Die Schelme von Steinach: Erzählung für die Jugend
Part 12
Fritz nickte. Es war ihm seltsam feierlich zumute. Auf einmal, er wußte nicht, wie es ihm in den Sinn kam, dachte er, der alte Briefträger Klöppel ist auch wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld.
»Fritze,« mahnte der Alte noch, »hörste, du mußt aber auch reden, in Steinach sagen, wie’s is mit mir, un in Ringelheim auch. Und rennen darfste niche, auch jetzt niche, ’s könnt was aus der Tasche fallen, aber dich auch niche aufhalten, ja niche! Versprichste mir das?«
»Ja,« sagte Fritz und sah dem Alten fest in die Augen.
»Un reden mußte, Fritze, alles sagen.«
»Ja.« Fritz seufzte, das war schwer, aber es mußte sein. Er griff wieder nach der Tasche, und wieder hielt sie der alte Briefträger fest. »Wie ’n König seine Krone, justament so is das.« Er strich fast zärtlich über das abgeschabte Leder. »’s ist mir schwer geworden jetzt das Tragen. Ja ja, schwer. Aber weißte, Fritze, ’s war auch fürs Vaterland. Weil die Jungen fort sind, müssen’s die Alten tun. Ja ja! Un wenn du jetzt gehst, Fritze, denk’ dran, ’s ist auch fürs Vaterland. Niche rennen, un dann reden -- -- meine Krone trägste, Fritze, meine Krone, merk’ dir’s.«
»Ja,« sagte Fritze wieder, und seine Stimme tönte wie eine Glocke. Da gab ihm der Alte die Tasche. »Um mich brauch’ keiner sorgen, das is ganz scheene so in der lieben Gottessonne« -- -- er sprach nicht weiter, er nickte nur dem Buben noch einmal zu.
Der trabte von dannen. Er schritt rüstig aus, aber er rannte nicht, er rannte auch nicht, als er von weitem Frau Fries kommen sah. Es zuckte ihm freilich in den Füßen, er wäre ihr am liebsten entgegengestürmt, hätte ihr den Brief hingehalten, aber sein Versprechen zwang ihn, und er ging nicht einen Schritt rascher.
»Fritze,« rief Frau Fries ihm entgegen, »wo bleibst du? Wo ist der alte Klöppel?«
»Der Brief!« Fritz hielt ihn hoch empor, und da endlich konnte er ihn in die Hände der Mutter legen. Die faßte nach ihrem Herzen, das tat laute Freudenschläge, der Brief kam von ihrem Sohn -- er lebte.
Sie konnte kaum mit ihren bebenden Fingern den Umschlag öffnen, und ein paar Augenblicke tanzten ihr die Worte vor den Augen, alles flimmerte und flirrte. »Er lebt, er lebt! Du gütiger Gott, mein Sohn lebt!«
Nur einen Augenblick blieb Fritz stehen, einen sehnsüchtigen Blick warf er auf den Brief. Was mochte darin stehen? Doch sein Versprechen zwang ihn vorwärts, und sein Versprechen zwang ihn zu reden, er sagte: »Klöppel ist krank, ich muß die Briefe austragen und nach Ringelheim gehen.«
Zum erstenmal achtete Frau Fries nicht auf das, was Fritze Schwetzer sagte, und der ging still weiter und ließ die Mutter mit dem Sohnesbrief allein.
Vor dem Schulhaus stand Besenmüller, und auf den trat Fritze zu und erzählte das Geschehene. Er sparte Worte, aber er sagte alles. »Lieber Himmel,« rief Besenmüller, »der alte Klöppel liegt auf der Straße, den müssen wir reinholen.«
Vater Hiller kam dazu, und noch einmal erstattete Fritze Bericht. »Ich muß nu weiter,« sagte er, »ich muß noch nach Ringelheim.«
»Es mag jemand hinfahren,« meinte Vater Hiller, aber Fritze entgegnete ernsthaft: »Nä, ich hab’s versprochen, die Tasche niemand zu geben.«
Der alte Lehrer spürte aus des Jungen kargen Worten die große Bürde heraus, die auf dessen Schultern lag, er sah aber auch, da war Wille und Kraft, die übernommene Aufgabe zu vollenden, und er sagte ruhig: »So geh! Wir wollen rasch dafür sorgen, daß Klöppel ins Dorf gebracht wird.«
Schwetzers Fritze ging weiter, von Haus zu Haus. Überall mußte er sagen, was geschehen war, und immer sagte er gleich dazu: »Ich muß aber gehen.« Ins Pfarrhaus kam er, da rief er aber schon von weitem: »Fräulein Regine, der Brief ist da, der Herr Lehrer hat selbst geschrieben.«
»Er lebt!« jubelte Fräulein Regine, und dann lief sie fort, lief nach dem Schulhaus hin und hörte nicht einmal darauf, was ihr Freund Fritz noch zu sagen hatte. Fritze ärgerte sich nicht darum, er fand es selbstverständlich, und dann -- er mußte ja auch weiter, die Briefe austragen und nach Ringelheim wandern.
Er kam auch in sein Elternhaus, und seine Mutter eilte ihm ängstlich entgegen. »Fritze, wo bleibst du?«
Der Bube gab Antwort, auch hier so knapp und kurz wie überall. Doch seine Mutter war nicht damit zufrieden, die meinte: »Erst mußte zu Mittag essen, und die Briefe, die kann unsere Emma nach Ringelheim tragen.«
»Nä,« sagte Fritze, »ich hab’s versprochen.«
»Aber essen mußte, dein Mittag steht warm.«
Klöße mit Speck und Birnen dazu. Bei dem Gedanken daran spürte Fritze, wie leer sein Magen war, ganz leer, das Wasser lief ihm im Munde zusammen, er sagte aber fest: »Nä, kann nich essen. Ich hab’s versprochen, die Tasche kriegt niemand.«
Die Mutter wollte widersprechen, aber als sie so in das entschlossene kleine Bubengesicht sah, fühlte sie es, sie durfte ihn nicht hindern, sein Wort zu halten. »Dann geh nur,« sagte sie, »trag’ die Briefe weiter.«
Fritz tat einen Seufzer, nickte der Mutter zu und ging von Haus zu Haus. Als er ans Dorfende kam, wo die Pflaumenstraße nach Ringelheim abbog, stand seine Mutter dort, die steckte ihm einen Apfel in die Tasche und gab ihm eine tüchtige Schnitte in die Hand. »Wirst doch hungrig sein.«
»Danke,« sagte Fritze nur und stapfte weiter, Schritt um Schritt, nicht zu schnell, nicht zu langsam. Einmal war’s ihm, als müßte er sich umsehen, und als er rasch im Weitergehen rückwärts schaute, stand seine Mutter noch am Wege und sah ihm nach. Das tat ihm gut, wie ein zärtliches Wort der Mutter empfand er das stille Nachschauen.
Er mußte immer daran denken, was der alte Briefträger von der Krone gesagt hatte. War’s so? Die Krone war die Arbeit, die einer tat, sein Amt?
Der Wind hatte sich gedreht, er blies jetzt scharf von Osten her, er brachte auch graue Wolken mit, die die glänzende Sonne überschatteten. Einzelne Flocken fielen, dann kam Regen, der wurde heftiger und schlug dem Buben ordentlich boshaft in das Gesicht. Den bekümmerte das nicht viel. Er knöpfte nur seine Jacke auf und schob, so gut es ging, die dicke, schwarze Tasche darunter. So erreichte er Ringelheim, und im Küsterhaus sagte er seine Botschaft. Der Küster war zur Hilfe bereit, die Post wurde ausgetragen, und Fritze konnte wieder heimwärts wandern.
In Steinach sagte es ihm eine Frau beim ersten Haus im Dorf: »Der alte Klöppel liegt in der Schule, ach, er wird vielleicht schon tot sein.«
Fritze erschrak. Wenn der Briefträger tot war, dann konnte er doch nicht mehr sehen, daß er die Tasche zurückbrachte, und unwillkürlich begann er zu rennen. Aber gleich fiel ihm des Alten Mahnung ein; in der Tasche waren noch allerlei Postsachen, die konnten verlorengehen, und gleich ging er langsamer. Er kam auch noch zur rechten Zeit, er konnte noch dem alten Briefträger die schwarze Tasche übergeben, und der gab ihm die Hand und murmelte leise: »Haste alles besorgt?«
Fritz holte tief Atem und gab Bericht. Und dann, als er fertig war, rief er mit einer ihm fremden Raschheit: »Hat jeder so ’ne Krone, Klöppel? Wie ist das denn?«
»Das ist jedem seine Arbeit, sein Amt, das, wofür einer lebt -- und stirbt.« Die letzten Worte klangen ganz matt, der alte Mann seufzte, nicht schwer, sondern wie einer, der sich einer getanen Arbeit freut. Er legte den Kopf zur Seite, faltete die Hände über der schwarzen Tasche und schloß die Augen.
»Er will schlafen,« sagte Vater Hiller, der am Lager saß, »er ist müde vom Leben. Geh du nun heim, Fritz.«
Der Bube ging nach der Tür, er trat so leise auf, so leise er konnte, aber er ging nicht die Treppe hinab, sondern den Gang bis zu dem Zimmer, in dem Frau Fries wohnte. Dort bekam er nun wirklich den Brief seines Lehrers zu hören. Viel stand nicht darin, denn viel durften die Gefangenen nicht schreiben. Heinrich Fries schrieb, es ginge ihm leidlich gut, er sei lange, lange krank gewesen, nun wäre er aber wieder ziemlich gesund. Daß er schon oft geschrieben hatte, teilte er mit. Von der Heimat schrieb er, vom Wiedersehen; ganz froh klang alles, und Fritze Schwetzer sah strahlend drein, ihm schien es, als sei nun alle Sorge gelöst. Und weil er an diesem Tage nun schon so viel geredet hatte, erzählte er auch seiner alten Freundin seine Erlebnisse. Auch das Wort von der Krone sagte er, nur scheu, undeutlich, aber Frau Fries verstand ihn doch. Sie beugte sich plötzlich über ihn und sagte mit einer seltsam schweren Stimme: »Unser Vaterland ist auch eine Krone, für die wir leben und sterben -- und leiden müssen.«
Der Bube saß ganz still, er ahnte nicht, daß die Mutter Leiden, schweres Leiden aus dem Sohnesbrief herausgelesen hatte. Aber er fühlte, da war etwas nicht so wunderherrlich, wie er es sich gedacht hatte. Er wußte aber nichts zu sagen, und er sah die alte Frau Lehrerin nur treuherzig an. »Nu muß ich gehn,« brummte er endlich. Und nach einer Pause fügte er hinzu: »Ich komm’ noch mal wieder.«
»Heute nicht, du wirst müde sein und hungrig, Fritz, ich danke dir.«
Schwetzers Fritze stapfte zur Tür hinaus, und er ging so leise die Treppe hinab, so leise es seine knarrenden Stiefel erlaubten, der alte Klöppel schlief ja. Oben sah Frau Fries dem Jungen nach, und sie dachte, wie seine Mutter zu Mittag auf der Landstraße gedacht hatte: »Der wird noch einmal ein rechter Mann.«
Sechzehntes Kapitel
Heimkehr
Es geschah viel, und Pfarrers Regine steigt auf den Schafskopf hinauf -- Fritze fährt nach L., es merkt aber niemand etwas davon, und Frau Besenmüller hält ihn für ein Gespenst -- Eine Unterredung im Holzstall -- In Steinach wird Hochzeit gefeiert, und die Kinder schreien hurra auf der Apfelstraße
Der alte Briefträger Klöppel wanderte nun nicht mehr auf der Birnenstraße nach Steinach hin. Der war wirklich eingeschlafen für alle Zeit, und seine geliebte schwarze Tasche trug ein anderer. Der brachte die Nachrichten von Leid und Freud in die Dörfer, von großen Siegen, von stolzen Taten, aber immer und immer nicht die ersehnte Friedensbotschaft.
In Steinach war es nicht anders als in allen deutschen Städten und Dörfern. Die Daheimgebliebenen schafften fleißig und sorgten um jene, die draußen standen. Ein paar Bäuerinnen trauerten um ihre Männer, und Hinzpeters Malchen kam eines Tages in großem Herzeleid in die Schule: ihr Vater war gefallen. Da hatte Silvia Traugott viel zu tun, um der Freundin beizustehen, und sie vergaß darüber noch mehr ihre Träume von großen Wundertaten. An herzhaftem Mitleid fehlte es nicht. Selbst die Buben sannen darüber nach, womit sie das Malchen wohl erfreuen könnten, und sie kamen schließlich überein, sie wollten Malchen ein Tier fangen, einen jungen Hasen, ein Rehlein vielleicht etwa, denn Malchen hatte an allem Getier eine besondere Freude.
Es lenzte draußen schon an Hängen und Grabenrändern, an Büschen, die in der Sonne standen, grünten Knospen und winzige Blättchen, und manch ein kleines Hasenkind wurde um diese Zeit geboren. Im Walde war die Aufsicht jetzt nicht so streng, und eines Nachmittags zogen ein halbes Dutzend Steinacher Buben hinaus, um ein Tier zu fangen. Aber sie brachten nur einen Igel heim und einen Maulwurf, und vor beiden graulte sich Malchen schrecklich. Schelte gab’s obendrein. Das Tierfangen im Walde war streng verboten. Die Buben bekamen so schwere Strafen angedroht, daß ihnen die Lust zu weiteren Raubzügen verging. Also ließen sie das Trösten sein.
Der Frühling kam, und er war so blütenreich, so voller Glanz und Schöne, als wollte er liebreich den Menschen in ihrem großen Jammer beistehen. Es blühte an allen Ecken und Enden, und kaum jemals hatte es auf dem Schafskopf so viele Veilchen gegeben wie in diesem Jahr. Aber Pfarrers Regine wollte in diesem Jahr keine Veilchenkränze zu ihrem Geburtstag haben, und die Veilchen verblühten ungepflückt. An ihrem Duft, ihrer Lieblichkeit freute sich Regine aber doch. Sie stieg an ihrem Geburtstag allein auf den Schafskopf hinauf; lange saß sie dort unter dem alten Gemäuer. Sie weinte bitterlich, denn sie trug ein heimliches Leid im Herzen. Wie sie aber so weinte, so unendlich traurig war, spürte sie den Veilchenduft. Der umschmeichelte sie, der zwang sie, an den Frühling zu denken, an Sonnenschein und an Freude. Und ganz leise sang sie vor sich hin, und im Singen löste sich ihre Traurigkeit. Sie sang:
»Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Man weiß nicht, was noch werden mag, Das Blühen will nicht enden! Es blüht das fernste, tiefste Tal: Nun, armes Herz, vergiß die Qual, Es muß sich alles, alles wenden!«
Um die gleiche Stunde wohl dachte ein Mann an Steinach am Wald, der in einem fremden Land in einem Zuge fuhr. Er trug einen abgetragenen feldgrauen Rock, und die mit ihm waren, glichen ihm. -- Ein seltsamer Zug war es. Lager reihte sich an Lager, Schwerverwundete, Krüppel durften heimkehren aus Frankreich ins deutsche Vaterland.
Der Austausch der unheilbaren Kriegsverwundeten von Frankreich ging über die Schweiz, und nach langer, langer Fahrt, durch das herrliche, stets hilfsbereite Schweizer Land, das von den Schrecken des Krieges verschont geblieben war, langte der Zug in der Nacht an der Grenze an. Von Deutschland her kam um die gleiche Zeit auch ein solcher Zug. Einmal fuhren die beiden aneinander vorbei, sie wußten es nicht; die Männer, die jetzt todwund heimkehrten, hatten sich vielleicht schon im Kampf gegenübergestanden.
Heinrich Fries, der Lehrer von Steinach, lehnte am Fenster. Er konnte nicht schlafen, vor Freude nicht und vor Leid nicht. So mußte er heimkehren, ein Krüppel! Ein Bein hatte er verloren, auch die linke Hand fehlte ihm, und über die Stirn lief ihm eine breite rote Narbe. Er dachte, mit welch hochfliegenden Plänen er einst im Leben gestanden hatte, wie unzufrieden er in Steinach gewesen war. Nun war das alles vorbei, selbst zum Lehrer in Steinach mochte er gewiß nicht mehr taugen. Wunderlich war ihm das oft gegangen draußen. An die Stadt, in der er so lange gelebt, hatte er wenig gedacht, immer, wenn er mit seinen Kameraden von der Heimat sprach, kehrten seine Gedanken in Steinach ein. In den heißen, blutigen Schlachten, mitten im Donnern und Brüllen der Geschütze sah er plötzlich das Dorf vor sich und die blühenden Straßen, so wie er es zuerst gesehen hatte. Er dachte an die Kinder; er hatte sie doch alle lieb, selbst so unnütze Wildfänge wie Jackenknöpfle und das lachlustige Malchen Hinzpeter. Einmal hatte er gerade wieder an allesamt einen Brief geschrieben, da war eine Granate neben ihm eingeschlagen, und er hatte die Stirnwunde bekommen.
Ins Lazarett sollte er, in die Heimat zurück, aber er hatte nicht gewollt, und zwei Tage später hatte er, verwundet schon, mitten im furchtbaren Kampf gestanden. Neben ihm waren seine Kameraden gefallen, er war vorwärts gestürmt, immerzu, immerzu. Dann hatte ihn ein Schuß getroffen, er war zusammengebrochen, und als er nach vielen, vielen Stunden wieder zum Bewußtsein gelangte, war er in Gefangenschaft gewesen. Krank und gefangen! Es ahnen nicht alle, wie groß dies Elend ist.
Nun kehrte er heim. Heinrich Fries sah hinaus. Es war Mondschein, und er sah im Silberglanz einen See, glatt wie ein Spiegel, und Berge, hohe, weiße Berge. Wie ein Märchenland war es, so wunderschön. Er hatte oft Sehnsucht gehabt, dies schöne Land zu durchwandern, das war nun auch vorbei, nun sah er es so. Ein fremdes Land, aber kein Feindesland. Ach nein, feindlich waren die Menschen nicht, die auf den Bahnhöfen waren, die liebevoll die Verwundeten versorgten. Gute, hilfsbereite Menschen waren es.
Einer, der mit im Zuge fuhr, richtete sich ein wenig auf seinem Lager auf und flüsterte: »Kamerad, nun sind wir bald in Deutschland. Ich habe eine Frau daheim und einen Buben, Herrgott, die soll ich nun wiedersehen! Wen hast du?«
»Eine Mutter,« sagte Heinrich Fries.
»Da sind wir beide gut versorgt,« sagte der andere. »Sieh doch mal raus, ist’s noch nicht bald Deutschland?«
»Es dauert noch ein paar Stunden.« Heinrich Fries sah wieder hinaus. Der Mond stand nur noch als blasse Scheibe am Himmel, der Morgen dämmerte herauf, und in dem fahlen, harten Licht des Morgens stiegen die Berge riesenhaft empor. Aber dann begannen sie zu glühen und zu schimmern, die Sonne ging auf.
Und im hellen, strahlenden Licht der Frühlingssonne fuhr Heinrich Fries mit seinen Kameraden bei Konstanz über die deutsche Grenze. Ein brausender Jubel empfing sie. Fremde Menschen kamen auf sie zu und umarmten sie, Blumen wurden ihnen gebracht und Erfrischungen. Immer neue Hände streckten sich ihnen entgegen, alle wollten ihnen helfen, alle ihnen Liebes erweisen, alle, alle zeigten ihre Freude.
O Vaterland, o Heimat!
Die Todwunden, denen die Tage und Nächte in Schmerzen vergingen, die Blinden, die Krüppel, sie alle sangen dem Vaterland entgegen: »Deutschland, Deutschland über alles!«
Heinrich Fries hatte seine Heimkehr nicht melden können. Seine Auslösung war überraschend gekommen, und seine Mutter ahnte nicht, daß er in Deutschland war. Er hatte ihr auch nie geschrieben, wie schwer seine Wunden gewesen, er wollte ihren Kummer nicht vergrößern. Nun dachte er, wenn ich in ein Lazarett komme, dann schreibe ich ihr. Noch wußte er ja nicht, wohin man ihn bringen würde. Nimmer hätte er gedacht, daß er so sehr in Steinachs Nähe kommen würde. Erholen sollte er sich nun, dann sollte er ein künstliches Bein bekommen, eine Hand, und der Arzt, der ihm das versprach, tröstete: »Dann ist’s nicht mehr schlimm.«
Eines Tages liefen Pfarrers Regine und Fritze Schwetzer auf der Birnenstraße wieder dem Briefträger entgegen. Seit Wochen hatte der nun nichts aus Frankreich ins Schulhaus gebracht, und die alte Frau Lehrerin zagte und zitterte in Sorge. Der neue Briefträger, er hieß zu der Kinder Ärger Schmidt, was doch kein richtiger Name sei, so meinten sie, wußte nun auch schon, wer in Steinach um Briefe bangte. Er schüttelte also den Kopf: »Kein Brief aus Frankreich, ’n anderer nur.«
Da rannte Fritze zurück, und Fräulein Regine ging ihm nach, der andere Brief war ihnen nicht wichtig. Den erhielt ein paar Minuten später Frau Besenmüller zur Besorgung. Die nahm ihn mit dem Schürzenzipfel, weil sie nasse Hände hatte, und trug ihn so in das Haus hinein. Drinnen kam ihr Mann ihr entgegen, und sie bat: »Besenmüller, trag’ du mal den Brief rauf, der rechte ist’s wieder niche.«
Oben traf Besenmüller Vater Hiller, der gerade zum Mittagessen zu Frau Fries gehen wollte, der nahm ihm den Brief ab, und Besenmüller sagte: »Der rechte ist’s nicht.«
Vater Hiller trug den Brief in die Stube, legte ihn vor Frau Fries hin und sagte auch bedauernd: »Ein Brief, leider nicht der rechte.«
Und es war doch der rechte Brief. Nur in die Hand nahm ihn Frau Fries, dann wußte sie es. Mutteraugen sind scharf, Mutterherzen spüren des Kindes Nähe.
Durch das Dorf lief die Kunde, der junge Herr Lehrer ist heimgekehrt aus Frankreich, in L. ist er, aber -- er ist ein Krüppel. Fritze Schwetzer raste zum Schulhaus hin. Und den Brief hatte er nun nicht gebracht, gerade den Brief nicht. Er polterte mal wieder ungeheuer auf der Treppe, aber Frau Besenmüller schalt nicht, die hörte es gar nicht, die scheuerte im Schulzimmer, denn irgendwie mußte sie ihre Freude zeigen, ritsch, ratsch mit der Bürste hin und her. »So recht ausscheuern tut gut,« brummelte sie.
Fritz fand Frau Fries oben reisefertig. Die wollte gleich nach L. fahren mit dem nächsten Zug. »Lauf zu Pfarrers,« bat die Frau, »vielleicht kommt Fräulein Regine mit.«
Nie hatte Frau Fries nach einer Stütze verlangt, jetzt, da sie den Sohn wiedersehen sollte, in der Freude verlangte sie Hilfe. Und Pfarrers Regine kam. Fritz hatte seine Botschaft noch nicht raus, da sagte sie schon: »Ich fahre mit, natürlich!«
Sie lief dem Buben voran und meinte, der käme hinterher, aber der kam nicht. Der rannte heimwärts, fiel seiner Mutter beinahe ins Spülfaß und schrie so laut, wie es noch nie jemand von ihm gehört hatte: »Meine Sparbüchse!«
»Junge, biste närrisch?« Seine Mutter trocknete sich ärgerlich die Hände ab. »Sag’, was soll das Geschrei?«
»Ich muß nach L.«
»So eins, zwei, drei im Handumdrehen?« Frau Schwetzer wollte nein sagen, aber dann sagte sie doch ja, ging und schüttelte die Büchse vor Fritz aus. »Viel ist nicht drin, ’n Groschen fehlt, den will ich dir schenken. Da nimm ’n Brot und geh!«
Doch Fritze lief dem Brot davon. Er rannte die Apfelstraße entlang, bis er Frau Fries und Fräulein Regine sah, da ging er langsam nach. Und nach ihnen kletterte er in den Zug, und die beiden sahen ihn nicht. Sie sahen ihn auch nicht, als sie in L. ausstiegen. Und wieder trabte ihnen Fritz nach bis zu dem Lazarett, da gingen sie hinein, und -- Fritz blieb draußen. Hier verließ ihn auf einmal sein Mut, er wußte nicht, wie er in das große Gebäude hineingehen sollte. Er ging auf und ab, durch die Türe da waren die beiden Frauen hineingegangen, das mußte doch der rechte Weg sein. Er rappelte sich endlich zusammen, trat auf das Tor zu, klinkte es auf, da tönte ihm ein Halt! entgegen.
»Wo willst du hin?«
»Da ’nein.«
»Ei, da könnte jeder dumme Junge kommen; so was gibt’s nicht.«
Ein anderer hätte nun dem gestrengen Wärter am Tor geschwinde erklärt, so ist die Sache und so, ich habe die Fahrt gemacht von Steinach hierher. Aber das brachte Schwetzers Fritze nicht fertig; ehe er eine Antwort heraus hatte, war das Tor geschlossen, klapp zu, ihm vor der Nase, er konnte draußen stehen. Er ging wieder auf und ab, hin und her. Drei Frauen kamen jetzt, dunkel gekleidet und ernst, die wollten auch in das Lazarett gehen. Vor ihnen tat die Türe sich auf. Fritz lief ihnen nach, aber klapp, schloß sich das Tor, und er stand wieder einsam auf der Straße.
Noch einmal versuchte er es hineinzukommen, vergeblich. Endlich kamen Frau Fries und Fräulein Regine wieder heraus, und wieder lief Fritz ihnen stumm wie ein treuer Hund nach. Die Frauen gingen der Stadt zu. Vor einem Haus, an dem ein Wort stand, das Fritz zehnmal las und doch nicht verstand, es hieß »Hospiz«, nahmen sie Abschied voneinander. Frau Fries ging mit ihrer kleinen Tasche in der Hand in das Haus hinein. Fritz hörte sie noch sagen: »Bestelle, bitte, Frau Besenmüller, sie möchte ja nicht vergessen, für Herrn Hiller heute Brusttee zu kochen, er ist so erkältet,« dann trennten sich beide.
Nun rannte Fräulein Regine nach dem Bahnhof, und Fritz rannte hinterdrein. Sie stiegen beide in den Zug, der fuhr davon, und in Steinach kletterten beide heraus.
Es war schon dunkel, und Pfarrers Regine sah ihren kleinen Freund auch jetzt nicht. Der trabte ihr nach, als sie aber erst nach dem Pfarrhaus abbog, lief er gleich zum Schulhaus. Dort riß er die Türe auf, stürmte in Besenmüllers Stube und schrie: »Se möchten Tee kochen für Herrn Hiller.« Krach, schlug er die Türe zu und rannte davon.
Eine halbe Stunde später kam Fräulein Regine ins Schulhaus. Sie wollte erzählen, wie es Heinrich Fries erging, und sie richtete auch den Auftrag aus. »Teekochen?« rief Besenmüller. »Schwetzers Fritze hat’s ja schon bestellt.«
»Wie kann er, ich habe ihm ja nichts gesagt?« Das Fräulein wunderte sich, und Frau Besenmüller wunderte sich, ja Frau Besenmüller war geneigt, Fritz für einen Geist zu halten, aber ihr Mann sagte: »Nä, das war Fritze, und vielleicht hat’s ihm Frau Fries vorher bestellt.«
Auf dem Heimweg ging Regine noch einmal zu Schwetzers hinein, da erfuhr sie Fritzens Reise. »Ein närrscher Junge,« klagte seine Mutter, »nich Stipp, nich Stapp hat er erzählt, nur gegessen, und dann ist er schlafen gegangen, aber geheult hat er in seinem Bette.«