Part 4
Da nun der Tag kam, suchet der Peter die Hölzer gegen dem Meer zu, damit sie nicht gesehen würden von jemand, und damit man von ihnen nichts möchte erfahren. Und da sie nun tief genug im Holz waren, da hub der Peter die Schöne Magelona von dem Pferde herunter, und zog hernach den Pferden ihre Zäume ab und ließ sie weiden und grasen. Und ging er und sie sitzen auf das grüne Gras unter einen Schatten. Und sagten von ihrer Abenteuer, und baten GOTT fleißig, daß Er sie wolle beschützen und endlich führen, da sie hin begehrten, ihr Fürnehmen zu verbringen. Und als sie beide lang mit einander hätten geredt, da überkam die Schön Magelona großen Willen, zu schlafen und ein wenig zu ruhen, wann sie hätt die ganze Nacht nicht geschlafen, auch war sie müde worden von dem Reiten. Also leget sie ihr Haupt in des Peters Schoß und fing an zu schlafen.
Wie man das Hinwegziehen des Ritters und der Schönen Magelona erfuhr, und wie sie an allen Orten gesucht wurden.
Als es nun Tag worden, kam die Amme in die Kammer der Schönen Magelona, und tät allda lange Zeit verharren, wann sie vermeinet, sie schliefe noch. Und da sie sah, daß die Zeit vorüber war, in der sie gewohnet war, auf zu stehen, gedachte sie, dieweil sie also lang verzöge, sie würde schwach sein. Also ging sie für das Bette, da fand sie niemand, sondern das Bette war noch unzerbrochen, daran man kein Zeichen finden mochte, daß etwann wer darinne gelegen. Des erschrak sie sehr, und gedacht in ihr selber, daß sie der Peter hätte hin geführet. Und ging als bald in die Herberg des Peter, und fraget nach ihm; da erfuhr sie, daß er hin war. Da fing die Amme an, sich so jammerlich zu stellen, daß sie vermeinet zu sterben. Und ging als bald in der Königin Kammer, und saget ihr, wie sie die Schöne Magelona hätte gesuchet in ihrem Bette, aber hätte sie nicht gefunden, sie wüßte auch nicht, wo sie wäre.
Als solches die Königin von der Ammen höret, erschrak sie und ward zornig, ließ sie überall suchen, so lang, bis solches der König erfuhr. Und kam das Geschrei, der Ritter mit den Schlüsseln wäre hinweg. Da gedacht sich der König, der Ritter hätte sie mit sich hin geführet. Und ließ der König als bald mit Macht auf bieten, nach zu folgen und zu suchen; und so man den Ritter überkäme, gebot er, man sölle ihm ihn lebendig bringen. Wann er wollt ihn strafen, damit die ganze Welt darvon wüßte zu sagen.
Da nun die Untertanen hätten verstanden den Willen ihres Herren, gingen sie heim. Und nahmen ihr Harnisch und Waffen, zerteilten sich hin und wieder auf dem Wege und suchten mit großem Fleiß. Und blieben der König und die Königin unmutig bei einander; wann der ganze Hof ward betrübet, in Sonderheit die Königin; die wollt verzweifeln und schrie und weinet gar jammerlich.
In dem schicket der König nach der Ammen, und saget ihr: »Es mag nicht gesein! Du mußt etwas darvon wissen, daß dann kein Mensch!« Da fiel die gute Amme dem König zu Füßen und sprach: »Aller gnädigster Herr, so ihr in mir möget finden, daß ich in dieser Sachen einerlei schuldig bin, so bin ich zufrieden, daß ihr mich lasset töten eines grausamen Todes, wie ihn euer Hof erkennen wird. Dann als bald ich solches erfahren, hab ich's meiner gnädigen Frauen, der Königin, angezeiget.«
Da ging der König in sein Gemach, aß und trunk nichts den ganzen Tag vor Trauern. Es war auch erbarmlich, zu sehen der Königin Wesen, samt anderen Jungfrauen und Frauen des Hofes, auch durch die ganze Stadt Neapel.
Nun suchten die Untertanen hin und her treulich, aber sie konnten nichts finden, noch erfahren von den Zweien. Und kamen also eines teils in sechs Tagen wieder, die anderen in fünfzehen Tagen. Erfuhren und funden nichts, darum der König fast zornig ward.
Nun wollen wir hie verlassen, weiter von dem König zu sagen; und wollen uns wenden, zu sagen von der Schönen Magelona, die da lag im Holze und schlief.
Wie die Schön Magelona entschlief in dem Schoße des Peter, und wie er große Lust hätt, sie schlafend an zu schauen, doch zu Ende zornig ward, als ihr hernach hören werdet.
Wie ihr oben gehört habt, daß die Schön Magelona in dem Schoße des Peter entschlief, da hätt der Peter keine größer Lust, dann im Anschauen seiner aller Liebsten; er kunnt sich auch nicht ersättigen der Schöne, die er da vor sich sah. Und da er sie genug besehen hätt, ihren schönen roten Mund, auch das Angesicht, da kunnt er sich nicht enthalten, schnüret auf ihre Brust, zu beschauen auch ihre schneeweiße Brust, die weißer war zu sehen, dann ein Kristall; griff an ihre schönen Brüstlin. Als er solches tät, ward er in der Liebe ganz entzundet und verzucket. Gedauchet ihn, er wäre im Himmel, gedacht auch, Unglücke möchte ihm nichts schaden. Doch diese Lust blieb ihm nicht lang; wann darnach erlitt er unübertreffliche Pein, als ihr hernach werdet vernehmen.
Da nun der Peter die Schöne Magelona wohl besehen hätt, da sah er ungefähr einen roten Zendel zusammen gewickelt zwischen ihren Brüstlin liegen. Da überkam ihn große Lust, zu erfahren, was es wäre, und nahm es heraus und wickelt es auf. Da fand er darinnen liegen die drei schönen Ringe, die er ihr geben, und die sie also lieb hätt und auf hub von seinen wegen. Da sie nun der Peter gesehen hätt, wickelt er's wieder in den Zendel wie vor und leget sie neben sich auf die Seiten auf einen Stein und begunnt, die Schöne Magelona wieder an zu sehen, und ward also verzucket in der Liebe, daß er nicht wußt, wo er war.
Aber GOTT der Allmächtig erzeiget ihm, wie daß in dieser Welt kein Freude wäre ohn Traurigkeit, und schicket darhin einen Vogel, der da lebet von dem Raub. Der ersah den Zendel, und vermeinet, es wäre Fleisch, erwischet ihn und flog darvon.
Wie Peter dem Vogel nach folget und warf zu ihm mit Steinen, aber der Vogel ließ den Zendel ins Meer fallen.
Da der Peter solches ersah, daß ihm der Vogel die Ringe hätt hinweg geführet, ward er zornig; wann er gedacht, so es die Schön Magelona, die er dann ungerne erzürnen wollt, erführe, es würde ihr nicht gefallen. Er leget seinen Mantel säuberlich unter ihr Haupt, damit sie nicht erwache, und folget dem Vogel nach, warf mit Steinen nach ihm; wann er verhoffet, er wölle die Ringe ihm wieder ab jagen. Und trieb es so lang, bis der Vogel den Zendel mit den Ringen ließ in das Meer fallen. Dann saß er auf einen kleinen Felsen nahe bei dem Erdreich. Jedoch zwischen dem Felsen und Erdreich war eine große Menge des Wassers, es mochte keiner hinüber kommen, von Sorge wegen, daß er nicht ersaufe. Auf dem Felsen saß der Vogel, und wurf der Peter mit Steinen zu ihm, und dränget ihn also sehr, daß er die Ringe ließ ins Meer fallen, und flog darvon.
Da mochte der Peter nicht hinüber vor Wasser, er wäre sonst ersoffen, wie wohl es nicht weit war von dem Lande. Da fing der Peter an, hin und her zu suchen, ob er möchte was finden, darinne er sicher hinüber kommen möchte. Und sprach wider sich selber: »O mein GOTT, was habe ich getan! Hätte ich die Ringe liegen lassen an ihrem Orte, da sie wohl und sicher lagen! Ich meine, sie werden mir wohl bezahlt, des gleichen der Schönen Magelona. Wann ich lang aus bleibe, wird sie mich suchen.«
Also suchet der Peter so lang am Gestad, bis er fand einen kleinen alten Kahn, welchen die Fischer verlassen hätten, dieweil er nichts nutze mehr war. Der Peter stieg hinein und ward wieder erfreuet; aber sein Freude währet nicht lang. Wann er nahm einen Stecken in die Hände, den er ohngefähr hätt gefunden, und leitet sich darmit hinüber gegen dem Felsen.
Aber GOTT der Allmächtig, der alle Ding machet nach Seinem Göttlichen Willen, schicket, daß ein großer Wind auf stund; der nahm den Peter mit Gewalt und führet ihn auf das hohe Meer über seinen Willen. Da er sah, daß er je länger, je mehr von dem Erdreich kam, und wußte ihm nicht wider zu stehn, und tät betrachten die große Gefährlichkeit des Todes, darinne er war, und daß er hätte die Schöne Magelona, die er mehr liebet dann sich selbst, also verlassen in dem Holze liegen schlafen, und besorget, sie würde sterben eines bösen Todes, und würde verzweifeln ohne Hilf und Rat, gedachte er, sich selber in das Meer zu werfen. Wann sein edels Herze mochte nicht mehr dulden, noch erleiden solchen Schmerz. Doch der, so da versuchet, die Menschen dieser Welt durch mancherlei Trübsal und Leiden zu leiten zu der Geduld, wollte nicht über ihn verhängen, daß ihm was an seinem Leib widerführe.
Da kam der Peter wieder zu sich selber als ein rechter christlicher Mensch, und rief an GOTT den Allmächtigen und sprach wider sich selber also: »Ach, böse bin ich! Warum will ich mich selbst töten, die Weil ich dem Tod also nahe bin, der da zu mir laufet, mich zu fahen! Ich darf ihn nicht suchen. O allmächtiger, ewiger, gütiger GOTT, ich bitte Dich, Du wollest mir vergeben alle meine Sünde, und was ich je wider Dich gehandelt habe. Wann wider Dich, o allmächtiger GOTT, habe ich gesündiget, daß ich wohl eines ärgern Todes schuldig wäre dann dieses. O GOTT, erbarme Dich mein! Ich will ihn auch gerne leiden, ich wollte ihn auch lieber leiden, so ich wüßte, daß mein aller liebster Gemahel keinen Schmerz leiden sollt. Aber es kann nicht gesein. Ach wehe, ach wehe, mein aller liebste und schönste Magelona, ein Tochter eines mächtigen Königs, wie wird euer Leib und Herze erleiden mögen, sich alleine in der Wüsten zu finden, dieweil er also zärtlich erzogen ist! Ach wehe und aber wehe, bin ich nicht ein falscher und ungetreuer Mensch, daß ich euch hab aus geführet aus dem Hause euers Vaters und Mutter, da ihr also reichlich und zärtlich gehalten waret! Ach wehe, mein aller liebster und edelster Gemahel, nun bin ich des Todes, wann ich kann ihm nicht entgehn. Um mich ist es ein kleiner, aber um euch ein großer Schaden; wann fürwahr, ihr seid die schönest auf Erden. O allmächtiger, ewiger, gütiger GOTT, ich befehle sie Dir in Deinen Schutz und Schirm! Du wollest sie bewahren vor allem Übel! Du weißt wohl, daß zwischen uns beiden ist kein unordentlich Lieb gewesen. Darum, o GOTT, aller betrübten Menschen ein Zuflucht, ich bitte Dich, Du wollest ihr helfen, und sie nicht verlassen; wann sie hat einen guten reinen Fürsatz gehabt. Du wollest sie nicht lassen verderben, und meine Seele lassen zu Deiner Seligkeit kommen, aus Deiner grundlosen Barmherzigkeit Dich über mich erbarmen! O aller liebste Magelona, ich werde euch nicht mehr sehen, noch ihr mich, unser Verlöbnis und Ehe hat ein kurze Zeit gewähret. Ach, wollt GOTT, ich wäre tot vor zweien Tagen vergangen gewesen, und ihr wäret wieder in euers Vaters Hause!«
Also weinet und beklaget der edel Peter mehr die Schöne Magelona dann sich selber. Er saß in der Mitten des Schifflins und wartet des Todes, wo ihn das Meer hin würf; wann er ließ es frei gehen, wo es hin wollten führen die Wellen des Meers. Er hätt auch Wassers genug bei sich in dem Kahn und ward gar naß. In dieser Gefährlichkeit blieb der Peter von Morgen an bis auf den Mittag.
Es begab sich auch, daß ein Raubschiff kam der Mohren, die sein ansichtig wurden, und sahen ihn alleine darher fahren, wie ihn der Wind führet. Sie zogen ihm zu, fingen ihn und satzten ihn in ihr Schiff. Aber der Peter war vor Leid halb tot, er erkennet sich selber nicht wohl und wußte nicht, wo er war. Da nun der Patron des Schiffes den Peter recht an sah, gefiel er ihm wohl; wann er war wohl gekleidet und schön. Und gedacht in sich selber, er wölle ihn dem Sultan schenken. Sie schifften so viel Tagreisen, bis sie kamen gen Alexandria.
Als sie darhin kamen, da schenket der Patron den Peter dem Sultan. Da ihn der Sultan ersehen hätt, da gefiel er ihm wohl, und danket dem Patron. Der Peter trug die gulden Ketten allwegen an seinem Halse, die ihm die Schön Magelona hätt geben; darum gedauchet den Sultan, daß er eines großen Geschlechts wäre. Er ließ ihn auch fragen durch einen Dolmetschen, ob er zu Tische dienen könne. Da antwortet ihm der Peter, ja. Also befahl der Sultan, man sölle ihn der Weise unterrichten. Der Peter lernet also wohl, daß er's ihnen allen vor tät. Auch gab GOTT der Allmächtige dem Sultan die Gnade, daß er den Peter lieb gewann, und also sehr, als wäre er sein eigener geborener Sohn gewesen.
Der Peter war auch nicht ein ganzes Jahr bei ihm, so unterstund er sich, aus Gnaden GOTTes des Allmächtigen, die Sprache wohl zu lernen, und redet gut mohrisch und griechisch. Und war also züchtig und freundlich, daß ihn jedermann am Hofe lieb gewann, als wäre er ihr eigener Sohn gewesen, oder Bruder. Es war auch seines gleichen nicht am Hofe mit aller Geschicklichkeit, daß alles durch ihn geschehen mußte bei dem Sultan. Das, was ihm befohlen war, zu tun und aus zu richten, das tät er mit ganzem Fleiß, derhalben er herfür gezogen ward. In dieser Ehren war der Peter bei dem Sultan.
Jedoch mochte er nie fröhlich werden, wann sein Herze war ihm allwegen schwere, so er gedacht an seine aller liebste Magelona; und hätte gewollt, er wäre in dem Meer ersoffen, darmit er solcher Schmerzen erlediget wäre worden. Also gedacht der Peter an sein traurig Leben, doch ließ er sich nichts merken, wie wohl sein Herze allwegen bei GOTT wäre; und tät ihn oft bitten, dieweil er ihm geholfen hätte aus der großen Fährlichkeit des Meers, daß er ihm auch helfe und Gnad verliehe, damit er das heilige Sakrament der Ehe möchte empfahen, eh er stürbe. Er gab auch viel Almosen den armen Christen von wegen seiner aller liebsten Magelona, und verhoffet, GOTT werde sie nicht verlassen.
Nun wollen wir von ihm lassen zu reden, und von der Schönen Magelona sagen.
Wie die Schön Magelona lag auf des Peters Mantel und schlief, und da sie erwachet, da fand sie sich alleine in dem Holz.
Als nun die Schön Magelona nach Lust hätt geschlafen, (wann sie war müde und hätt die ganze Nacht gewachet, des sie nicht gewohnet war), wachet sie auf, und gedacht, sie wäre bei ihrem aller liebsten Peter, und vermeinet, sie hätte ihr Haupt in seinem Schoße. Da saß sie auf und saget: »Mein aller liebster Peter, ich habe wohl geschlafen, ich glaube gänzlich, ich habe euch verdrießlich gemachet.« Und sah um sich, so fand sie niemand. Sie stund auf und erschrak sehre, fing an, mit lauter Stimme zu rufen durch das Holz: »Peter! Peter!« Aber niemand wollte ihr antworten.
Da sie niemand höret noch sah, wäre nicht Wunder gewesen, daß sie von allen ihren Sinnen kommen wäre. Da fing sie an zu weinen, und ging also durch das Holz rufen: »Peter! Peter!« als laut sie immer rufen mochte. Da sie nun lang hätt gerufen und gesuchet, da ward sie heiser im Halse von dem Rufen, und stieg ihr ein Schmerz und Wehe in das Haupt, daß sie vermeinet, allda zu sterben. Und fiel also in einer Ohnmacht auf die Erden, als wäre sie tot.
Darinne blieb sie eine lange Zeit, und als sie wieder zu ihr selber kam, da setzet sie sich nieder, und fing an die jammerlichsten Klagen, die je ein Mensch gehöret. Und saget: »Ach, mein aller liebster Peter, mein liebstes Lieb und Hoffnung, wo hab ich euch verloren! Warum seid ihr von mir geschieden, und habt mich also verlassen, euer getreue Gesellin? Ihr wisset doch wohl, daß ich ohn euch nicht habe wollen leben in meines Vaters Hause, da ich also reichlich gehalten ward. Ach wehe und aber wehe, wie möget ihr gedenken, daß ich möge leben in dieser Wildnis und Wüsten! Ach wehe, mein edelster Herre, in welcher Irrung gehet ihr um, daß ihr mich also verlassen habet in diesem rauhen Busch, darinne ich eines jammerlichen Todes sterben werde! Ach wehe und aber wehe, was habe ich euch zu Mißfallen getan, daß ihr mich habt geführet aus meines Vaters Haus, des Königs von Neapel, mich also in großen Ängsten und Schmerzen zu töten! Habt ihr doch mir also große Liebe erzeiget! Ach, mein aller liebster Peter, habt ihr an mir etwas gefunden, das euch nicht hätte gefallen? Fürwahr, ich hab mich zu viel gegen euch entdecket. Ich hab solches getan aus großer Liebe, die ich zu euch getragen habe; wann nimmer mehr kommet mir ein Mensch also tief in mein Herze als ihr. Ach, edelster Peter, wo ist euer Adel, wo ist euer edels Herze, wo ist euer Glauben und Zusage! Fürwahr, ihr seid der greulichste Mensch auf Erden, der je von einer Mutter geboren ward, wie wohl mein Herze nichts Böses von euch kann und vermag zu sagen. Ach wehe, was kann ich mehr für euch tun! Fürwahr, ihr seid der ander Jason, und ich die ander Medea.«
Ging also verzweifelt hin und her und suchet den Peter durch das Holz, und kam, da sie die Pferde fand. Als sie die Pferde ersah, da fing sie an, auf ein Neues zu klagen und weinen. Und saget: »Fürwahr, mein aller liebster Peter, ich erkenne itzt, daß ihr nicht mit Willen seid von mir geschieden; des bin ich ganz sicher. Ach wehe, mein getreuer Liebhaber, und ich Ungetreue, daß ich euch also geschmähet habe! Darum mein Herze betrübet ist bis in den Tod. Ach, welch Abenteuer hat uns von einander geschieden? Seid ihr tot, warum bin ich mit euch auch nicht tot! Fürwahr, es ist keiner armen Tochter nie ein so groß Unglücke wider fahren als mir. Ach Glücke, du verfolgest itzunder nicht die Getreuen und Frommen, und je höher die Personen sein, je mehr du mit ihnen zu kriegen hast. O gütiger GOTT, der Du bist ein Licht aller Ungetrosten und Verlaßnen, ich bitte Dich, Du wollest mich arme Jungfrauen trösten. Behalte und behüte mir meine Sinne, meinen Verstand und Vernunft, damit ich nicht verliere Leib und Seele! Lasse mich sehen meinen aller liebsten Herrn und Gemahel zuvor, ehe ich sterbe! Ach wehe, möchte ich erfahren, wo er wäre. Und so ich ihn wüßte zu Ende der Welt, ich wollte ihm nach folgen. Ohn allen Zweifel glaube ich, diese Widerwärtigkeit hat uns geben der Böse Geist, dieweil unser Lieb ist nicht gewesen unordentlich noch zerbrochen, und dieweil wir nicht haben willigen wöllen in seine böse Anfechtung. Und halte es darfür, daß er ihn darum geführet habe in ein fremd Land, unser beider guten Willen zu brechen.«
Solche Wort saget die Schön Magelona in ihr selbst und beklaget ihr Unglücke und ihren aller liebsten Peter. Ging also hin und her durch das Holz wie eine verlassene Frau, und horchet, ob sie etwas möchte hören nah oder weit. Darnach stieg sie auf einen Baum und sah sich um, ob sie möchte etwas sehen und erkennen, und sah nichts auf Erdreich, dann Holz am Land und Port des Meers, und auf der andern Seiten sah sie nichts anders, dann das tiefe Meer.
Also blieb die Schön Magelona ganz traurig und beschwert diesen ganzen Tag ohn Trinken und Essen. Da nun die Nacht kam, suchet sie einen großen Baum, auf den stieg sie mit großer Marter und Pein. Darauf blieb sie die ganze Nacht sitzen, aber sie ruhet und schlief wenig; wann sie hätt große Sorge vor den wilden Tieren, die würden ihr einen Schaden zu fügen. Und also vertrieb sie die ganze Nacht: itzt weinet sie, darnach gedacht sie, wo er möchte hin kommen sein, und darnach gedacht sie, was sie tun wölle, oder wo hinaus. Wann sie hätt sich in ihrem Herzen für gesatzet, sie wölle nicht wieder heim ziehen zu Vater und Mutter, wann sie forcht den Zorn ihres Vaters. Und beschloß endlich bei ihr selbst, sie wölle ihren aller liebsten Peter suchen durch die Welt.
Wie die Schön Magelona herab stieg von dem Baum und kam, da sie die Pferde fand, band sie auf und ließ sie laufen.
Als nun der Tag herfür brach, da stieg sie vom Baum und ging an den Ort, da sie die Pferde fand, die da noch angebunden waren, band sie auf mit weinenden Augen und saget: »Als ich in mir gedenke, wie euer Herr ist verloren und mich in der Welt tut suchen, also will ich auch, daß ihr in die Welt laufet, wo ihr hin wollet.« Und zog ihnen die Zäume ab, und ließ sie also laufen durch das Holz, wo sie hin wollten. Und ging darnach also lang im Holze, und suchet einen Weg, bis sie fand die Landstraße, die da ging gen Rom.
Und da sie sich auf der Landstraßen fand, wandt sie sich wieder bald dem Holze zu und suchet einen Ort, wo es dichte war, und setzet sich hinein. Der Ort war hoch gelegen, darum sie möchte sehen, wer hin und wider ginge; aber sie mochte man nicht sehen. Da sie nun eine Zeit lang da blieb, da sah sie auf dem Wege eine Pilgerin kommen.
Der rufet sie zu ihr; die kam als bald und fraget, was sie begehre. Da bat sie die Pilgerin, sie wölle ihr geben ihren Rock und die anderen Kleider um ihre schönen Kleider. Da solches die Pilgerin höret, gedacht sie bei sich selber, sie wäre nicht alleine im Holz ohn Leute, und vermeinet, die Schön Magelona spotte ihr. Und sprach: »Gnädige liebe Frau, so ihr wohl bekleidet seid, sollt ihr darum der armen Leute Christi nicht spotten! Wann solcher schöner Rock, den ihr an traget, zieret euch den Leib; aber mein Rock, hoffe ich, werde mir meine Seel zieren.« Da sprach die Schön Magelona zu ihr: »Mein liebe Schwester, ich bitte dich, du wollest keinen Verdruß haben. Wann ich sag es aus gutem Herzen, und will gerne mit dir frei markten.«
Nun, als solches die Pilgerin verstund, daß sie redet aus einem guten Herzen ohn allen Spott, da zog sie sich aus und gab ihr die Kleider, des gleichen die schön Magelona die ihren; und bekleidet sich mit den Kleidern der Pilgerin also wohl, daß man ihr nicht viel von dem Angesicht mochte sehen. Und was sie nicht verbergen mocht, da nahm sie einen nassen Speichel und Erdreich und beschmieret sich, damit sie nicht erkannt würde.
Wie die Schön Magelona gen Rom kam in der Pilgerin Kleidern, und wie sie ihr Gebet tät vor dem Hohen Altar von St. Peters Kirchen.
Die Schön Magelona nahm ihren Weg gen Rom in diesen Kleidern, und ging also lang, bis sie in die Stadt kam. Als bald sie dar kam, ging sie des ersten Gangs in Sankt Peters Kirchen. Und kniet für den Hohen Altar und fing an, inniglich zu weinen und seufzen. Verbracht also ihr Gebet, und saget: »O allmächtiger ewiger GOTT, Jesu Christe, der mich hast aus Deiner Mildigkeit gesatzet in große Lust, und hast mich zu gesellet dem Edelsten dieser Welt, den ich mehr geliebet habe dann kein Mensch, und durch Dein Macht und Gewalt hast verschaffet, daß wir von einander sein geschieden durch Abenteuer; mein GOTT, es ist unser Sünden Schuld, dieweil wir Sünder sein. Jedoch, o allmächtiger, ewiger GOTT, es gedünket mich, Du solltest ihn mir nicht geben haben, dieweil Du mir ihn wieder hättest also wollen nehmen. Hierum bitte ich Dich aufs Demütigest bei Deiner Menschwerdung, als Du uns gleich bist worden, doch ohn alle Sünde, und durch Dein milde Barmherzigkeit, es sei Dein Willen und Gefallen, Du wollest mir meinen aller liebsten Peter und Gemahel wieder geben, dem ich durch Dein Göttliche Schickung bin verehlicht worden. O Du gütiger Jesu Christe, der Du bist ein Tröster aller Betrübten, ich bitte Dich, Du wollest diese, Deine arme Tochter, trösten! Wann ich wende mich zu Dir aus gutem Herzen und Willen. Ach, Du gütiger und getreuer GOTT, ich bitte Dich, Du wollest behüten meinen aller liebsten und getreuesten Gemahel Peter, der Dich in allem seinem Tun und Wesen hat geehret. So er lebendig ist, Du wollest verhelfen, daß er zu mir komme, und ich zu ihm! Und daß wir hinfür mögen unser Leben enden in gutem Frieden und getreuem Sakrament der Ehe! Hilf, daß wir nicht also verloren um ziehen in dieser Welt! Hilf, daß unser getreue Lieb nicht also schnödiglich verloren werde! Erzeige uns beiden Dein milde Barmherzigkeit!«
Als sie ihr Gebet hätt also vollendet, da stund sie auf, und wollt in ein Herberg gehn. Da ersah sie ihren Vetter in die Kirchen treten, der da war ihrer Mutter Bruder, und sie tät suchen in großer Ehr und Gesellschaft. Darob sie sehr erschrak, doch nahmen sie ihr nicht wahr; wann es kunnt sie unter ihnen keiner erkennen in dieser Kleidung. Und ging also wie eine Pilgerin in das Spital. Darinne blieb sie fünfzehen Tage wie eine arme Pilgerin, und ging alle Tag in die Kirchen Sankt Peters und verbracht allda ihr Gebet in großer Traurigkeit und großem Weinen. Und verhoffet, GOTT der Allmächtig würde sie endlich erhören.