Part 4
Das Kind und der reifende Knabe ist noch so +weich+, daß ein zu +harter+ Eingriff des Führers das werdende Selbst meist nur dazu zwingen kann, +auszuweichen+. Aber aus der schöpferischen Pause der Jünglingschaft soll ja gerade die Unabirrbarkeit des Selbst geboren werden. Einwirkung in einer das Selbst verbiegenden Richtung ist hier verhängnisvoller als vorher. Wie stets zuvor ist die Gebärde des bildenden Führers ein Horchen und liebendes Warten, nicht aber Bestimmen und Raten und Handeln. Sein Dasein allein ist die Stärke und der Wert seiner Führerschaft. Stehen bleiben muß er selbst, wenn der Jüngere von dem chaotischen Zustand seines Inneren gepeinigt vorwärts stürmt und alles zerbricht, was er selbst, der Führer, die ganzen Jahre hindurch hat bauen helfen. Er weiß ja, daß sich der Zerstörungswille nicht gegen ihn selbst richtet, sondern gegen das Bestehende überhaupt. Aus Eigenliebe darf er also hier nicht etwa hindern oder auch nur vorzeitig Ordnung schaffen wollen. Es wird eine schwere Probe seiner Führerschaft sein, wenn er vielleicht für sich selbst gerade in höchst fruchtbarer und aufbauender Arbeit ist, den zerstörerischen Zustand seines Freundes zu ertragen. Wenn er selbst an irgendeinem sachlichen Aufbau arbeitet, wird er nicht über jene großen leeren Räume verfügen, deren sein Anvertrauter bedarf, um darein all sein zerstörerisches Wesen zu ergießen. Doch schon bei dem geringsten Widerwillen, oder wenn der Führende auch nur mit einem leisen Gedanken der Wehmut bei seinem eigenen unterbrochenen Werk verharrt, nicht augenblicklich alles Werkzeug von sich tut und sich selbst weit macht in seiner wartenden Liebe zu seinem Getreuen, ist er seinem Führeramt untreu geworden. Er hat sich dann entschieden, Meister zu werden an irgendeinem selbstgeschaffenen Werk. Das mag auch gut sein, ist aber etwas anderes und ist in Augenblicken der Entscheidung jedenfalls +nicht+ mit dem Führeramt zu vereinen. Leicht und mit tiefer Lust muß das Werk aufgegeben werden in solcher Zeit der wartenden Liebe, so leicht wie man ein Spiel aufgibt, wenn einer der Gefährten schwach wird und umzusinken droht. Auffangen muß der Führer dann die ganze Trümmerlast des jungen Menschen. Er muß ihm Raum geben. Was jener zu solchen Stunden großer Werdenot in ihn gelegt hat, muß er still in sich bewahren. Es muß Geheimnis bleiben zwischen ihnen. Denn dies hingebende Vertrauen in die bergende Liebe fordert von dem Älteren schweigende Ehrfurcht. Selbst wenn dieser Bund nur für Augenblicke seinen Ausdruck fand und später vielleicht niemals mehr in Erscheinung treten wird, so deutet diese Stunde doch auf das Letzte, das zwischen Menschen hin und wieder schwingt. Nur wenn der Führer ganz und gar mit hinabsteigt in die Tiefe der Zerstörung und Verzweiflung und auch durch gutes Zureden und tröstliches Schwatzen vom aufbauenden Leben sich selbst und seinem Gefährten den Weg +nicht+ ungebührlich verkürzt hat, dann, aber auch nur dann wird er nun die Macht haben, ihn zu einem wirklich aufbauenden Leben zu locken. Nicht zu einem Leben, das er selbst in irgendwelcher guten Absicht für den Freund sich ausdenkt, sondern zu einem Leben, das sich ganz ohne sein +Zutun+ stolz und gerade auf den Trümmern des vergangenen Lebensteils erhebt, als wahrer und ureigener Ausdruck des nunmehr unbeirrbar werdenden Selbst des Jünglings.
Bei dem nun neu anhebenden Lebensanstieg des Jünglings wird der Führer nur noch lose nebenher gehen. Die führende Wirkung seines Lebens wird nicht mehr nach außen hin erkennbar sein wie früher. Der Jüngere wird nicht mehr Tag für Tag an ihn denken. Das Dasein des Führers wird für ihn allmählich etwas Entferntes werden. Auch räumliche Trennung, vielleicht zeitweise, vielleicht für immer wird einen Keil zwischen die Menschen treiben. In Wahrheit gehört aber diese Entwöhnung voneinander noch in den Bereich der bildenden Aufgaben des Führers. Es ist seine letzte und schwerste Arbeit, sich selbst dem Anvertrauten entbehrlich zu machen, ihn zu entlassen, Abschied zu nehmen. Nur in den seltensten Fällen wird dieser rechte Abschied gelingen, nur dann, wenn der Führer Einsamkeit-erfahren ganz in sich beruht. Nur dann, wenn der Jüngere selbständig und aufrecht seinen eigenen Gang zu gehen gelernt hat. Dann wird Abschied ohne Schmerz sein und Trennung so leicht und so gesetzhaft wie das Fallen der Frucht vom Baum.
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Um das achtundzwanzigste Jahr herum liegt abermals eine Pause, die das Jünglingsalter von dem beginnenden Mannesalter scheidet. Das heutige europäische Leben läßt allerdings die Innehaltung +dieser+ Pause überhaupt kaum zu, weil der Mensch von achtundzwanzig Jahren schon lange fertig sein muß. Er muß seinen Beruf und womöglich seine Familie schon +haben+. Die Notwendigkeiten des materiellen Lebens, aber auch des geistigen Lebens erfordern nun gleichmäßiges und rastloses Fortschreiten und zwingen ihn über die wichtigste Bedenkzeit seines Lebens hinweg. Er hat sich längst entschieden und ist gebunden und tut seine Pflicht. Wenn einer in diesen entscheidenden Jahren von seiner Pflicht redet, sieht man es seinen zusammenkrampfenden Lippen an, wie sein ganzes Selbst eine einzige große unterdrückte Trauer ist über dieses forttrottende Leben, das ihn hinwegzerrt über irgend etwas, was unter ihm verborgen liegt, und das er nur noch hier und da spürt als ein leises Beben des Grundes, etwas, das er selbst sich lächelnd oder seufzend -- und sehr richtig -- erklärt als ein -- wie er meint - törichtes Erinnern an längst überwundene Werdezeiten seiner Jugend. Alles was sich an dieser Stelle des Lebens zum letzten Mal als »Sentimentalität«, als »Hamlet-Stimmung« an die Oberfläche wagt, wird entschiedener und rücksichtsloser als in den früheren Besinnungszeiten zurückgestoßen. Der Mann stürzt sich in seinen Beruf; große Pläne bringt er nun zur Verwirklichung. Es beginnt, ihm auf Vollendung, auf Vollständigkeit anzukommen. Was sich ihm an Widerständen entgegenstellt, wird rücksichtslos zurückgeworfen. Zur Zeit der Jünglingspause um das zwanzigste Jahr treibt die Furcht vor der Tiefe des eigenen Selbst zur Zerstörungstat oder zur gewalttätigen Arbeit, in hundert steilen Anfängen. In dieser Hamlet-Zeit aber steht gerade die Sehnsucht nach Fertigwerden, nach Vollenden überall auf, um über die Zeit der Besinnung hinwegzulocken. Furcht vor dem nochmals aufgebrochenen Abgrund des Selbst treibt den Mann in die bürgerliche Ruhe der Ehe. Unter dem unbewußten Bann dieser Furcht entschließt sich der geistige Mensch zu einer wirkenden Tat. In Kunst und Wissenschaft bringt er es allmählich durch seine fertig erscheinenden Werke, durch seinen nunmehr unverkennbar gewordenen Stil zu Ruhm und Ansehen. Schlau und ängstlich beginnt sich der Mensch zu hüten vor allem, was ihn etwa zu der Erkenntnis eines doch vielleicht notwendigen Neuanfangs führen könnte. Er sucht dann nach Ausflüchten, nach Rechtfertigung vor sich selbst. Er bringt sein Leben in System, läßt alles fallen, was kreuz und quer darin liegt, was sich nicht fügt. Sein Wille verdrängt alles, was sich in ihm selbst auflehnt gegen diese Systematik. Er will und muß die Herrschaft über sich und seine Aufgaben behalten. Ist er doch in den Kampf des Lebens getreten und muß nun glauben, daß er »Rechte« und »Ehre« und »Ziele« habe.
Aber aus all dieser mannigfaltig gespreizten Kämpferstellung des werdenden Mannes spricht deutlich die Angst, von der letzten Besinnungszeit seiner Jugend zu Fall gebracht zu werden. Das ist Todesangst im tiefsten Sinne dieses Wortes, zum ersten Male wahre Furcht vor dem Tode. Und doch könnte aus dieser Angst allein das Hinabsteigen in seine Tiefe, das Ersterben in sich selbst Erlösung bringen.
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Von Führung und Gefolgschaft kann bei dieser Besinnungszeit des werdenden Mannes nicht mehr gesprochen werden. Hier ist der Mensch zum ersten Mal allein. Das klare Bewußtsein von seiner ersten wirklichen Einsamkeit darf ihn nicht schrecken. Er muß wissen, daß er nun ins Leben entlassen ist, und bestimmt, dem Tode zuzuwandern. Gerade die Hingebung an diese Einsamkeit macht ihn mit seinem eigenen Tode vertraut, daß er nun von Farbe und Geschmack des Todes ganz durchdrungen wird.
Nur durch diese Todesweihe der ersten Einsamkeit geht der Weg zur Liebe des Mannes und zum Beruf des Mannes. Erst dann hat er volle Freiheit und Ruhe, sich umzusehen und die anderen Menschen, alle jene einsamen Menschen, ringsum in ihrer inselhaft abgeschlossenen Wirklichkeit zu gewahren. Es wird notwendig werden, daß er etwas +tut+. Sein +Wissen+ und sein +Können ist ausgebildet+. Durch eins von beiden kommt er zur Tat. Wissend wird er zum Führer, könnend wird er zum Meister. Beides in Beziehung zu jenen anderen Menschen, die er nun +gesehen+ hat: die jünger sind als er, noch in Werdenot befangen, oder gleichen Alters und frei geworden wie er selbst, oder älter als er, schon von Todesnot befangen. Sein wissendes Leben wird ihn stark machen, die Jüngeren zu führen, mit den Gleichaltrigen einen Bund zu schließen, Väter und Mütter zu stützen in ihrer wachsenden Bedrängnis. Unter diesen vielfachen Verbindungen wissender Mannesliebe wird immer deutlicher eine Spur zu der Frau hinführen, welche die Ergänzung seines Mannestums darstellt, die ihn zum Vater machen wird. Aber keine der anderen Verbindungen wird dadurch nun etwa gelockert, keine darf willkürlich abgeschnitten werden. Nun muß alles getragen und zur Vollendung gebracht werden. Das ganze Tauwerk dieser Verbindungen muß der Mann bewußt durchs Leben +fortführen+.
Wissend wird er zum Führer, könnend zum Meister. Aber auch das nur in bezug auf die anderen Menschen ringsum. Allerdings sieht der Werktätige nicht so liebesbewußt auf die einzelnen Menschen wie der Führende. Er tut seine erwählte Arbeit, seinen Beruf aus der zwingenden Notwendigkeit seiner eigenen Kraft und fragt nicht viel nach den Menschen, denen er mit diesem Werke ohne zu wollen eben doch liebe-dient.
Werktätig oder führend, immer nur das eine +oder+ das andere, beginnt der Mann seinen Lebensanstieg. Ein jeder kann beides tun. Doch muß er bei jeder Gelegenheit immer wieder zwischen dem einen oder dem andern wählen, das eine vor dem anderen zurückstellen. Führendes +oder+ werktätiges Vorzeichen werden auch die noch folgenden Perioden des +späteren+ Mannesalters tragen. Darüber kann hier nicht mehr gesprochen werden.
Rhythmischer Wechsel von Schwäche und Kraft
Bei all den Perioden draußen wie drinnen im Menschen ist immer wieder dasselbe: das Auf- und Abschwingen eines Rhythmus um einen Ruhekern herum. Die schwachen und für sich allein sogar schlecht klingenden Zeiten tragen die schöpferische Bedeutung der Pause in sich. Und diese Bedeutung muß zum Ausdruck kommen.
Es ist aber heute keineswegs so, daß der Mensch diese seine dunklen Tage anerkennt oder gar liebt und pflegt. Die meisten wüten vielmehr gegen ihr eigenes Gesetz. Wer eine kraftvolle Natur hat, zwingt sich an diesen Schwächetagen genau so zu leben als sonst, also genau so viel Nahrung aufzunehmen und genau so viel Arbeit zu leisten als sonst. Das heutige Leben, das ganz nach Minutenzeiger und Zentimeterstab ausgerichtet ist, zwingt ja ohnehin jeden Einzelnen von Jugend auf zu maschinenhaften Gewohnheiten und läßt jedes Auflehnen der eigenen Natur dagegen -- auch wenn es einmal aus der Tiefe der Besinnung kommt -- ungeprüft unterdrücken. So lebt der mit viel Energie ausgestattete Mensch über seine Schwächetage hinweg auf Kosten seiner zunächst unerschöpflich scheinenden Lebenskraft, solange bis dieser Vorrat eben doch erschöpft ist und es in irgendeiner Gestalt zum Zusammenbruch kommt. Von Zeit zu Zeit kommt es bei solchen starken Naturen zu irgendwelchen Katastrophen, etwa zu schweren Krankheiten, oder zu Perioden gesteigerter Genüßlichkeit alkoholischer oder sexueller Art oder zu irgendwelchen übertriebenen Sportgelüsten, vor allem aber zu Perioden unzugänglicher und reizbarer Gesinnung gegen nahestehende Menschen. Und das ist der beste Fall. In den schlimmeren Fällen führt dies achtlose Hinwegleben über die Schwächezeiten irgendwann sogar zu einem endgültigen Zusammenbruch des Lebens. Die Menschen können dann wohl häufig nach außen hin ruhig weiterleben, aber sie haben für den, der näher zusieht, einen Riß (einen Knacks), den sie gewöhnlich vor sich und anderen zu verbergen suchen, der aber da ist und je älter sie werden desto klaffender wird.
Die Menschen von geringer Lebensenergie dagegen geben sich ihren Schwächetagen gänzlich hilflos hin, als wären sie niemals wieder gefolgt von Tagen des Aufschwungs. Sie schaffen sich so allmählich ein immer mehr verdunkeltes Leben. Zunächst wechseln noch Aufschwünge und Abstürze jäh miteinander. Schließlich aber bekommen sie irgendwann einmal ein Grausen vor den (wie sie meinen) dunklen Mächten in ihrem Innern. Sie können sich nicht mehr aufschwingen, weil sie zu sicher schon den Absturz vorher wissen. So verzweifeln die Schwachen am Leben, wie die Starken daran zerbrechen, beide, weil sie das Gesetz der Schwächewiederkehr nicht zu beachten gelernt haben, oder immer wieder diesem Gesetz wissentlich widerstreben. Die rhythmischen Auf- und Abschwünge sind bei jedem Menschen nach einem ihm ganz allein eigenen Urklang gebildet. Es ist der Sinn der Pause, diesen Urklang des Selbst aus der Ruhelage neu entstehen zu lassen. Dieses Hinabschwingen und Hinaufschwingen aus der Ruhelage ist immer wiederkehrende Geburt und Wiedergeburt aus dem Chaos. Die Ruhe der Pause ist gewissermaßen der Grund, bis zu dem alle Schwingungen des Lebens, die kleinsten wie die größten, immer wieder hinabreichen müssen, wenn das Leben wirklich seinen vollen Eigenklang bekommen soll. In den Ruhe+kernen+ liegt die Entfaltung des Lebens beschlossen.
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An diesen Stellen, wo das Leben sich stets erneuert, liegt naturgemäß auch die Gefahr für das Leben. Alles was wir Krankheit, Schwäche, Fehler, Sünde und Schuld nennen und als lebensfeindlich empfinden, greift immer an den Kern, ja entwickelt sich im Kern, der den Pausen zugrunde liegt. Deswegen ist alles dieses unausrottbar. All dies bedeutet: hier ist Leben, +weil+ eben Feindschaft dagegen da ist.
Wo Verstopfungen der Pausen eintreten, gewinnen diese feindlichen Kräfte sogleich Über-Macht. Nicht Hinabgelangen zur Ruhelage oder in ihr Verharren, beides ist Sünde und Schuld.
Tatsächlich ist auch im +einzelnen+ überall zu sehen, wie die Tiefpunkte der Ruhe und Sammlung, der Kraft, zugleich der Herd der Gefahr sind. Jede Krankheit und jede Notlage läßt sich ursächlich verfolgen bis dahin, wo ein solcher Tiefpunkt der Ruhe entweder nicht erreicht wurde, oder ungesetzlich verlängert wurde. Die Menschen, die immer wieder über die vielen tausend Atempausen des Tages achtlos hinweggleiten, fühlen sich dauernd unruhig, gehetzt und gejagt. Alle, die an zu beschleunigtem oder zu verlangsamtem Stoffwechsel leiden, sind müde und fühlen sich beschwert. Sie können ihren Körper nicht erlösen. Sie können nicht mit ausgeprägten Gebärden zu einer täglich neuen Eigenbeweglichkeit kommen. Um mit der Arbeit schneller fertig zu werden, überstürmen sie ihr Tempo und kommen niemals zum Genuß der Ruhe. Übermüdet halten sie fest am Tage und bringen sich selbst um den allheilenden Segen des Tiefschlafs. Sie haben keine Feiertage, weil sie zu schlapp sind, um überhaupt etwas zu tun und ihnen so jeder Tag ein Ruhetag ist, oder weil sie, von Arbeit überbürdet, alle Tage gleichmäßig fortarbeiten. Die monatliche Schwächewiederkehr, der Jahreszeitenwechsel bleibt unbeachtet in ihrem Leben, und sie verschmähen immer wieder den Trost, mit der neu aufschwingenden Natur aus dem eigenen Grunde mitzuschwingen. +Sichtbar+ wird alles das, was wir Krankheit, Sünde, Schuld oder wie auch immer nennen, natürlich an sehr verschiedenen Stellen der steigenden und fallenden Bewegung des Lebens. Verschiebungen, Übertragungen, Verdrängungen aller Art, machen das Bild von Ursache und Wirkung im +einzelnen+ völlig unübersehbar.
Gewiß hängt auch all dies Äußere miteinander zusammen, aber das eine ist sicher: Immer hat das Übel, das sich irgendwo an der Oberfläche zeigt, seinen Ursprung in der Tiefe, wo die Pausen sind. Behoben kann das Übel nur werden, wenn man in die Tiefe steigt. Am öftesten und leichtesten kann man in diese Tiefe steigen auf dem schwingenden Atem, vielmals in jeder Minute. Und so ist tiefste Wahrheit, was von dieser alles heilenden Kraft der bewußt atmenden Seele gesagt wird. Damit ist +keineswegs+ gesagt, daß man das Übel nicht auch an seiner +sichtbaren+ Stelle bekämpfen könnte und sollte, wie die Ärzte tun. Nur das ist sicher, daß es immer wiederkehrt, solange der verkehrte, der dem Selbst +nicht+ eigene Rhythmus bestehen bleibt. Jeder Mensch leidet eben an +seinen eigenen+ Übeln und Krankheiten als den Abweichungen von +seinem+ Rhythmus, und diese Übel endgültig beseitigen kann er nur durch Einlenken in +seinen eigenen+ Rhythmus.
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Der Führende muß versuchen, die Schwächetage der Einzelnen herauszuspüren, weil er da die immer wiederkehrende Gelegenheit hat, helfend einzugreifen. Die jungen Mütter, die ja bei der Erziehung des kleinen Kindes meist noch unabgelenkt ihrer inneren Natur folgen, geben hier ein meisterliches Vorbild. Wenn das Kind aus irgendwelchen Gründen sich schlecht aufgelegt fühlt, unlustig und krank ist, dann wissen sie es genau. Was tun sie? Sie singen es ruhig in den Schlaf. Sie gehen nur ganz leise auf den Zehen im Zimmer herum, daß es ja nicht etwa vorzeitig erwacht. Sie vertrauen seinem Schlaf. Sie geben ihm weniger Nahrung und lassen es überhaupt in Ruhe. Hier gilt es zu lernen. Es muß Vertrauen gelernt werden in die Selbstheilkraft des einzelnen Menschen zur Zeit seiner Schwäche. Oft mag es schwer sein, wenn das Kind, das dieses alles ja nicht weiß, sich sehr trotzig oder sehr verzagt gebärdet. Nur das unverwirrbare Wissen des Führenden kann da helfen. Wenig kann er tun, kann höchstens Schädliches verhindern. Er muß darauf achten, daß das Kind sich in seinen Schwächezeiten nicht mit schweren Nahrungsstoffen belastet, daß es im Gegenteil sich gründlich entlastet, seinen Leib innen und außen reinigt. Er muß darauf achten, daß es irgendeine gleichmäßige, aber leichte körperliche Arbeit tut und womöglich so den schwingenden Rhythmus seines Atems wiederfindet, und schließlich sich beruhigt und in einen frühen und tiefen Schlaf verfällt.
Später, wenn der junge Mensch allmählich in das bewußte Leben hineinmündet, muß der Führer ihn in den Sinn der Schwächetage einführen. Daß er ohne +Widerstreben+ aber auch ohne +Verzagen+ sich der ihn überkommenden Schwäche überlassen darf, wissend er steige in die Tiefe seines Lebens und bereite damit den aufschwingenden Tagen ihren Weg. Ein jeder der Anvertrauten muß dann schon gelernt haben, wie das Gesetz seiner +eigenen+ Schwächetage verläuft und wie er die dadurch geschehende Reinigung am besten unterstützt. Der eine wird an diesen Tagen gar nichts essen oder nur ganz wenig und nur frische fruchthafte Nahrung, er wird sich baden und sonnen und viel schlafen. Ein anderer wird vielleicht in den Wald gehen, den ganzen Tag über und ganz heimlich und wartend das Leben der Pflanzen und Vögel belauschen. Ein Dritter wird vielleicht ein Buch nehmen und sich in irgendeinen Winkel damit legen. Ein Vierter wird Lust nach tobendem Spiel und körperlicher Arbeit haben und befriedigen müssen. Aber alle werden sich in eine gewisse +wartende+ Stellung begeben, wo sie aufnehmen können, empfangen können, ohne sich zu belasten. Jeder wird sich so einstellen lernen, daß der Strom der Natur an solchen Tagen möglichst wenig gehemmt durch ihn hindurch kann. Um der Gewalt der Strömung Raum zu schaffen, ist es nötig, die gewöhnliche Tageseinteilung zu unterbrechen, den gewöhnlichen Arbeitsgang und die gewöhnlichen Essenszeiten fallen zu lassen. Die ganze Freude des Wissens um die schöpferische Bedeutung dieser Ruhetage muß darin sein. Auch die Genossen müssen diese Schwächetage an einander achten lernen, weil jeder weiß, daß sie über jeden kommen, und es darf keine falsche Scham und kein Ehrgeiz und kein böser Spott zwischen ihnen stehen. Davon wird später noch zu sprechen sein.
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Wenn so die Menschen gelernt haben, die Tage ihrer Schwäche einzubauen in den Gesamtrhythmus ihres Lebens, wird es vielleicht auch gelingen, die +Tage der Kraft+ miteinander in Einklang zu setzen, sie in einen strömenden Zusammenhang zu bringen. Es ist sehr schwierig und erst in einem späteren Alter möglich, daß die Tage der Kraft sich voll und ganz in bestimmte Reihen fügen und also +zielgerichtet+ werden. Gemeint sind die Tage, in denen sich der Mensch geborgen fühlt und allmächtig zugleich, Tage, in denen die schaffende Natur in ihm und durch ihn mühelos schafft, Tage des Gelingens, der Freude. Kinder haben diese Tage in regelmäßiger Aufeinanderfolge. Nur die wenigen Schwächetage unterbrechen notwendig in rhythmischer Folge diesen Gang ihres Glücks. Es gibt Menschen, in denen dieser Glückstakt vorherrschend bleibt. Wie in ihrer Kindheit bleiben sie gesund, und ihr Leben fließt ohne allzugroße Erschütterungen zwischen ertragbaren Schmerzen und vielen Freuden, zwischen Tun und Lassen, Neigung und Abneigung in mäßig bewegten Rhythmen dahin. Ihre Natur scheut sich vor dem allzugroßen Ausmaß der Schicksalsschläge und vor dem zu schnellen Tempo. Werden sie in ihrem Takt nicht gestört, so erreichen sie die eine Möglichkeit des Glückes: sie fügen ihre Krafttage zu einem maßvoll und schön gegliederten Bau, zu einem Leben voll Heiterkeit, Genuß und maßvollem Tun. Goethe ist einer von den Wenigen, denen ein solches Leben gelungen ist. Die meisten so gearteten Menschen aber lassen sich durch irgendwelche Hindernisse in ihrer Lebensgestaltung früh schon aufhalten. Sie haben nicht den Mut zur Freude, zum Genuß. Nach Art von Kindern, die in ihrer Lebensfreude gestört werden, fühlen sie sich zurückgesetzt, übergangen und verkannt. Es sind die immer Mißmutigen, von ihren Launen hin und her Getriebenen, recht eigentlich Menschen, die im kindischen Wesen stecken geblieben sind. Oft wird man noch den Zeitpunkt nachweisen können, wo sie aus Scham oder Furcht oder irgendwelcher hemmenden Rücksicht in dem Rhythmus ihrer Glückstage einmal unterbrochen wurden und niemals wieder recht zum Aufschwung kamen.
Die andere Glücksmöglichkeit lockt sehr viel mehr Menschen der nördlichen Länder: nicht Maß und Harmonie, sondern leidenschaftliche Kraftsteigerung ist ihnen Glück. Die Tage der Kraft werden auf ein ganz bestimmtes Ziel gerichtet. Nicht die in ihnen aufschwingende Kraft selbst, sondern das dadurch bewirkte Werk, die Erreichung einer ganz bestimmten Wirkung heißt Glück für diese Menschen. Dem Glück des harmonischen Kräfteausgleiches steht das Glück des leidenschaftlichen Kraftgebrauches gegenüber. Das niemals gehemmte gleichmäßige Aufschwingen der Kraft verbürgt die erste Glücksmöglichkeit, die hemmungüberwindende Steigerung der Kraft verbürgt die zweite Glücksmöglichkeit. Beide Glücksmöglichkeiten haben ihre eigenen Gesetze. Für den Menschen des Gleichmaßes ist geboten, den Hemmungen in seinen Krafttagen aus dem Wege zu gehen, ihnen auszuweichen. Der Mensch der leidenschaftlichen Kraftanspannung dagegen sucht grade Reibung und Gefahr, um sich an der Überwindung der Hindernisse zu steigern. Ausnutzung der Kraft bis aufs äußerste ist das Geheimnis, dem diese Menschen nachspüren: wie ist es möglich, die Kraft durch Verschiebung, Ersetzung und Stauung zu vervielfachen? Um das zu erreichen, hat man in unseren Zeiten vor allem nach dem Gesetz der Arbeitsteilung verfahren. Arbeit wurde die Losung aller Menschen.
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