiederholt; jede Handlung von ihm war der Stof eines stundenlangen Gesprächs.

Wie die Reliquien eines Heiligen verwahrte _Rikchen_ alles, was von _Holdern_ herrührte, alles, dessen er sich sonst vorzüglich bedient hatte. -- Sie erinnerte sich, daß er seinen Kaffe gern ungezukkert trank; flugs ahmte sie ihm nach, so schwer es ihr anfangs auch wurde, und zulezt glaubte sie selber festiglich, daß das ungesüßte Levantegetränk süßer schmekte.

Auch _Florentins_ Glük am Hofe machte sie froh, und der _alte, gute Onkel_ bildete sich vorzüglich viel auf seinen weit über ihn erhabnen Neffen ein. Der ganze benachbarte Landadel suchte izt die Freundschaft des gutmüthigen Alten, keine Lustparthie wurde angestellt, von welcher nicht er und seine schöne Nichte Theilnehmer waren. Allenthalben räumte man ihm die erste Stelle ein; sprach er, so schwiegen die übrigen und hörten ihm zu.

»Onkel! Onkel! ein Brief!« rief _Friedrike_ eines Tage überaus freudig, indem sie in den Garten hereinhüpfte, wo der _alte Herr_ sein Pfeifchen unter einer Jasminlaube dampfte.

Der _Greis_ lächelte sanft und fragte: »worüber freust Du Dich, närrsches Mädchen?«

»Ich weis es nicht; mir ist so wohl!« antwortete sie und flog den Garten wieder hinaus dem Postboten zu bezahlen und etwas gütlich zu thun.

Der _alte Graf_ erbrach das Siegel -- las und bekam an Händen und Füssen ein ungewohntes Zittern; er stand auf, warf die Pfeife hin, taumelte den Gang zwischen den Hekken entlang zur Gartenthür, winkte einem Bedienten, lies ihn das _Fräulein_ rufen, und schwankte ausser sich der Jasminlaube wieder zu.

Ehe er sie erreicht hatte, stand _Rikchen_ schon neben ihm, und fragte.

»Erst in die Laube!« sagte er matt: »erst in die Laube, dann sollst du etwas hören!«

Sie traten endlich herein. Der _Greis_ sank dem lieben _Mädchen_ um den Hals, und küßte sie und lallte zu wiederholten malen mit Entzükken den Namen _Holder_!

_Holder! Holder! Holder!_ rief _Rikchen_ und küßte den _Onkel_, und sprang umher und jauchzte.

»_Holder_! ein Brief von _Holder_!« mehr konnten beide nicht im ersten Ausbruch der Freude sprechen; sie fielen sich wieder um den Hals, küßten sich, und riefen den Namen _Holder_, mit bethränten Augen unzählige mal aus.

Nachdem der Rausch zum Theil verflogen war, sezten sie sich an ein Tischgen und der _Onkel_ begann den Brief vorzulesen.

Bester, theuerster Herr _Graf_, Ewig geliebte _Friedrike_!

Ich schreibe Ihnen aus der Mitte von Italien, aus dem kleinen republikanischen Gebiete _S. Marino_, um eine Pflicht zu erfüllen, die mir so heilig ist, und die eher zu vollbringen, bis izt noch unmöglich war.

Zürnen Sie nicht über mich, und über meine dem Schein nach absurde Aufführung; zürnen Sie nicht über meine plözliche Entfernung, welche, wie ich leicht errathen, und nachher erfahren habe, Sie in die unangenehmste Verlegenheit sezzen müssen. Halten Sie mich für keinen Sonderlingssüchtigen, für keinen Leichtsinnigen, für keinen Bösewicht! Ich bin das alles nicht, wenigstens gegen Sie nie gewesen. Ein _Bösewicht_ handelt nie ohne Intresse, er wiegt seine Schurkereien gegen den dadurch zu hoffenden Gewinn ab, läßt nie das Gewisse fürs Ungewisse entschlüpfen. Und sagen Sie mir, welche Vortheile hätt' ich wohl hier in Italien mit denen bei Ihnen zu vertauschen gehabt? O der Liebende vertauscht die Geliebte nicht gern, der Habsüchtige verliert sein Rittergut ungern! Eben so wenig verlies ich Sie, meine Lieben, aus _Leichtsinn_.

Der Flatterhafte handelte immer nach Willkühr, ich nach den Gesezzen des _Zwanges_. Hätten Sie mich doch früher ziehen lassen, vielleicht wär' es uns allen besser gewesen! --

Ich sage, verurtheilen Sie mich nicht zu früh; es wird gewis eine Stunde schlagen, wo ich Ihnen einen befriedigendern Aufschlus über das Räthselhafte meines Betragens geben darf, wo Sie gern die zu früh gesprochne Verdammung zurüknehmen werden! -- Für izt kann ich Ihnen zu meiner Entschuldigung nichts mehr sagen, als daß ich in gewissen Verbindungen stehe, welche in gewissen Stükken meinen freien Willen beschränken. Mir obgelegene Pflichten sind mehrentheils erfüllt, und ich sehe mit unaussprechlicher Sehnsucht dem Augenblik entgegen, welcher mir die Freiheit wieder schenkt, die vaterländischen Gegenden zu sehn, und mich Ihnen, vielleicht auf immer, in die Arme zu werfen.

Den Nachrichten zufolge, welche ich aus _Deutschland_ empfangen habe, befinden Sie sich alle wohl, und Bruder _Florentin_ klettert muthig am Hofe die steile Bahn des Glüks hinan. Unterlassen Sie nicht den jungen, feurigen Mann auf seiner schlüpfrigen Bahn unterweilen an Vorsichtigkeit zu mahnen, und besonders ihn für die Liebe erhabenerer Personen des andern Geschlechts zu warnen. Ich weis es gewis, daß ihn die Prinzessin _Louise_ liebt, und daß er für ihre Schönheit eine gleiche Leidenschaft fühlt. Noch einmal: _warnen Sie Florentinen, wenn Sie ihn behalten wollen!_

Was mich selbst betrift: so lebe ich ein geschäftvolles, unruhiges, ängstliches Leben. Aber wohl mir, daß ich so glüklich bin, es zu können; es gilt das Wohl meiner Mitmenschen für welche ich arbeite; um des Glükkes einiger Tausenden willen, kann ich ja wohl ein Weilchen des Lebens Freuden entbehren! --

Und hab' ich mich denn oft den Tag hindurch müde gearbeitet; so verlaß ich mein Zimmer, und trete aus meiner Wohnung hinaus in das freie Feld. Das Häuschen welches ich jezt, und zwar erst seit vier Wochen bewohne, denn vorher hielt ich mich einige Zeit in _Neapel_ und in _Rom_ auf, hat eine romantische Lage. Es ruht an dem Fuße eines Hügels, von einem anmuthigen Gebüsche verdekt. Zur Rechten sehe ich in der Ferne _S. Marino_. Wie gesagt, die Gegend ist schön, nur _für mich_ nicht. Ich finde sie einförmig, traurig, die _deutschen Winterlandschaften_ haben in meinem Auge ungleich mehreren Reiz, als die unter einem ewigen Frühling blühenden Felder von Italien.

Außer einigen abwechselnd zu mir kommenden Bekannten und zwei Kerln, welche mich bedienen, habe ich niemanden, in dessen Gesellschaft sich meine Seele aufheitern könnte. Ein niedliches braunes Mädchen aus _S. Marino_ kam einstmals auf einem Spaziergange mit ihrem Vater in meine Hütte. Ihre unschuldige Unterhaltung ist das einzige Vergnügen gewesen, welches ich seit langer Zeit genossen. Nachmals besuchte mich die Marinerin noch einigemale und auch sie blieb dann aus. -- Doch der Gedanke, Sie, meine Lieben, bald vielleicht zu umarmen, mag mir Erquikkung genug sein. Vergessen Sie mich nie, Ihren Sie ewig liebenden

_Ludwig Holder_.

Geschrieben im Landhause bei _Santo Marino_.

»Nie! -- nie vergessen!« riefen der _Onkel_ und _Rikchen_ zu gleicher Zeit, nach durchlesnem Briefe aus, und wischten ihre Thränen vom Auge.

»'s ist doch ein braver, seelenguter Mann!« sagte der tiefgerührte, _alte Graf_.

»Ja, aber die niedliche, braune_ Marinerin_!« hub das halb eifersüchtige, liebende Mädchen mit einer bedeutenden Miene an.

»I, Du kleine Närrin, meinst Du denn, daß in _Santo Marino_ nicht auch hübsche Mädchen leben können?«

Zweites Kapitel. Das Wort an einen Fürsten.

_Florentin_ erhielt einige Tage darnach die Abschrift und einen Commentar dieses Briefes vom _Oheim_; aber seine Freude erreichte beiweiten nicht den Grad der Lebhaftigkeit, wie bei jenen guten Seelen. -- An eben dem Tage, als er den Brief erhielt, war auch schon ein anderer im Namen _Ludwig Holders_ eingelaufen, in welchem wiedrum von _unbekannter Hand_ vor _Louisens_ Liebe und _Morizens_ Has gewarnt wurde. Das Schreiben schlos sich mit den Worten: »fürchtet nichts von uns, wir sind Freunde. Das von Euch in der wohlbekannten Nacht _wiedereroberte Strumpfband_ der Prinzeßin _Louise_ ist in sichern Händen aufbewahrt.«

Der _Graf_ erschrak, ging zu seinem Schreibschrank, zog ein geheimes Kästchen hervor, schlos es auf und sah das Heiligthum verschwunden.

»Was ist das?« sprach er in sich selber, indem er mit seinen Augen nach dem leeren Orte des Kästchens hinstarrte: »treibt man mit mir sein Spiel? herrscht hier _Zauberei_ oder _Spizbüberei_? Wer hat mir und _wie_ hat man mir dieses Band entwenden können? Alle Schlösser sind heil und an dem Holze ist keine Schramme zu erblikken. Wenn Geheimnisse selbst nicht mehr Geheimnisse bleiben können, mein Eigenthum mir nicht mehr sicher ist, so verwünsch ich das fröhlichste Leben. Und wer der diebische Unbekannte sein mag, oder die Unbekannten? -- Es ist fatal! meine eignen Bedienten müssen mir treulos gemacht worden sein!«

So monologisirte der Herr _Graf_ noch eine Weile hin; wurde immer unwilliger, und schlos damit, seine Bedienten fortan zu verabschieden. Es geschah; er nahm andre in Sold, unter denen sich besonders einer merkwürdig machte. Dieser hies _Badner_, ein alter Held von vierzig Jahren, von der ehrlichsten, biedersten Physiognomie wie auch mit den empfehlendsten Zeugnissen versehen, -- der aber _stumm_ war. Diesen Mangel suchte er durch sein gutes und schnelles Schreiben zu ersezzen. Er führte sich gleich im Anfange so gut auf, daß _Florentin_ ihn mehr zu schäzzen anfing.

»Sind die _Unbekannten_« dachte _Duur_: »das wofür sie sich ausgeben; sind sie brave Männer, so werden sie mit dem unglüklichen Strumpfbande keinen bösen Gebrauch machen. Sie mögen es immerhin behalten, wieder erzwingen kann ich es nicht.«

So sehr, als möglich, über diesen kritischen Punkt sich beruhigend, begann er nun seinem vorliegenden Ziele, in Rüksicht der Druk- und Denkfreiheit immer näher zu treten. Er hatte den _Herzog_ schon seit eingen Tagen vorbereitet; noch schwankte derselbe ungewis hin und her, _Florentin_, unermüdet, ging auf Befehl des Herzogs, endlich wieder zu ihm.

»Nun,« hub der _Graf_ nach einigen allgemeinen Gesprächen an: »wessen haben sich Ew. Durchlaucht der bewußten Sache wegen entschlossen?«

Herzog. Offenherzig gesagt, noch bin ich eben so sehr dafür, als dawider; ein Beweis, daß dergleichen Reformazion für mein Land eben nicht von überwiegenden Vortheilen sein mus, und daß meine Unterthanen, auch bei ihrer izzigen Verfassung, zufrieden sein können.

Graf. Verzeihen Sie, wenn meine Gründe für Druk- und Denkfreiheit bei ihnen noch nicht die _Gegengründe_ überwogen haben, so liegt nicht die Schuld in der Schwächlichkeit der erstern, sondern wohl mehr an mir, daß ich sie nicht genau und einleuchtend genug darstelle.

Ich rede mit einem denkenden Fürsten, welcher nicht glaubt, ein ganzes Volk sei für ihn, sondern er für das Volk geschaffen, welcher nicht glaubt, es sei _Gnade_ von ihm, wenn er die Unterthanen glüklicher macht, sondern _Pflicht_; -- eben deswegen werde ich so frei reden, als es die Liebe für das Vaterlandswohl fordert, und die Ehrfurcht es erlaubt.

Eine Nazion ist noch nicht glüklich zu nennen, so lange sie, bei der ansehnlichsten Wohlhabenheit ihrer Mitbürger, dumm, abergläubig, bigott ist. Dann ist ja nur erst ihre _thierische Natur_ befriedigt, aber nicht die erhabnere, _menschliche_, und sie unterscheidet sich, wenn sie auch im Mittelpunkt Europens wohnt, durch nichts von den einfältigen Indianerhorden, als durch die größere Menge ihrer Bedürfnisse und Befriedigungsmittel derselben.

Herzog. Darin steh ich Ihnen bei, lieber _Graf_. Ein Fürst, welcher solch ein wohlgemästetes, einfältiges Volk beherrscht, verliert nicht viel, wenn man ihn mit irgend einem _Nabob_ vergleicht.

Graf. _Geistige_ und _sinnliche_ Vollkommenheit macht hienieden unsre Glükseligkeit aus; beide müssen stets mit einander verknüpft sein, beide sind von stetem gegenseitigen Einfluß; doch ist der Einfluß geistiger Vollkommenheit ungleich größer auf das Wohl einzelner und vieler. Ein Sklav kann nie äusserlich glüklich werden; ein Volk ohne Geistesfreiheit eben so wenig. Der Monarch, welcher sein Volk um jede Freiheit bringt, es als ein Sklavengesindel behandelt, herrscht ungerecht, ist ein offenbarer, vom Volke nie zu duldender, Despot. Aber der Monarch, welcher den Geist des Volks fesselt, sich zum Beherrscher den Gewissens aufwirft, den Unterthan zum dummen Vieh erniedrigt, welcher Name gebührt dem? --

Ein freies, am Geist und äussern Wesen freies Volk wird sich nie wider seinen Fürsten auflehnen, welcher durch die ihm vom Volke ertheilte Autorität und durch Gesetze die ächte Nazionalfreiheit beschüzt; nur Sklaven empören sich.

Welches sind denn die herrlichen Früchte des Glaubenszwanges, des Verbots aller Neuerungen im Schul-, Prediger- und Schriftstellerwesens? Daß das Volk um ein Jahrhundert in der Cultur des Geistes und seiner reinen Vollkommenheit zurükbleibt? ein elender Nuzzen! -- oder daß die Leute nach dem Tode von der Gottheit nicht verdammt werden mögten, weil sie hin und wieder die Religion ihrer Väter verbessert haben? -- O, theuerster Herzog, wird das erhabenste, _allgütigste Wesen_ den, mit so einem kleinlichen Gran der Vernunft begabten, Menschen strafen können, wenn er Menschensazzungen nach bessern Ueberzeugungen änderte? -- Ist denn auch die Religion unsrer Väter _unverbesserlich_? ist es die reine unverfälschte Religion, wie sie _Christus lehrte_ und wie er sie _selber übte_? Auch der orthodoxeste Theologe wird nicht glauben können, daß Christus _göttliche Verehrung_ verlangt, Ewigkeit der Höllenstrafen gepredigt, oder andre Dinge geglaubt habe, davon wir in den Urquellen des Christianism keine Spuren finden, wovon wir im Gegentheil sicher wissen, daß es das Gemächte spätrer, an Glauben und Schwärmerei starker, an Einsicht und Scharfsinn aber schwacher Jahrhunderte sei. Christus eigne Religion und Symbolum war: »Liebet Gott über alles, und eure Mitmenschen, als euch selbst!« Wer dieses Sazzes ganze Würde fühlt und durch praktische Anwendung desselben im gemeinen Leben beherzigt, der ist ein Christ, auch wenn er alle übrige Anhängsel spätrer Zeiten verwirft. --

Ich sage nicht, daß man darauf dringen solle, durch Edikte und obrigkeitlichen Zwang dergleichen hellere Begriffe einzuführen, dies wäre eben so ungerecht, als jezt, da das Gegentheil geschieht; sondern daß man einem jeden zu denken und zu glauben gewähren mögte, was er seiner Ueberzeugung nach, für denk- und glaubwürdig hält.

Ein aufgeklärter Mann wird sich selten zu groben Lastern herabwürdigen, öfters aber der unwissende, welcher durch ein andächtiges Abendgebet die Sünden des ganzen Tags gut machen zu können sich einbildet. Woher kömmt es denn, bester Fürst, daß sich ihre Landesuniversität noch so sehr vor vielen andern deutschen hohen Schulen durch Rohheit, Brutalität und Ignoranz der dasigen Studirenden auszeichnet? Daher, weil Denken und Geistesfreiheit in Ihrem Staate eine unbekannte Sache ist, weil Unwissenheit und Trägheit des Verstandes das Gefühl für wahre Grösse und Ehre verstimmt und die Mutter der Barbarei ist.