Part 8
Das Kind nimmt aus dem Mutterleib die dunkle Glückserinnerung an den Zustand des völligen Umschlossenseins mit. Da gab es noch nicht Getrenntheit. Es hatte das Blut der Mutter zu eigen. Geburt ist dann der große Schmerz des Getrenntwerdens. Mit diesem Schmerz wird zugleich der Wunsch geboren, den schmerzlosen Zustand wieder zu gewinnen. Sehnsucht nach Besitz und Macht in den verschiedensten Gestaltungen quillt von nun an unaufhörlich aus dieser dunklen Wunschquelle und ist weiter nichts als das zu reißend gewordene allzu ungestüme Verlangen, selbst in den andern einzugehen. Mit Augen und Händen ergreift das Kind darum sogleich Besitz von der Welt und den Menschen. Was ihm nahekommt, gehört ihm. Die Eltern kommen diesem Besitzwunsch des Kindes so lange entgegen, wie er sich in der liebenswürdigen hilflosen Art des kleinen Kindes äußert. Wenn das Kind dann erst laufen kann und seine Wünsche unbequemer werden, beginnt man zu »erziehen«, d. h. abzugewöhnen. Dabei werden aber die Eltern oft kindischer als die Kinder. Ihre eigene dunkle Sehnsucht nach Macht benutzt die Gelegenheit, von dem Kind, das sich ja nicht wehren kann, Besitz zu ergreifen. Aus demselben dunklen Grund stammt ja bei Eltern und Kindern dieser Wunsch. Auch die Mutter hat ja das Kind einmal ungetrennt besessen. Daß es +noch+ ihr eigenes Fleisch und Blut sei, will sie möglichst deutlich immer wieder erfahren. Auch sie willigt in kein Getrenntsein ein. Grauenhaft ist es nun zu sehen, wie die meisten Kinder als das allerdings kostbarste Besitzstück der Familie betrachtet und auch sogar nach außen hin als solches hin- und hergeschoben und gezeigt werden. Die Erwachsenen sind stärker. Sie setzen ihren Willen durch. So wird der junge Wille meist schon ganz früh gebrochen, die Begierde der Kinder wird erdrückt und kommt erst später wieder zutage. Oder das Gegenteil geschieht (wenn auch nicht so häufig): dem Kind wird alles zu willen getan. Und es lernt dann niemals das Getrenntsein, den Abstand von Menschen und Dingen. Es bleibt unerlöst in seiner Besitzbegierde stecken. Beides, das gewaltsame Unterdrücken der kindlichen Besitzbegierde wie das schrankenlose Gewährenlassen dieses Triebes, begründet die spätere Unfähigkeit zu lieben.
Die bestehenden Schulen versagen hier auch fast vollständig. Die meisten Lehrer widmen sich ja aus Erwerbsgründen diesem Beruf. Sie lieben die Kinder gar nicht. Gegen das jugendliche Drängen müssen sie sich wehren, weil es ihre eigene Macht bedroht. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als eine Maske anzunehmen, damit das Schwinden ihrer Macht nicht bemerkt wird. Wo sie spüren, daß ihre Macht im Schwinden ist, müssen sie gleich zum Gegenangriff übergehen, weil sonst alles verloren ist. Ihr Beruf, ihr Amt, ihre Schulklasse wird »ihre Aufgabe«, an der sie arbeiten, das Material, an dem sie ihre Kraft sehen können, der Besitz, über den sie verfügen. Wo sich unter den jungen Menschen anders gerichtete Kräfte regen, da sind sie sofort argwöhnisch, als sei jedes eigenmächtige Wachstum selbstverständlich +gegen+ ihre Autorität gerichtet. Aber Autorität wahren, nichts sich vergeben, immer oben sein, ist ihre einzige Rettung, sonst paßt ihnen ihre Maske nicht mehr und rutscht ihnen vom Gesicht herunter und sie sind hilflos. Und so ist es denn auch, wenn sie einmal ihre Autorität nicht ausüben, also nicht dauernd sich stark genug zeigen, ihren Willen überall durchzudrücken, dann merken die Jungen sofort das Loch, wo sie ausbrechen können, um den Zwang, der immer auf ihnen lastet, fortzuschieben. Sie gehen dann sofort zum Angriff über, um ihrerseits nun Zwang auf den Lehrer auszuüben. In kurzer Zeit lernen sie die schwachen Stellen unfehlbar sicher benutzen. Und so bilden sich in den Schulen immer wieder die zwei Hauptarten des Lehrers, der Tyrann und der Popanz.
Doch auch der wirklich liebende Erzieher kann hier versagen. All seine bildnerischen Fähigkeiten helfen ihm hier nichts. Leicht und unmerklich verfällt er dem Besitzgedanken, wenn er vergißt, daß er lebendige unter seiner Hand wachsende Menschen vor sich hat. Mit der +Gewalt+ seiner Liebe kann er über die Kinder kommen, sie zur Unterwürfigkeit verführen und so zum Tyrannen wider Willen werden. Oder er kann in seiner hingebenden Liebe gar zu hinfällig werden und so dann wieder ungewollt ihre tyrannischen Instinkte erwecken.
Ehrfurcht als Liebeshemmung
Schon jetzt ist es klar geworden: Liebe ist mit dem Machtgedanken schicksalhaft verleitet. Die Erziehung zur Liebe wird sich also mit dem Machtgedanken auseinanderzusetzen haben. Die Haltung des Führenden wird daher grundsätzlich +anders+ sein als zuvor. Bisher handelte es sich um die Entfaltung des +einzelnen+ Menschen. Der Führer stand sorgend, hütend, wartend daneben. Der Mensch wächst aber nicht +ungestört+ und +unbekümmert+ wie eine Pflanze, um eigne Blüte und Frucht hervorzubringen. Sondern er hängt entscheidend von den +anderen+ Menschen ab, gibt und empfängt von der Gemeinschaft der Menschen. Von dem rhythmischen Wechsel dieses zwischen-menschlichen Gebens und Nehmens ist von nun an die Rede. Hierbei handelt es sich um etwas, das nicht so wie bisher »von selbst« geschieht. Dem einzelnen Menschen, wenn er so wächst wie er wächst, wird es nicht einfallen, sich um den andern zu kümmern. Vielmehr wird ihn, wie geschildert wurde, der dunkle Trieb zur Machtentfaltung, zur Besitzergreifung des anderen zwingen, zumal wenn der andere mit ihm dasselbe versucht. Hier muß der Führende auf irgendeine Weise seinen Anvertrauten jene beiden Erfahrungen vermitteln, welche die Liebe bedingen: ein jeder ist in sich selbst allein und hat kein Recht an den anderen: aber +trotzdem+ ist es möglich, zueinanderzukommen durch freiwillige Hingabe. Wie geht dieses vor sich?
Aus der Tiefe des Selbst steigen +hemmende+ Kräfte, die jene elementaren Machttriebe dem anderen Menschen gegenüber zu dämmen vermögen. Und nun schwillt diese selbst-hemmende Kraft an, fließt über, gibt sich hin, löst sich auf in den andern. Dieses Wissen von der liebewirkenden Kraft der Hemmung gilt es zu wecken. Jedes Wissen hängt ursächlich mit dem Wissen vom Tode zusammen. Nichtswissenwollen stammt aus Todesfurcht. Und so ist in allen Menschen ein leises Sträuben auch gegen dieses Wissen von dem Segen der Hemmungen. Nur das stärkste Mittel kann hier helfen: Zwang! Zwang in einem besonderen Sinne! Der Führende muß +sich selbst+ mit seiner ganzen Persönlichkeit seinen Anvertrauten +gegenüber+ stellen, sich ihnen +in den Weg stellen+, sich +unumgänglich+ machen. In keinem Fall darf er diesen Gegensatz zwischen ihnen verwischen lassen. Er selbst stellt eben mit seiner ganzen Persönlichkeit für seinen Anvertrauten +den+ anderen Menschen dar. Und diesen anderen Menschen (sich selbst) muß er gegen ihn wahren und wenn es notwendig ist, verteidigen. Er muß den jungen Menschen spüren lassen, daß er kein »Recht« an ihm hat, daß Liebe nicht Besitzergreifung ist. So leicht ist es ja möglich, daß seine Vertrauten sich +gewöhnen+, ihn in Anspruch zu nehmen, so wie man tagtäglich seinen Stiefel oder andere Gegenstände benützt; hält sich doch der Führende zu jedem Spiel, zu jeder gemeinsamen Arbeit bereit, Offenheit und Hingebung an das gemeinsame Leben ist seine Lust und sein Gestaltungstrieb vollauf damit beschäftigt. Aber es gibt Zeiten, wo die +Offenheit+ dem Anderen gegenüber +Lüge+ wird. Es gibt Stunden, wo sein eigenes Leben und Arbeiten ihm befiehlt, sich zu verschließen und ganz mit sich allein zu bleiben. Hier darf er sich nicht +aus sich herauszerren+ lassen durch die gewohnheitsmäßig an ihn gestellte Forderung der Anderen. Er muß die Kraft haben, +nein+ zu sagen, nicht notwendig mit Worten, sondern mit der ablehnenden Regung seines ganzen Willens. Läßt er sich an solchem Tage +doch+ verleiten, den Forderungen der Anderen nachzugeben, so tritt das Schlimmste, die Lüge zwischen ihn und seine Vertrauten. Solche Herablassung, lustlose Hingabe, Verstellung in irgendeinem Sinne wird durch die überquellende Lebenslust der Kinder zunächst vielleicht überdeckt werden und ist darum so besonders schadenvoll. Geschieht diese täuschende Herablassung, diese Hingabe aus Pflicht öfter, so »merken« dann die Zarten doch sehr bald etwas, und damit ist das Vertrauen an seinem Grunde erschüttert. Hier also gilt es, die Kraft zum Nein, zur Ablehnung, zur Selbstbewahrung aufzubringen und dem Anderen deutlich zu machen: Heut ist ein Tag der Ferne zwischen mir und dir. Heut ist alles verschlossen in mir, und wenn ich auch neben dir stehe, bin ich dir doch fremd. Diese Erfahrung wird dem jungen Menschen nun gewaltsam den Abgrund aufreißen, der sein Selbst von allen Menschen trennt. Der Kampf gegen den Besitzgedanken ist hiermit bewußt eröffnet. Wenn in früher Jugend schon ein gewichtiger Mensch dem Jüngeren bedeutet: hier ist deine Grenze, du hast kein Recht, in das verschlossene Gebiet des Anderen einzudringen, so entsteht zunächst +Ehrfurcht+ vor diesem Anderen, Ehrfurcht vor dem Älteren, Ehrfurcht vor der Ferne des anderen Menschen wird auch im Kreise der gleichaltrigen Genossen dem Miteinanderleben die notwendige Spannung geben. Auch der Führende seinerseits wird durch die Ehrfurcht vor der geschlossenen Art seiner Anvertrauten ihnen in ihrer Einsamkeit nicht zu nahe treten und so Machtwunsch und Besitzwillen in sich überwinden.
Ehrfurcht hemmt jedes vorzeitige Wollen, Ehrfurcht läßt innehalten, Ehrfurcht hüllt sich schützend um alle noch nicht zur Reife gelangten Liebesformen. Aber Ehrfurcht ist nicht nur eine +Durchgangsform+, sondern unter Umständen auch etwas +Endgültiges+. Es ist durchaus möglich, daß es im Verhältnis zwischen Menschen +überhaupt+ nicht, oder von einem bestimmten Zeitpunkt an endgültig +nicht mehr+ zur Entfaltung der Liebe kommt. Dann bleibt es aber doch möglich, daß dieses Entferntsein kein gleichgültiger, sondern ein liebesgerichteter Zustand ist. Dieser Zustand des liebenden Entferntseins wird heute selten zugelassen und fast überall in die Scheinformen von Leidenschaft und Inbrunst hinauf- und hinabgezerrt. Der höfliche Verkehrston oberer Gesellschaftsschichten, ebenso die höfliche Umgangsart der Menschen in südlichen und orientalischen Ländern, schließlich die Geselligkeitsformen der Menschen vor 1840 etwa drückt ungefähr nach außen hin aus, was hier gemeint ist: Wohlwollendes Entferntsein, Einandergeneigtsein, ehrfurchtsvolle Achtung des Unbekannten.
In den nördlichen Ländern und den unteren Gesellschaftsschichten, wozu auch die meisten bürgerlichen Kreise gehören, und in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist diese Achtung voreinander allmählich geschwunden, sicherlich aus der dumpfen Sehnsucht nach bewegteren Formen unmittelbarer Liebe. In den sogenannten gebildeten Schichten erstarrte ja die Liebe. Andeutende Beispiele genügen: die gute bürgerliche Ehe führt zwar bestenfalls zu einem gemeinsamen Leben in Achtung voreinander, aber sie endigt auch darin. Der gut erzogene Sohn +verharrt+ in der Ehrfurcht vor dem Vater, die Schüler in Ehrfurcht vor den Lehrern, der Beamte in Ehrfurcht vor dem Vorgesetzten. In allen diesen Fällen handelt es sich um die +besten+ Fälle. Und gerade gegen diese +Mustergültigkeit+, die ein durchaus auskömmliches Leben miteinander sichert, erhebt sich der Sturm der Masse, welche in sich spürt: der Damm muß zerbrochen werden. Es gilt einzig und allein zueinanderzukommen. Und nun prallen die Menschen in ihrem Liebeswillen ungehemmt und zügellos aufeinander. Sie zerquälen und zerreißen sich mit ihrem Liebeswillen, oder was seltener und +gar nicht+ schlechter ist: mit ihrem Haß. Freundschaften, Ehen, Kreise und Bünde entstehen aus diesem reißenden Willen nach Vereinigung um jeden Preis. All diese neuen Gemeinschaftsformen sind dazu verurteilt, sofort wieder zu zerbrechen, oder doch in sich unmöglich zu werden, weil eben das Medium, die Ehrfurcht voreinander nicht da ist.
So ist es das Erziehungsamt der lebendigen Einzelnen, die Ehrfurcht zu wahren und +trotzdem+ zueinander durchzustoßen. Diese wenigen Lebendigen spüren den gleichen Drang in sich wie die große Masse: die erstarrte Liebesordnung im Verhältnis der Menschen zueinander zu zerbrechen. Aber sie wissen, daß dieser Durchbruch zueinander nur stark sein kann, wenn die Liebe +Zeit+ hatte zu wachsen und also sich zu ihrer ganzen Größe aufzustauen.
Leidenschaft und Inbrunst
Durch den Damm der Hemmungen, durch die Ehrfurcht muß durchgestoßen werden in die dahinter liegenden Höhen- und Tiefengebiete der Liebe. Von +Zeit+ und Gezeiten war bisher nur bei der rhythmischen Teilung des Einzellebens die Rede. Das Leben des einzelnen Menschen wächst durch die Zeiträume seines Lebens. +In der+ Zeit, doch +blind+ vor ihr.
Wer nun in Beziehung zu einem anderen Menschen gerät, setzt zunächst auch dort stillschweigend seine eigene Lebensbewegung voraus. Doch merkt er dann bald, daß etwas nicht stimmt. Für den +Anderen+ sind andere +Zeiträume+ maßgebend, sind die rhythmischen Schwingungen des Lebens kürzer oder länger, sind die Pausen dichter oder weiter gesät, jedenfalls an anderer Stelle liegend. Dementsprechend sind auch die Aufschwünge des Lebens häufiger oder seltener und meist nicht gleichzeitig. Jeder trägt seine eigene Zeit in sich, und Getrenntsein heißt andere Zeit haben. Was Ehrfurcht genannt wurde, ist die Verehrung der anderen Zeit des Geliebten. Diese Ehrfurcht gebietet, auf ihn zu warten oder ihm vorauszugehen, beides im Hinblick auf ihn. Es ist leidenschaftliches Verlangen der Liebe, den Rhythmus des eigenen Lebens dem des anderen gleichzustimmen, den Geliebten zu begleiten, mitzuschwingen wo es irgendeiner Gipfelzeit entgegengeht. Hier wird Liebe in hinreißender Form. Wo der Geliebte in Ehrfurcht eine Zeitlang gewartet oder ruhig ein Stück vorausgegangen ist, und nun die aufschießende Wucht des anderen Lebens gewaltig hinterdrein flutet, steigert sich Liebe zu ihrer leidenschaftlichen Gipfelung.
Das Erlebnis +gleicher Zeitaufschwünge+ ist das Hinreißende daran. Durch den Gleichklang des steigenden Doppellebens wird die letztmögliche Näherung an den Zustand des Ungetrenntseins erreicht.
Wo es wieder hinabgeht, ist die Gefahr. Es geht nicht gleichzeitig hinab. Einer macht den Anfang. Kein Bild »wie er war, da man ihn am meisten liebte« darf nun im Hinabgleiten hemmen. Die ehrfürchtige Grundregung läßt den Geliebten nun wieder in das Entfernte gleiten, in die Zeitfolge, die ihm allein gemäß ist. Es gilt wieder zu warten, nun aber in Richtung auf den Tiefpunkt, wo das Leben des Anderen in seine Ruhelage hinabschwingt. Das tosende Licht des gemeinsamen Aufschwungs kann Mißklänge übertäuben. Hier aber wo es schweigt, wo es gärt, wo das Leben sich sammelt, sinkt Liebe zu der Tiefe ihrer Gewißheit. In dieser Tiefe der schöpferischen Pause ist es gegeben, in Liebe ganz und gar zu +sein+. Hier ist das Gegenbild der Gipfel-Leidenschaft, unsichtbare, unregbare, unerschütterbare Inbrunst.
Wer es vermag, in schöpferischer Inbrunst den Anderen zu erwarten, also in seinem eigenen Grunde noch liebe-gerichtet zu sein, für den erst ist der Besitzgedanke wirklich und endgültig aufgehoben. Das nur erst ahnende Wissen von dem Entferntsein des Anderen braucht Ehrfurcht, als den ersten schützenden Wall vor der Machtgier. Inbrunst macht den Wall der Ehrfurcht überflüssig. In der gemeinsamen Tiefe +ist+ Ungetrenntsein, in der Tiefe jedes Atemzuges, in der Tiefe jeder Nacht ist es zu spüren. Macht wird reizlos und darum sinnlos. In dem dunklen Jubel dieser umfassenden Gewißheit muß die glänzende Wunschgestalt von Herrschaft und zeitlichem Besitz auseinanderstieben. Viel tiefer, unterhalb des Stromes von Zeit und Raum wird der Geliebte +wahrhaft+ besessen.
Inbrunst ist das Gegenbild der Leidenschaft. Es ist die Liebes-Verhaltenheit, die in jedem einzelnen Menschen je nach Maß seiner Kraft verborgen liegt. In ihrem inbrünstigen Zustand tritt Liebe nicht in die Erscheinung. Auch wenn gar niemand zu lieben da ist, vermag es inwendig zu brennen und weiter zu brennen. Hier gilt all das, was von der Kraft der schöpferischen Pause gesagt wurde. Je tiefer der liebende Mensch in die Tiefe der schöpferischen Pause hinabschwingen kann, desto tragender wird seine Liebe, desto krampfloser seine leidenschaftlichen Aufschwünge. Trennung von dem Geliebten, Abschied, Entfernung, jedes gewollte und ungewollte Alleinsein wird in dem liebe-gerichteten Menschen sogleich zu inbrünstiger Entspannung umgewandelt.
Die Tiefe des ruhenden Atems, die Entspannung des Tages in die Nacht, die Ruhe nach einer gereiften Tat ... immer der Abgrund, wo sich die neue Lebenswoge bildet, heißt dann Inbrunst. Ist der andere, der geliebte Mensch wieder da und wirklich bei sich selbst, so ist die Woge der Liebe, die sich aus dieser Tiefe herauf ihm entgegenwölbt, fast greifbar in ihrer überflutenden Stärke. Ist der Geliebte fern, so ergießt sich dieselbe Kraft vielleicht in eine neue Tat oder auch nur springquellhaft müßig in irgendeine einsame körperliche Regung, irgendeine ausdruckgefüllte Gebärde, die keiner sieht, oder auch in einen klaren Gedanken, der bald wieder vergessen ist und verfällt. In der Tiefe ihres Ursprungs sind alle diese Regungen des einsamen Selbst mit den Liebesregungen eins und dasselbe. Wer in sich Bescheid weiß, vermag sogar durch einen ganz kleinen Ruck in der Tiefe große Umstellungen an der Oberfläche zu bewirken. Doch wird dies stets Geheimnis bleiben.
Der Rhythmus der Liebe innerhalb der Lebensalter
Es soll nun im einzelnen betrachtet werden, wie dies Gegenspiel von Inbrunst und Leidenschaft durch alle jene Rhythmengefüge, von denen bisher die Rede war, hindurchpulst. Zunächst soll der weitestgespannte Lebensrhythmus, die große Welle der Lebensalter, in ihrer Liebesgerichtetheit überschaut werden. Der Abstand der Jahre ist ja für Menschen, die sich lieben, von ausschlagender Bedeutung. Es gibt da liebesnahe und liebesferne Abstände. Gleiches Alter läßt keineswegs am reibungslosesten zueinanderkommen. Aus diesem Grunde bleiben sich oft Geschwister, die nur ein oder zwei Jahre auseinander sind, und infolge ihres nahen Beieinanderlebens die wesentlichen Lebenserfahrungen gleichzeitig machen, so fremd.
Erst wenn der Abstand der Jahre etwas größer wird, etwa drei oder vier Jahre dazwischen treten, wird das Verhältnis günstiger. Geschwister in diesem Jahresabstand halten gewöhnlich am stärksten zusammen. Die streng durchgeführte Altersklassentrennung ist so besonders lebensfeindlich, weil das rechte Spiel von Inbrunst und Leidenschaft in einer Schar gleichaltriger Knaben künstlich gestaut wird. Die Luft der Schulklassen ist darum voll unerträglicher Spannung, die sofort gelöst würde, wenn man die Jungen wenigstens in der Schulpause nach ihren Neigungen zu älteren Freunden aus einer höheren Klasse laufen ließe. Aber der Geist der Klassenschichtung ist so stark, daß die Kinder schon gar nicht mehr auszubrechen wagen, auch wenn die Gelegenheit sich ergibt.
Wo der Jahresabstand noch größer wird, wo etwa sieben Jahre zwischen zwei Menschen stehen, scheint damit wieder etwas Hemmendes zwischen sie zu treten. Bei Geschwistern, die so weit auseinander sind, wird das deutlich. Der Ältere ist dann schon zu alt, um sich noch auf gleicher Stufe stehend zu empfinden und doch noch nicht alt genug, um dieses Ältersein klar und schön sprechen zu lassen. Sie stehen unsicher zueinander. Erweitert sich der Jahresabstand noch mehr, so scheint das Verhältnis wieder günstiger zu werden. Über all dies kann nur andeutungsweise gesprochen werden, weil sich dergleichen Feststellungen nicht in ein System bringen lassen. Viele Beobachtungen müssen erst noch gemacht werden. Sicherlich ist der Jahresunterschied zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts und zwei Menschen verschiedenen Geschlechts dann auch noch verschieden zu bewerten. Hier kommt es nur darauf an, festzustellen, daß der Altersunterschied dem Verhältnis der Menschen zueinander +überhaupt+ eine ganz bestimmte Tonhöhe gibt, die auch immer ungefähr die gleiche bleibt, wenn sie nun miteinander älter werden.
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Der Erzieher wird allmählich für diese Tonhöhe, die sich für ihn aus dem Altersunterschied zu jedem seiner Anvertrauten ergibt, ein völlig sicheres Gefühl bekommen. Doch der Unterschied der astronomischen Jahre gibt ja nur das Gerüst für die eigentlichen Unterschiede der Lebensalter. Es gilt, dichter an das Geschehen heranzutreten. Überall da, wo ein Mensch in eine Pause zwischen zwei Lebensalter eingetreten ist, verlangt er nach Einsamkeit, nach weitem Raum für sich selbst und Entfernung von den Menschen. Diese Zeiten der Knabenreife um das 15. Jahr, der Jünglingsreife um das 20. Jahr, der Mannesreife um das 30. Jahr sind Zeiten der Liebesferne. Tadelnde Worte wie Egoismus, Selbstsucht, Lieblosigkeit bezeichnen diese Zustände schlecht und oberflächlich. Liebe +ist+ schon +da+, nur verborgen und ungestaltet. Ja, es sind dies vielmehr gerade Sammelzeiten der Liebe, Zeiten der Inbrunst. Der Liebeswille steckt drin, kann aber nicht heraus. Und wenn die Menschen um ihn herum keine Ehrfurcht vor diesem Zustand haben und den in sich selbst gebundenen Menschen zu Liebesbezeugungen reizen, durch Worte oder Gebärden oder Klagen oder vorwurfsvolle Blicke, so entsteht notwendig geheimer oder offener Haß gegen die liebend-unwissenden Peiniger. Immer wo Liebe in Haß umschlägt ist es darum, weil aus dem Zustand inbrünstiger Liebesferne +vorzeitig+ versucht wurde, Liebe zu wecken. Offener Haß durchbrennt und zerstört dann plötzlich alle hemmenden Schichten der Ehrfurcht. Solch leidenschaftlicher Haß erreicht genau die gleiche Höhe wie leidenschaftliche Liebe. Nur ein Unterschied ist, daß Hassende einsam bleiben. Sie kommen +nicht+ in gleichen Rhythmus, weil der eine von beiden nicht warten konnte, und den anderen mitriß oder für immer stehen ließ. Haß ist nichts als überschnellte Liebe. Oft fehlt nur eine ganz geringe ehrfürchtige Regung, ein unmerkbar kleiner Augenblick inbrünstiger Sammlung ... und reinste Liebe würde in hohem Bogen aufsteigen, wo nun flammender Haß wütet.
Nur bei starken Menschen wird solche über-raschte Liebe zu offenem Haß. Bei schwächeren Menschen bleibt der Haß verborgen, wird unterdrückt, wirkt aber deswegen fast noch zerstörender. Dies ist der heute fast überall zutage tretende Zustand. Verborgener Haß, verzerrte Liebesbezeigung, verkrampfte Leidenschaft ist überall.