Die schöpferische Pause

Part 2

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Hier gilt es umzuordnen. Die wahrhaft drängende, die schöpferische Arbeit muß an den Morgen des Arbeitstages geschoben werden. Feld- und Gartenarbeit in dem aufdampfenden Erdboden mit den erwachten Pflanzen ist so drängende Arbeit. Auch das Versorgen der morgenkräftigen Tiere im Stall ist so drängend. Die Vorbereitung und Zubereitung der Speisen für die beiden Tagesmahlzeiten in der Küche, das Schaben und Putzen, Kochen und Backen der frischen, wohlriechenden Dinge, die dem täglichen Körperaufbau dienen sollen, auch das ist solche drängende Arbeit. Dies alles muß den jungen werdenden Menschen früh schon nahegebracht werden, nicht als harte Notwendigkeit, sondern als spielendes, freudevolles Tun. Bei solcher drängenden Morgenarbeit müssen sie spielend erst, dann helfend dabei sein. Solche drängende Wucht und strömende Notwendigkeit muß zum mindesten hinter aller Morgenarbeit jugendlicher Menschen stehen. Schöpferische Arbeit muß es sein. Alles handwerkliche und künstlerische Tun und jede Unterweisung darin gehört in den Morgen des Tages. Es ist ein trauriges Ergebnis, wenn man die »Stundenpläne« der Schulen und Hochschulen daraufhin prüft.

Die Kraft des aufsteigenden Tagesbogens reißt Tat- und Gedankenschöpfung mit sich empor. Das entstehende Werk wird durch die mitschaffenden Elementarkräfte des Morgens mitgetragen und von jeder anhaftenden Schwere und Eigenwilligkeit seines Erschaffers befreit. Die ansteigende Bogenkraft des Tages kann sich dehnen und manchmal ein stundenlanges Aufsteigen gewähren. Stunden der Schaffenskraft, in denen der Mensch sich getragen fühlt, in denen die schaffende Kraft durch ihn hindurch durch die Vermittlung seiner Hände und seines Geistes die Dinge ordnet und auferbaut.

Aber der Aufstieg wird auch aufhören. Die Stunden des Abbaus beginnen. Auch hier muß der Mensch für seinen Körpertag lernen, dem Willen des Sonnentages nachzugehen. Wo der Führer bei seinen Vertrauten die ersten Zeichen der Ermüdung verspürt, muß er die Kraft haben, den Gang der Dinge zu unterbrechen, zu sagen: jetzt ist's genug. Jetzt tun wir etwas anderes. Er muß sie nun zu reproduktiver, zu mechanischer, zu übender Arbeit hinüberleiten. Körperliche Übungen, Gedächtnisübungen, Sprachübungen, belehrende Unterredung über die Geschichte der Natur und des Menschen gehören in diese absteigenden Vormittagsstunden. Fallende, nicht steigende Kraft treibt hier das Räderwerk der Arbeit, bis die Tiefe des Tages, die Mittagspause, erreicht ist.

Nur wer im hohen Sommer die mittägliche Ruhe der Natur einmal wirklich erlebt hat, kennt den Sinn des Mittages. Der Mensch muß hier in sich selbst versinken, ganz zur Besinnung, zur Ruhe kommen. Und als erste körperliche Aufbauregung wird nun der Hunger kommen, das Verlangen nach aufbauender Nahrung, und dieses Verlangen wird befriedigt werden im Mittagessen, das wahrhaft eingebettet sein muß in die schöpferische Pause des Tages. Das Essen wird in Stille und Freudigkeit eingenommen werden und ganz hingegeben an den aufbauenden Sinn des Essens. Wenn es in Gemeinschaft geschieht, dürfen sich die Menschen dabei gegenseitig nicht mehr stören durch viel Gespräch und irgendwelche Anforderungen aneinander. Das Beispiel des Führenden wird hier wirken und allmählich eine rechte Tischgemeinschaft unter seinen Anvertrauten schaffen müssen.

Nun wird der Nachmittag heraufsteigen; sein Anstieg hat nicht die Wucht des Morgenanstiegs, dem Eigenwillen der Menschen ist nun viel mehr Freiheit gegeben. Die durch das Essen zugeführten Stoffe müssen im Körper verarbeitet werden. Darum ist die Lust, an irgendwelche Arbeit nach außen Kraft abzugeben, gering. Besonders bei Kindern, die noch im Wachstum sind, ist der nachmittägliche Arbeitswille gering. Viel eher ist es dem kindlichen Leben gemäß, am frühen Nachmittag zu spielen und herumzulaufen, und am späten Nachmittag erst wird sich das Kind wieder zu kurzer Arbeit entschließen können. Wo Kinder frühzeitig zur Nachmittagsarbeit gezwungen werden, geht das sicherlich auf Kosten ihres Körperaufbaus. Wenn späterhin die dem Kindesalter entwachsenen Menschen am Nachmittag noch schaffende Arbeit tun wollen, müssen sie wissen, daß diese Arbeit schwere Arbeit ist. Sie wird dem Körper abgerungen und ist nicht so strömend und so drängend wie die Morgenarbeit. Der Fluß der Leistung ist zäher, von dem bewußten Willen abhängiger. Entwerfen, Planen, Beginnen gehört in die Morgenstunde. Aber das Durcharbeiten und Prüfen, Überdenken, Verändern, Vollenden gehört in den Nachmittag. Nachmittagsarbeit ist langsamer und stockender, von vornherein auf die Überwindung von Hindernissen eingestellt. Schwere problemreiche Arbeit von wissenschaftlich-philosophischer Art gehört in den Nachmittag, als ein +Sieg+ des Geistes über körperliche Schwere.

Dieser Sieg kann naturgemäß nur dann errungen werden, wenn die Wechselbeziehung zwischen der für den Körperaufbau notwendigen Kraft und der freiwerdenden Arbeitskraft genau bekannt ist. Der Führende wird jeden seiner Anvertrauten von früh auf genau beobachten müssen, damit er ihm später auf seine Fragen Aufschluß geben kann. Und alsdann wird es für alle einzelnen Glieder der Gemeinschaft allmählich klar werden, daß sie ihr Mittagessen nicht allein nach ihrem Hunger bemessen dürfen, sondern auch noch irgendwie mit ihren vielleicht sehr verschiedenen Tagesabsichten in Einklang bringen müssen! Ein wahrhaft schöpferischer Tag läßt Hungergefühl oft erst sehr verspätet oder gar nicht aufkommen.

Wenn stundenlang schwere und mühsame Arbeit getan ist, kommt die Abspannung des Gesamttages. Der Mensch geht in den Abend des Tages ein. Und damit erreicht er wieder die schöpferische Pause. Er überläßt sich der Ruhe des Sonnentages. In kleinen Städten und auf dem Lande setzen sich zu dieser Stunde die Menschen auf die Bank vor dem Hause oder gehen über die abendlichen Felder. Aus dem Zusammenklang der inneren Abendruhe des Menschentages mit der äußeren Abendruhe des Sonnentages wird Feierabend. Des Morgens darf der Körper nur möglichst wenig belastet werden, um den Morgenaufschwung nicht zu hemmen, am Mittag muß das Gleichgewicht zwischen Körperaufbau und Tagesleistung geschaffen werden. Am Abend aber erhält der Tag seine Schwere. Das aufbaubegehrende Gefühl des Hungers bekommt das entscheidende Übergewicht, das Abendessen wird die Hauptmahlzeit des Tages.

Ein richtiges Gleichgewichtsgefühl wird den Abstand zwischen Abendmahlzeit und Schlafengehen richtig bemessen. Unmittelbar nach der Mahlzeit ist noch ein Stück grober Verdauungsarbeit zu tun. Jeder Mensch muß fühlen lernen, wieviel Zeit er dazu braucht. Es ist schlecht möglich, diese Arbeit im Schlaf zu tun. Und so wird das Essen unmittelbar vor dem Schlafengehen eine Unmöglichkeit.

Diese Zeit zwischen Abend und Nacht ist Ruhezeit, ganz und gar dem Aufbau des Selbst gewidmet, es ist die eigentliche Erbauungszeit im alten schweren Sinne des Wortes. In breiten Strömen können hier die gewaltigen Werte der ganzen großen Menschengemeinschaft auf den Einzelnen einwirken, wenn er sich nur ganz locker und offen zu machen versteht. Ein völlig hingegebenes Lesen in Büchern, die das Menschliche vermitteln, ist zu dieser Zeit möglich. Der Abend ist die Zeit, mit den großen Menschen früherer oder gegenwärtiger Zeit in Verkehr zu treten. Der Abend ist überhaupt die Zeit der Gemeinsamkeit. Alles dies braucht nur angedeutet zu werden. Es ist ja längst bekannt, und es gilt nur, dieses Bekannte nicht zu unterdrücken, sondern im Verlauf eines jeden Tages immer voll und ganz ausschwingen zu lassen.

Der Abend ist vielgestaltig in seiner Schwere. Aus der kraftbergenden Ruhezeit des menschlichen Selbst kann sogar noch einmal etwas wie ein neuer Morgen mitten in die beginnende Nacht hinein aufbrechen. Es gibt Abende, an denen der Mensch über viele Stunden hinweg noch einmal wieder schöpferisch zu werden vermag, im festlichen Kreis nahestehender Menschen oder auch in einsamer Arbeit. Aber nur selten einmal wird diese Nachblüte des Tages sich wirklich von Natur aus voll entfalten. Und der Mensch kann diese Gewalt, seinen eigenen Körpertag in die Erdnacht hinein zu verlängern, leicht mißbrauchen lernen. Viele der heutigen Menschen zwingen sich selbst fast täglich zu solcher zweiten Tag-Geburt in die Nacht hinein und erschöpfen damit ihre Kraft. Der Führer zum Leben wird seinen Anvertrauten sicher erst nach der Zeit der Reife, und auch dann nur selten, diese geheimnisvolle und so leicht abnutzbare Kraft brauchen lehren.

Denn das Gesetz des Sonnentages fordert die dunkle Ruhe der nächtlichen Pause, die völlige Entspannung des Tages in die Nacht. Der Schlafzustand ist dementsprechend die große Pause des Körpertages. Aber wie die heutigen Menschen gewohnt sind, ihre Tage zu +verleben+, so sind sie auch gewohnt, ihre Nächte zu +ver+schlafen. Sie schlafen hinweg über ihren eigenen Schlaf. Sie können sich nicht mehr in die große Nachtruhe des Sonnentages fallen lassen. Das Seil ihres Schlafes ist gewissermaßen zu straff gespannt und vermag gar nicht mehr in einer großbogigen Schwingung den schöpferischen Tiefpunkt zu erreichen. In kleinteiligen, vielträumigen Rhythmen flattert ihr Schlaf darüber hinweg vom Abend zum Morgen. Nur ganz selten geschieht es einmal, daß einer beim Erwachen spürt, er habe die Tiefe erreicht, er steige aus dem Abgrund, ganz neu gestärkt, ja neu geboren.

An irgendeiner Stelle des Schlafes liegt sein schöpferischer Kern, die Pause des Tiefschlafes, zu der die Rhythmen in absteigender Folge hinführen müssen, um dann von dort im großen Bogen wieder anzusteigen zum Erwachen. Auf die Erreichung dieser Tiefe kommt es an, viel mehr als auf die Länge des Schlafes. Auch kurzer Schlaf, wenn er nur steil hinabführt, vermag Entspannung zwischen Tag und neuem Tag zu sein. In diese Tiefe des Schlafes hinein kann der Führer seine Anvertrauten ein Stück geleiten. Er muß sie lehren, sich nicht anzuklammern an den Tag, der ging, vielmehr nach jedem vollendeten Tage ihr Leben in die Nacht hineinfallen zu lassen, damit sie wirklich alle in die schöpferische Tiefe +ihres+ Schlafes hinabgelangen. Er öffnet alle diese Tag und Nacht umschließenden Zeiträume, er gibt sie jedem seiner Anvertrauten zu eigen, so daß ein jeder ganz davon durchdrungen wird: diese Tage können von mir gefüllt werden bis zum Überquellen mit Leben und Leiden, sie können von mir leicht und leer wie Seifenblasen fortgeblasen werden. Beides kann ich mir geschehen lassen, mit der wissenden Inbrunst des lebendigen Menschen, der dem Gesetz in keinem Falle widerstrebt, sondern sein ganzes Wesen mit dem großen Rhythmus der Tageswiederkehr mitschwingen läßt.

So werden die Menschen nicht mehr an der Ungeprägtheit ihrer Tage zu leiden haben. Jeder Tag wird für sie sein eigenes Gesicht bekommen und ihnen wohlvertraut im Gedächtnis bleiben. Das Tagebuch hat hier seinen neuen Sinn, zum mindesten für alle Menschen, deren Sehnsucht immer wieder nach Gesichtgebung, nach Gestaltung, nach Klärung drängt. Wer Buch führt über seine Tage, wird seine Gedanken allmählich sammeln lernen auf das Wesentliche, das Gesicht dieses einen nie wiederkehrenden Tages. Die fertige Tageskugel wird an jedem Abend noch einmal freudig in beide Hände genommen und gegen das sinkende Licht gehalten, mit der Frage: was war dies, was da mit diesem nun gewesenen Heute reigenhaft durch mich hindurchging?

Monats- und Jahresschwingungen

Wer so die Einheit Tag und Nacht einzeln gestalthaft erlebt, als wäre jeder Tag der erste und jede Nacht die letzte, der wird dann auch langsam fähig werden zu begreifen, was die Mehrzahl +Tage+ bedeutet: daß es nicht zu Ende ist mit dem +einen+ Tag, daß es seinen Fortgang nimmt, daß die Einzelkugeln sich zur Kette reihen. Der Führer zum Leben muß es seinen Anvertrauten begreiflich machen: morgen ist +auch+ ein Tag. Denn das Kind lebt einzig in den Tag hinein, so, als wäre der Tag das ganze Leben. Es mag gar nicht zu Bett gehen, weil es noch viel mehr hineinleben möchte in den einen Tag. Ganz sacht und allmählich wird nun der Führer die kindlichen Zeiträume aufweiten, bis diese ungeheure Tatsache des Morgen, diese +Überhöhung+ der Gegenwart durch Zukunft ihm zu erlebter Wirklichkeit wird; und das Kind dieses Geschenk zu gebrauchen lernt nach seinem eigenen Willen. In den heutigen Schulen wird gewissermaßen vorausgesetzt, daß das Kind schon seine Tage zusammenhängend verleben könnte. Es erhält einfach seine Aufgabe für morgen, oder gar für über acht Tage, ohne doch zu wissen, was es damit vermag, wenn es eine Aufgabe für +morgen vorbereitet+. Es ahnt nicht, daß dieses eine Erweiterung seines eigenen Tageslebens, eine Eroberung seiner Zeit bedeutet, vor allem es lernt sich nicht freuen über dieses Anwachsen seiner Macht.

Von vornherein muß der werdende Mensch lernen, daß er mit dem Auf- und Abbau der vielen Einzeltage zugleich an bestimmten +größeren+ Rhythmengefügen arbeitet. Die Einheit Tag wird durch die Sonne bestimmt. Die nächst höhere Zeiteinheit bildet sich durch den Umlauf des Mondes. Die 28 Tage des Mondumlaufes bilden sicherlich eine sehr wesentliche Periode, durch die sich das körperliche Selbst eines jeden Menschen hindurchschwingen muß. Die monatliche Periode ist, wie der Tagesrhythmus im Leben des Menschen, fast gänzlich verschüttet. Wer fragt danach, ob Vollmond ist oder Neumond? Wenige fragen überhaupt nach dem Dasein von Sonne und Mond und nehmen dieses rhythmische Anschwellen und Abschwellen von Neumond zu Vollmond und wieder zum Neumond genau so gedankenlos hin, wie sie das Anschwellen und Abschwellen des Tages von Morgen über Mittag zum Abend hinnehmen. Die Bedeutung des Mondwechsels lebt höchstens als Erinnerung an märchenhafte Geschehnisse in den dunkelsten Winkeln des Gedächtnisses fort: daß die Hexe zu Neumond oder Vollmond ihre Kräutertränke braut, daß Mädchen ihre Haare zu Vollmond beschneiden, damit sie besser wachsen; dann erinnert man sich, daß auch die Springfluten mit dem Mondwechsel zu tun haben, und schließlich etwas tiefer ins tägliche Leben eingreifend ist die Erfahrung, daß das Wetter bei Vollmond und Neumond umzuschlagen pflegt. Im übrigen denkt man eben nicht an die Mondgezeiten, zumal da auch der Kalender nicht mehr nach Mondmonaten rechnet. Und doch gewinnt diese Periode der 28 Tage bei der Frau eine ihr ganzes körperliches Dasein beeinflussende Bedeutung. Durch zu gestraffte Lebensführung kann diese Periode sich verkürzen, auch kann sie durch eine zu erschlaffte Lebensführung sich verlängern, ja ganz unkenntlich werden. Der Sinn dieser »monatlichen Reinigung« ist die schöpferische Pause, in den zwei bis drei Tagen der Schwäche liegt beschlossen die Sammlung der Kraft. Frauen, die diesen Sinn mißachten und diese schöpferische Pause ihrem Selbst nicht gönnen, also dem allgemeinen Gesetz zuwider handeln, werden allmählich starr oder schlaff. Sinn und Wesen dieses monatlichen Rhythmus ist für den Mann noch bedeutungsloser geworden, weil er nicht wie die Frau ein so merkbares Zeichen in seiner Monatswelle hat.

Die nächst höhere Periode, das Jahr, ist wie der Tag vom Lauf der Sonne abhängig, teilt sich in an- und abschwellende Jahreszeiten. Dieser Periodik entsprechen jährliche Sammlungszeiten des Menschen, die in der Hauptsache dem Aufbau des Selbst gewidmet sind und jährliche Gebezeiten, die durch Abbau des Selbst Leistung schaffen. Die Art, wie die Erde sich durch den sonnenbedingten Rhythmus hindurchschwingt, die ganze Summe der jährlichen Taten und Leiden der Erde, wird dem heutigen Menschen nur noch bruchstückhaft fühlbar. Er spürt zwar die Witterungstatsachen hier und da, aber die großen Zusammenhänge innerhalb eines Jahres sind ihm verloren gegangen. Alle die Erscheinungen der Lufthülle und der Erdoberfläche, wie Luftdruck und -feuchtigkeit, Wolkenbildung und Windstärke, Wärme und Lichtaufnahme, Erdströmung und dergleichen fügen sich an ganz bestimmter Stelle dem Rhythmus des Sonnenjahres ein. Zwischen den einzelnen Jahreszeiten liegen jedesmal Ruhepausen der Erde, schöpferische Pausen, in denen etwas geschieht, ohne daß etwas getan wird. Wo der Mensch in und mit der Natur lebt, wird er bald merken, wie erschütternd tief diese Jahrespausen in sein Selbst einzugreifen vermögen: die Zeit der Wintersonnenwende, die Zeit der ersten Frühjahrswinde, die hohe Zeit des Frühjahrs, die Sommersonnenwende, die Zeit der ersten Reife, die hohe Zeit des Herbstes, die Zeit der beginnenden Winterstürme und abermals die Wintersonnenwende. Das Jahr hat viel mehr Zeiten im Wechsel des steigenden und fallenden Rhythmus, als der Kalender verzeichnet. Und immer wo der fallende Rhythmus abklingt, liegt die bedeutungsschwere Pause. Sie ist da und kündigt sich dem Menschen, der darauf horcht, mit unfehlbarer Sicherheit an. Überhört er dieses rhythmische Schweigen zwischen den Jahreszeiten hartnäckig immer wieder, stürmt er immer wieder über die Pausen hinweg, so verwirrt sich sein eigener Jahresrhythmus immer mehr, daß er mit Gewalt noch Leistungen aus sich heraus hetzt, wo er schon lange wieder einsammeln sollte und daß er sich vollstopft und in sich aufspeichert, wo er längst schon geben könnte.

Wie diese durch Sonne und Mond bedingten Zeitperioden, die das ganze Erdleben schwingen lassen, im einzelnen auf die einzelnen Menschen wirken, wird zunächst noch lückenhaft erkennbar bleiben. Doch werden Menschen, die diesem allgemein erkannten Gesetz nicht mehr widerstreben, allmählich einen rhythmischen Zusammenhang ihres eigenen Lebens mit den astronomischen Perioden zu spüren beginnen. In diese streng gesetzmäßige Periodik des Sonnenjahres muß sich das Menschenjahr in irgendeiner Form einfügen. Und das Heil kann immer nur da sein, wo das »Jahr der Seele« zusammenklingt mit dem Sonnenjahr.

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Die Menschen haben nach dem Gesetz ihres langsameren oder schnelleren Lebenslaufes weniger oder mehr Feiertage nötig. Die vier Sonntage des Monats sind für die meisten sicherlich die vollkommen richtig abgemessene Feierzeit. Auf sechs Tage Arbeit muß notwendig ein Ruhetag folgen, Entspannung, Umstellung ist der Sinn des Sonntages. Wo Menschen schwer arbeiten, halten sie ganz von selbst den Sonntag heilig. Wer am Sonntag aufs Land geht, kann dort in jeder Bewegung eines ihm begegnenden Menschen merken, daß Feiertag ist.

Feiertag ist Freudentag: die Menschen freuen sich an sich selbst, an ihrer Ruhe. Und wenn die Freudenwelle hoch genug steigt, flutet sie auf den anderen Menschen über. So kann der Feiertag zum Festtag werden. Gemeinsam überflutende Freude an sich selbst bringt die Menschen zur festlichen Gemeinschaft. Nur aus der glühroten Freude des eigenen Blutes kann die wahrhaft festliche Erwartung in den Menschen geboren werden, die schöpferische Erwartung, daß unter allen zusammen etwas geschehen wird ohne Absicht, ohne gewollte Anspannung der Kräfte. Dieses innere Wissen von der in allen gleichmäßig stark anschwellenden Freude des Feiertages ist von solcher Wucht, daß es nach Gewand, Leib, Gestalt begehrt, um seine Fülle zu bergen, zu fassen und sichtbar zu machen. Fest ist ursprünglich religiöse Handlung. Die Sonntage und kirchlichen Feiertage lassen das noch ganz abgeblaßt erkennen. Fast nur die äußere Hülle ist geblieben, die innere Bereitschaft, die entscheidende Wucht der gemeinsamen Freude ist zersprungen in tausend Nichtigkeiten. Die Feste der großen Städte sind zu Gespenstern ihres eigentlichen Sinnes geworden, grauenvolle Umkehrung der Wahrheit. Sie bringen nicht Entspannung, sondern zwingen die Einzelnen gerade zu gespannter, ja gekrampfter Lust. Sie bringen die Unrast, mit der schon die Arbeit gewöhnlich getan wird, auch noch in den Feiertag mit. Rastlose Lust jagt die Menschen durcheinander. Der Ballsaal einer Großstadt am Sonntag hat genau dieselbe übersteigerte Atmosphäre wie der große Maschinenraum am Werktag. Die Menschen bewegen sich da wie hier mit derselben Anstrengung, sie schwitzen und keuchen, und leiden an ihrer Unrast. Kein Überfluten der Freude in den anderen Menschen, sondern ein lustbegehrendes Zerren aneinander kennzeichnet die Gemeinsamkeit solches Festes. Nur ganz selten, nur in den kleinen Gemeinschaften, die sich in diesen Zeiten überall im Lande gebildet haben, gibt es schon wieder Feste, die in ihrer strahlenden Schönheit über viele Jahre des Lebens hinaus leuchten für alle, die dabei waren. Da ist das Fest wieder das Werk der feiernden Gemeinsamkeit geworden, unwiederholbar, schön wie Musik, wie Tanz; aber nicht von einem geschaffen, sondern von allen zusammen. Feste können nur dann zu gemeinsamen Werken der Weihe werden, wenn sie wahrhaft in die Ruhezeiten des schwingenden Jahres eingebettet sind. Die alten kirchlichen Feste, soweit sie noch einige Gewalt über die Menschen behalten haben, das Weihnachtsfest, Ostern, Pfingsten sind ganz vom Sonnenjahr abhängig. Etwa: der erste Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond, das gibt den rechten Zeitpunkt für ein Fest beweglich nach der Schwingung des Jahres. Nicht kalendermäßig festgelegt muß der Zeitpunkt der Feste sein. Die innere Ruhe des einzelnen Menschen, ihre Versenkung in sich selbst ist ja gesetzmäßig gebunden an die Wartezeit des Sonnenjahres. Diese Zwischenjahreszeiten sind die natürlichen Räume für die menschlichen Feste. Weil zu solchen Zeiten alle in der gleichen Lage der Ruhe und Erwartung sind, können sich hier wahrhaft religiöse Feste erheben, die wieder alle Menschen in Eins zu verbinden vermögen.

Lebensalter

Wo der Mensch sich des zeitlichen Ablaufes bewußt wird, meint er damit meistens die astronomisch bedingte Zeitfolge. Vergangenheit ist ihm nach Tagen und Jahren meßbar. Vor seiner Geburt sieht er eine endlose Reihe von Jahren; nach seinem Tode sieht er wieder eine unendliche Reihe von Jahren. Und das Gefühl der Vergänglichkeit überfällt ihn wie ein Schwindel, wenn er sich so in dem unabsehbaren Netz der Sternenzeit hängen sieht. In dem Grade, wie einer sich seiner eigenen Entwicklung, also seines Selbst bewußt wird, wird er unabhängiger von den astronomischen Zeiteinheiten. Er fühlt sich dann nicht mehr hängend in einem unübersehbar weiten Zeitgefüge. Viel eher fühlt er sich als Schöpfer seiner eigenen Lebenszeit. Und wenn er gegen Ende des Lebens seine Zeit überblickt, mag ihm zumute sein wie einem Künstler vor dem endlichen Abschluß +seines+ Werkes.

So kann der Mensch also sein Verhältnis zur Zeitlichkeit gewissermaßen von zwei Seiten her betrachten. Nach außen hin sieht er sich eingespannt in die stets wiederkehrende Folge der durch Sonne- und Mondumlauf bedingten Gezeiten. Durch Tage, Monate und Jahre muß sein Leben hindurchschwingen, um schließlich darin zu verschwinden. Nur ganz selten vergißt der Mensch die schneidende Gewalt der Sternenzeit und wird gewahr, daß er ja auch ebenso gewiß aus seinem eigenen Selbst heraus stetig sein eigenes Zeitnetz spinnt. Als Einheit der selbsteigenen Zeit des Menschen könnte man von seiner Atemsekunde sprechen, von der Zeit, die ein jeder zu +seiner eigenen+ Aus- und Einatmung braucht. Es wäre vorstellbar, daß das atmende Selbst auch in einem gleichmäßigen dunklen Raum ohne Bewegung verharrend, gewissermaßen wie die Tiere im Winterschlaf, mit seinen eigenen Atemsekunden eine eigene Zeit aufbauen könnte. Mit seinem eigenen Atem schwingt er sich durch die Tage und Jahre. Aber nicht jeder schreitet nun gleichmäßig fort. Die Allermeisten erreichen nicht die höheren Altersstufen ihres Selbst. Nach dem ersten Anlauf des Lebens bleiben sie in sich selber stecken.

Bei dem Aufbau der eigenen Lebensalter ist die Bedeutung der schöpferischen Pause groß, Glück und Fülle und Schönheit des Einzellebens hängt davon ab, ob die kraftspendenden Pausen zwischen den Lebensaltern wirklich innegehalten wurden.

In der Jugend folgen die Lebenswellen schneller aufeinander. Die Pausen sind dichter aneinander gerückt. Im Alter greifen die Wellen breiter aus, und weitere Zeiträume umspannend folgen die Pausen.

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