Die Schwägerinnen. Erster Theil.

Part 2

Chapter 23,644 wordsPublic domain

Diese Worte, in überwallendem Unmuth gesprochen, waren von zureichendem Einfluß. Fabia reichte dem brüderlichen Schutzherrn die Hand, und sah ihn mit bangen Mienen an. Sie sagte besänftiget: »mißkenne auch Du mich nicht, mein lieber Bruder. Es ist wohl schwer, in nächster Gemeinschaft auszukommen mit Dem, der das grade Gegentheil von uns ist, wie Therese von mir. Was hilft ihr sogenanntes gutes Herz? es ist nur Temperament. Sie denkt an nichts Ernstes und Edles; ihre Zeit, dies Capital, was uns der Herr der Ewigkeit geliehen, wird in Tand verschwendet. Sie wuchert nur mit ihren Reizen. Am häuslichen Heerde brennen ihr die Sohlen. Sie fängt -- was ich nun vor den Tod nicht leiden kann -- hundert Arbeiten an, ohne eine zu vollenden. Der Fleiß erscheint ihr wie eine Frohne, gegen die sie einen Freibrief zu haben meint. Alle Ordnung ist ihr lächerliche Pedanterie -- jüngst hat in einer kostbaren Wollestickerei, die sie in den Winkel geworfen, die Katze Junge gehabt.« Den Administrator wandelte das Lachen an, aber sein Blick grollte in Wehmuth, die den Komus dieser Anschuldigung entkräftete. Er hatte, während ihm Fabia Theresens Fehler aufzählte, ein paarmal schwer geseufzt, über die Unart der Frauen, nachdem ein vernünftiger Mann sie überzeugt zu haben glaubt, ihre Beschwerde immer wieder zu erneuen. Diese Verdammniß manch häuslicher Hölle ist gleich der Strafe des Sisyphus. --

»Und was mir am meisten Kummer verursacht,« fuhr Fabia fort: »ist, daß ihr Beispiel endlich dem Kinde, der Josephine, nachtheilig werde, um so mehr, da es ihr nicht an verführerischen Gaben fehlt. Josephine spricht ihr, wie wenig sie redet, beständig das Wort; das ist schon ein übles Zeichen.«

»O Fabia!« sagte ihr Schwager mit innigem Tone: »es ist das Zeichen eines heiligen Gemüths, in dessen Reinheit alle Flecken des Nächsten verschwinden, einer himmlischen Demuth, die nur an die eigene Fehle denkt. Die Unschuld beschützt sich selbst. Und sollte ja durch den nahen Umgang Theresens eine schädliche Einwirkung auf Josephine zu befürchten seyn: so wird Deine _Strenge_« -- Herr Prälat betonte, was er sagte, und es lag ein leiser Vorwurf in seiner Accentuation --: »dieser möglichen Gefahr schon zu begegnen wissen.«

Fabia erwiederte hierauf: »man kann nicht strenge genug seyn in Sachen des Gewissens, und das Bewahren dieses Mädchens ist eine Gewissenssache für mich.«

Der Administrator wollte sprechen, da kam ein Bote, der ihn abrief. Er zögerte zu gehen. Noch einmal faßte er ihre Hand, sah ihr freundlich ins Gesicht und sprach: »Du bist also wieder gut? wir scheiden als Freunde, oder vielmehr wir scheiden nun nicht? Und Therese?«

Fabia lächelte. »Ich werde sie versöhnen --« sagte sie versichernd. Da zog er ihre Hand an seine Brust, drückte mit heißen Lippen einen Kuß darauf, und enteilte auf den Ruf seiner Pflicht.

»Wie stark sein Herz klopfte!« sagte Fabia leise und ängstlich zu sich selbst, und diese Besorgniß galt mehr der fieberhaften Wallung des erhitzten Blutes, als der nervösen Störung, welche diesen Umlauf beschleunigte. Fabia hatte den zartesten Sinn für den krankhaften Zustand ihres Schwagers, und zugleich eine stumpfe Härte in Betreff alles dessen, was seiner Seele wohl thun könnte. Das kleinste körperliche Uebel regte ihre wohlwollenden Kräfte ihm abzuhelfen auf, während sie in kalter Gleichgültigkeit verharrte, wo sein Inneres litt, wenn es auch in ihrer Macht gestanden hätte, dieses tiefere Weh zu lindern. Sie erschöpfte sich in dienstlicher Beflissenheit, indeß es ihr ein Leichtes gewesen wäre, die bittere Quelle zu verstopfen. -- In diesem Widerspruch lag all der Egoismus, durch welchen Frauen solcher Art die Wirkung einer pietistischen Moral verkümmern, wogegen die Liebe in ihren Fehlern sogar -- heilbringend wird.

Es klopfte sacht an die Thüre, und als Frau Fabia: »herein!« gesagt, erschien eine ehrwürdige Gestalt, die einzige noch übrig gebliebene Nonne von der Gesammtschaft des aufgelös'ten Ordens, welche die Vergünstigung nachgesucht und empfangen hatte, in Sanct Capella den Rest ihrer Tage beschließen zu dürfen. Das fromme Stillleben der Nonne hatte sich wenig geändert, seit jener Catastrophe, welches die Verfassung des reich fundirten Klosters stürzte, und in dem Muth, womit sie als eine einsame Ruine unter den geweihten Trümmern ihrer Welt begraben zu werden wünschte, bewährte sich eine wahrhaft hohe Seele. Schwester Veronica verzehrte hier ihre Pension, in wunderlicher Zusammenstellung mit einer Anzahl Offiziere, die eben so die Mittel zu ihrer Subsistenz in einem Gnadengehalt aus der Staatscasse erhielten. Der Administrator, ein guter Cameralist, hatte die glückliche Idee gehabt, einen Theil dieser Zuflüsse in die Einkünfte des Stiftes zu leiten, worin die kleineren Wohnzimmer und größeren Säle des weitläuftigen Gebäudes für solch einen Zweck zu benutzen wären, und seit Herr Prälat mit Genehmigung der Behörde dies in öffentlichen Vorschlag gebracht, hatten sich zwölf ausgediente Krieger gefunden, welche alle unter einander bekannt, dies Anerbieten mit Freuden ergriffen, und den politischen Streit weltlicher Interessen gegen die friedliche Geselligkeit eines Invalidenhauses aufgaben, das ihnen kaum reizender gelegen seyn konnte. So mischte sich denn das Geräusch manch welken Lorbeers mit den stillen Schatten der klösterlichen Palme von Sanct Capella. -- Dieser militairische Club bestand nun neben dem Familienleben des Administrators, neben der Clausur der geistlichen Jungfrau, ohne daß diese verschiedenartigen Verhältnisse durchaus umgänglich geworden wären. Zwar hatte der junge Prälat unter den alten Offizieren Einige, die seine Achtung von den Uebrigen sonderte, auch einen Freund --; aber diese Auszeichnung that weder dem guten Vernehmen mit Allen, noch der Zurückhaltung Eintrag, die er im Ganzen beobachtete. Auch war sein Wirkungskreis sehr groß und forderte all seine Zeit, und für die wenigen Stunden der Muße, welche ihm vergönnt waren, sprach das Bedürfniß mächtig in ihm an, sich wissenschaftlich zu beschäftigen. Und mitten unter diesem invaliden Ruhestande, der doch zuweilen, alter Gewohnheit nach, ein lärmender Aufstand wurde, wenn auch der renommirende Säbel in friedsamer Scheide stack -- mitten unter der rastlosen Geschäftslosigkeit des Administrators und seiner Leute -- war die Wohnung der Schwester Veronica, gleich einer Einsiedelei zu betrachten, worin sie, wie die Schutzheilige des Hauses, Segen durch ihre fromme, lautlose Gegenwart verbreitete. Sie hatte sich den Schwägerinnen des Herrn Prälaten herzlich befreundet, wie dem Stiftsverweser selbst, Josephine war ihr Liebling -- dennoch geschah es nur selten, daß ihr Besuch in dem Flügel gesehen wurde, den der Administrator mit den Seinen bewohnte. Doch so oft Jemand in dieser Familie krank war, ob am Leibe, oder an der Seele -- und es war, als ob die Nonne es durch Inspiration erführe, wo ihr Rath, ihr Trost nöthig sey -- kam sie ungerufen, und man war daran gewöhnt, das milde Gefühl der Theilnahme an ihr Erscheinen zu knüpfen. Dazu trug selbst ihr _Aeußeres_ bei. Schwester Veronica hatte mit Ergebung die ihr liebgewordene Tracht der Ordensregel aufgegeben; aber ihr einfacher Anzug näherte sich derselben so sehr als möglich. Ein Schleier der Weltentsagung wallte unsichtbar nieder an dieser Gestalt, welche, trotz der Bürde von siebenzig Jahren und mancher beugenden Erfahrung, sich vollkommen aufrecht erhalten hatte. Ihre Stimme tönte rein und sanft, wie in leisen Nachklängen der Hora -- und in dem Tiefblick ihrer Augen glomm noch ein schwacher schwärmerischer Funken jener ewigen Lampe, womit sie einst in nächtlicher Stunde dem himmlischen Bräutigam entgegen gegangen war. Lichtvolle Klarheit war über die Züge der Nonne ausgegossen, wie wenn blasser Mondschein einen stillen Abend erhellt. Und wie die Zeit dieses langen Lebens in gleichförmiger Ruhe vergangen war: so hatte sie auch nur unmerkliche Spuren nachgelassen. Zwei Reihen wohlerhaltener Zähne stützten wie eine elfenbeinerne Doppelmauer den Mund, dem nie ein liebloses Wort entschlüpfte, und der noch eines heitern Lächelns fähig war, gegen den Einfall des Alters. Wenn Schwester Veronica mit sachtgewöhntem Fuß durch die wüsten Gänge schlich, und ein bestiefelter Schritt ihr dröhnend begegnete: dann salutirte der Offizier in kirchlicher Ehrerbietung, und wechselte gewiß ein paar Worte, welche die Nonne immer freundselig, ja oftmals scherzend erwiederte.

Wir wenden uns nun wieder zu dem Eintritt der Nonne. »Guten Morgen, Frau Fabia!« sagte die Conventualinn, und es bleibt zu errathen, ob sie die trauliche Benennung des Vornamens in klösterlicher Sitte beibehalten, oder als Vorrecht der Freundschaft für die beiden jüngeren Frauen angenommen hatte. -- Ueber Fabiens verdüsterte Züge flog ein bewillkommendes Lächeln. Sie nahm den guten Geist mit Freuden auf; nur der Blick, der noch naß glänzte, ward dem Gruße vorenthalten, daß Schwester Veronica die thränengeschwollenen Augen nicht sähe.

»Ein goldener Tag!« sagte die Nonne, und ihre feine Wange brannte wie glimmende Kohlen, »die Sonne scheint so schön und blaß wie eine Braut. Man fühlt sein Herz ordentlich erwärmt. Doch -- sehe ich recht? warum denn so betrübt, Frau Fabia? ich will nicht fürchten, daß ein Unglück -- --.«

Bei diesen antheilvollen Worten schüttelte Fabia leise mit dem Kopfe. Sie antwortete mit wehmuthzitternden Lippen: »es giebt zuweilen etwas; kein Himmel ist so hell, daß er nicht einmal weinte -- und den Himmel auf Erden -- glauben Sie es mir, Schwester Veronica! den habe ich grade nicht.«

»Wer hätte den!« erwiederte die Nonne mit aufwärts gehobenem Blicke, der in die Tiefe menschlicher Erfahrungen schauen ließ. »Wir können nur darnach ringen. Und diese Kraft kommt auch von Gott. Thränen fallen wie Thau in der Nacht: sie erfrischen. Der Kummer, auch der längste, gehet endlich vorüber -- Ich kenne nur ein Elend, welches bis in Ewigkeit dauert, und das ist der Unfriede.«

Fabia nickte; erschauernd wie im Frösteln eines verweinten Gefühls und dieser Vorstellung sprach sie: »warum sollte ich es Ihnen nicht sagen? ich hatte mich mit Theresen verzürnt, der Bruder ward in den Streit gezogen, er war wie gewöhnlich auf ihrer Seite. Das kränkte mich. Wer ist's, der für ihn sorgt? ihn pflegt und sein Bestes wahrnimmt? -- Therese nimmt keine Notiz von diesen Pflichten einer rechtschaffenen Schwägerinn und ihn nur durch flatterhaften Leichtsinn für sich ein. Ich wollte fort -- man säet ja doch nur auf den Wind.«

»Der Dank, Frau Fabia,« entgegnete die Nonne, »ist eine Ernte, die man unbewußt ausstreut, ein Lohn, auf den man nie rechnen darf, eine überraschende Freude, wie eine Blume auf dem Felsen: denn sie wurzelt nur in starken Herzen. Der wackere Administrator scheint mir jedoch sehr wohl zu erkennen, was er an Ihnen hat, wenn er sich auch der jungen Frau seines Bruders gleichfalls zuneigt. Bin ich doch selbst der lieben Therese herzlich gut. Ach! ich betrachte sie nie ohne Mitleid.«

»_Mitleid?_« fragte Frau Fabia mehr mit einem Anfluge von Kälte, als der Verwunderung: »und worin wäre Therese zu bedauern?«

»Solch glücklichem Leichtsinn,« versetzte die Nonne mit weicher Stimme, »ist häufig ein schweres Schicksal zu tragen beschieden. Sie thut mir leid, die holde, hübsche Frau! es ist keine böse Ader in ihr, wenn auch die Pulse hüpfen.«

Fabia schwieg, und Schwester Veronica, als ob sie mit sich selbst redete, fuhr fort: »es ist seltsam, Jeder wünscht sich etwas Anderes, als was er besitzt, tadelt nebenher fremde Eigenthümlichkeit: und wir Alle haben, was wir brauchen. Ausgerüstet für unsere Bestimmung, treten wir in den Kampf der Welt, und an dem Keime unserer Neigungen und wie sich diese entwickeln: daran wäre die Frucht unseres Lebens, ach, die bittere oft! zu erkennen, wenn wir fleißiger nach Innen blickten. Die beschauliche Stille des Klosters führt auf solche Betrachtungen.«

»Der Klosterzwang hatte auch sein Gutes,« sagte Fabia mit einem Seufzer über die Willkür, unter der sie zu leiden wähnte, »und was man immer davon sagen mag, bis auf einen gewissen Punkt hält er doch zusammen. Wo aber die Meinungen so durchaus verschieden sind in Sachen der Seele und Seligkeit, auf der Höhe der wahre Gott angebetet wird, unten aber dem Baal geopfert --« Fabia stockte und sprach nicht vollends aus.

_Wie_ lächelte die Nonne bei dieser Rede! Sie antwortete mit verhaltenem Tone: »unser Kloster ist nicht mehr -- sein Altar steht nur noch in meinem Herzen; dennoch Frau Fabia, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben will: so muß ich bekennen, der Friede ward hier nicht gefunden, sondern nur gesucht, und höchstens _gelernt_. Wir Alle müssen Geduld mit einander haben. Und wie von den tausendmal tausend Ehen, die auf Erden geschlossen werden, jedes Mägdlein sich den Verlobten aus eigener Liebe oder besondern Gründen nimmt: so ist auch der Herr jedweder Seele, die sich ihm weihet, ein Anderer. Der Schleier hüllt nicht immer das Heil derselben ein -- viel öfterer ein Herz voll Wunden -- und die einsame Zelle verbirgt zuweilen einen Stachel, der sich selbst zu Tode trifft. Wenn die Menschen große Prüfungen herbei ziehen wollen: so dürfen sie nur Zank und Zwistigkeit über ein Geringes erheben. Manchmal dachte ich: es muß ein Unglück kommen, und es kam. Da fühlten wir das Band unserer Verbindung, und der Riß ging durch das Leben.«

Während Schwester Veronica also sprach, hatte Frau Fabia sich mit der nun fertigen Guirlande, die sie wie ein Feston schwebend trug, dem Bilde Martin Luthers genähert, um diesen Schmuck daran zu befestigen. Das Blumengewinde, von seiner eigenen Wucht niedergezogen, glitt abwärts, ehe Fabia es dem Rahmen anpassen konnte, und die Nonne daneben leistete ihr mit freundlicher Toleranz Beistand, den Mönch von Wittenberg zu bekränzen. Diese Huldigung ward von Seiten Fabiens emsig, doch schweigend dargebracht. Auch Schwester Veronica verstummte, und richtete den Blick starr auf das Portrait, welches einer andern Erinnerung aufhalf, als der, die sie großmüthig zu vergessen schien.

»Warum ich eigentlich gekommen bin --« sagte sie mit einem gastlichen Geheimniß in der Miene: »man geräth ins Plaudern und ein altes Gedächtniß wird schwach. Sie haben mir versprochen, mich zu besuchen, Frau Fabia, mit Josephine -- und Theresen! So lade ich Sie hiermit ein, auf eine Schale Thee, um fünf Uhr, wenn Sie so gütig seyn wollen. Ich bin am Feuer gewesen, Sie sehen es mir noch an. Meine lieben Gäste, auf die ich hoffe, zu bewirthen, habe ich Olyppen gerollt und mürbe Schneetörtchen ausgesetzt, mit Kirschmuß gefüllt, weil ich weiß, Sie mögen dies Gebäck gern.«

»Kirschmuß?« fragte Fabia zerstreut doch dankbar, und der schwarze Groll in ihrem Herzen war unterdessen in Süßigkeit zergangen. Der Gedanke rührte sie, die Nonne wolle ihr, ob auch verschwiegenermaßen, doch nach echtcatholischer Weise, den Namenstag des Reformators feiern -- eine Selbstverleugnung, der die lutherische Fabia schwerlich fähig gewesen wäre. Sie antwortete demnach: »Ihre Güte beschämt mich, Schwester Veronica; ich nehme, was mich betrifft, die Einladung mit Vergnügen an, doch würde ich auch zu jeder andern Zeit -- -- --.«

»Nein,« erwiederte die Nonne sanft beharrend: »warum also nicht heute? Sanct Martin will auch sein Recht haben. Es hat große Männer dieses Namens gegeben. Papst Martin der Fünfte ritt ein weißes Roß -- daher vielleicht das volksthümliche Sprüchwort: Sanct Martin kommt auf dem Schimmel; was so viel sagen will, als: daß oftmals zu Martin der erste Schnee fällt. Von meiner Kindheit her war dieser Tag mir immer eine kleine winterliche Vorfeier des heiligen Abends; ich jauchzte, wenn die ersten Flocken die stille Luft einschleierten; dann ward es mir so traut und heimlich düster im Zimmer, ich schmiegte mich in meinen Winkel, spielte Kloster und betete das Christkind an, vor dem ein Paar kleine Lichter brannten. Die Mutter schenkte mir deshalb stets den angemalten Wachsstock voraus.«

Bei dieser Rückerinnerung lächelte die alte Nonne fast kindlich. Sie glich in diesem Augenblicke einem Wachsbilde.

Frau Fabia aber fragte nachdenklich: »war jener Papst, dessen sie erwähnen, mit dem heiligen Martin, den Ihre Kirche verehrt, Eine Person?«

Schwester Veronica verneinte es und sprach: »der sogenannte heilige Martin war ein Muster aller Tugend, ob zwar ein geborner Heide. Er schenkte einst einem Armen, der ihm in erbarmungswürdiger Blöße unter den Thoren von Amiens begegnete, die Hälfte seines eigenen dürftigen Kleides. In der folgenden Nacht erschien ihm der Heiland, und der göttliche Leib war bedeckt mit diesem halben Gewande. Doch dieses dünne düstere Grau hing in den schönsten Farben zusammen geflossen über der Schulter des Gekreuzigten, wie ein Regenbogen am Himmel; Glanz erfüllte das Gemach --« die Augen der Nonne schimmerten.

»Der mildthätige Mann,« entgegnete Frau Fabia, »wird an die Worte der Verheißung gedacht haben: was dem Geringsten meiner Brüder geschieht, soll mir gethan seyn.«

»Noch war er nicht getauft; aber es geschah alsbald,« antwortete die Conventualinn, welche ihren frommen Wunderglauben durch diese biblische Erklärung angegriffen sah. Der Gedanke an den Unterschied ihrer religiösen Meinungen drängte sich in die Lücke des Gesprächs, dann fügte Schwester Veronica hinzu: »auch Martin von Amboise war ein berühmter Mann --.«

Frau Fabia erstaunte nicht wenig, diesen Namen, der in den tiefsten Saiten ihres Herzens Anklang fand, aus diesem Munde zu hören.

Die Nonne war im Begriff zu gehen, vielleicht fürchtete sie auch nur abzuhalten. Personen, welche die meiste Zeit haben, machen in der Regel die kürzesten Besuche und sind überall eilfertig. »Um fünf Uhr, Frau Fabia, ich bitte!« sagte sie, bereits an der Schwelle, »und Therese?«

Mit dieser Frage schien sich heute jede Unterredung für Fabia zu schließen. Sie sprach: »ich werde ihr die Einladung mittheilen und meinen Wunsch, daß wir als gute Freunde zu Ihnen kommen.«

Schwester Veronica lächelte friedselig zu diesem Versprechen. Sie nickte noch einmal und verschwand.

Während dieser Unterhaltung war der Administrator, sobald das Geschäft welches seine Gegenwart erfordert fordert hatte, beseitiget worden, mit starken Schritten allein in seinem Zimmer auf und nieder gegangen. Da trat Major Feldmeister bei ihm ein, Einer der pensionirten Offiziere, ein Hausgenosse des Stiftsverwesers, und diesem der liebste. Nicht der Krieg hatte den wackern Ingenieur zum Invaliden gemacht, oder die höhern Jahre, in denen er stand; er war bei einer Uebung der Artillerie gelähmt worden.

»=Bon jour=, Freundchen! störe ich?« rief der alte Feldmeister, indem er sich langsam durch die Thür schob; dicht neben ihm drängte sich sein großer Pudel von infernalischer Schwärze, heran: gleichsam der Dritte in diesem Bunde.

Der Administrator begrüßte den Besuch wie einen gern gesehenen, und streichelte den Faust, so hieß der Hund -- der Täufling eines Kraftgenies, das weder an Göthe noch Klingemann, oder irgend einer Klinge Anstand genommen hätte, den Schwarzkünstler in seiner Art, also zu benennen. »Schön, aber verteufelt kalt heute!« bemerkte der Major, und glitt ein wenig wankend und mit einem Zuge von Schmerz um den eingekniffenen Mund in einen nahen Sessel.

»Ich wollte nur --« sagte er tiefathmend, »ich hatte mit Ihnen zu sprechen, ehe ich am Ende sitzen bleibe im Winterquartier: denn seit gestern, wo ich, wie Sie wissen, noch in Leidthal war, verspüre ich Gichter im Knöchel.« Der Pudel entzog sich der Liebkosung des Administrators, und lagerte sich zu den Füßen seines Herrn, den zottigen Umhang des Ohres an die kranke Stelle geschmiegt, als wolle er das leiseste Necken heraus hören, und mit einem drohenden Blicke höllischer Melancholie in den röthlichumzogenen Augen knurrte er vor sich hin, als wolle er dem Weh, welches der Major männlich verbiß, rathen, nicht allzu nahe zu kommen: denn ein Funken himmlischer Treue belebte diese hündische Seele.

»Es wird hoffentlich nur ein wenig Rheuma seyn,« erwiederte der Administrator tröstend auf jene Klage, »ein gelinder Schweiß hilft es heben,« dabei trocknete er sich die Stirne, und verbarg eine verstörte Miene in dem feinen Tuche.

»Wie es scheint, Freundchen,« sagte der Major und lächelte: »sind Sie selbst in Transpiration -- oder in Angst? das verhüte Gott!«

»Die Weiber haben mir den Kopf warm gemacht« -- sprach Jener heftig: »es kostet Kampf, mit ihnen fertig zu werden.« Bei diesen Worten rückte er ein Kästchen mit Cigarren dem Gast zur Hand, und drehete den Hahn an der Maschine von Wasserstoffgas wie mit zürnender Vollkraft, daß der Strahl erschrocken heraus sprang. Es geschah dies mit unbewußtem Nachdruck des Gedankens, er sehe sich genöthiget, ihnen den Daumen aufs Auge zu drücken.

»Glaub's gern,« antwortete der Major gleichmüthig, und schickte sich ohne Umstände zum Rauchen an. »Man hat mit Einer zu thun. Sie stecken mir da wahrhaftig in jedem Sinne ein Licht auf. Oft schon habe ich gedacht, wie Sie nur Friede erhalten mögen unter den Frauen? Feuer und Wasser sind nicht so verschieden wie diese Beiden, und Josephine« -- der Blick des Majors streifte den gläsernen Globen -- »ist ein Kind des Lichts, eine Tochter der Lust, so zu sagen: denn man weiß nicht, woher? von wannen? genug, die Kleine ist Gott Vaters Ebenbild -- und die Frau Schwägerinn eine wackere Stiefmutter.«

Herr Prälat schien das Letztgesagte nicht vernommen zu haben. Er starrte vor sich hin, als dächte er diesem zweideutigen Lobe nach. Der Major fuhr fort: »wenn es denn irrdischen Eigenschaften nachgeht: so muß Frau Fabia einst Schaffnerinn im Himmel werden. Sie ist eine treffliche Wirthinn, das muß wahr seyn. Und diese Ordnung, diese Stille -- aber Freundchen, der Mensch lebt nicht von Brod allein. Wenn Sie nun heirathen? wird eine Frau sich dies Regime gefallen lassen? und eine so hübsche Mitregentinn wie Therese dazu? schwerlich. Sie dächte wohl, Jene führte den Scepter im _Hause_, Diese trüge die Reichs-Insignien im _Herzen_ des Mannes, und so wäre sie nur gleichsam eine Schattenköniginn.«

»Es wird nicht geschehen,« versetzte der Administrator halblaut, ohne sich deutlicher zu erklären, ob er das Heirathen, oder diese Vertragsamkeit meine.

»Es taugt nicht,« fuhr, nun im Zuge, der alte Feldmeister fort: »sich vor der Zeit mit Familien-Verhältnissen zu befassen. Frei muß der Mann seyn, ehe er freit! eine ganze Sippschaft Vettern und Basen rückt ihm mit dem Hochzeittage auf den Hals. Meine selige Frau hatte keine Geschwister, und kaum war ich ein Jahr mit ihr verheirathet: so däuchte es mir, ich hätte das leibliche Kind der Mutter Eva zum Weibe genommen: denn das Menschengeschlecht kam, und wollte mit mir verwandt seyn.«

»Mein Schicksal ist ein Schlangenknoten, schon um meine Wiege geschürzt,« entgegnete der Administrator düster: »und wenn ich den Lauf meines Lebens überdenke: so scheint es mir, ich sey bestimmt, unter falschen Maximen zu leiden. Urtheilen Sie selbst!«

Herr Prälat war in einer jener Stimmungen, welche dem nächsten Zufall den Schlüssel giebt, auch ein verschlossenes Herz zu öffnen. Zumal war dies Herz gepresst wie noch nie; er kannte den Major als einen wackern Mann, und so genügte er dem Bedürfniß des Vertrauens. Indem er eine Tabackpfeife ergriff und lächelnd den Kopf des Mustapha, genannt der Fahnenträger, betrachtete, sagte er: »kein Unterschied des Glaubens, kein religiöses Vorurtheil, und was aus dieser oder jener Gattung für das Leben hervorgeht, ist mir fremd geblieben, den Islam ausgenommen --« hier knurrte Faust, und schnappte wie nach dem Schall dieses Wortes.

Der Administrator setzte sich dicht an die Seite des Majors und sprach: »Mein Vater soll ein Freigeist gewesen seyn -- ich will es nicht bezweifeln: denn der Gott in meiner Brust war kein kindliches Erbe, sondern der Segen der Natur. Ziemlich jung noch hatte er eine Wittwe geheirathet, die bedeutend älter war.«