Die Schwägerinnen. Erster Theil.

Part 6

Chapter 63,020 wordsPublic domain

Mein Ohm schüttelte den Kopf und sprach: »wäre mir dies doch nicht im Traume eingefallen! ist es auch nicht etwa nur eine flüchtige Einbildung von Dir? besinne Dich, liebe Clara! Nonne werden, und allen Freuden des Lebens absterben, ist kein Kinderspiel, und ich mache mir einen Vorwurf daraus, daß ich Dir vielleicht mit jener Puppe die erste Idee dazu an die Hand gegeben habe. Ist es mir doch nie so vorgekommen, als ob Du Deinem Liebsten abgeneigt wärest! ich fürchte, Du verschweigst das Wichtigste hierbei! -- Doch um keinen Preis hätte ich meinem Ohm die Wahrheit entdecken können. -- Wenn Gottes Absichten vollführt werden sollen: so muß es sich wunderlich schicken. Wer meinen Vater gekannt hätte, seinen Haß, o, daß ich es sagen muß! gegen die Geistlichkeit im Allgemeinen und gegen die klösterliche insbesondere -- seine Ueberschätzung alles Eitlen, sein Trotz, wie er den Glücklichen dieser Welt eigen ist, womit er einen einmal gefaßten Vorsatz fest hielt: Der würde es für ein Unmögliches gehalten haben, daß er meinem Wunsch sich nicht nur füge, sondern ein williges und willkommenes Sühnopfer für sich selbst darin sähe. Und dennoch mußte ein gewaltsamer Umstand mir dazu behülflich seyn.« Hier hielt Schwester Veronica lange inne, und ein tiefer Seufzer ihrer Brust säuselte durch die hochgespannte Stille. Dann fuhr sie mit unterdrückter Stimme fort: »die Heiligen segnen die Seele meines Vaters! ich weiß nicht, ob es mir als Tochter wie als Nonne ziemt, daß ich einer Geschichte erwähne, die einen Schatten auf sein Grab wirft, obgleich die Zeit von funfzig Jahren Gras darüber wachsen lassen! Wenn ich es thue, so geschieht es in dem Vertrauen, daß die Ruhe seiner Asche nicht dadurch gestört werde. Sie mögen sich selbst überzeugen, wie es möglich war, daß ein Mann von so sanguinischen Meinungen, wie mein Vater, plötzlich so erschüttert werden können, daß sein ganzes Wesen eine totale Umwandlung erlitt. -- Mein Vater hatte sich der Wittwe eines Chirurgen thätig angenommen. Die Frau stand nicht im besten Rufe und mogte auch leichtsinnig genug seyn; ihr seliger Mann, dessen Geschäft sie fortsetzte, in seinen niedrigsten Functionen wenigstens -- hatte sie barbieren gelehrt, auch über den Löffel -- zur Ungebühr, wie mir däucht; denn sie verstand es sehr von selbst, den Männern um den Bart zu gehen. Die arge Welt legte der Betriebsamkeit meines Vaters für das Beste dieser Frau, der Pünctlichkeit, womit er sie besuchte, und dem weichen Polster ihres Wittwenstuhls, eben keine bewegende Feder unter, die von gediegenem Golde gewesen wäre. -- Dies Verhältniß war der stille Schmerz meiner guten Mutter. Als mein Vater eines Abends wie gewöhnlich zu dieser Wittwe geht und in die unverschlossene Stube tritt, ist es dunkel darin, nur der Mond scheint auf die Gestalt der Frau, welche schweigend mit verhülltem Kopf hinter der Thüre lehnt. Mein Vater, der da glaubt, sie habe Versteckens mit ihm spielen wollen, eilt scherzend auf sie zu -- doch welcher furchtbarer Ernst schreckt ihn zurück! seine Freundinn hängt an ihrem Schürzenbande, und mein Vater -- _er selbst_! muß sie mit einem Rasirmesser losschneiden.«

Die Zuhörerinnen schauderten -- Josephine legte beide Hände vor ihr unschuldiges Gesicht. Und Schwester Veronica sprach! »ja, mein Kind, wir müssen wohl den Blick schonend bedecken, der auf solch einen tiefen Fall trifft! nie ist der Grund aufgefunden worden, warum die Frau sich ein Leides gethan. Mein Vater mußte, da der Kreisphisikus erkrankt war, der gesetzlichen Section ihres Leichnams beiwohnen, und diese Amtspflicht, der er sich nicht entziehen wollen, um sich vor den Augen der Menschen keine Blöße zu geben, hatte seine innersten Lebenskräfte angegriffen. Dieses unglückselige Ereigniß hatte sich an jenem Abend begeben, wo ich auf andere Weise Todesweh empfand. -- Auch mir war es aus reinerer Schaam Bedürfniß, mich in der Achtung des Einen herzustellen, der mich höchstens bemitleiden können. Die Geschichte machte ein ärgerliches Aufsehen, es war, als ob der böse Würgengel vor meinem Vater herginge, und, um sein Unglück zu vollenden, starben ihm damals mehrere seiner bedeutendsten Patienten. Meine Mutter hatte in eben der Stunde, wo ich vom Pfarrhof zurückkam, die erste Kunde von dem Geschehenen erhalten. Sie würde es daher kaum gemerkt haben, wenn ich als eine Gestorbene aus dem Grabe wiedergekehrt wäre, und so bleich ausgesehen hätte, wie ich nun wirklich vor ihr stand. Wir finden es daher gewiß ihrer Stimmung angemessen, und auch folgerichtig, wenn wir ihr eingewurzeltes Vorurtheil gegen die Heirath mit dem Italiener bedenken, daß sie, als ich nach einigen Tagen ihr im Beiseyn des Erzpriesters meinen Wunsch eröffnete, mir zur Antwort gab: ich segne Deinen Entschluß, meine Tochter. Viel lieber will ich Dich im Schoß der Kirche, oder auch in den Mauern der Gruft aufgehoben wissen, als in den Armen eines Mannes. Willig reiße ich die Blume meiner Freuden aus dem mütterlichen Herzen, wenn ich weiß, daß Dir die Dornen der Ehe erspart bleiben. -- In dieser Aufregung meiner Eltern unterdrückte ich möglichst den Tumult meiner eigenen Gefühle, nur das Verlangen sprach laut in mir an, zu wissen: Wer das Mädchen sey, dem Ludovico seine Liebe geschenkt, ich meinte ruhiger zu seyn, wenn ich es wüßte. Wie aber sollte ich es erfahren?«

»Ja,« rief Therese, und rückte unruhig auf ihrem Stuhle hin und her, »diese Neugier hätte mich auch gemartert, und ich würde jedem Mädchen im Hause auf die Finger gesehen haben.«

»Das that ich auch,« erwiederte die Nonne lächelnd, »aber leider fand ich wenig Gelegenheit dazu. Zu jener Zeit herrschte auch unter Hausgenossen eine gewisse Zurückhaltung des Umgangs; die Töchter der Professoren hielten zusammen und mich für stolz, womit so oft der Sinn für Einsamkeit verwechselt wird, und die Fähigkeit, sein eigener Freund zu seyn. Indem ich nun Tag und Nacht darüber nachsann, Wen ich mir zum Fürsprecher bei meinem Vater erwählen könnte, und -- da die Zeit drängte, ich mit unschlüssiger Angst bald an die Gräfinn Frankenstern dachte, bald in Ueberlegung nahm, ob ich mich an den alten Posca selbst wenden sollte, der als ein bigotter Mann Scheu getragen haben würde, die Rechte seines Sohnes gegen den Herrn Jesum Christum geltend zu machen, war mir der Ring, und wer ihn trüge, wirklich ein wenig ins Vergessen gekommen. Den Ludovico hatte ich seitdem nicht wieder gesehen. Nach einigen Tagen kommt des Sprachmeisters Tochter und bringt die fertige Weste. Das Muster blühete nur so, und war mit dem reizendsten Gusto ausgeführt. Meine Mutter breitete den Atlas vor mir aus, und als ich die Vergißmeinnicht sah, die ich ahnungsvoll gewählt: da schwellten meine Augen und ein großer Tropfen fiel auf die abgezeichnete Tasche, die mein Bildniß hatte bergen sollen. O weh! sagte meine Mutter betroffen, was hast Du da gemacht? -- O das schadet nicht, versicherte das Mädchen, _die_ Farbe ist ächt, Sie werden es sehen. Darauf nahm die junge Stickerinn den äußersten Zipfel des Seidenzeugs, und rieb damit fadengleich die feuchte Stelle. Auf dem reibenden Finger aber -- erblickte ich Ludovicos =Mater dolorosa=, und fühlte ihre sieben kleinen Schwerter in _meiner Brust_. -- Ich besann mich, daß Ludovico bei dem Sprachmeister Unterricht genommen, ich wußte auch, daß seine Clara italienisch spräche. Dies arme, geringgeachtete Mädchen mit der kummervollen Leidensmiene stand vor mir, so glückbegünstiget, als ob ein Königreich an ihrem Finger funkelte. -- Ich weiß nicht, in welche Verbindung ich es setzen soll, daß mir bei dem Lichte, was mir nunmehr über den ganzen Zusammenhang der Dinge aufging, jeder Schatten von Furcht vor meinem Vater verschwand. Noch an demselben Tage redete ich mit ihm. Ich unterstützte die getroste Bitte durch Alles, was meiner Meinung nach wirksam auf ihn seyn könnte, als zum Beispiel: daß ich aus guten Gründen glauben müsse, Herr Peter Posca halte ihn für unermeßlich reich, und solch ein Rechnungsfehler bei einem Kaufmann, ergäbe kein verläßliches Facit. Dann würde er wohl als Arzt bemerkt haben, wie dessen Sohn zum Heimweh hinneige, und wenn der Alte einmal das Zeitliche gesegnet, könnte es kommen, daß ich mit Ludovico über Berg und Thal in ein fremdes Land werde ziehen müssen. -- Daß mein Vater mit den Italienern seit einiger Zeit nicht mehr auf dem alten Fuße stand, daß ihm die Idee unserer Verbindung selbst leid geworden, davon wußte ich nichts, als ich mit dringender Beredsamkeit an dem verknüpften Bande lockerte, als ob ich es Wunder! wie unauflöslich hielte. Sieh da! der Faden war schon gelös't. -- Mein Vater ließ mich ausreden, tödtlich stumm. Dann sagte er: thue, was Du nicht lassen kannst! ich will Dich weder hindern noch zwingen. Dieser leichte Sieg war über mein Erwarten. Ich schlang meine Arme um seinen Hals und rief: lieber Herr Vater! ist dies auch wahrhaftig wahr? -- So will ich Gott mein Herz weihen, daß er Ihnen seinen Segen dafür gebe, lebenslang für Sie beten, und als Ihr treues Kind ersterben. -- Diese Freude schien ihn zu erschüttern; thue es -- sagte er mit erstickter Stimme; und zum erstenmale sah ich seine Augen benetzt. Mir aber hatte sich eine Compresse vom Herzen gelös't, und es blutete aus tiefen Wunden. Ich bat meinen Vater, daß er mir noch eine Bitte gewähre. Wenn der alte Tamdio ausgelitten haben würde, was nicht mehr lange dauern könne, dann mögte er die Clara an Kindesstatt aufnehmen, daß dies verlassene Mädchen elterlichen Schutz, und meine Mutter eine Tochter hätte, die ihres Alters Trost und Pflege würde. -- Er versprach es mir. Nun übrigte mir noch das Schwerste. Kaum eine Stunde nachher kam mein zukünftiger oder gewesener Bräutigam, und warb in einer entschlossenen Rede um meine Hand. Ich bebte an allen Gliedern, da ich sprach: Herr Ludovico! ein langer Irrthum hat zwischen uns gewaltet: ich bin Willens, des Himmels Braut zu werden und keines Mannes. Hätte ich Einen gewählt, Sie würden es gewesen seyn, denn ich schätze Sie sehr hoch! -- Hier ergriff er meine Hand -- ich fühlte einen heftigen Druck, und mit gepreßtem Athem fuhr ich fort: ich habe meinen Eltern eine Nachfolgerinn gegeben, die an meine Stelle träte, Clara Tamdio -- ein braves Mädchen, welches das beste Glück verdient. Wenn Sie künftig das freundschaftliche Verhältniß zu unserm Hause fortsetzen: so gedenken Sie auch meiner. -- Ich wagte es, in sein Angesicht zu schauen; es sah aus wie von Marmor, sein Blick war gebrochen -- und _Freude_ war es nicht, was seine Züge versteinte. _Clara_, rief er, ist dies möglich? mein Name in seinem Munde, hatte bei dieser Frage einen andern Klang als sonst -- dieser Augenblick war mein glücklichster.«

Die Nonne verstummte in bewegter Erinnerung. Alle schwiegen. Nach einer Pause fuhr Schwester Veronica fort: »an dem Tage, wo ich mein Noviziat antrat, begrub man den Sprachmeister. Seine Tochter zog in meiner Eltern Haus und in mein Zimmer. Sie trug meine Kleider mit Liebe, und die Schwächen meiner Mutter mit kindlicher Geduld. Die paille Atlaßweste mit Vergißmeinnicht aber hat der Ludovico an seinem Hochzeittage getragen. -- Im Begriff, eine geistliche Jungfrau zu werden, war es mir gelungen, meine Eltern gleichsam noch einmal zu trauen. Ich genoß die unaussprechliche Beruhigung, daß sie die letzten Jahre ihrer Ehe einmüthig lebten. Mir aber war wohl -- das mögen Sie mir aufrichtig glauben. Ich erkannte meine Bestimmung, und daß die Welt meiner Wünsche Ziel nicht gewesen wäre; in ihr würde meine Liebe mir verloren gegangen seyn, die ich mir nun wie ein werthes Kleinod gerettet hatte. Wenn ich den Ludovico heirathen müssen -- und dem würde ich nicht haben entgehen können -- ach! und eine _ungeliebte_ Frau ist die unglücklichste von allen -- dann würde ich in seinem Besitz zu beklagen gewesen seyn, und außer Stande, meine Pflichten mit Vertrauen zu erfüllen, nachdem ich wußte, Wem sein Herz gehöre, und daß ein armes verwaisetes Mädchen durch mein Glück leide. So dachte er gewiß mit Wohlwollen an die Clausur, welche ich gewählt, auf daß er frei wäre in seiner Wahl. Die _Nothwendigkeit_ meiner Entschließung leuchtete mir also ein, wenn es doch dann und wann einen Augenblick für mich gab, wo ich meinte, es hätte vielleicht ein anderer Ausweg für mich ermöglicht werden können. Allmählig schloß ich die Augen meiner Seele für solche Rückblicke. Mir war wie Einem, Den mitten am hellen lichten Tage eine Sehnsucht nach Ruhe ergreift, der er nicht zu widerstehen vermag; der Sonnenschein da draußen blendet ihn nicht, und das Getümmel der Welt regt ihn nicht auf an der stillen Stelle, wo er Frieden träumt. -- Gebet und Arbeit füllten meine Zeit, ich zog viel Blumen, welcher Neigung ich durch mein ganzes Leben treu geblieben bin. Mehrere botanische Werke aus der Bibliothek meines Vaters, waren mein fortgesetztes Studium. Auch lernte ich den Generalbaß und Latein -- was -- wie ein classischer Schriftsteller sagt: ein gutes Mittel gegen die Wollust seyn soll --« ein klares Lächeln, worin die Reinheit einer gottgeheiligten Seele schimmerte, ergoß sich über Veronicas Züge, da sie erläuternd hinzusetzte: »als worunter jener Autor vielleicht die Lust zum Wohlleben und schlaffe Unthätigkeit verstanden wissen will. Auch muß ich ihm gewissermaßen Recht geben, und es ist wirklich wahr, daß jene anstrengende Schule ein empfindsames Frauenzimmer sehr erkräftiget, und keinem weichlichen Versinken in sich selbst Raum giebt. Beide Kenntnisse, nachdem ich sie mit unsäglicher Mühe erworben, waren mir über die Maßen lieb. Ich konnte die Väter unserer römischen Kirche lesen, die heiligen Legenden -- und der Generalbaß -- der ist der Schlüssel zu aller Harmonie, und gleichsam das Thor zu der Welt der Töne. Man geht erst ein in das Geheimniß der Musik, wenn man ihn kennt. -- So waren mir fünf Jahre still verrauscht. Als ich einst nach der Vesper vom Chore kam, die Violine im Arm, die ich zu einer Uebung mit auf meine Zelle nehmen wollte -- ward mir gesagt, ein fremder Herr, der einen Auftrag an mich hätte, wünsche mich zu sprechen. Ein _Herr_! ein _Fremder_! dies sind Worte, welche ein Frauenkloster in Aufruhr bringen. Der ganze Convent sah mich mit Neid und Neugier an, und die Aebtissin bewilligte es, daß ich das verlangte Gehör gäbe. Es war im Herbst, zur Zeit des Zwielichts; der Mond schien schon blaß durch die hohen Fenster, die Reben daran wankten in der Abendluft, so daß sich Licht und Schatten zitternd in dem düstern Sprachzimmer mengten. Mein Blick fiel auf die Gestalt eines Mannes, der am Pfeiler lehnte, und dessen bleiches, verhärmtes Gesicht ich nicht sogleich erkannte. Um Gott! Ludovico! rief ich so erfreut als bestürzt, da ich ihn tieftrauernd sah; ich _fühlte_ die Scheidewand zwischen uns -- den Bogen ließ ich tönend auf die Saiten fallen und konnte mich des Instruments nicht geschwind genug entledigen. Sein Auge strich an meinem Ordensgewand und dann an der Violine herab, da er sprach: liebe _Clara_ -- nie werde ich Sie bei einem andern Namen nennen -- und ich mißverstand ihn wohl, denn ich dachte, um seiner Gattinn willen -- also setzte er hinzu: ich mußte Sie doch einmal wieder sehen. -- Ich drückte ihm meine Freude darüber aus, und durfte ihm nun die Fülle der Liebe zeigen, die keinen Abbruch gelitten, als ich mir mit dem Grundstein seines Glückes eine Stufe in den Himmel bauete, denn er war ja einer Andern, und ich war Gottes. Das Herz war mir so voll -- ich wußte nicht, wonach ich zuerst fragen sollte. Was mußte ich vernehmen! -- Seine Frau war todt, in einem schweren Kindbett gestorben, und Ludovico Willens, mit seinen Kindern nach Italien zu gehen. So wollte ich denn Abschied nehmen, auch komme ich nicht mit leerer Hand -- sagte er mit zermalmender Wehmuth, und bat, daß ich ihm die meinige reichen mögte. -- Und durch das Gitter, wie es damals geschah -- steckte er mir _den_ Ring an meinen Finger, den er der Geliebten gegeben, den seine Ehefrau getragen, den Ring der Schmerzensmutter! -- Empfangen Sie dies zum Andenken von mir und ihr! sagte er, dieses gottselige Bild darf eine Braut des Himmels tragen, ohne ihrem Gelübde treulos zu seyn. Und erinnern Sie Sich in frommer Fürbitte Eines, der mit einem Herzen, darin der Harm wühlt, und ein Wurm, der nicht stirbt, vergangener Tage gedenkt. -- Ich weiß nicht, ob das meinige mehr leidvoll als entzückt war; ich hatte ein Gefühl von Verlöbniß, und doch nicht von irrdischer Art. Wir trennten uns auf immer -- und doch nicht für ewig. Ich besaß ein Pfand, was den armen Leidenden an mich bände, und der Freund meiner Seele, mein Herr und Heiland! hatte nichts dagegen. Auch die Aebtissinn erlaubte, daß ich den Ring trüge. -- Nach Jahresfrist erhielt ich eine Cremoneser Geige wohl verpackt, von Ludovico zugeschickt, die mir unbeschreibliches Vergnügen machte. Es war, als ob seine frühere Gewohnheit, mich zu beschenken, seit dem Tode der Frau wieder ihren alten Platz eingenommen hätte. Vor einigen Jahren,« so endigte Schwester Veronica ihre Geschichte, »zerbrach mir der Ring -- ich konnte mich jedoch nicht entschließen, ihn einem Goldschmied zu geben. Wie bald -- dachte ich, bricht nicht auch der Tod das Auge, das zu viel tausendmalen darauf geruhet! so möge er denn ruhen. Hier liegt er nun.« Bei diesen Worten zog die Nonne ein kleines Schubfach auf, nahm ein Döschen von Perlenmutter, in Form einer Muschel heraus, öffnete es, und drinnen schlief das Bild der allerseligsten Jungfrau auf ein wenig Watte. Die blanke Glätte des Goldes, und ein kleiner Bug am Ringe, zeigten, wie lange er getragen worden sey. Die Damen betrachteten ihn mit einem, obgleich verschiedenartigen, doch gemeinschaftlichem Interesse.

Frau Fabia hielt ihn lange vor ihr ernstes Auge, und seine Farben spielten unter mystischen Gedankenblitzen. Sie dachte an die geheimnißvolle Verkettung der menschlichen Schicksale, wovon dieser Ring als ein Glied anzusehen wäre -- und daß selbst so winzige Steine reden müßten, als die, welche den kleinen Altar reinster Mütterlichkeit zusammenbauten, wenn es darauf ankäme, daß der Unerforschliche seinen Willen offenbare. Theresens Blick spiegelte sich leuchtend im hellen Golde dieser Fassung -- unter Regungen des Flattersinns wie des Vergnügens, dachte sie: wie solch eine traurige Treue wohl möglich wäre? und nur ein leiser catholischer Schauer versenkte ihr Anschauen etwas tiefer in die durchbohrte Brust der kleinen Madonna. Josephine, als die jüngste, bekam den Ring zuletzt, und durfte ihn am längsten behalten; ihr war er eine Reliquie. Der todte Schmerz darin -- das Leben und Leiden der Nonne -- bewegte ihre junge Seele. Die Mutter Gottes, fest gefügt, schwankte, und ihr starrer Jammer lösete sich in der Thräne auf, die dem frömmsten Kinde der Christenheit in den klaren Augen funkelte. Josephine empfand, daß solch ein Ring den Schmuck der ganzen Erde aufwöge. Sie fühlte die Heiligkeit der Liebe, und den unvergänglichen Werth eines Herzens, das sich zu opfern vermag, auf daß die Welt selig würde, die es umfaßt.

Während dieser Theestunden war der Administrator bei dem Major Feldmeister gewesen, der ihm sagen lassen, es ginge schlimmer mit dem Bein, und er mögte ihm doch ein wenig Gesellschaft leisten auf seinem Zimmer.