Die Schlüssel des Himmelreichs; oder, Sankt Peters Wanderung auf Erden

Part 2

Chapter 23,638 wordsPublic domain

So erzählt die Sage von Pan, \_/ \_/ -- \_/ -- \_/ \_/ -- Dem Gotte des rauschenden Wald's, \_/ -- \_/ \_/ -- \_/ \_/ -- Einer Nymphe stellt er einst nach, \_/ \_/ -- \_/ -- \_/ \_/ -- Die Echo mit Namen genannt. \_/ -- \_/ \_/ -- \_/ \_/ -- Nicht geneigt war Echo dem Pan, \_/ \_/ -- \_/ -- \_/ \_/ -- Ihr Herz einem andern gehört; \_/ -- \_/ \_/ -- \_/ \_/ -- Doch Narzissus, den sie erwählt, \_/ \_/ -- \_/ -- \_/ \_/ -- Statt Liebe die Weisheit erkor. \_/ -- \_/ \_/ -- \_/ \_/ --

Gnothi Seauthon! \_/ -- \_/ \_/ --

Die Nymphen

Das da heißt! Erkenne dich selbst! \_/ \_/ -- | \_/ -- \_/ \_/ --

Die Oreade

In Gedanken sieh ihn dort stehn: Er schaut in der Tiefe sein Bild, Seines Wesens Grund zu erspähn, Das hinter den Zügen sich birgt. Doch im Wasser rudert ein Narr, Im See nur den Spiegel er sieht, Und er wähnt, der Denker begafft Sich dort, wo ins Tiefste er blickt.

Gnothi Seauthon!

Die Nymphen

Das da heißt: Erkenne dich selbst!

Tersites

Gnothi Seauthon![2] Ach! Der Narr, Damit soll ich vielleicht gemeint sein! Doch zeigen will ich euch, daß auch der Narr, Wenn's sein muß, in die Tiefe blickt, Obgleich ich, grad' heraus, dort nichts gewahrt als Schlamm.

(Er lehnt sich über den Bootsrand)

Die Oreade

Das glaub' ich gern, Tersites, Doch ist's, weil du allein die Oberfläche siehst.

Tersites (auf der Bootskante)

Den Himmel seh' ich jetzt sich unten spiegeln!

Die Oreade

Ja, auf der Oberfläche; tiefer blick, Tersites!

Tersites

(Das Boot schlägt um, und er versinkt)

Ich sinke! Weh! Kein Boden unter mir!

Die Oreade

Das war zu tief für dich! Und also heißt es jetzo Wasser schlucken.

Die Nymphen

Gnothi Seauthon! Das da heißt: Erkenne dich selbst!

(Tersites sinkt in die Tiefe. Die Frösche hüpfen ihm nach. Die Nymphen verschwinden in das Dickicht, Narzissus zieht sich in die Höhlung des Baumes zurück. Der See bedeckt sich mit einer Grasmatte, und St. Peter, der ohne auf die sich abspielende Szene zu achten, während der ganzen Zeit erfolglos mit Angeln beschäftigt gewesen, wird schließlich gewahr, daß etwas Ungewöhnliches vorgeht.)

[Fußnote 2: Für den Schauspieler: Tersites skandiert falsch, in Jamben.]

Der Arzt

Nun Schmied, was dünkt dich von dem Abenteuer?

Der Schmied

Gewiß, recht nett und auch sehr instruktiv -- Etwas zu tief wohl auch für mich -- Philosophie ist just nicht meine Stärke.

Der Arzt

Nein, nein, das geb, ich zu! denn leben erst Und sehn, hören und sodann summieren, Den Abzug machen, Wurzel, Mittel suchen, So spinnt sich ja der Hergang ab. Nicht eher lernst du dich erkennen, Als bis im kleinen Finger du das Leben hast, Also zurück zu Fuß auf neuen Wegen. Wie steht's mit unserm Freund Apostel? Sind seine Rappen schon bereit?

St. Peter

(der die Angelrute auf die Wiese ausgeworfen)

Ich glaube, meiner Seel', der See ist alle!

Der Arzt

Du fischest auf dem Trocknen, alter Fischer, Komm mit und fische Menschen, Petrus.

St. Peter

Das Wort hab' ich einmal gehört Vor vielen, vielen Jahren schon -- -- -- Wie mir das Alter das Gedächtnis trübt -- Und dennoch wie durch ein Gewölk Seh' einen Mann ich licht und mild, Mit Malen an der Brust, den Händen -- In Büchern las er niemals, sondern wanderte In Waldeseinsamkeit und auch auf Bergen, In Dörfern, Städten . . . Da, nun reißt der Faden ab -- Doch immerhin! . . . Kommt, laß uns Menschen fischen, Doktor!

(Er wirft die Angelrute weg; sie gehen.)

Zweiter Akt

(Der Hof eines Gasthauses. Zur Linken und Rechten von Baulichkeiten eingeschlossen, im Hintergrunde von einer Mauer mit großem Einfahrtstore begrenzt. Im Trakte rechts die Schenke, links Kuh- und Pferdeställe, Wagenschuppen und dergleichen. In der Mitte des Hofes ein Brunnen. Vor der Schenke ein paar längliche Holztische mit Bänken.)

Erste Szene

Der Schmied und Der Arzt (sitzen am Tische, vor sich ein Schreibzeug und das Fremdenbuch).

Der Schmied (schreibt)

Hier denn mein Name, Stand, etcetera, Nun ist's an dir zu schreiben!

Der Arzt

Schreib' du für mich, das ist ja alles eins.

Der Schmied

Wie heißest du?

Der Arzt

Anonymus.

Der Schmied

Ein sonderbarer Name das! Dein Stand?

Der Arzt

Mein _Stand_? Da könnt ich manchen nennen! -- Sag': Doktor!

Der Schmied

Von Wannen?

Der Arzt

Vom Mutterleibe!

Der Schmied

Dein Reiseziel?

Der Arzt

Das Grab!

Der Schmied

Stets mystisch! Wer bist du, wunderlicher Mann, der mein Geschick In deine Hand du nahmst? -- Was willst du mir?

Der Arzt

Das sollst du wissen, wenn du fertig bist!

Der Schmied

Wann bin ich fertig denn?

Der Arzt

Wenn du, wie ich, Dich selbst erkennen lerntest!

Der Schmied

Mich selbst? Was ist dies selbst, das du beständig predigst?

Der Arzt

Das ist der feste Punkt, den Archimedes suchte, Von da er sich vermaß, das Weltall zu bewegen. Das ist dein Ich, das nie ein andres ist, Dein Mittelpunkt in deinem Horizont.

Der Schmied

Wer bin ich denn?

Der Arzt

Ein Bursche vorderhand Von vierzig Jahr, versetzt mit Erz und Schlacke, Empfindlich wie ein Kind und gleich gestimmt zu Lust und Leid! Gewiß, noch locken dich des Lebens schlichte Freuden: Ein voller Tisch, ein schäumend Glas, Ein Tanz mit Dirnen in dem Grünen . . . .

Die Wirtin

(mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern)

Der Wein ist für die Herren, nicht? (Geht ab.)

Der Arzt (schenkt dem Schmied ein)

Das nicht, doch einerlei! -- Trink, Schmied!

Der Schmied

Und Ihr?

Der Arzt

Ich trinke nicht!

Der Schmied

Wohl aus Prinzip?

Der Arzt

Beileibe nicht! Ich trank so viel in meiner Jugend, Daß nichts mehr mich berauschen kann!

Der Schmied

Na, dann trink ich!

Der Arzt

Ich aber geh', Denn wer nicht mittrinkt, wird leicht lästig. Sorg' nun für dich, dort kommen Leut! Gesellschaft hast du nun beim Kruge, Zum mindesten, solang er voll; Doch wenn du in die Klemme kommst, Und nach dem Doktor dich's verlangt, So rufe nur; ich steh' dir bei! --

(Entfernt sich durch das große Tor).

Zweite Szene

Der Schmied allein. Dann Die Liebhaberin.

Der Schmied

Philosophie, bah! Horizont und Archimedes, Was kümmert's mich, mag sich die Erde drehen, Mag sie auf Vieren kriechen!

Die Liebhaberin

Zu Hilfe! Helft mir, edler Herr!

Der Schmied

Was stieß' Euch zu, mein schönes Fräulein?

Die Liebhaberin

Ich bin ein hilflos elend Weib, Geplündert wurd' ich eben auf der Straße.

Der Schmied

Von wem? -- Wer war es? Sprecht ein Wort, Und stracks den Arm zu Eurem Schutze, Wie's Ehrenmännern ansteht, will ich heben. Ward Eure Tugend, Eure Sittsamkeit verunehrt, Laß ich die ganze Räuberbande hängen! Doch sprecht nur, sagt: Wer seid Ihr? Und wo geschah's? Wer ist der freche Täter?

Die Liebhaberin

Seid Ihr der Edelmann, der Ihr mir scheinet, So fragt mich nicht um meinen Namen.

Der Schmied

Ich fragte nicht, ich stellte bloß in Frage . . .

Die Liebhaberin

In Frage stellet, was Ihr wollt, Nur glaubt an meine Ehrlichkeit Und Tugend, an die Schmach, die ich erlitten . . .

Der Schmied

Ich glaub' daran, wie nur an Eure Schönheit, Die ich mit meinen offnen Augen sehe, Wie nie zuvor dergleichen ich erschaut! --

Die Liebhaberin

Ich wußt' es ja: Ihr seid ein edler Mann . . . Nun denn! mein Vater wollte mich zur Ehe zwingen!

Der Schmied

Ha! Nun versteh' ich alles! -- Ihr; Ihr liebtet einen andern!

Die Liebhaberin

Nein! -- Doch ist das mein Geheimnis. Ich bitt' Euch, fragt nicht mehr! Erlaubet nur, Daß ich mich Eure Schwester nenne Und unter diesem Namen suche Schutz und Schirm.

Der Schmied

Als Schwester? Herzlich gerne, edles Fräulein, Wenn Eure Schönheit, Eure edle Art Nicht allzu tief mich stellt in Schatten Und dies nicht allzu unwahrscheinlich macht.

Die Liebhaberin

Sprecht nicht von Schönheit, von der meinen gar, Das Schöne ist nur Schein!

Der Schmied

Ein strahlend heller Schein, der wärmt und leuchtet.

Die Liebhaberin

Ein Irrwisch nur auf Wiesensumpf.

Der Schmied

Das ist nicht wahr, kann nimmermehr so sein! Allein der Güte Widerschein ist Schönheit, Wenn sie mit solchen Augen redet -- Kein böses Wort von Euren Lippen Kann ich mir denken! Diese klare Stirn, Die furchen Zornesfalten nimmer, Und diese kleine Hand erhebt sich wohl Zum Handschlag nur und zur Versöhnung -- O wollt Ihr folgen mir, doch nicht als Schwester!

Die Liebhaberin

Wie mancher freite mich und hat sich's überlegt! Du kennst mich nicht, du weißt es nicht, Wie elend und bedrückt ich bin!

Der Schmied

Noch besser! -- Gleich und gleich gesellt sich gern!

Die Liebhaberin

Wie krank . . .

Der Schmied

So will ich warten dein!

Die Liebhaberin

Wie böse!

Der Schmied

Nur Kraft verrät es! Eine Tugend mehr!

Die Liebhaberin

Wenn ich dich schlag' und schelte!

Der Schmied

Vertreibt's mir nur die üble Laune!

Die Liebhaberin

Das deutet wirklich schon auf echte Liebe! Sag', kannst du, Mann, ein Weib denn lieben? Trotz all, und jedem -- Nein, rühre mich nicht an! Sagt, wirst du, wenn verschwunden meine Schönheit Durch Alter, Krankheit, Gram, Mich lieben wie zuvor?

Der Schmied

Seit ich ins Auge dir geschaut, Kann ich dich nimmer, nimmermehr vergessen! Und auf des Alters Schreckbild würde sich Erinnerung wie eine Maske legen, Ob Pest auch ihre schwarzen Zeichen ließe, Ob Feuer deine weißen Wangen sengte Und deine Augen aus den Höhlen träten, Ich säh' es nicht! Dein schönes Bild in meinem Herzen blieb, Das seh ich überall, das hab' ich lieb!

Die Liebhaberin

Aussätzig bin ich, nun besteh' die Probe!

(Sie lüftet ihre Maske und läßt ihr vom Aussatz verwüstetes Antlitz sehen)

Der Schmied

(anfangs etwas verzagt, faßt sich allmählich)

Ich traure, wie im schneeigen Winter Man trauert um des Sommers Blumen; Gram ist der Liebe Schnee, Und unterm Schnee, da treiben Rosen! Wie früher lieb' ich dich, Nein, wärmer noch! Ich lieb' in dir Erinnerung An das, was ich geliebt! Mein Lieb, Zum Unterpfand der Liebe küsse mich.

Die Liebhaberin

Rühr' mich nicht an! Ich trag' den Tod Auf meinen Lippen!

Der Schmied

So laß uns beide sterben, Und nichts mehr kann uns fürder trennen! Nicht Zank, nicht Zwist, des Lebens Kümmernisse, Nicht Neid, Verleumdung nicht, wir sterben selig Der Jugend wunderschönen Tod!

Die Liebhaberin

O Gott, nie hätt' ich solche Lieb! erträumt!

Der Schmied

Sieh, darum sollst du nicht an Träume glauben!

Dritte Szene

Die Vorigen. St. Peter

(St. Peter, der während dieser ganzen Szene sich ab und zu im Hintergrunde gezeigt und dem Gespräche gelauscht hat, tritt hervor).

St. Peter

Jetzt aber glaub' ich, daß wir das Himmelreich gefunden haben. Solche Liebe ist sicherlich nur bei Engeln daheim.

Der Schmied

Sieh da, alter Petrus, bist du's? -- Sag, willst du uns zum Altar führen?

St. Peter

O ja, sehr gern, wenn ich nur dürfte!

Der Schmied

Was sollte denn im Wege stehen?

St. Peter

Ich weiß, siehst du, nicht, ob ich ordiniert bin, und übrigens glaube ich, daß man abgesetzt werden kann, wenn man eine -- Aussätzige traut.

Der Schmied

Du bist feig, Petrus!

St. Peter

Wenn man das so nennen will, sich an die Gesetze und Verordnungen zu halten.

Vierte Szene

Die Vorigen. Don Quixote (kommt zu Pferde durch das große Tor hereingeritten. Er ist mit der traditionellen Rüstung bekleidet, doch stark beleibt).

Die Liebhaberin

Komm fort von hier, Geliebter, ehe mehr Leute kommen! -- Ach, da ist ja dieser abscheuliche Don Quixote. (Sie zieht den Schleier vors Gesicht)

Don Quixote

Guten Tag, liebe Leutchen!

Der Schmied

Wen sucht Ihr, mit Verlaub?

Don Quixote

Ich bin der Ritter Don Quixote de la Mancha, und von Romeo und Julia zu ihrer silbernen Hochzeit im Gasthause: »Zum goldenen Roß« eingeladen. Bin ich etwa fehlgegangen?

Der Schmied

Das Gasthaus ist allerdings das genannte, ob aber Romeo und Julia hier ihre silberne Hochzeit feiern sollen, darüber kann ich keine Auskunft geben, um so weniger, als ich in den Geschichtenbüchern nirgends eine Andeutung gefunden habe, daß die beiden jungen Leutchen sich bekamen.

Don Quixote (sitzt ab)

In den Geschichtenbüchern! Sprecht mir nur von diesen nicht! Was haben sie nicht alles über mich zusammengelogen! -- Komm her, Sancho Pansa! --

Fünfte Szene

Die Vorigen. Sancho Pansa (mager wie ein Jockey, faßt Don Quixotes Pferd am Zügel, um es in den Stall zu führen).

Sancho

Zu Befehl, gestrenger Ritter!

Don Quixote

Führ' meinen Vollbluter in den Stall und gib ihm Hafer!

Der Schmied

Mir scheint, so mager Sancho Pansa geworden, so fett ist jetzt Rosinante.

Don Quixote

Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen. Selbst ich habe vom Leben gelernt, meine Vernunft zu Rate gezogen und mich zum klugen Mann entwickelt! O, ich bin jetzt verteufelt klug.

Der Schmied

Sollten Sie, Herr Ritter, sich sozusagen auch einer bestimmten Laufbahn zugewendet haben und in die engen Verhältnisse des bürgerlichen Lebens eingetreten sein?

Don Quixote

Ich züchte Traber und besuche Pferdemärkte. -- Darf ich Sie mit einer Adresse versehen?

(Reicht St. Peter einen Prospekt, der ihm dagegen ein Traktätchen einhändigt)

St. Peter

Vielen Dank, Ritter, aber meine Pferde brauchen nie gewechselt zu werden.

Don Quixote

Was sind das für Pferde?

St. Peter

Apostelpferde!

Don Quixote

Haha, alter Spaßvogel! Läßt sich mit diesen Rappen gut auf und davon reiten?

St. Peter

Jedenfalls vor Windmühlenflügeln.

Don Quixote

Pfui, schämt Euch!

Sechste Szene

Die Vorigen. (Der Hochzeitszug aus dem Brunnen hervor. Zuerst Musikanten. Hierauf Montecchi und Capulet, Arm in Arm, sodann die Brautführer und Brautführerinnen, nämlich Hamlet und Ophelia; Othello und Desdemona; Ritter Blaubart und seine Gattin Lady Macbeth; endlich Romeo und Julia, schon recht alt, mit fünf, teils erwachsenen, teils halbwüchsigen Kindern.) Volk. Der Wirt (auf der Vortreppe stehend, empfängt den Hochzeitszug).

Don Quixote

In meiner Eigenschaft als Festordner bei dieser silbernen Hochzeit, heiße ich die Gäste im Namen des Brautpaares willkommen. Euch, alter Montecchi, und Euch, Capulet, es freut mich, Euch nach so vieljähriger Feindschaft, deren Haltbarkeit sich nur mit der Festigkeit Eurer jetzigen Freundschaft vergleichen läßt, Arm in Arm zu sehen; wenngleich nicht verschwiegen werden kann, daß die Freundschaft der beiden alten Seidenfirmen Montecchi & Capulet in Verona eigentlich von dem Mailänder dreiprozentigen Anlehen datiert.

Es ist mir ferner eine teure Pflicht, die Anwesenheit des Brautpaares, des Herrn Romeo, Chef des Hauses Romeo & Söhne, und seiner vielgeliebten Gattin Julia zu konstatieren. Ich möchte dieses Wiedersehen gewiß zu keinem schmerzlichen gestalten, noch einen Mißton in ein so angenehmes Familienfest bringen, kann aber gleichwohl, wenn ich die beiden taubstummen Kinder besagter Gatten sehe, eine Bemerkung nicht unterdrücken. Gestatten Sie mir denn nur zu sagen, diese Ehe wäre besser unterblieben, und als Moral hinzuzufügen: so geht es, wenn ungehorsame Kinder ihren Willen durchsetzen.

(Gemurmel des Unwillens)

Was das Brautgefolge betrifft, so ist es mir vor allem ein Vergnügen, darauf hinweisen zu können, daß Ritter Blaubart über seine verderblichen Instinkte triumphiert und sich in einer relativ glücklichen Ehe mit Lady Macbeth, welche ihn durch eine sehr anerkennenswerte Arbeit über die Abschaffung der Todesstrafe auf bessere Gedanken brachte, absolut monogam entwickelt hat. Ich heiße euch willkommen.

(Murren)

Mit der gleichen Befriedigung sehe ich meinen alten Freund Othello von Venedig wieder. Er hat sich nach überstandenen Stürmen, trotz des ihm gewordenen vollen Beweises, daß seine Gattin Desdemona ihn nicht nur wirklich betrogen, sondern ihre Gunst sogar zwischen dem Unteroffizier Jago und einem gewissen Leutnant Cassio geteilt habe, wieder mit ihr ausgesöhnt und führt jetzt eine recht unglückliche Ehe mit der eifersüchtigen Desdemona, die in ewiger Angst schwebt, der Mohr möchte Revanche nehmen! Ich gratuliere euch; insonderheit Othello!

(Murren)

Zum Schlusse habe ich noch dem Prinzen Hamlet und dem Fräulein Ophelia Polonius zum Ringwechsel zu gratulieren. Wie es diesen beiden Schwärmern ergehen dürfte, ist schwer vorherzusagen, doch glaube ich, daß sie viel zu hoch begonnen haben, um nicht tiefer als gewöhnlich zu enden. Jedenfalls viel Glück!

Und nun zum Feste! Daß es dabei in solch einer Gesellschaft nicht sonderlich lustig hergehen kann, versteht sich von selbst, und ich möchte demnach die Teilnehmer davor warnen, sich irgendwelchen Illusionen hinzugeben. Vor allem: keine Illusionen! Um auch mich selbst vor den allerunliebsamsten, vor unbezahlten Rechnungen nämlich, zu salvieren, ersuche ich in meiner Eigenschaft als Festordner, die Abgabe beim Eingange zu entrichten. Hamlet als Künstler ist natürlich nicht bei Kasse, allein er ist ein schwacher Esser, und Romeo hält ihn frei. -- Begebt euch nun hinein, aber, bitte, bezahlt! Bezahlt!

Montecchi (zu Capulet)

Ich glaube, Bruder, der Mensch ist jetzt total verrückt!

Don Quixote

Ja, sagt das nur! Als er an Windmühlen, Schankmädchen, Stechbecken, unbezahlte Rechnungen und Schindmähren glaubte, da war er verrückt; und wenn er jetzt nicht mehr an Schankmädchen, unbezahlte Rechnungen, Stechbecken und Windmühlen glaubt, ist er gleichfalls verrückt! Geht, Gesindel! Stopft euch mit Essen und Trinken an, redet von Liebe, aber nennt sie nicht Brunst, besingt Dulzinea, aber hütet euch zu sagen, daß sie eine Schenkmamsell gewesen; feiert den Ritter Blaubart, aber laßt kein Wort von seinen polygamen Instinkten verlauten; preist Romeo, laßt aber ja nicht merken, daß ihr von seiner ersten Verlobung wißt, verhimmelt Desdemona, ohne je die leiseste Andeutung fallen zu lassen, daß sie eine kokette Dirne gewesen! Geht, Gesindel! Lügt euch einander so voll, so voll, daß ihr um die Ecke schleichen müßt, zu schauen, wie ihr innen beschaffen seid!

(Die Hochzeitsgäste begeben sich ins Innere des Gasthauses.)

Siebente Szene

St. Peter. Don Quixote. Der Schmied. Die Liebhaberin. Sancho.

St. Peter

Verzeiht, Ritter, aber Ihr scheint mir ein Mann zu sein, dem das Beste abhanden gekommen.

Don Quixote

Wieso? Was sollte mir abhanden gekommen sein?

St. Peter

Das Ideal, Ritter!

Don Quixote

Das Ideal! In welchem Kapitel und welchem Vers der Heiligen Schrift kommt das Wort Ideal denn eigentlich vor?

St. Peter (sinnt nach)

Don Quixote

Spekuliert bis zum Anbruch des Jüngsten Tages, Ihr kriegt es doch nicht heraus, denn es steht einfach nicht drin. Meint Ihr vielleicht die Illusionen? Was die sind, weiß ich!

St. Peter

Nun, was sind sie?

Don Quixote

Windmühlen, Schankmädchen, Stechbecken -- --

St. Peter

Wartet ein wenig! -- Seht Euch diesen Mann hier an!

Don Quixote

Nun! Er sieht in diesem Augenblicke dümmer aus als selbst Othello, der sich von Desdemona hintergehen ließ. Wer ist dieses Frauenzimmer da?

St. Peter

Seine Braut!

Don Quixote

Schön! Weshalb heiraten sie sich nicht?

St. Peter

Wird schon kommen! Wird schon kommen! Seht, sie ist krank, mit Aussatz behaftet, aber er liebt sie dennoch.

Don Quixote

Da ist er ja verrückt, der Mensch. Schickt ihn aufs Beobachtungszimmer und sie ins Spital.

St. Peter

Nein, Ritter! Seht, dies ist die Liebe!

Don Quixote

Verschiedene Namen für das gleiche Ding. Muß mir das Weibsbild doch mal ansehn! (Reißt ihr den Schleier weg) Ha! (Zum Schmied) Und die willst du heiraten?

Der Schmied

So wahr ich lebe und sie mich würdigt, mir ihre Hand zu reichen.

Don Quixote

Das mußt du nochmals sagen.

Der Schmied

Auf Ehre und Gewissen!

Don Quixote

Daß sie aussätzig ist, das siehst du selbst. Daß sie aber eine liederliche Dirne ist, die im Spinnhause saß, das sollst du nun von mir erfahren.

Der Schmied

Das lügst du!

Don Quixote

Komm ins Freie und fechten wir's aus!

Die Liebhaberin

Opfert nicht euer Leben für ein Wesen wie mich. Vergreift euch nicht aneinander!

Der Schmied

Ist es wahr, was der Mann da sagt? Ist das wahr?

Die Liebhaberin

Es ist wahr!

Der Schmied

O, Herr, steh mir bei! Du logst also, als du dich unbemakelt nanntest?

Die Liebhaberin

Ich log!

Don Quixote

Eine aussätzige, lügnerische Dirne. -- Was Gott zusammengefügt, das soll der Mensch nicht trennen!

Der Schmied

So lüg' doch nochmals, Weib! Lüg' in des Himmels Namen noch einmal: sag' daß jetzt du logst!

Die Liebhaberin

Ich vermag nicht mehr zu lügen, seit ich mich von der Unendlichkeit deiner Liebe überzeugte.

Der Schmied

Ich glaube dir -- und folge dir! Mit einem Herzen wund und weh, Gleich deinen Zügen, jüngst so hold! Ob du nun siech, ich bin es auch, Vergingst du dich, so fehlte ich. Dein Joch ich trage, fluch ihm nicht, Nein, segne es, denn Liebesschmerz Er überdauert Liebeslust, Und ich, ich will dich lieben ewiglich!

St. Peter

Was sagt Ihr nun, Herr Ritter?

Don Quixote

's ist zum Teufel holen.

St. Peter

Das ist die wahre Liebe.

Don Quixote

Es ist zum Teufel holen!

St. Peter

Habt Ihr je so etwas gesehen?

Don Quixote

Es ist rein zum Teufel holen!

St. Peter

Na, aber so flucht doch nicht!

Don Quixote

Sancho, führ' mir mein Roß vor.

Sancho (kommt mit dem Roß)

Herr Ritter!

Don Quixote

Hast du den Hafer bezahlt?

Sancho

Alles in Ordnung, Ritter!

Don Quixote

Wieviel hast du dabei gestohlen? Mach dir nur keine Illusionen darüber, mich betrügen zu können!

Sancho

Was wäre das Leben ohne Illusionen, Herr!

Don Quixote

Was soll das nun heißen! Hast du deinen praktischen Blick verloren, du, der sich früher so geschickt aus den vielen Verdrießlichkeiten zu retten wußte, während ich in der Patsche stecken blieb?

Sancho

Da Ihr mir auf unseren bekannten Irrfahrten so oft die Peitsche gabt, weil mir die Flügel -- Ihr wisset ja, die Flügel fehlten, bewirkte dieses Peitschen endlich, daß sie mir wuchsen! So will ich denn auch, so schmerzlich und unklug es sein mag, die Wahrheit zu sprechen, nicht verfehlen, Eure Lehren zu beherzigen und -- Illusionen zu nähren.

Don Quixote

Was der Teufel!

Sancho

Ritter! Ich kann nicht leugnen, daß meine niedre Herkunft, mein Stand, um nicht zu sagen, meine beschränkten Verhältnisse, mich zuweilen in die peinliche Lage versetzten, unter den Mißlichkeiten des Lebens empfindlicher zu leiden, als bei der Natur der Dinge eigentlich der Fall zu sein brauchte.

Don Quixote

Faß dich kürzer!

Sancho

Und -- so -- fand ich es rätlich, gleichsam -- wie sag' ich nur -- das fehlende Ende anzustücken.

Don Quixote (zieht ihn am Ohr)

Sancho

Ritter, so ausgemacht ist das nicht, daß es nicht auch Euch einmal passieren kann, ein Pferd satteln zu müssen, vielleicht gar das meine!

Don Quixote

Was sagst du?

Sancho

Und ich damit in die Lage käme, Euch durchzuprügeln: Ja!

Don Quixote

Sancho! Du redest wahr! -- Alles ist möglich, und ich könnte mich durch eine Verkettung von Umständen -- wenn du, was ja möglich ist, ein junges, reiches Mädchen in Illusionen zu wiegen vermöchtest -- ist doch die Macht der Illusion groß -- in die Lage versetzt sehen, dein Pferd satteln zu müssen. Allein deinen Hafer stehlen, so etwas, siehst du, würde ich nie und nimmermehr tun!

Sancho

Was, Sie würden nie meinen Hafer stehlen? Welch irrer Traum!

Don Quixote

Ach, ich habe Schlangen an meinem Busen gezüchtet. Sancho, laß uns Freunde sein!

Sancho

Freunde! Freundschaft! Mir scheint, meiner Seele, Eure alten Illusionen wandeln Euch wieder an.

Achte Szene

Die Vorigen. Der Brautzug (erscheint im Laufe der Szene). Der Arzt.

Der Arzt

Ei sieh da, meine Reisegefährten! Und Ihr, Ritter Don Quixote de la Mancha. Ein interessanter, belehrender Umgang! Ihr leistet uns wohl Gesellschaft?

Don Quixote