Die Schwägerinnen. Erster Theil.

Part 13

Chapter 133,613 wordsPublic domain

Sylvius lächelte. Dies Lächeln, ein Schattenriß jener Vision, schnitt seinem Freunde in die Seele. Er sprach: »ich sage Dir, bei dem lebendigen Gott! Sie war es wirklich. Ein kleines blankes Schlüsselbund an ihrem Gürtel klirrte, da sie in achtloser Eile über eine Baumwurzel strauchelte. Sie trug einen Zweig Ebereschen in der weißen Hand, die lagen verstreut auf dieser Stelle, da ich sie suchte, wie Blutstropfen, die von meinem Herzen abgeträufelt wären. Frage nicht, wie mir gewesen; ich weiß nichts von jener Zeit. Tony glaubte, daß ich mir einen Paroxismus durch Erkältung zugezogen hätte. -- Wer war die Dame? wo ist sie hin? fragte ich die Wirthinn, und meine Zähne schlugen an einander. Ich erhielt keine andere Auskunft, als den Bescheid: es wohnten ein paar Brunnengäste auf dem Schlosse, ein Herr und eine Dame, diese würde es wohl gewesen seyn; stille, vornehme, absonderliche Leute, sagte die Frau mit einem Fingerzeig gegen die Stirne, die das Geräusch nicht lieben, und Niemand etwas zu Leide thun. Sie mogte meine Geberde für Furcht halten. -- Die Nacht kühlte mich nicht; ich lag in Angst gebadet. Noch war die Sonne nicht aus dem Morgenthor gegangen, da läutete ich schon an dem des Schlosses. Ein schlaftrunkener Wächter that mir auf und schnaubte Grimm; doch der wilde Mann auf dem Goldstücke, welches ich ihm vorhielt, machte ihn zahm. Er habe strengen Befehl, Niemand einzulassen, sagte er, seit gestern Abend. Auch sey die Gräfinn unpaß. Also _krank_! dachte ich. Wer krank ist, lebt doch! ich aber war gekränkt bis zum Tode. Und als die Thürflügel hinter mir zufielen, fühlte ich mich von jeder Hoffnung auf ewig ausgeschlossen. Willenlos ließ ich nun Tony über mich verfügen, die unsere Weiterreise beschleunigte. Sie weinte im Wagen -- ich sprach kein Wort, ein Laut von meinem Schmerz hätte mir die Brust gesprengt. In der nächsten Stadt ging Tony aus und kam mit einem Doctor wieder, den sie selbst geholt hatte. Es war ein ehrwürdiger Mann, der mir Zutrauen einflößte. Er tadelte collegialischer Weise meinen vorigen Arzt, der mich so früh in der Reconvalescenz nicht hätte reisen lassen sollen, und meinte, nun müßte ich acht Tage Quarantaine halten: ich bedürfe Ruhe. O Gott! -- Sein Auge schien mit Liebe auf Tony zu verweilen, die, wie er und seine Frau gefunden, ihrer einzigen Tochter sehr ähnlich sähe, welche ihnen vor zwei Jahren eine ansteckende Krankheit entrissen, wozu der Vater selbst den tödtlichen Stoff herzugetragen. Wie rührend schilderte der Mann mir diesen Schmerz! -- Er bat mich, der armen Mutter den Trost dieses Anblicks zu gönnen, und während unseres Aufenthalts freundlich zu ihnen zu kommen. Diese herrlichen Menschen werde ich nicht vergessen. Mir kam der Gedanke, Tony, die ich besser nicht aufgehoben wüßte, bei ihnen zu lassen, allein in meine Heimath zu reisen, das Terrain zu recognosciren, und sie dann abzuholen. Tony schien dieses Vorschlags froh, der Doctor und seine Frau gingen mit Vergnügen darauf ein. Ich athmete freier und fühlte mich erlös't, da ich im Wagen saß. Der Unglückliche, allein neben Andern, findet Trost darin, einsam zu seyn, und der Gram ist ein unduldsamer Gefährte. Mein alter Vater empfing mich mit großer Rührung. Er kannte den Sohn kaum mehr, so hatte ich mich verändert. Ich wagte es, ihm mein Unglück zu bekennen. Es floß eine große Kraft von ihm aus -- und sein sanftes Wort fiel wie Thau in meine brennende Seele. Sylvius, sagte er: Du hast ein gefährlich Spiel gespielt, und ich fürchte, Du hast es verloren -- finde Dich nur darin; den Vater sollst Du stets in mir finden. Ein Zurückgehen in seine alten Verhältnisse ist dem Menschen immer unmöglich, jede Stunde reißt uns von der vorigen ab, und der zerrissene Faden einer Fügung läßt sich nicht haltbar wieder anknüpfen. Gott fügt zuletzt doch Alles wohl. Ermanne Dich, mein Sohn! der Muth hilft Berge tragen, und der Glaube versetzt sie. -- Wie oft hatte ich dieses frommen Glaubens heimlich gespottet! jetzt neidete ich meinem Vater seine stille Gelassenheit. Er war es zufrieden, daß ich ihm Tony brächte. Wir wollen sehen -- sagte er mit bekümmertem Blick. Ich will Tony also holen. Auf der Straße jener Stadt begegnet mir mein alter Doctor. Er erkennt mich bestürzt und ruft: nun, es ist doch kein Unglück vorgefallen? ich frage: wie so? -- Tony war seit fünf Tagen fort, vorgebend, Nachricht von mir erhalten zu haben, daß ich mein Versprechen unmöglich erfüllen könne, und dringend nach ihr verlange. Die Frau des Doctors zitterte an allen Gliedern, ich sah, man verschwieg mir etwas. Auch liegt ein Brief an Sie da, sagte Jene, der den Tag nach der Abreise Ihrer Frau Gemahlinn ankam, mit dem Vermerk, daß wir ihn aufbewahren sollten, bis daß er abgeholt würde; dieser Umstand ist uns sehr aufgefallen. -- Tony schrieb mir: von den letzteren Erfahrungen überzeugt, mit welcher Aufopferung ich mich ihrer angenommen, wolle sie mir nicht länger beschwerlich fallen, und ich dürfte sie um so ruhiger ihrem Schicksal überlassen, als sich ein Begleiter für sie gefunden, der die Pflicht, sie zu beschützen, für sein Glück halte, und mit Freuden jede Verantwortlichkeit auf sich nehme. _Böslich_ habe sie mich nun zwar nicht verlassen, was uns sogleich scheiden werde -- aber ich könne immerhin darauf klagen, und auf was ich immer wolle. Sie ertheile mir die unbedingteste Vollmacht für alle Fälle der Schuld, und wünsche mir, wohl zu leben. -- Bei dem Tone leichtsinniger Indifferenz in diesem Schreiben, war es mir, als ob ein Fenster zerspränge; freie Luft strömte mich an, und ich sah Alles, _Alles_ ein!«

»Sieh!« sagte Cölestin mit einem Klange der Rede, als hätte eine lange Dissonanz sich gelös't, »so hat auch Dich diese falsche Tony nicht geliebt. Sie ist eine Schauspielerinn, die heute im Fache der Intrigue siegt, und morgen als gedrückte Unschuld rührt. Du warst nur das Vehikel ihres Talents und ihrer Zwecke. Sie hat Dich zu der schwersten Rolle gezwungen. Armer Freund! ich muß Dich beklagen und mich dazu, daß ich Veranlassung dazu gegeben. Sprich mir nicht davon, daß sie Dich gepflegt, Dir Güte und Liebe bewiesen: auch eine Actrize fühlt, und vergießt natürliche Thränen; es liegt eine Fähigkeit in der Lüge, daß sie sich selbst für wahr hält. -- Wer war denn aber das neue Opfer ihrer aimablen Kunst?«

»Ein junger Mediziner, ein Libertin, der Beschreibung nach,« antwortete Sylvius »der, zur Zeit Secondairarzt des alten Doctors, Gelegenheit gefunden, mit Tony schnell bekannt zu werden. Das Aehnliche findet sich bald aus. Er hatte einen Ruf nach Liefland erhalten -- Tony war immer progressiv. Sie ging mit ihm, und die treue Aufsicht jenes würdigen Paares ward getäuscht.«

»Und Du?« fragte der Administrator. »Und ich?« fragte Sylvius mitleidig zurück und sprach: »es giebt Erfahrungen, welche durch ihre glühende Beize die ganze Ichheit in ein fremdes Gefühl verschmelzen. Ich hätte Gott danken mögen; aber ich konnte nur sein Wunder denken. Als jener reine Geist erschien, verschwand der Trug des Blendwerks: denn die Liebe ist Licht! ist Befreiung! -- Unsere Ehe war null und nichtig. Ich eilte ohne Weilen zu meinem Vater, ihn der Sorge um mich zu entheben. Gern hätte ich ihn unterstützt mit meiner besten Kraft, diese war mir hin. Eine Zeitlang sah er meinen ohnmächtigen Versuchen zu, mich zurecht zu finden, dann sagte er: so geht es nicht, mein Sohn! gehe nur in die weite Welt, und wenn ich auch unterdessen in die _Enge_ geriethe. Der gute Greis! ach! ich verstand ihn, obgleich ein väterliches Lächeln mich über den düstern Sinn dieses Ausdrucks täuschen sollte. Unsere Familie stammt ursprünglich aus Castilien. Dahin reise! sagte mein Vater, der es wußte, daß, dies Land zu sehen, ein früher Wunsch meines Lebens gewesen war. Die spanische Sprache, unser Muttertheil, hatte sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbt; wenn auch das Wenige, was ich überkommen, nur ein Stammeln genannt werden konnte, deutlich machen, konnte ich mich doch. O mein Freund! diese Reise war mir wie eine Wallfahrt, und mit büßender Seele trat ich sie an; ich hoffte, mich müde zu träumen an der Wiege meiner Väter. Etwas Schöneres als die Einsiedeleien dieses Landes giebt es auf der ganzen Erde nicht. Wo die Natur eine stille Capelle gebaut, da finden sich auch Spuren öder Hausaltäre, und ein Hauch südlicher Glut webt unter diesen heiligen Schatten. Man sieht, der Mensch hat die Hand nur leise heben dürfen, um das Höchste in Besitz zu nehmen. Die reizende Ueppigkeit des Bodens ließ mein armes Herz freudeleer, der Glanz der Städte schimmerte mir kein Glück vor, die Verwickelungen der Politik zogen mich nicht an, nur die Poesie der Einsamkeit war es, was mich rührte. Ich zog hin, ich zog her -- die Zeit zog auch vorüber; ich forschte nach der Quelle meiner Abkunft -- der Ruhe Quell in meiner Brust war mir verschüttet. So hatte ich kaum gemerkt, daß meine Baarschaft zu Ende ging. Der Schmerz, welcher den Geist reift, ist in Betreff auf zeitlichen Vortheil ein Mündel unseres Herrgotts. An den Pyrenäen traf ich einen Deutschen. Ich fand Gelegenheit, ihm einen wichtigen Dienst zu leisten, dann fand ich etwas Seltenes: einen Dankbaren. Ich konnte seine großmüthige Erkenntlichkeit nicht ablehnen. Wir blieben eine Weile zusammen. Er entließ mich nicht, ohne mir das Versprechen abgedrungen zu haben, daß ich, wären meine Verhältnisse zu lösen, mich seinem Schicksal, seinem Glück auf immer anschließen wolle. Er war ein sehr bevorzugter Mann, unabhängig, und begünstiget zu der Freude, seinen Freunden nützen zu können. Mein Vater war todt, seinen Ehrenplatz nahm ein Anderer ein, Fremde schalteten und walteten an heimischer Stelle, überall vermißte ich das Geliebte. -- Ich sehnte mich, ach Cölestin! ich sehnte mich unaussprechlich zu Dir! -- Einmal nur wollte ich Dich wiedersehen und Dir sagen, wie Alles gekommen. Dann scheide ich für immer. Ich habe die Schuld bezahlt -- wirst Du sie auslöschen in Deinem Herzen?«

Der Administrator heftete einen langen, feuchten Blick auf seinen Freund und sprach: »lasse es doch gut seyn. Dein Andenken war mir nie so verwischt, daß ich Dich nicht wieder erkennen sollte. Gott tilgt Alles! von den meisten Tugenden heißt es: sie werden einst nur _vergeben_. Du bist mein Freund und bleibst bei _mir_.«

Sie hielten sich schweigend umfaßt -- ihre Herzen schlugen hoch aneinander, keine Liebe reicht an die verzeihende.

* * * * *

Am folgenden Morgen hatte Frau Fabia eine lange geheime Unterredung mit dem Freunde ihres Schwagers. Sie schien einen alten Bekannten in ihm wiedergefunden zu haben; ohne lebhaft laut über dies erneuerte Verhältniß zu werden. Und daß auch hierin die beiden Schwägerinnen zu gleichen Theilen gingen, geschah es, daß, ehe die Wintersonne desselben Tages sich neigte, Therese bei der unvermutheten Ankunft des Lieutnant Feldmeister in dem Neffen des Majors jenen Offizier erkannte, der mit entschlossenem Muthe ihr mütterliches Gut vor gänzlicher Einäscherung geschützt hatte.

Auch Rudolph stand betroffen, da er die schöne junge Frau erblickte. Eine Feuerröthe, der Widerschein jener Flammen, schlug in seinem Gesichte aus, und eine Wunde, die er im polnischen Kriege davon getragen, schmerzte ihn tiefer, als die erst geheilte. Er nannte die Gattinn des Constanz: »mein gnädiges Fräulein!« Therese hatte sich reizender noch entfaltet; ihre Augen leuchteten unstät und frühlingskräftig wie Sterne am Firmament einer warmen Mainacht, der Blick einer _Frau_ ist ein sanftes, bestimmtes Licht am häuslichen Horizont. Sogar in dieser kalten Jahreszeit verschmähete Therese das Häubchen, und trug das braune Haar üppig frei, als könne ihr Flattersinn selbst einen Zwang von Flor und Band nicht dulden. Alle ihre Bewegungen hatten den tanzenden Rhythmus der Freude; der Gang einer Gattinn ist schwerfällige Prose und schreitet nur unter dem Klingklang eines Schlüsselbundes einher. Kein Gewicht dieser Art beschwerte den Gürtel dieser leichten schwebenden Gestalt. Zwar hing in ihrem rechten Ohr ein winziger Schlüssel von Gold und Demant, und in dem linken das dazu passende Schloß; doch ohne daß der erstere etwas Anderes eröffnet, als den Geschmack im Putz -- das letztere ein volles Herz bewahrt hätte. --

Als Rudolph nun hörte, daß er eine Strohwittwe vor sich sähe, da meinte er, seine Hoffnung, daß der Zufall ihn wohl nicht umsonst mit diesem anziehenden Wesen zusammenführe, wäre auf eine taube Aehre gefallen.

Auch Therese fühlte sich durch den Anblick des Lieutnants in die Vergangenheit entrückt. Sie hörte im Geiste das Schießen der Feinde -- Thränen schossen in ihre Augen und schleierten das Bild der blassen Mutter ein.

Als der Major seinem Neffen die Verhältnisse des Hauses auseinander setzte, konnte Rudolph vor Allem die seltsame Ehe Theresens nicht fassen. Er schüttelte den Kopf und sprach: »Sie kann nur an den Mann im Monde verheirathet seyn. Nur _diese_ Entfernung, und die Kälte des Planets macht es denkbar, solch ein himmlisches Weib Jahrelang missen zu können. Und welche Gleichgültigkeit liegt darin, eine Frau, wie diese, dem Bruder zu überlassen, der doch ziemlich jung und ein sehr hübscher Mann ist! -- Die vertraulichen Beziehungen ihres Zusammenlebens --« »sind eine Höllenplage für ihn, der gern friedlich wäre,« unterbrach der Major seinen Neffen, indem ein sarcastisches Lächeln des Oheims dem Lieutnant zu denken gab. »Es ist sehr möglich,« fuhr Jener fort, »daß dieser ärmste Prälat ein Cölibateur bleibt, wie seine geistlichen Namensbrüder, bloß weil er das Glück genießt, der Schutzherr zweier Frauen zu seyn. Wer mit der Schönsten familiair umzugehen ein Recht hat, verliebt sich selten in sie. Du, mein Junge, sprichst wie der Blinde von der Farbe.«

Die Schwägerschaft nahm plötzlich wandelnd eine hellere in den Augen des Neffen an.

Das Leben der Hausgenossen im Stifte gestaltete sich nun um vieles anders. Der Administrator war sichtlich erheitert, seit er den Freund zur Seite hatte, und seine Gesundheit kräftigte sich zusehends. Sie ritten täglich zusammen aus, Pläne zu Verbesserungen der Güter beschäftigten sie daheim. Ein gemeinnütziger Ernst, der sich gegenseitig mittheilte, ließ sie Bedacht auf Alles nehmen, was dem Wohl der äußern Angelegenheiten förderlich werden könnte. Sie tauschten ihre Ansichten aus -- und ein solcher Freund hatte dem Verweser nur gefehlt, daß er seine Stellung sich mit Lust und Liebe aneigne. -- Der Oberförster war ein bejahrter Mann; Cölestin dachte, seinem Freunde zu diesem Posten helfen zu können, so würde die Zukunft sie nicht mehr trennen. Auch gab es für einen so fähigen Kopf auf jeder Stelle Beschäftigung, und Sylvius nützte den Renten des Klosters, während er der Gast des Hauses war und blieb. Andererseits war dem Administrator nicht minder geholfen. Er schloß sich lediglich an den Gefährten an, und vergaß über ihrem männlichen Thun, was er längst lassen sollen, sich der Zufriedenheit seiner Damen anzunehmen. Ob die Frauen sich vertrügen oder nicht, es kümmerte ihn kaum noch, und Sylvius überzeugte ihn vollends, daß die Weisheit und Gerechtigkeit in höchster Person weibliche Ansprüche nicht auszugleichen vermöge. -- Seit die Schwägerinnen keinen Schiedsrichter mehr hatten, brauchten sie auch keinen mehr. Frau Fabia war aus ihrem frommen Hinbrüten aufgescheucht worden. Sie ging gesellig in manche ihrem Wesen fremdartige Idee ein, und war nicht so finster als sonst. Die tiefe Fuge ihrer Tonart hatte sich in Harmonie gelös't, und ein besserer Einklang zwischen ihr und Theresen niemals Statt gefunden. Fabiens Sorge um den Schwager wendete sich, da er gesund geworden war, mehr seinem Freunde zu, der an einer unheilbaren Krankheit des Gemüths zu leiden schien. Sie achtete selbst weniger auf Josephine. Diese brachte jeden Augenblick, der zu erübrigen war, bei der Nonne hin, da Schwester Veronica sich der fremden Männer wegen zurückgezogen hatte.

Therese war liebenswürdiger als je. Sie machte tausend kleine liebreizende Gefälligkeiten geltend, die ihr zu Gebot standen, und selbst Fabia mußte sich gestehen, daß, wenn sie _wolle_, ihr nicht zu widerstehen sey. Sie entschuldigte heimlich den Administrator, daß er parteiisch gewesen. -- Und seltsam! gerade jetzt zeigte sich Cölestin so kühl und selbständig, als hätte dieser Zauber seine Kraft an ihm verloren. --

»Der alte Feldmeister ist aus dem Felde geschlagen --« sagte der Major zu dem jungen, und leise sprach in seinem Tone eine krankhafte Empfindlichkeit an. »Dieser Freund, dieser Fremde, der mir nicht sonderlich behagt, füllt die Zeit und das Herz des Administrators aus. Ein Glück, daß ich Dich hier habe, Rudolph.« Faust knurrte eifersüchtig, als der Oheim bei diesen Worten dem Neffen die Hand reichte.

In der That würde die Freundschaft des Majors kaum einem Gefühl der Zurücksetzung entgangen seyn, wie wenig Cölestin sich auch derselben bewußt gewesen, wären häufige Anfälle der Gicht, die den Ersteren an sein Zimmer fesselten und die Anwesenheit des Lieutenants nicht zur Entschuldigung für den Administrator geworden. So oft das Befinden des Majors leidlich war, vereinigte sich die kleine Gesellschaft. Dann spielte Rudolph mit Theresen Schach, und immer ward sie eine Siegerinn. Es gelang ihm nie, den Ruhm seines Namens gegen ihre kleinen Finessen zu behaupten. »_Einmal_ gewinne ich doch!« schwor er bei jeder Niederlage. Therese lächelte nur.

Wenn der Hauptmann erzählte, der ganz Europa durchreis't seyn wollte, dann sah Rudolph zu Boden auf die Spitze von Theresens Fuß, und mit so tiefsinnigem Blick, als gälte es, die Pointe seines Lebens ins Auge zu fassen. Der Oheim drohete ihm einst mit dem Finger. »Du denkst gewiß an die Geschichte vom Pantoffel --« sprach er neckend, »höre doch unserm Moorhausen zu, der eine lebendige blaue Bibliothek aller Nationen ist.« Er klopfte den Hauptmann auf die Uniform -- dieser, unwissend über jene Sammlung Mährchen, machte eine geschmeichelte Miene. --

Frau Fabia sah es gern, daß Josephine so wenig Interesse an der Nähe des jungen Offiziers nähme; für Sylvius hingegen äußerte das Mädchen eine stille innige Theilnahme, welche ihre Pflegemutter vollkommen zu billigen schien. Er ertheilte auf den Wunsch derselben Josephinen wissenschaftlichen Unterricht, und ein zartes geistiges Band hielt den Lehrer und die Schülerinn zusammen, oft lange über die gegebene Stunde, und auch außer der Zeit, welche diesem Zwecke gewidmet war. Und Fabia zürnte nie, wenn Josephine lernend oder liebend nach ihrer Weise einen Auftrag versäumte. Genug, aller Kampf, sogar der Streit der Pflichten schien zu Ende, seit das Opferfest zum Geburtstag des Administrators unterbrochen worden war, und die Weihnachtsglocken hatten längst ausgeklungen, als unsichtbare Engel noch immer über der Klosterflur von Sanct Capella schwebten, welche sangen: »Friede auf Erden! und dem Menschen ein Wohlgefallen.«

Das neue Jahr war schon um einen guten Schritt vorgerückt, und der Tag verlängerte sich merklich, da kam die Nachricht, daß der Lieutnant Feldmeister versetzt sey in eine ferne Garnison, und schleunigst fort müsse. Das Invalidencorps fühlte sich durch diese Ordre wie auf Feldetat gesetzt, es gab Allarm, der junge Offizier war Allen lieb und werth geworden. Auch der Familienkreis des Administrators empfand die Lücke, die nun bald entstehen würde. Therese ging umher, als hätte sie ihr ganzes Glück, ihr Glück auf immer verloren -- und der Major sagte zu sich selbst: »Therese ist schachmatt -- es ist Zeit, daß das Spiel aufhört.«

Am Abend vor dem Tage, wo der Lieutnant Feldmeister das Stift verlassen sollte, saß Schwester Veronica allein in ihrem Stübchen und blätterte in dem Herbarium ihres Vaters. Tiefe Stille war um sie her, ein heiterer Winterfriede durchathmete die Zelle. Des Lichtes Flamme brannte wie gemalt, der warme Glanz des weißen Oefchens spiegelte sie in blendenden Funken zurück, und das Knistern der innen glimmenden Kohlen störten feuerheimlich diese lautlose Ruhe nicht. Das große Lebensbuch der Pflanzen lag vor der Nonne aufgeschlagen; ihr Auge leuchtete in sanftem Vergnügen. Sie suchte: _die Liebe im Nebel_ -- eine Gattung der Passionsblume. Und wie sie Blatt um Blatt wendete, gingen alle Frühlinge, die sie gelebt, an ihr vorüber, und der botanische Garten, darin sie gewohnt, blühete mit den Freuden ihrer Jugend auf. Sie sah den Vater heiß vor Lust, unter dem glühenden Strahl der Mittagssonne, weil keine andere Zeit ihm blieb, betrachtend stehen, die Mutter, wie sie in der Mondkühle einsam unter den Gängen des verlornen Paradieses auf und nieder wandelte, mit traurigen Gedanken, die auf der verbotenen Frucht verweilten, welche eine verführerische Schlange dem Gatten reichte. Sie hörte den Baum rauschen, unter dem der geliebte Bräutigam einer Andern Treue versprach, und mit dem Regen jener Stunde, dem so viele Thränen nachgeflossen, rieselten leise Schauer der Erinnerung über das Herz der guten Nonne. Da naheten eilende Schritte, die Thüre ging auf, ohne daß Jemand angeklopft hätte, und Josephine trat herein, scheu und hastig. Schwester Veronica hob den Blick auf, der ängstlich auf dem lieben Kinde haftete, und sprach: »was ist Dir, Mädchen? Dein Gesicht brennt, Du siehst aus, als hättest Du geweint, oder als würde es eben geschehen, und der große Schlüssel zittert in Deiner Hand?«

Josephine antwortete mit erstickter Stimme: »_mir_ hat Niemand etwas zu Leide gethan, und doch fühle ich so. Ach liebe Veronica! ich habe etwas Entsetzliches erfahren -- das lege ich nieder in Ihre tiefste Brust.«

»Es bleibt darin begraben --« versicherte die Nonne feierlich leise und mit der Kraft des Schweigens, »sprich ruhig, mein Kind.«

Mit gebundenem Athem begann Josephine: »ich ging, wie Sie wissen, in die Capelle, die Lampe mit Oel zu versehen. Immer freue ich mich auf dies kleine Geschäft bei dem ich länger verweile, als nöthig wäre. Dort stört mich nichts in meinen stillen Träumen. Das Herz ist mir jetzt zuweilen so gedrückt, so enge -- als fände ich nirgend Raum für Wünsche, die ich nicht zu nennen weiß, den ausgenommen, daß ich einst in dieser Capelle ruhen mögte. So ist die Maria wie meine gute Freundinn, die es versteht, was ich keinem klagen kann. Als der Docht der Lampe aufglomm, nachdem ich sie getränkt, und dieser Schimmer an das Gewand schien, wie wenn der Mond über dem Wasser schillert, da war es mir, als würde ihr todtes Auge hell, und sie spräche: gieb Dich zufrieden! wir wollen sehen! --«

»Die Liebe, meine gute Josephine,« schaltete Schwester Veronica ein, »gewinnt Allem Leben ab, wie der Glaube eine Seele des Trostes. Das ist der wahre lebendige Hauch aus Gott, und ein ewiges: es werde Licht! -- Die Welt wandelt in Schatten des Todes und ihre Werke sind finster. Die Heiligen sehen das Werk an und vergelten auch den kleinsten Dienst. Es wird Dir gewiß wohl gehen auf Erden. Du wirst lange leben, und so betrübt es mich, daß Du in so jungen schönen Jahren schon an Dein Begräbniß denkst.«

Josephine sah die Nonne mit bangem Lächeln an. »Und was geschah denn nun, mein liebes Kind?« fragte diese, »fasse Dich, mir es sagen zu können. Ich will Dich zu trösten suchen, mit Gottes Hülfe.«