Die Schlüssel des Himmelreichs; oder, Sankt Peters Wanderung auf Erden

Part 4

Chapter 43,810 wordsPublic domain

Wie gräßlich hier zu sitzen und so groß zu sein, Da niemand Umgang pflegen will mit Recken. Das können auch die Ammen, Kinder schrecken, Und schließlich glaubt an Riesen weder Groß noch Klein.

(Die Liebhaberin tritt auf.)

Haha! Da kommt mit frecher Stirne, Die jüngst so schmählich mir entrann. Nun will ich imponieren dieser Dirne, Und augenblicks ist sie mir untertan! --

Hörst meine Schöne, die im Tal du wandelst: Ich bin der Größte, den's auf Erden gibt. Willst mein du sein, so trägst du goldne Krone Und sitzt im Bergessaal auf meinem Throne.

Die Liebhaberin

Nicht paßt für meine Stirn die Krone, Riese, Und auch dein Bergschloß ist zu groß für mich!

Der Hoberg-Alte

Ha, du bist stolz, du kleine Schlange, Verschmähst den Riesen, weil er häßlich ist.

Die Liebhaberin

Das nicht, doch weil du auf das pochst, Was andre sich gleich einer Gunst erbetteln.

Der Hoberg-Alte

Ich bettle nie, das ist mein Stolz, Und ford're ich, so geb' ich voll zurück.

Die Liebhaberin

Was könntest du mir geben, die nichts sich wünscht, Da Liebe unter deinen Schätzen fehlt?

Der Hoberg-Alte

So fahr' zur Hölle, störrisch Weib, Das einst ich aus dem Schmutze zog. Ich seh' nun, wie in schönem Leib Ein fauler Kern mich gleißend trog! Mag Liebe denn in Haß sich wenden, Und mag die Sage nun mit grausem Schrecken enden!

(Starkes Getöse. Felsen stürzen herab und verschütten die Kirche, den Pfarrhof und das Tal. Der Hoberg-Alte wird mitten auf die Bühne vorgeschoben, wo er einsam auf den Trümmern sitzt, unter denen die Liebhaberin begraben wird.)

Neunte Szene

Der Hoberg-Alte. Der Arzt (tritt auf).

Der Arzt

Nun, Riese, wie verbringst du deine Zeit? Befindest du dich wohl in deiner Stellung?

Der Hoberg-Alte

O schauerlich, so auf Ruinen sitzen Und einsam brüten über sein Geschick!

Der Arzt

Das sprichst du wahr. Nun graut dir selbst, Da alles du zerschmettert und zerstört. Aus grünem Tale schufst du eine Wildnis, Zerstörtest freventlich der Kleinen Glück, Die Freude fanden an dem Schlichten, Kleinen . . .

Der Hoberg-Alte

Ja, schwatz' nur zu; ich glaube doch, die Zwerge, Sie hätten's ebenso gemacht. Ja, wärst du selbst hier auf der Höhe . . .

Der Arzt

Das bin ich; ja und höher noch. Vergißt auch du, daß nur durch mich Du thronest, wo du thronst!

Der Hoberg-Alte

Das woll'n wir sehn. Stürz, Berg, hernieder!

(Es poltert im Berge, doch lockert sich kein Stein.)

Der Arzt

Ja, poltre nur, das rührt mich nicht, Ist der Effekt doch abgebraucht. Doch gibst du gute Worte, läßt sich reden, Und Freunde sind wir wie vordem.

Der Hoberg-Alte

Ja, Doktor, eh' ich sitze bis zum Jüngsten Tag, Ergeb' ich mich und bitte um Pardon.

Der Arzt

(schleudert eine Kugel gegen den Hoberg-Alten, der unter zuckenden Blitzen seine Form verliert, worauf der Schmied hervortritt)

Bist endlich nun zufrieden, armer Tor, Nachdem du auf den Höh'n gesessen, Geseh'n wie klein es ist hier unten? Fand'st du im Lebensgarn des Fadens Anfang? Genügt dir das, was du gelernt? Nein, du bist mißvergnügt, nichts ist dir recht, Und darum will ich dich zum Lande führen, Wo nichts zu wünschen übrig bleibt, sag', willst du?

Der Schmied

Aus dieser Welt der Mängel und Gebrechen Laß ich mich gerne führen, Herr; doch eins! Nicht einsam will ich wieder wandern.

Der Arzt

Du hast ja mich, den Ritter, den Apostel!

Der Schmied

Ja, ja! Doch fühlt der Mann sich stets allein, Fehlt ihm ein Weib!

Der Arzt

Oho! Oho! Wie lang ist's her, daß du sie steinigtest. Die Niederste der Niedern in ihr sah'st?

Der Schmied

Mich reut es tief, könnt' es was helfen! Sie war die Beste von den Besten, So stolz, so von Berechnung frei, Nicht machtverliebt noch feil für Gold . . .

Der Arzt

So scheint dir's jetzt, seit sie gestorben ist, Doch wenn sie wiederkäme, sprächst du anders.

Der Schmied

Versuch' es nur, und Besserung gelob' ich.

Der Arzt

Versuchen wir's denn noch einmal -- -- -- Laß nun in jenes sel'ge Land uns wandern, Wo man für sich nicht lebt, nur für die andern, Wo Stube ist der Wald, die Wiese Saal, Wo in den Bächen Milch und Honig fließen, Wo dir ins Maul gebrat'ne Tauben schießen, Wo nie ein Tag durch Müh' und Plag' zu lang, Das Leben eitel Tanz und nur Gesang, Das als Schlaraffenland bekannt, Die Pforte öffnet uns dies Wunderland.

Vierter Akt

(Eine Landschaft im Schlaraffenland. An den Bäumen hängen allerlei Eßwaren, Früchte und dergleichen. Drei Bäche kommen aus dem Hintergrunde hervor. In dem einen fließt Milch, in dem andern Honig und in dem dritten Sirup. -- Mit der leichten bunten Tracht wilder Volkstämme bekleidete Menschen liegen schlafend oder schlummernd der Länge nach hingestreckt. In der Mitte der Bühne ein niederer römischer Speisetisch mit Ruhebetten ringsum. Rechts ein Ziehbrunnen, der gesperrt und oben mit einer königlichen Krone versehen ist. Der Däumling und Aschenbrödel liegen am Sirupbache.)

Erste Szene

Sancho (tritt auf)

Sancho

Welch ein gesegnetes Land, welch ein glückliches Volk! Nun bin ich volle acht Tage hier, und noch habe ich keinen mißvergnügten Laut gehört; nichts von Opposition, nichts von Steuern, nichts von Polizei! Tag und Nacht gleich lang: am Tage scheint die Sonne, bei Nacht der Mond. Gebratene Tauben fliegen in den Mund, Milch und Honig fließen. O, es ist alles so vollkommen, daß es einen rasend machen könnte! Ein Hagelschauer, ein Donnerschlag, eine kleine Überschwemmung dort und da, würde in dieses verschlafene Volk doch etwas Leben bringen! -- Ein träges Volk, das sich wund liegt und an Magenkatarrhen leidet! Wenn ich nur zu entdecken vermöchte, wie ich in diese schlafenden Gemüter auch nur das winzigste Samenkörnchen Unzufriedenheit säen könnte. Ritter Don Quixote, der hier sein Ideal und seinen Idealstaat wiedergefunden hat, ist Staatsminister geworden, nachdem er anderwärts der prinzipiellen Opposition angehörte. Nun ist er natürlich ein eifriger Gegner aller und jeder Neuerung!

Das Volk (regt sich ein wenig auf)

Sancho

Gibt es gar niemanden, der einen noch so geringfügigen Grund zur Unzufriedenheit hätte?

Einer aus dem Volk

Womit sollten wir unzufrieden sein?

Sancho

Mit einer Bagatelle! -- Mit allem! -- Dem Bestehenden!

Einer aus dem Volk

Etwas einförmig ist's freilich!

Sancho

Ei, sieh doch! Das Essen ist gut, die Wärme wohlig, der Schlaf exzellent! Vielleicht daß es Euch an Arbeit fehlt?

Das Volk

Ja, Arbeit!

Sancho

Schön! Eine kleine Arbeiterfrage als Anfang. -- Gibt es nicht sonst noch etwelche kleine Mängel in Regierung oder Verwaltung, denen allerdings nicht abzuhelfen ist, die sich aber gerade dadurch als dauernd wertvoll herausstellen könnten? Däumling, du bist doch sonst voller Finten! Fällt dir nichts ein?

Däumling

Herr Waffenträger! Meine Unbedeutendheit, meine geringe Herkunft --

Sancho

Bravo! Du dokumentierst dich sofort als Ministerkandidat!

Däumling

-- Sowie meine vollkommene Unkenntnis in bezug auf staatliche Angelegenheiten, veranlassen mich die Frage aufzuwerfen, ob wir denn in einem privilegierten Gemeinwesen leben oder nicht, und zwar auf Grund eines Sachverhalts, der schon längst den öffentlichen Unwillen hätte auf sich ziehen sollen.

Sancho

Was ist dies! Sprich, Engel!

Däumling

Bemerkt das Volk denn nicht, daß der Brunnen gesperrt ist und obendrein noch von einer Königskrone verunziert wird?

Sancho

Ha! Eine Kabinettsfrage, die leicht mit einer Ministerkrise endigen kann! -- Was sagt das Volk zu dieser Verletzung der verfassungsmäßig gewährleisteten Grundrechte?

Das Volk (ermuntert sich)

Sancho

Das Volk erwacht! Die Opposition hat sich gebildet, und ich eile, eine Interpellation an den Staatsminister zu richten.

Zweite Szene

Die Vorigen. Don Quixote

Don Quixote

Ist dies nicht der ideale Staat, Sancho? Siehst du, daß das Ideal denn doch auf Erden zu finden ist, was du stets in Zweifel zogst! O, beglücktes Land, o, beglücktes Volk! -- Wenn mir nun noch vergönnt wäre, mein Ideal, mein Liebesideal zu schauen, ich würde mit Freude und mit grauen Haaren in die Grube fahren!

Sancho

Das wäre auch das Ratsamste, Euer Gnaden, denn seine Ideale soll man nicht überleben!

Don Quixote

Sehr wahr, Sancho! Doch was hat sich während meiner kurzen Abwesenheit hier zugetragen? Das Volk schläft nicht mehr!

Sancho

Nein, das Volk erwacht!

Don Quixote

Wer hat es aus seinen süßen Träumen geweckt?

Sancho

Der Zeitgeist, das Klassenbewußtsein und -- ich!

Don Quixote

Warum tatest du uns das? Denn der da schläft, sündigt nicht, und im Schlafe kommen uns die schönsten Träume! -- Was wünscht das Volk?

Sancho

Als Führer der Opposition liegt mir die schmerzliche Pflicht ob, die Wünsche des Volkes dessen erleuchtetem Diener vorzutragen!

Don Quixote

Was wünscht das Volk?

Sancho

Arbeit!

Don Quixote

Arbeit? Wo soll ich die hernehmen?

Sancho

Ja, seht, wenn wir dies wüßten, so wäre die Frage gelöst!

Don Quixote

Und es ist dir ja gar nicht darum zu tun, daß sie gelöst werde! Du Schelm!

Sancho

Zugleich bekundet sich eine allgemeine Unzufriedenheit betreffs des privilegierten Brunnens, der verschlossen gehalten wird und überdies im Widerstreite mit der geltenden Verfassung des Reiches mit einer Königskrone versehen ist.

Don Quixote

Gut! Liegt noch etwas vor?

Sancho

Für den Augenblick nicht.

Don Quixote

Gut! Die großen Fragen sollen im Zusammenhang gelöst werden. Ich werde bei dem königlichen Landesherrn über die Angelegenheiten Vortrag halten.

(Ab.)

Dritte Szene

Die Vorigen. St. Peter

St. Peter

O, welch wonnigliches Reich! Sollte ich nun wirklich an das Ziel meiner Wanderung gelangt und dies das Himmelreich sein? -- Doch ich habe keine Pforte gesehen!

Sancho

Hast du sie nicht gesehen? Sie stand ja sperrangelweit offen.

St. Peter

Ach, ist das nicht der widerwärtige Sancho Pansa? Nein, wenn der da ist, kann das nicht das Himmelreich sein!

Sancho

Du glaubst also nicht an den bußfertigen Schächer? Komm her, Däumling, und bring den Fisch sowie das Augenglas zur Stelle, damit der Prophet sich überzeugt, daß er sich in guter Gesellschaft befindet. Komm hervor, Däumling!

Däumling (zu Sancho)

Das sollst du mir entgelten. (Zu St. Peter, dem er den Fisch und das Glas übergibt.) Hier habt Ihr den Plunder, den ich auf einem Tisch unter einer Linde gefunden.

St. Peter

Ah, mein Symbol!

Sancho

Sind das deine Augengläser?

St. Peter

Und meine Brille!

St. Peter (betrachtet die Szenerie durch sein Augenglas)

Hm! Mich dünkt, es sieht hier so weltlich aus! Auch die Mienen der Leute entsprechen meinen Vorstellungen nicht! Nein! Hier ist sicherlich nicht das Himmelreich!

Sancho (zum Däumling)

Der Alte hat dich und deine Dieberei total vergessen. Gratuliere dir!

Vierte Szene

Die Vorigen. Der König (der Schmied) und die Königin (die Liebhaberin)

König (zur Königin)

Hier ist der Himmel, ja, und deine Augen Sie spiegeln ihn so blau, so licht!

Königin

Es ist das nicht der Widerschein des Himmels, Nein, deines eignen liebevollen Blicks!

König

Der sich am hellen Feuer deiner Tugend, An deiner Schönheit sich entzündet hat . . .

Königin

Ihn zeugte deiner Milde Majestät, Wie ihn auch nähret deine Güte, König!

Fünfte Szene

Die Vorigen. Don Quixote

Don Quixote

Eure Majestät sollten einen Entschluß fassen, denn die Flamme des Aufruhrs wächst und droht um sich zu greifen.

König

In welchem Maße? Du siehst immer alles im Großen, Don Quixote. -- Um was handelte es sich doch? Ja, richtig, das Volk begehrt Arbeit, und das Volk begehrt eine Abänderung beim Brunnen! Und du siehst dich also nicht imstande, diese Fragen in ihrem Zusammenhange zu lösen?

Don Quixote

Nein, Eure Majestät!

König (zur Königin)

Verzeiht, liebe Königin, aber ich muß ein wenig regieren, um zu Tische Appetit zu bekommen! -- (Zum Volke.) Gibt es jemanden hier, der diese Nuß mit einem Griff zu knacken vermag, so soll er Staatsminister werden!

Sancho (reckt die Hand in die Höhe)

König

Sancho! Nun wohl, so sprich! Aber sprich weise, und vor allem, kurz!

Sancho

Ich hab' mir die Sache so zurechtgelegt, nichts für nichts, und etwas gegen etwas! Die Mißvergnügten stehen von ihrer Forderung nach Arbeit ab, dafür wird der Brunnen der allgemeinen Benutzung überlassen.

König

Sehr schön! Man pflegt das einen Kompromiß zu nennen!

Don Quixote

Weißt du denn aber auch, Waffenträger, ob die Mißvergnügten auf den Kompromiß eingehen?

Sancho

Was? Man ladet die Opposition zu einem Korruptionsdiner und verleiht dem Führer ein Portefeuille.

Don Quixote

In diesem Falle sehe ich mich genötigt, mein Mandat in die Hände Eurer Majestät zurückzulegen. Ich trage das Bewußtsein davon . . .

Sancho

Doch nicht den Sieg!

König

(hebt die Krone von dem Brunnen und reicht Sancho den Schlüssel)

Hier ist der Schlüssel zum Düngerbrunnen! Pumpt nun, Leutchen! Doch gebt acht, daß ihr euch nicht bespritzt!

Das Volk

Ei!

König

Nachdem der Grund zur Unzufriedenheit nunmehr behoben ist, hoffe ich, du wirst gut regieren, Sancho, auf daß das Land künftighin vor Zerwürfnissen bewahrt bleibe.

Sancho

Eure Majestät! Da nunmehr aller Anlaß zur Unzufriedenheit hinweggeräumt ist, wird das Volk alsbald wieder in jene beseligenden Träume gelullt sein, aus denen es jüngst in so unliebsamer Weise aufgestört worden ist! Schlummere, Volk!

(Er macht mit den Händen einige hypnotische Gebärden.)

König

Ist das ein Staatsmann, dieser Sancho! Ist das ein Staatsmann! (Ab mit der Königin.)

Sechste Szene

Die Vorigen (ohne den König und die Königin)

Don Quixote

Du bist ein Schurke, Sancho!

Sancho

Der König bediente sich des Wortes Staatsmann in einem ganz anderen Sinne!

Don Quixote

Bist du nun zufrieden?

Sancho

Nun bin ich zufrieden!

Don Quixote

Müssen aber deshalb auch schon alle andern zufrieden sein?

Sancho

Ich hoffe, sie sind es bereits! Ich weiß, daß sie es sind!

Das Volk

(das der Däumling unter der Hand bearbeitet hat, beginnt zu lärmen)

Sancho

Weshalb lärmt das Volk?

Däumling

Die allgemeine Unzufriedenheit, das Klassenbewußtsein, der Zeitgeist und ich, wir haben uns in unsern -- Wünschen dahin geeinigt . . .

Sancho

Womit seid ihr unzufrieden?

Däumling

Mit allem! Mit dem Bestehenden, dem Gegenwärtigen und Zukünftigen!

Sancho

Das ist doch merkwürdig, daß man nie und nimmer zur Ruhe kommen kann, daß es ewig nur Hader und Unzufriedenheit geben muß! Wolltet ihr mir nur gehorchen, nur tun, was ich euch sage, der Himmel wäre auf Erden! Du bereitest mir Kummer mit deinen übertriebenen Forderungen, Däumling, schweren Kummer! Das Volk hatte es so gut, als es nur immer wünschen konnte: weshalb es unglücklich machen?

Das Volk (lärmt)

Don Quixote

Jetzt kehrt sich der Spieß gegen dich, Spitzbube!

Sancho (zum Däumling)

Was begehrt denn aber das Volk? Detailliere! Detailliere!

Däumling

Ja, seht, einige möchten den Brunnen gesperrt haben!

Sancho

Hat man nicht eben erst verlangt, daß er geöffnet werde?

Däumling

Jawohl! Wieder andere wünschen eben auch, daß er geöffnet sei!

Sancho

Alle Wetter! O, du kleiner, großer Schelm! Ich beuge mich vor dem Meister, der die Parteien ins Leben rief.

Däumling

Teile und herrsche!

Siebente Szene

Die Vorigen. König (und die) Königin

König

Was gibt es nun wieder?

Sancho

Eine Ministerkrise! Der Parteigeist ist los!

König

Sei den Parteien zu Willen!

Sancho

Es ist nicht möglich, beiden Parteien zugleich zu Willen zu sein!

König

Nein, das ist freilich nicht möglich! Ist es der Brunnen, der wieder spukt? -- Wißt ihr was, Leutchen, ich geh' jetzt meiner Wege!

Königin

Nein, du mußt bleiben!

König

Ich muß? Was redest du da?

Königin

Welche Sprache! Welcher Ton!

König

Du willst mir wohl meine niedrige Herkunft vorrücken, daß ich ein Schmied war. Da muß ich dich doch daran erinnern, was du gewesen! Was bist du! (Regt sich mehr und mehr auf.) Dirne, Metze! (Er schlägt mit der einen Hand auf die andere.)

Königin (sinkt um)

So also liebtest du mich!

St. Peter

Mir scheint, ich bin geradenwegs in die Hölle geraten! (Ab.)

(Es dunkelt.)

König (auf den Knien neben der Leiche)

Tot ist sie, o ihr Himmel, sie ist tot. Du holder Engel, der das Leben mir versüßte!

Sancho

Hier wird es mehr und mehr ungemütlich. Ich geh' jetzt auch, so erspare ich, gegangen zu werden! (Ab.)

Don Quixote

Ich fange an zu glauben, daß, was nie gewesen, das Beste ist. -- Dulzinea! -- Dulzinea! (Ab.)

Däumling

Weißt du, Aschenbrödel, du bist ein prächtiges kleines Weibchen. Du fällst doch nicht gleich in Ohnmacht, wenn ich gegen dich grob bin, wie diese großen Prinzessinnen!

Aschenbrödel

Nein, da mach ich's besser. Ich geb's zurück!

Däumling

Und bei Geschenken und Gegengeschenken erhält sich die Liebe am längsten. Komm, gehen wir. Mir sind solche Szenen in der Seele zuwider! Hier wäre unstreitig ein gutes Land, aber es ist ein schlechtes Volk, das doch eine bessre Regierung verdiente! (Ab, Arm in Arm mit dem Aschenbrödel.)

Achte Szene

König (an der Leiche der) Königin. Arzt. Sankt Peter

König

Unsel'ges Leben, oh, und grimmer Tod!

Der Arzt

Hast wieder 'mal was Schönes angerichtet!

König

Ja, was hab' ich denn eigentlich getan? Kann ich dafür, daß man ihr kein Wort sagen darf!

Der Arzt

Weißt du, Schmied, ich glaube, es ist am besten, daß sie dahin ist. Da schwärmst du immer am meisten für sie. Und Engel werden wir ja doch erst, wenn wir tot sind!

König

Leider, daß dem so ist! Aber nur _einmal_ noch, wenn sie wiederkehrte! Wie wollte ich mich dann zusammennehmen!

Der Arzt

Einmal noch? -- Nein! Nie wieder!

St. Peter

Hört, meine lieben Freunde! Aufrichtig gesagt, ich fange an, dieser Wanderung hier herzlich müde zu sein, und wenn ich so sehe, wie der Schmied immer nur Spektakel macht, so fürchte ich, daß wir gänzlich das hohe Ziel aus den Augen verlieren . . .

Der Arzt

Das Ziel? Ach ja, das war das Himmelreich! Wir kommen sicher noch dahin, nur müssen wir eben erst durchs Fegefeuer. Sag, Schmied, bist du der Erdenwanderung auch schon müde?

Der König

Ob ich es bin! War's schier von allem Anfang! Und seit ich tiefer nun ins Aug' geblickt Dem Menschen und dem Leben, widert's mich! Das Große ist mir nicht genügend groß, Das Kleine wieder dünkt mich allzu klein, Und hat hier unten man bankrott gemacht, Dann eben sehnt das Herz sich nach dem Oben!

Der Arzt

Man sagt, der Teufel wird im Alter Mönch, Verlangt dich etwa nach dem Schoß der Kirche?

Der König

Du hast's vielleicht erraten; in den heil'gen Stand Wünscht' ich als Knabe schon dereinst zu treten.

Der Arzt

Wohlan, zwei Fliegen schlagen wir mit einem Schlag. Erhält doch Petrus so des Himmels Schlüssel, Die dort in Rom verwahrt der heil'ge Vater, Auf daß er bind' und löse, ihm von jenen Zum Erbe einst gegeben, die die Kirche Erbauer auf dem Fels -- so heißt es doch? Auf denn zum letzten Male, über'n letzten Steg, Es gehet über Rom zum Himmel unser Weg!

(Die Szene beginnt sich zu verändern; der Vorhang fällt.)

Fünfter Akt

(Eine Kapelle der Peterskirche in Rom, von den Seiten her Musik und Gesang. Rechts das Erzstandbild Petri.)

Erste Szene

Der Schmied (und) Sankt Peter (treten auf, sie entblößen ihre Häupter)

Der Schmied

Ist's hier aber gewaltig fein! Und dieses hohe Deckengewölbe!

St. Peter

Ja, wahrhaftig, es macht mich ganz befangen!

Der Schmied

Was sollen wir nur sagen, wenn der Papst kommt? Es wird am besten sein, wenn du zuerst sprichst!

St. Peter

Still, mir scheint, er kommt! Nein, das war er nicht!

Der Schmied (deutet auf das Standbild)

Himmel, wen mag das vorstellen! Lesen wir, was darunter steht. P,e,t,r,u,s; Petrus, das bist du ja!

St. Peter

Nein, wirklich! Haben sie mich da gar in Bronze abgenommen! Haha! Es sieht mir aber gar nicht ähnlich, scheint mir.

Der Schmied

Oh ja! -- Vielleicht, daß das Haar hier etwas voller ist, weißt du?

Zweite Szene

Die Vorigen. Der Papst

Der Schmied

Sieh, da ist er nun! Fall auf die Knie!

(Der Schmied und St. Peter fallen auf die Knie)

Der Papst (bleibt stehen)

Wer seid ihr?

Der Schmied (zu St. Peter)

Antworte du! Ich fürchte mich so sehr!

St. Peter

Ein geringer Diener des Herrn.

Der Papst

Wie heißt du, alter Mann?

St. Peter

Petrus!

Der Papst

Wie noch?

St. Peter

Simon!

Der Papst

Steh' auf!

St. Peter (erhebt sich)

Der Papst

Simon Petrus! Wie seltsam! -- Und dein Vater hieß . . .?

St. Peter

Jona, Fischer in Kapernaum!

Der Papst

Warst du Petrus? (Er bekreuzt sich.) Du bist schon einmal in dieser Stadt gewesen!

St. Peter

Niemals! Achthundert Jahre stand ich vor dem Kölner Dom, in Rom aber war ich noch nie!

Der Papst

Dein Gedächtnis läßt dich im Stich. Hier auf diesem Platze littest du den Märtyrertod, weshalb zur Sühne und ewigen Erinnerung diese Kirche erbaut wurde . . .

St. Peter

Den Märtyrertod litt ich nicht . . .

Der Papst

So sagen die Kirchenväter!

St. Peter

Ich bin älter als die Kirchenväter und weiß darüber besser Bescheid als sie!

Der Papst

Und die Dekretalen . . .

St. Peter

Ich kenne keine Dekretalen . . .

Der Papst

Aber deine eigenen, in höchst vortrefflichem Stile geschriebenen Briefe!

St. Peter

Ich habe keinerlei Briefe geschrieben.

Der Papst

Auf Griechisch im ^Novum Testamentum^?

St. Peter

Als Hebräer verstand ich nicht Griechisch. War ich doch ein armer, ungelehrter Mann, der sich mit Fischerei ernähren mußte!

Der Papst

Bist du Petrus, oder bist du es nicht?

St. Peter

Ich bin Petrus, derselbe, den du meinst, Papst!

Der Papst

Der Fels, auf dem die Kirche ruht, als dessen Nachfolger ich bestellt bin?

St. Peter

Ich war kein Fels, nur ein schwankes Rohr. Hab' ich doch in jener denkwürdigen Nacht im Schreck meinen Herrn und Meister verleugnet! Zur Strafe wandre ich denn auch auf Erden, ohne Ruhe zu finden.

Der Papst

Und dies der Grund, auf dem sich die Kirche aufbaut!

St. Peter

Deshalb wackelt sie auch so, kracht in allen Fugen!

Der Papst

Daß du ein Ketzer bist, höre ich, und würde auch den großen Bann über dich aussprechen, wenn ich dich nicht im Verdacht hätte, irgendein entsprungener Tollhäusler zu sein! -- Wer ist dieser dein Gefährte da?

St. Peter

's ist nur der Schmied!

Der Papst

Welcher Schmied? Was ist sein Begehr?

Der Schmied

Ja, es klingt wohl wie eine Sage, aber eigentlich ist St. Peter hierher gekommen, sich nach den Schlüsseln zum Himmelreich umzusehen --

Der Papst (ruft hinaus)

Sbirre!

Sbirre (tritt auf)

Der Papst

Treib das Gesindel aus der Kirche! (Ab.)

Dritte Szene

Der Schmied. St. Peter. Sbirre

Sbirre

Hinaus!

Der Schmied

Dich nennen sie Gesindel, Petrus!

Sbirre

Hinaus!

Der Schmied

Schön! Schön! Ihr wißt nicht, Sbirre, wen Ihr hier die Ehre habt hinauszujagen!

Sbirre

Hinaus! Gesindel!

St. Peter

Was sagst du, was sie alles über mich zusammengelogen haben! Da gehen sie hin und lesen Briefe von mir, die ich nie geschrieben. Aber seien wir demütig, Schmied!

Der Schmied

O, du brauchst nicht demütig zu sein, du, dessen Standbild in der Kirche steht --

St. Peter

Ja, doch! Ich schäme mich! Ich schäme mich!

Der Schmied

Das magst du wohl, und glaube nur ja nicht, daß ich im Schoße einer Kirche bleibe, in der es von Sbirren spukt.

St. Peter

Ich glaub', ich habe mich mein Lebelang dem Himmel nicht so fern gefühlt als eben jetzt.

Sbirre

Hinaus!

St. Peter

So geht es einem, wenn man blöde ist und die Wahrheit reden will. (Zum Sbirren.) Hinaus? -- Jawohl, Schmied, wieder hinaus, zu irren und zu wallen, sonder Rast noch Ruh! Weißt du, woran es uns gebricht, warum wir nicht ans Ziel gelangen?

Der Schmied

Nein.

St. Peter

Am Glauben. Denn nun kommt mir's auf einmal in den Sinn: Der Weg zum Himmel ist der Weg des Kreuzes! Laßt uns das Kreuz aufsuchen!

Der Schmied

Du meinst das Leiden?

St. Peter

Ich meine das Leiden!

Der Schmied

Wohl. Nur dünkt mich, der leide am schwersten, der an nichts glaubt, und doch steht er dem Kreuze am fernsten.

St. Peter

Krieche zu Kreuz, Schmied, und wir werden uns überzeugen! (Gehen ab.)

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