Part 10
Was ist knabenhafte Verhaltenheit? Es ist Inbrunst, Verharren in der schöpferischen Ruhelage zur Zeit der geschlechtlichen Reife. Wie immer das Gleiche: hier wird nichts +getan+, aber Entscheidendes +geschieht+. Dieser Zustand innerer Glut, der den Menschen nur für die kurze Zeit der Knabenjahre erfüllt und Wärme für das ganze Leben bereiten soll, wird nun in der schlimmsten Weise mißbraucht. +Auch+ von den jungen Menschen selbst. Davon war schon die Rede. Mißbraucht vor +allem+ aber durch die +erwachsenen+ Menschen, die mit dem Knaben zusammen sind. Eltern, Lehrer, Erzieher, alle zehren sie von diesem kostbaren Gut, als gehörte es ihnen. Meist wissen sie es nicht, aber sie zerren den jungen Körper, wo er ganz schmiegsam und biegsam und hilflos ist, nämlich an seiner geschlechtlichen Verhaltenheit. Sie verlangen von ihm eine zugemessene Arbeit, reizen seinen Ehrgeiz und loben und tadeln und schmeicheln willkürlich an ihm herum. Sie verlangen, daß der Knabe alles ihnen »zuliebe« tut. Warum? Sie wollen sich daran wärmen. So werden sie zu Verführern wider Willen und bringen es endlich dahin, daß der Knabe seine geschlechtliche Inbrunst viel zu früh in körperliche oder geistige Arbeit umsetzt, an der sie ihre »Erfolge« sehen können, an der sie sich freuen, an der sie sich wärmen. Hier wird auch der wissende Erzieher leicht Verführer. Denn auch er wärmt sich machtsüchtig, wenn auch meist nicht so prahlerisch und eitel an der inneren Glut, die von den Knaben ausgeht. Gar zu gern läßt auch er sich etwas »zuliebe« tun. Ja, er lockt zu sich heran und bringt Liebe frühzeitig zum Ausbruch. Unter den verschiedensten Formen kann sich das verbergen und sehr harmlos und sachlich, ja sogar geistig aussehen. Dieses Schüren der inneren Glut ist und bleibt aber doch immer ein eigenmächtiges und meist gefallsüchtiges Stören des fremden Lebens, ehe es Zeit war.
* * * * *
Der Führer zum wahren Leben wird hier immer nur auf das eine sehen, wie er die geschlechtliche Inbrunst in dem Knaben hüten kann, so daß sie ganz und gar in ihm bleibt. Nur wenn er selbst ihm stets herb und verhalten gegenübersteht, kann das gelingen. Er braucht darum seine eigene Lust an den jungen Menschen nicht etwa zu verbergen und zu unterdrücken, nur hinabschwingen, untertauchen lassen muß er diese Lust in die inbrünstige Tiefe seiner eigenen Liebe, bis sie sich nicht mehr laut und zügellos gebärdet, sondern ganz still und mild von innen her strahlend geworden ist.
Aus der Tiefe seiner wohl behüteten geschlechtlichen Inbrunstzeit wird der Knabe nun die Kraft zu seiner ersten geschlechtlichen Leidenschaft aufbringen. Und diese Leidenschaft ist eine Opferung seiner knabenhaften Verhaltenheit. Geschlechtliche Hingabe bringt Schmerz, bringt das Ende des in sich selbst beschlossenen Lebens, bringt in jedem Fall das erste Vertrautwerden mit dem Tode. Die in dem Gefäß des Körpers bereitete Wärme, diese an den Rand gestiegene Kraft wird auf einmal dem geliebten Menschen hingegeben. Weiter kann hier nichts gesagt werden. Geschlechtliche Hingabe entzieht sich jeder allgemeinen Behandlung durch Worte und bleibt die eigenste Angelegenheit des Menschen. Der Führer kann da nichts tun, als den Vertrauten in seine Mannheit entlassen. In der Gewißheit, daß dem Menschen, der in sich selbst zu schwingen gelernt hat, nichts Gesetzloses mehr geschehen kann.
Wenn der Mensch so aus der verhaltenen Glut der Knabenjahre in die gespannte Kraft seines Mannestumes eingegangen ist, braucht es für ihn in seiner eigenen Geschlechtlichkeit keine Hemmung mehr zu geben. Er ist von sich aus frei. Wohl aber bleibt die Hemmung bestehen, welche durch die Ferne des geliebten Menschen auferlegt wird: Ehrfürchtige Haltung vor der geschlechtlichen Ferne der Frau. Das Mädchen geht ja einen ganz anderen Weg der Geschlechtlichkeit. Unumstößlich sicher ist das geschlechtliche Leben der Frau um die Inbrunstzeiten, die Zeiten der ruhenden Liebe, um die Zeiten der schöpferischen Pause gruppiert und aufgebaut. Die erste Blutung, die an einem Tage ganz unerwartet das Mädchen in die ruhende Lage zwingt, sieht für die Entwicklung der weiblichen Geschlechtlichkeit an derselben Stelle, wie der erste nächtliche Kräfteüberschuß des Knaben. Aus diesen höchst verschiedenen Anfängen ist die ganze Verschiedenartigkeit des geschlechtlichen Lebens erkennbar. Periodischer Kräftewiederkehr des Knaben entspricht eine monatliche Schwächewiederkehr des Mädchens. Das spannt eine unüberbrückbar scheinende Ferne zwischen die Geschlechter. Die leidenschaftlichen Höhepunkte bilden beim Mann die Periode, die inbrünstigen Tiefpunkte bei der Frau. Wahre Liebe muß nun das Wunder vollbringen, diese gewissermaßen im weitesten Abstand voreinander hergleitenden Rhythmen dennoch zusammenklingen zu lassen.
Zunächst muß noch einmal von hier aus Rückwärtiges beleuchtet werden. Wenn der Erzieher in dem Knaben gegenüber der leidenschaftlichen Gier sich zu vergessen jenes zweite von Natur aus schwächere Gefühl: Gefäß zu sein für seine eigenen immer wachsenden Kräfte, ausspielt und stark macht (und gerade dies ist ja Sache der Erziehung), stärkt er damit die weiblich gerichteten Kräfte des Knaben. Inbrunst schwingt stets nach der weiblichen Seite hin. Und so kann es kommen, daß der Knabe in dem meist so kurz dauernden Zustand seiner vollendeten Knabenhaftigkeit in sich selbst den Ausgleich zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit vollbringt und darstellt. Er ist das inbrünstige Gefäß für seine eigene leidenschaftlich schwellende Kraft. Erklärt ist daraus, daß die Knaben sich zu dieser Zeit gerade von Mädchen abgestoßen fühlen. Sie brauchen sie nicht, weil sie ja genug von weiblicher Kraft in sich haben. Kurz ist dieser Zustand meist und hört auf in dem Augenblick, wo sich seine Leidenschaft nach außen wendet, wo ihn das ferne Sein weiblicher Geschlechtlichkeit zum Ausbruch aus sich selbst lockt. Das Mädchen in der Zeit seiner Reife stellt ebenso wie der Knabe eine in sich geschlossene Einheit dar, die eine Zeitlang gar keine Berührung von außen her verträgt. Scheue, herb abweisende Bewegungen kommen zu dieser Zeit in die Gebärdensprache des Mädchens. Noch hilfloser als der Knabe ist das Mädchen in seiner Unnahbarkeit und meist noch weniger in ihrem Zustand geachtet. Die Mutter hat in den meisten Fällen ihr eigenes schweres Leben die Not ihrer Jugend vergessen lassen, so daß sie verständnislos bleibt. Statt Raum um das Kind zu breiten, jagt sie es gerade zu den anderen Menschen hin. Man führt das junge Mädchen in die Geselligkeit ein. Auch hier sonnen sich die Erwachsenen, die Mütter an den Erfolgen ihrer Kinder, sind stolz auf die Liebe, die durch die mädchenhaft verhaltene Schönheit erregt wird und wärmen an dieser Glut Erinnerungsträume aus ihrer eigenen Jugend auf. Und dabei wird an den Mädchen gezerrt und geschüttelt, geschmeichelt und verbogen, was nie wieder gut zu machen ist. Wenige wehren sich dagegen und flüchten sich hinter den Schutzwall der in ihnen liegenden männlichen Teilkräfte. Sie werden dann meist spröde und unbeugsam. Die meisten geben es aber von da an auf, einsam zu sein. Sie werden gefallsüchtig, lüstern und sehen ihren Lebenszweck darin, andere Menschen anzulocken, je älter sie werden desto absichtlicher und immer mehr mit der Entfaltung aller Willenskräfte. Hier geschieht also dasselbe wie beim Knaben, die Verwirrung des eigenen geschlechtlichen Rhythmus durch viel zu frühe Willensentfaltung, und gerade dies ist das entscheidend Verderbliche. Darin liegt ja auch der Grund, weswegen sie auch später über die von der Natur gesetzten Inbrunstzeiten der monatlichen Reinigung hinwegjagen. Sie müßten einsam sein können und ganz in sich selbst beruhen in dieser Zeit, und gerade das haben sie nicht gelernt oder längst verlernt. Bei allen Naturvölkern ist es Gesetz, daß die Frau zur Zeit ihrer monatlichen Blutung von keinem Manne berührt werden darf, ja nicht einmal in die Nähe eines Mannes kommen darf. Sie ist unrein, sie geht in die Einsamkeit -- wie auch die Knaben zur Zeit ihrer Reife in die Wälder geschickt werden. Dagegen ist in der europäischen Welt der Zustand schließlich so geworden, daß die Frauen durch allerlei Künste und Mittel voreinander und vor allem vor den Männern dieses »Unwohlsein«, wie sie es nennen, zu verbergen wissen. So ist der Eigenrhythmus der weiblichen Geschlechtlichkeit gerade an der Stelle fast vollkommen zerstört, wo das Naturgesetz am offensichtlichsten zutage treten sollte.
* * * * *
Die überwiegende Mehrzahl von Männern sucht nach einer ganz kurzen und meist jäh gebrochenen Knabenzeit sogleich seine leidenschaftliche Erfüllung in dem anderen Geschlecht. Die Schranke der Ehrfurcht vor der Fremdheit der Frau hält also nicht mehr stand. Sie ist beim ersten Ansturm gleich zerbrochen. Hemmungslos prasselt das nächste in das fernste, verzischt und verbrennt. Der Frau wird Gewalt angetan. Sie wird aus der inbrunstgerichteten Zeit willkürlich herausgerissen, hinaufgerissen auf leidenschaftliche Höhe, meist ehe es von Natur so weit gekommen ist. Seit Jahrtausenden ist das so. Hier gilt es, mit aller Kraft den Wall der geschlechtlichen Hemmungen aufzurichten, das Wissen von der Ferne weiblicher Geschlechtlichkeit, von der Unnahbarkeit der Frau groß zu machen.
Nicht alle Männer brechen so frühzeitig und unhaltbar aus ihrer Knabenzeit heraus. Gerade im Gegensatz dazu kann es geschehen, daß sie schwer oder gar nicht daraus herauskommen. Sie vergessen es gewissermaßen, aus der inbrunsttiefen Zeit ihrer schöpferischen Pause aufzutauchen. Sie erstarren in ihrer knabenhaften Vollendung. Sie fürchten sich davor, wieder in Stücke zu gehen und den verlorenen Teil suchen zu gehen. So werden sie ängstlich in ihrer selbstgenügsamen Vollendung. Mit ihrer wollenden Regung halten sie an ihrer Reinheit fest. Immer bleiben sie Gefäß für ihre steigende und fallende Kraft, aber langsam wird es ihnen überhaupt unmöglich, über ihren eigenen Rand überzufließen. Zwischen dem zu frühen Ausbrechen aus dem Knabentum und dem zu langen Verharren darin geht der Weg, den der Erzieher nur führen kann, wenn er Knaben und Mädchen zugleich erzieht. Er braucht dann nur die verschiedene Geschlechtlichkeit verschieden zu betonen, einfach durch die verschiedene Art und Weise, wie er sich zu jedem Einzelnen stellt. Und das wird beispielhaften Einfluß haben. Die Knaben wird er in ihrer Männlichkeit lächelnd, schweigend, unmittelbar aus seiner eigenen Männlichkeit heraus anerkennen. Dem Frauentum der Mädchen wird er in jeder Gebärde selbst ehrfürchtig und scheu gegenüberstehen. Seiner selbst ganz sicher und doch zugleich ganz und gar liebeweit offene Frage, was da so fern von ihm und doch ihm zugewandt geschieht. So werden die Knaben es dann auch machen. Sie werden die Scheu vor dem Weiblichen von vornherein lernen. Ritterlichkeit nannte es eine vergangene Zeit. Diese scheue Zugewandtheit zu dem anderen Geschlecht wird jedes voreilige Zueinanderprasseln hemmen. Nicht nur die wilde verfrühte Leidenschaftlichkeit, auch die heute aufgekommene ersatzhafte Neigung zu allen möglichen Formen burschikoser Kameradschaftlichkeit wird dadurch ausgeschlossen werden. Die Ferne des anderen Geschlechtes wird weder rücksichtslos ausgelöscht, noch auch phrasenhaft vertuscht werden, sondern wird ruhig und klar in ihrer ganzen Weite anerkannt werden. Damit wird der Bogen des +Trotzdem+ immer mehr an Spannkraft gewinnen. Die Ferne des anderen Geschlechtes wird nun immer heißer begehrt werden. Aus der knabenhaften Selbstgenügsamkeit und Ausgeglichenheit heraus wird sich die bewußt einseitige Männlichkeit ausprägen und immer steigern. Und aus der mädchenhaften Sprödigkeit und Herbheit wird Frauentum ausreifen. Diese gegeneinander sich immer deutlicher ausprägende geschlechtliche Reife wird das Gefäß ausgeglichener Selbstgenügsamkeit von Knaben- und Mädchentum an einem Tage in gemeinsam aufspringender Leidenschaft sprengen. Aufhebung aller eigensüchtigen, eigengewichtigen Schwere, Tod des Selbst wird sein.
Hier liegt die Gefahr, weil sich die zwei Menschen dem Gesetz der wieder abschwingenden Kräfte meist nicht völlig fügen. Besonders der Mann wird meist die Leidenschaft übersteigern. Mit Willen festgehaltene geschlechtliche Leidenschaft scheidet aber sofort stärkstes Gift aus, das die bindende Liebe augenblicks zerfressen kann. Hier muß die Frau wissen, daß sie führend ist, führend sein muß. Die Frau allein vermag aus der Tiefe ihrer geschlechtlichen Eigenart den Abschwung der Bewegung einzuleiten. Der geschlechtlichen Art des Mannes entspricht es ja von Natur eigentlich nicht zu hemmen, da gerade die leidenschaftlichen Höhepunkte bei ihm Periode bilden müssen. Solange die Frau an dieser führenden Stelle versagt, +ver+führt sie also zu immer neuen, immer sich steigernden Zügellosigkeiten oder aber sie zwingt dem Mann gegen seine eigene geschlechtliche Natur hier doch die Zügel in die Hand, daß er sich besinnt in Augenblicken, wo es gerade seiner Natur gemäß wäre, besinnungslos zu sein. Nur die Frau, die gelernt hat, in ihre schöpferische Ruhelage hinabzugelangen, vermag hier Führerin zu sein.
Die tägliche Erneuerung der Liebe
Alle die großen Schwingungen, der ganze Bogen des Liebeslebens, das Schwingen der Lebensalter, schließlich die sexuelle Periode der Liebe reichen noch nicht heran an das, was Liebe eigentlich ist, an das tägliche Auf und Ab von Leidenschaft und Inbrunst. Nur jene ganz kleinteiligen Schwingungen lassen mit Sicherheit spüren: hier in diesem Augenblick ist -- war -- inbrünstige oder leidenschaftliche Regung. In einem gefüllten Leben wechselt Einsamkeit mit Liebesregung in einem ständig zuckenden Wechselstrom des täglichen Lebens. Wo einer im täglichen Leben spürt, daß alle seine einsamen Stunden leer und trostlos geworden sind, gibt es für ihn nur eins: sich ungehemmt der inbrünstigen Liebesregung zu überlassen. Er ist dann geladen mit seiner Einsamkeit und stark Liebe zu geben. Nichts ist sinnloser, als in solchem Augenblicke sich selbst zu zwingen, an seinem Werk, an seiner Ruhe festhalten zu wollen. Nur in der Hingabe besteht dann das Heil. Aber umgekehrt gibt es nach jedem höchsten Augenblick gesteigerter Liebesregung nur eins: sich fallen lassen in die Einsamkeit seines Selbst. Einsamkeit ist die schöpferische Pause für die Liebe, und Liebe ist die schöpferische Pause für die Einsamkeit. Es sind die Pole, zwischen denen alle täglichen Regungen hin und her fluten. Wo dieser Wechselstrom nicht strömt, wird das tägliche Leben sinnlos und quälend. Unmittelbar nahe an der Wirklichkeit pulst für jeden Menschen dieser Wechselstrom.
Zunächst ist jeder hier mehr oder weniger unterworfen dem Gesetz des Sonnentages. Es gibt Zeiten des Tages, die liebegerichtet sind und Zeiten, die das Selbst zur Einsamkeit drängen. Von den schaffenden, den aufbauenden Zeiten des Tages wurde schon gesprochen. Jetzt muß noch einmal davon gesprochen werden. Denn es sind zugleich die Zeiten schöpferischer Pause, in denen die Liebe stark wird, ohne noch sichtbar zu werden. In den Stunden einsamer Morgenarbeit (Arbeit ist immer einsam, auch wenn sie mit anderen zusammengetan wird) ballt sich hauptsächlich die Liebeskraft für den ganzen Tag zusammen. Am frühen Morgen ist es das Bestreben des Menschen, mit sich allein zu sein, wenn auch nur eine kurze Zeit. Menschen, die lange schlafen, werden dieses Alleinsein weniger nötig brauchen, weil sie der Morgenschlaf genügend isoliert und in die Tiefe ihres Selbst geführt hat. Später am Vormittag kann sich jeder sehr viel leichter und sicherer zu dem anderen Menschen finden. Er sieht ihn, hört ihn, spürt ihn um sich. Er tut mit ihm gemeinschaftlich, was gerade not ist. Und er kommt ihm nahe. Am Nachmittag wechselt der Strom öfter, der Nachmittag hat nach einer kurzen Zeit der Ruhe im allgemeinen liebegerichtetes Vorzeichen, und erst am späten Nachmittag, wenn die schöpferische Kraft wieder langsam und zäh die Oberhand gewinnt, wird das Verlangen zur Absonderung wieder stark werden. Doch hat der Wechselstrom am Nachmittag nicht mehr die Stoßkraft wie am Morgen. Die Sonne verliert an Kraft und in demselben Maße gewinnt der Mensch gewissermaßen Übergewicht über die tragenden Kräfte des Sonnentages und so vermag er hier schon sehr viel leichter den Wechselstrom nach seinem Willen zu lenken. So ist es begreiflich, daß im gesamten Volksleben nachmittags Arbeit und Geselligkeit viel mehr durcheinander geht als am Vormittag. Am Abend und in der Nacht wird dieses Übergewicht des Menschentages über den Sonnentag noch größer. Die Abende werden liebesbetont sein können oder auch werktätig je nach der Eigengesetzlichkeit des einzelnen Menschenlebens. Erst in der zweiten Hälfte der Nacht kommt »Es« wieder über den Menschen und läßt einsame Arbeit erschlaffen oder die Liebesregung einschlafen. Tiefschlaf kommt und bereitet die neue Morgeneinsamkeit vor.
* * * * *
Mit diesem Gesetz von Liebesnähe und Liebesferne innerhalb des Sonnentages ist nur das allgemeine Schema zu geben. Der Führende wird ganz sacht und sicher dafür sorgen müssen, daß die Morgeneinsamkeit und die nachmittägliche Ruhe und die Zeit des Tiefschlafes, diese drei großen Perioden der täglichen Liebesferne im allgemeinen innegehalten werden. Das Bild der ganzen Tageseinteilung wird so im Großen stets nach diesem umfassenden Gesetz geprägt sein müssen. Für jeden einzelnen Menschen bleibt trotzdem das Wechselstromnetz von Liebesnähe und -ferne unberechenbar und andersartig an jedem neuen Tage. Denn jeder wandelt eben das Gesetz in seiner Weise ab. Es wird Tage geben, in denen die Liebe ganz und gar überflutend den Tag in seiner Richtung ganz allein bestimmt und es gibt Tage, die allein zur schöpferischen Arbeit oder zur Versenkung in sich selbst bestimmt sind. Doch kann der Rhythmus des Wechselstromes auch sehr viel zuckender gehen und vielmals am Tage von einem Pol zum anderen überspringen. Das läßt sich weder vorher sagen noch willkürlich beeinflussen. Wie die Pulsschläge des Herzens jagen oder langsam werden, unberechenbar, unbeeinflußbar durch Willen, so ist es auch mit dem Wechselstrom von Liebesnähe und -ferne in dieser seiner kleinteiligsten Rhythmik. Wer hier seiner selbst sicher geworden ist, braucht keine Furcht mehr zu haben, daß die Liebesferne einsamer Stunden die Liebe selbst schädigen könnte. Nein, im Gegenteil, gerade diese Zeiten sind ja Zeiten der Werbung. Wer in der Frühe die Vögel hat singen hören, weiß es: Jeder Vogel ist ganz in sich selbst, in seiner schwingenden Stimme, und doch dient dieses alles gerade zur Lockung des anderen, es bedeutet nichts als Liebeswerbung. So ist es. Wo der andere Mensch am fernsten ist und ganz in sich selbst zurückgezogen, wirbt er, lockt er ungewollt und unbewußt am meisten, weil eben ganz aus sich selbst.
Der Führende muß hier also vor allen Dingen die Furcht voreinander entkräften, so daß jeder seiner Anvertrauten sich dem Wechselstrom gern und willig überläßt. Falsche Liebe wird nicht mehr sein, kann nicht mehr sein, wenn der junge Mensch täglich immer wieder ohne Scheu für längere oder kürzere Zeit zu sich selbst kommt, wie sein Lebensgesetz es verlangt. Die meisten Kinder geraten in ihrem täglichen Rhythmus schon früh durcheinander. Entweder werden sie lieblos behandelt und die Zeit, in der sie sich mit sich selbst beschäftigen müssen, wird über Gebühr lang. So ist es vor allen Dingen in den unbemittelten Schichten häufig genug. Sie leiden dann an Liebesleere. Ihr ganzes Leben bleibt unerfüllt von Liebe. Und später versuchen sie dann, die Liebe herbeizuzwingen oder sperren sich trotzig gegen jede Liebesregung ab. Die Anderen aber, die Kinder reicher und unbeschäftigter Eltern werden von den Erwachsenen gezwungen, auch in ihren einsamen Stunden immer wieder Liebe an ihre Umgebung abzugeben. Man beschäftigt sich dauernd mit ihnen. So werden sie zuletzt hungrig nach sich selbst und schlaff und arm an Liebeswillen. Der Führer zum Leben muß nun die Stunden des Tages wägen und niemals zulassen, daß das lebendige Wechselströmen von einem Pol zum anderen aufhört. Auch muß er darauf achten, daß die Umschaltung von Liebesnähe und -ferne beliebig schnell geschehen kann. Dieses erfordert viel Übung. Was ehedem als Erziehung zur Demut und Selbsthingabe, gesellschaftlich gesprochen, als Erziehung zur Höflichkeit gelehrt wurde, hat den Übungswert, solche schnelle Umschaltung gründlich zu lernen. Ein höflicher Mensch hat es infolge seiner Übung erreicht, sich schnell aus der Selbstruhe oder aus irgendeiner Arbeit loszumachen, um für den Anderen da zu sein. Nur ist die Höflichkeit zu einer ein- für allemal gültigen Formel erstarrt. Und damit wird ja gerade die lebendige Hingabe aus immer wieder neuem Antriebe erstickt. Die Lust am Gekonntem, am Erlernten ist da zu groß geworden. Hier bleibt die tägliche Aufgabe des Führenden, den täglichen Verkehrston der miteinander lebenden und arbeitenden Genossen stets von neuem auf eine ins Lebendige aufgelöste Höflichkeit abzustimmen. Nur wenn er selbst vermag, leicht hinüberzuschwingen aus dem liebesfernen in den liebesnahen Zustand, wird sein Beispiel stark genug wirken. Er versagt in dem Augenblick, wo er zu schwerfällig in seinem Selbst bleibt und zu langsam in seiner Bereitschaft.
* * * * *
Hier wird das Geheimnis des Miteinanderlebens im Tiefsten berührt. Zwischen diesem Wechselstrom werden täglich alle Regungen der Menschen hin und her getrieben und erscheinen in einem Augenblick als selbsteigenes Werk und im nächsten Augenblick schon als Liebestat. Das Fernste wird zum Nächsten und Unterschiede sind nicht mehr. Öfter noch als der Atem, mehrmals in einer Atemsekunde vermag der Mensch durch eine leichte Umstellung des Wechselstromes zu dem Grunde hinabzutauchen, wo es keine Unterschiede mehr gibt zwischen ich und du. Alles Vorhergesagte wird erst an dieser tiefsten Stelle unmittelbar greifbar. Liebe ist ja nur in einem einzigen verfliegenden Augenblick spürbar. In einem solchen Augenblick prallen die Lebensalter aufeinander. Das menschliche Jahr spitzt sich in seiner Liebesgerichtetheit vielleicht auf einen einzigen solchen Augenblick zu. Die geschlechtliche Liebe bäumt sich im Augenblick auf. An jedem Tage kann es unzählige Male zu solchem polaren Zusammenströmen und Auseinanderströmen kommen. Zwischen inbrünstiger Gespanntheit und leidenschaftlicher Opferung des Selbst ist das Wechselstromnetz der liebesnahen und liebesfernen Augenblicke über alle Tage, Monate, Jahre und Lebensalter des Menschen ausgespannt. Und immer ist der Augenblick der Umschaltung, der als das Opfer der stets von neuem erzeugten Wärme von dem +einen+ verlangt, von dem +andern+ geschenkt wird, der +schöpferische+ Augenblick. Dies Innehalten ist zeitlich nicht mehr merkbar, so kurz ist es. Es ist die schöpferische Pause in ihrer flüchtigsten Form, der Blutwelle vergleichbar und wohl auch mit dem flutenden Blut ein und dasselbe.
Erziehung zum wissenden Leben
Das Wissen ist ein Abbau des Eigenlebens in die Welt hinein. Es gilt Brücken zu schlagen zwischen all den fremden Dingen ringsum und vor allem von sich selbst zu diesen umgebenden Dingen. Nur wo dieses Suchen der Zusammenhänge in dem Drang geschieht, sich selbst abzubauen, sich liebend hinzugeben, wird die Kenntnis der Dinge zur wahren Wissenschaft.