Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 1/3

Part 3

Chapter 33,553 wordsPublic domain

Andre verwerfen die _Unsterblichkeit_ der Seele. Man sezt ihnen wichtige Argumente entgegen, aber sie wehren sich durch; nur auf die Frage; wo bleibt beim Mangel der Unsterblichkeit _Plan der Schöpfung, Weisheit Gottes_, höchste _Vollkommenheit_? verstummen die Herren gewöhnlich. Nimmt man aber meine Hypothese an, so ist, auch wenn unsre Seelen sterblich sind, dennoch Plan in der Schöpfung --

»Hören Sie, _Holderchen_, vor izt sollen Sie Recht haben, aber nach dem Essen nicht mehr, dann werde ich wider Sie und Ihre Hypothese streiten, darnach richten Sie sich ein.«

Der _Onkel_ zündete die Pfeife an und Rikchen trippelte näher.

»Aber,« hub der Graf von neuem an: »wie haben Sie sich denn über solchen kritischen Gegenstand mit Rikchen unterhalten können?«

Holder. Wir sprachen nur eine kurze Zeit darüber.

Onkel. Kannst Du denn so was begreifen, Mädchen?

Rikchen. Wovon _Sie_ sprachen nicht ein Wort; wovon aber _wir_, (sie zeigte auf Holdern) sprachen, ja. Wenn _Sie_ sonst von der Liebe redeten, Onkelchen, da verstand ich nichts, aber -- --

Onkel. (nimmt die Pfeife vom Munde) Was? _Liebe?_

Holder. (hustet)

Rikchen. Aber mit Herr _Holdern_ läßt sich darüber viel deutlicher sprechen.

Holder. (hustet stärker.)

Onkel. Nun, sag mir nur, was soll denn das?

Rikchen. (sich anschmeichelnd) Sie -- sind doch nicht böse? Sie lieben ihn ja auch, und ich bin auch -- auch -- --

Onkel. (legt die Pfeife hin) Was denn?

Rikchen. (ihr Gesicht an des Onkels Brust verbergend.) Verliebt.

Des _Grafen_ Gesicht verlängerte sich bei diesem Worte; mit ofnem Munde und gefaltnen herabhangenden Händen stand er da und konnte keine Silbe hervorbringen. _Rikchen_ blieb in ihrer vorigen Attitüde, und _Holder_ zupfte an seinen Manschettenspizzen.

»Du bist verliebt?« brachte endlich der Graf nach einer minutenlangen Stille hervor; er war in der grösten Verlegenheit mehr zu sagen, denn auf einer Seite schäzte er _Holdern_ zu sehr, als daß er ihn vor den Kopf stoßen sollte, ob er gleich _Holdern_ nicht in seine adliche Familie heurathen lassen wollte, auf der andern Seite befürchtete er bei seiner Pflegetochter alle Autorität für die Zukunft zu verlieren, wenn er zu einer Sache schwiege, die er ihr so oft verboten hatte. Er sah bald das Mädchen, bald den jungen Mann an und beschlos vors erste klüglich seine Verlegenheit auf die andern beiden zu wälzen: »Nun, Herr _Holder_.

Die Sache betrift Sie ebenfalls, und Sie schweigen?«

Holder. Gnädiger Herr, wenn mich das Fräulein liebt, dafür kann ich nicht, und Sie verzeihen es mir, daß ich gegen _Friederikchens_ Reiz nicht unempfindlich bleiben konnte. Nur eins bleibt mir übrig, wenn mich diese That in ihren Augen verhaßt macht, Sie und Ihre Niece zu verlassen. Ich fühle es, daß es mir traurige Tage und traurige Jahre machen wird, aber ich fühle es auch, daß ich Mannes genug bin, endlich zu überwinden.

Rikchen. (schwermüthig zum Grafen heraufblikkend.) Und Sie wollten ihn von uns lassen?

Onkel. Aber mein Gott -- --

Holder. Ich darf hier nicht Einrede wagen, ich darf auch nicht bitten. -- Sie entscheiden und Ihrem Befehl muß ich mich untergeben.

Onkel. (in großer Verlegenheit) Aber was soll denn mit dem Lieben am Ende werden?

Rikchen. Gar nichts, gar nichts, verlassen Sie sich darauf.

Onkel. Ich kanns doch nicht machen, wie Onkels in der Komödie. -- --

Rikchen. Wie machens denn die?

Onkel. Euch die Hände in einanderlegen und sagen: der Himmel segne eure Liebe, seid glüklich und damit holla.

Rikchen. Je, warum denn nicht?

Holder. (ernsthafter) Ich verstehe Sie.

Man ging zum Abendessen. Der _Graf_ schwieg über Tische. _Holder_ ebenfalls. _Rikchen_ fragte verschiednes und erhielt keine Antwort. Zulezt standen sie auf; das gute Mädchen sezte sich in einen Winkel und weinte, _Holder_ entfernte sich in sein Zimmer, und der _Onkel_, der seinen Liebling nicht weinen sehen konnte, ging frühzeitig schlafen.

Sechstes Kapitel. Der Onkel in der Komödie.

Wie die lieben Leutchen nach diesem Auftritte geschlafen haben mögen, können sich die Leser leicht vorstellen. Der gutherzige _Alte_ kalkulirte die halbe Nacht hindurch, entwarf hundert Pläne, und verwarf sie wieder, und konnte keinen festen Entschlus fassen.

Um ein Uhr in der Nacht hörte er drei Pistolenschüsse fallen. Sie geschahen oberwärts in _Holders_ Zimmer; man wars von ihm schon seit einigenmalen gewohnt, und er gab vor, daß er das Echo bemerken, oder nach Vögeln schiessen wollte. Der _Onkel_ lies sich nicht stören und schlief ein.

Das arme _Rikchen_ wagte auch beim Frühstük folgenden Morgens nicht viel zu sagen; der Graf blies nachdenkend seinen Kanasterdampf von sich und lies oft seine Tasse kalt werden. _Holder_ war noch nicht erschienen.

Mit einemmale hörte man Pferde in den Schloshof hereinsprengen. »Wenns doch _Florentin_ wäre!« rief der Alte, und stand auf; »wenn ers doch wäre!« sagte das Fräulein lebhaft, und flog und ris das Fenster auf.

Der Graf. (eilig) Ist ers?

Rikchen. (traurig.) Ein Knecht mit zwei Reitpferden. (Pause) Ach, Gott! _Onkelchen_, er fragt nach _Holdern_! --

Der Graf. (bestürzt) Nach _Holdern_?

Rikchen. (mit Thränen im Auge) _Holder_ will fort!

Holder. (der zur Thür völlig angezogen hereintritt) Ja, das will ich, muß ich. -- Guten Morgen, Herr _Graf_, guten Morgen, gnädiges _Fräulein_! (küßt ihr die Hand.)

Der Graf. (bewegt) Herr _Holder_ -- --

Holder. Herr _Graf_, dürft' ich Ihnen für Ihre bisherige Freundschaft und meine gütige Bewirthung hundert Thaler anbieten, _einigermaaßen_ wieder zu vergelten, so thät' ichs. Allein Sie schlagen es aus, und ich darf nur mit Worten danken. Es thut mit weh -- o sehr weh -- --

Rikchen. Herr _Holder_, lieber Onkel, hat geweint, seine Augen sind roth -- --

Holder. Mag ihnen beiden dies ein Beweiß sein, wie lieb mir dieser Aufenthalt gewesen, wie ungern ich ihn verlasse. Ich habe in Ihrer Gesellschaft seelige Stunden gehabt, wer weiß, ob ich sie jemals schöner geniessen werde, denn ich war, wie in einem väterlichen Hause; all meine Wünsche starben, all meine Hofnungen gab ich auf, meine weit hinaus gehenden Entwürfe ließ ich vergessen, um ganz Ihnen zu leben, oder vielmehr in Ihren Armen meines Lebens froh zu sein. Izt hört dies alles auf, und ich schränke mein ganzes Glük nur darauf ein, daß Sie mich nicht vergessen mögen.

Rikchen. (weinend seine Hand nehmend) Wir Sie vergessen?

Der Graf. (immer mehr gerührt) Hätt' ichs doch nimmer erfahren daß Ihr Euch geliebt hättet, -- vielleicht -- wärs besser gewesen.

Rikchen. _Onkelchen_, ja, Sie haben Recht, izt seh ichs; Liebe macht unglüklich, o _sehr unglüklich_! könnt es nur dießmal, dies _einzige mal_ gut gemacht werden, ich wollte auch _nie_ wieder lieben.

Holder. Trösten Sie sich, gnädiges _Fräulein_, ein Jahr -- und ich bin vergessen.

Rikchen. Ein _Jahr_? ach, in dem Jahre weint' ich mich tod. Freilich würd' ich Sie dann vergessen müssen, denn im Tode, sagt man, hören all unsre Freuden und Leiden auf.

Holder. (küßt ihr die Hand, indem er seine Augen abtroknet) Und nun, Fräulein -- --

Rikchen. (reißt sich los von ihm und wirft sich dem Grafen um den Hals) O, bester, lieber Onkel, lassen Sie _Holdern_ nicht, oder ich sterbe -- -- haben meine Bitten je bei Ihnen etwas vermogt, haben Sie je meine Thränen gerührt: so hören Sie mich izt, so -- so erbarmen Sie sich Ihren _Rikchens_!

Der Graf. (wehmüthig stammelnd) Kind, laß mich doch --

Rikchen. Nein, nein, Ihr _Rikchen_ wird nie ruhig werden, wird sich unter die Erde grämen, wenn es izt verstossen ist. Sie werden mich nicht lange mehr haben, gewis nicht lange! -- O _Holder_, einziger, liebster _Holder_, bitten Sie doch!

Holder. Ich halt' es nicht aus! (schließt sie in seine Arme und küßt sie) Himmlischen Mädchen, lebe wohl! -- noch einmal lebe recht wohl!

Rikchen. Wollen Sie _dennoch_? Sie _selber_? --

Holder. O Gott!

Rikchen. Sie _selber_? ach, Sie haben mich nicht lieb gehabt -- können mich nie geliebt haben!

Holder. (mit Schmerz-gebrochener Stimme) Fräulein, Sie sehen nicht in mein Herz, aber Gott sieht es! -- Herr _Graf_, leben auch noch _Sie_ wohl! (will ihn umarmen.)

Der Graf. (indem er Holders Hände drükt, und ihn mit nassen Augen anstarrt.) _Holder_, _Holder_: was machen Sie? warum wollen Sie von uns? Wer hat Sie beleidigt? that ichs, that ichs, thats mein gestriges Schweigen so bitt ich um Verzeihung. Sehen Sie, die Sache war zu unerwartet, und da ists doch wohl einem alten Mann, der für das Wohl seines Lieblings sorgt, leicht zu übersehen, wenn er die Begebenheit recht überlegte.

Holder. Allein, sollten Sie izt, durch des _Fräuleins_ Thränen bis zur Schwachheit gerührt etwas einwilligen, was Sie bei kälterm Blute -- --

Der Graf. Nicht Schwachheit, nicht Uebertäubung! nein, Sie sind mir zu lieb geworden, als daß ich Sie von mir lassen könnte. Ihr Karakter ist mir unverholen, darum befürcht' ich von Ihrer Liebe zu _Friedriken_ nichts. Und Sie wissen ja selber, wie nothwendig Sie mir geworden sind; wollen Sie also nicht, daß sich das arme Mädchen krank harmet, wollen sie nicht, daß ich alter Mann mir ewige Vorwürfe machen, mir selber mein Restchen Leben verbittern soll, so bleiben Sie.

Rikchen. Null, lieber _Holder_? nun?

Der Graf. Da, nehmen Sie das Mädchen hin, nehmen Sie sie hin, ich will denn nun einmal der Onkel in der Komödie sein, aber bleiben Sie.

Holder. (umarmt und küßt den Grafen) Wohl, es sei; ich widerstehe nicht.

So lößte, sich der Auftritt in allgemeine Freude auf; _Holder_ bestellte den Reitknecht ab; _Rikchen_ sprang umher und küßte dem frohen Alten Hand und Mund; man sezte sich wieder zum Frühstük und fühlte nun ganz, wie sehr man an einander gekettet sei.

Was wären unsre Freuden, wo kein Harm ihren Werth erhöhte? Ein Edelgestein ohne Folie, ermüdendes Einerlei!

Siebentes Kapitel. Ein Adelsbrief -- ein Rittergut -- Verlobung und -- --

In der Nachbarschaft des Grafen von Duur lag ein ansehnliches Rittergut, zu welchem das Dorf _Sorbenburg_ und eine vortreffliche Jagd gehörten. Der Besizzer des Gutes war schon seit etlichen Jahren gestorben; die Erben hatten seit eben so langer Zeit diesen Landsiz verpachtet und zulezt zum Verkauf ausgeboten.

Unser _Onkel_ machte Spekulation darauf, aber er fand es immer zu theuer.

»Herr Graf,« sagte _Holder_ an einem Tage zu ihm; »wenn _Sorbenburg_ mein wär, und ich hielt um _Rikchens_ Hand an, würde sie mir abgeschlagen werden?«

Der Alte schmollte und sagte: »Mein Seel, wäre _Sorbenburg_ Ihnen, so trüg ich Ihnen meine Niece selber an.«

»Ein Mann, ein Mann, ein Wort, ein Wort!« erwiederte _Holder_; nun mus ich meine Baarschaft einmal nachzählen!

Jezt arbeitete Holder ämsiger auf seinem Zimmer, als je. Täglich versandte und bekam er Briefe, und weder der _Graf_ noch _Rikchen_ erfuhren wohin, warum und mit wem er so stark korrespondirte. Zuweilen war _Holder_ sehr schwermüthig; weder die Naivetäten des _Fräuleins_ noch die Laune des Alten waren vermögend ihm ein Lächeln abzugewinnen, in sich verschlossen saß er dann da, theillos an den Gesprächen und Scherzen der übrigen, und grübelte. Fragte man ihn deswegen, so erhielt man jedesmal zur Antwort: mein Glük und mein Unglück fließt aus einer Quelle, die ich niemanden offenbaren kann.

Indessen diese Launen, oder wie man es nennen soll, waren selten, der größte Theil der Tage verfloß im Duurschen Schlosse heiter. _Florentin_ wäre gern Theilnehmer derselben gewesen, allein zum Unglük, oder soll man es Glück nennen? wurde er so schnell nach der Residenz berufen, um dort dem _Herzog_ vorgestellt zu werden, daß er nicht einmal einige Tage Zeit hatte, nach Hause zu reisen.

Dieser _Herzog_ war erst seit einem Monate an der Regierung; es war eben derjenige Prinz, welchen _Holder_ vom Tode gerettet, hatte, ein Herr von sieben und zwanzig Jahren. _Florentin_ gefiel ihm, und er gab ihm den Karakter eines Kammerherrn. _Florentin_ meldete seiner Familie dies unerwartete Glük; der _Onkel_ jauchzte, sah seinen Neveu schon als ersten Minister am Herzoglichen Throne, _Rikchen_ hüpfte, küßte bald den _Onkel_, bald den lieben _Holder_ -- alles war Freude.

Der _Graf_ stellte nach seiner Art ein kleines Fest an; der benachbarte Adel wurde dazu eingeladen, und ein halbes hundert Burgunder- Champagner- und Ungerflaschen waren bestimmt an dem feierlichen Tage auf _Florentins_ Wohlsein geleert zu werden.

Auch _Holdern_ war der Tag merkwürdig, denn der Fürst hatte sich seiner erinnert, und ihn aus Dankbarkeit in den Adelstand erhoben, nebst Verleihung des Gutes _Sorbenburg_. _Holder_ war bestürzt, der _Onkel_ noch mehr. _Rikchen_, aber glaubte izt ihn weniger rükhaltend lieben zu dürfen, und überließ sich deßwegen ganz dem süßen Glükke.

»Nun halt' ich Wort,« sagte der _Onkel_ im Zirkel der ganzen Gesellschaft: »Nun halt' ich Wort, und gebe dem Herrn von _Sorbenburg_ die Gräfin von Duur zur Gemahlin!« -- --

_Rikchen_ stand hocherröthend, neben ihrem Geliebten, in jungfräulicher Schaamhaftigkeit. Sie hörte die Worte, hörte sie gern und senkte den liebeschwimmenden Blick zu Boden. _Holder_ dankte dem Grafen, _Rikchen_ küßte ihm die Hand, die Gesellschaft der übrigen Herrn und Damen stattete ihre Glükwünsche ab.

Ich mahle die einzelnen Scenen dieses wonniglichen Festes nicht, ich sage nur dies, daß es eines der frölichsten in der Duurschen Familie war, daß jeder erst spät in der Nacht von Wein und Freude berauscht zu Bette ging, und daß am folgenden Tage -- ach! _Holder_ verschwunden war.

Man hatte um die Morgendämmrung die gewöhnlichen Pistolenschüsse wieder gehört, sodann einigen Tumult auf _Holders_ Zimmer, aber nicht weiter darauf geachtet. Er war und blieb verschwunden; vergebens streifte man zu Fuß und Pferde durch die ganze Gegend, man fand keine Spur von ihm. Sein Zimmer war von innen verriegelt; ein Fenster nach dem Felde zu stand offen; alles lag auf der Stube verwildert durch einander geworfen, an der Erde, auf Stühlen und Tischen; einen Zettel fand man auf welchem die flüchtig geschriebnen Worte standen: »_Leben Sie wohl, ich komme wieder!_«

Man wartete ein halbes Jahr auf ihn, und er sollte noch wiederkommen. -- --

Zweiter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Auch Prinzessinnen haben Herzen.

Die Schwester des Herzog _Adolf_, an dessen Hofe sich _Florentin von Duur_ befand, war ein schön gebautes, reizendes Frauenzimmer. Neunzehn Frühlinge blühten kaum auf ihren Wangen; sie war feurigen, schwärmerischen Temperaments; liebte gern und sah sich gern wieder geliebt und angebetet. --

_Florentin_ war kaum am Hofe erschienen, als seine vorzügliche empfehlende Gestalt die Damen aufmerksamer machte. Prinzessin _Louise_, so hieß des Herzogs Schwester, sah ihn zum erstenmale auf einem Balle, welchen ihr Bruder gab; der _Herzog_ unterhielt sich oft mit ihm, dies war genug ihm allenthalben Kredit zu gewinnen, -- auch bei der _Prinzessin_. Durch ein beabsichtetes Ohngefähr kam sie ihm näher; sie fächelte sich mit einem seidnen Tuche, lies ihn von ohngefähr fallen, der _junge Graf_ hob ihn auf, überreichte ihn, und der _Herzog_ nahm Gelegenheit der _Prinzessin_ seinen _Kammerherrn_ vorzustellen.

_Louise_ erlaubte dem _Grafen_ einen Handkus, und sie war so gnädig, doch nur wie durch ein Ohngefähr, _Florentins_ Fingerspizzen zu drükken. _Florentin_ empfand die Allgewalt dieser schönen Ohngefährs; eine liebliche Röthe ergos sich über sein Gesicht; er blikte der _Prinzessin_ schüchtern in die Augen, und _sie_ entfernte sich, ohne aber der Röthe des jungen Mannes, und des Blikkes zu vergessen.

Man ist am Hofe nicht immer so glüklich, als im bürgerlichen Leben, wo man seinen Mann zu sehen öftere Gelegenheiten findet. Die _Prinzessin_ fühlte diesen Mangel nur zu sehr, und ihn einigermaaßen zu vergüten, erlaubte sie ihrer Fantasie jede verliebte Ausschweifung.

Kein Wunder also, wenn der schöne _Florentin_ ihr zuweilen in Träumen vor die Augen trat, sie da ihres fürstlichen Ranges vergaß, einen blühenden Jüngling an ihren liebevollen Busen drükte, und eine Wollust ahndete, welche kein Traum ihr gewähren konnte.

»Nicht wahr, liebe Auguste,« sagte sie an einem Morgen zum _Fräulein von Gülden_, ihrer Kammerdame und Favorite: »nicht wahr, du hast auch schon geliebt?«

Frl. v. Gülden. (sanft erröthend) Ich geliebt?

Louise. Warum nicht? -- du unschuldige Seele wirst ja so roth? Gewiß du hast auch schon geliebt!

Frl. v. Gülden. Ich bitte um Verzeihung, noch nicht!

Louise. Hi, hi, hi! noch nicht? o, Kind, man erräth, daß du noch nicht lange am Hofe gewesen bist, denn du weißt dich herzlich schlecht zu verstellen.

Frl. v. Gülden. Warum sollt ich mich verstellen? gegen _Sie_ verstellen?

Louise. Da thust du Recht, liebes Mädchen. Allein offenherzig, hast du -- -- oder -- oder du liebst vielleicht izt.

Frl. v. Gülden. Eben so wenig. (wendet sich weg)

Louise. So? nun da wirst du mir freilich eine schlechte Rathgeberin sein.

Frl. v. Gülden. Ich bitte -- vielleicht --

Louise. Nun, auf dein _vielleicht_ will ich es wagen; also zur Sache. Ich liebe, und zwar so heftig, als ich noch nie geliebt habe.

Frl. v. Gülden. (lächelnd) haben Sie also schon -- --

Louise. O schon so oft geliebt, daß ich meine Eroberungen und Amouretten nicht mehr zählen kann. Ich bin doch wenigstens achtzehn Jahr alt, und -- wie mir mein Spiegel sagt, auch nicht häßlich, folglich. -- -- Doch sag mir, Kindchen, räthst du mir diesmal zu?

Frl. v. Gülden. Zu lieben? warum nicht? denn unglüklich, ungeliebt werden Sie nicht sein, und ich kenne kaum eine angenehmere Stimmung der Seele; als eine solches -- Ich hatte vor Jahr und Tag einen jungen Freund, -- Freund, nicht _Geliebten_ -- es war eine herrliche Seele, gut, unbefangen und zärtlich. Der liebenswürdige _Gustaf_ war vierzehn Jahr alt; die Knospe der Jünglingsschönheit brach izt schon auf bei ihm; ich sahe ihn gern und der Knabe mich; ihm war nur wohl, wenn er mich sahe, meine Hand drükken durfte. O, Prinzessin, ich gewann ihn lieb, und kann ihn noch izt nicht vergessen.

Louise. Erzähle doch weiter; ich lasse mir gern von Liebe und Liebenden vorplaudern.

Frl. v. Gülden. Jene Zeit war die glüklichste meines Lebens, ob ich gleich Stunden hatte, wo er mir fehlte, wo ich traurig umher wandelte, wohl gar heimlich weinte. Aber eine solche Thräne, die damals von mir verweint wurde, gewährte mir mehr Wollust, als die rauschende Freude eines Balls. Wenn ich in stillen Sommerabenden unter den Linden lag, vor dem Landschlosse meinen Vaters, und der schlanke _Gustaf_ allein neben mir sas und mit meinen Schleifen tändelte, oder mit meiner Hand, wie mirs da so wohl war! dann schlang ich wohl meine Arme um seinen Leib, drükte ihn heftig an mich und küßte seine blühenden Wangen -- oft glaubte ich mich in diesen Küssen satt zu schwelgen, aber meine Sehnsucht forderte noch immer und war nie gestillt.

Louise. Und das nennst Du _Freundschaft_, _Augusta_? dann mögt' ich doch in aller Welt wissen, was Du _Liebe_ nenntest?

Frl. v. Gülden. Ich habe schon gesagt, _Gustaf_ war erst vierzehn Jahr alt, -- zu jung um zu lieben und Gegenstand der Liebe zu sein. Und nennen Sie es immerhin Liebe; so wars die unschuldigste, reinste, die man je gekannt bat. Ich liebte _Gustafen_, bewunderte den schönen Knaben, und hegte zugleich eine gewisse Ehrfurcht vor ihm, die sich nicht beschreiben läßt. -- Einst saß er am Abhang eines Hügels neben mir, beim Sonnenuntergange. Er sprach viel Angenehmes, ich schwieg, aber meine Gedanken antworteten ihm. Ich wollte mich einmal böse stellen, und wußte nicht warum? vielleicht daß ich ihn gern schmeicheln sehn wollte. Die gute Seele ließ sich täuschen, er glaubte daß ich auf ihn zürne, und sah betrübt vor sich nieder. Nach einem langen Schweigen, da ich schon meine Verstellung zu bereuen anfing, sah er endlich zu mir auf -- eine Thräne schwamm in seinem Auge, die untergehende Sonne in ihr -- sein Antliz glänzte in der Abendröthe, -- es war eine _Verklärung_. »Du bist böse, Auguste?« fragte er mit der Stimme einen Engels und ich schauerte froh und beklommen zusammen: »bin nicht böse!« gab ich zur Antwort, aber wagte es nicht ihn zu küssen. Ich schien mir eine Sünderin neben einem Geliebten Gottes.

Louise. (lächelnd) Du Schwärmerin!

Frl. v. Gülden. Bald darauf wurde _Gustaf_ krank, sehr krank. Ich saß an seinem Lager und sah ihn verwelken. -- O, Prinzessin, er war noch immer schön; selbst als er so blaß da lag, und sein Blik nur matt an dem Meinen hing. Aber es jammerte mich -- ich weinte viel, sehr viel, nur an seinem Bette lächelte ich. -- Er küßte mich einst, und in dem Kusse entfloh sein Geist --

Louise. Arme Auguste!

Frl. v. Gülden. Lieben Sie nur, Prinzessin, es ist süß zu lieben.

Louise. Ich selber bin deinen _Gustaf_ gut geworden, wenn er doch noch lebte!

Frl. v. Gülden. (zeigt mit dem Finger gen Himmel) O, ja, erlebt noch!

Louise. Und seit der Zeit hast du nie wieder geliebt?

Frl. v. Gülden. So nie.

Louise. Auch an unserm Hofe findest du deinen _Gustaf_ nicht ersezt?

Frl. v. Gülden. _Gustafen_ nicht.

Louise. Du bist vielleicht zu sehr für das Bild eines Geliebten enthusiasmirt, der nur noch in Deiner Einbildungskraft lebt; überdem hab ich mir sagen lassen, daß man den Werth verlorener Schäzze mit jedem Gedanken an sie versteigre. Doch las es sein. Was hältst Du vom Grafen Duur?

Frl. v. Gülden. (die Prinzessin anstarrend) Vom Grafen _Duur_? --

Louise. Nicht wahr, ein Meisterstük männlicher Schönheit? er hat mich bezaubert.

Frl. v. Gülden. Sie geruhen zu scherzen.

Louise. _Scherzen?_ wie so? findest Du ihn nicht schön?

Frl. v. Gülden. Könnten Sie ihn lieben?

Louise. Warum nicht? _Können?_ sonderbar, ich bin ja ein Mädchen, liebe _Auguste_, wie Du? Dich entzükte Dein vierzehnjähriger _Gustaf_ und mir sollte der Graf nicht gefallen? --

Frl. v. Gülden. Eine Fürstin aus herzoglichem Geblüt und ein Graf! Prinzessin, bedenken Sie wohl! -- Lieben _können_, ja, da hab' ich unrecht gefragt, aber lieben _dürfen -- dürfen_!

Louise. Ich verstehe Dich; allein Du mußt wissen, daß der Graf nicht mein Gemahl, sondern mein Geliebter werden soll. Da man mein Herz nicht befrägt, wenn meine Hand dem Staatsinteresse aufgeopfert wird; warum sollte mein Herz fragen, wenn es sich zu verschenken Lust fühlt! Und das Herz sieht nicht auf den Rang, sondern mißt seine Hochachtung nach der innern und äußern Schöne den Gegners.

Frl. v. Gülden. Freilich wohl.

Louise. Mein einstiger Gemahl wird nie so blödsinnig sein können _Liebe_ von mir zu verlangen, wenn ich sie nicht geben kann, so wenig als ich sie in gleicher Lage von ihm fodern würde. Wir sind deswegen aber nicht verpflichtet den Freuden der Liebe zu entsagen. -- -- Nun, _Auguste_, findest Du den Grafen liebenswürdig?

Frl. v. Gülden. (ernsthaft) O, sehr.

Louise. Und Du wirst mir doch zu einigen Entrevüen tapfer beistehn.

Frl. v. Gülden. Sie befehlen.

Louise. Das so trokken hingesprochen?

Frl. v. Gülden. Haben Sie denn auch schon Beweise von des Grafen Gegenliebe?

Louise. (ihrem Spiegel zulächelnd) Und wenn auch noch nicht.

Frl. v. Gülden. Ich halt' es doch aber für nothwendig.

Louise. I nun, wärst Du mit einem schüchternen, verworrenen, unendlich viel sagenden Blik des schönen Mannes zufrieden?

Frl. v. Gülden. Wie sollt' ich nicht?

Louise. Oder mit einem Erröthen desselben, wenn er Dir die Hand küßte?

Frl. v. Gülden. (unruhig) Erröthete er wirklich?

Louise. Nun ja.

Zweites Kapitel. -- -- Und wen? -- --

_Florentin_, von einer _Prinzessin_ geliebt, von einem _Fürsten_ geachtet und hervorgezogen, befand sich am Hofe, wie man leicht erräth, vollkommen zufrieden. Man kannte ihn allgemein als den Favorit des neuen _Herzogs_, und eben deßwegen liebkosete ihn der Neid selber.