Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 1/3
Part 10
Ja wohl, wollte es Gott, ich könnte! Allein es ist unmöglich. Ihr seid mit einander in Eurer Ruhe beneidenswürdig! Mich ruft die Freundschaft meines Herzogs in kurzer Zeit wieder in die große Welt zurük, wieder zurük zu allen glänzenden Mühseligkeiten des Hoflebens. O, Bruder -- mein Bruder!
»Du wirst ja schwermüthig mit einemmale!«
Ehmals war ich glüklich wie Ihr. Ehmals durchschweifte ich diese reizenden Gegenden mit sorgenloser Brust; da schwebte das Bild der Zukunft vor meinen Augen, da war ich in der Einbildung glüklich. Jezt sind meine kühnsten Erwartungen befriedigt, meiner Hofnung ist nichts mehr übrig geblieben zu hoffen; ich bin der Liebling eines liebenswürdigen Fürsten, an Ehre, Rang und Gewalt über jeden Nebenbuhler emporgestiegen -- ich bin alles, bin mehr als ich als Jüngling träumte und bin -- unglüklich. Wohl dem der sich mit geringeren Freuden sättigen läßt, desto armer ist er an Leiden. Wehe dem, der alle Pokäle der Freude ausschlürft, denn für ihn stehn auch alle Becher des Elendes gefüllt.
»Du bist also unglüklich? _Florentin_ kann _unglüklich_ sein, der einstmals mit Schiller sagen dürfte: »_Aussendinge sind nur die Farbe des Geistes -- Ich selbst bin mein Himmel und meine Hölle!_« »Ist das _möglich_?«
Leider, sag ich Dir eine fürchterliche _Wirklichkeit_! Doch zu wem red' ich? -- Du, Du selber, _Holder_, Du weißt meine schreklichen Verhältnisse am Hofe so haarklein, als ich. Du selber warntest mich durch die Federn Deiner Freunde und warntest mich fruchtlos -- und Du stellst Dich verwundert? Freilich, spotte nur des Elenden, der die Stimme des Freundes in den Armen des lieblichsten Weibes vergas, -- spotte nur; elender kann ich ja doch nicht werden, als ich es bin. --
»Bei Gott, ich spotte Deiner nicht!«
Und fragest doch, da Du jedes meiner Geheimnisse kennst? --
»Hast Du nie Hofnung glüklicher zu werden?«
O, doch! binnen _drei Wochen_, denk ich!
»Willst Du entfliehn?«
O, pfui!
»Einen Selbstmord begehn?«
Noch weniger.
»Nun.«
Gehn wie mein Verhängnis mich führen wird.
»Gedenk aber Deines grauen Onkels, gedenke meiner Gattin, Deiner Schwester, -- gedenke meiner, Bruder, ehe Du handelst!«
O es ist schreklich! ich fühl' es, aber ändern kann ich nichts. -- -- Noch eins. Sage mir, wer sind die Unbekannten, die sich in meine Auftritte mischen!
»Deine _Freunde_, sehr wahrscheinlich!«
_Wahrscheinlich_? -- nein, gieb mir _Gewisheit_ für dieses schwankende _Wahrscheinliche_. Wer sind sie?
»Es sind _Unbekannte_. Ich darf sie Dir nicht näher nennen; thät' ichs: so wären sie Dir nicht mehr das, was sie noch izt sind.«
O geh: Du bist einer von ihnen, und -- sie sind mehr, als Menschen.
»Wie lange wirst Du noch bei uns bleiben?«
Heut' ist der _elfte_ im Monat -- -- am _zwanzigsten_ verlasse ich Euch alle.
»Zeit genug, Dir, über Deine Frage wegen der Unbekannten Licht zu geben. -- Du scheinst ja so schläfrig?«
Es ist wahr, ich bin ungewöhnlich müde. Der Tag war sehr heiß!
»Schlummre ein wenig, ich werde Dich in einem Stündchen wekken. Komm auf Dein Zimmer!«
Hier in den Schatten des Fliederbaums will ich mich hinlagern. -- Nun und wegen der Unbekannten?
»Sollst Du noch heute einige Notizen erhalten.«
Besorge mir doch beim Erwachen frische Milch. Willst Du?
»Es soll geschehn. -- Schlummre sanft, es wird Dich niemand stören.«
_Holder_ verlies ihn; der _Graf_ warf sich ermüdet unter den Fliederbaum hin, und entschlief bald, eingewiegt von dem leisen Säuseln der über ihn hernieder hängenden Zweige.
Einige Zeit darauf traten _Holder_, seine _Gattin_ und der biedre _Onkel_ herein. Sie stellten sich um den _schlummernden Geliebten_, und sahen einige Zeit auf ihn gerührt herab.
»Nein,« sagte _Rikchen_: »es thut mir zu wehe um ihn, ich bitte Euch, ihr Lieben, laßt es ungeschehn.«
»»Ei Poz!«« hub der Onkel an? »»ich sehe zwar den Nuzzen davon nicht ein, aber sagts doch Freund _Holder_, und was der sagt, muß geschehn, was der sagt, ist gut, weil er klüger ist, als ich und Du und der Kammerherr.«« _Rikchen_ schwieg; sie kniete neben ihrem _Florentin_ nieder, bog sich über ihn und küßte ihn sanft.
»Fort! fort; kommandirte der _Onkel_! Weißt Du was Freund _Holder_ mir sagte?«
»»Und was denn?«« fragte Rikchen, indem sie aufsprang, und neugierig zu ihrem _Onkel_ trat.
»_Florentins_ Schiksal wäre krank, todkrank und verdiente daher eine wirksame Arzenei.«
»»Verstehen Sie etwas von diesen Worten meines Mannes?««
»Nein, _Rikchen_, das nun wohl nicht, aber mir ists doch so _dämmernd_!«
_Holder_ lächelte, schlang seine Arme um Beide und führte sie aus dem Garten.
Der _Graf_ schlief noch immer. -- --
Ihm wars, als säße er in einem Zimmer, von vielen Männern umringt, alle in schwarzer Trauerkleidung. Es war Nacht. Einige Lampen brannten an den Wänden, zwei Kerzen auf dem Tische, an welchem _Florentin_ saß und die schwarzen Männer.
Der _Graf_ kannte das Zimmer nicht und keinen von denen, welche sich mit ihm hier befanden. -- Ihm ward bange, doch faßte er sich, um zu sehn, was geschehn würde.
Man hörte mit einemmale die Thurmglokke läuten, die _Männer_ kamen unter sich in Bewegung und einer von ihnen sagte! »auf Brüder, laßt uns ihn begraben, es eilt die Zeit!«
»Wessen Leichnam wollet Ihr begraben?« fragte _Florentin_.
»»Den Leichnam des alten _Grafen v. Duur_««
»Des alten _Grafen von Duur_? unmöglich, er lebt ja noch.«
»»Er ist gestorben.««
»Seit wenn?«
»»Seit dreien Tagen.««
»Es ist unmöglich sag ich Euch, er lebt noch.«
»»Der Dekkel des Sarges könnte aufgerissen werden, um Euch Lügen zu strafen, allein es ist vor den Spionen des _Herzogs Adolf_ nicht zu wagen.««
Die Leute gingen fort, ein _alter Mann_ blieb nach zurük. Der _Graf_ war wie versteinert. Er hörte das dumpfe Getön von einem Sarge, lehnte sich zum Fenster heraus, sah sich in der Mitte eines Waldes, und die Träger mit der Todtenbaare, beim blassen Schimmer der Windlichter unter den vielen Bäumen verschwinden. »Ras' ich oder träum' ich!« rief der Graf aus.
»»Wollte Gott, ihr träumtet -- dann träumt' _ich auch_, und ich hätte beim Erwachen nichts verloren.««
_Florentin_ sah den Alten an und erkannte seinen treuen Diener _Badner_ in ihm.
»Du auch hier, _Badner_? -- wie, und Du kannst reden? Du warst nie stumm?«
»Was wollt Ihr von mir, Herr?«
»Kennst Du mich nicht?«
»Ich habe Euch nie gesehn, die andern, welche anizt den seeligen Graf von _Duur_ beerdigen, nannten Euch _Vinzenz_.«
»_Badner_!«
»Was wollt Ihr von mir?«
»Sag mir um Gotteswillen sag mirs, rase ich?«
»Euern wundersamen Fragen nach zu urtheilen, könnt' es wohl sein.«
»Ich sehe also nicht recht, höre nicht recht, fühle falsch, alle meine Sinnen hab ich verloren! -- Der Zustand des Wahnsinns, hab' ich mir sagen lassen, gehöre zu den angenehmen, bei mir aber ists nicht so. -- Sag nur, wie überzeug ich mich von meiner Raserei? -- Nicht wahr, Du trauerst?«
»Wie Ihr sehet. Ja.«
»Und wer ist denn _Dir_ abgestorben?«
»Ihr thut ja so fremd, als hättet Ihr so eben erst das Licht der Welt erblikt. -- Wißt Ihr denn nicht, daß die ganze Duursche Familie unglüklich geworden?«
»Bei Gott, nein, ich weis nichts. Durch wen ward sie es?«
»Durch den Stolz, Leichtsinn und die Wollust des Grafen _Florentin von Duur_, welcher die Prinzessin _Louise_, Herzog _Adolfs_ Schwester, entehrt hat. -- Der unglükliche Graf hat schwer gebüßt: er ist heimlich hingerichtet worden. Vorher aber schändete Sr. Durchlaucht aus Rache die Schwester des Grafen, einen bildschönen Engel.«
»Wehe! wehe! Gott, Erbarmer, meine Schwester!«
»Was ficht Euch an?«
»Oh!« --
»Ihr habt Recht zu trauern; es geschieht doch so manches Unrecht in der Welt, welches keine Obrigkeit rüget und rügen darf. Was hatten denn der Oheim und die Schwester _Florentins von Duur_ begangen, daß sie um die Sünden dieses stolzen Wollüstlings büssen mußten?«
Ich begreife den schnellen Wechsel dieser Schiksale nicht. Ich -- ich bin doch _Florentin von Duur_, der Straffällige, aber noch nicht Hingerichtete; ich hätte sterben sollen -- und ich entzog ja dem Schwerdte meinen Nakken nicht!
»_Florentin von Duur_ ist heimlich hingerichtet worden.«
»Nun, so bin ich denn von den Todten erstanden.«
»Ich bedaure Euch, armer _Vinzenz_, um den Verlust Eures Verstandes.«
»_Badner_, und Du dieses Deinem Herrn?«
»Wir haben nie mit einander zu schaffen gehabt?«
»So stehe mir Gott bei, ich bin verwirrt!«
Drittes Kapitel. Zeitungen -- Thränen, Flüche, Marionetten.
Der schreklichste, ängstigendste Traum, welcher je ein Menschenkind plagte, quälte jezt den _Grafen_: Es war ein Gewebe von Wahrheit und Betrug, welches sich nicht von einander trennen ließ.
Bald verließ ihn im Schlafe der Traumgott auf etliche Augenblikke, bald reihten sich wieder andre fürchterliche Szenen vor ihm hin, wovon er Theils Zuschauer, theils Mitspieler war; doch blieb immer ein merkwürdiger Hauptfaden durch das Ganze geflochten, so daß alle untereinander verschiedne Stükke einen gewissen Zusammenhang hatten.
So, zum Beispiel, behielt _Florentin_ immer den Namen _Vinzenz_; die _schwarzen Herrn_ waren seine steten Gesellschafter, u. s. w.
»Was erzählen die Novellen?« fragte einer von den _Schwarzen_ den andern, welcher einzelne gedrukte Blätter auf den Tisch warf, und den _Wirth_ in einer Bierschenke vorstellte.
»Mancherlei!« gab der _Wirth_ zur Antwort, und sezte _Florentinem_ Wein vor.
Florentin ergrif ein Blatt und las mit Erstaunen:
»Seit der Hinrichtung des _Kammerherrn von Duur_, und seiner Verwandschaft, sind neue gräßliche Entdekkungen gemacht worden. Die Prinzessin L** hat nämlich aus Eifersucht und Nebenbuhlerei das unlängst verstorbne Fräulein von G** mit Gift umgebracht, indeß man vorgab, sie sei am Fieber eines natürlichen Todes gestorben. Die Sache ist unterdrükt, und niemand ausser dem Herzoge und dem Hofarzt hat anfänglich davon gewußt.« -- -- --
»Gott im Himmel!« rief _Florentin_ aus! »in was für eine Welt hast du mich gesezt. Unerhörte, schwarze Thaten! die Unschuld wird gemordet, das Laster wird gekrönt, Recht und Unrecht macht jezt keinen Unterschied mehr; die Sünden der Großen werden gepriesen; die Tükke der Finsternis nicht gebranntmarkt.« --
Unterdessen Florentin gelesen, und dies mit tiefem Unwillen gesprochen hatte, waren mehrere _Schwarze_ hereingetreten; sie umringten ihn, und schlugen ein gellendes Gelächter auf.
»O entehrt euch nicht durch dieses Lachen,« fuhr er fort und fühlte sein Gesicht glühen: »entehrt seid Ihr genug, daß Ihr zum geschändeten Orden der Menschheit gezählt worden seid. Allein bei dem lebendigen, furchtbaren Gott über und um uns sei's geschworen, bei diesen meinen Thränen, bei der Asche meiner Schwester, bei der Asche meines guten Oheims sei's feierlich geschworen, ich will die entadelte Menschheit rächen, will Bandit werden gekrönte Teufel zu morden, Aufrührer werden, die Kette zu sprengen, welche die Tyrannei um meine Brüder schlang, Mordbrenner werden, die vom Vermögen der Witwen und Waisen erbauten Palläste niederzustürzen, niederzustürzen auf den Schädel der Blutigel des Vaterlandes! -- Oh! meine Schwester, mein Oheim, -- oh!« --
Jezt trat ein Mann, schwarzgekleidet wie die übrigen, in das Wirthshaus. Er trug einen Kasten auf dem Rükken und bat die Anwesenden, die Zeche für ihn zu zahlen, wofür er ihnen die Künste seiner Marionetten zeigen wolle.
»Wein her! Wein her!« riefen alle aus einem Munde. Der _Wirth_ brachte dem _Puppenspieler_ den Wein; dieser war sofort geschäftig sein Theater zu arrangiren, worauf er den Vorhang öfnete.
»Schaut's, Ihr Herrn, schauts! die Strassen der Stadt _Magdeburg_, wie sie brennen und auflodern in der Glut, welche die Kaiserlichen Feldherrn Tylli und Pappenheim angeschürt. Schaut's welch ein fürchterliches Blutbad. -- Nun werdet ihr sehn, wie ein fliehendes Weib mit ihrem Töchterlein auftritt.«
Weib. Hieher, Kindechen, hieher.
Mädchen. O, Mutter, wohin flüchten wir? siehst Du's wie dort unsre Wohnung lichterloh brennt? Hu, wie da unten die Menschen durcheinander laufen -- da, da sind die Feinde; wie die Spiesse, und Gewehre und Degen am Feuer blizzen!
Weib. Sei ruhig. Steh uns Gott bei.
Mädchen. Was haben wir beide aber dem Feind gethan, daß er uns umbringen will?
Weib. Nichts, gute Unschuld, nichts. -- Aber siehst Du, die grossen Herrn dieser Welt verzürnen sich, und dann müssen die armen Unterthanen für sie bluten.
Mädchen. Ach, die bösen, grossen Herrn!
Weib. Aber über uns, über den Sternen wohnt ein Richter, vor dem auch die Herrn dieser Weit erscheinen müssen. In dessen Händen schwebt eine furchtbare Waagschaale, darin wiegt er die Thränen und Blutstropfen der Unterthanen, und wehe den vergötterten Kriegshelden dort!
Mädchen. Ich habe auch viel Thränen vergossen; die thue der Richter dort über den Sternen auch in die grosse Waagschaale!
Weib. (entfliehend) O, Wehe uns Unglüklichen!
_Florentin_ stürzte jezt vom Weine berauscht wüthend gegen den Kasten und zertrümmerte ihn mit einigen Faustschlägen. »Nein!« brüllte er: »_wehe, wehe den blutdürstigen Fürsten!_«
Viertes Kapitel. Der Traum hat ein Ende.
In einem dunkeln Gewölbe, von keinem sterbenden Lichtstrahl erleuchtet, befand sich _Florentin_ belastet mit Zentnerschweren Ketten. -- Ihm hungerte, und er fand keinen Bissen Brodtes, ihm dürstete, und kein Tropfen Wassers erquikte ihm die Zunge, welche am troknen Gaumen klebte. Er versuchte es umherzutappen und fand sich angeschmiedet.
»O Gott,« sagte er; »Welch ein Wechsel meines Lebens! Hier im dumpfen Kerker soll ich es enden? o, daß es längst beendet wäre!«
»Lange wirds wohl nicht dauern!« brummte eine _Stimme_ durch die Dunkelheit herüber. _Florentin_ horchte hoch auf, und erstaunte hier nicht ohne Gesellschaft zu sein.
»Wer bist Du?«
»_Vinzenz_; eben der, der Ihr seid; ich schrieb ein Trauerspiel wider den Despotism der Fürsten, und Ihr, _Vinzenz_, Ihr _sprachet_ wider Fürsten -- beide sizzen wir also auf fürstliche Gnade, bis an unser Lebensende.«
»Fürstliche Gnade! Ha! _fürstliche Gnade!_ Gott erbarms, wir treffen sie eher bei den Tigern. -- O, o! was hab ich in eingen Tagen erleben müssen? Entlarvt liegt die Welt vor mir da; wo ehmals Elysium blühte, dampft mir eine abscheuliche Mördergrube entgegen, in dem Busen der tauben lechzenden Geierherzen; -- o Gott, Schöpfer, Vater und diese Welt -- diese Welt hast du erschaffen? -- Philosophen nennen sie die _beste_? -- dieses Jahrhundert ist das _aufgeklärte, verfeinerte_? ja doch, aufgeklärtes Jahrhundert, ich erkenne dich, ah, wie fein du weißt deine Laster zu verkappen!«
»»Ihr seid sehr erbittert, Vinzenz.««
»Wenn mein Karakter nicht mehr derselbe ist: so bin ich nicht daran Schuld. -- Ich bin fürchterlich umgestimmt, verwandelt, wie die Welt um mich her. Ich mögte glauben daß ein Traum meine Seele äffe, aber ich fühle, empfinde zu klar. Ein ängstlicher Wirrwarr, den ich nicht aufzulösen fähig bin!«
»»Leider kein Traum, -- alles _Wahrheit_, sag ich Euch! je nun wir wollen und müssen uns in die Zeit schikken.«« --
»Wäre mein Schiksal nur entschieden; Tod oder Freiheit; diese Ohnmacht, diese Sklaverei ist mir eine Hölle!«
»»Vielleicht begnadigt Euch der Fürst!««
»Wenn er es thäte, so löste er seinem Würgengel die Ketten. Ich würde nicht ruhen bis die gemordete Unschuld gerächt wäre; das Schrekken der Großen wollt' ich sein, ihre Geißel in der Hand Gottes.«
»»Ha, ha, ha, Ihr schwärmt, Vinzenz! seid Ihr denn so lüstern nach dem Schnellgalgen, oder Euren Kopf und Rumpf auf das Rad geflochten zu wissen, das wäre denn doch in jedem Falle das Finale Eurer glorwürdigen Thaten.««
Oh! oh!
»»Indessen tröstet Euch, die Rächer der Unschuld schlummern nicht. Aus dem Dunkeln hervor handeln sie; und ihre Streiche treffen gewiß.««
»Wer sind die?«
»»Ihr kennt ja die _Unbekannten_!««
»Ha! die, die der Unschuld Rächer?« --
»Nun ja!«
»O so heb ich meine Hände empor zu Gott, der auch in diesen finstern Gewölben wohnt, und danke ihm. Heil den Unbekannten, und gelobet seien ihre Werke! -- daß sie mich würdigten der geringste unter ihnen zu sein, mein ganzes Leben weihte ich ihren herrlichen Plänen!«
Der Graf weinte jezt, er sezte sich auf den Erdboden nieder, den Ellnbogen auf das Knie, ließ er traurig seine Stirn auf die flache Hand sinken. --
Plözlich öfnete sich eine Thüre linker Hand, ein _ehrwürdiger_ Greis trat herein und verkündete ihm seine Befreiung.
»Ich bin frei?« sagte _Florentin_ und umarmte zitternd den _Alten_, »ich bin frei?«
Der _Alte_ erwiederte nichts, sondern führte ihn aus dem Kerker einige Wendeltreppen hinan an die freie Gottesluft. -- Es war Nacht und freies Feld um ihn her.
»Jezt entflieht!« hub der _Alte_ an, und reichte dem Grafen eine Blendlaterne.
»Entfliehn? bin ich nicht durch die Gnade des Fürsten frei?«
»Nein, das wohl nicht!«
»Durch wen?«
»Durch die Unbekannten!«
»Durch die _Unbekannten_?«
»Wie Ihr höret. -- Auf entflieht!«
»Wohin?«
»Wohin Ihr wollt.«
»Eine Bitte vorher, lieber Alter!«
»Redet, Vinzenz!«
»Führet mich zu den Unbekannten, daß ich ihnen kniend danke!«
»Eures Dankes bedürfen die Edeln nicht.«
»Freilich nicht; aber sollte der Gottheit nicht das Lob des entkerkerten Vögelchens gefallen, welches es in freier Luft zwitschert? wie nun geschweige sterblichen, an Sinnlichkeit geflochtnen Menschen!«
»Gott hört den Lobgesang des Vogels in der Luft, und die _Unbekannten_ vernehmen auch Euern Dank hier, wo wir allein sind.«
»Führet mich zu ihnen, ich bitte Euch, ich will mich ihnen unterwerfen, ihr Diener sein, ihre Pläne ausführen helfen.«
»Alles das waret Ihr schon und thatet Ihr schon, ehe Ihr vom Dasein der Unbekannten wußtet.«
»Ich bitte Euch führet mich zu diesen wohlthätigen Schuzgeistern der armen Menschheit.« --
»Seid Ihr einmal zu ihnen getreten: so hoffet Euer Lebelang nicht von denselben wieder getrennt zu werden.«
»Wohl mir!«
»So kommt.«
_Florentin_ folgte dem Alten, und beide traten nach einer Weile in die Thür eines Hauses.
Es war hier alles rabenfinstre Nacht; die Laterne des Führers warf nur einen blassen Schein auf den Erdboden.
»Hier gehts hinunter!« sprach _Florentins_ Befreier und sties den _Grafen_ einige Stufen hinab. Das Licht der Laterne verschwand hier; der Fremde auch und _Florentin_ stand auf einer finstern Wendelstiege allein.
Ein jeder andre würde Muth und Kraft an der Stelle unsers Freundes verloren haben; er aber, ausser einigen leichten, unwillkührlichen Schauern, empfand auch nicht die leiseste Anwandlung von Furcht; nun einmal gewöhnt an ausserordentliche Dinge, konnte das Betragen des Mannes kaum eine Verwunderung in seiner Seele erwekken; ergeben in seine Schiksale, welche bunt genug durcheinander wechselten, stieg er in die Gruft hinab, sich und seinem Muthe überlassen.
Es währte lange, ehe er das Ende der Schacht erreicht hatte; sodann mußte er sich durch einen schmalen, ungemauerten Erdgang drängen, welcher sich in unzählichen Krümmungen vor- und rükwärts und nach allen Weltgegenden hindrehte. Zuweilen war der Gang kaum breit genug, daß er sich mit angehaltnem Odem durchpressen konnte; zuweilen wieder so geräumig, daß er, sich selbst verlierend, darin umhertaumelte.
Endlich fühlte er das Getön vermischter Stimmen an sein Ohr schlagen; dies gab dem Erschöpften neue Kraft sich bald am Ziele zu finden. Das Geräusch wurde immer lauter. Er unterschied von rauhen, gebietenden Männerstimmen das ängstliche Wimmern Nothleidender, das Aechzen, Stöhnen und verbissene Schreien gemarterter Menschen. Er hörte das dumpfe Gerassel verschiedner Instrumente -- und das alles ihm so nahe zur Seiten, daß er fast jedes Wort verstehen konnte.
Jezt flos ein kaltes Grausen über seinen Leib herab; er schwankte, ungewis ob er vor- oder rükwärts gehn solle, eine Minute, und er verfolgte sodann den, einmal gewagten, unterirrdischen Gang.
Unverhoft sties er bald auf eine eherne Thüre, die sich vor ihm aufthat und wehend hinter ihm zuschlos. Er sah sich in einem kleinen Vorzimmer, in welchem zwei grosse, schwarze Tafeln hingen, mit Namen beschrieben. Auf der einen las er die Ueberschrift: »_Zum Tode Verurtheilte_,« auf der andern: »_zum Glük Bestimmte_.« Unter den Namen der zweiten Tafel sah er auch den seinigen halb verwischt.
Ueber den Eingang zu einem andern Gemach standen die Worte! »_Jesus sei Dein Trost, Wahrheit Dein Hort_« mit goldnen Lettern, und darunter die Jahrzahl 1054.
Weil der _Graf_ hier niemanden gewahrte, welcher ihn zurecht führen konnte, so versuchte er es an sich selber. Er ging in ein zweites Zimmer -- in eine _Todtenkammer_. Schädel, und Köpfe und verdorrte Menschengerippe lagen hier auf der Erde schichtweis hingethürmt; alle Wände waren mit Skeletonen behängt, auf deren braungelben, glänzenden Stirnknochen Namen und Jahrzahlen standen. Das ältste derselben war bezeichnet: »_Bischop Luytbrandt_, 1385.« das jüngste: »_Carolus XII. Rex 1718_.«
_Florentin_ fand kein Behagen lange in dieser schauerlichen Wohnstatt der Verwesung zu zaudern, und begab sich nach einem daranstossenden andern Zimmer, dessen Eingang: »_Blutkammer_,« überschrieben stand.
Er öfnete die Thür und prallte benützt vor dem gräßlichsten Anblik, welchen je die tiefsten Märtergewölbe der Spanischen Inquisition darbieten können, zurük. In allen Winkeln wimmerten Halbnakte; Foltern mancherlei Art waren hier in Bewegung gesezt; dort wurde Pech gekocht, hier Eisen geglüht; warmes Blut dampfte vergossen vom Boden auf. Todte und Halbtodte lagen in schauderlichen Gruppen durch einander hingeworfen, und Unmenschen wühlten mit blutigen Fäusten unter ihnen.
»Was ist das? wo bin ich?« rief erbleicht der Graf aus.
»_Vinzenz_!« antworteten die _Foltrer_: »Ihr seid in der Blutkammer der _schwarzen Brüder_?«
»Wer sind die _schwarzen Brüder_?«
»Die Ihr unter dem Namen der _Unbekannten_ kennt!«
»Wes ist das Blut, das unter mir fließt?«
»Tyrannenblut, _Vinzenz_, Tyrannenblut und Blut der heimlichen Verbrecher!«
»Ha, Heil dem Gerichte der _schwarzen Brüder_!«
Einer der _Foltrer_ führte _Florentinen_ stillschweigends in ein Nebenkämmerchen; hier lag ein schwarzer Habit, welchen der _Graf_ anzuziehn bedeutet ward, darauf öfneten sich zwei Flügel einer Thür; _Florentin_ schritt hinein und stand wie durch ein Wunderwerk verzaubert plözlich in dem schönsten, geräumigsten Saal, von tausend Lampen und Wachskerzen erleuchtet, von lieblichen, romantischen Düften durchbalsamirt.
An den kostbaren Wänden standen symmetrisch einige Tische, mit Erfrischungen besezt, welche _Florentinen_ am meisten lokten, weil ein unbeschreiblicher Hunger, ein siedender Durst seine ängstlichen Lagen noch ängstlicher gemacht hatte. Der, welcher ihn schwarz bekleidet hatte, gab ihm auch die Erlaubnis zu Essen, wozu sich denn _Florentin_ nicht zweimal nöthigen lies.
Die _erste süsse Empfindung_ nach langen, fürchterlichen Augenblikken -- die Stillung seines Durstes und Hungers, und zwar hier, in einem so angenehmen, königlich-schönen Aufenthalte, sicher vor dem Zorn und der Rachsucht des Fürsten! -- -- Eine kindische Freude bemannte sich in dieser Minute des durch tausend Labyrinthe, tausend Schreknisse hieher geführten; Thränen fielen in den Wein; ein gottdankendes Lächeln schwebte in seinem Antlizze.
»Habet Dank, Ihr schwarzen Brüder! Ihr seid auch meine Brüder!« sagte er und erhob sich vom Tische, gesättigt, erquikt und überströmt von den süßesten Empfindungen. Mit einemmale traten von einer andern Seite _sieben und siebzig_ Männer, alle in saubrer, einförmiger, schwarzer Kleidung, in den Saal. Der Angesehenste unter ihnen bestieg einen fünf Stufen erhabnen Thron, überschirmt von einem goldgestikten Baldachin, ausgeschmükt mit einer Pracht, welche nie gesehen worden ist und werden wird, eine Pracht, welche derjenigen nahe kömmt, die wir in _Wielands_ Feenwelten erblikken.
_Florentin_ staunte über diese neue Erscheinung nicht wenig, am meisten aber, als er von ohngefähr das Gesicht dessen erblikte, welcher auf dem prachtreichen Throne sas, und er in ihm -- seinen _Holder_ leibhaftig erkannte. Allein er wagte es doch nicht sich ihm zu nähern.