Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 1/3
Part 2
Holder. Sie kommen auf die gestrige Idee Ihres gutmüthigen Onkels, da er in Entzükkung rief: o, die glükliche Nachwelt! -- Es ist eine angenehme Grille, daß die Bewohner des Erdenrundes sich noch gänzlich ihren Unvollkommenheiten entreissen könnten, -- dennoch aber bin ich überzeugt, daß ein Jahrhundert so glüklich und unglüklich, als das andere sein werde, es sei früh, oder spät in der Weltgeschichte vorhanden! -- Doch ich bitte, fahren Sie in ihrer schönen Schwärmerei fort Herr Graf!
Florentin. Vielleicht was wir izt Traum, Schwärmerei nennen, daß dieses einst Wahrheit ist! -- Dann herrschen gute Fürsten über gute Unterthanen, beide durch einander glüklich gemacht. Die Staaten blühen allesamt, Gerechtigkeit wird gehandhabt, wie sie es werden soll; Richter lassen sich dann nicht vom Golde das Auge blenden, wenn es Schuld und Unschuld erforschen soll. -- Fürsten haschen dann nicht mehr nach dem Flitterglanz kriegrischer Ehre; Städte, friedsame Dörfer, lachende Saaten zu verheeren, nennt man Schandthat; wer Länder und Familien unglüklich macht, tausende hinmorden läßt, um einen Titel oder vergeßne Ansprüche der Vorfahren auf einen Strich Erde geltend zu machen, der heißt ein _gekrönter Mordbrenner_, sein Lohn harrt auf ihn in jenen Tagen, welche jenseits des Grabes dämmern. -- Den Landmann seh ich freudig hinter seinem Pflug hertreiben, ohne daß Aberglaube über den Nakken desselben die tirannische Geißel schwingt. -- Denk- und Drukfreiheit herrschen, nur von den Schranken gesunder Vernunft begränzt. -- Kein neidischer Zensor unterdrükt Schriften, die er, besser zu verfertigen, nicht wagt. -- Der Biedre darbt nicht mehr, weil er bieder ist; die Unschuld wird nicht gekränkt, weil sie hülflos dasteht, und dem trauernden Bürger saugen keine Jahrlange Prozesse das Mark aus. -- Der Edelmann sucht nicht mehr durch die Thaten der Ahnen zu glänzen, sondern durch sich; schnellt nicht den armen Gläubiger mehr um Hab und Gut, und glaubt nicht geboren zu sein, in diesem und jenem Leben die bürgerliche Kanaille zu scheren.[A] -- Niedrigdenkende Pfaffen schleichen nicht mehr im Dunkeln umher, sich um Beichtkinder und Seelen zu betrügen, denn ihres Amtes heilige Würde ist ihnen wohlbekannt; über dergleichen Pöbellaster sind ihre Herzen erhaben. -- Die Psalmen _Klopstoks_ werden vom heiligen Lehrstuhle gebetet werden; keine tolle Ostergelächter werden fürder das Gotteshaus entweihen; das Volk wird von der Kanzel und Bühne Religion hören. -- Wollust, Knabenschänderei und Selbstschwächung werden allgemein verflucht; und Schamhaftigkeit und Ehre eines Mädchens ist Männern und Jünglingen heilger und werther, denn die köstlichste Mitgift. -- Leibeigenschaft ist des Staates Fluch; jeder Mensch, auch der ärmste von allen ist reich, denn sein ist der Gottheit goldnes Geschenk -- _Freiheit!_ geblieben. -- Unbärtige Junker, welche noch oft der Ruthe bedürfen, können nicht mehr den Stoizismus der sklavischen Soldaten mit der Fuchtel ermessen; denn _Soldatenstand_ ist nicht _Sklaven-_ sondern _Ehrenstand_. -- Jünglinge beziehen Akademien und kehren nicht mit Lastern und Seuchen, sondern mit Weißheit bereichert in das Haus der Eltern heim; erhalten Aemter dem Staate zu nützen, die nicht auctionis lege den Meistbietenden verfeilscht werden. -- Gelehrte, welche Sanftmuth und ewigen Frieden predigen, zanken sich eben so wenig zum Skandal vom ganzen zuschauenden Publikum über _leere Hülsen_, als Fürsten privilegirte Diebe, durch Huldigung des Nachdruks, machen! -- O _Holder_! _Holder_! mein Onkel hat Recht, wenn er ausruft: _glükliche Nachwelt!_
[Fußnote A: Der Sohn eines M***schen von Adel gab seinem Diener einst aus adlicher Laune eine Ohrfeige. Dieser klagts der gnädigen Frau, und die andächtige Dame tröstet den Beohrfeigten damit, daß wir dereinst im Himmelreiche alle einander gleich sein würden. -- Der Diener wars zufrieden, und als der Junker ihm zum zweitenmale eine erschütternde Maulschelle spendete, brachte ers sogleich an Mann: »Junker, das soll so lange nicht währen, im Himmel sind wir uns alle gleich!« -- »Was?« schrie der Knabe, indem er zum Papa lief: »im Himmel wären wir uns alle gleich?« -- »_Nein, mein Sohn,_« antwortete derselbe pochend: »_das leidet die Ritterschaft nicht!_«]
Holder. (ihm froh die Hand drükkend) Sie sind ein vortreflicher junger Mann, nicht Ihre Schwärmerei, aber das durch diese Schwärmereien hervorschimmernde gute Herz macht Sie liebenswürdig -- Graf, bei Gott, Sie verdienen -- ich weis Ihren ganzen Lebenslauf, all Ihre schöne Thaten. -- --
Florentin. (erröthend zurüktretend) Holder! -- schmeicheln Sie mir nicht, ich bin ein junger Mensch! -- Könnt ich mir durch schöne Thaten etwas verdienen, so wünscht' ich die Bewohner der Erde über fünf hundert Jahren noch einmal zu sehn.
Holder. (in glühender Ekstase) Bei dem Ewigen, Heiligen, Verborgnen, schwör' ichs, -- handle schön, handle schön, junger Mensch, und über fünf hundert Jahren siehst Du mich wieder in Deutschland! --
Florentin sah bestürzt den Unbekannten an; sah sein glänzendes Auge hochstarren bei dem fürchterlichen, seltsamen Schwur; sahe seine Lippen beben, seine ernsten Gesichtszüge sich in himmlische Entzükkung verwandeln -- und konnte sich nicht erklären, wer dieser _Holder_ sei, ob eine Gottheit in menschlicher Gestalt, oder ein alltäglicher Enthusiast.
Eine unbekannte Simpathie zog beide aneinander; _Holder_ lag um _Florentin_ und _Florentin_ um _Holder_ -- die sanfte Morgenstille, das auf beider Antlizzen schwimmende Osten-Roth verfeierlichte die Szene.
Der erste der sich aus dem Taumel der Empfindungen ris, war der Fremde; denn _fremder_ wurde dieser Mann dem Florentin in jeder Minute; je länger er ihn betrachtete, je räthselhafter derselbe erschien. Florentin warf sich auf ein Sofa hin; Holder pakte zusammen und warf sich in seinen Reisehabit.
»Graf, ich habe Dir viel versprochen,« rief er nochmals dem träumenden Jüngling zu: »aber bei der Wahrheit dessen der da ist und war und sein wird, ich halte mein feierliches Wort, über Jahrhunderte siehst Du mich in Deutschland wieder!«
In eben dem Augenblikke wurden sie beide zum Kaffeetische gerufen.
Sie fanden den _Onkel_ schon bei seiner Tasse, indem er das Morgenpfeifchen mit Behaglichkeit rauchte. Friedrike fast neben ihm, in einem häuslichen Negligée, welches das schlanke Mädchen noch dreimal schlanker machte. -- Der _Onkel_, der den _Fremden_ in Müzze, Pantoffeln und Schlafrok erwartete, verwunderte sich mächtig, als er ihn im weißen Ueberrok, dem runden Hute, gestiefelt und gespornt sah.
»Was Teufel, da fehlte ja wohl nur noch der rothe Mantel, und Sie wären _reisefertig_! Oho! so haben wir nicht gewettet, Herr _Holder_!«
»Ich will Ihnen nicht länger beschwerlich fallen!«
»Was _beschwerlich_ fallen? Ein Mann, von dem man sogar in _Zeitungen_ schreibt, der kömmt nicht sobald wieder von mir, wenn er einmal in meiner gräflichen Gewalt ist. -- Na trinken Sie!«
_Holder_ trank. Der _alte Graf_ eiferte fort.
»Mit einem Worte, Sie bleiben bei mir, so lange es mir gefällt, und mir wirds lange gefallen, Sie mögen nun wollen oder nicht; Sie müssen!«
»Verzeihen Sie, Herr Graf, ich kann --«
Der Alte ließ _Holdern_ nicht ausreden, sondern stand auf, sezte seine Tasse unausgetrunken nieder, winkte _Florentinen_, und marschirte stillschweigends mit ihm zur Thür hinaus.
Friedrike. (in einer Weile, nachdem sie bald auf Ihre Tasse, bald auf den Fremden gesehn.) Warum aber wollen Sie uns denn verlassen, Herr _Holder_?
Holder. (verwirrt) Warum?
Friedrike. (wieder nach einer Pause.) Gefällt es Ihnen bei uns nicht?
Holder. (Rikchens Hand nehmend.) Ach, sowohl! sowohl -- aber (mit niedergeschlagenen Augen) ob ich auch Ihnen -- Ihnen -- und Ihrem Onkel und Ihrem Bruder gefalle! --
Friedrike. Je mein Gott -- warum sollten Sie denn nicht?
Holder. (ihr ins Auge blikkend.) Sollt ich wohl, liebes Fräulein!
Friedrike. (von der Seite sehend.) Ganz gewiß!
Holder. Wenn es wahr wäre! wenn es wahr wäre, so wünscht' ich, wohl ewig hier zu sein!
»Ich glaub es Ihnen leicht!« erwiederte das unschuldige Mädchen, und über ihr ganzes Gesicht schwamm die liebenswürdigste Röthe.
Mit einemmale hörte man einen fürchterlichen Tumult im Schloshofe; man rannte durch einander her; die Thore wurden zugemacht; ein ewiges, verworrnes Fragen und Rufen, und Klirren der Klingen wie Degenklingen, füllte die Luft.
In eben der Minute trat der _Graf_ mit seinem _Neffen_ sehr ernsthaft herein; er wandte sich zu _Holdern_ und sprach »jezt will ich Ihnen beweisen, daß ich ein _Graf_ bin! kommen Sie her ans Fenster und sagen Sie ob es Ihnen noch gelüstet zu echapiren!«
Sie traten alle ans Fenster -- Knechte, Mägde, Hirten und Bauern standen bewafnet da, mit verrosteten Hirschfängern, alten Flinten, Sensen, Stangen, Prügeln und Aexten, und sahn ängstlich bald aufs Schlos, bald auf die verriegelten Pforten, als befürchteten sie eine förmliche Belagerung. Der Verwalter lies sich als Kommendant unter ihnen sehn; er hatte in der Eil den Degen an die rechte Seite geschnallt, und lief in seiner Angst auf und nieder. Ein alter Bauer fragte ihn, was es zu bedeuten hätte, daß sie hier stehn müßten? »Je, mein Gott, rief der Kriegesmann, und klapperte mit den Zähnen vor Bangigkeit: bedenkt nur, ein rother Mantel will zum Thorwege hinaus!« -- Ein _rother Mantel_? stammelte der ehrliche Bauer: den regiert ja wohl, Gott sei bei uns, der Kobolt! -- »Das ist eben der Teufel, ich begreifs selbst nicht!«
Mit Wohlgefallen lächelte der _alte Graf_ auf sein Kriegesvolk hinab, und ließ dann _Holdern_ ein forschendes _Nun_ hören.
»Herr _Holder_ bleibt -- gern bei uns, Onkelchen!« sprach _Friedrike_ und schmiegte sich freundlich an den Alten.
»So bald mich nicht fremde Verhältnisse zu einem andern Vorsaz hinzwingen,« sezte _Holder_ hinzu: »bleib ich, so lange Sie mir erlauben!«
»Nun das war doch ein Wort;« entgegnete der Alte, mit einem herzlichen Händeschütteln: »so muß man's machen wenn man was erpressen will! -- Allons, ihr tapfern Kriegesleute da unten, macht die Thore auf, und geht in eure Ställe mit Frieden; der Rothmantel kömmt nicht!«
Viertes Kapitel. Und -- das ist Liebe! -- -- --
_Holder_ blieb nun. Je länger man seines Umgangs genoß, je interessanter wurde der Mann, je mehr man ihn kennen lernte, je weniger wußte man sich aus ihm zu finden.
Er bat sich auf seinem Zimmer Schreibmaterialien aus; er erhielt sie. Mit frühstem Tagesanbruch saß er schon in Papieren vergraben; zuweilen arbeitete er in der Nacht; keiner aber erfuhr woran, oder worin! Er schikte viel Briefe ab; und erhielt noch mehr zurük. -- _Florentin_ fand einst ein zerrißnes, von seiner Hand beschriebnes Blättchen, aber die Schriftzüge darinnen waren ihm unbekannt.
Den Tag über unterhielt sich _Holder_ mit dem _alten Grafen_ bald, und bald mit _Florentin_, oder dessen _Schwester_. Bisweilen durchirrte man Arm in Arm die Saaten; sah den geschäftigen Landleuten in ihrer Arbeit zu; -- oder man ging in den Wald, oder auf einen benachbarten Hügel, von welchem sie oft alle viere der Sonne prächtiges Untersinken anschauten. In trüben, regnichten Tagen saßen sie in einem Zimmer beisammen; _Florentin_ oder _Holder_ lasen vor. Die Bücher gehörten meistens in _Friedrikchens_ Bibliothek, die sie von ihrem Bruder während seiner Universitätsjahre erhalten hatte. --
Bald las man _Wielands Simpathien_; bald schwärmte man in den neblichten, wilden Thälern der alten Schotten umher, und hörte _Ossians_ Harfe zu _Fingals_ Thaten tönen; bald war _Kronegk_, bald _Gellert_, bald _Klopstok_ oder _Geßner_ ihrer Unterhaltung Stof.
Nach einigen Wochen mußte sich der junge _Florentin_ von diesem liebenswürdigen Zirkel trennen, an welchem sein ganzes Herz hing; mußte die benachbarten Edelleute, entlegen wohnende Tanten und Basen besuchen, welche ihn nun wieder einmal nach drei Jahren zu sehen wünschten.
Man pakte alles Nothwendige für ihn ein; _Rikchen_ stekte in jedem leeren Winkel seines Mantelsaks kleine Naschwaaren, von welchen sie wußte, daß _Florentin_ sie gern hatte; der Onkel beschwerte sein Gedächtniß mit hundert Grüßen und beiläufigen Bestellungen an Verwandte und Bekannte, und _Holder_ ermahnte seinen Freund eingedenk jenes schönen Morgens zu sein, und eingedenk der Worte: »_handle edel!_«
Es war ein dunkler, trüber Morgen, als Florentin von seinen Freunden schied. Alle standen um ihn her in geheimer Wehmuth; jeder sah den guten Jungen mit feuchten Augen an -- es war, als schwebte um ihnen eine dumpfe, verborgne Ahndung. -- _Holder_ konnte sich lange nicht von dem liebenswerthen Jüngling trennen, »leb wohl! lispelte er ihm, nach einem Kusse, leise ins Ohr: vielleicht findest du mich nicht mehr, wenn du zurükkömmst!«
_Florentin_ selber wurde zulezt weichmüthig. Er stieg mit Thränen auf sein vorgeführtes Pferd, und ritte mit seinem Knecht von hinnen. Noch, da er schon funfzig Schritt entfernt war, rief er mit gebrochnen Tönen zurük: »Ihr Lieben, laßt mir _Holdern_ nicht fort -- _ich muß ihn wiederfinden!_« --
Alle riefen ihm ein lautes _Ja_ nach, und in dem Augenblikke verschwand er aus ihren Blikken.
Jeder schlich bis in das Innerste bewegt zurük; dem _Onkel_ schmeckte den ganzen Vormittag das Pfeifchen nicht; Rikchen konnte nicht strikken, nicht lesen; -- _Holder_ wühlte in den dumpfen Molltönen des Fortepiano's. --
Das Mittagsessen schmekte nicht; mismüthig sezte man sich zum Kaffee nieder.
»Aber sagt einmal,« hub endlich der _Onkel_ an; »sind wir nicht recht große Narren, daß wir da kopfhängrisch, jeder in seinem Winkelchen, sizen? Der Junge kömmt ja in vier, sechs, acht Wochen wieder, und die vergehen bald; wozu denn nun gemault? -- Was wird nicht endlich _dann_ geklagt, geseufzt, geeinsiedlert werden, wenn ich ihn auf _Reisen_ schikke? 's mus doch so sein!«
Die Vorstellungen des _Alten_ gewannen Eingang bei den jungen Leuten; man suchte sich zu zerstreuen, die Gesichter und Seelen wieder aufzuklären.
»Ich verliere;« fuhr der Onkel fort: »ich verliere bei seiner kurzen Abwesenheit so wenig, als ihr. Kömmts auf einen seelenvollen Discours an, je nun, so hab ich einen Mann, von dem die Zeitungen sogar reden. Und will sich Herr _Holder_ nicht mit einem alten Manne länger unterhalten, so sucht er _Rikchen_, und du, Rikchen, und du, wirst, denk ich, mit uns beiden auch wohl zufrieden sein dürfen. Nun also, was verlangt ihr mehr?«
_Holder_ und _Rikchen_ warens zufrieden; sie stimmten völlig dem _Onkel_ bei, und wünschten dem Bruder _Florentin_ eine glükliche Reise.
_Holder_ hatte in der Zeit, welche er auf dem Duurschen Schlosse zugebracht hatte, das unschuldige, schöne Mädchen genug kennen gelernt, um sie -- zu lieben, und _Rikchen_ war dem Herrn _Holder_, troz seines immer ernsten Gesichts, schon in den ersten paar Tagen nicht böse gewesen. Also? -- --
»Ach,« sagte Rikchen in der Dämmrungsstunde des Abends, da ihr Oheim noch, wie gewöhnlich, auf der Jagd war: »ach, Herr _Holder_, warum hat Sie das Ohngefähr nicht früher zu uns gebracht! Sie glauben gar nicht, wie mir doch manchmal die Zeit lang, und alles so leer, so unangenehm geworden ist?«
Und izt nicht mehr, liebes Fräulein?
»Gewiß nicht mehr. Es ist mir, als hätte sich alles, alles hier, seit Ihrer Ankunft, verwandelt. Jedes Zimmer, jeder Spaziergang, jede Tageszeit ist mir izt angenehmer. Man sollt es sich nicht vorstellen, wie es möglich wäre, daß eine neue Gesellschaft auch alle Gegenstände verneuen könnte!«
_Holder_ wurde roth, er laß in dem Herzen des Mädchens; sie aber bemerkte es nicht, denn es war dunkel.
»Und wie das Ohngefähr so sonderbar spielt! just der rothe Mantel mußte Sie zu uns bringen.«
Dafür ich dem Ohngefähre nicht genug danken kann.
»Ist das Ihr Ernst?«
Mein vollkommner Ernst.
»Ach, wenn _das_ wäre! aber Sie sagen das gewis nur aus Höflichkeit. Denn was könnten Sie bei uns Intressantes antreffen, was Sie, ich sage, ein Herr, wie Sie, nicht allenthalben antreffen sollten?«
O doch, Fräulein, doch manches, was ich nicht allenthalben gefunden habe.
»Zum Beispiel?«
So gute, liebenswürdige Karaktere -- eine solche schöne Freundin, wie -- Sie.
»Wie mich? Sie scheuen; haben Sie noch gar keine Freundin gehabt?«
Gehabt? o ja, _gehabt!_ aber eine Freundin, von der ich wünschte, daß sie immer die meinige wäre, noch nie!
»Wünschen Sie das auch im _Ernst_?« _Holder_ nahm _Rikchens_ Hand in die Seine, und drükte sie schüchtern; Sollten Sie zweifeln können?
»Nun gut, so -- so will ichs sein, aber« -- --
Aber?
»Aber ich wünsche auch, daß Sie immer mir -- Freund blieben.«
So wahr ein Gott über uns waltet, ja, ich werd es bleiben! -- -- O Fräulein -- o Rikchen -- doch werden Sie auch nicht böse, wenn ich Sie so vertraulich nenne?
»Wer über solchen _Namen_ böse wird, ist gewis noch nicht gut gewesen.«
Sie lieben -- lieben mich also? ist es gewis?
Rikchen erschrak bei dem Worte lieben. Ihr _Onkel_ hatte ihr oft gesagt; Rikchen, liebe keine Mannsperson, ohne mein Vorwissen, oder du machst dich unglüklich. Freundin kannst du jedem, nur nicht jedem Geliebte sein! Dabei malte der alte Mann ihr das Ding _Liebe_ mit so fürchterlichen Farben vor, daß das unschuldige Mädchen mit Hand und Mund gelobte, nie die Sünde der Liebe zu begehen.
»Lieben?« stammelte sie _Holdern_, und wollte das Händchen zurükziehn, und konnt es nicht.
»Und -- das ist _Liebe_?« -- -- --
Verzeihen Sie, Fräulein, ich habe Sie beleidigt, mit ahndet es -- verzeihen Sie mirs! sagte _Holder_, ließ ihre Hand selber loß, stand auf, und wollte fortgehen.
Rikchen lief hinter ihm her, faßte ihn mit beiden Armen um, ihn festzuhalten, und freilich, solche Banden waren zu fest für ihn, als daß er sich so leicht hätte loßreissen können.
»Was wollen Sie denn? Sie haben mich ja nie beleidigt, aber wenn Sie von mit gehn, so« -- --
Ich bleibe.
»Und sind doch nicht böse?« sagte sie in langsamer, bittendem Tone, indeß sie ihn noch immer in der Umarmung festhielt.
Nicht böse! -- gab er zur Antwort und sank an ihren Hals. Sein Herz pochte in süßer Angst; seine Hände zitterten, welche das Heiligthum umfaßten; seine ganze Seele war Gefühl der Liebe. Seine Stirn ruhte auf ihrer Achsel, und ihr Mund war seiner Wange zu nahe, um nicht einen leisen Kuß auf dieselbe drükken zu sollen.
_Holder_ fühlte auf seiner Wange die Lippen des Mädchens; er bog sich zurük, begegnete ihrem Munde -- die Dämmrung des Abende, die Stille der Einsamkeit machten ihn kühn -- er küßte, wurde wieder geküßt, und seine Seeligkeit begränzte die Seeligkeit der Engel.
Unter den tausend unglüklichen Schiksalen welche das menschliche Leben verherben, weiß ich keines das _traurigste_ von allen zu nennen, aber von den hundert frohen Loosen, welche wir aus der Urne des Fatums ziehen, ist das schönste das _Loos der Liebe_, die Anzahl der Leiden ist groß, aber die geringere Anzahl unsrer Freuden überwiegt dennoch jene am _innern_ Gewicht!
Fünftes Kapitel. Ein langes Gesicht.
_Holder_ und _Rikchen_ hörten des _Onkels_ Stimme. Hurtig flogen sie auseinander und dem Alten entgegen; der so eben ins Zimmer hereintrat.
»Und noch so im Dunkeln? _Rikchen_, kommandire Licht!«
Der _Onkel_ sprachs, _Riekchen_ hüpfte zur Thür hinaus, und _Holder_ half dem _Grafen_ beim Ausziehen.
»Es darf Ihnen nicht gereuen, _Holderchen_, daß Sie heut zu Hause blieben; hab' mein Seel nichts, als eine wilde Ente geschossen!«
Ich bedaure Sie.
»Ja, sehen Sie, Freundchen, das mus sich ein Jägersmann, wie ich, nun schon gefallen lassen. Nun, Sie haben doch keine Langeweile gehabt?«
Im geringsten nicht, Herr Graf.
»Nun, ich denke auch. Wovon haben Sie mit dem Mädel geschwazt? darf ichs wissen?«
_Holder_ war verlegen. Ich habe, sagte er; wir sprachen von -- von, wie soll ichs nun gleich nennen, von -- von -- -- einer ziemlich philosophischen Materie.
»Philosophischen Materie? Poz Bliz, weiß denn Rikchen da mitzuplaudern? 's ist ja nur ein Mädchen! -- doch nicht etwan davon, worüber wir uns gestern beim Kaffee stritten, und da ich Recht behielt, von den Menschen im Monde?«
Ich bitte um Verzeihung, der Stof war ganz neu.
»Je, was Sie sagen! nun und der war?« --
Eine Hypothese, von der Sie sich, Herr Graf, und kein Philosoph, so lange es Philosophen gegeben hat, etwas träumen ließ. --
_Holder_ suchte hierdurch Zeit zu gewinnen, sich auf etwas zu besinnen, und des _Grafen_ Neugier wurde immer mehr gespannt. --
»Nun so sagen Sie doch!«
Ich behauptete, daß unser Erdenball und wir lebendige Geschöpfe auf demselben, nicht sowohl um _unsrer selbst_ willen von der Gottheit geschaffen waren, sondern daß wir vielleicht _höherer Wesen_ willen vorhanden sein könnten!
»Wie war das? was? warten Sie, ich muß das noch einmal durchdenken. -- Aber warum denn für höhere Wesen?«
Daß dergleichen höhere Geschöpfe vorhanden sind, ist so gewiß, als unsre Unsterblichkeit -- das heißt, sie sind _höchst wahrscheinlich_. Daß diese Wesen edlere Freuden geniessen, und nicht wie wir, an bloße Sinnlichkeit gebunden sein müssen, folgt schon uns dem Begriff _höherer Wesen_; es ist also leicht möglich daß wir ihnen das sind, was uns unsre Schauspieler sind. Wir lernen von den selben Moral und gute Sitten, _sie_ von uns höhere Einsichten in die Natur der Welt, der Gottheit, des Geisterreichs, _wie_ sie dies lernen, ist uns bei unsern kleinlichen, armseeligen Ideen eben so unbekannt, als manchem lüderlichen Komödianten, daß man durch das Schauspiel ein besserer Mensch werden könne.
»Wir wären also für andre geschaffen? wir nicht unsrer selbst wegen?«
Sollt' es nicht möglich sein?
»Das wäre mir aber sehr ungelegen.«
Und wenn es das ist, was wollen wir machen? wir sind ja zu schwach; wir können uns ja so wenig wider den Schöpfer unsers Daseins auflehnen, als der Wurm im Staube wider uns sich empören kann, wenn wir Laune haben, ihn zu zertreten. -- Und warum lies uns Gott jene Gegenden jenseits des Grabes dunkel? weil wir auf solche Art derselben gar nicht bedürften. --
»Das wäre aber, mein Seel, schreklich!«
Freilich wenn wir positive Gewisheit davon hätten; aber so müssen wirs uns, nach dem Willen des grösten Wesens, gefallen lassen, im dunkeln zu schwanken, und die Hofnung zu unsrer Trösterin zu nehmen.
»Aber könnt' ich nicht murren, könnt' ich nicht sagen? Warum schufst Du mich zur Glükseeligkeit andrer Wesen, o Gott, warum machtest Du mich nicht auch zu einem von ihnen? Du bist nicht der Allgütige! könnt' ich so nicht sprechen?«
Nein, Herr Graf, weil Ihnen doch immer die Gewisheit fehlt, weil Sie sich doch von Ihrer Fantasie eine andre Hofnung geben lassen, und Ihre Klagen Ihnen über dies eben so wenig nützen würden, als dem Bauer, dem Bettler, welcher beweint, daß er nicht König geworden. Die Weisheit Gottes hat es so angeordnet, daß wir, auch wenn sich die Sache, wie oben gesagt, verhielte, doch zufrieden mit unsrer Lage sein können, so wie der Vogel in der Luft mit der seinigen.
Ein Bedienter brachte izt Licht; _Friederikchen_ tanzte hinter ihm, ging zum _Onkel_ und zerstörte durch ein Duzzend Fragen beinahe die ganze Aufmerksamkeit und Gegenminirung des gräflichen Philosophen, hätte dieser nicht gleich bei der ersten Silbe seine Hand auf ihren Mund gelegt.
»Rikchen wir sprechen izt von den ernsthaftesten Dingen, zu welchen Nachdenken erfodert wird -- also, sei ein Weilchen still, und stopf' mir indeß eine Pfeife -- Sie aber, reden Sie doch weiter.«
Das Fräulein stopfte den Meerschaumkopf und schielte nach _Holdern_; _Holder_ sammelte neue Gedanken und der _Onkel_ starrte sinnend vor sich hin.
In dieser Hypothese, fuhr _Holder_ fort, lassen sich die philosophischen Systeme vieler alten und neuern Selbstdenker vereinigen. Einige läugnen, zum Beispiel, die _Freiheit unsers Willens_, und wie sichs von so großen Männern nicht anders vermuthen läßt, nicht ohne Gründe. Nur auf die wichtige Frage, _zu welchem Ende sind wir Marionetten?_ wußten sie wenig oder gar nichts zu antworten. Allein obige Muthmassung, daß wir nicht für uns existiren, lößt alles auf.
»Wahrhaftig, da haben Sie wieder Recht!«