Die Schwägerinnen. Erster Theil.

Part 11

Chapter 113,672 wordsPublic domain

»Und dieses liebe Geschäft,« sagte Josephine in holder Geschwätzigkeit, wie von einem Lieblings-Gegenstand hingerissen, »gönnt mir die gute Schwester Veronica bisweilen, wenn meine Zeit es erlaubt. Es ist für mich ein kleiner Tempeldienst, den ich nie ohne ein andächtiges Gefühl verrichte. Ich komme mir dann vor wie eine Vestalin, von denen Du neulich erzähltest, Onkelchen. Es ist wirklich etwas Heiliges um das Licht. Man denkt sich eines Sünders Seele dunkel. -- Ich fürchte mich auch nicht ein Bischen allein, und sitze oft in der Dämmerung in dem verwitterten Beichtstuhl. Da flüstert es neben mir, die feuchten Wände wispern, ich höre den Holzwurm picken -- und denke, es sey Veronicas Uhr, und _wo_ dies Herz der Capelle wohl schlüge? -- Und wenn ich sinnend in die wehende Lampe blicke, ist mir Manches schon hell geworden. Jüngst beschlich mich ein sehnsüchtiges Weh, ich mußte weinen und trüber Zeit gedenken. Da fragte ich laut, und erschrak vor meiner eigenen Stimme: wo ist -- wo ist mein lieber Vater, den ich verloren? -- -- Ein Seufzer --« der Athem in Josephinens Brust stockte vor dem Blick, womit Frau Fabia sie ansah. Das Mädchen verstummte. Hauptmann Moorhausen haschte alsbald den letzten Laut von diesen Lippen und sprach cathegorisch: »Ahnungen giebts! ich selbst habe --« jetzt stieß der Major einen tiefen Seufzer aus, der die Gedankenreihe seines Cameraden auf einige Momente unterbrach. »Ja, das war ein Abenteuer,« setzte er seine Rede fort und festen Fuß in weichenden Boden --, »was Muth erforderte. Als wir im Jahr 18-- an der Grenze standen, ward ich mit einem Commando nach dem Gebirge detachirt, wo eine aufrührerische Rotte zu bändigen und nach Umständen zu bestrafen war. Die Unruhen waren bald gehoben, die Empörer fest genommen, und wir beeilten uns, aus jenen unwirthbaren Hürden zu kommen. Es war tief im Herbst, der Paß verschneit -- kein Wunder, daß wir uns verirrten. So gelangten wir bei Nacht und Nebel an ein adeliges Schloß, das Gott weiß! wie weit abseits von unserm Wege lag. Sie können wohl denken, meine Verehrtesten! daß wir als Gäste zu so später Zeit nicht gerade die willkommensten waren; aber man muß nur die Leute zu behandeln wissen. Nach einer Stunde saß ich mit dem Förster, der in Abwesenheit der Herrschaft den Wirth vorstellte, ganz cordial bei einer Flasche Wein. Ein Wort gab das andere, er erzählte von den Verhältnissen der Familie, die fast nie hier wohne, ohngeachtet die Gegend entzückend sey, und als ich nach der Ursache fragte, äußerte der Förster: es wäre nicht geheuer im Schlosse. Ich lachte und glaubte, der Schalk wolle mir das Nachtquartier verleiden -- da versicherte er mich sehr ernsthaft, es wäre gar nicht zum Lachen. Der Erbe jenes Gutes, ein junger Graf -- St -- der Name ist mir entfallen -- sey vor mehreren Jahren gestorben, an einer Erweiterung des Herzens, was nach seinem Tode ein Gewicht von zwanzig Pfund ergeben hat.«

Vor dieser Möglichkeit sanken alle Begriffe, die Damen faßten unwillkürlich an ihre linke Seite, und der Major sprach: »Potztausend! über den Zwanzigpfünder! -- Dem ist das Herz schwer gewesen. --«

»Auch im moralischen Sinne --« antwortete Hauptmann Moorhausen: »ein Freund des Grafen, seine zweite Seele gleichsam -- hatte einen wichtigen Auftrag, eine Geliebte betreffend, von ihm bekommen, und säumte zu erscheinen, und das ganze Haus sah diesem Zuspruch sehnlichst entgegen. -- Der Kranke konnte nicht sterben und fristete sein Daseyn elendiglich. So genoß er nur täglich einen kleinen Apfel, und auch dieser machte ihm Wallungen. Er konnte kein geheiztes Zimmer vertragen, weshalb seine Pfleger zur kalten Jahreszeit in dem rauhen Klima jener Gegend häufig wechseln mußten. In der einen Nacht wacht der Jäger, der Graf liegt stille, da öffnet sich die Thüre und ein junger blasser Offizier tritt ohne Geräusch herein. Der Büchsenspanner erkennt den Freund des jungen Herrn und verhält sich ruhig. Der Offizier beugt sich über das Bette, flüstert tief in die Kissen hinein -- da wird dem Jäger unheimlich, er ergreift die Kerze, wagt einige Schritte, obgleich sich sein Haar sträubt, und wie er hinzu leuchtet, ist der Offizier verschwunden, und der Graf verschieden. --«

Ein Schauer der Furchtsamkeit, der hörbar die kleine Gesellschaft durchfröstelte, befriedigte den Hauptmann. Dieser kühne Geisterseher lächelte kaltblütig, und schickte sich zum Verfolg der Geistergeschichte an. Herr Prälat aber war auffallend bleich, und Therese rückte sich ihrem Schwager noch näher und umschloß seinen Arm mit ihren beiden Händen. »Es taugt nichts,« sprach der Major, »daß wir uns jetzt zu nächtlicher Stunde mit solchen Geschichten den Kopf erhitzen; ich dächte, wir höben uns das Ergebniß für ein andermal auf.«

»Nein,« sagte Therese, »es fürchtet sich hübsch unter Mehreren und ich lasse es mir nicht nehmen, die Bravade des Hauptmanns zu bewundern; fahren Sie fort!«

Moorhausen gehorchte diesem Befehl und sprach: »den Freund des Grafen hatte ein plötzlicher Tod abgehalten zu kommen, aber ein treuer Freund hält sein Versprechen todt oder lebend, das ist Parthie egal. -- So oft nun Jemand seit jener Zeit in dem Zimmer und Bette des seligen Grafen schläft, erscheint er und bringt die verspätete Kunde; aber einer Frage hielte dieser zuverlässige Schatten nicht Stich. -- Er soll mir Stand halten auf meine Ehre! erwiederte ich dem Förster, und bat mir jenes gespenstische Zimmer aus. Er wollte mir nicht willfahren, ich setzte es aber durch. In besagtem Zimmer nun sah es ziemlich wüst und unheimlich aus. Der Förster versah mich mit dem Nöthigen, legte mir, wie ich gefordert, einen Hirschfänger, blank gezogen, und eine Pistole, scharf geladen, zur Seite und wünschte mir, grauenhaft lächelnd, eine geruhsame Nacht. Mit diesen Waffen und einer wahrhaft todesverachtenden Courage forderte ich den Geist nun heraus. -- Als ich mich sterbensmüde in dem Himmelsbette des seligen Grafen ausstreckte -- der Riese Goliath hätte Platz darin gefunden -- dachte ich an das Riesenherz des armen Jünglings und sah in den gedrechselten Kugeln des Gestells die kleinen Aepfel seiner Mahlzeit. Mir war, als hätte ich die Weltkugel im Magen. Die compacte Kost des Försters hatte mir Congestionen erregt. Endlich überwältigte der Schlaf das empörte Blut -- da klopft es dreimal deutlich -- --«

Es klopfte jetzt wirklich an die Thüre des Klosters. Der Hauptmann verblich zum steinernen Gast, die Frauen sprangen auf, der Major in gleicher Hast, vielleicht glaubend, daß sein Neffe komme, wollte es ihnen gleichthun, bekam aber den Krampf in den Fuß und Herr Prälat leistete ihm Beistand. Man zog die Klingel, doch Niemand kam; und in dieser Verwirrung hatte Josephine ein übriges Licht ergriffen -- den Tisch erhellte eine schöne Lampe -- und war hinausgeeilt. Sie floh den Gang entlang, ihr Schatten wehete an den düstern Wänden hin -- nun stand sie an der Pforte pochenden Herzens, und draußen schlug eine unbekannte Hand nahe ihrem Ohr den Klopfer noch einmal an, daß dieser Laut wie ein unendlicher Hall durch die Stille der klösterlichen Nacht tönte. -- »Gleich! gleich!« sagte Josephine beklommen, schob die schweren Riegel zurück, und wich nun selbst einige Schritte, als ein Mann eintrat, von hoher Gestalt, umflossen von einem weißen weiten Mantel, dem eine schmale Reisetasche von rothem Saffian überhing, so daß sein Ansehen bei mäßiger Zuthat der Imagination das eines Kreuzritters hatte. Josephine, im flackernden Scheine die Kerze, die den lichten Umriß des Mädchens aus der finstern Umgebung hervortreten ließ, fühlte ein Beben bei dem Anblick dieser bedeutenden Erscheinung, und heftete einen furchtsamen Blick auf die bleichen Züge des Fremden, der mit einem Ausdruck von freudigem Staunen seine Pförtnerinn ins Auge faßte. »Wo ein Engel öffnet um diese Stunde --« sagte er, »da darf man über die Aufnahme nicht zweifelhaft seyn. -- Mein holdes Kind! treffe ich den Administrator daheim? gleichviel, ob schlafend, ich muß ihn sprechen.«

»Er ist noch wach,« antwortete Josephine, »zur Feier seines Geburtstages, in Mitten seiner Freunde.« Und alsbald tadelte sich das Mädchen, daß es den fremden Mann in ein Familienfest einführe.

»_Seiner Freunde_ --« wiederholte der Unbekannte mit zitterndem Accent, und ging raschen Schrittes voran. Herr Prälat kam ihnen schon entgegen, hinter ihm Frau Fabia, zu wissen, was es gäbe? Ein sprachloser Moment des Erkennens! dann rief Jener: »Sylvius!« wie ein Echo aus der Ferne der Erinnerung rief Fabia einen andern Namen nach -- und nur unarticulirte erschütternde Töne entrangen sich der Brust des Fremden. Da breitete der Administrator die Arme so jählings aus, daß er in Josephinens Leuchte griff, sie erlöschte -- und das Dunkel des Kreuzgangs umfloß ein Wiedersehen.

* * * * *

Unsere Leser wollen sich erinnern, daß, als Herr Prälat dem Major Feldmeister Einiges aus seinem Leben mitgetheilt, er eines Freundes erwähnt, ohne den Faden jenes Verhältnisses auszuspinnen --; wir aber knüpfen die neue Bekanntschaft, und was wir nachträglich davon zu sagen haben, an jenes Fragment.

Nachdem der Held unserer Erzählung seine cameralistischen Studien beendiget hatte, arbeitete er eine Zeitlang unter seiner Behörde in H--. Dann dachte Cölestin, wir wollen den Administrator der Kürze wegen so nennen -- ehe er eine fixe Stellung annähme, eine große Reise anzutreten, welche der Zielpunct seiner jugendlichen Sehnsucht gewesen war. Es hatte Mühe gekostet, dem Vormund die Genehmigung dazu, wie die benöthigte Summe, abzugewinnen; und als es ihm endlich gelungen und alles festgesetzt war, fühlte er sich festgehalten durch die zartesten Bande, und der Wunsch, die Welt zu sehen, war ihm gleichgültig geworden.

Cölestin war in dem Falle, ein anderes Quartier zu bedürfen. Er fand die Anzeige in einem öffentlichen Blatte, daß eine Wohnung für einen _ältlichen_ Herrn frei stehe, die ein Hausmiether von seinem Locale ablassen wolle. Er mußte des bedingenden Wortes lächeln, ließ sich aber dadurch nicht abhalten, das Quartier in Augenschein zu nehmen, und es war, wie er es suchte. Inhaber desselben waren ein Forstrath von Schütz, der ehemals Jagdjunker gewesen in jenen Gegenden, wo diese Charge üblich war, und gegenwärtig nur in seinen vier Pfählen herumförsterte, seine Schwester, Frau von Schütz, die Wittwe eines Vetters, und ein Fräulein von Schütz, ihre Nichte, die Waise des Bruders. Cölestin sagte: wenn sie unter einem ältlichen Herrn einen _ruhigen_ verständen, so könnten sie ihn getrost einnehmen, und die fehlenden Jahre übersehen. Er dürfe von sich rühmen, ein stiller Miether zu seyn. So wurde der Contract abgeschlossen. Bei näherer Bekanntschaft mit dieser Familie bemerkte Cölestin, wie combinirt dies verwandtschaftliche Verhältniß sey, was ihm so einfach geschienen. Der Forstrath war der dringende Liebhaber seiner Nichte, die Tante dem Bruder wie seiner Neigung gram und der Jugend des Mädchens abhold, die schöne Tony ein verfolgter Gegenstand der Liebe wie des Hasses, und in meisterlicher Uebung beiden überlegen. Sie wollte die Tante beerben, den Onkel zwar nicht heirathen, aber bei Gutem erhalten, und einst goldne Früchte ernten, wenn dies lachende Auge doch zuweilen weinen mußte. Aber diese trübe Aussaat war selten, denn die Vorsehung hatte solch schweres Ertragen durch leichten Sinn aufgewogen. Cölestin sah mit Erstaunen in diesem Hause ein stehendes Theater für kleine Intriguen-Stücke, von schlauer Erfindung und wohlberechnetem Erfolg. -- Es wollte ihm doch so vorkommen, als ob Tony der Leidenschaft des Onkels schmeichle, wie den gehässigen Fehlern der Tante, und Beide anzuführen wisse, wo es das Erreichen einer Absicht gelte. Dieser wahrhaften Bemerkung ungeachtet, hatte sich das reizende Geschöpf seines Interesses doch so sehr versichert, daß sie unwirksam auf seine beobachtende Ruhe blieb. Er war nicht lange aus dem Spiel gelassen -- Tony theilte ihm die Rolle ihres Vertrauten zu, und bald hätte er ihr das ganze Glück seines Lebens anvertrauen mögen. Er hielt den Gebrauch listiger Waffen für Nothwehr, die fügsame Klugheit, welche ein wenig nach der Schlange schillerte, für Taubensinn, und den abgelegten Anzug der Tante, den die reizende Tony sich gefallen ließ, wie das Verheimlichen prächtiger Geschenke, die der Onkel ihr aufdrang, für gleich nachgebende bescheidene Gefälligkeit der Nichte. -- Die _Liebe_ war es, meine Leser, welche Engel schuf. Sie verschönt, vergiebt, vergöttlicht -- und öffnet selbst den Geistern der Hölle ihren Himmel. -- Tony gab bei schicklichem Anlaß dem Hausfreund zu verstehen, wie widrig der Onkel ihr sey, und welcher fortwährenden Anstrengungen sie bedürfe, sich ihn als eine Respectsperson drei Schritte entfernt zu halten. Sie führte ihm mit lachendem Munde kleine Züge der Bosheit und des Geizes ihrer Tante an, so daß Cölestin eben so viel Ekel als Mitleid empfand, und heftig wünschte, das schöne heimlich geliebte Mädchen aus dieser Höhle des Satans befreien zu können. Doch ein inneres Etwas, dem er keinen Namen zu geben wußte, hielt ihn zurück, so oft ein erklärendes Wort auf seine Lippe trat, und diese Gefahr trat ihm näher und näher. -- Als jenes würdige Geschwisterpaar einmal in eine langweilige Gesellschaft geladen war, und Tony unter irgend einem Vorwande davon zu Hause bleiben dürfen, beschied sie den ihr begegnenden Cölestin rasch und flüsternd in den Garten, wo er ihrer harren möge. Cölestin wußte nicht, was er von diesem naiven Rendezvous denken solle -- aber er folgte dem süßen Befehl. Sein Herz pochte, Tony blieb lange aus -- endlich kam sie, im neuesten Geschmack und so reizend angezogen, daß er geblendet vor ihr stand. »Gefalle ich Ihnen so?« fragte sie lächelnd, »ich putze mich manchmal auf meine eigene Hand, um doch auch zu wissen, daß ich ein Mädchen bin. Da komme ich mir denn wie eine verwünschte Prinzessinn, und mein Schicksal mir wie ein Mährchen vor, darin sich ehestens mein alberner Plagegeist in einen schmucken Freier verwandeln würde, mit dem ich freudig zöge über Berg und Thal; die Linsen und Erbsen aber, die ich zählen müssen, in blankes Gold. Denn --« setzte Tony in liebenswürdigem Uebermuthe hinzu: »sollte ich die Tante nicht beerben, so wollte ich lieber heute sterben. -- Sie hat mich eingesperrt und ihr Geld, und zu ihrer Verdammniß wollen wir künftig rollen in die weite Welt.«

Und trotz dieser leichtfertigen Sprache überredete Cölestin sich selbst, daß Tony, ihn als Gattinn zu beglücken, geeigneter als jede Andere sey. Kaum würde er einem übereilten Versprechen entgangen seyn, wenn nicht die Freundschaft seine Gefühle rettend getheilt hätte. --

Jenes geheimnißvolle Gesetz, nach welchem die Sterne der Menschen ihre Laufbahn durchkreuzen, und Seelen sich begegnen, bestimmt auf einander zu wirken, ließ Cölestin einen Freund an jenem Sylvius finden, sein Geschlechtsname möge einer späteren Mittheilung vorbehalten bleiben -- den wir nach einer Reihe von Jahren an der Pforte von Sanct Capella treffen. Dieser junge Mann lebte ohne allen Umgang, in stiller schwermüthiger Weise, vertieft in mathematische Arbeiten, doch scheinbar ohne Zweck, als Cölestin ihn kennen lernte. Er fühlte sich wunderbar von jener Natur angezogen, und jede Anziehungskraft ist, oder wird zuletzt gegenseitig. Sie wurden herzliche Freunde, nur mit dem Unterschiede, daß Cölestin ihm seine ganze Seele offen gab, während Jener dieses Vertrauen nur leidend erwiederte, und die zarteste Theilnahme für die Geheimnisse des Freundes an den Tag legte, ohne irgend einen Antheil für die seinigen in Anspruch zu nehmen. Es lag ein Zug von Stolz in seinem Character, der Stolz des Grams, und eines edlen gedrückten Herzens. Er trug die Abzeichen eines gewissen Ranges an sich, ohne ihn geltend zu machen. Sein Anzug war die feine Interims-Kleidung eines Forstmanns, auch sein Bedienter hatte das Ansehen eines Jägers. Diese Außenfarbe der Hoffnung ließ jedoch wie Spott der düstern Resignation, womit Sylvius achtlos auf das Treiben der Menschen und das Interesse der Welt, kein anderes Glück zu wünschen schien, als was die Ruhe des Einsamen gewährt. Ueber seine angestammten Verhältnisse verbreitete er sich nie; dagegen gab er freundlich Allem Raum und Gehör, was Cölestin ihm von sich selbst sagen mogte. Dieser fand einst ein Portrait auf dem Schreibtische des Freundes liegen. Er fragte, ob es eine Copie wäre -- und Sylvius sagte, indem ein flüchtiges Erröthen sein bleiches Gesicht überflog: es sey das Bild seiner Frau. »_Seine Frau?_« fragte Cölestin sich selbst, und hatte kaum Zeit, darüber zu staunen, oder die Schönheit der jungen Dame zu bewundern, so schnell verbarg Sylvius ihr Conterfei und sprach von etwas Anderm. Sylvius hatte oftmals das Töchterchen seines Wirthes bei sich und liebkosete ihm väterlichweich. Cölestin scherzte darüber. -- »Die Kleine ist meinem Kinde auffallend ähnlich und in demselben Alter,« sprach Sylvius mit ungewöhnlicher Rührung. »_Seinem Kinde?_« fragte Cölestin abermals in sich hinein; Sylvius mußte als ein Jüngling geheirathet haben. -- Aber wenn auch ein Ehemann und Vater, wie jung er immer sey, sein Urtheil über Angelegenheiten der Liebe von einem andern Standpuncte abzugeben pflegt, als Solche seines Alters und Geschlechts, die den Schritt zum Traualtare noch vor sich haben, so machte Cölestin seinen Freund doch nichtsdestoweniger mit der stillen Neigung vertraut, die er für Tony von Schütz gefaßt hatte, wie mit den quälenden Zweifeln über die eigentliche Gestalt dieses reizenden Chamäleons, und ob dieses Gemüth endlich Farbe halten werde? --

Sylvius schüttelte zu dem Allen den Kopf und sagte unumwunden: »das Mädchen, Lieber, gefällt mir nicht; mein Geschmack ist zu einfach für den Reiz der Schlauheit.«

Cölestin vertheidigte seine Liebe mit Hitze; aber er gab dabei in seiner eigentlichen innersten Meinung manche Blöße. Das üble Vorurtheil gegen Tony schmerzte ihn, da jedoch Sylvius vermöge seiner Zurückhaltung Superiorität über seinen Freund übte, so hatte dieser entschiedene Ausspruch doch trotz dem Drange seines Herzens -- ein vorsichtiges Verfahren Cölestins zur Folge. Er war nun mit dem Abschluß seiner Geschäfte fertig, und an den Termin der Reise gekommen. Da kam er zu Sylvius und sprach: »eine Bitte, Freund! die letzte. Es fällt mir schwer zu scheiden, und am liebsten mögte ich dies Post- und Reisespiel, was meine Phantasie mit Lust gemalt, nun es in meine Willkür gegeben ist, verschenken, wie ich eines von Pappe abseits gethan, was ich besaß, als ich ein Knabe war. Und doch ist es vielleicht gut, daß ich fort muß. -- Ich würde ruhiger reisen, wenn ich mit mir selber im Klaren wäre. Du Freund, Du allein könntest mir reinen Wein einschenken, und wäre es auch ein herber Kelch, ich glaubte Dir dennoch. Thue mir den Gefallen, und beziehe mein Quartier, da Du ohnehin wechseln willst; Du findest dann Gelegenheit, Tony kennen zu lernen. Thue es aber ohne Arg! und fändest Du ein wärmeres Herz als Du ihr zutraust, und ein Fünkchen Liebe für mich darin glimmen: o! so fache es an mit dem Athem eines freundlichen Mundes, wahre mir mein Glück, denn ich liebe das Mädchen sehr!« Cölestin legte dieses Bekenntniß mit wankender Stimme ab, und fiel seinem Freunde um den Hals.

Von der Zuversicht erschüttert, womit er das Wohl und Weh seiner Zukunft in diese Hand legte, versprach Sylvius, was Jener von ihm begehrte. Es war ein schönes Gefühl der Freundschaft, was ihn in dem Wunsche bewegte, er mögte Tony Unrecht gethan haben, und eine Stütze für die Ruhe, für die Hoffnung seines Freundes werden. Er sprach die Worte: »das größte Glück eines Mannes ist, seine Geliebte gut und würdig zu wissen.« Und Cölestin antwortete ihm: »das größte Glück ist ein treuer Freund!« Sie wollten einander nicht schreiben. Ein Jahr, meinte Cölestin, der mit dem Auge der Liebe sein Ziel schon absah, laufe schnell um, und nur in dem Falle, daß Sylvius seinen Aufenthalt verändern müsse, solle der Freund Nachricht von ihm erhalten, oder doch bei seiner Rückkehr vorfinden. -- Da diese Nachricht durchweg ausgeblieben war, hoffte Cölestin um so sicherer, seinen Freund noch in H--. anzutreffen. Mit drängenden Empfindungen erreichte er die Stadt. Der Mond beschien den stillen Markt, sein Herz schwoll, da er den Brunnen rauschen hörte, dessen Wasser die Geliebte trank, und aus der tiefen Quelle, der die Gedanken entsteigen, tauchte ihm die Erinnerung an die Bitte auf: daß Sylvius ihm reinen Wein einschenken möge. Diese Stunde war nun gekommen. Er eilte nach seiner Wohnung. Bei Forstraths war es ungewöhnlich erleuchtet, die Fenster seines Zimmers standen offen, Blumen davor, und drinnen sang eine angenehme, weibliche Stimme ein Webersches Liedchen zum Flügel. Seine Pulse stockten -- dieser fremde fröhliche Ton, der Anschein des Unbekannten ängstete ihn, er wendete sich seitwärts, wo auf einer Bank ein Mädchen dicht an ihren Liebsten geschmiegt saß, und fragte beklommen: ob der Forstrath Gäste bei sich habe? »Das kann wohl seyn --« antwortete die Dirne und lachte frech. »Ich meine Gesellschaft --« sprach Cölestin, von einer dunkeln Ahnung empört.

»Nein,« entgegnete das Mädchen, »Der ist zur Ruhe.«

»Zur Ruhe?« fragte Cölestin, »es ist kaum halb Neun.«

»Der ist ganz und gar gestorben --« war die fast höhnische Antwort.

»Und Frau von Schütz? --« »Die ist fortgezogen.«

»Und das Fräulein? --« Cölestins Athem stand stille, so auch der Schlag seines Herzens, nur die Uhr viertelte dazwischen, als das Mädchen gleichgültig erwiederte: »Fräulein Tony? hat den Herrn geheirathet, der hier wohnte. Er trug immer einen grünen Rock. --«

Der Mond trat hinter eine Wolke, und nahm seinen Schein von einem Gesichte, das bis zum Tode erblichen war. Cölestin stammelte mit leiser Lippe: »das ist nicht wahr!« dann dankte er für gegebenen Bericht, und seine Seele zerriß, da er die wüste Dirne hinter sich scherzen hörte. Sylvius ehemaliger Wirth, den Cölestin in seiner Betäubung aufsuchte, bestätigte, daß er die lautere Wahrheit vernommen.

»Nun, so ist die Wahrheit selbst eine Lüge!« sagte Cölestin verstärkt: »Er hatte ja eine Frau! --« Der Wirth lächelte. Sein Töchterchen sah mit unschuldigen Augen zu ihm auf. Er dachte an das Kind des Freundes, und die seinen füllten sich mit Thränen. Mit zerrüttetem Gemüth verließ er den Ort, alle Nachforschungen blieben fruchtlos, und Sylvius und Tony verschollen -- bis wir den Schall seiner Ankunft hören, und das, was er zu seiner Vertheidigung zu sagen weiß.

Die beiden Freunde fanden sich auf einem Zimmer allein zusammen; die kleine Gesellschaft hatte sich bei der Dazwischenkunft des Fremden sogleich aufgelös't, Mitternacht war bereits vorüber und also der Geburtstag des Administrators, ein neues Leben schien für ihn anzubrechen, aber noch lagen tiefe Schatten auf der Gestalt, deren erster Anblick ihn überwältigt hatte. -- »Jetzt --« sagte Cölestin, und sein Blick drang tief in die verfallnen Züge des Freundes ein, als suche er die ehemalige Wohnung seiner Zuversicht, »jetzt, wo ich den Ton Deiner Stimme höre, klingen Saiten in mir an, die lange unberührt geblieben, und was ich auch inzwischen von Dir vernommen, es ist mir, als wäre es eine Lüge gewesen. Du wirst mir die Wahrheit nicht vorenthalten. Man sagte, Du hättest Tony geheirathet -- Tony von Schütz, die ich liebte, die ich Dir anvertraute.«

»Da hat man Dir ein Factum berichtet --« antwortete Jener, und lächelte kalt. »Sylvius!« rief Cölestin mit lodernden Augen, eine Flamme der Beleidigung schlug durch sein Herz.

Und Sylvius sprach: »ich war prädestinirt, Dein Retter zu werden -- um jeden Preis! ich warf mich auf, Dich zu schützen; Wer ist der Mensch, der es wagen dürfte, sich der Täuschung für überlegen zu halten? so warf dieser Hochmuth mich nieder. Wer fallen soll, wird zuvor stolz.«

»Das Einzige bitte ich,« entgegnete der Administrator, »sage mir Alles unumwunden; es ist mir, als könnte ich dennoch nicht an Dir zweifeln.«