Die Schwägerinnen. Erster Theil.

Part 8

Chapter 83,443 wordsPublic domain

Im höchsten Schwunge seiner geistigen Kräfte legte Constanz die weite Reise zurück, und erreichte mit dem Ziel auch die Absicht. Er erstaunte selbst, wie leicht ihm alle Schwierigkeiten zu beheben gewesen; ein Gott hatte ihm Flügel geliehen, und den Schlangenstab der Klugheit. Er glaubte die Zufriedenheit des Gesandten bestens verdient zu haben, und in diesem kühnen Vertrauen fügte er daher seiner Meldung dessen, was er ausgerichtet, die Bitte bei, daß der Gesandte seine Verbindung mit Theresen genehmigen und die schriftliche Zusicherung ihm ohne Säumen entgegen senden möge. In der gewissen Voraussetzung, daß dies unverweigerlich geschehen werde, kam Constanz nach Polen zurück. Er fand eine so leidenschaftliche Aufnahme bei seiner Braut, als wäre seine Wiederkehr ihr dennoch zweifelhaft gewesen. Mit Thränen sagte sie ihm, er komme zur rechten Zeit, denn seit dem vorigen Tage lag die Mutter im Sterben und konnte nicht enden.

Bonaventura hatte indessen mit treuer Umsichtigkeit alles vorbereitet. Ein Weltgeistlicher in der Nähe war durch seine einfache Ueberredung gewonnen, die jungen Leute zu copuliren. Er war eben anwesend, und vertrat die Stelle eines Arztes für Leib und Seele zugleich. »Mein werther Herr,« sagte der Priester höflich zu Constanz, »ich verstoße gegen ein Staatsgesetz, wenn ich Sie ohne vorhergegangene Proclamation traue; aber -- =inter arma silent leges= -- sagen wir Lateiner, und ich verhoffe, Sie werden mich in so fern gegen alle Verantwortung sichern, daß Sie mir einen Schein ausstellen, worin Sie Sich verpflichten, jeden Einwand vertreten zu wollen, welcher möglicher Weise dieser Heirath mit Fug und Recht gemacht werden könnte. -- Unter dieser Bedingung will ich mein heiliges Amt zu Gunsten Ihres Wunsches üben.« --

Constanz, im Gefühl, von Seiten des Gewissens völlig frei zu seyn zu diesem Schritt, verstand sich gern dazu, und der Geistliche beschied sie für den nächsten Morgen in eine kleine Capelle auf der Hälfte des Weges. Bis dahin, meinte der todeskundige Mann, -- würde die Mutter des Fräuleins ausgelitten haben.

Aber als der Morgen erwachte, lag die Hochzeitmutter noch in Agonie. Es war eine schauerliche Stunde, die der Einsegnung. Der Sturm sausete unheimlich durch den Wald, das morsche Kirchlein wankte, die Lichter wollten verwehen, der Regen rauschte herab, die Braut schwamm in Thränen --, kein Zeuge war zugegen, als der Meßner und Gott! --

Sie kamen nach Hause; kein fröhliches Mahl war ihnen bereitet. Constanz sah ängstlich nach der Uhr, deren Zeiger, gleichgültig gegen die bange und dringende Erwartung umher, unaufhaltsam weiter rückte, und fand, daß seine Zeit abgelaufen sey. Nur jene Körner wollten nicht ausrinnen. Da bat Bonaventura, daß man ihm eine Vorstellung erlauben möge. »Meine Dame,« sagte er, »kann nicht sterben, so lange Sie hier gleichsam auf dem Sprunge stehn. Ist es doch mit einer Frau in Kindesnöthen gerade so. Die kann auch nicht genesen, wenn darauf gewartet wird, und der Tod soll ja eine neue Geburt seyn. -- Ueberlassen Sie die Verscheidende mir; ich bleibe bei ihr, _ich!_ es ist mein letztes Geschäft auf Erden.« Der gute Alte legte das ganze Gewicht seiner treuen Gegenwart in einem zitternd aushaltenden Accent auf dieses Wörtchen.

Constanz fand, daß er Recht hätte. Er gab ihm eine volle Börse und unbedingte Vollmacht. Dann beugte er sich weich über das stille Lager der Mutter, die langsam zwischen schweren Pausen athmete, und keinen Blick des Segens für ihren Eidam hatte. Therese küßte schluchzend ihre schlaffe Hand, fühlte aber auch nicht den leisesten Druck der Liebe mehr -- und nun rollte der Wagen vor und fort. Kaum waren sie an ein steinern Kreuz gekommen, eine Viertelstunde von dem Oertchen und so gelegen, daß es einen Rückblick darauf gewährte, so sahen sie ein weißes Tuch vom Giebel wehen. Constanz bemerkte es zuerst. Er sagte ernst: »Bonaventura giebt uns ein Zeichen, die Mutter wird verschieden seyn. -- Denke nur, sie schläft etwas tiefer wie bisher, und hat alles Leid auf ewig vergessen.« Und Therese dachte wirklich so. Die junge Frau nahm also über die Grenze ihres zerrissenen Vaterlands, wenn auch grade kein zerrissenes Herz -- dazu war der natürliche Verband mit ihrer Mutter nicht innig genug gewesen -- doch ein völlig aufgelös'tes Familien-Verhältniß, und keine andere Mitgift, als frühe Gewöhnungen, wie sie den Damen dieser Abkunft eigen sind. Es war, als hätte ein günstiges Geschick dies harmlose Wesen in die Arme der Liebe vor den Schauern des Grabes und der Pflicht zu trauern, retten wollen.

Seltsam genug bemächtigte sich des jungen Ehemanns jetzt, in der gesicherten Erfüllung seiner leidenschaftlichen Wünsche, der Zweifel, was der Gesandte zu dieser Heirath sagen werde? Vorher war Constanz der Zustimmung, ja des Beifalls seines Gönners gewiß gewesen. So verändern sich unsere Ansichten Anderer mit jedem unserer eigenen Schritte. Es gereichte ihm wie zum Trost, daß die Macht der Umstände ihn zu diesem, den er rasch gethan, gedrängt hätte. Er fühlte sich in einer geheimnißvollen, aber um so bindenderen Verwandtschaft zu seinem väterlichen Freunde, und bedurfte nur -- so däuchte es ihm -- das Siegel der Bestätigung zu erblicken, um Theresen mit jedem Recht als Gattin an seine Brust zu drücken. Doch kein Brief gab Antwort auf diese Frage, und mit wachsender Unruhe eilte Constanz einer endlichen Entscheidung entgegen. Eine leichte Unpäßlichkeit Theresens hielt die Reise um ein paar Tage auf, und ihr Gemahl fühlte, daß eine Frau Rücksichten erfordere, welche den Mann nicht fördern.

So waren sie in das Städtchen Leidthal gekommen und hielten an der kleinen Posthalterei daselbst. Constanz hatte auf dem letzten großen Postamte abermals kein Schreiben angetroffen. Er war jetzt resignirt -- es mußte etwas von besonderer Wichtigkeit vorgefallen seyn; nichts war ihm dringender, als nur so bald als möglich an Ort und Stelle zu gelangen. Therese theilte diese Ungeduld indeß nicht. Die reizende Lage der kleinen Expedition, eine vollblühende Jelängerjelieber-Laube, welche den ländlichen Vorplatz schmückte -- eine Pilgerruhe der Passagiere -- entlockte ihr den Wunsch, hier einige Stunden ausruhen zu können, und Constanz zeigte sich gefällig dafür. Er trat zu dem Postmeister, als dieser im Begriff stand, das Felleisen auszupacken. Da sprang die ersehnte Handschrift ihm in die Augen, ein Brief an ihn vom Gesandten. Constanz beglaubigte sich, als den Empfänger. Er riß hastig in das Papier -- aber der Inhalt zerriß das Blatt seiner Hoffnung noch heftiger. Sein Gönner schrieb ihm: ein Ereigniß von größter Bedeutung habe ihn genöthiget, seinen Standpunkt zu verlassen und nach dem Süden zu gehen. Er werde die Tour über B. -- nehmen, woselbst er seinen Secretair erwarte, der ihn auf dieser Reise begleiten müsse; die Dauer dieser Reise wäre vorläufig nicht zu bestimmen, und hinge von Umständen ab, welche schwebten. Constanz sollte daher sein Eintreffen dort, so viel als möglich beschleunigen, der Gesandte harre sein. Was die fragliche Parthie anbeträfe, so werde dieser Punct zu gelegener Zeit zwischen ihnen zur Sprache kommen. --

Dieser Brief war in dem Tone jener Superiorität abgefaßt, die stets ein Vorbehalt Derer bleibt, welche in ihrer Persönlichkeit die Freundschaft mit der Protection für uns verbinden. Constanz war durch die frühesten Eindrücke für diesen vornehmen Ausdruck empfänglich geworden. Er war dem Gesandten in den zartesten Beziehungen verpflichtet: denen der Dankbarkeit. Auch war gewissermaßen das Wohl des Staates diesem Zusammenhange verknüpft, so konnte er sich seiner Pflicht nicht entziehen. Theresen mitzunehmen, daran durfte ihr Gatte nicht denken, denn so wie er den Gesandten kannte, war der Anhang, die Heirath betreffend, als abweisend anzusehen. So mußte dieser erst durch die Ueberredungsgabe seines Lieblings für Etwas gewonnen werden, was bereits geschehen war.

Constanz stand äußerst betroffen. Er theilte Theresen mit, was sie so nahe anging, und erklärte ihr diesen Ruf des Schicksals als unabweislich. »Nur diese Reise noch,« tröstete er die bestürzte Frau, indem das Gefühl der Selbständigkeit in ihm ansprach, »dann trennt uns nichts mehr, Du Liebste! -- Erfüllt der Gesandte sein Versprechen nicht, mich zu versorgen, so reicht mein Vermögen hin, ihn entbehren zu können. Doch jetzt darf ich ihn nicht im Stiche lassen; ich muß die Resultate meiner Sendung in seine Hände niederlegen. Wer konnte dies voraussehen? wüßte ich nur, wo ich Dich einstweilen aufhöbe!« Er starrte nachsinnend in die blaue Weite, als wolle er einen Ausweg erspähen. Da trug ein Hauch der Luft einen Glockenton von ferne über die Mittagsstille der Felder; und dieser leise silberne Laut schlug an sein Gehör und klopfte an sein Herz. -- Seine Augen folgten der Richtung dieses Schalles, und sahen die Thürme von Sanct Capella im senkrechten Strahl der Sonne verblendend blinken. Constanz fragte nach jenem Ort. Der Postmeister nannte das Kloster, und erwähnte gesprächig der gegenwärtigen Verhältnisse des Stiftes. Aber Der, zu dem er redete, hatte nichts Weiteres davon vernommen, und war einer eigenen Gedankenreihe gefolgt.

»Schade!« sagte Constanz, »daß die Klöster aufgehoben sind. Was man auch dagegen sagen konnte, sie waren doch immer ein schicklicher Aufenthalt für unbeschützte Frauen. Und Du bist ja ein _wenig_ catholisch.« Er blickte seine Frau mit einem schmerzlichen Lächeln an, welches sie ermuthigen sollte. Therese aber hatte jetzt keinen Sinn für tragikomische Reminiscenzen, und keinen Glauben als den, daß sie sehr unglücklich wäre. --

Wie aus einem Traume erwachend, und in großer Zerstreuung, fragte Constanz den Postmeister, der sich abseits gewendet hatte: ob er recht vernommen, daß der Prälat dieses Ordens noch dort wohne? Jener berichtigte das Mißverständniß, und was er von dem Administrator zu sagen wußte, ließ dem Secretair des Gesandten kaum einen Zweifel übrig, daß er sich in der Nähe seines Bruders befinde. Von einem raschen Entschluß durchblitzt, forderte er Feder und Dinte, und schrieb in Hast ein französisches Billet an ihn, des Inhalts: ein Fremder wünsche den Stiftsverweser von Sanct Capella so dringend als unverweilt im Posthause zu Leidthal zu sprechen. Die Chiffre des Namens Constanz war so charakteristisch verschlungen, daß sie schwerlich von Jemand, der sie nicht kannte, zu enträthseln gewesen wäre.

Nach anderthalb Stunden, in deren Verlaufe Constanz sein Weibchen zu beruhigen gesucht hatte, kam ein stattlicher junger Mann neben dem reitenden Boten daher gesprengt, und der Postmeister rief: »da ist er schon, der Herr Prälat!« Constanz sah unter einem Freudenschauer auf, und Therese zog sich in einer kindischen Furcht der Erwartung, in die Laube zurück, und einen Behang von Blüthen über ihr reizendes Gesicht.

Constanz gab sich seinem Bruder herzlich zu erkennen, und in dem Anmuthen, Theresen so lange unter seinen Schutz zu nehmen, bis er sie abholen würde, einen brüderlichen Beweis. Diese Minute drängte stark an das Herz des Administrators. In dem Wesen seines jüngern Bruders lag bei freundlicher Offenheit etwas ersichtlich Vornehmes, ein gewisser Succeß des Zutrauens, was Jenem imponirte, der mitunter zurückhaltend, ja sogar blöde war. Unwillkürlich stellte er die finstere verschlossene Strenge des älteren Bruders daneben; er dachte leise an Fabia -- und mit dem beengten Gefühl eines Ehemanns, der da Scheu trägt, die häusliche Kette der Gewohnheit um ein Glied zu erweitern. Um seinen schweigenden Mund spielte ein Lächeln gutmüthiger Ironie, daß er bestimmt seyn sollte, die Frauen seiner Brüder zu beschützen. »Wenn es der jungen Dame nur bei uns gefällt --« sagte der Administrator bedingungsweise, »es geht still zu, im Stift. -- Die Wittwe unseres ältesten Bruders, die ich sammt ihrer Pflegetochter bei mir habe -- ist -- unseres ältesten Bruders,« unterbrach er sich selbst --: »Der, Du weißt ja --« aber Constanz sah den Administrator an, als hätte dieser fremd und romantisch vom Bruder Graurock gesprochen.

»Ich weiß von nichts --« antwortete Constanz, entschlossen, sich mit keinem weitläuftigen Verhältniß zu befassen, und seine cosmopolitische Seele streifte das Band der Natur sogar im Begriffe ab: »als -- wir Menschen sind hier alle Brüder --« ein rüstiges Mägdlein, das kleinste Kind der Postmeisterinn an die Brust gedrückt, welche ein knappes Mieder von Leinewand umschloß, strich bei diesen Worten hurtig an ihnen vorüber, und eine schnelle Association der Ideen, in richtiger Folge jener Strophe und dieses Blickes, ließ ihn an den Bruder mit dem Ordensband denken, der er einst so dankbar als einflußreich diesem schlichten Schutzfreund seyn werde, wenn die Zeit dazu gekommen. »Sieh meine Frau nur selbst!« sagte Constanz, indem er auf die Laube zuschritt. Er bog ihre Zweige auseinander, und die schönere Blüthe von Theresens Angesicht lächelte durch das weiche Grün, und ihre Augen funkelten in Thränen, wie die Sonne im Thau. -- Die Schönheit hat das Eigenthümliche, daß sie jedem Manne Muth einflößt. Das Herz des Administrators öffnete sich den gastfreundlichsten Gefühlen. Zudem behandelte Constanz die Sache so ganz in seinem Geiste, das heißt, so flüchtig, daß Herr Prälat glauben mußte, mit dem Asyl zu Sanct Capella sey es nur durchaus precair gemeint, und auf ein längeres Bleiben nicht abgesehen. So bewilligte er daher die Bitte seines Bruders, wenn auch nur mit einer gewissen widerstandlosen Passivität. Er sah dies Ereigniß für ein Fatum an, dem auf keine Weise zu entgehen gewesen wäre. Das leichte Gepäck war bald getheilt, ein Postwagen, worin Therese nach dem Kloster fahren sollte, geschirrt. Der biegsame Leib der schönen Gestalt, schwankte von ihrem Manne umschlungen, im Sturm des Abschieds. Zwei Ströme flossen von ihren Wangen -- zwei Wochen waren erst und wie auf Rosen verflossen, seit Constanz der Ihrige war. -- Mit gemischten Empfindungen ritt der Administrator neben der Chaise her, darin die noch weinende junge Frau saß. Er warf zuweilen einen mitleidigen Blick auf Theresen; die Jugend dieser Ehe rührte ihn, ihre gegenwärtige Trennung und der Zukunft ungewisses Loos. Nebenbei gedachte er und eben nicht leichten Herzens an die nächste Stunde -- und hätte gern ein wenig älter seyn mögen.

Frau Fabia hatte heute nicht den guten oder schönen Tag ihres Geschlechts. Eine Nachtigall, welche sie sehr liebte, und die in einem dunkeln Thurmhäuschen wohnte, das, nicht unähnlich einer kleinen Kirche, an ihrem Fenster empor hing, war an diesem Morgen ihrer Haft entschlüpft. Das arme kleine Nönnchen sang die Hora der Nacht und Natur im vergitterten Chor ihres Kerkers so himmlisch klagend, als seufze der Engel der Melodie aus dieser befiederten Brust. Josephine hörte es mit süßem Erbarmen. Frau Fabia aber, die sich selbst zu den Gefangenen Zion zählte, hatte nicht Lust, die klösterliche Philomele zu Gunsten irrdischer Liebe in Freiheit zu setzen. Nun war sie entflohen, und auf dem Mädchen ruhte ein scharfer Verdacht, daß es mit lindem Urtheil, wie diesem kleinen Gottesgeschöpf himmelschreiendes Unrecht geschähe, seine Erlöserinn geworden wäre. -- Es gab einen Lärmen der Entdeckung, und Josephine, die sich nie gegen einen Vorwurf vertheidigte, schwieg auch diesmal, und die Schuld blieb auf ihr haften, so wie auf Fabien der Mißmuth über diesen Verlust, geschärft durch ein zweifelhaftes Gefühl der Versündigung an dem lieben Kinde. Dieser Stimmung sich erinnernd, hätte der Administrator gewünscht, seine Schwägerinn vorbereiten zu können -- aber da stand Fabia ganz gegen ihre Gewohnheit schon an der Thür, und ihr Gesicht -- eine totale Sonnenfinsterniß -- warf keinen Schein festlicher Empfängniß nach dem anrollenden Wagen. Dem Reiter ward es schwarz vor den Augen. Er sprang vom Pferde, der jungen Dame beizustehen, welche den schönsten Fuß, der jemals über diese Erde gegangen, hell und seiden beschuht, auf den schmutzigen Tritt der Postchaise setzte. Theresen an seiner Hand, trat der Administrator vor die Domina seiner Häuslichkeit und sprach: »liebe Fabia! ich bringe Dir hier eine werthe Verwandte, die Frau meines Bruders Constanz, und also Deine Schwägerinn, so wie Du mir. Lasse die gute Therese Dir herzlich empfohlen seyn, da sie einige Zeit bei uns verweilen wird.«

Frau Fabia brachte mühsam ein fremdes Lächeln der Bewillkommung auf; der Administrator war desto freundlicher. Die eisige Kälte dieses Empfangs versetzte ihn durch die natürlichste Gegenwirkung in einen Wärmegrad, der unter allen Launen dieser christlichen Juno dem Quecksilber der zweiten Schwägerinn Stand und Stange hielt. -- Am Abend spät versuchte der Stiftsverweser jenes üblen Eindrucks Herr zu werden. Er sagte daher in einem Tone, der scherzhaft seyn sollte, aber doch anzüglich war: »nun Fabia! Du warst heute absonderlich schweigsam -- Du bist es noch. Ist es Verdruß, daß Dir das Vögelchen entgangen? o gönne ihm die Freiheit, das edelste Gut! oder zürnst Du, daß ich Dir ein anderes eingebracht? --«

»Wenn Dich nur nicht selbst ein loser Vogel etwa angeführt hätte --« antwortete Fabia mit furchtbarem Ernste, »woher weißt Du denn, daß jener Constanz Dein Bruder war? und diese Therese wirklich seine Frau?«

»Großer Gott!« rief ihr Schwager, »welch ein Gedanke! woher ich es weiß? dieselbe Stimme hat es mir versichert, die mir sagte, daß Dein seliger Mann mein Bruder sey, und mir Bürgschaft leistete für die Wahrheit seiner Aussage. Es giebt eine innerste Gewähr dafür, Fabia!«

»Nicht jeder Stimme muß man glauben --« erwiederte Fabia, indem sie sich entfärbte, und unwissend, daß sie eine classische Stelle recitire, »der Lügengeist kann alle nachahmen. -- Und wäre denn solch ein Betrug etwa unerhört? könnte jener junge Mann nicht ein Abenteurer gewesen seyn, der seine sogenannte Frau gern los seyn wollen? -- Wie manches Kind --« Fabia stockte, immer mehr verblassend -- »wie manches Kind, wollte ich sagen -- ist durch höllische Spiegelfechterei arglosen Menschen als eine lebenslängliche Last aufgebürdet worden? Denke nur an mich! wir werden die Dame sobald nicht wieder los werden, und jedes fremde Einschreiten sollte wohl bedacht seyn. --«

Herr Prälat sah seine Schwägerinn mit leiser Beängstigung an; es war, als ob ein dunkler Schatten von Furcht an ihm vorüberschwände. »Fabia!« entgegnete er um so heftiger, als er sich von ihrem Tone ergriffen fühlte, »welch ein Geist des Mißtrauens und übler Weissagung ist heute in Dich gefahren? Du wärest im Stande, mich zweifelhaft zu machen, Wer ich selber sey. -- Dein Betragen war nicht schwesterlich, auch nicht gegen _mich_. Du bewirthetest die arme Therese, an deren Stelle mir der Appetit zu diesem Auffenthalt vergangen wäre, mit kurzen Redensarten, einer sauersüßen Sauce, wie man sie zu einem Kalbskopf giebt, für den Du mich hältst. -- Was meinst Du denn, das ich hätte thun sollen? dem Bruder etwa meine Hand weigern, da er mir die seinige zum erstenmale entgegen reichte? seine Bitte abweisen, oder warten, bis er mir den Taufschein zeigen könne? -- Fabia! Fabia! Gastfreundschaft ist eine Blume der Humanität, welche auch von Horden und Heiden gepflegt wird. Jüngst las ich -- und es hat mich innigst gerührt -- in den ungeheuern Flächen Nubiens sind kleine Zelte gesteckt, darunter die Einwohner des nächsten Ortes ein Gefäß mit Wasser füllen, daß die Reisenden nicht verschmachten dürfen im heißen Sande -- und dieser Gebrauch wird heilig gehalten von jenen Negern. Sollte denn die goldne Kuppel des Klosters, was man ein Gotteshaus nannte, einem matten Blick der das Nächste nicht absieht, nur ein Blendwerk seyn, und weniger probehaltig, als das Dach von geflochtenem Bast, womit der Wind der Wüste spielt? -- Du sprichst den Ruhm einer guten Christinn an -- besinne Dich, wie oft die Apostel die geheiligte Pflicht einer gastfreien Aufnahme den Bekennern ihrer Lehre empfehlen. Herberget gerne! Seid gastfrei ohne Murren -- doch Du kennst die Vorschriften der Bibel besser, als ich. So gleiche denn der Wittwe von Sarepta, deren gesegneter Oelkrug nie erschöpft wird. Sey gelinde, Fabia! doch gieße nicht Oel ins Feuer. Du schlägst mir die Hoffnung nieder, daß Therese eine Schwester an Dir finden würde -- doch schlägst Du mich damit nur zu ihrem Ritter, und zwingst mich, sie gegen Dich zu vertheidigen.«

Diese letzteren Worte ihres Schwagers wirkten am schlagendsten auf die Zweiflerinn. Sie hoffte, der Bruder ihres Mannes, auf den Frau Fabia ein mütterlich-eifersüchtiges Auge hatte, werde sich in der Anfechtung behaupten -- und der Friede ward zwischen ihnen geschlossen.-- Dieser erste Abend gab den Ton an, der sich während der Anwesenheit Theresens im Stifte nie in Harmonie auflös'te. Unsere Leser finden ihn in der Dissonanz, womit die Geschichte dieses Buches anhebt. Seltsam war es jedoch, daß die Vorhersagung der Frau Fabia sich als richtig bewährte, es ist traurig -- aber es _ist_ in Wahrheit, daß der Erfolg das Mißtrauen öfterer rechtfertiget, als die Zuversicht. Constanz schrieb nach langer Zeit -- es mußten Briefe verloren gegangen seyn -- aus weiter Ferne. Er war dem Interesse des Gesandten verkettet, und konnte die Fessel nicht sprengen; doch vertröstete er sich und sie wie ein Liebender. So hatte zweimal schon die Laube der Posthalterei zu Leidthal geblüht, und Therese, die sich behaglich in Sanct Capella eingerichtet hatte, und deren Sinn in harmloser Lebensphilosophie der Gegenwart angehörte, dachte je länger, je _leiser_ an jenen Tag des Abschieds. Nur in bösen Stunden wünschte ein banges Gedenken ihres Mannes ihn zurück, und ein Gefühl, daß sie hier nur gelitten sey, und deshalb leide -- kam über sie. Therese hatte mehr ein Gemüth für die heitere Lust des Lebens, die jeden Augenblick genießt, als für der Liebe tiefe Sehnsucht. Das letztere Schreiben hatte eine nahe Rückkehr hoffen lassen, die nur noch von einigen Ausgleichungen abhänge. Seitdem aber bestätigte kein Weiteres diesen Abschluß und daß auf seine baldige Ankunft zu rechnen wäre. Dies Alles hatte, in eine präcise Mittheilung gedrängt, der Administrator, dem wir vielleicht die schweigende Kürze der Erzählung ablernen mögten -- dem Major Feldmeister vertraut. Und dieser erwiederte jetzt: »ich sehe wohl, Freund! Sie konnten füglich nicht anders -- Sie können weder dafür, noch etwas ändern, obzwar, ich behaupte es redlich, solch ein Zusammenleben _nichts taugt_. Verlangen soll es mich aber doch, ob der Herr Bruder kommen wird? =ad vocem!= _kommen!_ es kommt noch Jemand, Freundchen! mit Ihrer Genehmigung, versteht sich. Diesen Morgen schon wollte ich es Ihnen sagen; aber die lieben Schwägerinnen hatten mich in Mitleidenschaft ganz confus gemacht, und das Bein hier hat mir das Gedächtniß abwärts gezogen.« --