Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 1/3
Part 4
Aber ach! seine Freude war nicht ungetrübt, denn aus einem Briefe seines guten _Onkels_ erfuhr er _Holders_ Verschwinden, und die vorhergehenden Szenen der Liebe, Verlobung, des neuen Adels und Rittergutes. _Holder_ war ihm zu lieb; er konnte nie jenes Morgens vergessen, da derselbe den sonderbaren Eid schwur; er wünschte ihn izt, als Zeugen seines Glükkes und nun war er verloren. Daß _Holder_ ein ausgemachter Sonderling war, blieb _Florentinen_ nicht unverholen, aber jezt schien ihm das Spiel doch etwas zu weit getrieben, oder es mußten schlechterdings geheime, wichtige Ursachen den Mann zwingen sich aus den Armen eines _Mädchens_, das er nach seiner Aussage über alles liebte, aus den Armen des _alten Grafen_, der ihn seinen Sohn nannte zu reissen.
Am meisten war das arme _Rikchen_ zu bedauern, welche sich über den Verlust ihres _Holders_ wenig trösten lies. Sie verbarg umsonst ihrem _Oheim_ die Thränen, welche sie weinte; denn die verschwindende Rosenfarb' ihrer Wangen, die halberstikten Seufzer, die rothgeriebenen Augen, das seltne, melancholische Lächeln, das einsame Umherwandeln sagten ihm genug, und er litt doppelt, um den Gram seines _Rikchens_ und um den Verlust seines _einzigen Freundes_.
Er suchte Zerstreuung und fand sie selten; auf der Jagd fehlte ihm der sonstige, angenehme Begleiter, in frohen Gesellschaften sein liebster Gegner. Dazu kam es, daß die Geschichte allgemein bekannt geworden war, und die alten und jungen Damen und Herrn in ihren Konversationen oft sehr übel darüber meditirten.
_Florentin_ suchte durch seine Briefe tropfenweis Linderung auf diese Wunde zu giessen, aber umsonst; sie verharschte schwer und blutete leicht wieder auf. _Rikchens_ Briefe an ihren Bruder waren rührend; noch nie hatte die leidende Liebe naiver geklagt, zärtlicher getrauert.
»Wie gern mögt ich sterben, sagte sie, und mich trösten lassen vom Tode! aber dann würde unser _Oheim_ ganz verlassen sein, ohne seinen _Holder_, ohne sein _Rikchen_! Er soll sich nicht grämen; ich will leben und weinen, ach Gott, wer weiß es, wie lange noch! O _Florentin_, hätte ich nie geliebt und des Onkels Gebot befolgt -- aber was konnt ich thun um _Holdern_ nicht zu lieben? -- Es war ja unmöglich, und die Unmöglichkeit selber war mir angenehm, ist mirs noch izt, da ich dies unter Thränen schreibe. Aber weist Du was mich beruhigte -- Unser Prediger sagte neulich, daß Gott die Liebe selber wäre; wenn nun der alte Mann nicht Unrecht hätte, denn das mus er doch wohl aus der Erfahrung wissen: so wird Gott mir meinen _Holder_ wiedergeben! -- _Holder_ mir wieder! _Holder_! o _Florentin_, ich mus in den Garten hinausfliegen und mich erst müde freuen, eher ich Dir weiter schreiben kann.«
So schwärmte das gute _Mädchen_ immerfort, und der _alte Graf_ mit ihr. Nach Wochen und Monden konnte _Rikchen_ nicht mehr weinen; der heftige Schmerz verwandelte sich in eine süße Schwermuth, und diese umnebelte mit ihrem Schleier die Bilder der Vorzeit. Alle Leiden.
-- All die namenlosen Wonnen Sie waren izt in der Erinnrung Traum zerronnen, Und -- -- -- dieser noch ist schön; Denn ihm verschwistert sich die traute Hofnung gerne, Sie läßt dem Trauernden in öder Ferne Der bessern Zukunft Paradise sehn.
Der alte Graf und seine Nichte lebten izt wieder das ehmahlige, einfache Landleben, wie es vor _Florentins_ Ankunft und _Holders_ Bekanntschaft war. Außerdem daß _Florentin_ sie unterweilen einmahl besuchte, waren ihrer Freuden wenig, so wie ihrer Leiden.
Nur _Florentins_ Leben war nicht mehr das stille, friedsame; hineingezogen in die große Welt, suchte er sich nun an alle ihre Sonderbarkeiten zu fügen; Von einem _Herzoge_ Liebling, wagte ers seine ehmahligen, schmeichelhaften Ideale in Wirklichkeit zu sezzen. Er wünschte sich völlig gleich bleiben zu können; er sann darauf nicht _sich_ höfisch gros zu machen, sondern große _Thaten_ zu thun, denn an Gelegenheiten zu erhabnen Dingen ist die Zeit niemals arm. Vor allen Dingen bemühte er sich die Gnade seines Fürsten mehr zu verdienen, sich demselben immer unentbehrlicher zu machen. Es geschah. _Der Herzog_ kettete sich täglich fester an den Grafen; Beide sah man stets beisammen; sie betrachteten sich zulezt nicht mehr, als Obrigkeit und Unterthan, sondern, als Freunde und Brüder.
Seliges Volk, dessen Fürst nicht an den Launen einer _Pampadour_ gefesselt ist, welche mit einem wollüstigen Blik die ganze Tugend eines Landesvaters verzehren, mit einem erkünstelten Seufzer den biedern Verdienstvollen um Hab und Gut und zum Kerker bringen, durch eine buhlerische Thräne ein ganzes Land entgütern kann!
Der _Herzog_ liebte alles, was von _Florentin_ gethan wurde; er nahm in vielen Stükken dessen Prinzipe an und er fand sich dabei und sein Volk glüklich. -- Bis izt kannte dieser Fürst den Werth deutscher Schriftsteller nur wenig, der Graf lehrte ihn denselben schätzen; in kurzer Zeit besas er eine geschmakvolle Bibliothek der vorzüglichsten deutschen Werke; sowohl Statistiker, Philosophen, als Dichter, wurden seine Lektüre. Aber nicht jene alltägliche Lektüre, welche die Langeweile einger Stunden vertreiben soll, war die des Prinzen, sondern die, sich durch gute Schriften gut zu bilden, sich aufzuklären, und denken und handeln zu lernen. Das Land empfand die wohlthätigen Folgen, welche nothwendig daraus entspringen müssen, und segnete seinen Vater.
Unterdessen der edle _Graf_ so seine Stunden für das Wohl des Ganzen widmete; unterdessen er von tausend Zungen vergöttert wurde, nagte ein geheimer Wurm an seinem Herzen, welchen er nur zu wohl kannte, aber um seines Glükkes willen nie verrathen dürfte.
Er liebte -- und wen? -- --
Drittes Kapitel. Der arme Florentin!
Der alte herzogliche Geheimerathspräsident _von Hello_, ein Mann von namenlosem Stolze, und eben so großer Bigotterie, kam aus einer Seßion, als ihm unterwegs ein Gedanke beifiel, welcher seine nähere Aufmerksamkeit zu verdienen schien; und dieser betraf nichts geringers; als daß er den Grafen zu seinem Schwiegersohne erwählen wollte.
_Agathe_, sein Fräulein Tochter, hatte oft des _Grafen_ sehr wohlwollend erwähnt, bald seinen angenehmen Wuchs, bald seinen männlich-schönen Teint gelobt, da sie übrigens sehr ungern etwas gutes und liebenswürdiges außer ihrer kleinen, etwas misgewachsnen Person zu finden glaubte.
Sie war das einzige Kind des _Präsidenten_, und hatte übrigens alle Lebensmaximen desselben geerbt, mit welchen sie eine halbvertuschte Coquetterie verband; der Vater liebte sie daher mit Affenliebe, ihre Gebrechen verwandelten sich in seinem schonenden Auge zu Schönheiten, die Summe aller Tugenden seiner Ahnen und Ahninnen glänzten ihm von seiner Tochter wieder entgegen.
»Du scheinst mir, sagte er lächelnd, Du scheinst mir den Grafen von Duur nicht zu hassen, Agathchen?«
Agathe. Wie fallen Sie auf _den_?
Präsident. Heut zum erstenmahl zog ich seine Person genauer in Betrachtung.
Agathe. Und?
Präsident. Ich fand einen feinen, gesitteten Mann, der da Ehre zu geben weis, dem Ehre gebührt.
Agathe. Ein geringes Verdienst, wahrhaftig!
Präsident. Er benuzte meine Laune und unterhielt sich mit mir über eine halbe Stunde.
Agathe. Viel, sehr viel von einem herzoglichen -- Mignon!
Präsident. Unter andern fragt' er mich um Dein Befinden.
Agathe. Ergebne Dienerin!
Präsident. Nun sag mir, Agathe, sag mir, was urtheilst Du von diesem Kavalier?
Agathe. Daß er -- daß er -- sehr artig ist -- daß er zu leben weis.
Präsident. Blutwenig; allein er ist von sehr altem, unvermischten Adel.
Agathe. Zählt er über die _Hello's_ hinaus?
Präsident. Ueber unsre Ahnenzahl? Bestes Agathchen, Du bist unterweilen mehr beissend, als wizzig! ha, ha, ha! über die Hello's hinaus! ha, ha, ha! -- Doch, beiseite dies; er gefällt mir; und _Dir_ --?
Agathe. (den Kopf zurükwerfend) Hm, ein andres ist es den Herrn, ein andres den _Damen_ gefallen; -- indessen -- wie Sie wollen; nun ja, er mag mir gefallen.
Präsident. So? -- nun, was hältst Du von -- ich rede offenherzig zu Dir -- war hältst Du von einer Mariage zwischen -- --
Agathe. (sinkt aufschreiend in einen nahestehenden Sessel.) Mon Dieu! -- ein Riechstäbchen!
Präsident. (geht kaltblütig und summend das Zimmer auf und nieder.)
Agathe. (halbe Ohnmacht affektirend.) O, Himmel! -- nehmen Sie -- mir alles, nur meine -- Freiheit nicht -- nur den elenden -- Grafen nicht zu meinem Gemahl! --
Präsident. (lächelnd.) Wer dringt Dir denn den Graf auf? Der Graf, sagte ich, wird sich mit einer unsrer Verwandtinnen, dem Fräulein _Aldenau_ vermählen.
Agathe. (erschrokken. Doch Heiterkeit heuchelnd.) Mit -- mit dem Fräulein _Aldenau_? -- Ist das sicher?
Präsident. So, daß ich nicht daran zweifle.
Agathe. Es ist unmöglich, sag ich Ihnen.
Präsident. Wie so?
Agathe. Eine _Aldenau_? -- Graf _Duur_ _eine Aldenau_ wählen? wahrhaftig ich hätte seiner Delikatesse mehr getraut; und überdem --
Präsident. Ueberdem? --
Agathe. Kenne ich den Graf zu wohl; auf der lezten Redoute, als er mich von einer Angloise zurükführte, lies er einige vielsagende Worte fallen. Die --
Präsident. Nun?
Agathe. Von seinem edeln Geschmak zeugten. -- Er wich selten von meiner Seite; sprach viel Süßes -- und -- --
Präsident. (lächelnd.) _Agathchen_, gefällt Dir der Herr _von Duur_?
Agathe. Ist Ihre Nachricht von der _Aldenau_ gegründet?
Präsident. Völlig gegründet.
Agathe. Unerhört! sollte man je die Möglichkeit eines so pöbelhaften Einfalls träumen können? o, erlauben Sie, ich mus auf mein Zimmer; mir wird es -- ich befinde mich nicht ganz wohl.
Präsident. Wir haben heut Gesellschaft; man wird Dich doch sehen?
Agathe. Vielleicht, vielleicht auch nicht.
Präsident. Der Graf selber wird uns die Visite machen.
Agathe. O weh, desto schlimmer! erlauben Sie, daß ich mich in die Einsamkeit retirire; ich will Aesops Fabel vom Fuchs und dem leeren Statüenkopf lesen.
Präsident. Und (schlau lächelnd.) Die Geschichte mit dem Fräulein von _Aldenau_ ist so gut, als ein Märchen.
Agathe. (mit plözlich aufgeklärter Miene.) Wie, sagen Sie, _wie_? ein _Märchen_? -- (kalt und stolz.) Doch seis auch, was intereßirts mich?
Präsident. Schade, Schade, daß Dir nicht wohl ist!
Agathe. Ich hoffe, es wird vorübergehn.
Präsident. Nein, nein, liebes _Agathchen_, hab wohl auf Dich Acht; opfre Deine zarte Gesundheit nicht um der Gesellschaft willen auf!
Agathe. (schmeichelhaft) Nicht doch, Papachen, es würde ja manchen beleidigen, wenn ich in der Gesellschaft fehlte; erlauben Sie mirs nur; -- ich erscheine.
Präsident. He, he, he, he! und wer ist denn der _Manche_? he, he, he! wer ist denn der _manche_?
Der _alte Präsident_ wollte wizzig, und _Agathchen_ gern roth werden, aber Beiden gelang es nicht.
Es wurde Abend; die Karossen rollten herbei; der _Graf_ kam; _Agathchen_ ermangelte nicht anwesend zu sein. _Der Präsident_ sprach hin und wieder; _Florentin_ horchte, verstand es nicht und lächelte. _Agathchen_ warf eben so oft in süßer, jungfräulicher Schaam den Fächer vor die Augen und _Florentin_ verstand mehr; und scherzte wie in einem Scherze. Der _alte Minister_ nannte den _Grafen_ zuweilen _Söhnchen_; _Florentinen_ ging ein Licht auf und er -- rieb sich die Stirn.
Viertes Kapitel. Einige Damen werden behorcht.
Ich habe einen berühmten Pädagogen gekannt, dessen Schriften über das Erziehungswesen mit allgemeinem Beifall aufgenommen wurden, dessen eigne Kinder aber Taugenichtse waren.
Einer unsrer größten Schriftsteller über die Oekonomie und Landwirthschaft wußte selber so wenig wirthlich zu leben, daß er bankerotirte.
Es ist also ein sehr alltäglicher Fall, daß große Leute in ihrem Hause selber öfters die kleinsten sind, und daß sie von ihrer häußlichen Unordnung auf das abstrahiren, war _besser_ sein _könnte_. Eben so ging's auch dem in vieler Hinsicht sehr einsichtsvollen Staatsmann, _Geheimerathspräsidenten v. Hello_. Er, der oft mit so vieler Schlauheit fremden Höfen das wahre Interesse seines Fürsten zu verbergen wußte, beging den großen Fehler seinen Freunden zu verrathen, daß der _Graf v. Duur_ Absichten auf das liebenswürdige Fräulein _Agathe_ geäussert habe, wenigstens zu äussern schiene, und daß Fräulein _Agathe_ so wenig, als _Sr. Excellenz_, diesen Absichten entgegen zu arbeiten, geneigt wären.
Am folgenden Tage war die Residenz von dieser Novelle voll.
»Der schöne Graf die _Agathe v. Hello_?« hiess es in bürgerlichen und adlichen Gesellschaften; -- der »_Graf_ die _Agathe v. Hello_? Die beiden Extreme der Natur, Schönheit und Häßlichkeit verknüpfen sich mit einander?« dachten die verheuratheteten und unverheuratheten jungen Damen bei sich in der Stille, und sagten es zum Theil auch wohl laut. »Er opfert seine Delikatesse der Politik auf!« gaben einige weltkluge Herrn sehr weislich an. »Vielleicht schließt der _Graf_ diese Heurath aus Liebe zum Kontrast!« wizzelten einige Wizjäger.
Das _Fräulein v. Gülden_ erfuhr diese Nachricht, ging in ihr Kabinet und -- weinte.
»Ich habe geliebt, sagte sie vor sich, ich habe geliebt, und werde nie wieder lieben! o, was ein Mädchen unglüklich ist, welches seine Liebe nie verrathen darf! Er hat mich kaum bemerkt, seit er am Hofe ist; und wie konnt er das, er der von allen Vergötterte? hat mich kaum bemerkt, und ich habe ihn so sehr geliebt! -- Ja, ich habe ihn geliebt, liebe ihn noch; und wäre _Agathe v. Hello_ zehnfach reicher denn _Auguste v. Gülden_, und wäre _Agathe v. Hello_ die Tochter einen Kaisers, sie könnte ihn nicht heftiger, als ich, lieben. -- Aller Weiber Blikke buhlten um den seinen, nur der _meinige nie_, und, ach, ihre Coquetterie trägt den Sieg davon! -- Vielleicht wär ich glüklich gewesen, hätt ich ihn mehr aufgesucht, und alle die Reize aufgespannt, welche _Agathe_ aus ihren Romanen kennen gelernt haben mag. -- Ein schmachtender, oder ein wollustbietender und wollustverlangender Blik wirkt mehr auf Männerherzen, als das schaamvolle zu Boden gesenkte Auge. -- Unseelige Erfahrung, die mich zu spät weise macht!« -- --
»Doch nein, ich bin zufrieden in meinem Unglük; ich verachte den Sieg, wozu die Sünde Waffen bietet. (sie zieht ein Miniaturgemälde aus dem Busen, sieht es mit nassen Augen an und drükt einen Kus darauf.) _Gustaf_, seeliger _Gustaf_, sei _Du_; bleib _Du_ mein Geliebter! -- wie sehr diese Züge den Zügen des _Grafen_ gleichen! -- Eben diese Harmonie ist die Quelle meines Leidens. Zürne nicht, lieber schöner _Gustaf_; _Duur_ konnte dich nicht aus meinem Herzen verdrängen, aber wohl hätte ich dich allein nur in ihm geliebt. -- Du bist mein, und dieses Bildniß soll mich ewig begleiten. -- Lieg' ich einst im Sterbebette, seh ich die Träume dieses Lebens gemach verschwinden, fühl ich mein Auge brechen, dann will ich das Heiligthum noch einmal betrachten, und es mit sterbenden Lippen küssen!« --
So schwärmte das Mädchen noch ein Weilchen hin, nahm dann ein Buch und las. -- In eben dem Augenblikke trat die _Prinzessin Louise_ zur Thür herein; das _Fräulein_ legte das Buch zur Seite, und ging ihrer Gebieterin entgegen.
Pr. Louise. Ich störe doch nicht, _Auguste_?
Frl. v. Gülden. Wie könnten _Sie stören_?
Pr. Louise. Du hast ja geweint, liebes Mädchen? -- warum so schwermüthig? sehnst du Dich fort von hier nach den Landgegenden um deines Vaters Schlosse? oder bist du beleidigt worden? sprich doch!
Frl. v. Gülden. (die Thränen weglächelnd) Keines von allen. Ich habe gelesen.
Pr. Louise. So? ist denn das Buch so herzbrechend? -- laß doch etwas daraus hören, ich mögte auch wohl einmal weinen.
Frl. v. Gülden. Sie werden sich -- --
Pr. Louise. Nichts; nichts! ich will mich hieher sezzen am Fenster und du sollst mir etwas vorlesen. -- Es kömmt darin doch auch von _Liebe_ vor.
Frl. v. Gülden. (mit angenommenem scherzhaften Tone) Allerdings, was könnte sonst interessiren.
Pr. Louise. Ich denke auch. Also -- --
Frl. v. Gülden. (lesend) »Es war einmal eine Zeit, wo ich sehr glüklich war; es war einmal eine Zeit, wo mir alle Menschen Heilige, diese Welt ein himmlisches Gefilde, dieses Leben ein schöner Morgentraum schien! -- Es ist süß, sich noch an vergangnen, glüklichen Tagen zu weiden, seelige Szenen in das treue Gedächtniß heimzurufen. O, kommt zurük ihr heiligen Stunden meiner Kindheit und umgaukelt meine kranke Seele mit euern bunten Farben! lebt auf ihr frohen Augenblikke, die ich an den Ufern eines Baches verträumte, und ihr verwelkten Jasminlauben blüht auf, die ich einst für mich und den Geliebten hinpflanzte! -- Ihr seid verwelkt; ich welke mit euch hin. Dieses Leben ist mir noch eine einsame Zelle, worin ich vergangne Freuden beweinen muß.«
»Du trauerst, mein Liebling, und seufzest aus der Ferne zu mir herüber? -- Kettengeklirr wekt Dich aus dem mitternächtlichen Schlummer? -- O, am Tage des großen Weltgerichts wird Deine Unschuld ohne Schleier offenbar werden; schöne Stunden blühen für uns in einer bessern Welt! Harre bis dahin und dulde; hier verweinte Thränen werden dereinst Rosen in Deinem Kranze. -- Lächle, lächle! mag die furchtbarste Stunde Dir erscheinen, sie wird Dich nicht schaudern machen; denn Unschuld wandelt ja heiter über sinkende Welten; die schwarze Gefahr geht liebkosend ihr vorüber; in schauerlichen Mitternächten ist sie sich selber ein leuchtendes Gestirn!« -- --
Pr. Louise. (gähnend) Höre auf, höre auf, wenn Du mich wachend haben willst. -- Mein Gott wohin denken denn unsre heutigen Büchermacher; ist es doch, als kämen sie alle aus dem Bildervollen Morgenlande gewandert. Willst Du lesen, Auguste, so komm zu mir; ich gebe Dir die _Gedichte im Geschmak des Grecourt_. Weißt Du nichts Neues?
Frl. v. Gülden. Wenig, und vielleicht etwas unangenehmes für Sie.
Pr. Louise. (sinnend) Unangenehm? doch nichts vom Grafen _Duur_?
Frl. v. Gülden. Eben von ihm.
Pr. Louise. (ängstlicher) Nun was ists?
Frl. v. Gülden. Daß er -- erklärter Bräutigam -- des Fräuleins von _Hello_ ist.
Pr. Louise. (ausgelassen lachend) Ha, ha, ha! wer band Dir das Märchen auf?
Frl. v. Gülden. Ich bitte um Verzeihung, kein Märchen.
Pr. Louise. Wahrheit? -- lustig, liebes Mädchen, so ist es noch besser!
Frl. v. Gülden. (erstaunend) Wenn ich fragen darf, wie so?
Pr. Louise. Du, Sonderbare, wie könnte der Graf die ekelhafte Puppe lieben? Heurathen wird er sie, doch ohne Liebe; diese bleibt mir übrig! -- Freue Dich!
Frl. v. Gülden. Sie sind Ihres Sieges so gewis über ihn?
Pr. Louise. Du fragst sehr beleidigend?
Frl. v. Gülden. (seufzend) Verzeihen Sie?
Pr. Louise. Warum seufzest Du? -- meinst Du vielleicht daß ich zürne? nicht doch, wie könnt ich das? komm, küsse mich!
Frl. v. Gülden. (sie küssend) O, Prinzessin!
Fünftes Kapitel. Das Strumpfband.
Es war an einem schönen Sommerabend, als die ganze herzogliche Familie in dem Schlosgarten offne Tafel hielt. Unter den anwesenden Hofleuten befand sich, wie man leicht erwartet, auch der Graf _v. Duur_, und das _Fräulein von Gülden_ mit ihrer Gebieterin.
Der _Graf_ war ungemein heiter; eine liebliche Ahndung umschwebte ihn; er wandelte bald einsam unter den hohen, finstergewölbten Linden, durch welche das Licht der Abendröthe zitterte, bald nekte er die Damen.
Es wurde später; die hohe Gesellschaft entfernte sich, der Herzog sowohl, als seine Frau Mutter, und der Schwarm von Räthen, Kammerherrn, und Hofdamen. Nur _Florentin_ blieb, und wußte nicht warum? er fühlte sich seeliger, als je, und wußte nicht warum? -- --
Sinnend ging er durch die Alleen, an den Kanälen umher, unter den duftenden Orangerien; oder er bestieg die Terrassen, verweilte bei den Fontainen, oder besuchte das Chor der im Mondglanz schimmernden Marmorstatuen. Und überall, wo er ging, wo er stand, umschwebte seine Seele ein süsser Name, ein süsses Bild, welches beides er um kein Fürstenthum gern verloren hätte. -- Er liebte, liebte vielleicht glüklich; die ernste Vernunft wagte es freilich wider diese Empfindung zu streiten, aber blieb gegen ihren Zauber zu schwach.
_Florentin_ liebte die schöne Schwester seines Herzogs, die Prinzeßin _Louise_.
»Wehe Dir, Florentin!« rief oft sein _Genius_ ihm ins Ohr: »Deine Liebe wird schreklich enden. Warum schwindelst Du vermessen über Stand und Würden hinweg? Wie manches Mädchen, gleich schön, wie _Louise_, und ganz zur Liebe gebaut, wie sie, Dir im Range gleich, öfnet ihre Arme Dir entgegen? -- Warum wählst Du von allen Wegen den Gefahrvollsten? -- Dein Herabsturz wird eben so schreklich sein, als Dein Emporsteigen dir izt schmeichelhaft ist!«
_Florentin_ hörte die Stimme des warnenden Geniusses; aber der dazwischen tönende Name _Louisens_ füllte Ohr und Seele und lies für alles übrige keinen Raum. Jedes im Abendwinde zitternde Laub schien ihn zu lispeln; jeder Strahl des Mondes ihn auf die rinnende Welle mit Goldschrift zu mahlen; jedes Blumenbeet absichtlich in einem _L._ die schönsten Blumen blühen zu lassen.
Nein, nein, es ist nicht die Willkühr des Menschen in der Liebe, sondern die Hand des Verhängnisses, welche gewaltsam die Fäden unsers Schiksals zerreisst und an einander knüpft, und Seelen Seelen entgegenführt. Wer kann dem Fatum widerstehen, und besonders wenn dasselbe uns in so weiche Fesseln schlingt! -- -- Spreche doch keiner vom freien Willen; wer ist wohl frei in der Wahl eines zu liebenden Gegenstandes und frei, wenn er liebt, der süssen Leidenschaft zu entsagen?
_Florentin_, Dein schwarzer Dämon ruft Dir das Wehe! zu, ich spreche: Heil Dir, der Du izt in angenehme Träumerein verstrikt, die ganze Seeligkeit des Lebens fühlst, und in banger Wollust Freuden ahndest, welche die Freuden des Himmels begränzen. -- Deinen trüben Stunden kannst Du doch nicht entrinnen!
Es war neun Uhr vorüber, und der Abend viel zu schön, als daß die rasche, feurige _Louise_ sich schon in ihr Kabinet hätte einkerkern sollen. Ueberdies erfuhr sie durch ein Ohngefähr, daß der _Graf von Duur_ im Schlosgarten geblieben sei, wo man ihn noch vor einer Viertelstunde gesehen haben wollte. Dieser Zufall hatte mächtigern Reiz, als alle übrige Lokkungen des schwülen Sommerabends. Einsam war sie; der Flügel des Palasts, den sie bewohnte, sties an den Garten, -- nichts war hier also ein Hindernis um ungestört dahin fliegen zu können; und eine sonst unbescholtne Person _ihres_ Ranges ist über niedrigen Verdacht erhaben.
In einem leichten Nachtgewande, eine Enveloppe um sich geworfen, ging sie hinaus;
Und wie ein Paradies, in rätselhafter Helle, Lag ihren Blikken izt der Garten ausgespannt; Ein süsser, wonnesamer Blütenregen Schlug ihr im Zug der Abendluft entgegen.
Rings säuselts feierlich. Der Bäume schwarzes Grün Lies sich auf Zefyrs Schwingen wiegen; Von keinem Fus berührt, krümme sich in schönen Zügen Der breite, sandge Pfad durch Hekken von Jasmin. Von ferne murmelte, mit Golde überflogen, Der prächtigen Fontainen halber Bogen, Und in der Luft zerflos ein süsser Hall Der einsam flötenden Nachtigall.
Schüchtern wie die Unschuld, wenn sie auf unbekannten, verrufnen Pfaden gehen mus, und eben so sorglos, als sie, trat die _Prinzessin_ in dies angenehme Revier hinein, indem sie sich nach allen Seiten umblikte, den _Geliebten_ zu entdekken. Bald wandelte sie im hellen Mondenschein, bald entwich sie in den Schatten der Orangerien und Hekken, je nachdem ein oder der andre Gedanke sie lenkte. Bald wünschte sie von ihm erblikt zu werden; es ist die sicherste Probe, dachte sie bei sich, wenn er dann durch Winkelzüge, oder grade Wege sich Dir nähert, ob Du Eindruk auf ihn gemacht hast. Weicht er aus, so -- -- doch nein, das kann er nicht! Aber wenn er es thäte? still, halt Dich verborgen, und lausche umher, bis er sich zeigt; dann spiele Dich ihm von ohngefähr in den Weg, daß er unmöglich entkommen kann. -- Allein wird er nicht argwöhnen, daß -- Du ihn aufgesucht habest? wird er nicht daraus schliessen, daß Du ihn liebest? -- Pfui! doch mag ers immerhin, mag er dich verstehen, wenn er nur Gleiches mit Gleichem erwiedert! --
Indem sie so hin und her schwankte und bald durchs Dunkle und bald durchs Helle schlich, störte sie mit einemmahle ein sehr geringfügiger Umstand in ihren verliebten Betrachtungen -- ein _Strumpfband_.