Part 3
Da er solches geredt hätt, gebot sie ihm, bei ihr nieder zu sitzen, und saget zu ihm: »Mein edeler Bruder und Herre, ich danke dem allmächtigen GOTT, meinem Schöpfer, daß Er uns verliehen hat einen solchen glückseligen Tag. Wann ich schätze mich für die Glückseligste dieser Welt, daß ich gefunden hab einen so adeligen Menschen eines solchen hohen und großen Geschlechtes, des gleichen nicht gefunden wird auf Erden in Tapferkeit, Zucht, Schöne und Weisheit. Dieweil dann dem also ist, daß wir zwei Liebhabende einander von Herzen lieben und geneigt sein, und ihr, mein edelster Herre, seid von meinen wegen hieher in dies Land kommen, und habet es baß ausgericht dann alle anderen, habet auch den Preis und Namen aller Ritterschaft, so darf ich mich wohl glückselig schätzen, daß ihr von meinen wegen Vater und Mutter, Land und Leute verlassen. Darum, edeler Ritter und Herre, will sich nicht geziemen, daß ihr euer Arbeit verlieret, die ihr also getreulich daran gesatzet habet. Und die Weil ihr mir euer Herze und Gemüt entdecket habet, ist es billig, ich tue euch also. Hierum, sehet hie euer Magelona ganz und gar. Und setze euch einen Meister und Herren meines Herzens; und bitt, ihr wollet solches heimlich, ehrlich und verborgen halten, bis zu der Zeit unsers Verlöbnis. Und seid meines teils sicher, daß ich lieber wollte bald den Tod leiden, dann mich und mein Herz gegen einem andern bewilligen.«
In dem nahm sie eine gulden Ketten von ihrem Hals, daran hing ein kostlich Häftlin, und henket es ihm an seinen Hals und sprach: »Durch diese Ketten, aller liebster Freund und Gemahel, setz ich euch in Besitz meines Leibes, und verheiße euch treulich, wie einer Königstochter geziemet, keinen andern zu nehmen dann euch.«
In dem nahm sie ihn freundlich in ihre Arme. Da kniet der Peter für sie nieder und sprach: »Mein aller liebste edelste Fürstin, die schönest unter allen dieser Welt, ich bin nicht würdig, euch darum Danksagung zu tun. Doch wie ihr gesaget habt, also bleib es darbei; ich bin es wohl zufrieden. Ich verheiße auch euch hiemit, euer Gebot und Befehl treulich zu erfüllen, so es GOTT gefällt. Und so es euch geliebet wäre, von euerm Gemahel zu empfahen diesen Ring, mein darbei zu gedenken.« (Dieser war der dritte Ring, welchen ihm gegeben hätt sein Mutter, als er von ihr hinweg zog; der dann kostlicher war, dann die zween anderen.)
Also empfing die Schön Magelona den Ring gutwilliglich, und wendet sich wieder gegen ihm, ihn wieder in ihre Arme zu nehmen und zu küssen. Nach dem allem rufet sie der Ammen wieder. Da die zwei nun lang mit einander allein hätten geredt, beschlossen sie mit einander, wie sie oft und dicke möchten einander sehen.
Also nahm der Peter Urlaub von der Schönen Magelona, und ging stille wieder in sein Herberge, doch fröhlicher, dann er gewohnet war. Und die Schön Magelona blieb also in ihrer Kammer bei der Ammen, und tät nichts der gleichen, ließ sichs auch gegen niemand merken.
Oft und dicke darnach redet die Schön Magelona mit ihrer Ammen von ihrem aller liebsten Peter und sprach: »Was bedunket dich von meinem getreuen geliebten Ritter? Ich bitte dich freundlich, du wollest mir's sagen, und ganz nichts verhalten.« -- »Fürwahr,« saget die Amme, »mein liebstes Fräulein, er ist also schöne, züchtig, tapfer und freundlich in allen seinen Gebärden, daß mich gedunket, es möge nicht anders sein, er müsse von einem hohen Geschlecht sein.« Auf das antwortet ihr die Schön Magelona: »Habe ich dir nicht allwege recht gesaget? Wann mein Herz und Gemüte verstund es wohl. Darum ich mich begnügen lasse, daß ich in seine Kundschaft kommen bin, GOTT hab Lob! Wann es ist kein Tochter also hoch geboren auf Erden, so sie die Hälfte von ihm wüßte, als ich weiß, sie vermeine sich glückselig, so sie ihn möchte zu einem Liebsten haben.«
Darauf antwortet ihr die Amme: »Liebstes Fräulein, es ist alles wahr, wie ihr saget. Doch bitt ich euch eines freundlich: ihr wollet nicht leichtfertig sein aus Liebe. Wann so ihr werdet zu Hofe sein bei anderen Jungfrauen und Frauen, des gleichen der Ritter, wollet euch nichts vernehmen, noch vermerken lassen. Wann so es von euch geschähe, würden euer Vater und Mutter solches leichtlich verstehen; daraus dann möchten entspringen zweierlei Übel: das erste, daß ihr schamhaftig würdet, und verlieren euers Vaters und Mutter Gunst; das ander, so sie es inne würden, möchte der Ritter getötet werden, darinne ihr ein Ursach an dem Tod eines solchen edeln Ritters wäret, der euch lieber hat, dann sich selbst. Und zum dritten, so würde ich auch gestrafet werden. Darum ich euch freundlich bitte, ihr wollet euch weislich halten, als einer hoch geboren Tochter zu tun gebühret.«
Da sprach die Schön Magelona wider ihre Ammen: »Mein liebste Amme, in diesem und anderm will ich folgen deinem getreuen Rat, wann ich erkenne, daß du nur allerwegen treulich geraten hast. Und bitte dich freundlich, so du was an mir siehest, das mir nicht zu tun geziemet, du wollest mir's untersagen, oder mit einem Zeichen anzeigen. Wann ich will dir folgen als meiner liebsten Ammen und Mutter. Doch noch eins will ich dich freundlich bitten: so wir zwo alleine bei einander seien, du wollest mir vergönnen, zu reden von meinem liebsten Menschen; damit ich meine Zeit desto leichter verbringen möge, bis daß ich erkenne, wo es endlich hinaus wolle. Und vor allen Dingen bitte ich dich, du wollest raten und helfen, damit ich ihn oft möge sehen und mit ihm reden. Wann ich weiß kein ander Freud zu haben in dieser Welt; und so durch Unglücke, da GOTT vor sei, ihm was widerführe, wisse, mein liebste Amme, daß ich mir mit meiner eigenen Hand wollte den Tod tun.«
Nun, da der Ritter wieder heim in sein Herberge war kommen, betrachtet er die große Freundlichkeit, die ihm widerfahren war, und lobet GOTT, daß ihm solches begegnet. Er vermeinet auch, GOTT hätte sonst keinem Ritter eine so hohe seltsame Freundlichkeit und Ehr zu gesandt als ihm. Er verwundert sich auch in sich selbst der übertrefflichen Schöne der Magelona. Daraus er verursacht ward, mehr zu Hof zu kommen, dann sein Brauch war. Doch hielt er sich ganz weislich und stille gegen dem König und anderen, damit er nicht vermerket würde. Also, daß ihn jedermann lieb gewann am Hofe, nicht allein die großen Herren, sondern auch das gemein Hofgesinde. Und wann er die Zeit vermerket, darinne er unvermerkt sein Augen mochte speisen, sah er die Schöne Magelona freundlich an. Solches geschah alles von ihm weislich heimlich und verborgen. Wann er dann Befehl hätt von dem König oder der Königin, zu reden und kurzweilen mit der Schönen Magelona, so ging er auch hinzu. Also vertrieben die zwei dann ihr Zeit mit einander.
Wie Herr Friedrich, von der Krone genannt, hinweg zog aus Rom, gen Neapel zu kommen, allda Ritterspiel zu üben von wegen der Schönen Magelona.
Der Zeit war ein reicher und edeler Ritter aus dem Land Romania, der war sehr mächtig, und von wegen seiner Macht und Redlichkeit ward er sehr gepriesen, mit Namen Herr Friedrich von der Krone. Der selbe gewann eine Lieb zu der Schönen Magelona, aber sie hätt sein gar keine Gnad. Eines mals satzet er sich für, Ritterspiel zu üben in der Stadt Neapel; wann er vertrauet in seine Macht und Stärke, dardurch Preis und auch die Huld der Schönen Magelona zu überkommen, die dann sein wenig achtet. Auf das tät er eine Bitt an den König von Neapel, er wölle ihm Ritterspiel zu üben vergünnen. Also ward es ihm von dem König zu gesaget. Und ward aus gerufen in Frankreich und um liegenden Orten ein Stechen dieser Gestalt: welche Ritter willens wären, zu stechen aus Liebe der Jungfrauen oder Frauen, sollten erscheinen in der Stadt Neapel am Tage Unser Frauen Geburt. Da würde man sehen, wer sie lieb hätte.
Aus solcher Ursach wurden viel Fürsten und Herren zu erscheinen beweget, und waren die Namen der Trefflichsten diese nach folgenden: zum ersten kam eingezogen Herr Antoni, ein Bruder des Herzogen von Savoyen, zum andern Herr Friedrich, ein Bruder des Markgrafen von Montferrat, zum dritten Herr Eduard, des Herzogen von Bourbon Bruder, zum vierten Herr Peter, ein Neff des Königs zu Böheim, zum fünften Herr Heinrich, ein Sohn des Königs von Engelland, zum sechsten Herr Jacob, des Grafen von Provincia Bruder, ein Vetter des Ritters mit den silbern Schlüsseln, wie wohl er ihn auf dies mal nicht erkennet; und viel ander mehr. In der Stadt Neapel waren auch der edel Ritter Peter von Provincia und sein Geselle, Herr Heinrich von Crappana, und ander, deren Namen von wegen der Menge aus geblieben. Alle Obgenannten lagen sechs Tage stille in Ruh in der Stadt, ehe das Stechen anfing. Es wird auch in keiner Historien gefunden, daß je also viel guter Leute wären auf einmal in dieser Stadt gewesen. Darum der König Magelon ihnen allen viel Zucht und Ehr bewies.
Als nun kam der Tag Unser lieben Frauen Geburt, stunden sie frühe auf und hörten Meß. Nach dem bereiteten sie sich zu, ein jeglicher nach dem Besten, und ritten auf einen Platz, Cathonie genannt, da der König auf gestiegen war auf einen hohen Schaustuhl, samt anderen Fürsten und Herren. Und auf einem andern Stuhl stund die Königin mit ihrer Tochter, der Schönen Magelona, und anderen Jungfrauen und Frauen, dem Stechen zu zu sehen. Und waren gar lustig zu sehen so viel schöner Jungfrauen und Frauen, unter welchen allen die Schön Magelona herfür leuchtet, als der Morgenstern am Anfang des Tages.
Da verharrten die Ritter alle auf den königlichen Befehl, und der erste, der sich ließ sehen mit der Pracht, das war Herr Friederich von der Krone, von wes wegen das Stechen angefangen. Nach ihm kam geritten Herr Antoni, und darnach alle anderen, ein jeglicher in seiner Ordnung. Und die Schön Magelona hätt allwegen ein Auge gewandt auf ihren freundlichen Peter, der da kam mit den Letzten.
Als solches geschehen, befahl der König seinem Herold, aus zu rufen, daß das Stechen sein solle freundlich, mit Liebe, ohne Schmähung des andern; das dann durch den Herold geschah, und daß hinfür ein jeglicher das Beste tät.
Da fing an Herr Friedrich von der Kron, zu sagen also laut, daß es jedermann wohl verstehen mocht: »Ich will auf den heutigen Tag erzeigen mein Stärke und Vermögen, von wegen der edeln und schönen Magelona, aus ganzen meinen Kräften.« Und zog darmit der erste auf die Bahn. Wider ihn kam auf die Bahn Herr Heinrich, des Königs von Engelland Sohn, ein schöner Ritter. Und trafen beide so wohl, daß beider Spieß brachen. Jedoch, wäre man Herrn Heinrichen nicht zu Hilfe kommen, wäre er gefallen; wann er war ein wenig taumelig. Nach diesem Herrn Heinrich kam einer, genannt Lancelot von Valois, der vom ersten Treffen Herrn Friederichen herab ledig stach. Da kam der edel Peter von Provincia wider den Lancelot, wann sein edels Herz und Gemüte mochte nicht länger verziehen. Er ward von jedermann genannt der Ritter mit den Schlüsseln, wann niemand wußte seinen Namen, noch Geschlechte. Und trafen einander also heftig, daß die Pferde mit ihnen beiden zu Boden fielen. Da ward gesaget von dem König und anderen, daß die zween sehr stark und mächtig wären. Und tät der König ihnen als bald befehlen, sie sollten ihre Pferde verwechseln und andere nehmen, ob sie wollten, und noch einmal mit einander treffen, damit man sehe, wer unter ihnen den Preis erlange. Das als bald von ihnen beiden geschah, und saßen wieder auf. Es darf nicht Fragens, ob die Schön Magelona mit einem traurigen Herzen habe GOTT gebeten für ihren liebsten Peter, damit ihm nichts widerführe, und damit ihm der Preis werde.
Da nun die zween wieder auf gesessen wären, zugen sie zum andern mal auf die Bahn, da dann ein jeglicher den Preis zu erlangen sich befliß. Und begegneten wieder einander, der Gestalt, daß der Peter dem Lancelot den Arm entzwei brach; und stieß ihn also aus großen Kräften zu der Erden, daß der König vermeinet, er wäre tot. Und ward also von der Bahn von den Seinen in sein Herberge getragen.
Da kam wider den edeln Peter Herr Antoni von Savoyen, der nicht also stark war als der Lancelot, und den der Peter leichtlich zu Boden stieß. Nach dem kam gezogen Herr Jacob von Provincia, sein Vetter. Peter erkennet ihn wohl, aber er ward von seinem Vetter nicht erkannt. Da nun der edel Peter seines Vaters Bruder sah sich zu dem Spiele schicken, saget er zu dem Herold: »Gehe hin, und sage jenem Ritter, daß er nicht wider mich komme. Wann er hat mir eins mals einen Dienst getan in der Ritterschaft, darum ich ihm schuldig, wiederum zu dienen. Ich wollte ihm ungern einen Verdruß tun. Sage ihm auch darbei, ich lasse ihn bitten, er wölle mein verschonen. So bin ich gutwillig, offenlich zu bekennen, daß er ein besser Ritter sei dann ich.«
Solches richtet der Herold aus, wie ihm dann befohlen war. Da das Herr Jacob verstund, ward er zornig; wann er ein guter Ritter war. Er hätt auch den edeln Peter zu Ritter geschlagen mit eigener Hand, darum ihm dann der edel Peter die Ehre gab. Da fing Herr Jacob an zu sagen zu dem Herold: »Sage dem Ritter, wer er ist, habe ich ihm je Liebs getan, ich sage ihn hiemit frei, quitt, ledig und los. Noch mehr, so er sich gegen mir nicht wehret, will ich ihn halten für einen, der kleine Kraft in ihm hat.« Das dann der Herold dem edeln Peter wieder saget. Da solches der edel Peter von seinem Vetter vernahm, ward er auch zornig. Und beschweret ihn nicht ein wenig, daß er mit seinem Vetter mußte treffen. Doch mußte er es tun, damit er nicht von den Leuten erkannt werde. Als es an ein Treffen ging, da führet der edel Peter seine Stangen die Quere über, wann er wollt seinen Vetter nicht treffen. Aber sein Vetter verschonet sein nicht, und traf ihn auf seine Brust und zerbrach seine Stangen und fiel auf den Sattel seines Pferdes. Aber der edel Peter verwandt sich nicht, ihn gedauchet auch, eine Feder hätt ihn an gerühret. Das nahm der König gewahr, und sah wohl, daß solches der Ritter mit den Schlüsseln getan hätt aus Höflichkeit. Doch wußte er nicht, warum es geschah; aber die Schön Magelona verstund es bald, warum der Peter solches tät. Doch schickten sich die beiden zu dem andern Treffen, und tät der Peter nicht anders, dann wie vor. Aber sein Vetter sparet es nicht, und traf ihn also heftiglich, daß er sich selber am Peter ledig herab stach. Der Peter hätt auch darum nie keinen Stegreif geraumet und am Treffen beweget, darum sie sich alle verwunderten. Da das Herr Jacob gesehen hätt, und auch empfunden, daß er also stark war, und hätt ihn nicht mögen bewegen, auch, daß er von ihm nicht getroffen war, tät er sich verwundern, und wollt nicht wieder kommen; also zog er ab. Er wußte auch nicht, daß es sein Vetter, der edel Peter, wäre gewesen.
Darnach kam gezogen auf die Bahn Herr Eduard von Bourbon, ein tapferer und starker Ritter. Aber des ersten Treffens stieß ihn der edel Peter, Roß und Mann, zur Erden, mit also großen Kräften, daß die Umsteher sich des Peters verwunderten, und ihn hochachteten.
Nach diesem kam Herr Friederich von Montferrat und brach seine Stangen auf dem Peter. Aber der Peter traf ihn oben an sein Gardebras bei der Schulter und stieß ihm's hinweg. Und, daß ich's kurz mache: alle Ritter, die noch vorhanden waren, stieß der Ritter mit den Schlüsseln herab, und behielt also den Preis.
Da niemand mehr vorhanden war, der mit ihm wollte treffen, schlug er sein Visier auf und ritt zum König. Da ihn der König ersah, befahl er, durch Rat seiner Herren und Räte, dem Herold, aus zu rufen, wie daß der Ritter mit den Schlüsseln den Preis und die Ehre hätt erlanget, und daß er sich am besten gehalten unter allen anderen. Und dem Ritter Peter sagten die Königin und Schön Magelona, samt anderen Jungfrauen und Frauen, viel Danks. Also zog ein jeglicher heim in sein Herberge und zog sich aus. Doch ließ der König aus rufen durch den Herold, ein jeglicher sölle gen Hof kommen, mit ihm das Morgenmahl zu empfahen; das sie dann alle täten.
Als sie gen Hof kamen, danket ihnen der König und bewies ihnen allen große Ehre. Als sich der edel Peter hätt aus gezogen, ging er auch gen Hof. Da ihn der König ersah, ging er ihm entgegen, umfing ihn und sprach: »Mein liebster Freund, ich dank euch der Ehren, die ihr mir heut bewiesen habet. Wann ich darf mich wohl beruhmen, es sei kein Fürste auf Erden, der einen solchen Ritter habe an seinem Hofe, mit Zucht und Ehren, auch Tapferkeit gezieret, als ich an euch habe. Es ist auch nicht vonnöten, daß ich euch lobe, wann euer Werk bezeuget es selber, des gleichen alle Fürsten und Herren, so itzunder hie sein. Ich bitte GOTT den Allmächtigen, Er wolle euch zu dem verhelfen, was euer Herze begehret; wann fürwahr, ihr seid des würdig.«
Den selben Tag ward der Ritter ehrlich und wohl gehalten von dem König und allen anderen; wann wer mit ihm mochte zu reden kommen, der gedauchet sich seiner Gesellschaft erfreuet. Und je mehr man ihn sah, je lieber man ihn sah; wann er war ein schöner holdseliger junger Gesell, darzu war er weiß wie eine Lilie, und hätt freundliche Augen und gelbes Haar als Gold. Darum jedermann saget, GOTT hätte ihm viel sonderlicher Tugend verliehen.
Nach dem allem vergaß der König der Verwundeten nicht, und schicket bald nach seinen Wundärzten, den besten; und ließ den Lancelot verbinden, der hart wundt war. Die Ärzte täten in kurzer Zeit also großen Fleiß, damit der Lancelot wieder geheilet und gesund war. Also hielt der König funfzehen Tag offenen Hof zu Ehren den Fürsten, die dar kommen waren. Und ging die Rede allein von dem Ritter mit den Schlüsseln. Da solches die Schön Magelona höret, ward sie hochlich erfreuet, ließ sich's doch nicht merken.
Wie die Fürsten und Herren wieder heim zogen, doch zornig, dieweil sie nicht erfahren mochten, wer der Ritter wäre.
Als sich das Stechen und die Freude geendet hätt, zogen die Fürsten und Herren wieder heim, doch zornig; wann sie mochten nicht erfahren, wer der Ritter war, der das Beste in dem Stechen hätt getan unter so viel Fürsten und Herren. Da sie nun heim kamen, da redeten sie viel von dem Ritter mit den Schlüsseln.
Als nun solches alles sich hätt verlaufen, da kam der edel Peter zu der Schönen Magelona; wann sie mochten nicht lange von einander sein, so sie es schicken konnten. Und als sie bei einander waren, da lobet ihn die Schön Magelona sehr. Aber der Peter saget ihr wieder, er hätte solches getan nicht von sich selber, sondern ihre Schöne hätte es getan und ihn darzu gedrungen, und von ihr käme der Preis und die Ehre.
Da sie genug mit einander hätten geredet von mancherlei, da wollt der Peter sie versuchen, und sprach zu ihr: »Edelste aller liebste schönste Magelona, ihr wisset, daß ich von euert wegen lang aus bin blieben von Vater und Mutter. Darum, aller liebstes Lieb, dieweil ihr des ein Ursach seid, wollt ich euch bitten, ihr wollet mir erlauben, heim zu reiten, so es euch gefiele. Wann ich bin es sicher, daß sie große Sorg und Schmerzen für mich tragen, dieweil sie nicht wissen, wo ich bin. Ich mache mir auch solcher Beschwernis ein Gewissen.« Solches tät der Peter allein, zu erfahren, wie sie sich darinne wollt halten.
Als die Schön Magelona hätt vernommen ihres liebsten Peters Rede, stunden ihr alsbald die Augen voller Wassers, und begunnten die heißen Zähren, ihr das schöne Angesicht naß zu machen, und verwandelt sich all ihr Farbe, und ward ganz bleich. Und sprach mit schwerem Seufzen und Weinen zum Peter: »Fürwahr, aller liebster Peter, alles das, so ihr mir gesaget, ist wahr und billig. Wann die Natur gebietet, daß sich der Sohn gebe untertan und gehorsam dem Vater und Mutter, damit er nichts wider sie handele, das ihnen entgegen sei. Aber mich tut beschweren, daß ihr euer aller Liebste wollt hinter euch lassen, die ohn euch weder Ruh noch Rast mag haben in dieser Welt. Ich laß euch auch fürwahr wissen, so ihr von mir hin ziehet, ihr werdet balde von meinem Tod erfahren; also durch euert wegen werde ich sterben. Darum, mein aller liebster Herr und Freund, ich bitte euch freundlich, ihr wollet mir euer Hinziehen nicht verbergen. Wann als bald ihr hinziehet, will ich mich auch darzu schicken. Wann ich weiß wohl, daß ich nicht lang darnach werde leben; also wäret ihr ein Ursach meines Todes. So es aber vonnöten ist, daß ihr hin ziehet, bitte ich euch freundlich, mein aller liebstes Lieb, ihr wollet mich mit euch nehmen, und nicht hinter euch lassen zu meinem großen Schaden.«
Als nun der Peter die Schöne Magelona kläglich höret reden, ging es ihm nahe zu Herzen, und gedauchet ihn, sein Herz wolle ihm in seinem Leibe springen. Und saget zu ihr: »Ach, Magelona, mein aller liebstes Lieb, weinet nicht, und bekummert euch nicht mehr! Wann ich hab mir für gesatzet, nimmer aus diesem Lande zu ziehen, sondern das Ende zu erharren, wie es mit uns ergehen werde. Ich wollte auch den Tod viel lieber leiden, dann euch verlassen. So ihr aber mit mir wollet, so seid sicher, daß ich euch in aller Zucht und Ehr will führen, und stäte halten die Zusage, die ich euch getan vor dieser Zeit.«
Als die Schön Magelona solches von dem Peter verstund, ward sie wieder erfreuet, und saget zu ihm: »Mein edeler Herr und Freund, dieweil ihm also ist, als ihr anzeiget, so rate ich, wir ziehen von dannen aufs Kürzest und Heimlichst, so es geschehen mag. Von wegen zweier Ursachen: die erste ist, daß es ist zu besorgen, ihr werdet verdrossen, länger zu verziehen, und daß ihr endlich kein Lust mehr hättet, hie zu bleiben, und zöget hin und ließet mich hinter euch. Die ander ist, daß mein Vater mich willens hat, in Kürze zu verheiraten und vergeben. Daraus ich empfinde, daß er mir eher wird den Tod geben; wann ich will keinem andern vertraut sein dann euch. Darum, mein aller liebstes Lieb, bitt ich euch freundlich, ihr wollet aufs Kürzest dartun und Mittel suchen, damit wir mit einander hin kommen; wann hie länger zu verziehen, möchte uns schädlich sein. Wann ich hab mein Herze ganz in euch gesatzet, daß ich euch nimmer wollte verlassen. So habt ihr auch gesaget, ihr wollet mich züchtiglich und ehrlich halten bis zu unserm Verlöbnis.«
Da fing der Peter auf ein Neues an, schwur und verhieß ihr's, also zu halten. Also beschlossen sie, den dritten Tag nach dem ersten Schlaf mit einander hinweg zu ziehen. In dem sollt sich der Peter schicken mit aller Notdurft, und sollte kommen mit den Pferden zu dem kleinen Pförtlin bei dem Garten und allda ihr harren. Sie bat ihn auch fleißig, er wölle gute starke Pferd mitbringen, damit sie auf das Schnellest aus dem Lande ihres Vaters kämen. Wann sie sprach: »So mein Vater solches inne würde, so wird er uns nach folgen; und so er uns überkäme, so besorge ich, er würde uns beide töten lassen.«
Also nahm der Peter Urlaub und seinen Abschied von der Schönen Magelona, und bat sie freundlich, sie wölle geschickt sein, und nicht lang verziehen. Von diesem Rat und Beschluß wußte die Amme gar nichts; wann sie war nicht darbei gewesen, als sie es beschlossen hätten. Auch wollte die Schön Magelona nicht, daß sie es sollte wissen. Wann sie hätt große Sorg, sie würde es nicht verschweigen, sondern solches verhindern; darum hielt sie es heimlich. Der Peter ging also von ihr hinweg in seine Herberg, und schicket alles, das ihm vonnöten war, doch verborgen. Und ließ seine Pferd auf das Beste beschlagen.
Wie Peter die Schön Magelona hinweg führet.
Nun, da es kam um die bestimmte Zeit auf den ersten Schlaf, kam der Peter zu dem Pförtlin des Gartens mit dreien Pferden, unter welchen eines war geladen mit Wein und Brot und ander Speise auf zween Tage, damit sie nicht durften Essen suchen oder Trinken in den Herbergen. Er fand die Schöne Magelona ganz alleine, die hätt zu sich genommen Gold und Silber, was ihr vonnöten war. Und saß auf ein schönes gutes englisch Zelterlin, das da sanft ging von Vorteil. Darnach saß der Peter auf ein schönes gutes Pferd, und ritten beide eilends ohn Abstehn die ganz Nacht über, bis daß der Tag anbrach.