Die Schwägerinnen. Erster Theil.

Part 7

Chapter 73,515 wordsPublic domain

Jener, der in der Abwesenheit der Frauen eine schwache Anwandlung von dem Unbehagen eines Ehemanns spürte, welcher den Zusammenkünften der Damen und ihrer gesetzgebenden Tyrannei nachstehen muß -- hatte der Einladung augenblicklich Folge geleistet. Das Gespräch vom Morgen ward fortgesetzt, und der Major brachte die Frage wiederum in Anregung, wie der Erstere zu seiner zweiten Schwägerinn gekommen sey. Da es sich nun der Allgegenwärtige allein vorbehalten hat, aller Orten zugleich zu seyn, und, wie Einer sagt, der nach dem ersten Erschaffenen heißt: Adam im Dorfbarbier --, ein einzelner Mensch nicht an Alles denken kann, so müssen wir uns das Vergnügen versagen, unsere Leser als Zeugen dieser Unterhaltung einzuführen, _weil_ und _so lange_ wir in Veronicas Zelle verweilen. Indem wir nun den Inhalt derselben nachträglich mittheilen, ist uns der Vortheil gegönnt, auch das, was dem Erzähler selbst verschlossen geblieben, kraft des magischen Schlüssels, den wir dazu besitzen, unsern Lesern zu eröffnen. -- Die Stiefmutter des Administrators hatte sich nach seines Vaters Tode mit ihrem Söhnlein in die Hauptstadt des Landes begeben, welches der Schauplatz dieser einfachen Geschichte ist. Die Dame mogte ihre guten Ursachen haben, so fern als möglich von ihrem ehemaligen Wohnorte zu leben, um persönlichen Vorwürfen zu entgehen, und die Früchte eines erlisteten Testaments unter dem Schutze der Unbemerktheit genießen zu können. Und wie es denn nun häufig geschieht, daß ein ungemeines Glück auf den Schmutz ungerechten Besitzes, und in befleckte Hände fällt, so waren ihrem Kinde seltene Gaben geworden. Der kleine Constanz war ein Ausbund in jedem Sinne, und unter keine Regel zu bringen. Er wuchs in genialer Wildheit auf, und seiner Mutter, wie Jedem, der an ihm erzog, über den Kopf. Seine Fähigkeiten überflügelten frühzeitig die Erwartungen der Lehrer, die nicht wußten, in welche Classe sie ihn setzen sollten. Seinen Mitschülern war er ein Abstractum -- und mit einer wohlwollenden Seele sah Constanz sich nirgend verstanden, denn es fehlte selbst der Mutter an dem Maßstab der Liebe, den Geist ihres Kindes zu messen. Die Mutter befand sich nicht wohl, und zog, eine Frühlingscur zu gebrauchen, vor das Thor. Dicht neben dem Hause, darin sie wohnte, war das Hotel des ***schen Gesandten, mit einem prächtigen Garten. Der Knabe blickte zuweilen sehnsüchtig aus dem engen grünen Bezirk, den seine Eigenthümer ein Gärtchen nannten, und dessen Beete in seine strebsamen Wünsche hemmend einschnitten, in die freien Räume hinüber, wo die Söhne des Gesandten, etwas älter als er, unter hohen Schatten sich nach Willkür belustigten, und unter dem gesenkten Auge des Hofmeisters, der nicht weit davon in einem Buche las und mit vornehmer Ruhe seine Eleven gewähren ließ -- ein wenig turnten. Es prickelte den Constanz oft in allen Gliedern, das Glück dieser Ungebundenheit zu theilen, denn die Mutter schrie schon ängstlich auf, wenn er einen Purzelbaum schoß, oder, die langsame Treppe zu umgehen, sich über das Geländer hinaufschwang. Jede solche Kraftübung ihres Söhnleins setzte ihren schwachen Kräften zu. Das Verlangen nach diesem Spielraum ward ihm denn nun auch erfüllt. Die Lebendigkeit des Kindes, was sich den stolzen Söhnen des Gesandten auf ihren Wunsch und Wink zugesellt, etwas Hinreißendes in seinem Wesen, die Art und Weise, wie der freundliche Knabe seinen Willen stets gegen den hochmüthigen Trotz der Andern durchsetzte, schienen dem Hofmeister bemerkenswerth. Er sagte dem Gesandten davon, und als dieser einst Gelegenheit hatte, den kleinen Constanz selbst zu beobachten, fand sein feiner diplomatischer Blick ein Talent an dem Knaben aus, was wohl der Mühe verlohnte, für _seine_ Zwecke entwickelt zu werden. Der Gesandte ließ sofort die Wittwe artig ersuchen, ihren Sohn, der ihm lieb geworden sey, an dem Unterricht seiner Kinder Theil nehmen zu lassen. Es geschah, und mehr noch. Als der Sommer zu Ende ging, war auch die Mutter des kleinen Constanz an ihrem Ziele -- und der Gesandte nahm den verwaiseten Knaben nun ganz zu sich. Die Söhne folgten ihrer Bestimmung, Constanz blieb das Kind des Hauses. Er ward Privat-Secretair des Gesandten. Diese Stellung machte ihn mit den geheimsten Staatsverhältnissen vertraut, er arrondirte die Rechte der Familie gegen einander, und ihr Oberhaupt setzte ein ungemessenes Vertrauen in die Klugheit seines Günstlings. Nur dessen Geschlechtsname war ihm zuwider, aus einem angestammten Vorurtheil gegen klösterliche Machthaber, und da nun Constanz von früher Kindheit an _so_ und nicht anders genannt worden war, behielt er diese Benennung später und für immer bei, so daß man kaum mehr wußte, wie er eigentlich heiße. So ward es dem Constanz nicht schwer, die Prälation seines Namens gegen jenen aufzugeben, der im Hause mit französischem Accent ausgesprochen ward. Seine Persönlichkeit ging in der Bedeutung des Gönners unter, dem er Kopf und Feder lieh. Es war bekannt, daß der Secretair die rechte Hand des Gesandten wäre; doch die Frau desselben tadelte diesen Vorzug, wenn auch nicht laut. Sie liebte den Jüngling nicht gleicherweise, theils aus ein wenig Mutterneid, theils aus einem dunkeln Gefühl von Eifersucht auf die Gunst ihres Gemahls, endlich, weil er sehr verschwiegen war. Diese erforderliche Eigenschaft stand im Conflict zu einem Fehler der Dame: dem Mißtrauen. Sie argwöhnete, das Cabinet, dessen Geheimnissen der Secretair verpflichtet wäre, enthielte auch solche, welche nicht in anderer Herren Länder, sondern über die Grenzen des ehelichen Bereichs, in das Gebiet _fremder Frauen_, verhandelt würden. Und in wie weit dieser Verdacht begründet gewesen, wird die Folge lehren. So war das Verhältniß des begünstigten Constanz gegen die Dame des Hauses etwa das eines natürlichen Sohnes.

Wenn der Gesandte, was er oft zu thun pflegte -- rühmte, wie expedit Constanz sey, wie er darin das Unmögliche leiste, dann bestrafte seine Gemahlinn ihn für den Aerger dieses Lobes, indem sie weniger mit einer Miene des Tadels, als übler Weissagung, entgegnete: »ich fürchte sehr, Constanz übertreibt Alles, und Sich zumeist. Solche Leute leben nicht lange. --« Dies Prognosticon, mit pflegmatischer Ruhe gesprochen, jagte den Gesandten in Furcht. Einst hörte er seine Frau zu dem Secretair sagen: »wenn Sie nur nicht immer so =en carrière= wären, Constanz! ich mag es nicht gern, wenn der Mensch weder Rast noch Ruhe hat. Denken Sie an mich, Sie werden einmal wie ein Wirbelwind heirathen, der den Leuten Staub in die Augen streut -- und mit Extrapost gen Himmel fahren. --« Der Jüngling lächelte der Drohung, die ihn zügeln sollte, und sprach: nichts könnte ihm lieber seyn, denn alles Langsame wäre sein Tod. --

Der Gesandte dachte darauf, wie er den Constanz, ohne ihn zu verlieren, entfernen könnte, und alsbald traf dieser Wunsch mit den Interessen seiner Charge, wie mit denen seiner eigenen Angelegenheiten auf das Genaueste zusammen.

Es war um die Zeit der Aufstände in Polen, wo er den Secretair mit einem Auftrage von größter Wichtigkeit an einen entlegenen Hof sendete. Es war eine Courierreise. Doch zu Einem Auffenthalt erhielt der junge Mann geheime Instruction, und Constanz muthmaßte schlau, diese mache nicht den unbeträchtlichsten Theil seiner Sendung aus. An der polnischen Grenze lebte eine Freundinn des Gesandten, um die er in Sorgen war. Constanz sollte sich von der Lage dieser Dame und ihrer Tochter in Kenntniß setzen, und wie es Beiden in den kriegerischen Unruhen ergangen sey; dann ihnen Depeschen überreichen, welche der Gesandte ihm, unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, übergab. Er versprach dagegen, wenn die Ausführung jenes Geschäfts -- vielleicht meinte er auch _dieses_ -- den Beauftragten bewähre, so solle Constanz einer seinem Verdienst entsprechenden Versorgung im diplomatischen Corps gewiß seyn. -- Es war, als ob der Landsturm jener Revolution eine alte Erinnerung in dem Herzen des Gesandten aufgestört, und seinen gleichmüthigen Bestand aufgelöset hätte. Dieser Protector, getäuscht von der innern Bewegung, wähnte, seinen äußern Zustand verändern zu müssen, und indem er die Anstrengung im Auge hatte, sich auf den Gipfelpunct seiner Wünsche zu schwingen, ging er von der Idee aus, den Protegé für diese Absicht zu nützen, bevor er ihn poussire.

Freudig, wie ein Vogel den goldenen Käfig hinter sich läßt, darin er eingeengt gewesen, flog Constanz durch die blauen Lüfte. Er war ganz in seinem Elemente; eine weite Aussicht that sich vor seinen Blicken auf. Er schwelgte gleichsam im Genuß einer pflichtmäßigen Eile. -- Doch indem er der Ferne zustrebte, war er unversehends an die Marken seines Schicksals gekommen; und hier war es, wo der Horizont seiner Hoffnung Erde und Himmel für ihn abgrenzte.

Als Constanz sich den Wäldern Polens näherte, drängte sich ein düsterer Ernst ihm auf. Ueberall traf er auf Spuren wilden Kampfes und verzweiflungsvoller Schritte. Die Zerrissenheit dieses Volkes dauerte ihn, er sah betrübt zu Boden, den so viel edles Blut besprengt, und jeder Ton dieser sarmatischen Mundart schlug dumpf und traurig eine tiefe Saite seines Herzens an.

Constanz sprach sehr geläufig polnisch, was ihn jenen heimathlosen Flüchtlingen naturalisirte, in deren rauhen Mienen ein Strahl vaterländischen Sonnenscheins bei seiner Anrede aufging. Man wies ihn überall freundlich zurecht; doch nicht in einen erfreulichen Port. Der kleine Edelsitz, auf dem die Freundinn des Gesandten residiren sollte, war eine wüste Brandstätte, ein trauriges Bild gänzlicher Verödung. Es war um die Mittagsstunde, als Constanz auf dem weichen Estrich dieser polnischen Wirthschaft anhielt. Diese verkohlten Gebälke schienen noch zu dampfen; doch kein Rauch stieg aus der Esse des Gemäuers, des einzigen auf dem Höfchen, was den Anstrich hatte, bewohnt zu seyn. Ein alternder Mann, in der Livree der Armuth, welche ein lustiges Bunt giebt und freie Schnitte -- doch besseren Ansehens als Die, welche sie gewöhnlich tragen -- stand in der niedern Thür, und sah tiefsinnig auf das leere Häuschen einer Hundehütte nieder, deren Kette gelös't daneben lag, und den Wächter frei gegeben hatte. Der Mann schrak zusammen, als das leichte Fuhrwerk schnell wie ein Pfeil von der Senne, durch den offnen Thorweg prallte, und gleichsam sein Herz zu treffen schien. Der junge Reisende trat wohlwollend auf ihn zu, und fragte nach der Herrin des Ortes. »Meine Dame schläft --« sagte der vermuthliche Diener, indem ein Seufzer seiner Rede voranging, welcher sie der Theilnahme des Zuspruchs anempfahl, »und ungern mögte ich sie wecken. Auch würde es« -- meinte der Getreue, »wenig nützen. Seit den erschrecklichen Vorfällen allhier,« fuhr der Alte fort, »hat meine Dame das Gedächtniß verlohren, und kann sich auf nichts mehr besinnen.«

»Nun, vielleicht doch! wir wollen sehen --« erwiederte Constanz lächelnd auf diesen Bescheid, der beinahe abweisend lautete.

»Sogleich!« sprach der Alte in der reizbaren Empfindlichkeit seiner Nation und eigenen Unglücks, von diesem Lächeln, diesem Zweifel beleidigt, und stieß leise ein zersprungenes Fenster nach Innen zu auf, was nur angelehnt war. Der junge Fremde sollte Einsicht in die Wahrheit seiner Aussage bekommen. Constanz trat vor die Oeffnung, und als Schatten vor die Sonne, welche wie zum Spott Verhältnisse beleuchtete, deren Glücksstern untergegangen war. Welch ein Anblick! das nackte Sparrwerk der Wände war mit Teppichen behangen, die augenscheinlich einer besseren Bestimmung angehörten. Auf einem verstümmelten Pfeilertisch von Marmor stand eine massive Eßschale, trübe verblindet, darin ein Rest ärmlicher Speise war. Tausend Kleinigkeiten, darunter die meisten vom Ueberfluß, lagen -- ein Quodlibet -- wirr durcheinander, und eine Anzahl kleiner abgetragener Schuhe, wie vertretne Kinderschuhe -- nahm den Fußboden ein. Alles schien nur für den Nothbehelf zu seyn. In einem Großstuhle, der schräg gegen das Fenster gerückt, voraussetzen ließ, er stände nur derweilen da -- lag eine ältliche Frau mit geschlossenen Augen. Ein echter Schawl, an den der matte Kopf sich schmiegte, hing nachlässig über die Lehne geschlagen, und der Chinese des Gewirks, hielt seinen Schirm über diese eingesunkene Wange. Vielleicht war dieser phantastische Schutz der einzige, dessen die schlummernde Dame genoß. -- Um ihren feinen Mund schwebte ein Lächeln -- das Todeslächeln unbewußter Beruhigung; ihre rechte Hand lag auf dem Arme des Sessels. Eine zartere Hand, gewebt aus der feinsten Seide des Müßiggangs, hatte Constanz nie gesehen; aber er gewahrte jenes Nervenhüpfen daran, welches auf krampfhafte Zustände, und nicht selten auf eine nahe Auflösung schließen läßt. Im lebendigsten Contrast dieses abgespannten und verblichnen Bildes, saß ein junges schlafendes Mädchen zu den Füßen der Dame. Diese Sieste war eine andere; dieser volle Athemzug war ein trunkenes träumerisches Schöpfen aus der Ruhe süßestem Quell. Constanz ward berauscht vom Zusehen. Für einen jungen Mann giebt es keine größere Gefahr, als die Schönheit, wenn sie schläft, und die gesenkten Waffen blinkender Augen. -- Doch nach einigen Secunden, die sein Leben wendeten -- es giebt Momente, welche alle Verhältnisse der Zeit aufheben -- trat Constanz zurück, denn der Anzug des Mädchens däuchte ihm nicht für die Nähe eines Mannes berechnet. Er wollte warten; doch jetzt regte sich die Dame, und der alte Diener führte ihn an die Thüre. Constanz mußte sich bücken, und sein Herz beugte sich, als die Dame ihre Augen aufschlug, und erschrocken fragte: ob wieder Feinde da wären? -- Constanz versicherte ehrerbietig: er käme als ein Bote der Freundschaft. Die Dame legte die schneeweiße Hand an ihre Stirne, wie Jemand, der sich besinnt, und sprach: »Freundschaft -- --?« Es war, als wäre der Begriff dieses vielsagenden Wortes ihr tief entfallen.

Während dessen war das Mädchen auch erwacht. Angesichts des jungen Fremden trat es vor den alten Mann, und ließ sich ungenirt das Kleid von ihm zuhäkeln. Diese polnische Unschuld verwirrte den entzückten Constanz, dem der kleinste Dienst weiblicher Toilette bisher wie das Werk geheimnißvoller Verwandlungen gewesen -- so daß er mit Mühe nur seinen Auftrag auszurichten vermogte.

Es war eine helle Stunde für die Mutter, in der sie die Depeschen des Gesandten las. Und während sie wie aus den Wolken fiel -- sehr dunkle hatten den Lebenstag dieser unglücklichen Frau verfinstert -- daß jener Freund sich ihrer _jetzt_, und auf diese Weise erinnere, fiel das Rosenlicht einer schöneren Vergangenheit auf jede Zeile. --

Das Lesen geschah indeß so langsam, daß Constanz unterdessen völlig Muße hatte, sich der Tochter zu befreunden. Er bat um die Vergünstigung, bis zum andern Morgen hier verweilen zu dürfen. Die Mutter war über jede Verlegenheit ihrer Lage hinaus -- das Fräulein bewies sich nur in so fern gastfreundlich, indem es bei der Sorge für die Bewirthung dieses angenehmen Botschafters doch nicht das Vergnügen über seine längere Anwesenheit verleugnete.

»Bonaventura --« so hieß der alte Kämmerer -- »wird schon Rath schaffen,« sagte Therese -- unsere Leser wissen ihren Namen doch. »Wir wollen die Mutter nur ganz außer Acht lassen --« flüsterte Therese ihm traulich zu. »Sie lies't zwei Stunden an dem Briefe -- ich kenne das. Wäre es Ihnen vielleicht gefällig, eine Parthie Schach mit mir zu spielen? Sie mögen Rußland seyn -- ich bin Polen.«

Constanz erstaunte über die Vortheile, welche Therese sieggewiß ihm vorausgab; doch nicht minder, daß er fände, wie dieser harmlose Leichtsinn vermengt wäre, mit patriotischer Tücke. -- Nach wenigen Zügen war seine Niederlage entschieden, und nebenbei verlor er sein Herz.

Nachdem Theresens Mutter gelesen, versank sie in eine Apathie, welche ihre Gegenwart den ganzen Abend hindurch unwirksam machte. Und dieser Abend, er reichte hin, die flatterhafte Neigung der beiden jungen Leute unauflöslich zu knüpfen. Auf Constanz Seite stand unsichtbar sein treibender Genius, der ihn immer und überall drängte. »Spute Dich!« raunte dieser beflügelte Geist ihm zu, »wir haben Eile, und die Zeit entflieht.« Wie verwirrend die zarten Seile nun auch waren, die sich leise um dieses flüchtige Naturell legten, wie verworren das Verhängniß dieses Hauses vielleicht: Constanz blieb zum Aufmerken frei, wie zu einer und der andern Frage, die ihm sein Gönner an das Herz gelegt, bevor er die an das Fräulein richtete, welche ihn selbst betraf. Es geschah dies gesprächsweise. Therese stand auf, rüttelte sacht an der schwachen Mutter, und weckte ihre schlafende Seele mit den Worten: »sage einmal, habe ich Verwandte?«

»So viel ich weiß: nicht;« antwortete die Dame mit Resignation, und bat, daß ihre Tochter sie in dieser traumhaften Stille lassen mögte. Ein kühner Wurf des Gesprächs brachte es auf Religion, und Constanz begehrte zu wissen: zu welcher das Fräulein sich bekenne? »Eigentlich zu keiner,« antwortete Therese mit liebenswürdiger Freigeisterei, »ich habe meinen Glauben gern für mich, und meine Liebe auch. Doch bin ich mit Salz getauft --« Constanz lächelte gelinde.

Therese, die es zweifelnd ansah, stand abermals auf, ging zu dem Großstuhl, neigte sich über die blasse Gestalt, und sprach: »Mütterchen, bin ich catholisch?«

»Etwas --« antwortete die Dame kaum hörbar, »Du frägst mich viel. --« Therese stand beschämt. »Die Mutter hat eigentlich Recht --« sagte sie und nickte dazu. »Fasttage halte ich gar nicht, und auf die Beichte nicht viel; sie müßte denn freiwillig seyn, wie zum Beispiel jetzt. Wenn ich es Ihnen ehrlich gestehen soll --« fuhr Therese fort: »die Religion ist mir ein bischen zuwider. Erstens: des vielen Krieges und Streites wegen, den sie verursacht hat, und ich liebe es sehr, daß man sich freundlich begegne; dann habe ich einige Fromme kennen gelernt, die mir außerordentlich gehässig waren. -- So kann ich auch nicht anders, als mir unsern Herrgott unter dem Bilde eines wohlwollenden alten Mannes denken, der eine großmächtige Schlafmütze trägt -- als Symbol der ewigen Ruhe. Und in dem Himmel stelle ich mir eine ehrsame, aber höchst langweilige Gesellschaft vor.«

Für Constanz waren diese Aeußerungen, um der Anmuth und anspruchslosen Offenheit ihres Vortrags willen, Bekenntnisse einer schönen Seele. Ein aufrichtiges Herz schätzte er über Alles, und er wünschte, sich dieses arglose zuzueignen.

Was Therese dem Gast im Laufe des Abends erzählte, dürfte ohngefähr folgendes Ergebniß seyn. Therese war, seit ihrer frühesten Kindheit von ihrer Mutter getrennt, in einem großen Hause erzogen worden, ziemlich sich selbst und ihrer natürlichen Gutartigkeit überlassen. Jene Familie aber lebte, verwandtschaftlicher Verhältnisse wegen, wenig daheim, und so konnte sich auch kein weibliches Gefühl der Stille und Stetigkeit in Therese entwickeln. Dieser auswärtige Aufenthalt entfremdete sie der Mutter wie der Muttersprache, und eine fanatisch protestantische Bonne vermischte den catholischen Geist des Fräuleins so lange mit dem Wasser der reinen Lehre, bis Theresen das religiöse Element der Seele vom Ueberfluß schien. -- Als die Gährungen in Polen ausbrachen, lös'te jene Familie sich theilweise auf; eine heimathliche Sehnsucht erwachte zum erstenmale in Theresen. Sie verlangte nach ihrer Mutter, und man hielt das Mädchen in der waldigen Steppe des mütterlichen Witthums besser aufgehoben, als im Mittelpunct einer wildbewegten Stadt. --

»Aber es war nur um so schlimmer --« sagte der alte Bonaventura, als er am Abend spät Constanz in dem dürftigen Verschlage bediente, wo sein Nachtlager bereitet war, und auf die warmen Erkundigungen des Gastes mit traurigem Bericht Theresens Aussage vervollständigte: »die Ankunft des Fräuleins war entsetzlich. Die Mutter sah ihr schönes Kind bei dem Feuerscheine seiner Habe wieder, und die Kraft meiner Dame ward davon verzehrt, wie unser weniges Heu von der Flamme. Nur der Entschlossenheit eines jungen feindlichen Offiziers verdanken wir persönliche Berücksichtigung und das, was wir aus diesem Wirrsal retten konnten. Ein lieber Mensch! die Andern waren nur wie reißende Wölfe gegen ihn; aber Gott haucht Milde ein, da, wo sie Noth thut, und mäßiget den Wind für das Lamm einer geschorenen Heerde.«

Constanz hatte jenes Offiziers auch von Theresen erwähnen gehört, und mit einem so bedeutsamen Interesse, daß dieser Antheil eine eifersüchtige Regung in ihm erweckte. --

»Seit jenem Tage nun,« fuhr Bonaventura fort, »vergißt meine Dame Alles! wohl ihr! das Gedächtniß verlieren ist für den kein Unglück, der nichts als Kummer zu vergessen hat. Jeder Augenblick, wo sie nun schläft, erquickt mein eigenes Herz, was ihr die Ruhe gönnt, und mit Freude werde ich ihr die Augen zudrücken, welche nicht viel gute Tage gesehen haben.« Die des alten Mannes standen voller Thränen, als er dies sagte. Diese treuherzige Gesinnung rührte Constanz und flößte ihm Achtung für den Diener wie für die Herrin ein. Er fragte, er wollte vornehmlich wissen, warum Therese ihrer Mutter entrissen worden sey? --

Bonaventura zuckte die Achseln. Er erzählte eine Geschichte jugendlicher Verirrungen, welche seine arme Herrschaft unter die Despotie ehelicher Tyrannei gebracht hätten. Dabei gerieth er in ein Labyrinth der Darstellung, verlor den leitenden Faden -- und wußte am Ende nicht, wo aus noch wo ein? da es ihm zur Unzeit einfiel, ob es nicht verrätherische Geschwätzigkeit sey, die zarten Leiden seiner Dame einem fremden Ohr Preis zu geben? -- Jene Geschichte gehört nicht in unsern Plan. Wir lassen ihren Stoff daher unter der großen Masse menschlicher Schwachheit und menschlichen Unglücks auf sich beruhen. --

Constanz wußte die gewissenhafte Aengstlichkeit des redlichen Mannes zum Schweigen zu bringen. Er entdeckte sich ihm ganz, und Bonaventura nannte ihn einen Gesendeten Gottes, und nicht des Gesandten.

Am Morgen mußte Constanz fort. Die Werbung um die Braut war bald geschehen und mit Erfolg: die Mutter befand sich fähig, ihn anzuhören. Constanz legte ihr einfach seine Verhältnisse wie seine Wünsche dar. Er wollte Theresen bei seiner Retour mit sich nehmen, unterdessen den Consenz des väterlichen Gönners dazu nachsuchen, und daß dieser seine Anstellung beschleunige. Doch war er eines weigernden Grundes der Dame von Seiten ihrer Kränklichkeit gewärtig. Aber nichtsdestoweniger war die Mutter bereit, sich ihrer kindlichen Stütze zu begeben. Sie sagte mit einem gewissen Heroismus, der für eine rettende Idee froh, wenn auch einsam, sterben lehrt: »grüßen Sie den Gesandten tausendmal von mir -- wenn Sie ihm Theresen bringen, wird Ihr Glück ihm bestens empfohlen seyn. -- Ich verlasse das Leben gern, da ich meine Tochter unter dem Schutze ihres natürlichsten Freundes weiß. Der da --« (sie wies auf Bonaventura) »begräbt mich schon.« Therese weinte wohl, allein nicht allzusehr. »Dann bleibt Dir Alles, guter Bonaventura!« sagte sie, reich in Hoffnung.

»_Alles!_« wiederholte Bonaventura, und lächelte traurigbitter wie der Verlust zu der Erbschaft: dieses Alles war so viel als Nichts. -- Der gute Alte wußte nicht, daß die Liebe jeden Strohhalm zu den Mitteln des Glückes zählt, wenn auch nur als Medium die bunten Seifenblasen der Täuschung in die leere Luft zu hauchen. --

Als Constanz, der Verlobte Theresens, nun mit aufgeregten Gefühlen den öden Ort verließ, wo unter Schutt und Trümmern seines Lebens schönste Blume blühete: da dachte er an die verheißenden Worte der Gesandtinn, er würde einmal im Fluge die Braut heimführen. --