Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 1/3

Part 5

Chapter 53,473 wordsPublic domain

Dieses unbedeutende Stükchen in der Damenkleidung, welches schon so manche wichtige Rolle gespielt hat, und sogar schon Gelegenheit zu einem bekannten englischen Orden gab, wurde _Louisens_ schönem Kniee treulos, löste sich mit jedem ihrer kleinen Schritte mehr auf, machte auch den seidnen Strumpf von seinem Dienste abspenstig, so daß beide ganz unbemerkt, und sanft, als möglich, über die niedlichste Wade hinabschlüpften, bis zum Knöchel hin.

Das _liebeathmende Mädchen_ ahndete diese kleine Verrätherei so wenig, daß sie eben so unbefangen, als je, forttrabte. Allein ein buhlerischer Zefyr flatterte bald um die entkleidete Schönheit, und ein hervorragender Zweig der benachbarten Hekke, welcher wahrscheinlich noch nie die unverhüllte Wade einer schönen Prinzessin gesehen, schlang sich um dieselbe, und wekte durch seine kühle Umarmung Louisen aus ihren Ueberlegungen.

Sie sezte ohne Zaudern den Fuß auf eine dabei stehende Rasenbanke, schürzte das seidne Rökchen in die Höhe und war so eben im Begrif die kleine Unordnung wieder herzustellen, als -- o weh! der _Graf_ unverhoft aus einem mit hohen Hekken besezten Seitenweg hervortrat, und vor ihr, wie versteinert, stehen blieb.

_Louise_ war eben so bestürzt, als der _Graf_, und war eben so wenig vermögend ihre Attitüde, so sehr sie auch gegen alle Decence stritt, zu verändern, als der _Graf_ seine Augen von dem schönen, seltnen Schauspiel, von der weissen, sanftgeründeten Wade, von dem entblößten Knie, u. s. w. u. s. w. wenden konnte.

In allen Fällen ist ein solcher Auftritt zwischen einer Dame und einem jungen Manne mit mehreren Annehmlichkeiten, als Widrigem verknüpft, sobald wenigstens nur einer von beiden Theilen der Sache eine vortheilhafte Wendung zu geben weiß. Allein ob der _Graf_, welcher sich und die Prinzessin aus der peinigenden Verlegenheit retten wollte, sich hier zum besten nahm, laß ich unentschieden. Er lag nämlich nach einigen Augenblikken zu _Louisens_ Füßen und -- bat um Verzeihung sie überrascht zu haben.

Mögten alle Damen so tolerant sein, als hier es _die unsrige_ war. Es ist doch einmal geschehen, dachte sie, er liegt nun einmal zu meinen Füßen, mein Knie meine Wade kann ich nicht ungesehn machen -- folglich mag es ihm verziehen sein. --

Sie zupfte den Rok etwas tiefer hinab und sagte lächelnd: »Sie haben Ursach um Vergebung zu bitten!«

Liebe macht kühn, und das _Halbdunkel_ der Nacht verwegen. Er drükte einen brennenden Kus der Dankbarkeit auf ihre Hand, welche sie, absichtlich ober nicht, wegzog, so daß seine Lippen auf dem Orte ruhten, welchen Band und Strumpf unbedekt gelassen hatten.

»Erlauben Sie mir doch nur das Band umzubinden!« sagte sie in einem Ton, der gar nicht böse klang; allein der verzauberte _Florentin_ gehorchte diesmal nicht, denn alle seine Sinne waren auf den Gegenstand seiner Küsse hingezogen.

»Sie werden mich aufbringen, _Graf_!« sagte sie nach einer langen Pause, in welcher sie wohlgefällig auf den schönen Liebetrunkenen hinabgesehen hatte; »Sie werden mich aufbringen und ich mich über Sie beschweren.« -- -- Diese Worte flossen schon viel schneller und klangen schon zorniger, obgleich noch immer die Stimme viel Bittendes hatte.

Schnell und besonnen sprang der _Graf_ auf, stammelte einige Entschuldigungen und entfernte sich schüchtern indem er wieder in den Seitenweg zurükging.

_Louise_ sah ihn nicht so bald verschwinden, als sie auf sich selbst böse ward, weil sie besorgte zu hart gesprochen zu haben. Sich selbst vergessend, das verhaste Knieband noch in der Hand, eilte sie zum Eingang des Nebenweges und rief ihn halblaut nach: »Kommen Sie doch her, _Graf_!«

Nie gehorchte _Florentin_ lieber, als izt.

»Ich hoffe Sie werden die Achtung, die sie auch dem geringsten Frauenzimmer schuldig sind, nicht vergessen und weder Wort noch Wink von der vergangnen Szene fallen lassen. Daß Sie Ihre Bescheidenheit vergassen, vergeb ich Ihnen.«

Er konnte nichts hierauf erwiedern, als eine stumme, ehrfurchtsvolle Verbeugung.

»Geben Sie mir doch Ihren Arm!«

Er gab ihn. Die Hofnung regte sich wieder in ihm und lies ihn Muth fassen; doch wagte ers nicht sobald ein Wörtchen zu sprechen. Neben einer zürnenden Geliebten gehn, wie so quälend und doch wie so angenehm!

Beide wandelten, versunken in bangen Gefühlen der Liebe, schweigend durch die hin und wieder vom Mondschein durchbrochne Dämmerung der Alleen; beide schmachteten so lange nach diesem Augenblik, und izt entfloh er ungenüzt; beide wünschten sich ihrer Seele Geheimnisse zu entfalten und vermogten es kaum ein schaales Wetter Gespräch anzuknüpfen.

Louise. (leisen Tones) Ich hätte Recht auf Sie zu zürnen -- aber -- izt, glaub ich gar, sind Sie mir böse?

Graf. (ängstlich stotternd) Ich Ew. Durchlaucht böse sein?

Louise. Warum gehn Sie so stumm neben mir?

Graf. Ich weis nicht, ob ich darf -- --

Louise. Weswegen nicht? -- -- Nicht wahr, es ist ein göttlicher Abend?

Graf. Ein göttlicher Abend! -- es ist angenehm so in der Stille dieser einsamen Schlosgegend seinen Gedanken einen freiern Flug zu erlauben; sich aus einer Welt, die doch manches, -- manches Bittre in sich faßt, mit Adlers-Flügeln emporzuheben und seine Seele in glüklichen Träumen zu erquikken.

Louise. Verzeihn Sie also, wenn ich Sie unschuldiger Weise darin störte. Ich weis es, es ist süs _allein_ zu schwärmen, aber _gesellschaftlich_ mit einer harmonirenden Seele diese geistigen Ausflüge zu wagen, ist zehnfach süsser. Ich bedaure Sie, Graf, daß Ihnen heut die Gesellschafterin fehlt, wohl gar durch mich.

Graf. Mir fehlt, und durch _Sie_? Ich bitte um Verzeihung, sie hat mir _nie_ gefehlt und heut just am _wenigsten_.

Louise. Es ist wahr, wie könnte sie jemals fehlen, da eben _sie_ gewöhnlich, vielleicht auch bei Ihnen, den ganzen Himmel ausmacht, zu dem sich die empfindsamen Werthers hinanschwärmen.

Graf. (etwas bedeutend) Halten Sie mich für solch einen _Werther_?

Louise. Ihre _Lotte_ wenigstens ist mir nicht unbekannt.

Graf. Meine _Lotte_? Sie scherzen.

Louise. (sanft) Scherzen? nein doch, ich bin sehr ernsthaft, oder es wäre denn, daß die _ganze Stadt_ scherzte.

Graf. (verwundert) Die ganze Stadt?

Louise. Was hilft hier allen Läugnen? kurz gestehen Sie nur:

Der Liebe süsses Bildnis Umschwebt uns im Elysium, Umschwebt uns in der Wildnis.

Graf. Ich bitte um Aufschlus dieser ewigen Räthsel?

Louise. Wie Sie sich doch verstellen können! -- nu, der Aufschlus sei eine Gratulation zu Ihrer, ich hoffe sehr baldigen, Vermählung mit dem schönen Fräulein _v. Hello_.

Graf. Dem Fräulein _v. Hello_? Ihr Spott ist bitter. Wenigstens hab ichs nie gewagt meinen Stolz zu dem Besiz dieses Fräuleins hinanschwindeln zu lassen.

Louise. Vielleicht sind Sie ein Freund der _platonischen_ Liebe.

Graf. Ohne der Tochter eines Geheimerathspräsidenten wehe zu thun, kann ich betheuren, niemals eine Liebe mit ihr geträumt zu haben.

Louise. Sie werden zu ernsthaft. Ich will glauben daß mich ein falsches Gerücht getäuscht habe; will es, wenn Sie es fodern, mir sogar einbilden, daß Sie ein erklärter Feind der Damen sind. -- --

Graf. Vielleicht wäre lezteres allenthalben möglich, nur aber unmöglich an einem Hofe, an welchem eine Prinzessin _Louise_ glänzt.

Louise. Schade daß die Prinzessin _Louise_ den geliebtern Namen einer _Unbekannten_ verkappen muß!

Graf. Die mir gewiß eben so unbekannt, als Ihnen, ist.

Louise. Meine, vielleicht nur durch den Rang erhobne, Wenigkeit wäre in der Residenz also nur die _Einzige_?

Graf. (ihren Arm dichter umschliessend) Nur die Einzige!

Louise. Wahrhaftig, Graf, sie treiben Ihre Galanterie auf Unkosten der ganzen Damenwelt zu weit. -- Sie haben doch wahrscheinlich schon geliebt?

Graf. O, der Name _Liebe_ begreift viel in sich! doch so ganz geliebt, was sich _lieben_ nennen läßt, noch nicht.

Louise. Sie bürden meiner Leichtgläubigkeit zu viel auf. -- Und Sie kommen hieher an den Hof, wollen hier noch keinen Gegenstand Ihres Gefühls gefunden haben -- nennen mich noch als den einzigen -- --

Graf. Der von allen -- -- allen geliebet wird.

Louise. Das Wort Liebe, faßt viel in sich, bedenken Sie ihr Gesagtes wohl!

Graf. Vielleicht wäre: _angebetet_ besser gesprochen.

Louise. (indem sie um sich her sieht) Aber, _Graf_, wohin haben Sie mich geführt? Mir graut in dieser Wildniß, lassen Sie uns nach dem Schlosse zurükgehn.

In der That waren beide jezt in einem zum Schloßgarten gehörigen Wäldchen, das allein für die Schwärmereien der Liebe oder Andacht da hingepflanzt zu sein schien.

Vor ihren Füßen dehnte sich ein kleines Thal; dessen Anhöhen von allen Seiten mit hohen und niedern Gebüschen bedekt waren. Zur rechten hob sich im Schimmer des Mondes eine Eremitage, auf deren mit Tannenreisern bestreutem Giebel ein Kreuz glänzte.

Eichen, Fichten und Eschen sumsten im Abendwinde feierlich ihre eintönige Melodie; eine Nachtigall hüpfte im nahen Hollunderbusche von Zweig zu Zweig und sang den Gesang der Liebe.

Der _Graf_ und die _Prinzessin_ standen still, beide einander gegenüber, Auge in Auge gesenkt, Hand in Hand geschlossen. -- Sie verstanden sich. Der _Graf_ fühlte _Louisens_ Liebe in dem sanften Druk ihrer Hände, welche halb die seinigen einschlossen; ein leiser, kaum gewagter Gegendruk verrieth an _Louisen_ Gegenliebe. Sie sprachen nicht; ihre Blikke waren getreuere Dollmetscher ihrer Empfindungen. -- _Florentins_ Odem flog immer schneller; sein Herz schlug heftiger; es wurde ihm alles zu eng. _Louisens_ Busen stieg und sank, von der süßen Leidenschaft empört, welche sekundenweis durch Einsamkeit und Anschaun des schönen geliebten Jünglings wuchs.

Ein halbunterdrükter Seufzer entschlüpfte ihr; sie lehnte sich vertraulich an den Grafen und sprach mit lispelnder Stimme, indem sie mit unnennbarer Anmuth zu ihm heraufsah: »ich bin ermüdet!« _Duur_ breitete ein seidnes Taschentuch über ein benachbartes Bänkchen und nöthigte sie zum Niedersizzen. Die Banke, durch Alter und mannigfach Witterung vermorscht, war nur halb zum Gesäß tauglich, und ließ dem _Graf_ keinen Platz übrig. Er sezte sich also auf die Erde zu _Louisens_ Füßen nieder, ergrif ihre Hand und ließ die seine auf ihrem Schooße ruhen.

»So saß ja wohl _Hamlet_, hub sie lächelnd nach einer Weile an, neben _Ophelien_?«

»»Eben damals, erwiederte _Duur_, eben damals als er sagte: hier ist ein Magnet der stärker zieht. -- Oh, daß ich nicht _Hamlet_ bin, oder was er war!««

»Warum?«

»»Ihnen statt dieser Bank einen Thron anbieten zu dürfen.««

»Wahrhaftig, die galanteste Naivetät, welche mir je vorgekommen ist. Aber wie wenn ich, zufrieden mit der Bank, den Thron ausschlüge?«

»So wäre auch ein königlicher Thron für Sie nicht belohnend; der Kaiser mag es mir daher in Gnaden vergeben, wenn ich _seinen_ Thron Ihnen feil biete.«

»Graf, Graf, warum sind Sie so verschwenderisch mit Königreichen, und warum erlauben Sie mir nicht das schmale Plätzchen dieses Bänkchens? Macht denn Titelpracht und Goldglanz seelig? Das sollten Sie doch wissen, wenigstens von mir nicht glauben. Sehn Sie, diesen schönen Abend, die reinen Empfindungen welche in mir die lieblichste Stimmung der Seele hervorbrachten, und diesen Siz, vor welchem sich mir die reizendsten Naturszenen entfalteten, würd' ich um den Namen einer Königin nicht vertauschen.«

»Wie glüklich Sie sein müssen mit solch einem Herzen! und wie glüklich wär ich, wenn ich mir schmeicheln dürfte, auch ein Etwas zu Ihrer Zufriedenheit beigetragen zu haben. -- _Darf_ ich hoffen?«

»Vielleicht!«

Unter diesem Gespräche hatte _Duur Louisens_ Hand in die seinen geschlossen; er drükte sie oft an seine Lippen, und die _Prinzessin_ duldete es.

»Könnte Sie der vorige Wunsch nicht glüklich machen, so würd' ichs wagen ihn umzukehren: wären Sie doch minder erhaben, wenigstens mit gleicher! ach, dürfte ich die _Durchlaucht_ mit dem süssern Namen _Louise_ verwechseln!«

»Ein Wunsch der mir schon der Neuheit willen gefällt. Ich weis nicht ob er mich glüklicher machen würde; wäre es indessen bei Ihnen der Fall, so kann ich ihn Ihnen leicht gewähren. Nennen Sie mich immerhin da Louise_,_ wo uns kein fremdes Ohr belauscht.«

Florentin. (schwärmerisch zu ihr hinanblikkend) _Louise_, o _Louise_, _Louise_!

Louise. (lächelnd) Ein sonderbarer Geschmak der sein Vergnügen in der Ausrufung eines leeren Namens findet.

Florentin. O nicht wahr, Sie sind _nur_ _Louise_; nicht mehr, nicht _jezt_ die Schwester eines _Herzogs_ -- nur allein, die sanfte, liebenswürdige _Louise_ sind Sie?

Louise. (den Blik von der Seite wendend) Nun ja, ich will es ja sein!

Florentin. Hören Sie izt, schöne _Louise_, ein Bekenntnis, welches die Fürstin, die herzogliche Schwester nicht wissen darf -- ich verehre die Prinzessin mehr, als einer ihrer Unterthanen, aber -- _Louisen_ -- _Louisen_ _liebe_ ich. --

Louise. (die Hand zurükziehend) Graf!

Florentin. (sie wiedernehmend) O, _Louise_, hat es die _Prinzessin_ gehört, was ich _Ihnen_ nur sagte.

Louise. Graf!

Florentin. Wird die _Fürstin_ zürnen, daß ich -- _Louisen_ liebe? --

Sie antwortete nicht, so gern sie wollte. _Duur_ lag auf seinen Knien vor ihr; sie starrte ihn mit schwimmenden Augen an, und neigte ihre Stirn gegen die seine.

Ihre linke Hand ruhte auf seiner Schulter, die rechte hielt er fest in die seinige geschlossen; Er wartete einer Antwort entgegen und sie kam nicht. Seine Lippen berührten ihre Wangen -- er küßte -- und fühlte einen leisen Gegenkus. --

_Amor_ siegte und schwang sich lächelnd über das liebende Paar empor; er sah eine Prinzessin in den Armen eines Grafen liegen, und das wollustathmende Mädchen und der liebeglühende Jüngling kannten keinen Rang, keinen Unterschied.

Gefühllosen Seelen würd ich mit dem Ausmahlen dieser glüklichen Situazion Langeweile erregen, und denen, die glüklich geliebt haben, oder noch lieben, rathe ich, um mir Raum zu ersparen, ähnliche Szenen die sie selber empfanden, dieser unterzuschieben.

Es wurde später. Berauscht an allen ihren Sinnen merkten sie nicht den Anzug der Mitternachtsstunde; nur das Ohngefähr einer dem Mond vorübergleitenden Regenwolke, die plözlich daraus entstehende allgemeine Düsternheit scheuchte die _Prinzessin_ in ihrem Liebestaumel auf.

_Florentin_ war indeß Meister von dem Strumpfbande geworden, welches _Louise_ noch immer in der Hand gehalten hatte. Sie verlangte es zurük, _Duur_ aber versagte es schmeichelnd; er bat es sich als ein theures Angedenken dieses Abends aus, oder wünschte es mit eignen Händen selber dem schönen Knie umwinden zu dürfen, dem es zugehörte.

»Behalten Sie es denn, sagte sie, bis ich Ihnen eine Stunde bestimme, in welcher ich Ihnen auch das _leztere_ erlauben werde.«

Und sie schieden auseinander.

Sechstes Kapitel. Ein sonderbares Phänomen.

Eine Woche verstrich nach der andern, ohne daß die _Prinzessin_ die seelige Stunde angab, nach welcher _Florentin_ izt seufzte. Inzwischen konnte sie ihre Liebe dem Hofe wenig verbergen; jedes Fest, in dem der _Graf_ mangelte, war für sie ennuiant; nur seine Gegenwart erhöhte ihren Reiz, ihre Lebhaftigkeit, ihre fröhliche Laune.

Am Herzoglichen Hofe hielt sich um diese Zeit Prinz _Moriz_ auf, ein appanagirter Herr, der ehemals einer kriegführenden Macht im Felde gedient hatte.

Sein Aeusseres entsprach dem Innern vollkommen. Denken Sie sich, meine Leser, einen langen hagern Mann, der in den Zeiten des Faustrechts höchst wahrscheinlich eine glänzende Epoche gemacht haben würde. Er hatte grosse graue Augen, die sich gewöhnlich so majestätisch von der Seite wälzten, daß man Geld dafür gegeben hätte, die Majestät der Augen nie gesehn zu haben. Sein Gesicht war braun und von starken, groben Zügen; seine Nase bei den Augenwinkeln tief eingebogen; seine Stirn klein, und von einigen Büscheln schwarzer Haare überschattet. Seine Stimme rauh und herrisch.

Er hatte eine geraume Zeit in Italien gelebt und sein Karakter einen merklichen Anstrich von dem der Italiäner gewonnen. Er war tükkisch, und verschlagen. Sanfter Empfindungen war seine Seele selten gewohnt; einen vollen Pokal und ein Freudenmädchen nannte er die Seeligkeiten des Friedens.

Und eben dieser Mann spielte am hiesigen Hofe den Liebhaber der _Prinzeßin Louise_, aber, wie es sich leicht ahnden läßt, äußerst unglüklich.

Der Kredit des _Grafen von Duur_ bei der _Prinzessin_ blieb ihm nicht unbekannt; ein einziger Blik, welchen sie nachläßig von der Seite auf jenen warf, war genug _Morizens_ Argwohn zu entzünden, ein unbedeutendes Lächeln genug, seine Eifersucht in Flammen zu sezzen.

Plötzlich verwandelte sich der rauhe, wilde _Moriz_ in einen Sanftmüthigen, Herablassenden. Er suchte die nähere Bekanntschaft des Grafen, liebkosete ihn, machte ihm fürstliche Geschenke, gab allen seinen Bitten Gehör, seinen Plänen und Rathschlägen Beifall.

_Florentin_ fand sich durch _Morizens_ Gnade geehrt, er suchte mit warmen Herzen der Huld dieses Prinzen werth zu werden; ja, er verweigerte es sogar nicht, um _Morizen_ ganz gefällig zu leben, sich unterweilen mit demselben ein Räuschchen zu trinken.

_Moriz_ hatte nicht umsonst diese auffallende Metamorphose mit sich vorgenommen, war nicht umsonst wider seine Natur zuvorkommend, schmeichelnd gegen den Grafen geworden; er suchte gewisse Absichten durchzusezzen, welche noch jedermann unbekannt waren; suchte besonders bei einem Saufgelage vors erste _Florentinen_ um gewisse Geheimnisse zu bringen, um welche nur dieser allein und die Prinzeßin _Louise_ wußten.

Das lezte schlug fehl. _Florentins_ Weinrausch war zänkisch und verwegenartig; Der _Prinz_ mußte demnach andre Mittel ersinnen den schönen Nebenbuhler sich durch sich selbst verrathen zu machen. Eine fürchterliche Gefahr schwebte über _Duurs_ Haupt; er sah sie nicht, sondern taumelte aus einem Arm der Freude in den andern.

Sein _guter Dämon_ zeigte sich ihm abermahls; er warnte und warnte zum andernmahle vergebens.

_Florentin_ ging nämlich eines Abends aus dem Schauspielhause nach seiner Wohnung zurük, als ihm in einer schmalen, menschenleeren Gasse ein Kerl in den Weg trat.

»Sind Sie der Graf _von Duur_?«

Ich bins. Was ists?

»Im Namen des bekannten _Ludwig Holder_ diesen Zettel an Sie.«

_Florentin_ nahm das Papier und in dem Augenblik war der _Ueberbringer_ verschwunden.

Der _Graf_ stand bestürzt da, das Billet unbeweglich in der Hand haltend. Der Name _Holders_ betäubte ihn mit Freude und Schrek; er wollte den _Briefträger_ zurükrufen, dieser aber war schon längst entwischt.

Er ging, oder flog vielmehr nach seinem Hause, erbrach den Brief mit zitternden Händen und las mit dem größten Erstaunen folgende Zeilen.

»Graf!«

»Im Namen des Euch wohlbekannten _Ludwig Holders von Sorbenburg_ erinnern wir Euch. -- Hütet Euch vor den Nachstellungen des _Prinzen Moriz_ noch mehr vor der Liebschaft mit einer wollüstigen Prinzeßin! Im Namen _Ludwig Holders von Sorbenburg_«

_Florentin_ las das Briefchen drei, viermahl, und gerieth immermehr in Verlegenheit. Er legte das Blatt langsam vor sich nieder; sank in einen Sessel; schlos die Arme in einander und suchte sich seiner quälenden, ängstlichen Verwirrung zu entreissen.

Bald fiel er darauf, daß sich _Holder_ wo nicht in der Residenz, doch gewis in der Nähe derselben aufhalten müsse; aber dieser Einfall hatte zu viel Unwahrscheinlichkeiten wider sich, um Glauben zu erhalten.

Und doch im Namen des _wohlbekannten_ _Ludwig Holders_! -- Vielleicht hatte jemand einen Scherz mit diesem Namen treiben wollen, den _Grafen_ zu erschrekken. Aber das Erschrekkende lag ja nicht ist _Holders_ _Namen_, sondern in dem _Mitwissen_ um eine Liebe, welche _Florentin_ selber als das heiligste Geheimnis betrachtete, und vor der er jezt von dem oder denen Unbekannten gewarnt wurde. Und Prinz _Morizens_ Nachstellungen! -- Hier war für ihn eben so viel Licht, als Nacht.

Er rieth lange hin und her, wer der Schreiber des Zettels sein könnte, aber errieth es nie. Sorgenvoll legte sich der _Graf_ zu Bette; sorgenvoll stand er am folgenden Tage wieder auf.

Er beschlos endlich dem unbekannten Warnenden eine schriftliche Antwort zuzuspielen, welche er zu dem Entzwek immer bei sich führte; er unterlies nicht oft am Tage und des Abends die bekannte Strasse zu durchtraben, in der Hofnung, daß sich wieder einmahl der Bote des Unbekannten sehen lassen würde, er besuchte sie aber acht Tage lang ohne Frucht.

Die Zeit verwischte endlich all die ängstlichen, wenn auch wohlthätigen Besorgnisse aus _Florentins_ Seele; er war nach kurzem wieder derselbe Heitre, Harmlose, Liebende; nur, daß er _Morizen_, troz aller wiederholten Liebkosungen desselben, zu fürchten anfing.

Der _Prinz_ beobachtete diese Veränderung des _Grafen_ mit schlauem Auge und änderte diesemnach auch manches in seinen Plänen.

Siebentes Kapitel. Eine Schäferstunde.

Es war spät des Abends; das _Fräulein von Gülden_ sas noch einsam auf ihrem Zimmer in düstre Schwermuth vergraben und las. -- Des kleinen _Gustafs_ Bildnis lag vor ihr, sie sah es oft mit nassen Augen an und las weiter:

»Unsre Seelen liebten sich. _Seelenschönheit_ verwischt nicht der Thränenschleier des Grams; welkt nicht in den Händen der Jahre, stirbt nicht auf Todtenbaaren mit der verwesenden Hülle. Ewig ist ihre Schönheit und ewig ihre Liebe. Des Lebens Strauch verduftet bald und welkt, aber mit dem Leben verblühen noch nicht die Hofnungen unsrer Liebe. -- -- Vorangegangen bist Du, o wäre ich mit Dir! -- Hand in Hand mit Dir zum Tode; Leiche an Leiche mit Dir zum Grabe, Verklärung neben Verklärung dereinst am Tage des Weltgerichts!«

»Oh!« rief das _Fräulein_ schluchzend aus, indem sie sich von ihrem Stuhle erhob: »es ist zuviel! -- _Gustaf_! _Gustaf_ und _Florentin v. Duur_! ich habe euch geliebt, und unglüklich geliebt! -- Ich bin doch nicht so _sehr_ häslich, mein Spiegel müßte mir denn schmeicheln, meine Freunde müßten lügen, -- und doch bin ich unglüklich und Liebe wird mir nicht mit Liebe vergolten. Armes Mädchen, wohl Dir, wenn Du unter der Erde ruhst, wo kein Harm Deinen Frieden stört, wo keine Thränen über Deine Wangen herabbrennen, wo Du vergessen von allen liegst, und Du alle und alles vergessen hast, wo Du den, welchen Du Dir zur Liebe auserwähltest, nicht Deiner Nebenbuhlerin zuführen darfst!«

Jezt störte sie das Klingeln der _Prinzessin_, sie troknete ihre Augen und ging mit verstellter Heiterkeit zu _Louisen_.

»Aber sag mir, liebes Mädchen,« rief ihr diese beim Eintritt in das Zimmer entgegen; »Du siehst ja immer blässer und kränklicher? -- Was ist Dir? Ich habe Dich zu meiner geheimsten Vertrauten gemacht, erwiedre mir Gleiches mit Gleichem!«

Frl. v. Gülden. Sie quälen sich mit vergeblichen Sorgen, theure Prinzeßin; mir ist wohl, sehr wohl. Vielleicht daß eine kleine Unpäslichkeit -- --

Louise. O die wandelt bald vorüber. -- Wieviel ist die Uhr?

Frl. v. Gülden. Auf dem Schlage eins; es liegt alles im Schlosse in dem festesten Schlummer.

Louise. Desto besser! herrlich! -- Tummle Dich liebe, beste, einzige _Auguste_; _Duur_ kann nicht mehr lange verzögern, er mus gleich da sein. -- Hurtig geh, und besonders sieh von unten nach meinen Fenstern, ob das Licht durch die herabgelassnen Gardinen sichtbar wird. -- -- Verriegle das Pförtchen nachher wohl!

Das _Fräulein_ ging und harrte des Glüklichen an einer abseitsgelegnen Thür. Es verging eine Viertelstunde, ehe er erschien, und tausend schwermüthige Gedanken durchkreuzten indes ihre Seele.

Im Thurm der Schloskirche schlug es endlich ein Uhr, und von fernen her wankte eine Gestalt, immer näher und näher.

»Er ists!« sagte das _unglükliche Mädchen_ bei sich selber und zitterte. »Er ists! -- o daß er nie gekommen wäre! Doch nein, _Louise_ würde unglüklich sein, und ich vielleicht nicht glüklich! -- -- Mag er doch kommen, ich will leiden und dulden!«

_Florentin_ schlich im Mondschatten, an den Mauern entlang, näherte sich der Pforte, sah die weisse weibliche Gestalt, hielt sie für die _Prinzessin_ selber und flog an ihren Busen.

Beide wagten es nicht zu reden; er bestürmte sie mit Küssen, sie bebte in seinen Armen, wagte kaum den leisen Gegenkus, sondern strebte zurük, und offenbarte ihm die Täuschung.