Die schöpferische Pause

Part 9

Chapter 93,411 wordsPublic domain

Der Führende aber muß Raum breiten um den Knaben in der Zeit seiner Liebesferne. Sich selbst muß er unscheinbar machen. Selbst wenn Menschen auf dieselbe Wohnstube beschränkt sind, können sie sich ja einander entfernt machen. Freilich gehört dazu das stets ehrfürchtige, ja inbrünstige Wissen um den Zustand des anderen. Dann schlafen die müßigen oder gierigen Fragen ein. Dann werden die Blicke kühl und vertrauensvoll ruhig. Dann verlieren die Hände das hastige Greifen und die Arme das Raffen, das den in sich versunkenen Knaben immer wieder aus sich herauslockt und reizt, sich darzustellen. So kann der wissende Erzieher den Raum, den sein Vertrauter braucht, unmerklich wachsen lassen. Auch den anderen Gefährten muß er das begreiflich machen. Mit Spaß und Spott übermütig sich aneinander zu reiben, sind die naturgemäßen Formen kindlicher Liebesäußerung. Gleichaltrige Knaben kurz vor ihrer Geschlechtsreife haben den Hang, im Spiel sich gegenseitig anzustacheln und einander bis aufs Blut zu reizen. Wenn aber die Zeit heran ist, wo einer von ihnen durch die Nähe des anderen heimlich verletzt ist und die anderen nichts merken und auch er selbst kaum etwas weiß, muß der Führer ihnen die Augen öffnen, daß sie sehen, was sie tun. Dann werden sie in Ehrfurcht vor dem Geschehen, das ihnen da sichtbar wird, zurücktreten und Raum lassen um den Ruhebedürftigen. Haben sie doch auch gelernt, einen in der Sonne Liegenden nicht zu stören, einen in Arbeit Vertieften nicht zu fragen, einen Schlafenden niemals zu wecken. So behütet wird nun in dem so Gefernten die Liebe wachsen und groß werden und sich an einem Tage zum ersten Mal leidenschaftlich erheben. Der gewaltig aufsteigende Rhythmus des jungen Lebens sucht nach gleichklingendem Leben, nach einem Menschen, der gleich ihm dehnbar ist und sehnsüchtig nach dem Auf und Ab des Lebens, der erfüllt ist gleich ihm von dem rasenden Verlangen, zugleich sich hinzugeben und zugleich zu genießen. Acht haben auf sich selbst oder auf den Menschen, dem die Leidenschaft gilt, ist jetzt unmöglich. Sinnlos ist jeder Gedanke eines Dritten, der in ermahnendem, vorbeugendem, abhaltendem Sinn darauf hinweisen wollte. Bewegtes Leben türmt sich auf, das sich nicht selbst bewahrt und rücksichtslos auch den Geliebten nicht bewahrt.

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Wie steht der Erzieher nun solchem Geschehen, solchem Schicksal der Leidenschaft gegenüber? Zunächst also, wenn es sich +fern+ von ihm selbst vollzieht, +zwischen+ zweien seiner Anvertrauten.

Der, den er jahrelang führte und täglich behütete, den er in das lebendig strömende Wasser stieß, daß er seine Tage von da an in Schönheit dahin brachte und seine Kraft in gelungene Werke fließen ließ, der, den er liebte in inbrünstiger Freudigkeit, der ihm nahe war, ja mit der Glut seines jungen Lebens ihn hielt und begeisterte ... plötzlich wirbelt ihn sein fremdes Schicksal fort. Eifersucht ist solchem Geschehen gegenüber die kleinsinnig-sinnlose Regung des Augenblicks. Der ältere Mensch muß sich hier auf die Klanghöhe seines Jahresabstands besinnen. Nur so wird ihm möglich werden, hier +nicht+ einzugreifen. Nur so wird ihm die große umfassende Gebärde gelingen, die allein solchem Schicksal gemäß wird.

Solange die Woge dieses fremden Doppelschicksals im Schwung ihrer Aufwärtsbewegung ihn umbraust, bleibt sein Wissen stumm; sein Wissen, daß Leidenschaft etwas Bewegtes ist und also etwas, das sein Ende in sich selbst trägt. Leidenschaftliche +Zustände+, +anhaltende+ Leidenschaft gibt es nicht. Wo die Woge der Leidenschaft zurückflutet und nur noch von dem erregten Willen der Liebenden zwangsmäßig gehalten wird, für +diesen+ Augenblick muß er sein Wissen vom Ende der Leidenschaft bereithalten und irgendwie bei seinen Vertrauten zur Geltung bringen. Daß auch sie ja sagen zu dem Ende, ja sagen zu den Folgen ihrer leidenschaftlichen Erhebung. Denn wirklich und unvermeidbar folgt Leid, wo Leidenschaft festgehalten wurde. Die Formen dieses Leides werden verschieden sein, und die Betroffenen werden gar nicht wissen, wie ihnen geschieht. Sie werden es am eigenen Leibe verspüren als körperliche oder seelische Reizbarkeit, als Krankheit, Unlust, Unfähigkeit zu gewohnter Arbeit. Auch in ihrer Gemeinsamkeit wird das Leid zu spüren sein als Fernegefühl oder gar als Haß, und wird sie zu Abschied und Trennung drängen. Und nun ist es die führende Aufgabe des Erziehers, die beiden Menschen, denen ihre Leidenschaft so zum Leide gereicht, in seine inbrünstig bereitgehaltene Liebe aufzufangen, sie zu trösten, zu beschwichtigen und mit diesem seinem liebe-gerichteten Verhalten auf die +neuen+ Gipfelungen der Liebe hinzuweisen, die ihnen jede neue gemeinsame Lebenswallung bringen muß. Wenn sie nur jetzt nachgeben und sich in ihre Ferne fallen lassen, wird jeder neue Atemzug, jeder neue Morgen, jede in ihnen selbst wieder ansteigende Kraftwelle sie sicher geleiten.

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Wie ist es aber, wenn nun das leidenschaftliche Schicksal den Führenden +selbst+ mitreißt? Der Abstand von einem halben Menschenalter zwischen ihm und seinem Vertrauten begünstigt die Schwingungsstärke. Es gibt kein Verwahren vor dem Schicksal der leidenschaftlich sich steigernden Liebe.

Der Führer ist inmitten einer Schar junger Menschen, die täglich um ihn ist, dem Leben hingegeben, so rettungslos wie kein anderer Mensch. An kein Werk, an keinen Beruf kann er sich für die Dauer halten. Vielleicht kann er sich einige Zeit verschließen, wenn es sein Leben so will. Aber sobald er sich wieder öffnet, öffnet er sich auch seinen Vertrauten. Sie sind da, und er ist für sie der Mensch, den sie verehren, den sie, wenn sie in das Alter ihrer Reife getreten sind, vielleicht als ersten Menschen lieben werden. Wo Liebe ist, kann es auch zu leidenschaftlichen Gipfelungen kommen.

Leidenschaft fordert immer volle Ausschließlichkeit. Der Führer ist dann nicht mehr unbedingt für alle da, er ist auch nicht mehr Erzieher und Lehrer. Er ist Liebender für seinen Geliebten. Wenn das gemeinschaftliche Leben schon so stark geworden ist, daß es +alle+ trägt, so werden die Anderen dann ruhig ihren Weg gehen und in Ehrfurcht geschehen lassen, was geschieht. Aber auch dann, wenn es noch nicht so weit ist, wenn ein solches Schicksal das gemeinschaftliche Leben aller bedroht, wenn die Anderen es +nicht+ ertragen, muß es +trotzdem+ geschehen. Denn es gibt kein Verwahren gegen das Schicksal. Rücksicht auf die Anderen nehmen, heißt den geliebten Menschen auf der Woge seiner steigenden Liebe allein lassen. So kommt es hier unter Umständen zu der Entscheidung: führender Dienst an den Vielen oder Verrat an dem geliebten Einen. Diese Entscheidung ist schwer.

Das Schwerste aber ist, in der Leidenschaft noch Führer des Geliebten zu bleiben. Und das wieder erfordert: nicht festhalten und nicht sich festhalten lassen, wo die Woge wieder +hinab+geht. Es erfordert zu zeigen: hier ist es zu Ende. Es erfordert, als Wissender stillschweigend die Folgen auf sich zu nehmen, die Leidenschaft mit sich bringt und zugleich den geliebten Neuling in dieses Wissen einzuweihen.

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Solcher erster Aufschwung der Liebe aus der Tiefe der ersten Knabeninbrunst überwölbt nun durch Jahre hindurch alle Liebesregungen des jungen Menschen, bis er dann in den Zeiten seiner reifenden Jünglingschaft wieder in eine neue entscheidende Periode der +Liebesferne+ tritt.

Diese Ruhezeit und noch mehr die nächstfolgende große Lebenspause, die Reifezeit des Mannes wird durchpflügt von der Unrast des Lebens. Liebe und Leidenschaft kann aber nur groß und umspannend werden, wenn an diesen entscheidenden Stellen genügend Raum um den in sich selbst Versunkenen blieb, wenn er nicht vorzeitig aus sich herausgezerrt wurde und sich nicht zerren und nicht locken ließ. Wo einer noch Macht hat über Menschen, die sich in diesen Lebenspausen befinden, leistet er ihnen den entscheidenden Dienst nur dadurch, daß er Raum um sie breitet, daß er sie entfernt von den Anderen und daß er sich selbst in ihrem Gesichtsfeld auslöscht.

Es ist gewagt von diesen großen Bogenschwüngen zwischen Inbrunst und Leidenschaft zu sprechen, wo doch das tausendfältige Spiel der täglichen Liebesregungen verwirrend dazwischen schwingt und eigentlich immer das allein Spürbare ist. Diese großen Schwingungen, die von den einzelnen wenigen ganz großen Inbrunstpausen des Lebens ausschwingen, +sind+ aber da und jedem sichtbar, der seinen Blick weitet und große Strecken eines Lebens überblickt.

Auch wenn es den meisten Menschen verwehrt ist, zu ihrer Zeit einsam zu sein, weil die anderen es nicht zulassen oder auch sie selbst nicht Mut genug haben, in ihre Tiefe einzugehen, sie spüren doch die Stelle, wo es hätte sein sollen. Sie wissen genau, in diesem Jahr ist es gewesen ...

Rhythmus der Liebe im Jahr

Das einzelne Jahr hat seine Inbrunstzeiten und Leidenschaftszeiten. Das natürliche Jahr, das Sonnenjahr, das für die Tiere und ihre Liebesregungen so entscheidend ist, schlägt auch durch das Gefüge des menschlichen Jahres hindurch; gerüstweise bleibt es erkennbar. Die Jahreszeiten sind in ihrer Liebesgerichtetheit verschieden. Die großen Sammelzeiten des Jahres im späten Herbst, im tiefen Winter, die Zeit, wo der Sommer sich vorbereitet und die Früchte ansetzen, schließlich die Zeit, wo der Herbst sich vorbereitet (oft schon in den letzten Julitagen), diese Sammelzeiten des Jahres machen es dem Menschen, der mit dem Jahr zu leben gelernt hat, leicht, sich in seine Inbrunst zu versenken. Verschlossen zu sein ist dann der Natur gemäß. Es sind das die Zeiten, wo nichts sichtbar wird, sondern alles unter der Oberfläche geschieht.

Dem gegenüber stehen die leidenschaftlichen Zeiten des Jahres, Gebezeiten, in denen die Liebe sichtbar wird. Zu Anfang des Winters ist solche Zeit, die Frühlingszeit des Winters, die das alte Lied meint: es ist ein Ros entsprungen ... Manchmal ist diese Gipfelzeit kurz, aber stets in der gesamten Natur zu spüren. Die eigentliche Frühlingsgipfelzeit ist sehr viel länger von den frühesten bis zu den spätesten Blüten. Um die Zeit der heißen Nächte liegt dann die oft nur kurze Gipfelzeit des Sommers. Und in den jauchzenden Tagen des reifen Herbstes schwingt sich die Natur wieder zu einer Gipfelzeit auf, die oftmals lange dauert, von der Zeit der Kornreife bis zur Zeit, wo die letzten Äpfel reif werden.

Freilich das menschliche Jahr flutet vielfach über diese naturgesetzten Zeiten hinweg, daß die Grenzen sich verschieben. Doch dies bleibt: es +sind+ Gebezeiten und Inbrunstzeiten der Liebe im Jahr eines jeden Menschen deutlich zu spüren, und auch hier ist es Sache des führenden Erziehers, ferne zu halten und zu schaffen, wo seine Anvertrauten die Kraft des Jahres in sich sammeln, und mitzuschwingen, wo sie geben und blühen und jauchzen in ihrer Liebe.

Der sexuelle Rhythmus der Liebe

Durch die gegeneinander beweglichen Brunst- und Inbrunstzeiten des Jahres flicht sich in sehr viel strengerem Wechsel der +monatliche+ Rhythmus. Hier ist von der geschlechtlichen Liebesgerichtetheit zu sprechen. Die monatliche Periode der Frau gibt in ihrer strengen Gesetzlichkeit das führende Zeichen für die Menschen. Auf Tag und Stunde ist der Eintritt dieser monatlich wiederkehrenden Reinigungszeit bei gesunden Frauen vorausbestimmbar. Davon war bereits die Rede, soweit es den Rhythmus des Einzelmenschen betraf. Wie ist diese Tatsache für das Miteinanderleben der Menschen auszudeuten?

Wie der Herztakt des Blutes sich der Aufsicht des Willens entzieht, so ist auch die steigende und fallende Bewegung der geschlechtlichen Säfte der willentlichen Beeinflussung des Menschen entzogen. Wenigstens von der einen Hälfte, der weiblichen Hälfte der Menschheit ist dies mit Sicherheit zu sagen. Durch das Leben des Mannes geht allerdings +auch+ ein monatlicher Rhythmus, ein Rhythmus von etwas kürzerer Wellenlänge als bei der Frau[3]. Dieser Rhythmus ist aber bei den meisten Männern nicht mehr spürbar, d. h. von allzu starker Willensanspannung übertäubt worden. Wenige werden diese Taktschläge regelmäßig in sich hören. Nur wer in die Zeit seiner eigenen Knabenreife hinabzulauschen versteht, wird wissen, um was es sich handelt. Um die Reifezeit beginnt bei dem Knaben der Saft zu steigen. Die Kraft spannt alle Glieder. Auch das männliche Zeugungsglied streckt sich zum ersten Mal. Und in später Nacht, wenn der Schlaf schon dünn geworden ist und die volle Kraft des jungen Körpers sich in den Morgen hebt, kann die letzte Welle irgendeines Traumes zur unwillkürlichen Vergießung des Samens drängen. Nach solcher Entspannung folgt nun wieder eine Zeit des Aufbaues der sexuellen Kräfte etwa einen Monat lang, und wieder kommt die Zeit der Krafthöhe und drängt nach Entspannung dieser Kraft. Diese nächtlichen Entladungen des Samens in etwa monatlicher Wiederkehr sind aber nur ein +äußerstes+ Mittel des Körpers, Stauungen zu vermeiden. Bei einem gesunden Leben wird es selten dazu kommen. Auch ohne Samenverlust wird der Körper in die Zeit seiner Schwäche zurückzuschwingen vermögen. Denn die nach außen drängenden Kräfte können auch im Innern des Körpers verbraucht werden[4].

Die Zeit der sexuellen Krafthöhe ist bei vielen Menschen die Zeit der Gefahr, wo ihr eigener oder auch fremder Wille Übermacht über die natürliche Gesetzlichkeit ihres Körpers bekommt. +Willkürlich+ wird durch Onanie eine gewaltsame Entspannung der sexuellen Kraft herbeigeführt. Von da an vermag der junge Mensch die natürliche, periodisch ihn überkommende Entspannung nicht mehr abzuwarten. Eigene leidenschaftliche Wunschbilder oder fremde Verführung übersteigern seinen Rhythmus, beschleunigen sein Entwicklungstempo oft so übermäßig, daß der Knabe nach wenigen Monaten einem »Erwachsenen« nach Wort und Gebärde ähnlich sieht. Dabei wird sein Blutkreislauf gewaltig gesteigert und seine Haut bleich. Bei schwächlichen Knaben wird dieses übersteigerte Tempo durch ihren schleppenden Gang, ihre müde Haltung und ihre verhetzten Augen sehr sichtbar. Starken Knaben wird man äußerlich nicht so viel ansehen. Sie halten es aus. Aber die Schwächung der Kräfte ist überhaupt gar nicht die +schädlichste+ Folge der Onanie. Sie wäre wohl auszugleichen. Der entscheidende Schaden liegt in der Beschleunigung des Rhythmus der geschlechtlichen Kraftwiederkehr. Ein +natürlicher+ Ablauf wird durch eine +willkürlich+ herbeigeführte Ersatzhandlung zunichte gemacht. Dies ist entscheidend und prägt der ganzen heutigen Kultur den Stempel auf. Was rhythmisch hätte von selbst geschehen müssen, gerät unter die Knechtschaft des Willens. Schwer ist die Befreiung aus dieser Knechtschaft. Der Erzieher, der den Knaben das Häßliche und Entstellende dieser Samenverluste wissen läßt, ihm »ins Gewissen« redet, hat damit wenig getan, selbst wenn er so viel Macht auf den Knaben ausübt, daß er die Onaniegelüste von da an unterdrückt. Denn er hat damit auch nur wieder Willenskraft und zwar von allerstärkstem Grad in dem Knaben wachgerufen, damit er aus Furcht vor den schädlichen Folgen, aus Furcht vor ihm, von jener anderen Willkürhandlung abläßt. Willkür wird durch Willkür vertrieben. Niemals kann das die Wiederkehr des natürlichen Eigenrhythmus bewirken. Aus dem übermäßig beschleunigten Rhythmus der Kraftwiederkehr wird von da an ein übermäßig stockender Rhythmus. Schließlich machen Angstträume den Schlaf untief und ungewollte Samenergießungen quälen den Knaben öfter und öfter.

Hier gibt es nur eine Hilfe, das Einlenken in den eigenen Rhythmus. Nicht angestachelte Willenskraft kann hier helfen, sondern allein die vertrauende Hingabe an den rhythmischen Lauf der Natur in dem eigenen Körper.

Der Knabe fühlt in dieser Zeit nur, daß eine Kraft in ihm hoch kommt, eine Kraft, die zur Vergießung ihrer selbst drängt. Das Wissen von dieser neuen Möglichkeit zu verströmen muß all sein Denken und Sein durchdringen. Dies ist das eine. Ein anderes +schwächeres+ Gefühl ist aber mit dem ersten verschwistert. Kurz bevor die steigende Kraft in ihm zu ihrem höchsten Gipfel kommt, spürt er: ein +Behälter+ bin ich, ein Gefäß, in dem die Säfte steigen und ... fallen. Und dieses schwächere, aber umfassendere Gefühl, daß die Kraftwelle auch wieder fallen muß, ist die natürliche Ursache für jede geschlechtliche Hemmung. Mit der steigenden Kraft wächst auch schon, was sie hemmen wird. Nicht Willensanspannung darf der Führer hervorrufen. Dies innere Wissen vom Steigen und Fallen der Kraftwelle muß er vielmehr hüten und pflegen. Hier ist er wahrhaft Erzieher, der sein eigenes +Wissen+ helfend in immer wieder neuen Formen darbieten kann. Locken, reizen, ja zwingen muß er den Knaben, dieses Wissen in sich groß zu machen. Denn in diesem hemmenden Gefühl ist zugleich das Geheimnis seiner künftigen geschlechtlichen Steigerung verborgen. Die Kraft steigt und fällt. Wenn sie aber +wieder+ steigt, ist sie noch drängender, noch zwingender, noch herrlicher geworden als vorher. Sie fällt aber auch diesmal wieder, um abermals gewaltiger anzusteigen. Die sich immer machtvoller ballenden, immer drängender, flutender, brausender werdenden Kräfte +in sich+ zu fassen, ist nur möglich für den, der hinabzuschwingen vermag in die +schöpferische Ruhelage+.

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Die ältere Erziehung übersah geflissentlich alles, was mit der geschlechtlichen Kräftewiederkehr, überhaupt mit der Geschlechtlichkeit zu tun hat. Man ließ den Knaben mit seiner +Kraft+ allein fertig werden und stärkte durch allerhand Mittel, vor allem durch Ermahnung, Warnung, Strafe einzig und allein die +Hemmungen+ in ihm. Die neue Erziehung fällt in den entgegengesetzten Fehler: der Knabe wird auf die in ihm erwachende Kraft aufmerksam gemacht. Dabei aber werden häufig die hemmenden Gegenkräfte in ihm selbst durch frühzeitige Rationalisierung zerstört. Und dies wirkt eigentlich noch schlimmer als die alte Erziehung. Die edelste und geistigste Steigerung wird durch +Geheimhaltung+ der +besonderen+ Zwecke hervorgelockt. Geheimnis darf nicht verwechselt werden mit absichtlichem Verschweigen und wissentlicher Täuschung, wie es jetzt häufig geschieht. Denn das Geheimnis verhüllt eben nur die naheliegenden Zwecke, um gerade desto stärker die eigentliche Richtung weisen zu können.

Wo zu frühzeitig von den besonderen Zwecken der sexuellen Kräfte, von Fortpflanzung der Art, von Zuchtwahl ... wo immerfort von Vorbereitung, Reinhaltung und Sparen der Kraft für die kommende Höhe des Lebens gesprochen wird, wird damit die geschlechtliche Kraft allmählich aber sicher ihres Geheimnisses entkleidet. Der so gewaltsam aufklärende Erzieher verletzt damit, was früher Schamgefühl genannt wurde, den Raum der Hemmungen, der um den Knaben gebreitet ist und unbetretbar für ihn sein sollte. Was haben denn auch die tatsächlichen Zwecke der geschlechtlichen Kraft, ihre Folgen, überhaupt ihre beschreibende Naturgeschichte mit dieser Kraft +selbst+ zu tun? Alle ausmalenden Bilder, ganz gleich, ob sie die Herrlichkeiten oder die dahinterlauernden Gefahren der geschlechtlichen Zukunft darstellen, arbeiten nur darauf hin, die lebendige +Wucht+ dieser Kraft selbst zu zerstören. Zu früh ins Gebiet der gesonderten Vorstellungen, ins »Wirkliche« der »Tatsachen« führen, heißt, lebendiges Wasser, ehe es stromstark geworden ist, in gegrabene Kanäle ableiten. Die gestaltlose, dunkle, schaffende Kraft, die nur erst als steigende und fallende Bewegung in dem jungen Körper spürbar wird, ist +allein+ die Wahrheit; und diesen wuchtenden, ganz ungegliederten Wahrheitsblock muß der Erzieher mit seinem führenden Wesen bejahen, mit allen stürmischen Pulsschlägen seines eigenen Herzens bekräftigen.

An die Schwere dieser ungestalten Wahrheit reicht nur Traum und Mythos. Vielleicht erzählt ihm der Knabe selbst das Bruchstück irgendeines Traumes, in dem nicht mehr wie früher von lauter bunten Einzeldingen die Rede ist, wie sie gestern und vorgestern +wirklich+ geschehen sind, aus denen vielmehr +zusammenfassende Bewegung+ spricht. Vielleicht erzählt er: Wasser, ein Strom war ich, Schalen, Mulden, Felsentrichter waren da, in die es hineinsprudelte. Und immer mehr Wasser war da, und herabstürzend füllte es alles aus, brach alles weg, immer schneller ging es und in großer Masse fiel es besinnungslos herab. Wenn der Knabe in den durch den monatlichen Rhythmus vorbestimmten Nächten solche aus dem Tiefschlaf hervorbrechenden Bilder von bewegter Kraft träumt, bringt er aus seiner schöpferischen Ruhelage einen völlig entspannten Körper in den Morgen mit. Der Knabe hat dann +selbst+ den rechten Weg zur Entspannung seiner Kräfte gefunden, eintauchend in die Ruhe seines Selbst. Der Führer kann ihm in dieser Zeit nur dadurch helfen, daß er ihm Räume eröffnet, die ebenso weit und tief sind, wie dieses erste Erleben seiner geschlechtlichen Kraft in ihm. Er wird ihn das Gebirge mit seinen aufgesteilten Massen, die Ebene in ihrer dahinfließenden Fülle sehen lassen. Aus der beliebigen Gegend, die man seit jeher kennt, wo man rennen und klettern und spielen und Pilze sammeln konnte, wächst plötzlich der +Raum+ und seine Füllung mit Gestalt. Weil der Knabe selbst voll steigender und fallender Bewegung ist und seinen Körper als das umschließende Gefäß dafür empfindet, wird ihn die fließende, strömende, steigende, fallende, in sich zur Ruhe kommende Bewegung der Natur in seinem eigenen Inneren erregen und ihn ebenso vielgestaltig, ebenso weiträumig werden lassen.

Hier ist auch der Grund, weswegen ihn zur Zeit der Reife seine eigene aufquellende Freude naturgemäß zur eigenen Gestaltgebung in Tanz und Ton und Wort und Bild drängt. Räume werden da geöffnet, und die steigende Kraft kann sie mit Gestalt füllen. Davon war schon im einzelnen die Rede.

Hier ist auch der Grund, weswegen gerade zur Reifezeit dieselbe Freude naturgemäß die +Frage+ nach dem Wesen dieser Kräfte draußen und drinnen hervorruft und also zur »Wissenschaft« drängt. Davon wird noch die Rede sein. Alles Schauen, alles gestaltende Tun, alles drängende Wissen ist in diesen Jahren nichts als die hemmende Schicht, die das vorzeitige Ergießen verhindert und zugleich die Steigerung bewirkt.

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Wie eine immer wachsende Wärme +bleibt+ nun die steigende und fallende Kraft in dem Menschen drin. Die Kräfte können sich vielleicht jahrelang in sich selbst ausgleichen und so immer höher ansteigende Lebenswärme erzeugen. Hier ist das Geheimnis, warum knabenhafte Schönheit und Geschlossenheit unmittelbar und ungewollt Liebe entzündet. Knabenhaftigkeit ist rhythmisches Steigen und Fallen in sich selbst bei ständiger Steigerung. Selten und kurz ist das Wunder knabenhafter Vollendung und dann von weltbewegender Wirkung. Die griechische Kunst in ihrer herben Zeit, die Kunst des Donatello, des Memling, die Rede des Meisters Ekkehard ist von solcher verhaltenen Wärme strahlend. Hier ist dem Wunder, das nur an dem Knaben erscheint, Ausdruck gegeben. Auch heute vermag die innere Glut knabenhafter Verhaltenheit wieder die große Kunst zum Ausbruch reiner Gestalt zu bewegen. Maximin hat die Kunst Georges in fließende Bewegung gebracht.