Die Schwägerinnen. Erster Theil.

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Die Schwägerinnen.

Roman von Henriette Hanke geborne Arndt.

Erster Theil.

Ein hohes Wort! wenn uns die Schickung werth hält, nicht für uns, für Andere zu seyn. ... Es wendet sich der Zeiten Blatt. Laßt uns fröhlich sä'n, im Nebel auch: die Ernte kommt gewiß.

_Herder._

Hannover, 1835. Im Verlage der Hahn'schen Hofbuchhandlung.

Wir versetzen unsere Leser bei dem Anbeginn dieser Geschichte in ein weites Gemach des aufgehobenen Stiftes der Cisterzienserinnen zu Sanct Capella, nahe dem Städtchen Leidthal. Dieses Zimmer, viel zu colossal in seinen Verhältnissen um wohnlich zu seyn, bietet eine himmlische Aussicht dar, und zeigt noch die Spuren klösterlicher Pracht. Seltsam vereint werden hier die religiösen Begriffe aller Zeiten anschaulich; doch mit gemischtem Gefühl siehet man: die Gegenwart herrscht vor. An dem Plafond rollet der feurige Wagen des Elias. Wie zu vielen tausendmalen mogten seit dieser Himmelfahrt die Sonnenrosse ihren Lauf vollendet haben! aber jene Flammen sind erloschen, und der Prophet erscheint nur noch als ein grauer Schattenriß seiner Zeit. Scenen des römischen Cultus geben den leeren Wänden ein sinnvolles Interesse, und über erblaßten Martern der eifrigsten Bekenner ihres Glaubens hängt Doctor Martin Luthers Bildniß gloriös in einem Rahmen von echter Bronze. Die erhabene Arbeit über dem Kamin von schwarzem Marmor versinnlicht ein Autodafé, und die darunter lodernde Glut, welche die Jahreszeit und der Raum des Zimmers erfordert, dient dazu, dies Relief zu beleuchten, mit einem Schauer für die Phantasie, der fast die Wohlthat der empfundenen Wärme vernichtet. Die Möbeln sind theils veraltet und doch pomphaft, theils von neuer Brauchbarkeit und Simplicität. Das hochlehnige Canapee, welches gradauf strebend und in der Mitte altarförmig zugespitzt, sich gegen die Wellenlinien einer modernen Bergère etwa verhält, wie die feierliche Anständigkeit der Etiquette zu der nachlässigen Ruhe der Schönheit -- nimmt sich in dem überladenen Zierrath geflügelter Kinderköpfe sogar kirchlich aus. Ueber den Häuptern der Cherubim prangt der Erzengel Michael in goldnen Waffen, und der gerissene Sammet auf dem Sitze dieser kleinen Engelsburg erinnert mit leiser Beziehung in der Farbe verblühter Violen an den Purpur der Eminenz. -- Der venetianische Spiegel erreicht seine ungemeine Breite und Höhe durch eine Einfassung von Tritonen und Delphinen, welche in kunstreichen Verschlingungen um die glänzende Fläche spielen, worin mancher geistliche Vollmond aufgegangen war. -- Oben thronen die Meergötter ersten Ranges, und im Frontispice -- so zu sagen -- steigt Anadyomene aus der klaren Masse an den silbernen Bord. Das Auge des Reformators grade auf diesen Punkt gerichtet, scheint finster an dem heidnischen Unwesen zu haften, indeß ein kaum merklicher Zug frommer Ironie den Ernst des Mundes mildert, der wohl stärkere Pfeiler erschütterte als den, der die reizende Gestalt der Liebe in den Mauern der Entsagung trägt. Die Morgensonne des eilften Novembers ging eben auf, und bestrahlte mit blendendem Licht die Abtei, welche ihren majestätischen Schatten über die öden Felder ausbreitete. Der Reif der kalten Nacht schimmerte wie Candis an den falben Resten der Weide, und die herbe Miene des heiligen Bernhard von Clairvaux, dessen Statue am Rande einer dunkeln Cisterne stand und tiefsinnig hinab schauete, war wie mit Zucker bestreut. -- An einem Fenster des beschriebenen Zimmers saß eine Frau, von der wir sagen müssen, daß sie über die Jugend hinaus und weit entfernt von jener gefälligen Anmuth sey, die unter keinem Gesetz der Zeit steht, ohne sie deshalb dem achtsamen Interesse unserer Leser entrücken zu wollen. Der häusliche Anzug, beinahe matronenhaft bescheiden, paßte den Formen einer Figur nett an, die in ihrer Haltung Charakter verrieth. Das Häubchen, ohne die mindeste Genialität dieses Putzartikels, der einen guten weiblichen Kopf seltner beschattet, als in das vortheilhafteste Licht setzt, und sich oft in dem kleinsten Kniff sichtbar macht -- schloß sich dicht an ein Oval von regelmäßigem Schnitt. Die Beschäftigung dieser Frau schien mit der bewußten Strenge, welche sich in ihrem Aeußern offenbarte, in keiner Verbindung zu stehen. Sie wand eine Guirlande von Immortellen, die aufgehäuft in einem flachen Körbchen, in bunter Menge und Mannigfaltigkeit zur Auswahl vor ihr lagen. Sie schien so ganz in sich und in diese feiernde Früharbeit versenkt zu seyn, daß selbst der Sinn des Gehörs ihre Seele nicht auf das lenkte, was ein junges Mädchen an ihrer Seite aus der Bibel vorlas. »_Wirst Du dafür die Schmerzen eines Betrübten haben_ --«: diese verkündenden Worte des Jesaia sprach die klare süße Stimme mit einem schüchternen Beben der Ahnung, und hielt inne. Die Sonne blitzte herein und warf lange herbstliche Strahlen durch die Scheiben. Der blonde Scheitel des Mädchens erglänzte, die metallne Brüstung am Fenster funkelte wie gediegenes Gold, und die trocknen Blümchen der Dauer badeten sich in diesem ewigen Glanze.

Das Mädchen erhob das Auge blau und tief wie der Himmel, um einen Blick in die Perspective zu richten, welche in der schönsten Morgenbeleuchtung im melancholischen Reiz der sterbenden Natur sich in das Unabsehliche verlor; und der Mund, auf dem noch die traurige Voraussagung des israelitischen Sehers schwebte, lächelte so entzückt, als sähe dieser Blick in eine verklärte Welt.

Da öffnete sich die Thüre, und ein feines jugendliches Gesicht, dem ein schlanker Körper folgte, schauete mit hellen braunen Augen herein. Ein leichtes Abschrecken bei dem Hinblick auf die schweigsame Gruppe am Fenster, und die spöttische Unlust, an dieser stillen Betrachtung und an dem Winden todter Kränze Theil zu nehmen, sprach sich in diesen beweglichen Zügen aus.

Wie leise dies Geräusch nun auch gewesen war: die ältere Frau hatte es dennoch vernommen. Sie wendete das Auge, und ein flüchtiges Roth überlief ihre Wange; zweifelhaft, ob als Wiederschein der Lohe des Kamins, oder durch die Erscheinung in der Thüre erregt. Diese huschte mit zarten Füßen über das Getäfel der Diele, blinzelte hinter dem Rücken des Mädchens in das heilige Buch und sprach zwischen Schalkheit und Pathos: »hebet Eure Häupter auf -- thut Euer böses Wesen von Euch -- o! ich weiß auch, was hierin steht.« Dabei legte sie eine seidenweiche Hand, der man keine Distellese im Garten der Ehe ansah, obwohl ein Trauring an ihrem Goldfinger blinkte -- unter das gesenkte Kinn der Aelteren und sprach: »bist Du mir noch böse, Fabia? Sey gut! ich kann Dich nicht schmollend wissen, und so lasse ich meine Idee fallen.« Bei diesen nähernden Worten beugte die hübsche junge Frau sich mit versöhnender Anmuth herab, so daß ihr warmer Athem wie ein schmeichelndes Lüftchen Diejenige anwehete, welche sie frostig aufnahm.

Fabia hob den Kopf ein wenig und erwiederte: »ich dachte es wohl, daß Du zur Vernunft kommen würdest --« und indem ihr Auge die weiblich-optische Kunst übte, die da scheel sieht, ohne einen offnen Blick zu gönnen -- setzte sie hinzu: »daß Du Dich nicht erkältest, Therese! Du gehest so bloß. --« Sie reichte ihr eine Nadel, zugleich stach der Blick, doch nicht in das kleine Schalytuch, welches den wunderschönen Hals und Busen lose umflatterte, sondern in diese Blöße selbst. --

Therese steckte die Nadel verloren ein, aber nicht diese Antwort, welche sie sichtlich zu verdrießen schien, und nun auch die Stimmung ihrer gutmüthigen Abbitte um einen tiefen Grad fallen machte. Erglühend sprach sie: »es ist schon geschehen. Du irrest, Fabia, Du irrest, sage ich Dir, wenn Du Deine hartnäckige Weigerung, in einen harmlosen Scherz einzugehen, für vernünftig hältst. Und wenn ich es zu vergessen suche, daß Du mir und dem Bruder eine Freude verdirbst: so geschiehet es nur, weil ich Dich dieses abtödtenden Eigensinnes wegen am meisten bedauere.« Fabia erröthete sehr. Sie lös'te schnell ein kleines Schlüsselbund von ihrem Gürtel, und gab dem Mädchen einen entfernenden Auftrag. Dann sprach sie, und ein krampfhaftes Zucken unterdrückten Zornes flog um ihre Lippen: »diese Aeußerung ist ganz in Deinem Geiste. Spare Dein Mitleid für Dich selbst, Therese, Du wirst es einst brauchen. Herr der Güte! muß ich mich so behandeln lassen in Gegenwart des Kindes? hast Du keine Achtung für mich und meine Sinnesart, so solltest Du doch Josephinens Jugend schonen. Willst Du das Mädchen auch verderben?«

Theresens Stirn flammte. In größter Aufregung entgegnete sie: »verderben? _auch?_ Wer ist verdorben? ich muß bitten, daß Du Dich in Deinen Ausdrücken mäßigest. Ein verderbtes Herz trachtet nach Schaden, ist feindselig und mißgünstig; ich aber gönne der ganzen Welt ihr Vergnügen, wenn sie mir nur das meine läßt.«

Fabia stand auf. Mit einem gewissen Hervortreten ihrer Meinung, doch das innerste Gefühl noch immer bezwingend, sagte sie: »ich hasse nun einmal jede Falschheit, und halte Verstellung, von welcher Art sie auch sey, für Sünde. Und Comödie spielen ist eine solche.«

»O! die schlimmste ist es nicht --« entgegnete Therese: »es ist nur eine kleine ergötzliche Lust.« Und indem dieser verwehrte Genuß in allem Schimmer der Einbildungskraft vor ihrer Seele stand, so daß es ihr vor den Augen flimmerte, in welche Thränen des Verdrusses drangen, rief sie verblendet von Schmerz und dem Reiz jener zerrinnenden Illusion aus: »der arme Cölestin! es würde ihm ein köstlicher Spaß gewesen seyn! Du aber wirst ihm mit tiefsinnigem Ernste einen Kuchen backen, und ein Capitel aus der Bibel lesen.«

Fabia erbleichte. Sie sagte schneidend: »dies dürfte ihm heilsam seyn, wie Dir. So höre nun dies: Die Du in Wollust lebest und so sicher sitzest, und sprichst in Deinem Herzen: ich bin's, und Keine mehr. Ich werde keine Wittwe werden --« die Hand, welche Fabia auf diese Stelle legte, zitterte stark, und ihre Stimme wankte, als sie das Wort: »_Wittwe_« aussprach, als läge in diesem Verhältniß jene erschütternde Beseitigung, die dem Unglimpf freies Spiel erlaubt.

Aber mit einem Lächeln unsterblichen Leichtsinns wies Therese den Vorwurf der biblischen Prophezeihung von sich ab. Sie kannte die Selbständigkeit der frommen Fabia und ließ sich nicht irren. Statt des unnützen Gezänks um eine bereits aufgegebene Sache, warf sie die Last dieser Scene über die Seite, und sprach: »genug des Aergers. Nochmals, ich verzeihe Dir, was Du auch gegen mich denken mögest. Du thust mir leid: denn Du kannst nicht anders.«

Dieser Ton der Ueberlegenheit eines Gemüths, welches die schroffe Fabia so tief unter sich glaubte, steigerte ihre Erbitterung aufs Aeußerste. Sie wollte sprechen -- aber Therese wendete den Fuß, und prallte an einen jungen Mann, der unbemerkt von den streitenden Parteien eingetreten war, und nun als Schiedsrichter vor ihnen stand. -- Es war Herr Prälat, der Administrator des Stiftes, dessen Schwägerinnen wir in den beiden Damen vorläufig kennen gelernt haben. Der Zufall hatte es seltsam gefügt, daß ein Mann, der so hieß, Vorsteher dieses weiland geistlichen Hauses würde; allein ein Blick auf seine Persönlichkeit reichte hin, ihn selbst von dem Begriff seines Namens zu unterscheiden. Diese Gestalt, der eines Großwürdenträgers der Kirche durchaus nicht ähnlich, ragte über das gewöhnliche Maß hinaus, und schien von innerer Thätigkeit zu sehr angeregt, um völlig zu seyn; das schmale etwas blasse Gesicht hatte mehr den Anschein einer kränklichen und deshalb enthaltsamen Constitution, als den eines klosterherrlichen Lebens in =bona pace=, und dieses gebietende Auge, obgleich getrübt -- war voll Feuergeist einer andern Tiefe, als des kühlen dunkeln Lagers, wo die Sonnenkräfte alter Jahre verschlossen glühen.

Er schlang seinen Arm mit brüderlicher Traulichkeit um Theresens schlanken Leib, sie aufzuhalten, und sprach: »wohin so eilig? Was ist's? Du schweigst, Fabia? und Dein Auge verbirgt Thränen? ich will nicht fürchten, daß ein Zwist -- stehe Du mir doch Rede, Therese!« Mit diesen dringenden Fragen flog der betroffene Blick des Administrators von einer Schwägerinn zur andern.

Therese aber strebte fort. Als wünschte sie der weitern Verantwortung nun los und ledig zu seyn, entwand sie sich ihm und sprach flüchtig: »es war so wichtig nicht -- lasse es Dir nur von Fabia erzählen.« Vielleicht war es eine kleine Rache, daß Therese im sichern Gefühl, für Wessen Sache der Schwager sich entscheiden würde, den Vortheil des Vortrags Jener überließ.

»Nein, bleib!« forderte der Administrator: »so sprich doch, Fabia! ich will es wissen! werde ich es nicht erfahren?«

Mit niedergeschlagenen Augen und gekränkter Stimme sprach Frau Fabia: »ich muß Dich ersuchen, mein Bruder, daß Du mich in Zukunft vor Beleidigungen schützest, die ich länger weder ertragen kann noch darf. Meine stille Weise will ich immerhin verspotten lassen; aber das Heiligste soll man mir nicht antasten. Das greift mich an die Seele.« Sie brach in heißes Weinen aus, und Fabia weinte selten oder nie. Des Schwagers Auge traf Theresen. Diese aber hielt den zürnenden Blitz aus, der nicht zündete, zuckte vornehm mit den runden Achseln als beklage sie die Erbärmlichkeit der Anklage, hob den Blick zu den Wolken der Decke und sprach: »welch ein Aufheben um Nichts! ich will es Dir in Kürze sagen. Wir waren am Sonntag Abend bei Gottschalks drüben fröhlich, führten Sprichwörter, Charaden auf --« »Erlaube!« fiel hier Fabia ein, mit einem Tone, der nicht im Klange einer abhängigen Bitte an die Wortführerinn erging, »das ganze Gebiet üblicher Gemeinplätze reichte nicht aus für dieses muthwillige Treiben -- denn Narrenspiel will Raum haben -- man suchte ihn auf kirchlichem Boden. Die reiche Sprache mußte, schnöde genug, eine Benennung hergeben, um die geistig Armen lächerlich zu machen. Sie spielten: Wiedertäufer, und das heilige Sacrament ward an dem Töchterchen der Gerichtshalterinn verhöhnt.«

»Ich sehe nichts Uebles dabei,« sagte der Administrator begütigend nach einer kleinen Pause, »jene rasende Rotte hat die Taufe auf eine frevle Art gemißbraucht.«

»Ach!« sagte Therese lachend, »von irgend einem Frevel konnte ja überhaupt die Rede gar nicht seyn. Wir waren nur lustig, ich versichere Dich, lieber Cölestin, und der alte Halderich brachte jenes Wort in Vorschlag. Bei den Sylben: Täufer, sah Gottschalk als Vierfürst so fürchterlich possirlich aus, daß wir Alle vor Lachen sterben zu müssen glaubten. Ich, die Tochter der Herodias, tanzte kosackisch vor ihm -- der starke Punsch war mir ein wenig in den Kopf gestiegen. Dann costümirten wir uns schweizerisch, die Gerichtshalterinn brachte eine zinnerne Barbierflasche, ein Urerbstück -- zur Taufkruke herbei, und an Helene trieb ihr Vater den Teufel der Widerspenstigkeit und des Muckerns aus, der die Kleine bisweilen plagen soll. -- Wem, ich frage Dich, geschah nun hierbei ein Leides?«

»Fabia!« sprach ihr Schwager sanften, tiefen Tones; er hätte die höchste Vernunft, den Gott des Friedens selbst mit keiner andern Stimme anrufen können. Doch Fabia antwortete mit erzwungener Ruhe: »höre nur weiter! es kommt noch besser.«

»Ja,« rief Therese leidenschaftlich, »höre nur weiter! es kommt noch _schlimmer_. Es ward immer hübscher, bei Gottschalks nämlich. Wir kamen mehr und mehr in den Zug, und endlich auf den Einfall, Dir zu Deinem Geburtstage künftigen Monat, ein kleines Schauspiel zu veranstalten. Dieser Plan, einstimmig aufgenommen, machte uns unsägliches Vergnügen in der Idee. Doch Fabia, als Schlüsseldame des Hauses, verweigerte uns zur Ausführung das Local und ihre Theilnahme. Wir wünschten das grüne Bogenzimmer für diesen Zweck, und baten, daß sie eine kleine alte anspruchslose Rolle übernähme.«

Ein Schatten jugendlicher Prätension veränderte hier die Züge der ernsten Fabia, welche kalt und schweigend wie eine Büste zuvor gewesen. Sie warf einen Blick unaussprechlicher Verachtung auf ihre Schwägerinn und sprach: »freilich, mit einer Inamorata warst Du so gütig, mich zu verschonen -- die spielst Du selbst.«

Therese hielt es vermuthlich nicht für nöthig, darauf zu antworten. Sie wendete sich zu dem Schwager, und sagte wie zum Schluß: »Du weißt nun, worüber wir in Streit geriethen -- _mir_ war er abgemacht.«

»Und warum warst Du dagegen?« fragte der Administrator beklommen die Unversöhnte, und abermals nach einer kleinen peinlichen Pause.

»Es läuft wider meine Grundsätze,« erwiederte Fabia finster, und trocknete die Thränen, welche in einzelnen Tropfen, wie nachfallend einem schweren Wetter, über ihr Gesicht flossen.

»O, gute Fabia! Deine Grundsätze sind sehr streng!« sagte Herr Prälat mit bitterm Lächeln, »wenn wir solch einen Maßstab an die kleinen Freuden des Lebens legen wollen, so wird der arme Mensch zu kurz kommen. Ich sehe nichts Verwerfliches in der ganzen Sache, wohl aber ein gestörtes Vergnügen, für dessen Absicht ich dankbar seyn muß. Der Geschmack am Schauspiel ist ziemlich so alt wie die Welt, und der Trieb, sich anders zu zeigen, wie er ist, dem Menschen angeboren.«

»Leider!« sprach Fabia, »deshalb ist es nothwendig, daß man ihn bekämpfe. Wir sollen wahrhaft seyn in Wort und That.«

»Dies dürfte doch tiefer gemeint seyn, liebe Schwägerinn --« versetzte der Administrator etwas leise, wie wenn er die Wirkung dieses Widerspruchs mildern wolle, »als was man unter der Mummerei einer kleinen Posse, ja selbst unter dem Versuch begreift, die Geheimnisse der Schmerzen, die Blöße der Leidenschaften und der Wunden, die das Schicksal schlägt, in dem Gewande dramatischer Poesie darzustellen. Der wahre Gott hüllt sich in die Natur, und wir erkennen ihn im Innersten unseres Gemüths.«

»Ja,« fügte Therese mit einem leichten Uebermuthe hinzu, der wie Champagnerkork auf dem Oberwasser schwamm, welches sie durch den Beistand ihres Schwagers gewonnen, »Jesus Christus selbst, ich wette! würde nichts Arges an unserm Scherz gefunden haben; die Scheinheiligkeit nur war ihm verhaßt.« »Und ich erkenne nun,« sagte Fabia, während sie mit bebenden Fingern eine Immortelle zerpflückte, »daß es an der Zeit für mich sey, ein Haus zu verlassen, dessen Freuden ich verkürzte, und dem ich nur in seinen Vergnügungen störend bin. Ich tauge zu weiter nichts, als einen einfältigen Kuchen mit Bedacht zu backen, wie Therese mir vorwarf, und ein Capitel aus der Bibel zu lesen, deren Sinn ich nicht einmal verstehe, wie mir so eben bewiesen worden. Ein armseliges Talent, das meine, gegen die Vorzüge Anderer! -- So will ich denn gehen. Es wird doch irgendwo ein stilles Plätzchen für mich geben, wo man mit Arbeit und Gebet Ruhe finden kann für seine Seele.«

»Gott des Lebens!« rief der Administrator außer Fassung, »muß es dahin kommen? Wer ist's, der unter diesem Zwiespalt leidet, als ich? Fabia! hättest Du Dich jemals über mich beklagen können? -- ich achte jede Individualität, und ehre die Deinige nach Verdienst. Therese! biete die Hand zuerst, Dir kommt es zu, Du bist die Jüngere.« »Ich habe es gethan,« sagte Therese etwas eingeschüchtert von diesem Ausgange, »ich kam mit gutem Herzen hierher; der Himmel und Josephine ist mein Zeuge!«

Der Administrator schien dieser identischen Berufung Glauben zu schenken. Er sprach: »Du hast Fabia gewiß nicht kränken wollen. Auf die Comödie verzichte ich gern; aber liebe Schwestern, laßt das Band der Eintracht mein Angebinde seyn, so werde ich mich heute schon wie neugeboren fühlen.« »Es würde doch nur ein kleines Schauspiel werden,« antwortete Fabia mit entschlossnem Lächeln, »und Du weißt, mein Bruder, ich bin ungefügig dazu.«

»Gehe, Therese!« sagte Herr Prälat, und es schien, als ob nur größere Zutraulichkeit zu dieser Schwägerinn sie verweise, »lasse mich mit Fabia allein.« Therese ging. Alsbald faßte der junge Mann die runden Arme Fabiens so fest, daß sie an diesem Drucke die innere Bewegung empfand, in der er sprach. »Fabia! das konntest Du mir thun? muß ich Dich an Deine zärtliche Sorge für mich erinnern?-- Sieh! wolltest Du mich verlassen, ich könnte Dich nicht halten; genug, daß ich mich an das Bewußtseyn hielte, ich hätte es nicht um Dich verdient.« Fabia war ergriffen, dennoch sagte sie: »Du behältst ja Theresen --«

»Ja,« antwortete ihr Schwager, »und ich werde, was auch geschehe, mein Wort nicht brechen, welches ich dem Bruder gegeben.«

Die Entschiedenheit eines Mannes verfehlt nie ihrer Wirkung auf die Frau, selbst wenn sie verschroben, oder in minderem Grade weiblich wäre. Die Erklärung des Schwagers hatte das Eis von Fabiens starrem Sinne gebrochen. Sie zerschmolz in Thränen, und sprach: »muß es mich nicht schmerzen, daß Du ihr alles gut heißest, selbst das, was mich empört? vergeht wohl ein Tag, ohne daß ich über sie seufzen müßte? kommt je ein gottesfürchtiger Gedanke in ihre Seele? kannst Du mir den geringsten reellen Nutzen nennen, den ihr Daseyn hier hat?«

»Sie giebt Dir Gelegenheit,« antwortete Herr Prälat wie mit düsterm Spotte auf die vorwurfsvollen Fragen seiner Schwägerinn, »Dich in einer der schönsten christlichen Tugenden zu üben: der Duldung. Gönne ihr die Luft dieses abgeschiedenen Aufenthaltes; betrachte sie wie eine Blume, die für kurze Zeit zwischen diese Mauern verpflanzt ist, und von der man nichts verlangt, als daß sie ihre Stelle einnimmt.«

»Man wird keine Trauben lesen von den Dornen --« entgegnete Fabia tiefathmend. »O! diese Blume ist giftig --«

»Nein, gute Fabia! höchstens nur ein wenig betäubend --« sprach der Administrator und lächelte zerstreut. »Sey doch nur billig!« fuhr er in ernsterem Tone fort, »und überlege, wie verschieden von Dir, Therese ihrem Naturell, ihrer früheren Lebensweise nach, denken muß, und ungerecht wäre es von Dir, wenn Du deshalb mit ihr rechten wolltest. Im Geräusch der Welt erzogen, entbehrt sie hier alle Freuden, an welche ihre Jugend gewöhnt war. Sie ist nicht geeignet, sich an irgend eine Pflicht zu binden, und unter so precairen Umständen erst gar nicht. Dies hat der Himmel wohl gewußt, und so ist ihre Ehe seltsam genug ohne Zusammenhang dieses Verhältnisses. -- Ihren kleinen Speculationen stehet landwirthschaftliche Industrie entgegen; vor den Maschinen, die den öden Raum von Sanct Capella füllen, kommen die Neigungen einer jungen lebendigen Frau nicht an das Brett -- und wollte Therese auf Eroberungen ausgehen: so sähe sie sich von einem invaliden Kreise umschlossen, der in der schläfrigen Ruhe des Klosters von seinen Siegen träumt.«

Fabia antwortete: »o! Therese besiegt auch wachsame Leute -- und übt ihre coquetten Künste vor sehenden Augen.«

Ein wundes Lächeln zuckte über das Angesicht Dessen, welcher der Gegenstand jener feindseligen Bemerkung war. Er seufzte, legte wie unbewußt die Hand auf seine linke Seite, als fühle er dort Schmerz, und sprach: »Fabia! laß uns dies Gespräch enden; doch vernimm zuvor meine Bitte: mache Theresen Deine Frömmigkeit liebenswürdig! versuche es einmal mit freundlicher Güte. Ist nicht Friede mit sich und Andern die weiche Blüthe der Religiosität? -- Denkst Du nicht, daß es mich betrübe, wenn Jemand gezwungen wäre, Deinen Werth zu verkennen und Deinen Glauben dazu, dessen Früchte für ihn zeugen sollen? flöße Theresen, diesem Kinde an Vernunft -- sanftmüthigen Geistes, die Milch einer besseren Liebe ein, als welche vielleicht die Nahrung ihrer eitlen Wünsche gewesen, und stärke sie für das Leben der Seele. Dann stärkst Du auch mich -- und wahrlich, Fabia! ich bedarf es. Als ich krank war -- diese Zeit, deren ich mich nicht gern erinnern mag, weil mich mein Befinden noch täglich daran mahnt -- hat mich Dir auf ewig verpflichtet. Du lauschtest, mir alles an den Augen abzusehen, was mich laben könnte -- willst Du, da ich kaum -- kaum genesen bin, härter gegen mich seyn? erquicke mich durch Eure Verträglichkeit! ich wollte sonst, ich läge im Grabe.«