Die Schlüssel des Himmelreichs; oder, Sankt Peters Wanderung auf Erden

Part 3

Chapter 33,782 wordsPublic domain

Irre ich nicht, so sehe ich Doktor Allwissend vor mir! Ich bin wohl infolge meiner teuer erkauften Erfahrungen, mit denen ich weder großtun noch Verstecken spielen kann, hinter gar manche Dinge gekommen, aber alles weiß ich denn doch nicht, und wenn die Herren mit ihrer Reise nicht gerade einen bestimmten Zweck verfolgen, so gestatten Sie mir, mich Ihnen anzuschließen.

Der Arzt

Der Zweck unserer Reise ist, den Schlüssel zum Himmelreich, den St. Peter irgendwo verloren hat, zu suchen. Finden wir ihn nicht, so wollen wir uns direkt nach dem Himmel aufmachen!

Don Quixote

Vortrefflich! Wohl habe ich, seitdem ich mich überzeugte, welche Hölle das Leben ist, alle Illusionen in bezug auf einen Himmel auf Erden aufgegeben, will aber dennoch mit --

Der Arzt

Herr Ritter! Euer tiefgewurzelter Unmut über das Leben scheint mir daher zu kommen, daß Euch die Ideale verloren gingen.

Don Quixote

Bums! Da haben wir das Wort wieder! Was ist denn das Ideal? Seht Euch den Schmied da an. Er hat sein Ideal an einer aussätzigen Spinnhausdirne gefunden, deren vornehmste Tugend darin besteht, daß sie nicht leugnet, gelogen zu haben! Ist der Schmied glücklich?

Der Arzt

Wahrscheinlich! Er berauscht sich an seinem Unglück!

Don Quixote

Denkt Euch, wenn er so wirklich glücklich wäre! Denkt Euch, wenn . . . Aber hört, ich glaube, ich werde in der Tat guttun, mich Euch anzuschließen, um nach meinen verlorenen Idealen zu fahnden. Etwas Glück täte mir nur zu not, nachdem ich den ganzen Kehrichthaufen der Jugendideale sich auf dem Boden umherschleppen gesehen habe. Seht Euch nur dieses fette Schwein Romeo an, wie er seinen Knaster raucht und der Braut eines andern die Kur macht. Seht da diesen Blaubart, der sich der moralischen Liga angeschlossen und Lady Macbeth geehelicht hat, die ihrerseits Präsidentin des Vereins zur Abschaffung der Todesstrafe ist. Pfui! Pfui! Pfui! Ich wollte, ich könnte sie alle auf einen Haufen werfen, Teer darüber spritzen und hernach das Ganze in Brand stecken.

Der Arzt

Ihr Schatten, die ich hier ans Licht beschwor, Gedanken in ein sichtbar Bild zu kleiden, Hinab mit euch, dahin, woher ihr kamt! Erzeugt aus trocknen Brunnens sumpf'ger Luft, Seid Irrwisch wiederum am alten Ort! Marsch, alle marsch! Macht fort!

(Der Brautzug kehrt in den Brunnen zurück. Der Arzt schlägt den Deckel zu, sperrt ihn ab und wirft den Schlüssel weg. Als zuletzt auch die Liebhaberin hinabsteigt, springt der Schmied auf und will ihr nach, wird aber von dem Arzte zurückgehalten. Die Liebhaberin winkt dem Schmied ein Lebewohl zu. Irrlichter erscheinen hierauf oberhalb des Brunnendeckels.)

Der Schmied

Sie ging, und ich, ich darf nicht mit!

Der Arzt

Ihr seht Euch wieder! Stör, nicht meinen Plan!

Der Schmied

Ich armer Mann! Was soll nun aus mir werden?

Der Arzt

Sag, selbst! Ich laß dir freie Wahl! Was wärst du gern?

Schmied

Was gern ich wär? Was bin ich? O! Ich fühle mich so alt, So böse, seit des Lebens holder Trug Mir ward geraubt! Mir ist, als wandelt' ich auf Modergrund. Man fürchtet mit den Beinen einzusinken Und dazusitzen, wie der Fuchs im Eisen. Ach! Wie's des Lebens mich, der Menschen ekelt! Je mehr man lernt, je weniger man glaubt, Und wer am meisten meint zu wissen, Weiß nichts! Ja, dieses kaum! Ah, daß ein Ries' ich wär, die Alpen tragend Auf meinem breiten Schulterblatt, Ich wollt' mich bücken und die ganze Last Zur Erde wälzen, daß sie flög' in Trümmer! Groß will ich sein und stark, der Allerstärkste, Das Universum mit dem Fuß zertreten, Auf daß beim Schreiten der Vergänglichkeit Mit Stolz mich der Gedanke schwellte, Allein zu fallen von der eignen Hand, Wenn all die anderen von fremder fielen!

Der Arzt

Mich dünkt der Wunsch so deutlich vorgetragen, Daß nicht daran zu zweifeln ist! Wohlan! Magst Riese sein, die alte Erd' erschüttern! Nur gib hübsch acht, wie du den Kreisel peitschst, Daß er dir laufe, ohne anzuprallen! Hinweg nun, marsch!

(Hinausrufend) Laßt Eure Künste spielen!

(Verwandlung.)

Dritter Akt

(Rechts die von Laub und Blumen umrankte Veranda des Pfarrhofgebäudes. In der Mitte des Hofes eine Linde. Darunter ein Tisch. Zur Linken ein jäher Abhang, über den sich der Hoberg-Alte erhebt, ein Pfad schlingt sich am Fuße des Bergriesen hin. Im Hintergrunde sieht man das Tal mit einem See, an dem die Dorfkirche liegt.)

Erste Szene

Der Hoberg-Alte (Schmied, allein.)[3]

So bin ich richtig nun ein Riese worden, Und keinen größern siehst du hier im Norden! Bin ich nicht gerade schön, bin ich doch schaurig groß, Und weithin kann ins Land ich wie kein Zweiter sehen. Ich spiegle mich im See, das Haupt im Wolkenschoß, In Weiß hüllt mich der Schnee, grün kleidet mich das Moos, Im warmen Sonnenschein laß ich mir's wohlergehen.

Dort unten in dem Tale, da wohnt ein Priestergreis, Aus seiner Kirche hör' ich's immer bimmeln, Im alten Trotte wallet das Volk hin scharenweis, Um seinen weißen Balder gläubig zu verhimmeln.

Doch ihn, den Bergesriesen, ehrt keiner mehr fürwahr, Obgleich an Kraft er allen überlegen; Er schützt im Tal die Menschen vor wilder Sturmgefahr. Die blauen Blitze fängt er in seinem eignen Haar, Dem Acker gibt er Wärme, die Sonnenlicht gebar, Im tiefen Schoße sammelt er den Regen.

[Fußnote 3: Der Riese wird durch eine Felsenformation dargestellt.]

Ach, welch erbärmlich Volk ist's, das unten haust im Tal; Das bimmelt und das klingelt, bekreuzt sich, und zumal Glaubt Sagen, alte, aufgefärbte, von dem Gotte, Getötet durch die Mistel, den Baldur licht und rein, Und glaubt nicht an den Riesen, der selber wirft den Stein, Eh' er sich stein'gen ließe von der Zwergenrotte!

Nun sinkt ins Meer die Sonne, still bricht die Nacht herein, Und alle Menschen rüsten sich zum Schlafe. Da klingt gen Spuk und Wetter das Abendglöckelein, Und in den Betten stammeln Gebete Groß und Klein, Denn Finsternis dünkt jedem Frommen Strafe.

(Es dunkelt, von der Kirche her ertönen dreimal drei Glockenschläge.)

Der Riese liebt das Dunkel, in dem die Ruhe thront, Im Dunkel herrscht die Stille, wo der Gedanke wohnt, Denn vor der Sonne tanzen doch nur Mücken.

(Eine Eule kommt geflogen und setzt sich ihm auf die Schulter.)

Da ist mein Lieblingsvogel, mein Nachtfreund und Berater, Zwei Augen und zwei Schwingen, mit Krallen wie ein Kater. Man glaubt im Bund dich mit des Teufels Tücken! Sing, kleiner Vogel, mir dein altes kluges Lied. In Schwarz schaust du die Welt und singst doch stets --

Die Eule

Snee wit!

Der Hoberg-Alte

Um Weisheit kann man dich allein befragen, Gebären Berge Ratten, füllst du den Kropf dir gut, Und überwuchern Hasen, hältst Razzia in der Brut, Und niemand wird den Strauß mit Ries' und Vogel wagen.

Zweite Szene

Der Hoberg-Alte. Zwerge (kommen mit Grabscheiten, Hauen und Spaten und fangen unten am Berge, zu Füßen des Riesen, an zu hacken und zu graben).

Die Zwerge (singend oder rezitierend)

Wir picken, wir hacken, Wir knicken, wir knacken, Wir geben nicht Ruh', Wir hetzen, wir fetzen, Wir wetzen, wir setzen Dem Bergkönig zu.

Zu! (Lang anhaltend.)

Der Hoberg-Alte

Was treiben denn die Knirpse da unten?

Die Zwerge

Wir schütteln, wir schmeißen, Wir rütteln, wir reißen Den Riesen schon um. Wir picken, wir packen, Wir knicken, wir knacken, Im Staub liegt er -- plumm!

Plumm! (Lang anhaltend.)

Der Hoberg-Alte

Wenn ihr Knirpse nicht vom Berge lasset, so kommt der Riese und schleudert Steine.

Erster Zwerg

Wirf nur!

Der Hoberg-Alte

Oho! Nehmt euch in acht! Ksst!

Zweiter Zwerg

Hört ihr, was er sagt? -- Er sagt: Ksst! Wie man's mit Katzen macht! (Die Zwerge lachen.)

Der Hoberg-Alte

Ja so, ihr glaubt nicht, daß das wahr ist. Seht her, ich niese nur, und es regnet Geröll. Aufgepaßt da unten!

(Er niest. Geröll kollert über den Berg hinunter.)

Erster Zwerg

Ich glaube wirklich, der wirft Steine! (Er nimmt einen Stein und wirft ihn nach dem Riesen.)

Der Hoberg-Alte

Achtgegeben! Jetzt werden wir einmal husten! (Er hustet, Steine stürzen herab und verschütten Zwerg I.)

Die Zwerge

Der Zwergkönig ist tot, es lebe der Zwergkönig!

Zweiter Zwerg

Nun bin ich König.

Die Zwerge

O nein, das gibt's nicht . . .

Zweiter Zwerg

Wer denn?

Die Zwerge

Ich! Ich!

Zweiter Zwerg

Ihr könnt doch nicht alle auf einmal König sein. Und da ich der Älteste bin, halte ich mich für den Nächstberechtigten.

Dritter Zwerg

Aha! Jetzt ist er der Älteste! Als aber der Älteste auf dem Thron saß, da war er zu alt zum regieren. Wir brauchen junge Leute, hieß es da!

Zweiter Zwerg

Das war damals, als Lasse noch lebte. Doch nun ist Lasse tot, und da herrscht jetzt ein anderes Regiment. Wollt ihr übrigens, daß wir wählen, so bin ich auch dabei, unter einer Bedingung.

Die Zwerge

Unter welcher?

Zweiter Zwerg

Daß ich das absolute Veto behalte und außerdem die ausschlaggebende Stimme.

(Die Zwerge schreien und raufen.)

Der Hoberg-Alte

Wenn die Diebe sich prügeln, führt der Bauer seine Kuh heim! -- Ihr kleinen Teufel! Ihr rauft am Sonnabend! Ihr seid meiner Seel nicht um ein Haar besser als die großen Menschen!

(Steine stürzen herab und töten Zwerg II.)

Die Zwerge

Der Zwergkönig ist tot, es lebe der Zwergkönig!

Dritte Szene

Die Vorigen. Der Däumling (in Siebenmeilenstiefeln, hinter ihm) Aschenbrödel (in einem Schuh von einer Ratte gefahren).

Däumling

Nein! König bin ich!

Dritter Zwerg

Wer bist du?

Däumling

Ich bin der Däumling, und hier ist meine Königin Aschenbrödel.

Dritter Zwerg

Mit welchem Rechte, wenn ich fragen darf, erlaubt Ihr Euch Ansprüche auf den erledigten Thron zu erheben?

Däumling

Mit dem Recht, daß ich der Kleinste unter den Kleinen bin, und wer sich erniedrigt, der soll erhöht werden. Und meine Königin hat bekanntlich den kleinsten Fuß der Welt!

Dritter Zwerg

Für eine Königin kann diese Eigenschaft eine Empfehlung sein, aber von einem König fordert man selbst bei den Kleinen denn doch noch etwas anderes, als daß er klein sei! Mein Herr! Haben Sie die Güte und stellen Sie sich in Socken.

Däumling

In Hemdärmeln meinen Sie wohl!

Dritter Zwerg

Nein, ich meine in Socken. Denn ich schlage mich niemals mit einer Person in Siebenmeilenstiefeln.

Aschenbrödel

Nicht sich schlagen! Nicht sich schlagen! Ihr dürft es nicht!

Däumling (zieht die Stiefel aus)

Ein Rittersmann schlägt sich alle Zeit und überlegt nicht lange, meine Königin!

Aschenbrödel

Oh! mir schwindelt! Ich werde ohnmächtig! Zu Hilfe!

Däumling (bemüht sich um sie)

Dritter Zwerg (zieht die Siebenmeilenstiefel an)

Nun aber schlage _ich_ mich nicht, Herr Winzig!

Däumling

O, der kleine hinterlistige Spitzbub! Der kleine falsche Diebskerl! (Weint und beißt sich in den Daumen.)

Dritter Zwerg

Huldigt mir nun, Gesindel! Solch einen König habt ihr bis jetzt noch nicht gehabt. Marsch! Sonst lasse ich euch alle miteinander die Köpfe abschlagen.

(Allgemeines Geschrei, Schlägerei. Neuer Steinregen vom Berge. Däumling und Aschenbrödel fallen tot um.)

Vierte Szene

Die Vorigen. Sankt Peter.

Dritter Zwerg

Hier riecht's nach Christenblut!

(Alle verschwinden, St. Peter setzt sich unter die Linde.)

Der Hoberg-Alte

Bist du da, St. Peter?

St. Peter

Die Stimme ist des Schmiedes Stimme, aber . . . Ja, ich bin hier . . . Wo bist du?

Der Hoberg-Alte

Hier oben!

St. Peter (erblickt den Hoberg-Alten)

So groß bist du geworden, Schmied!

Der Hoberg-Alte

Das will ich glauben! Wie geht's denn dir aber, alter Petrus?

St. Peter

Ich weiß nicht, ob ich recht habe, aber mit dem Wissen dieses Dr. Allwissend scheint es mir durchaus nicht so weit her zu sein, als er uns weismachen wollte. Wie mich dünkt, führt er uns auf Irrwege.

Der Hoberg-Alte

Ja, das ist auch meine Meinung! Und wenn ich aufrichtig sprechen soll, habe ich Lust, mich von ihm loszureißen.

St. Peter

Ich glaube, er ist der Böse selber. Du aber, der du so groß und stark geworden bist, könntest ihm doch den Garaus machen.

Der Hoberg-Alte

Lock' ihn nur in Niesweite, so werde ich Steine auf ihn regnen lassen.

St. Peter (bemerkt Aschenbrödel und den Däumling auf der Erde)

Was ist denn das? -- Mir scheint gar, das ist der Däumling! (Er packt ihn heim Knie.) Wer hat ihn getötet?

Der Hoberg-Alte

Das hab' ich getan!

St. Peter

Wie, du schlägst die Kleinen, du großes Ungeheuer?

Der Hoberg-Alte

Ja, wenn sie meine Stellung als Riese untergraben wollen.

St. Peter

Wer einen dieser Kleinen ärgert . . .

Der Hoberg-Alte

Sie haben ja mich geärgert! Aber du bist von jeher der Kleinen Freund!

St. Peter

Und hier ist das kleine Aschenbrödel!

Der Hoberg-Alte

Deren größter Vorzug ihr kleiner Fuß war.

St. Peter

Und diese Armen hattest du das Herz zu töten! Oh!

Der Hoberg-Alte

Sonst hätten sie mich getötet! Und Notwehr ist erlaubt! Übrigens hättest du sehen sollen, wie sie zankten und rauften, einander betrogen und sich balgten, ganz wie die großen Menschen. Glaubst du, sie hätten soviel Pietät gehabt, ihre Trauer zu bezeugen, als der Zwergenkönig totgeschlagen war? Bewahre. -- Sie gerieten sich sofort wegen der Krone in die Haare und ließen die Leiche liegen. Wahr dich vor den Zwergen, sie beherrschen die Welt. Im Innern der Berge verbringen sie ihre Zeit damit, nach Gold zu schürfen, für das die Menschenkinder Glauben und Seele verkaufen, um Schwerter zu schmieden, mit denen die Menschenkinder einander umbringen.

St. Peter

Das ist nur Verleumdung! Und könnte ich diese Kleinen zum Leben erwecken, so würdest du sie gleich dankbaren Kindern mir auf meiner langen Wanderung folgen sehen.

Däumling (erwacht)

Guten Morgen, Großpapa!

St. Peter

Nein, sieh, er lebt! -- Und ich, der ich glaubte, die Zeit der Wunder wäre vorbei! -- Wie kam das, du kleines Wechselbaby?

Däumling

Ah, ich stellte mich nur tot, um den Zwergen und ihren Prügeln zu entwischen.

St. Peter

Fliehen ist des Fechtens bessrer Teil! -- Ja, du warst allezeit ein kleiner schlauer Teufelskerl! Na, was ist denn mit dem kleinen Aschenbrödel? --

(Der Däumling geht herum, findet St. Peters Fisch, den dieser auf den Tisch gelegt hat, nimmt ihn und steckt ihn ein.)

Aschenbrödel (erwachend)

O, ich bin nur in Ohnmacht gefallen, wie's mich meine Stiefmutter lehrte. Sonst hätte sich Däumling geschlagen.

St. Peter

So klein und so klug! Ach, wieviel Raum ist nicht in einem so kleinen Hühnerhirn, du großer Riese droben!

Der Hoberg-Alte

Und wieviel Raum, glaubst du, ist in Däumlings Brusttasche?

St. Peter

Was sagst du da oben?

(Aschenbrödel schleicht sich zum Tisch und packt St. Peters Brille, die er weggelegt hat.)

Der Hoberg-Alte

Ja, ich mag's nicht noch einmal sagen; aber wenn vier Augen mehr sehen als zwei, so siehst du nicht über deine Nasenspitze hinaus.

St. Peter

Das ist gewiß sehr tiefsinnig! -- Da muß ich erst darüber nachdenken! . . . Laß mich sehen . . . Wo ist denn meine Brille?

(Er sucht. Däumling und Aschenbrödel schleichen links hinaus.)

St. Peter

Und mein Symbol! Wo ist mein Symbol!

Der Hoberg-Alte

Meinst du den Fisch, der denselben Weg wie die Brille nahm? So, jetzt hast du noch ein klein wenig mehr zu tun, St. Peter; und nun du auch die Brille nicht mehr hast, wirst du niemals der Schlüssel zum Himmelreich habhaft werden.

St. Peter

Ja, aber ich habe sie doch hier auf den Tisch gelegt!

Der Hoberg-Alte

Ja, aber der Däumling hat sie in seine Brusttasche gesteckt.

St. Peter

Ach, der Schelm! -- Meiner Seel, ich werd' ihm . . .

Der Hoberg-Alte

Was wirst du?

St. Peter

Ich werd' ihm eine Tracht Prügel zukommen lassen -- das werd' ich! (Petrus wendet sich zum Gehen.)

Der Hoberg-Alte

Einem von diesen Kleinen? Pfui, Petrus! -- Bleib doch! -- Geh nicht von mir . . . und leiste mir Gesellschaft.

St. Peter (unschlüssig)

Ich weiß nicht! Aber mir ist hier nicht recht geheuer!

Der Hoberg-Alte

Ach, ich bin so einsam und brauche Freundschaft!

St. Peter

Freundschaft kann nur zwischen Personen von einigermaßen gleicher -- Korpulenz bestehen. -- Du bist zu groß für mich, Schmied! -- Viel zu groß! --

Der Hoberg-Alte

Und der Däumling zu klein! -- Wie groß soll man denn in deiner Gesellschaft sein? --

St. Peter

Na, ungefähr wie ich!

Der Hoberg-Alte

Demokrat!

St. Peter

Despot! -- Adieu! -- (Links ab.)

Fünfte Szene

Der Hoberg-Alte. Der Pastor. Die Pastorin. Der Sohn. Die Schwiegertochter. Die Enkelin und deren Bräutigam. Zweite Enkelin (acht Jahre alt).

(Sie kommen zu zwei und zwei die Veranda herab. Erstes Paar Arm in Arm. Zweites Paar die Arme um den Leib geschlungen. Drittes Paar Hand in Hand. Das Kind folgt dem zweiten Paare.)

Pastor

Ein schöner Abend! -- Und nach schönem Tag! Habt Dank, ihr meine Kinder, Kindeskinder! Der Jahre achtzig füllte heut der Greis, Nun neiget sich dem Abend zu sein Leben. Habt Dank, daß wolkenlos die Rüste ihr gestaltet, Ihr alle, die ihr meine Welt gewesen. Denn nie verließ ich noch dies stille Tal. So recht mein Leben erst den Anfang nahm, Als hier ich mit der Frau das Heim uns baute. Ich weiß nicht, wie es kommt, doch dieser Abend Ruft das Vergangne neu mir ins Gedächtnis.

Kind (erschrocken)

Großvater, sieh, der Hoberg-Alte rührt sich!

Pastor

Du siehst Gespenster, Kind! -- Der Berg ist's, Und der hat sich noch nie gerührt! Es geht vom Hoberg-Alten eine Sage, Ein Märchen, weißt du, Kind, daß er ein Riese, Der einst verhext von einem Bischof ward, Und eher nicht Erlösung finden kann, Bis er sich eines Weibes Lieb erringt! -- Sei also nur getrost, mein Enkelkind, Der Hoberg-Alte sitzt noch lange still.

Sohn

Nein, Vater, das ist gar noch nicht so sicher; Hier spricht man schon von einem Schienenweg, Den mitten durch den Berg man ziehen will.

Pastor

Sieh, das ist mehr, als ich gewußt -- -- -- Das freut mich und betrübt mich auch, Denn teuer war mir dieses Tal, So still und einfach, fern vom Weltgetriebe . . .

Kind

Sieh nur, nun schüttelt sich die Linde, Großvater, und doch bläst kein Wind.

Pastor

Er bläst gewiß dort oben in der Krone, Ob wir's hier unten auch nicht fühlen, Kind.

Bräutigam (zur Braut)

Vielleicht, daß sich vor Schmerz die Linde schüttelt, Weil morgens in die Rinde wir den Namen ritzten.

Braut

Vor Schmerz sah ich sie weinen, und wie sollte Denn sie nicht leiden, während wir genießen, Ist unser Glück doch stets auf andrer Schmerz gebaut.

Pastorin

Sie blühte diesmal reich, die alte Linde, Da wird's viel Honig geben in den Körben.

Schwiegertochter

Du denkst doch stets an deinen Haushalt, alte Mutter.

Pastorin

Wer, glaubst du, sollte sonst wohl daran denken? Man ritzt nicht mehr den Namen in die Linde, Hat man die siebzig hinter sich. Großmutter pflückt da lieber Blüten Und trocknet sie, um Tee zu haben, Wenn an dem Sarg der Husten hobelt.

Kind

Großvater, komm, bevor das Dunkel fällt; Sobald die Sonne sinkt, wird mir so bang.

Pastor

Recht gern! Und laßt uns nun zur Kirche gehn. Hab' in der Sakristei noch manches zu besorgen, Für morgen, für den Gottesdienst! So kommt!

(Der Pastor und seine Gattin rechts ab.)

Schwiegertochter (zum Sohn)

Wie schön ist Eintracht bei Verwandten! Ich sah noch nie bei andern solche Liebe; Gesegnet preis' den Tag ich, da ich hierher kam Und eingefügt durch dich in diese Kette ward!

Sohn

Die erste Frau, die nicht die Kette drückt!

Schwiegertochter

Du Schelm du! Gib mir einen Kuß, im Ernst!

(Sie gehen.)

Bräutigam

Mein Jugendglaube nicht zu Schanden ward: Das Glück wohnt nicht im hohen Marmorsaale. Ich strebt nach Lammes-, nicht nach Wolfesart Und such' die Unschuld in dem stillen Tale.

(Die Eule schreit.)

Braut

Oh, die abscheuliche Eule!

(Sie gehen.)

Sechste Szene

Der Hoberg-Alte. Don Quixote (ohne Pferd).

Don Quixote (nimmt den Helm ab und trocknet sich die Stirn)

Der Hoberg-Alte

Heda, alter Ritter!

Don Quixote

Ist das der Schmied? -- der ein Riese geworden ist?

Der Hoberg-Alte

Und das ein richtiger, ohne Windmühlenflügeln an den Schultern.

Don Quixote

Ei, still davon!

Der Hoberg-Alte

Bist du verdrießlich, Ritter?

Don Quixote

Ja, sehr.

Der Hoberg-Alte

Wie kommt das? Und wo hast du deine Stute gelassen?

Don Quixote

Sprich nicht von ihr! (Erhebt sich) Weißt du, wie es um einen Menschen steht, der nicht essen kann?

Der Hoberg-Alte

Der Arme hat wohl kein Geld, sich Essen zu schaffen!

Don Quixote

Possen! -- Hast du einen Begriff, wie das einen Menschen hernimmt, nicht schlafen zu können?

Der Hoberg-Alte

Vielleicht hat er zu tief in den Tag hinein geschlafen.

Don Quixote

Possen! -- Welche niedere Auffassung!

Der Hoberg-Alte

Mir scheint, der Herr Ritter beginnen wieder in höheren Regionen zu schweben. Wie kommt das?

Don Quixote

Weißt du, warum ich meine Stute verkaufte?

Der Hoberg-Alte

Geldmangel!

Don Quixote

Materialist! Geld! Ha! Was ist lumpiges Gold gegen -- das Goldhaar eines Weibes --

Der Hoberg-Alte

Haha! So habt Ihr Euch verliebt, Ritter?

Don Quixote

Sprich nicht in so niedern Ausdrücken von einer so hohen Sache! -- Ich liebe!

Der Hoberg-Alte

Gott in deinem Reich! Ja, ja! Hat man Silber im Haar, möchte man Gold haben!

Don Quixote

Ich liebe! Liebe rein, unschuldig, uneigennützig und -- absolut monogam.

Der Hoberg-Alte

Das heißt, er möchte der einzige sein.

Don Quixote

Pfui, schäme dich, Schmied, Riese, oder wie du dich sonst zu nennen beliebst!

Der Hoberg-Alte

Und wird die heilige Flamme erwidert -- uneigennützig -- absolut monogam?

Don Quixote

Ja, siehst du, das weiß ich nicht! Aber darin besteht gerade der Zauber.

Der Hoberg-Alte

Oder der Reiz. Und Rosinante?

Don Quixote

Das Ziel meiner Wünsche vertrug den Stallgeruch nicht, und demzufolge --

Der Hoberg-Alte

Wie sieht es denn aus, dieses Ziel Eurer Wünsche, oder richtiger Eures Begehrens?

Don Quixote

Ich habe die Angebetete nie gesehen! Doch ich hörte sie, hörte sie sogar auch beschreiben.

Der Hoberg-Alte

Ist sie schön?

Don Quixote

Was kümmert das dich?

Der Hoberg-Alte

Ich finde, daß Ihr Euch in sehr ungeziemender Weise ausdrückt, Ritter, und ist's Euch gefällig, so brechen wir eine Lanze miteinander.

Don Quixote

Es gab allerdings eine Zeit, da ich mich mit Riesen schlug, darüber bin ich jedoch nunmehr hinaus, und hast du nichts dagegen, so scheiden sich unsere Wege.

Der Hoberg-Alte

Ihr weigert Euch also, mir Genugtuung zu geben?

Don Quixote

Ja, ich will überhaupt nichts mit dir zu schaffen haben. Du bist mir zu groß! Leb wohl! -- Sancho!

Siebente Szene

Die Vorigen. Sancho Pansa.

Der Hoberg-Alte

Also auch ihm bin ich zu groß!

Don Quixote

Wieviel hast du für die Stute bekommen?

Sancho

Sechsunddreißig Taler, gestrenger Herr!

Don Quixote

Her damit!

Sancho (sucht in seinen Taschen)

Don Quixote

Du hast sie vertan!

Sancho

Ich habe sie deponiert.

Don Quixote

Her denn mit dem Depositenschein.

Sancho (sucht in den Taschen)

Don Quixote

Du hast nie einen besessen. Ja, du bist ein schlechter Mensch, aber bei allen deinen Gaunereien steckt eine gewisse Ehrlichkeit in dir, die ich zu schätzen weiß, weshalb ich dir denn, wie nicht minder in Anbetracht meiner Liebe, verzeihen will. Folge mir nun, und wandern wir weiter. Doch hinaus aus dem engen Tal, hinauf auf die Höhen, Sancho! Auf die Höhen!

Sancho

Ach, also wieder auf die Höhen! Und dann wird es wieder ins Tal hinunter heißen?

Don Quixote

Alle Vorwärtsbewegung geht der Welle gleich, erst hinauf, dann hinab, und nur durch Veränderung läßt sich ein fester Halt gewinnen, sagt der weise Konfuzius.

Sancho

Gewiß, ein verteufelt kluger Mann! Allein, obgleich ich mich stets in Krümmungen bewegte, habe ich den festen Halt im Leben immer noch nicht finden können.

Don Quixote

Vorwärts, Sancho, vorwärts!

Sancho

So schwanken wir denn in Gottes Namen weiter! -- Gehen Euer Gnaden gefälligst voran. (Sie gehen.)

Achte Szene

Der Hoberg-Alte. Dann Die Liebhaberin.

Der Hoberg-Alte