Part 7
Wenn aber die Einzelnen sprachlich so weit gebildet sind, daß alle ein Dichtwerk schöpferisch begreifen können, wird es vielleicht möglich werden, in Gemeinschaft zu lesen. Was dann geschehen kann, ist gemeinsame Befreiung durch das Wort. Doch das ist nur das Letztmögliche, selten Erreichbare. Jedes gemeinsame Kunsterleben ist gefahrvoll. Jeder Einzelne, der dabei ist, trägt das Ganze so entscheidend, daß seine abschweifende Sonderrichtung, vielleicht nur in einer unwahren Gebärde unbewußt zum Ausdruck gebracht, die gemeinsame Lösung schon vernichten kann. Und solch gemeinsames Lesen, das aus irgendeinem meist nicht recht erkennbaren Grunde nichts geworden ist, bleibt nun nicht etwa so folgenlos, wie es scheinen könnte. Es ist nicht etwa nur eine mißglückte Veranstaltung, die man unter glücklicheren Verhältnissen beliebig wiederholen könnte. Hier ist vielmehr etwas Unwiederbringliches geschehen. Bei der nächsten gemeinsamen Handlung macht sich der Riß meist gleich wieder bemerkbar als leises Mißtrauen, als ein nicht so hingegebenes Bereitsein der Versammelten. Der Geist der Gemeinschaft ist durch den Eigenwillen des Einzelnen verletzt. Nur durch verdoppelte Inbrunst kann der Riß wieder geheilt werden. Aus der gemeinsamen schöpferischen Ruhelage allein kann die gemeinsame Erlösung durch das Wort kommen.
Der Ausdruck mit den Mitteln der bildenden Künste
Zwischen dem unmittelbaren Körperausdruck in Tanz und dem durch die Sprache vermittelten Geistesausdruck im Wort liegt das Zwischenreich der verschiedenen vor allem durch Auge und Ohr vermittelten +sinnlichen+ Ausdrucksmöglichkeiten. Auch diese müssen aus der Gesamtform »Spiel« allmählich hervorgelockt werden.
Das Kind schaut schon sehr früh. Die Fülle der Dinge fliegt durch das Auge in einer ununterbrochenen Reihe von Eindrücken in seine Seele, und so baut sich in ihm die gestalten- und farben- und bildvolle Raumwelt. Diese seiner Seele mehr und mehr eingedrückte Raumwelt gibt allein allen Spielen des Kindes Weite und Zusammenhang. Daß es an dem Faden seiner Vorstellung das Spiel von seinem Anfang bis zu seinem Ende überhaupt durchführt, das ist schon eine Wirkung dieser verbindungschaffenden Raumwelt. Der schauende Sinn gibt dem Kind den Plan seines Spiels. Wenn nun die Zeit gekommen ist, muß der Führer dieses dunkle Ahnen von Raum und Gestalt aus der Wirrnis des Spieles herauslösen, dem Kind begreiflich machen, daß dieser Raum in seiner Weite wie in seiner Gestaltenfülle ihm ja durch sein Auge zu eigen gegeben ist und daß er ihn auch bei geschlossenen Augen in sich hat, daß er ihn beliebig aus sich ausdrücken kann.
Jedes Spielzeug, das das Kind sich verfertigen lernt und späterhin jedes Gerät, zu dessen Herrichtung es angeleitet wird, gibt Gelegenheit, aus dem eigenen inneren Raumschatz zu gestalten. Und wenn die Kinder sich eine Hütte bauen oder im Winter einen Schneewall, so werden sie diese Bauten aus sich heraussetzen als Ausdruck ihres inneren Schauens. Und wenn sie dann in Sand und auf den Brettertischen und auf Papierstücken etwas kritzeln, so wird das alles ausdrücken, was sie seit langem in sich haben. Ganz von selbst entwickelt sich so aus den Raum- und Gestaltelementen des Spiels allmählich eine Unterweisung in Handwerk aller Art, ein Unterricht in Formen und Zeichnen. Dies wird nicht ein Nachahmen, ein Abzeichnen und Abformen von äußeren Dingen sein, sondern ein Formerfinden aus innerem Drang.
Das Kind, das so aus der Lust des Spiels heraus gestalten gelernt hat, was in ihm steckt, wird dann vielleicht früher oder später, meist aber erst zur Zeit der geschlechtlichen Reife merken, daß sein Raumschatz für irgendeinen +bestimmten+ Ausdruck seines Willens plötzlich nicht mehr genug hergibt. Das Licht des inneren Raumes mit aller Gestalt darin wird erloschen sein. Dunkelheit wird sein, Nicht-Raum, Nicht-Gestalt. Hier wird der Führer wieder sehr notwendig sich der Pflege des +einen+ Anvertrauten zuwenden müssen. Und an dieser Stelle ist dann wieder der schöpferische Tiefpunkt erreicht. Wie aus dem Schweigen das eigene Wort, so entwickelt sich aus dem inneren Dunkel das eigene Schauen. Doch muß an dieser entscheidenden Stelle gewartet werden, lange vielleicht in aller Übung und allem Lernen innegehalten werden.
Wer etwa die Briefe des jungen Feuerbach kennt, wird verstehen, was hier gemeint ist. An der entscheidenden Stelle seiner Jugend war ihm versagt, Gestalten+fülle+ einzuatmen. Und so wurde sein ganzes Schaffen verhauchende Verzweiflung, ein gigantischer Kampf mit den leeren Räumen, die er niemals mehr ganz zu füllen vermochte, weil sie ihm zur Zeit seiner Reife leer geblieben waren. Die Geschichte vieler dem frühem Tode oder dem Wahnsinn verfallener Künstler von Raffael bis van Gogh ist die Leidensgeschichte vergewaltigter Knaben von hoher sinnlicher Begabung. Sie alle wurden durch die Schulen, durch ihre Meister, durch die Zeitumstände gezwungen, aus ihrem Dunkel viel zu früh aufzutauchen. Bei weniger stark sinnlich begabten Menschen kann die Wirkung natürlich nicht so merkbar werden. Es tritt im Gegenteil ein völliges Versiegen aller künstlerischer Begabung ein. Als Kinder können sich ja die meisten Menschen zeichnerisch ausdrücken. Wenn sie dann aber in das Entwicklungsalter eintreten und der Zeichenunterricht geht immer in der gewohnten Weise fort, so verlieren sie einfach jede Lust und gehören nachher eben zu den Menschen, die »nicht zeichnen können«.
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Hier vermag der Führende viel zu tun, oder vielmehr zu unterlassen. Alle zeichnerische Betätigung läßt er für eine Zeit ganz und gar vergessen, das Dunkel des raumlosen Zustandes läßt er in dem jungen Menschen anwachsen, bis seine Augen selbst beweglich werden und nach Befreiung aus dieser Innen-Dunkelheit suchen. Und nun läßt ihn der Führende einbrechen in die weiten Räume der Landschaft draußen, läßt ihn die Gestaltenfülle der Menschen und Dinge einfangen in den dunklen Raum seines Schauens. Bewußte Augenübung und Einprägung von bestimmten Formen durch Zeichnen und Abzeichnen wird jetzt von Vielen wie von selbst begehrt werden. Die Lust, nachahmend hervorzubringen, wird nun immer größer werden, ja vielleicht bei einigen sich zu fröhlichem Könnertum verselbständigen. Da wird dann der Führer eingreifen und irgendwie begreiflich machen müssen, daß ja das eigentlich gar nicht die ursprüngliche Absicht war. Denn Künstler werden ist schwer und jenseits der Nachahmung. Und bei solchen Gelegenheiten wird es dann vielleicht an der Zeit sein, mit dem so in das Können abgeirrten jungen Menschen gemeinsam vor das Werk eines großen Künstlers zu treten. In der Stille der Betrachtung wird es dann klar werden, was eigentlich künstlerische Notwendigkeit ist und wahrer Ausdruck eines inneren Schauens. Das überschüssige Können wird sich wieder eingliedern in den Gesamtplan des durch die innere Schau bedingten Bildungswillens. Und bei den Höchstbegabten wird aus alledem die Ausübung eines gestaltenden Handwerkes oder einer bildenden Kunst erwachsen können.
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Das Zwischenreich sinnlicher Ausdruckformen dehnt sich auf der andern Seite in die Weite von Klang und Schall und Ton. Auch dieses Reich der Töne ist dem spielenden Kind von Anfang an vertraut. In seinem Lachen und Jauchzen und tausendfachen Geschrei bricht es immer wieder von neuem aus dem engen Körpergewölbe hinaus in den schwingenden Luftraum. In viel höherem Maße noch als die innere Welt der Gestalten drängt die Klangwelt nach Ausdruck. Hier darf kein Zwang von außen hemmen. Wer einmal gefühlt hat, wie das unendliche Stimmengezwitscher einer Schulklasse plötzlich verstummt, wenn die Schritte des Lehrers zu hören sind, wer einmal erlebt hat, was geschieht, wenn ein singender Vogel durch ein über sein Bauer geworfenes Tuch geschweigt wird, wer dabei gewesen ist, wenn der Gesang einer marschierenden Truppe durch ein schrilles Kommandowort plötzlich entzweigeschnitten wird, oder wenn ein kleines Kind, das schreit, durch Drohung oder Schläge dazu gebracht wird, was heraus will, qualvoll in sich hineinzuschluchzen, wer diesen täglich in tausend Formen begangenen Mord am Ton einmal begriffen hat, wird sicherlich niemals mehr mithelfen zu hemmen, wo etwas singt oder schreit oder klagt oder jubelt oder lacht.
Aus dieser von innen her ausbrechenden Klangfülle wird der Führende vielleicht an einem Tage den eigenen Ton seines Anvertrauten heraushören. Und von da an wird er ihn locken, daß jener aus dem Chaos des wahllosen Klangausdrucks vielleicht zu dem +einen+ kommt, der ihm gemäß ist. Erst wenn der Führer den Vertrauten zu dieser Möglichkeit der Geburt des eigenen Gesanges geführt hat, ist es an der Zeit, auch die Fülle der von andern Menschen gesungenen Lieder sich anzueignen, und im Chor der anderen auch nach ihrem eigenen Ton hungrig gewordenen Genossen ihn mit einstimmen zu lassen. Mehrstimmiger Gesang ist ja das einzige, niemals versagende Mittel, durch gemeinsames Können zur Gemeinschaft zu gelangen. Wenn dieses Mittel zu früh angewandt wird, ehe das Kind seinen eigenen Ton gefunden hat, wird das kostbarste Bindungsmittel menschlicher Gemeinschaft nutzlos vertan und zugleich die eigene Klangentwicklung gehemmt.
Zur Zeit der +Reife+ wird die Klangwelt genau so wie die Raumwelt in dem werdenden Menschen +verdunkelt+. Ein inneres Verstummen tritt ein, der +Stimmwechsel+. Die schöpferische Bedeutung dieser Pause für die Entwicklung der Stimme ist ja allgemein bekannt. Kinder, die zu dieser Zeit gezwungen werden, zu singen oder sich gegen den aufreizenden Zustand ihrer Umgebung mit viel Geschrei und lauten Worten wehren müssen, schädigen ihre Stimme auf eine nie wieder gutzumachende Weise. Hier kommt alles darauf an, die Stimme des Vertrauten zu beruhigen, ihre aufgeregte Schrillheit zu dämpfen, daß kein Schaden geschieht. Selbst schweigend muß der Führer die Stimmen der Nacht hören können und die jauchzende Stimme des Morgens, Sturm und Gewitter und Meeresbrausen, das Beben der Blätter, das Ächzen der Stämme, das prickelnde Geräusch des Sumpfes. Und auf alle diese Laute der Natur muß er seine Schutzbefohlenen horchen lehren, bis sie vor der Gewalt dieser Laute verstummen.
Und schließlich wird es dann an der Zeit sein, mit dem Anvertrauten gemeinsam zum erstenmal ein großes Musikwerk zu hören. Da wird die Gewalt des großen Klanggebäudes in ihn hineinstürzen und von innen her alles Eigenwillige auseinandersprengen. Und auf dieses Erlebnis seliger Zerstörung wird dann nun sich das neue Suchen nach dem eigenen Ton aufbauen und nun stärker werden und in den Grundmauern weiter. So wird sich der Klang und Gesang der eigenen Stimme wechselseitig steigern an dem Hören musikalischer Werke. Stärker wird auch das Verlangen werden, den Bau solcher Tonwerke ganz klar und voll in sich selbst aufnehmen zu können, ja sie selbst aus den Instrumenten erzeugen zu lernen. Und bei den Höchstbegabten wird dann wieder aus alledem die Ausübung einer Kunst erwachsen.
Diese vier Hauptausdrucksmöglichkeiten: der Körperausdruck, der Wortausdruck, die Raum- und Klanggestaltung geben gewissermaßen die vier Richtungen an, in denen alles menschliche Können und Leisten sich ergießt. Am letzten Ende steht jedesmal die +Kunst+ selbst, zu deren Ausübung aber nur die Höchstbegabten gelangen können. +In+ und +zwischen+ diesen Richtungen sind die vielen menschlichen Berufe einzuordnen. Jede Begabung läßt sich nach einer dieser Richtungen entwickeln, und führt dann notwendig zu einem dieser Berufe.
Der Führer kann bei alledem das Können nur in die Richtung lenken, Übung dafür bereithalten und zur eigenen Wahlentscheidung hinführen. Aber in Wahrheit ist und bleibt dieses Können, der Beruf eines Menschen, der unverwechselbare Ausdruck dieses Lebens selbst. Dazu ist nichts hinzuzutun und davon ist nichts wegzunehmen. Das Können wächst so hoch und so schnell und so freudig, wie das Leben selbst, ja es ist das wachsende Leben selbst.
Über den Tod
Das Leben ist ein Wurf aus dem Dunkel des Todes wieder in das Dunkel des Todes zurück. Bei der Empfängnis im Mutterleib springt die Lebenslinie sogleich senkrecht aus dem Spiegel des Nichtseienden herauf, durchrast in der Zeit der neun Monate spiralig in sich gekrümmt mit einer für unser Bewußtsein unvorstellbaren Wucht alle Stufen des pflanzlich tierischen Lebens und springt dann in fast senkrechtem Anprall im Augenblick der Geburt als eigenbewegliches Leben ans Tageslicht, um nun im steilen Bogen aufwärts zu steigen bis zur Höhe des Lebens. Dort hält sich die Linie eine Weile in scheinbar gleicher Höhe, um sich dann allmählich zu senken und je nach der Spannweite des Lebens früh oder spät mit schmerzvollem Anprall in den Spiegel des Nichtseins wieder unterzutauchen.
Alle Rhythmengefüge, von denen bisher die Rede war, Atem und Tagesrhythmus, Jahresrhythmus und der Rhythmus der Lebensalter spannen sich in diesen alles überspannenden Bogen von Geburt zu Tod. Und dadurch kommt ein völlig anderer Klang auch in die Teilrhythmen des +Lebens+. Nämlich der Klang des »Einmal«. Bisher wurde das Leben als ewiges Leben, als ein immerwährend Auf und Ab von Rhythmen angesehen, so wie es der Mensch in seinen jugendlichen Stunden in seinen vollklingenden Stunden eben tatsächlich betrachtet und betrachten muß. Es ist aber auch ein +Gegenklang+ von der Todesseite her. Viele Namen bezeichnen ihn: Zwang, Notwendigkeit, Schicksal, Fatum, Ananke. Aus dem wachsenden Wissen um diesen Gegenklang entspringt plötzlich einmal die Gewißheit: nicht immer geht es so weiter von einem Atemzug zum anderen, von einem Tag zum anderen, von einem Jahr zum anderen, von einem Lebensalter zum anderen, von einem Werk zum anderen. Wie man bei der Erdbetrachtung zunächst einmal ruhig die Krümmung der Erdoberfläche außer acht läßt und alle Länder und Meere auf einer Fläche nebeneinander ausbreitet, Erdteil um Erdteil, als ginge es immer so weiter. Nun aber gilt es, die Krümmung in Rechnung zu setzen. Der Tod strafft die in sich selbst rhythmisch schwingende Lebenslinie bogenförmig zusammen und zwingt so das Leben zu seinem +Schluß+. Und dieser Bogen von der Empfängnis im Mutterleib bis zum Tod, diese alle anderen umfangende Kurve ist nicht mehr dehnbar oder wiederholbar. Sie ist festgelegt oder wenigstens erscheint uns festgelegt. Während der Wille des Menschen das innere Rhythmengefüge dauernd in seiner Anordnung verändert oder zu verändern scheint, ist die äußerste Kurve, der Bogen von der Geburt her durch den Tod notwendig bestimmt.
Verfolgt man von hier aus nun alle die vorher betrachteten Teilrhythmen noch einmal rückwärts bis zu dem ersten Atemzug hinauf, so wird sich alles als +tod+-gebundene Notwendigkeit erweisen, was zuvor als aufwallendes +Leben+ angeschaut wurde. Die kleinste Atemschwingung ist da, wo sie hinabschwingt in die schöpferische Ruhelage, ein Bild des Todes und faßt darum auch den ganzen +Segen+ des Einmal und Nichtwieder in sich. Ausatmend kann der Mensch in jeder Minute sterben, d. h. zur Ruhe kommen, abschließen, zu Ende bringen. In Stunden der Erschöpfung gelingt es wohl dann und wann einmal, im Ausatmen sich so ganz und gar zu Ende zu bringen. Und auch die anderen größeren Rhythmengefüge, von denen die Rede war, sind jedesmal da, wo die Abwärtsschwingung zur Ruhe kommt, Bilder des Todes, der Tag, der in den Abend schwingt und den Menschen in den täglichen Schlaf fallen läßt, der monatliche Abschwung der sexuellen Kräfte, das Abklingen der Jahreszeiten, die Pausen zwischen den menschlichen Lebensaltern, und schließlich auch das Abfallen der Arbeitsleistung von dem unbemerkt tausendfältigen Herabtropfen der alltäglichen Kleinarbeit bis zu dem seltenen schwerreifen Abfallen wertvoller Lebenswerke. Alles das ist todüberschattet.
Ja mehr noch: der Tod ist der Verursacher. Der Tod setzt der Kraft des Lebens Ziel und Grenzen, und ruft eigentlich darum erst dies alles hervor. +Weil+ Tod ist, darum entsteht alles Begrenzte, alles Geformte, alles Abgeschlossene, alles Einzelne, alles Selbständige, um sich +abzugrenzen+ gegen den Tod. Der Tod läßt das Leben überhaupt erst aufbäumen, daß es zu Rhythmus und demzufolge zu Gestaltung kommt. Sonst würde es ewig und geradlinig weiterfließen, ungetrennt, formlos. Von hier aus gesehen ist das Leben in seinem Lauf eine vielfältig prächtige Flucht vor dem Tode. Jeder aufsteigende Rhythmus ist ein erzwungenes Ausweichen. Jedes abfallende Werk ist ein zögernd hingeworfener Brocken von dem großen Raube des glücklich weitergetragenen Lebens. Je größer die Lust an Leben ist, desto bewußter wehrt sich das Selbst täglich, stündlich, bei jedem Atemzuge in diesem Auf- und Abschwingen, die alle doch nur das eine sagen und wiederholen: ich lebe, lebe und will nicht sterben.
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Der Tod geht überall in den Dienst des Lebens, und seine Macht wird scheinbar gering. Je bewußter und kühner die Lebensschwingungen nun werden, desto gewaltiger wächst aber die Gefahr mit. Unter dem Namen Krankheit, Sünde, Schuld wurde schon vorher von der Gefahr gesprochen. Hier wird sie mit ihrem umfassendsten Namen genannt: +Todesfurcht+. Es kann geschehen, daß der Tod schon lange wohlgezähmt dem Leben diente, aber bei irgendeiner Gelegenheit, ganz plötzlich wird er in seiner +Urgestalt+, in seiner +Nichtgestalt+ erkannt. Entsetzen vor dem Tode ist plötzlich da und nichts anderes als Entsetzen. Einzige Ausflucht bleibt: das Leben +festzuhalten+. Und dieser Wunsch rät öfter und öfter zur Vorsicht und Schonung. Die Lebenskraft wird zurückgehalten, wo der Einsatz zu groß scheint. Man +spart+ sein Leben auf, wird geizig mit seiner Kraft. Bei der nächsten Gelegenheit könnte man diese zurückgehaltene Kraft besser anwenden, glaubt man. Aber in Wahrheit ist alles Furcht vor dem Abnehmen der Kraft, Furcht vor dem Tode. Man möchte gar zu gern das Leben aufspeichern, um recht lange davon zu zehren. Es ist der Besitzgedanke, der da das Leben durchseucht hat und plötzlich alle, aber auch alle Mühe vieler Jahre mit eins zunichte macht. Es ist hier wie stets, die Gefahr kommt von einer anderen Ecke als man vermutet. Der, der sein Selbst lange Zeit gepflegt hat und dem es nun Früchte bringt, dem mancherlei Leistungen immer besser gelingen, glaubt natürlich, die einzige Gefahr läge im Nichtstun, man nennt das Zeitverlieren; er sucht alle Löcher zu verstopfen, durch die seine Lebenskraft noch nutzlos verrinnen könnte. Mit wenig Zeit viel erreichen, das ist sein Wille. Und während er all sein Augenmerk nur immer auf Steigerung des Lebens richtet, unvermutet packts ihn von der anderen Seite. Es ist wie ein Schwindel nach langem Bergsteigen.
Es kann nur zweierlei geschehen. Der +starke+ Mensch verschließt sich vor diesem ersten Gewahrwerden des Abgrundes. Er erkennt den Tod einfach nicht an. So ist es heut gewöhnlich. Angst gilt nicht. Der Mensch +soll+ und soll und soll ... Und so beginnt er den völlig hoffnungslosen Kampf mit der eigenen Todesangst. Wo man sie findet, stößt man sie weg, so daß sie in die Träume und unbewachten Augenblicke flüchtet, bis der Mensch an einem grauenvollen Tage schließlich doch übermannt und zerbrochen wird. Der schwache Mensch dagegen gibt gleich beim ersten Mal das Spiel verloren. Der Tod nimmt von ihm langsam Besitz. Die Lebensfreude weicht. Der Mensch fragt sich bei jeder Gelegenheit: wozu? Die falsch verstandene Weisheit des Predigers: »Alles ist eitel« vergiftet die Freude an jedem Tun und jedem Genießen.
Hier gibt es nur eins: Bejahung des Vorhandenen. Die Todesfurcht ist da und nicht wegzuleugnen. Todesfurcht heißt nur: ich liebe des Leben! Warum also Scham vor der Todesfurcht? Unterliege ich diesmal der Furcht, lasse ich mich heute ganz durchdringen von dem Tod, morgen vielleicht schon werde ich wieder jung werden mit einem anderen Tage, und mein Leben ist wieder siegreich. Volle Anerkennung der Schwäche, ein Ersterben in Furcht ist nötig, um die Furcht zu entkräften. Die heroische Weltanschauung will das nicht zugeben, d. h. sie will es nicht so weit kommen lassen. Sie verdrängt die Todesfurcht. So sagt man schon dem kleinen Jungen, der seinen Mund zum Weinen verziehen will: was, du willst ein Junge sein, du wirst dich doch nicht unterkriegen lassen? Jawohl. Er soll sich unterkriegen lassen mit aller Inbrunst des Versinkens in das Unvermeidliche. Viel zu früh geben die allermeisten auf, sich vor dem Tode zu fürchten, weil sie gar nicht wissen, was sie mit ihrem Leben verlieren können, weil sie ihr Leben nicht lieben und es ihnen gleich anfangs leicht und feil ist oder wohl gar unnütz oder mühselig oder belanglos. Wo man nicht liebt, ist es freilich einfach, nicht zu fürchten. Aber wo das Leben in einem Menschen groß und hell und weltenweit geworden ist, da ist +so+ viel zu verlieren, daß manchmal nächtelang rund um ihn nichts ist als Furcht.
Aber nach solcher Überflutung von Angst und Grauen wird eine verborgene Kraft wirksam werden. Es gibt eine Kraft, die plötzlich im Untersinken das +Unvermeidliche lieben+ läßt, sogar wenn das Unvermeidliche das Aufhören des selbsteigenen Lebens wäre. Wer dieses erfahren hat, weiß es. (Und viele haben es in dieser Zeit erfahren.) Wer in einem Augenblick des sehr nahen Todes diese große Umstellung gespürt hat, vermag von da an die Furcht zu entkräften mit der lächelnden Abspannung: ich gebe mich hin, ich lasse mich treiben, +selbst+ und ungezwungen lasse ich mich +fallen+ in den Tod. Diese Kraft kommt ruckweise über den Menschen und löscht alles Vorhergewesene aus. Unvergleichbar ist das mit dem lässigen Aufgeben eines gleichgültigen Dinges. Wo die Umstellung mit dieser +lässigen+ Gebärde geschieht, ist noch Lüge dabei. In Wahrheit ist es wie nach dem Ziehen einer herrlichen Last bis an den obersten Rand, bis sie rund und voll daliegt und im Licht funkelt. +Nun+ aber ist es gut: nun lasse ich meine Hände davon. Das, was meine ganze Kraft, Freude und Leid in sich enthält, das lasse ich nun fahren, wende mich davon ab und bleibe leer und arm und nichts. Gewaltig und schöpferisch ist diese Inbrunst des +Lassens+, und die Furcht hat nichts mehr wo sie anpacken könnte und wandelt sich in ein leise fragendes Staunen: Was nun? Hier wird bewußt, was Wahrheit ist: der +Leben erschließende und Leben beschließende Tod+ nicht mehr Feind des Lebens, sondern die große schöpferische Pause des Lebens.
Liebe als Macht
Das atmende, das durch Tag und Jahr und Lebensalter hindurch flutende Leben des Selbst, all dieses schwingende Geschehen im Leben des +einen+ Menschen, gerinnt zu +Schicksal+ für den +anderen+ und heißt dann: Liebe. In dem Maße, wie Liebe sich eigenwillig gebärdet, faßt das Wort noch nicht ganz seinen Inhalt. Erst wo sich das ganze Leben unter einen anderen Neigungswinkel beugt, also dem anderen Menschen in seiner Gesamtheit dargebracht wird, ist Liebe im großen Sinn. Solche große Liebe, die das ganze Leben in ein liebendes Leben verwandelt, ist aber nicht in +dem+ Sinne Schicksal, als ob es jedem so ohne weiteres zufallen könnte. Nur +wenige+ vermögen dieses Schicksal zu tragen. Eine doppelte Erfahrung muß im ganzen Ausmaß ihrer Höhe und Tiefe vorausgegangen sein. Die im tiefsten Grunde schmerzliche Erfahrung von dem Alleinsein der Menschen und das beglückende Geheimnis von der trotzdem möglichen Vereinigung gibt die beiden Pole, die erreicht werden müssen, wenn die Liebe wirklich umspannend werden soll. Sonst wird die Liebe eben nicht rund wie die Welt und nicht umfassend wie das Leben, sondern bleibt Stückwerk, Schmuckwerk, kommt leuchtend hier und da zutage und verschwindet dann wieder auf lange Strecken.