Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 1/3

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Chapter 13,437 wordsPublic domain

Die schwarzen Brüder.

Eine abentheuerliche Geschichte von M. J. R.

Berlin und Frankfurt, bei Johann Andreas Kunze.

An Friedrich Behrends in M***.

Mein Vetterchen,

Und fragen Sie tausendmal warum ich nichts bessers, nichts allgemeinnüzzigeres, als einen Roman geschrieben habe, so bekommen Sie doch immer eine und eben dieselbe Antwort, daß ich nämlich just einen _Roman_ schreiben wollte, er mögte so abentheuerlich werden, als er es wolle. Zweitens, weil der größte Theil heutiger Leser nur nach dieser Waare am liebsten zu fragen gewohnt ist, und sie theils in Privatbibliotheken, theils in Lesezirkeln, theils in Lesebibliotheken aufnimmt. Drittens, weil doch auch ein Roman, wenn er nur irgends seinen Mann zu unterhalten weiß, seinen Nuzzen haben kann, aut negative aut positive.

Frage: wie so? -- Antwort: weil er, erstlich, hin und wieder auf einen guten Akker ein gutes Saamenkorn streuen kann. Zum andern dient er wenigstens als ein Etwas wider die traurige Langeweile. Ein fetter Landrath vergißt vielleicht über das Lesen einen neuen Anschlag auf die Kasse seiner reichen Bauern, welchen er in langweiligen Minuten ausgegrübelt hatte. Eine verliebte Donna besinnt sich vielleicht in Rüksicht ihres Galans, der unmöglich ihr ehelicher Gemahl werden könnte, eines bessern. Ein runder, orthodoxer Beisizzer des hohen Sinedriums läßt vielleicht, vertieft in meine Plaudereien, einen braven freidenkenden Schriftsteller durchschlüpfen, dessen zum Druk bestimmtes Manuscript sehnlich nach einem vidi von der Hand des Zensors schmachtet. -- Eine alte zänkische Tante sieht vielleicht einem liebenden Mädchen durch die Finger zu, und willigt von Herzen in Verlobung und Hochzeit, indem sie hoft, der arme Bräutgam werde mit Gottes Hülfe doch auch noch einmal ein Herr von Sorbenburg. -- Ein junger Autor nimmt sich vielleicht beim Lesen meines Romans vor ein unsterblicheres Werk hervorzubringen, als das meinige ist. -- Ein Rezensent erwirbt sich vielleicht, um die deutsche Litteratur ein unendliches Verdienst, wenn er meinen armen, abentheuerlichen Roman zum abentheuerlichsten Popanz, zum Vögelscheu und furchtbaren Merkzeichen für alle und jede macht, welche sichs einfallen lassen mögten ein Romänchen zu verfertigen. -- --

O sehn Sie doch wie viel _Vielleichts_! wie einen großen Nuzzen mein Buch bewirken _kann_! -- Doch der größte ist und bleibt, daß ich Gelegenheit habe Ihnen auch hier zu sagen, wie sehr Sie liebt, bewundert und achtet.

_Der Verfasser._

Inhalt dieses Bändchens.

Erster Abschnitt.

Erstes Kapitel. Der rothe Mantel. 1 Zweites Kapitel. O, der glücklichen Nachwelt. 6 Drittes Kapitel. Der Onkel beweis't, daß er Graf sei. 16 Viertes Kapitel. Und -- das ist Liebe! -- -- -- 28 Fünftes Kapitel. Ein langes Gesicht. 36 Sechstes Kapitel. Der Onkel in der Komödie. 45 Siebentes Kapitel. Ein Adelsbrief -- Ein Rittergut -- Verlobung und -- -- 51

Zweiter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Auch Prinzessinnen haben Herzen. 55 Zweites Kapitel. -- -- Und wen? -- -- 64 Drittes Kapitel. Der arme Florentin! 69 Viertes Kapitel. Einige Damen werden behorcht. 75 Fünftes Kapitel. Das Strumpfband. 82 Sechstes Kapitel. Ein sonderbares Phänomen. 100 Siebentes Kapitel. Eine Schäferstunde. 106

Dritter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Hofnungen von Italien her. 115 Zweites Kapitel. Das Wort an einen Fürsten. 123 Drittes Kapitel. Supplement zum Vorigen. -- Ein Schrek. 136 Viertes Kapitel. Wer so stirbt, der stirbt wohl! 143 Fünftes Kapitels Schwärmereien Augustens von Gülden. 152 Sechstes Kapitel. Der Donner aus der Ferne. 162 Siebentes Kapitel. Das Gewitter zieht näher heran. 172 Achtes Kapitel. Eine Episode. 183

Vierter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Holder erscheint wieder. 187 Zweites Kapitel. Ein Traum. 195 Drittes Kapitel. Zeitungen -- Thränen, Flüche, Marionetten. 205 Viertes Kapitel. Der Traum hat ein Ende. 210 Fünftes Kapitel. Gute Nacht, Florentin. -- Auch ein Postscriptum an den Leser! 227

Die schwarzen Brüder.

Erster Abschnitt.[A]

Erstes Kapitel. Der rothe Mantel.

Es war ein fürchterlicher Abend; ein Donnerschlag verjagte den andern; der Sturm pfif über die Felder und entwurzelte Eichen, der Regen schos so dicht und häufig, daß es ein Wolkenbruch zu sein schien.

[Fußnote A: In einer Gesellschaft von Freunden und Freundinnen erzählte ich einmal die Geschichte, welche izt vor den Augen meiner Leser liegt, aber ich wußte meist, daß ein _Teufel_ mich belauschte, welcher so boshaft war, das Schema meiner Erzählung in seinem im Januar dieses Jahres erschienenem Buche, dem _Schriftstellerteufel_, als eine ungeheure Wichtigkeit wiederzuplaudern. Dies nur für manchen Kritiker. Uebrigens mögt ich doch den Herrn Verf. obengenannter satyr. Schrift näher kennen lernen, denn solch ein Behemotsgesicht, als seinem Buche vorgestochen ist, hab' ich nie unter meinen Freunden und Feinden erblikt.]

»Mein Gott!« keuchte der alte _Graf von Duur_, der sich auf der Jagd verspätet hatte, vom Sturm Regen und Donnerwetter plözlich überfallen war, und nun um alles in der Welt gern auf seinem Landschlosse zu sein wünschte: »Mein Gott, das stürmt ja alles auf mich armen Schach ein, als bräche der jüngste Tag auf! -- Mein Odem ist weg, mein Seel, ich erstikke, wenn ich nicht bald zu dem verwünschten Schlosse komme!« Der Leser mus wissen, daß der alte Herr etwas schwer vom Leibe war.

»Verwünscht, daß ich auf die Jagd hinauswatschelte; aber wer konnte das leidige Ungestüm riechen? und obendrein keinen Sperling geschossen! was der _Bastholm_ nun lachen wird!«

Der gute, alte Mann hatte nämlich mit dem benachbarten Gutsbesizzer, dem Herrn von _Bastholm_, um zehn Flaschen Tokaier gewettet, wer den Tag das meiste von der Jagd heimbringen würde.

Und die arme _Friedrike_! was das Mädchen sich ängstigen wird, wenn sie mich nicht zurükkommen sieht in dem Ungewitter! »Hätt' ihr wohl die Sorge ersparen können.«

_Friedrike_ war die Niece des alten Grafen; Er erzog sie selbst, liebte sie mehr als eine Tochter; denn er war ohne Kinder, und Friedrike ohne Eltern.

»Ah, poz Henker und was mir da einfällt, _Florentin_ kömmt ja, nach seinen Briefen, heut von der Universität zurük! He, Alter 's war ein erzdummer Streich mit deiner Jagd! da ist der Junge vielleicht schon in meinem Zimmer, da liegt er wohl schon dem Mädchen in den Armen, die sich nicht satt sehen und satt küssen kann an ihrem Bruder! -- 's ist doch der Mensch manchmahl zu erzdummen Streichen geboren! --«

Er verdoppelte jezt seine Schritte, um spornstreichs seinem Neveu in die Arme zu fliegen, aber er rannte sich bald ausser Athem, und war gezwungen mitten im Regen seinen gemächlichen Spazierschritt beizubehalten. Hier soll er zum erstenmahl auf seinen stattlichen Bauch böse geworden sein.

»Länger halt ich's nicht aus! es ist zu arg, bin nas am ganzen Leibe und die Straße ist ein wahrer Mordweg! -- Meine Perükke ist, Gott sei bei uns, auch --« --

Hier schwieg er plözlich still, denn er gewahrte einer Gestalt, die dicht hinter ihm herschritt. Ihm kam ein Grausen an. Es blizte -- er sah sich in eben dem Augenblik um, und erblikte den hinter ihm Wandelnden von oben bis unten blutroth.

Seine Angst vermehrte sich bei jedem Athemzuge, er sprang in einen Nebenweg, den er entdekte, und der fremde Bluthrothe sprang ihm nach. -- »Hier soll's irre gehn, ich hab's oft gehört!« dachte er bei sich, und dehnte seine Füße von einander zur Flucht. Kaum war er vier Schritt gelaufen, so glitschte er auf dem schlammigten Fußsteig aus und fiel.

Es blizte. Die Gestalt stand neben ihm, faßte ihm mitleidig unter die Arme und hob ihn auf.

»War der Fall hart?« fragte der Fremde.

»Ich fühle nichts!«

»Ist nicht ein Wirthshaus, oder ein Dorf in der Nähe wo man untertreten könnte?«

»Ich denke -- ich denke nicht weit.«

»Es ist ein grimmiger Regen, doch bin ich solcher Witterung vielleicht mehr gewohnt, als Sie. Sie dauern mich, Kann ich mit meinem Mantel aufwarten!«

»Wo wollen Sie hin?«

»Kann ich mit dem Mantel aufwarten?«

»Er -- oder Sie brauchen ihn ja selbst!«

»Wenn Sie ihn wollen, nicht mehr.«

Sprachs, und ihn dem seufzenden Edelmann um, der tausendmahl dankte.

»Nun werden Sie ja nas.«

»Meine Kleider verderben nicht!«

So dialogisirten sie sich eine ziemliche Strekke Weges fort. Dem Grafen war die Gespensterfurcht verschwunden, und der Fremde hatte nun einen Leitsmann. -- Mit einemmale hörten sie einen Wagen auf sich zu fahren.

»He da! guter Freund, wohin?« rief der nunmehrige Mantelträger dem Fahrenden zu.

»Ach Gott, gnädiger Herr, sind Sie's selbst. Steigen Sie doch ein, ich hin schon eine halbe Stunde lang herumgefahren, um Sie zu suchen und nach Haus zu bringen!« antwortete der Kutscher. --

Keiner segnete den Himmel hierum mehr, als der alte Graf. Er stieg ein, und zog den Fremden hinter sich her. »Sie haben mir, sagte er, Ihren Mantel geliehen, izt leih' ich Ihnen meine Kutsche. Hurtig herein!«

Sie fuhren beide fort, und in wen'ger Zeit stiegen sie im Schlosse ab. Der Graf zog den Fremden immer hinter sich her; schleppte ihn in sein Schlafzimmer, ließ durch den Bedienten zwei Schlafrökke, Pantoffeln, Mützen u. s. f. bringen; sie kleideten sich um und nun schob der Alte den Fremden in das Visitenzimmer.

Zweites Kapitel. O, der glüklichen Nachwelt!

Hier war eine kleine, angenehme Gesellschaft vorhanden welche voller Ungedult auf den braven _von Duur_ wartete. Nun trat er herein, und mit einem wilden: »O, mein Onkel!« stürzte ein schlanker Jüngling ihm um den Hals, indessen der Alte freudelallend tausendmahl stammelte: »Mein _Florentin_!« -- Fräulein _Friedrike_ war mit den andern Gesellschaftern näher getreten; stillschweigend standen sie alle um die Gruppe des _Onkels_ und des _Neffen_, die lange unbeweglich in eins zusammengekettet blieben. Dem Jüngling flossen einige Thränen vom Auge; der Alte fühlte es, ihm brach das Herz, und er weinte; die Zuschauer wurden gerührt.

»Nehmt's mir nicht übel,« hub der Greis an, indem er die grauen Wimpern troknete, und sich zur Gesellschaft wandte: »nehmt's mir nicht übel, alte Leute sind so leicht, als Kinder zum Weinen zu bewegen. Ich hab' den Jungen nun seit drei Jahren nicht gesehn; hab ihn nicht früher sehn wollen, um meine Freude zu vergrößern -- aber nun, wahrhaftig nun ist sie zu gros.«

Worte machen das Herz leicht und Thränen; man sah ein, daß es nicht wohl anging den ganzen Abend in dieser Attitüde zu verbleiben -- also wurden einige Komplimente gewechselt und Entschuldigungen hervorgebracht.

»Unser freundschaftlicher Kreis ist unvermuthet heute vermehrt worden,« sagte nachher der _Graf_, und trat zu dem Fremden, der indes still an der Thür stehen geblieben war: »Seht hier Kinderchen, einen neuen Gast, einen Reisenden, den ich unterwegs im Donnerwetter, oder vielmehr, der mich antraf, und so brav dachte, mir altem Manne seinen Mantel aus freien Stükken anzubieten, um mich wider den Sturm zu schüzzen. Es ist, mein Seel, brav gedacht!«

Der _Fremde_ trat näher unter einigen modischen Verbeugungen, und stammelte seine Entschuldigungen. Es war, beim Lichte betrachtet, ein edelgebauter, sogar schöner, junger Mann von ohngefähr sieben und zwanzig Jahren. Sein Anstand verrieth Erziehung, seine Sprache Geist und Welt. Ein unvergänglicher Ernst wohnte auf seiner Stirn, schimmerte selbst durch sein freundlichstes Lächeln. Friedrike meinte, es wäre Melankolie.

Gemach wurde der Ton lebhafter, die Gesellschaft gemischter: den _Fremden_ nahmen zwei ältliche Damen in ihre Mitte, _Friedrike_ hing an ihrem Bruder _Florentin_, und der _alte Papa_ kapitulirte scherzend mit dem Herrn von Bastholm wegen des Tokaiers.

»Nun, und was haben Sie denn geschossen, Herr von _Bastholm_ zu Bastholmshausen? Ha, ha, ha!«

»Immer doch mehr, gnädiger Herr Graf von _Duur_ zu Duurshausen, ha, ha, ha, doch immer mehr, als Sie!«

»Nun, mein Seel, ich hab' ja keinen Mükkenflügel geschossen -- und das Gewitter -- --«

»Den Tokaier aus dem Keller!«

»In Ernst, Brüderchen, sag mir doch, was hast Du denn ergattert?«

»Wie gesagt, immer mehr, als Du. -- Sieh doch her -- eine Schnepfe! ha, ha, ha!«

»Ha, ha, ha, ha! ja, dann hab ich freilich die Wette verlohren!«

Beide lachten sich beinahe ihrer Wette und Jagd willen krank. Inzwischen war die Tafel gedekt; man sezte sich und as.

»Apropos,« fing der _alte Graf_ an, dem nichts lästiger war, als lange schweigen: »der Postmeister hat doch die Zeitungen schon herübergeschikt, Rikchen?«

»Ja. Nur gelesen hab ich sie noch nicht.«

»Höre Bruder _Bastholm_, der Erbprinz ist total kurirt, reitet schon wieder aus und manövrirt mit seinen Soldaten!«

»Weis wohl, lieber Graf; aber daß die dasigen Aerzte sich durch einen vorbeireisenden Fremdling mußten beschämen lassen, das ist doch 'ne schrekliche Blame für sie.« --

»Nicht so sehr Blame,« flüsterte ein _junger Landedelmann_ über die Tafel herüber: »Wenn die Ärzte schon das meiste gethan hatten, konnte der Reisende wohl sein Heil versuchen.«

»Um Verzeihung,« rief der _Graf_: »der Prinz verschlimmerte sich täglich, und die Mediciner gaben, laut den Zeitungen, schon sein Leben auf. Und dazu kömmt noch, daß der Heiland des Prinzen sehr jung gewesen sein soll!«

»Ein alter, steinalter Mann war's,« flüsterte jener: »ich hab's aus Briefen. Er heißt _Ludwig Holder_. Sie sehen, ich weiß es genau.«

»Oho!« fing eine der ältlichen Damen an, »ein _Bürgerlicher_, der Sr. Durchlaucht kurirte? unmöglich, daran sieht man's! wenns die Hof- und Leibärzte, der Herr von _G**_, der Herr von _F**_ nicht im Stande waren -- --«

»Ganz recht, gnädige Frau,« brummte eine Basstimme von der andern Seite des Tisches; »ganz recht! überhaupt, sollte man solchen herumstreichenden Quaksalbern nie das Leben einer fürstlichen Person anvertrauen, und die Renommée der übrigen Aerzte verderben lassen. Wenn ich Herzog wäre, so -- --«

»So würden Sie lieber sterben,« fiel _Florentin_ der Basstimme ins Wort: »als sich von einem unanseßigen Arzt retten lassen! da thäten Sie, wenn Sie Herzog wären, sehr wohl daran!«

Alle lachten, der _Baßist_ selbst lachte, auch der _Onkel_, der den bittern Scherz gern mit einem drohenden Finger bestraft hätte, wenn ihm nicht der Junge noch zu lieb und zu neu gewesen wäre.

Man stand auf. Die Spieltische wurden vorgerükt; die Pfeifen angezündet; das Fortepiano geöfnet. Jeder suchte seinen Gesellschafter: alles mischte sich von neuem durch einander. _Florentin_ unterhielt einige Damen mit städtischen Moden, und sezte sich zugleich zum L'Hombre nieder; _Bastholm_ und der _Onkel_ spazierten auf und ab; _Friedrike_ spielte ein Lied von _Reichard_, und der _Fremde_ stand horchend hinter ihr auf den Stuhl gelehnt. -- Kaum war der lezte Silberton des Gesanges verhallt: so lispelte der _Unbekannte_ ihr ein: »Sie spielen vortrefflich!« zu. Das gute Mädchen, das Modell zu einem weiblichen Bilde der Unschuld, erröthete, und erwiederte sehr naiv das Kompliment. Der _Unbekannte_ bat sie weiter zu spielen, und das Mädchen konnt' es ihm nicht versagen.

»Er ist ja fremd,« dachte sie bei sich: »und blos, weil er fremd ist, darf ich ihm nichts abschlagen, warum er mich auch bäte.« Sie spielte; alles wurde still im Zimmer; die mehrsten, welche in kein L'Hombre verflochten waren, umringten den _Fremden_ und die Fortepianospielerin. Die Blike des _Fremden_ ruhten auf des Mädchens Angesicht, und der alte _Onkel_ beantlizte indessen sehr gemächlich den neuen Gast.

»Hören Sie,« sagte der _Greis_, da _Friedrike_ ausruhete: »hören Sie, Sie müssen mir die Neugier nicht böse deuten: -- darf ich fragen, wie Sie heißen?«

Der _Fremde_ ward verlegen und stokte.

»Sehen Sie nur, der Himmel hat uns so wunderbar durch den _rothen Mantel_ einander bekannt und verbindlich gemacht, daß es unverzeihlich wäre wenn ich nicht einmal nach Ihrem Namen fragte. -- Na, ich bitte Sie, wie beißen Sie?«

»Ludwig Holder.«

»I, Mordhimmeltausend noch einmahl! _Ludwig Holder_? Sie sind doch nicht -- --«

»Ich bins.«

Alles war nun in eben der Minute aufgeflogen und um den _Fremden_ gedrängt.

»Um Gotteswillen!« rief _Florentin_ in eben dem Moment: »laßt mich durch, er ists! eben der Holder ists, der mir das Leben gerettet hat!« sprachs, und hing dem erstarrten _Fremdling_ am Halse.

»Der Teufel, was ists denn?« rief die bewußte Basstimme, und kam näher heran.

Jeder stierte mit Augen der Verwunderung den _Unbekannten_ an -- alle standen groß und klein in einem Kreise um ihn gedrängt, und man konnte auf den Lippen eines jeden ein Duzzend bescheiden unterdrükter Fragen lesen.

»Nun was hast Du denn mit Herrn _Holder_ zu schaffen gehabt? -- das Leben, sagst Du, hat er Dir gerettet?«

»Das hat er:« gab _Florentin_ dem _Onkel_ zur Antwort: »und hören Sie nur, wie? -- Im Winter vor zwei Jahren lokten mich einige gute Freunde auf das Eis hinaus, um in ihrer Gesellschaft auf Schlittschuhen den zugefrornen Fluß hinunter nach einem benachbarten Dorfe zu laufen. Ich schlug es nicht ab, allein eben dieses gefährliche Vergnügen, welches so mancher Jüngling schon mit seinem Leben bezahlt hat, kostete auch mir das meinige beinahe. Als die andern schon ins Dorf gegangen waren, kreuzte ich nur allein noch auf den Spiegelflächen des Eises umher, bald links bald rechts. -- Mit einemmahle fühlte ich das Eis unter mir einbrechen, und sah ich von allen Seiten durch die Spaltungen das Wasser hervorquellen. Ein Schauder überfiel mich, meine ganze Besinnungskraft war verlassen -- ich sah ängstlich nach Rettung umher, und gewahrte in der Ferne einen Menschen auf dem Eise, -- ich wollte ihm zuwinken, ihn um Hülfe anrufen, aber ich war schon untergesunken und in dem Augenblik bewußtlos. Und dieser Holder sah mich sinken, mit der Gefahr seines Lebens erhielt er das meinige; kaum hatte er aber dies gethan, als er sich entfernte, dem Dank auszuweichen. Aber izt dank ich ihm in der Mitte meiner Verwandten, die mich durch ihn, zurükempfangen.«

Der _Onkel_ sprachlos vor Erstaunen und Freude umarmte den wohlthätigen _Unbekannten_, jeder folgte ihm darin nach, die Damen lispelten ihm etwas Verbindliches und Rikchen drükte ihm sogar die Hand.

»Nu, was zu bunt ist, ist doch zu bunt!« rief der alte Graf, nachdem der erste Taumel vorüber war. »Wir müssen mehr davon plaudern; allons, Stühle zusammengerükt und die Pfeifen wieder angezündet! -- I, i, in aller Welt, wie hätt' ich mir das träumen lassen können!«

»Mich wundert's nur,« sagte die ältliche Dame; »daß Sr. Durchlaucht den Herrn _Holder_, wegen der glüklichen Kur, nicht in den _Adelstand_ zu erheben geruht haben.«

»Ja wohl,« sprach der Onkel treuherzig: »in den _Grafenstand_ hätt' ich den wohl erhoben, der mir das Leben gefristet hätte. Das nenn' ich mir doch Undankbarkeit!«

»Was und wozu Adel- und Grafenstand?« rief _Florentin_ enthusiastisch dazwischen: »all das Flittergepuz kann doch den Mann von Talenten nicht um ein Haar größer machen. Ich gäbe meine gräflichen Insignien mit tausend Dank obendrein hin, wenn ich mir auf solche Art Welt und Nachwelt verpflichten könnte. _Holder_ fühlt sich gewiß schon darum belohnt, weil er, und kein andrer, _Holder_ ist. Und was es am Grabe unaussprechlich süß sein muß wenn man sagen kann: _die Welt ist mir mehr, als ich ihr schuldig!_ --«

»Wie der Junge nun da schwärmen kann!« fing der _Onkel_ an: »aber trösten Sie sich, Herr _Holder_, die Welt anjezt ist einmal so undankbar, so arg -- wir machen uns bei der Nachwelt Schande über Schande. Nicht dumm, nicht eigensinnig war das XVIII. Jahrhundert, werden unsre Nachkommen sagen: sondern schnurgeradehin toll war's. Wenn ich's so recht bedenke, mein Seel, so ärgert's mich, daß ich nicht vier, fünf hundert Jahre später lebe -- dann muß es doch alles ganz anders geworden sein. O, die _glükliche Nachwelt_!«

So schwazte man den Abend hin; bis die Gesellschaft aus einander schied, und jeder sich in die weichen Arme des Schlafes warf.

Drittes Kapitel. Der Onkel beweiß't daß er Graf sei.

_Florentin_ schlief seit drei Jahren zum erstenmahle wieder in den väterlichen Zimmern, wo er die Freuden seiner Jugend empfand, als Kind mit der Puppe spielte, als Knabe den Nepos las, und als Jüngling hohe schwindelnde Entwürfe in seinen Träumen realisirte.

Als das Morgenroth durch die zitternden Gardinen seines Fensters spielte, sprang er auf vom Lager, wikkelte sich in seinen Schlafrok und öfnete den Flügel eines Fensters.

Wie schön die Natur nun da ausgegossen lag vor seinen Bliken, erquikt durch das vergangne Gewitter. Eine Sonne emporschwimmend hinter den fernen, blauen Waldeswipfeln; eine Sonne an jedem bethauten Hälmchen! -- Jeder Strauch, jeder Baum, jedes Geländer war ein alter Bekannter; jedes Thal, jeder Hügel, jedes umbüschte Bächlein ein Mitkundiger seiner vergangner Freuden.

Nein, denkt er, nirgends scheint doch unsers Herrgotts Sonne, So mild, als da, wo sie zuerst mir schien. So lachend keine Flur, so frisch kein andres Grün!

Du kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen, Den ersten Schmerz, die erste Lust empfand, Sei immerhin unscheinbar, unbekannt, Mein Herz bleibt ewig doch vor allen dir gewogen, Fühlte überall nach dir sich heimlich hingezogen, Fühlt selbst im Paradies sich doch aus dir verbann![A]

Jezt schmiegten sich an die rosigen Bilder seiner Kindheit die Szenen von gestern. _Onkel_, _Rikchen_, und der unbekannte _Holder_! -- Alles alte Bekannte und alte Lieblinge seines Herzens, und ihm izt noch so neu, so lieb, als hätt' er gestern erst mit diesen schönen Seelen den Liebesbund geschlossen. --

Der _Fremde_ ging über ihm schon auf und nieder; _Florentin_ säumte also keine Minute, zu ihm hinauf zufliegen, und den wärmsten Morgengruß zu grüßen.

Florentin. Sie sind schon früh auf?

Holder. Nicht sehr früh -- ich habe seit einer halben Stunde aus dem Fenster gesehen.

Florentin. Nicht wahr, ist es nicht ein schöner Morgen und eine schöne Landschaft?

Holder. Sie haben recht; besonders wenn die Seele so hell, als dieser Morgen, und so erquikt und heiter, als diese Landschaft ist. -- Ich empfand sehr viel, als ich die prächtige Natur so in ihrem Erwachen belauschen konnte. -- Und dennoch, glaub ich, nahmen meine Empfindungen einen ganz andern Weg als die Ihrigen; -- ich bin _traurig_ geworden.

[Fußnote A: Der Oberon, neue Aufl. v. 1789, Stanze 21 und 22, Gesang IV. Seite 75.]

Florentin. Kann Freude die Mutter des Schmerzes sein?

Holder. O wie so leicht, Herr Graf! -- Warum, dacht ich, leben in einer so schönen Welt so häßliche Seelen? Warum sind doch mit der größten Vollkommenheit die größten Mängel verbunden! --

Florentin. Eben dies gehört vielleicht mit zur Vollkommenheit -- und sind diese Mängel Unvollkommenheiten, nun wohl, so dürfen wir hoffen daß sie, so wie tausend Mängel vor uns, auch noch nach uns ausgemerzt werden. Wir stehen zwischen Tag und Nacht -- die Nacht ist vergangen, der Morgen graut schon, und den Genossen des künftigen, spätern Zeitalters ist's vielleicht aufbehalten den Mittag in vollem Glanze zu sehn. --