Part 6
An irgendeinem Tage wird einer aus der Schar zu spüren beginnen, daß er mit seinen Kräften lieber etwas ganz +Bestimmtes+ ausdrücken möchte. Er wird unzufrieden werden und sich zurückziehen von der gewöhnlichen Tagesarbeit und nicht mehr mittun. Das ist das entscheidende Zeichen. Der Führer weiß, daß hier die schöpferische Pause begonnen hat, die dem Werkgedanken notwendig vorausgeht.
Alles kommt darauf an, solche schöpferischen Unterbrechungen in dem täglichen Arbeitsgang der Allgemeinheit nun nicht untergehen zu lassen. Der Führer muß dem Jungen den wahren Grund seiner allgemeinen Arbeitsunlust begreiflich machen. Nicht mit Worten! Er muß ihn spüren lassen, daß seine Kraft nach dem Ausdruck eines ganz bestimmten Tuns sich sehnt, dadurch daß er ihm jetzt irgendein ganz bestimmtes Tun +nahelegt+. Ob es nun die Herstellung eines Papierdrachens oder die Einrichtung eines eigenen Blumenbeetes im Garten ist, die +Tat+, die nach solcher schöpferischen Pause vorgenommen wird, erhält die Bedeutung eines Probestückes. Die ungehemmte Stoßkraft des aus der eigenen Tiefe kommenden Gestaltungstriebes prallt auf die ringsum bereitliegende Masse und formt sie zum erstenmal zu einem ganz bestimmten Gegenstand, nach einem ganz bestimmten inneren Bilde.
In jedem Knabenleben gibt es an irgendeiner Stelle dieses erste Gestaltungserlebnis und später immer wieder neue Wiederholungen dieses Erlebnisses. Und an +dieser+ Stelle muß der Führer die +anderen+ alle hinter sich lassen und ganz für den +einen+ da sein. Er muß ihm tragen helfen an dem erschütternden Ernst solcher ersten Tat. Wenn der Führer früher die vielen richtungslosen Versuche des kindlichen Ausdrucks hat gewähren lassen, wird er an dieser Stelle plötzlich nicht mehr locker lassen, sondern er wird womöglich noch ernster werden als der Knabe, daß er ihn nur nicht zu leicht an dieser Stelle vorüberläßt. Die jetzt entstehende Tat muß auch wirklich mit dem Grundbilde zusammenstimmen, sie darf nicht ungefähr, sie muß ganz gelingen. Wenn die Kraft des Jungen erschlafft und er in das Tändeln des gewohnten alltäglichen Tuns verfallen will, und er etwas anderes anfangen will, da er ja gelernt hat, daß es ganz gleich ist ob so oder so ... wird hier nun die treibende Hilfe des Führers ihn +zwingen+, zum erstenmal bei dem ja selbstgewählten +Einen+ zu bleiben, und dieses Eine zu Ende zu bringen. Der Führer wird ihm das eigene innere Vorstellungsbild wach halten und ihn so zu dem ersten Gestaltungssiege führen.
Die eigene Tat, das eigene Werk wird nun zum erstenmal dastehen vor dem Kinde. Doch darf der Führer seinen Anvertrauten auch hier nicht etwa allein lassen. Das gestaltete Ding gehört nicht mehr dem schöpferisch gewesenen Selbst. Die Tat darf nicht festgehalten und götzendienerisch betrachtet werden. Die Spannung, die auf die Vollendung dieses einen Dings gerichtete Kraft, muß sich lösen im Augenblick, wo die Arbeit fertig ist, wie ein Zweig wieder hochschnellt, wenn die Frucht sich gelöst hat. Das Kind muß begreifen lernen, was +Entspannung+ nach der Tat ist. Gerade hier verfahren die Erzieher in den Schulen anders. Durch das voll ausgebaute Lob-Tadel-System wird der +Ehrgeiz+, d. h. die Spannung der Schüler dauernd wach gehalten. Nur nicht erschlaffen, nicht nachlassen in den Leistungen! Immer von Erfolg zu Erfolg! Das ist der geltende Grundsatz. Das kleine Kind muß sich schon in dies Zwangssystem immer von neuem gesteigerter Anspannung einfügen. Ja, es begehrt bald selbst nach immer neuer Anspannung, weil es sich von selbst gar nicht mehr abspannen kann. So entstehen dann die Musterkinder mit ihrem vielversprechenden Eifer, mit ihrem lärmenden Interesse an hundert Dingen, die ganz belanglos sind. Nur wenige Kinder sind von Natur aus stark genug, sich dagegen abzusperren. Aber gerade diese verhärten sich dann gewöhnlich in ihrer ständigen Abwehrstellung und werden faul und dickfellig. Sie spannen sich überhaupt nicht mehr an. In steter Verzweiflung von Mißerfolg zu Mißerfolg geben sie es zuletzt überhaupt auf, sich zu rühren.
Hier bleibt noch alles zu tun. Der Führer zum Leben muß darüber wachen, daß die Spannung nach der Tat sogleich gelöst wird, daß das Kind wieder in seine Ruhelage eingeht und die nächste Tat von neuem aus dem tiefen Grunde der Ruhe aufsteigen lassen kann, nicht aber von dem Dach seiner schon vorher getanen Taten. Dies stets Von-neuem-Tun, das Vom-Grund-Aufbauen jeder Tat muß vor allen Dingen gelernt und geübt werden, denn nicht auf das +Tun+ kommt es an, sondern auf den rechten +Wechsel von Tun und Lassen+. So wie es ja auch nicht auf das Einatmen allein ankommt, sondern auf den rhythmischen Wechsel von Ein- und Ausatmen.
Ausbildung in den Ausdrucksmitteln der Künste
Die reinste und vollkommen gelöste Tat menschlichen Könnens offenbart sich in dem Kunstwerk, welches perlenhaft klar und geschlossen aus dem Grunde des Selbst aufsteigt, sich dann aber von dem Selbst für immer loslöst und eigenen Bestand und eigenes Leben hat. Eine jede Tat muß so getan und nach dem Tun so entlassen werden, wie die Kunst-Tat. Es ist der untergründige Zweck aller Beschäftigung mit den Künsten und ihren Ausdrucksformen, dieses rechte Tun und rechte Lassen einer Tat überhaupt zu lernen und immerfort vor Augen zu haben.
Bei der künstlerischen Tat handelt es sich ja um das Sammeln aller Kraft auf ein einziges Gestaltungsziel nach jener zweiten Spielregel: wenn einmal überhaupt, dann so und nur so.
Die Gefahr, daß durch einen +allgemeinen Kunstunterricht+ die Menge der Schein-Künstler vermehrt würde, besteht nicht. Im Gegenteil: wer von früh auf mit der Schwerheit künstlerischen Ausdrucks vertraut ist, wird sich wahrlich scheuen, zu der kleinen Schar schöpferischer Menschen als Gleichberechtigter, aber auch Gleichverpflichteter zu treten. Durch den bisherigen Schulzustand, der die Unterweisung in künstlerischer Ausdrucksform fast gänzlich beiseite schob, wurde erreicht, daß gerade die lebendigsten Geister mit einer wilden Sehnsucht sich auf das vorenthaltene Gut stürzten. Weil sie +überhaupt+ den Drang zur Gestaltung der Dinge in sich spürten, gerieten sie in den romantischen Wahn, daß sie einzig und allein als +Künstler+ zum Ausdruck ihres Selbst kommen könnten. Das Künstlertum wurde das abgesperrte Zauberland, zu dem sich immer wieder die Besten, die Unbefriedigten aufmachten in dem Wahn, sie könnten dort ihre Jugendkraft endlich in eigene Tat umprägen. Schriftsteller, Schauspieler, Künstler wollten sie werden, nur weil sie überhaupt nach einer Ausdrucksmöglichkeit verlangten, die ihnen durch den Schulbetrieb bisher versperrt wurde.
Wenn aber dieser sinnlose Bann einmal gebrochen ist und jeder von frühester Jugend an sich der künstlerischen Ausdrucksmittel bedienen darf, dann werden ganz gewiß nur noch sehr wenige, und diese allerdings in vollem Bewußtsein dessen, was sie damit tun, zur Ausübung einer Kunst als lebenfüllende Aufgabe sich berufen fühlen. Alle die anderen aber werden durch die Übung in den künstlerischen Ausdrucksformen lernen, sich selbst auszudrücken, ohne mehr dem Wahn zu verfallen, daß sie damit etwa schon zu +Künstlern+ geworden seien. Sie werden lernen, +jede+ Tat zu tun, +als ob+ sie Künstler wären.
Es ist also die Aufgabe, das Kind aus seiner Gesamtausdrucksform »Spiel« zu diesem und jenem ganz bestimmten Kunstausdruck hinzuführen. Eine Fülle künstlerischer Teilstücke liegt in jeder Äußerung des spielenden Kindes. Ja, oftmals ist das Spiel des kleinen Kindes unter der Führung der Mutter schon zu einer Art Gesamtkunstwerk ausgebildet, enthält Körperausdruck, singendes und schauendes Gestalten, Handwerk- und Sprachausdruck unlösbar in sich. Die eigentlich +gestaltende+ Kraft braucht der Führer somit wahrlich nicht anzutreiben. In Überfülle wird sie da sein. Ziel ist hier vielmehr, der Unendlichkeit spielender Kräfte immer von neuem ganz bestimmte +Grenzen+ zu setzen. Also die +eine+ wesentliche Eigenschaft des Kunstwerks, daß es aus dem Grunde aufquillt, ist nicht lehrbar, und das Kind hat sie ja ganz von selbst in sich. Aber die +andere+ wesentliche Eigenschaft des Kunstwerks, daß es ein +endliches+ Gebilde ist, daß es nach allen Seiten begrenzt ist und aufhört, das weiß das Kind +nicht+ von selbst. Es muß lernen, aus der Fülle des Möglichen das ganz bestimmte Teilstück, das ja gewissermaßen drin steckt, auszuschneiden und in seiner Begrenzung zu gestalten.
Der Tanz
Der Tanz als die rein körperliche Form des Kunstausdrucks wird sich vielleicht am ehesten und leichtesten aus der Fülle des kindlichen Spiels heraussondern lassen. Jede Bewegung des spielenden Kindes ist ja wahrster Körperausdruck und somit Rohstoff zum Tanz, der nur nicht allseitig begrenzt in Erscheinung treten kann. Alle körperliche Übung wird im Hinblick auf das befreiende und begrenzende Endziel: »Tanz« vorgenommen werden. Aber auch die alltägliche körperliche Arbeit des Kindes wird sich stets leise und unmerklich nach diesem Endziel ganz hinlenken lassen, wenn nur jede Handreichung und alles Laufen und Rennen, alles Bücken und Beugen und Heben und Tragen von dem leichten und tiefschwingenden Atem des Tanzes durchpulst ist. Später dann an einem kraft- und freudegefüllten Tage wird das Kind seinen Körper aus seinem eigenen tanzhaften Urtrieb heraus zu gestaltetem Ausdruck bringen können.
Die Sprachbildung
Der körperlichen Ausdrucksform Tanz am fernsten steht die rein geistige Ausdrucksform durch das Wort. Wortgeformter Geist ist zwar auch schon im Spiel enthalten, aber nur sehr bruchstückhaft. Die Worte im Spiel sind meist noch nicht fest bestimmte Ausdrucksformen für bestimmte Gedankeninhalte, sondern eher Naturlaute von sehr viel dehnbarerer Bedeutung. Spät erst wird das Kind danach Verlangen haben, seine Gedanken in den bestehenden Wortformen der Sprache »richtig« auszudrücken. Darum klingt ein richtig gebauter Satz, den etwa ein Kindermädchen ihrem Zögling eingelernt hat, so sinnlos aus dem kindlichen Munde.
Das Kind spielt zunächst mit den Worten, die ihm gerade geläufig geworden sind und versucht den Gedanken, den es ausdrücken will, damit einzukreisen. Und diese Lust am Zusammenbacken der vielen fremden Worte, noch ohne ihre volle Bedeutung zu wissen, das fröhlich quatschende Durcheinanderwerfen der Worte ist lange da, ehe der Geist mit geordneten eindeutigen Worten sich auszudrücken vermag. Viel zu früh wird das Kind durch seine erwachsenen Lehrer -- und vorher schon durch die Eltern -- dazu gezwungen, für ein bestimmtes Ding ein ganz bestimmtes Wort zu gebrauchen und immer wieder zu gebrauchen, das es von sich aus vielleicht gar nicht wählen und ganz gewiß nicht wieder wählen würde. Ja, es wird auch noch gezwungen, dieses Wort mit den es bezeichnenden Buchstaben schriftlich zu fixieren. Durch das viel zu frühe Lesen- und Schreibenlernen auf der Schule verliert das Kind dann vollends seine eigene spielende Leichtigkeit im Gebrauch der Worte, und lernt viel zu früh mit fremden Worten reden und was noch schlimmer ist, denken.
Die in ganz Europa geübte Vergewaltigung des Geistes hat hier ihren Hauptansatzpunkt. Die Sprache ist das unscheinbarste und doch wirksamste Gewaltmittel, mit der jede Generation, wenn sie zu Ansehen und Macht und damit in den Zustand der Erstarrung gekommen ist, die aufwachsenden Kinder sacht und sicher in ihre eigene Bahn hinüberlenken kann.
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Hier also muß der bildende Führer besonders wachsam sein, daß er seine Anvertrauten vor der Gewalt der fremden Worte schützt. Wo er merkt, daß ein Kind ein Wortgefüge braucht, das aus dem Sprachgut der Erwachsenen stammt, muß er der Sache auf den Grund gehen. Er muß sich von dem Kind erzählen lassen, was es damit meint. Hinter jedem fremden Wort, das Eingang in die Gemeinde gewinnt, muß er hinterher sein. Keineswegs braucht er es zu vertreiben, aber er muß es einkreisen lassen von dem bunten Spiel ihrer eigenen kindlichen Worte, bis seine Fremdheit ganz darin untergegangen ist. Das ist das Wesentliche, daß niemals fremde Wortgefüge allzulange bestehen bleiben. Sie müssen immer wieder gleich aufgelöst und in den Zusammenhang mit dem schon vorhandenen Sprachgut hineingezogen werden.
Weil der Machtdämon im Bezirk der Worte so leicht Eingang hat, muß der Führer hier auch die jüngeren vor den älteren Gefährten der Gemeinde in Schutz nehmen, daß sie sich deren Sprachgut nicht ohne zu wissen und ohne zu wollen aneignen. Er muß die Jüngsten immer wieder reizen, sich nicht unterkriegen zu lassen, immer zu sagen, was sie selbst meinen. Und schließlich vor allem muß er sich hier selbst in Zucht nehmen. Denn seine Worte werden natürlich immer wieder Macht gewinnen wollen über die jüngeren Freunde. Sie werden mit seinen Worten denken, und er wird es vielleicht gar nicht merken. Die Versuchung ist groß, daß er seine eigenen Worte aus dem vertrauten Munde des Jüngeren schmeichelnd begrüßt. Er freut sich über ihre vermeintlichen geistigen Fortschritte, und es sind doch eigentlich nichts als nachgesprochene Worte. Wo er seine eigenen Worte wiederfindet, muß er sofort bedenklich werden, und es muß wie ein Erschrecken über ihn kommen. Zu anderen Worten muß ihn das treiben. +Wenn seine+ Worte +nach+gesprochen wurden, beweist dies ja nur, daß sie nicht von innen her, sondern aus Verstand und Absicht kamen und also auch nur auf den Verstand der Hörenden wirkten. Er muß seine Worte tiefer hervorholen. Spricht er von Herzen, so geht es zu Herzen, und die ihn hören, kommen dann gar nicht mehr darauf, +nach+zusprechen, sondern +selbst+ zu sprechen. Und zunächst einmal zu +schweigen+. Aus der Tiefe kommende Worte werden in dem Hörenden zunächst nicht notwendig Gegenworte erzeugen. Schweigen ist vollwertige Antwort bei wachsenden Menschen. Schweigen sagt: Ich habe gehört. Schweigen ist die schöpferische Pause zwischen Hören und Sagen, die Ruhelage, aus der allein die eigenen Worte des Menschen aufquellen können.
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Wieder an diesem wichtigsten Punkt versagt die heutige Erziehung. Schweigen bedeutet heute im allgemeinen: er weiß nichts zu sagen, er ist unfähig, er ist dumm. Man muß ihn antreiben, daß er sich äußert; denn der Mensch muß sich äußern können, wenn er in seinem Leben fortkommen und mit anderen Menschen zusammenleben will. Mit einer lückenlos ausgearbeiteten Methode zwingt man also das Kind, sich zu äußern. Man legt nahe, man fragt so dicht an den Dingen entlang, daß die Antwort unausweichlich kommen muß. Wenn sie dann immer noch nicht gleich kommt, zeigt man sich erstaunt, erklärt sofort alles noch einmal, daß nur ja nichts dunkel bleibt. Und dann geht man zum nächsten Thema über. Erklärt wieder, legt nahe, fragt und ist befriedigt über die erfolgende Antwort.
So kommt es zu jenem ununterbrochenen Hinwegreden über die Dinge mit angelernten fremden Worten. Die Schnelligkeit des Ausdrucks wird gesteigert, die Eigen-Tiefe gemindert oder vielmehr gar nicht erreicht. Hier muß also der Führende versuchen, aus dem schweigenden Begreifen heraus langsam und mit Verzicht auf sehr sichtbare Erfolge die eigene Sprache seiner Anvertrauten hervorzulocken. Nicht nur in den »deutschen Stunden«, wie es auf den Schulen geschieht, sondern immerfort wird in diesem Sinn der eigene Ausdruck in deutscher Sprache geübt werden müssen.
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Schreiben- und Lesenlernen hat Zeit. Was ist Schreiben und Lesen? Schreiben ist die Kunst, selbstgedachte und bis zum Aussprechen reif gewordene Worte durch Schriftzeichen aufbewahren zu können. Wo der Mensch also noch nicht aus sich selbst heraus sprechen gelernt hat, ist es sinnlos, ihn das Schreiben zu lehren. Lesen ist die Kunst, die von anderen gedachten und bis zum Aussprechen reif gewordenen und dann niedergeschriebenen Worte wieder zu entziffern. Wo der Mensch aber noch nicht zu hören und zu schweigen gelernt hat, ist es sinnlos, ihn das Lesen zu lernen.
Immer wieder neue Übung im Schweigen und Hören und Sprechen wird also noch lange hinaus die Zeit ausfüllen, die heute in den Schulen schon zu Schreiben und Lesen verwandt wird. Papier und Tinte und Bücher werden lange unbekannt bleiben dürfen. Erst wenn das Kind von der Fülle des Selbstgedachten und Selbstgesprochenen sich so bedrängt fühlt, daß es nach Fächern und Stützen sucht, um diese stets neu andrängende Fülle der eigenen Gedanken zu bewältigen, ist es Zeit ihm begreiflich zu machen: es gibt eine Kunst, die für morgen und alle kommenden Tage dir deine Worte in sichtbare Zeichen umgesetzt aufbewahren hilft. Und jetzt wird es leicht sein, dem so von seiner eigenen Fülle gedrängten jungen Menschen zu seiner Erlösung von dieser Fülle zu helfen. Er wird es wie von selbst lernen, daß alle diese Worte sich in Laute und Buchstaben auflösen lassen, und daß man mit Hilfe der sichtbar gemachten Buchstabenzeichen Laute und schließlich Worte zu Papier bringen kann. So wird er das Schreiben gewissermaßen aus eigener Notwendigkeit heraus selbst erfinden. Er wird mit all der ungeheuren Erregung und Entdeckerfreude des schöpferischen Menschen daran arbeiten, das breite Gebiet der Sichtbarmachung seiner eigenen Worte sich schnell zu erobern und so vielleicht in wenigen Tagen schreiben lernen. Die Tage, in denen das geschieht, werden natürlich Tage höchster Kraftentfaltung sein, an denen der Führer alle seine eigene Kraft in den Dienst dieses +einen+ Lernenden stellen muß, nicht in kühler Absichtlichkeit, sondern mit hingerissen von der Wucht dieses welterweiternden Geschehens, daß hier ein Mensch seine bis dahin flüchtig durch die Zeit hingesprochenen Worte nun festzuhalten, sichtbar zu machen, aufzubewahren lernt. Die Fülle der Fragen, die der Knabe in diesen Tagen über ihn ausschüttet, wird ihn allerdings nicht wegschwemmen dürfen. Er wird mancherlei zurückbehalten müssen, daß er ihn nicht überspannt. Wie stets bei außerordentlichen Gelegenheiten wird er für den von der schaffenden Freude Ergriffenen unmerklich und besonders pflegsam sorgen müssen, daß er die Pausen des Tages nicht überrennt, daß er tiefen Schlaf hat und rechtes Essen und Luft und Sonne. So wird das Tun gedeihen. Der Knabe wird schreiben können.
Selbstverständlich wird zu gleicher Zeit das Verlangen da sein, auch das von anderen Menschen Geschriebene zu lesen. Und der aufgespeicherte Wort- und Denkschatz der Bücher wird sich dem Knaben öffnen. Gute +und+ schlechte Bücher werden dem Lesenden zufallen. Es ist gar keine Gefahr dabei; denn er wird von vornherein wertend an die Bücher herangehen. Da er gelernt hat, selbst aus dem Herzen heraus zu sprechen, wird er nicht durch Bücher getäuscht werden können, die in irgendwelcher Absicht Untiefes, Undurchdachtes oder Verstandüberlichtetes sagen. Er wird sie dann einfach als unwahr beiseite tun.
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Wenn nun der junge Mensch alle diese Teilgebiete sprachlichen Könnens, Hören und Sprechen, Lesen und Schreiben aus seinem schweigenden Verstehen heraus gelernt hat, wird er nun zur Beherrschung der sprachlichen Gesamtkunst weiterdringen können. Dazu müssen diese Teilgebiete sprachlichen Könnens dauernd miteinander in Verbindung gehalten werden. Alles Geschriebene wird auch ausgesprochen werden, wenn es nicht mit vollem Bewußtsein verschwiegen wird. Und so werden die jungen Menschen nur das schreiben, was sie wirklich aussprechen oder wirklich verschweigen und geheimhalten wollen, was sie den andern sagen wollen, oder vor den andern verschließen wollen. Und außerdem werden sie alles, was sie lesen, vergleichen lernen mit dem, was sie gehört und auch mit dem, was sie selber gesprochen oder bewußt verschwiegen haben, und schließlich auch vielleicht mit dem, was sie selber schon geschrieben haben. So wird sich aus den Elementen immer mehr das Ganze sprachlichen Ausdrucks herausheben. Ziel ist hier, daß der Geist durch das Mittel des eigenen Worts sich völlig ausdrücken lernt +und+ zugleich auch lernt, den Geist in fremdem Wortgewand möglichst restlos wieder zu erkennen.
Wie das Kind einst Worte wirklich zu hören gelernt hat, so wird nun der junge Mensch in der Zeit seiner Reife Dichtwerke in diesem Sinn aufnehmen und wirklich sich aneignen lernen. Er wird vor die großen Werke der Dichtkunst treten, als vor die letztmöglichen Erfüllungen dessen, was sich ja auch stets aus seinem eigenen Geist heraus durch das Mittel des Wortes hat ausdrücken wollen. Also ein Dichtwerk wird für ihn nicht mehr als Fremdes außerhalb von ihm selbst stehen, sondern wird als Vertrautes in ihm sein. Sein eigener Geist wird sich aus dem Dichtwerk heraus auszudrücken vermögen, ja sich in diesem fremden Ausdruck erlösen lassen können.
Die Worte besitzen stellvertretenden Erlösungswert, wenn sie wirklich ganz in der Tiefe angeeignet werden. Wie der Dichter in seinem Werk, so vermag nun auch der Nachschaffende auf dem steigenden Bogen der Worte sich aufzuschwingen aus seinem eigenen +Stummsein+, aus der Wirrnis seiner Gedanken. Er wird nicht mehr Götzendienerei mit den fremden Worten treiben, er wird sie brauchen wie seinen eigenen Ausdruck. Und doch wird er ehrfürchtig an den unverwechselbaren Ausdruck eines jeden wahren Dichters herangehen und gerade diese Einzigkeit zu ergründen versuchen. Jeder eigene Gefühlsablauf und Gedankengang wird, wenn er überhaupt zum Wortausdruck kommt, ein vollkommener Ausdruck des Sprechenden selbst sein und so jedes Mal dem Bruchstück einer echten Dichtung ähnlich sehen.
Menschen, die so zu Beherrschern des Wortes aufwachsen, müssen der +Möglichkeit+ nach auch alle zu Künstlern des Wortes werden. Ob einer von ihnen in +Wirklichkeit+ Dichter wird, hängt dann allein noch von der Fülle seiner überschüssigen Kraft ab.
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Eine solche Sprachbildung ist die Grundlage für die meisten heutigen Berufe. Alle Berufe, die sich mit Schreibarbeit, Schnellschrift und Kunstschrift befassen, alle Berufe, die mit fremden Sprachen, Sprachforschung, aber auch mit Bibliothekswesen und Buchhandel zu tun haben, alle juristischen und politischen Berufe, schließlich der Beruf des Predigers und zum großen Teil auch der Beruf des Erziehers -- alle diese Berufe bedienen sich als Ausdrucksmittel der geschriebenen und gesprochenen Worte und wurzeln also ganz und gar in der Spachbildung. Neues Leben in all diesen Berufen kann nur entstehen, wenn die Grundlagen geändert werden, wenn in frühester Jugend schon an Stelle der oberflächlichen Erlernung einer allgemein gebräuchlichen Umgangssprache die Übung im eigenen Sprachausdruck tritt, wenn jeder lernt, Worte und Sprachgebilde in ihrer Tiefe zu verstehen und aus ihrer Tiefe heraus selbst zu gestalten.
In alledem war nur von der Führung des einzelnen Knaben, konnte nur davon die Rede sein. Denn Unterweisung in dem sprachlichen Können -- wie in jedem Können -- ist nur durch Einzelunterricht möglich, weil hier ja gerade das Einzel+sein+ eines Menschen zu der ihm allein bestimmten Blüte und Frucht gebracht werden soll.