Die Schelme von Steinach: Erzählung für die Jugend
Part 10
Waren die Buben in den Wald gelaufen und hatten sich dort verirrt? Steinacher Buben im Steinacher Wald verirrt! Es glaubte niemand recht daran, immerhin begann man im Walde zu suchen. Der Förster war eingezogen, nur der alte Waldhüter Michael war da, und der hatte an diesem Tage keinen Buben im Walde erblickt.
Unten im Dorf vergaßen die Leute ihre Arbeit, je weiter der Tag vorschritt. Immer ungeheuerlicher erschien ihnen das Verschwinden der beiden Buben. Frau Besenmüller sagte wieder einmal zu ihrem Mann: »Wenn uf emal zwei Buben un vier Strümpe verschwinden, dann hängt das zusammen.«
»Hm!« -- Besenmüller sah nachdenklich auf seinen Strumpf, aber plötzlich ließ er das Strickzeug fallen und schrie: »Lydia, die sind vielleicht zu den Soldaten gerannt!«
Ein tiefer Seufzer gab Antwort. An der Türe stand Schwetzers Fritze, der hatte so schwer geseufzt. Besenmüller sah ihn durchdringend an. »Heda, mein Freund, du weißt etwas, raus mit der Sprache!«
Das ging nun freilich nicht so flink, und Frau Besenmüller tat das Vernünftigste, was sie tun konnte, sie holte Frau Fries herbei. Die wußte so lind zu fragen, und nach etlichen schweren Seufzern gab Fritz endlich Antwort. »Die sin in ’n Krieg.«
»Wie denn das?« rief Besenmüller. »Einfach so nein, haste nich geseh’n, da siehste, das geht doch niche. Wo sind sie hin?«
»Weiß nich,« stöhnte Fritz, »in ’n Krieg.« Und dann heulte er auf einmal laut los, denn es tat ihm plötzlich bitter leid, daß er nicht mitgezogen war. Er wußte auch wirklich nicht viel mehr; schreiben wollten sie, wenn sie erst dort wären, und mit der Bahn fahren.
»Gut, dann kriegen wir sie,« tröstete der Pfarrer, als er das hörte. »Irgendwo werden sie eines Tages hungrig und verzagt aufgefunden und nach Hause zurückbefördert werden.«
Nun riefen es die Drähte ins Land hinaus: In Steinach haben zwei Buben in den Krieg gewollt, sucht, sucht, sucht!
Ein Tag verging und noch ein Tag, keine Kunde von den Verlorenen kam. Der Bahnvorsteher in Steinach hatte die beiden nicht gesehen, aber in Rothaus, dem nächsten Ort, hatten sich an dem Tage zwei Buben Fahrkarten bis zur Schnellzugshaltestelle L. genommen. So viel Geld mochten sie gehabt haben, aber mehr nicht. Wo waren sie dann hingekommen?
In L. wußte erst niemand etwas von den beiden. Der Pfarrer und Bauer Weber -- Jackenknöpfles Vater war auch im Feld -- fuhren selbst hin, forschten und fragten. Viel wußte niemand, nur ein Bahnwärter erzählte, er hatte die beiden Buben gesehen, einer hätte ein Gewehr gehabt und jeder einen Schulranzen.
»Das wird meine alte Windbüchse sein,« brummte der Bauer, »vor der läuft kein Hase mehr davon, geschweige ’n Franzose.«
Wo waren die Buben aber mit Ranzen und Schießgewehr hingekommen? In L. verlor sich ihre Spur, Fahrkarten hatten sie dort nicht gelöst. Waren sie geradeswegs in die fremde Welt hineingelaufen?
»Die finden wir schon,« sagten die Bahnbeamten. Und wieder surrte der Telegraph: Sucht, sucht, sucht, hier weinen Mütter in Angst um ihre törichten Buben.
»So eine Not fehlt uns auch noch!« schalten in Steinach die Erwachsenen. Die Buben, von den sechsjährigen an, die redeten anders. »Vielleicht kommen sie doch in den Krieg,« sagten sie untereinander. »Wenn sie hinkommen und mittun, dann geh’ ich auch,« erklärte Zimplichs Max.
»Ich auch, ich auch,« riefen dann gleich ein paar andere. Alle wollten sie gehen, und die Mädel schalten darob, fuchswild wurden die, waren bitterböse auf Arne und Jackenknöpfle und weinten, wenn es hieß: »Noch immer keine Nachricht.«
»Im Krieg müssen Mädel den Mund halten,« sagte Zimplichs Max einmal hochmütig, als Hinzpeters Malchen und ihre Freundinnen auf Arne schalten. Aber Zimplichs Max mußte dann bald einsehen, daß Malchen auch in Kriegszeiten nicht an das Mundhalten dachte. Zehnmal versuchte Max, ihr zu antworten, er kam aber nicht dazu, und zu guter Letzt rief Fräulein Regine noch, es sei Strickzeit. Da rannten alle Mädel wie der Wind davon, Malchen drehte sich noch auf den Hacken um und schrie verächtlich: »Wir stricken fürs Vaterland, aber ihr, ihr, was tut ihr denn?«
Weg war Malchen, und alle Buben entrüsteten sich über diese Frechheit. Nä, die Mädel sollten nur sehen, wenn sie alle erst Arne und Jackenknöpfle folgten. Die kommen hin, ganz sicher, und vielleicht kriegen sie das Eiserne Kreuz, und vielleicht redet der Kaiser mit ihnen, und vielleicht fangen sie den Franzosenkaiser und --
»Die haben doch keinen!«
»Doch, sie haben einen!«
»Ha, ich weiß es doch!« Zimplichs Max sah sich kampfbereit um, und Heine Langbein höhnte: »Nä, so dumm, das niche zu wissen!« Die Buben fuhren sich in die Haare, und Frau Besenmüller sagte zu Frau Fries: »Wenn nur erst wieder Schule wäre, ’s wird Zeit!«
Und just um die gleiche Stunde ungefähr wurde in L. ein Güterzug zusammengekoppelt. Die Wagen wurden hin- und hergeschoben, sie pufften aneinander, endlich standen sie in Reih und Glied. Wie sie so stillhielten, klang aus dem einen heraus ein jämmerliches Gebrüll.
»Je, je, was ist denn das?« Der Schaffner trat erstaunt an den Wagen, riß die Türe auf, und heraus purzelten und schwankten bleich, verheult und zitternd Webers Arne und Jackenknöpfle.
»Hopsassa, das sind ja die beiden Steinacher!« schrie der Mann. »Ja, wo kommt ihr denn her?«
»Wir woll’n in ’n Krieg!« riefen beide etwas kläglich.
»Na, das ist der nächste Weg, wenn ihr drei Tage hier auf dem Bahnhof sitzt. Wie seid ihr denn in den Wagen hineingekommen?«
Tief seufzend erzählten die beiden ihre Schicksale. Sie hatten kein Geld gehabt, Fahrkarten zu lösen, und hatten sich heimlich auf den Bahnhof geschlichen. Hier hatten sie einen Wagen gesehen, an dem stand Straßburg, in den waren sie hineingekrochen. Kaum waren sie drin, hatte jemand den Wagen zugeschlossen, und die Fahrt war losgegangen. »Wir sind immerzu gefahren,« versicherte Arne. »Sind wir nun bald im Krieg?« fragte er bedrückt.
»Im Krieg? Seid froh, daß der so ferne ist! In einer halben Stunde fährt der Zug nach Steinach, da seid ihr zum Vesperbrot daheim.« Der Bahnvorsteher, der dazugekommen war, lachte und erklärte den Buben, der Wagen sei zwischen L. und M. ein paarmal leer hin und her gefahren. Nun waren sie wieder in L.
Die beiden senkten die Köpfe wie die begossenen Pudel. So nahe waren sie der Heimat, waren gar nicht nach Frankreich gelangt. Heimlich frohlockte in ihren Herzen ein Stimmlein: »Wie gut, wie gut!« Aber darauf mochten sie nicht hören, und verzweifelt heulten sie los: »Wir woll’n in den Krieg!«
»Wohin wollt ihr Dreikäsehoch?« Eine feste, starke Stimme fragte das; ein hochgewachsener, älterer Offizier war herangetreten, und der Vorsteher klärte ihm den Fall auf. »In den Krieg zieht man nicht mit dem Schulranzen.« Der Offizier sagte es ernst, aber er lächelte dabei. »Kommt einmal mit, ich will euch etwas vom Krieg erzählen, bis euer Zug kommt.«
Die Bahnbeamten machten dem Offizier ehrerbietig Platz. Man sah es ihm an, er war schon draußen gewesen in Kampf und Not. Ganz verwirrt, geblendet von der Tageshelle nach dem langen Aufenthalt in dem dämmrigen Wagen, folgten die Buben. Sie bekamen Brot und Saftwasser, aber so hungrig und durstig sie auch waren, denn die Vorräte aus der Mütter Speisekammer hatten für die lange Reise nicht gereicht, sie vergaßen doch Essen und Trinken vor dem, was sie hörten. Von dem Krieg erzählte der fremde Offizier, von dem schweren, harten Kampf, dem verzweifelten Ringen gegen anstürmende Übermacht. Im Osten hatte der Erzähler mitgekämpft, und er erzählte von verbrannten Dörfern, zerstörten Heimstätten, fliehenden Bewohnern, und er erzählte, wie unermüdlich deutsche Männer das Land verteidigten. Im Kugelregen, im nimmerruhenden Feuer hatten sie gestanden Stunden und Tage, und dann waren sie marschiert, Stunden um Stunden, Tage um Tage, hungernd, dürstend, aber sie hatten alle nur das eine gedacht: »Es ist fürs Vaterland.« Es hatte keiner geklagt, es war keiner verzagt, singend waren sie in den Tod gegangen. Und ob die Sonne glühend über ihnen brannte, ob sie durch Moor und Wasser waten mußten, ob der Regen sie durchnäßte, in Wunden und Schmerzen hatten sie nur an ihr Vaterland gedacht. Das war der Krieg, in den die Buben mit dem Schulranzen ziehen wollten.
Die beiden Buben saßen still mit gesenkten Köpfen am Tisch. Der Fremde sagte nicht: Ihr seid recht dumme, unbedachte Jungen gewesen, was wollt ihr mit euren schwachen Kräften da draußen? Aber sie hörten beide doch in ihren Herzen diese Worte.
»Nach Steinach, einsteigen,« rief der Schaffner ihnen zu.
Der Offizier sprang auf und schob sie beide rasch dem Zuge zu. Sie wurden in einen Wagen gehoben, die Türe wurde zugeschlagen, der Zug setzte sich in Bewegung, und die beiden sahen noch eine Weile den fremden Offizier groß und stattlich in der Sonne stehen. Wie ein rechter Held stand er da. Da stöhnte Arne schwer und sagte scheu: »Am Ende war das Hindenburg.«
Jackenknöpfle schnappte nach Luft vor Überraschung. »Hindenburg!« Weiter konnte er zuerst nichts sagen, und auch Arne flüsterte es nur nach: »Hindenburg!«
Der Gedanke an dieses ungeheure Erlebnis linderte ihren Kummer über die verfehlte Reise, auch die Angst vor dem Empfang daheim war nicht groß. Vielleicht hatten sie wirklich Hindenburg gesehen, nun konnten sie doch etwas erzählen. Zuletzt wuchs ihre Ungeduld, und sie konnten es kaum erwarten, wieder in Steinach zu sein. Als der Zug hielt, hatten sie es sehr eilig, den Wagen zu verlassen. Sie wollten rasch die Apfelstraße entlang laufen und ins Dorf stürmen mit dem Ruf: »Wir haben Hindenburg gesehen!« Fein würde das werden, -- es kam aber anders. Auf dem Bahnsteig standen Arnes Eltern, Jackenknöpfles Mutter und der Pfarrer, denen liefen die beiden Ausreißer gerade in die Arme.
Der Schreck darob fuhr ihnen in die Glieder, und es dauerte ein Weilchen, ehe sie reden konnten.
Wo sie gewesen wären, wollten die Erwachsenen wissen. Die hatten nur die Nachricht von L. bekommen, die Buben wären gefunden. Da mußten sie erzählen von ihrer Fahrt hin und her im Güterwagen von L. nach M. und wieder von M. nach L.
»’n ganzen Tag sind wir gefahren,« versicherte Arne.
»Unsinn, drei Tage! Ihr habt wohl immer geschlafen?«
Ja, das mochte wohl sein, geschlafen hatten sie viel, auf Stroh und Decken, die im Wagen gelegen hatten.
Was sie gegessen hätten, wollten die Mütter wissen.
Das war eine peinliche Frage, denn Mütter lieben es nie sehr, wenn Kinder sich in die Vorratskammer schleichen. Arne half sich, er schrie: »Wir haben Hindenburg gesehen!«
»Prahlhans!« Schwapp hatte er einen tüchtigen Katzenkopf weg. Sein Vater sah ihn zürnend an. »Geflunkert wird nicht!«
»Vielleicht war er’s doch,« stammelte Jackenknöpfle. Recht kleinlaut erzählte er das letzte Erlebnis. »Ihr Dösköppe,« brummte Bauer Weber, »ein Hindenburg hat was anderes zu tun als mit zwei Ausreißern zu reden.«
Der Pfarrer nickte ernst. »Der reist nicht im Lande herum, im Osten hält er Wacht. Gott sei Dank, der uns solchen Wächter gab!«
Da war es nun nichts mit dem Sturm in das Dorf hinein, und doch kamen sie mit Jubel an. Denn kaum waren sie wenige Schritte von dem Bahnhöfchen entfernt, als der Vorsteher ihnen eiligst nachgelaufen kam. »Sie haben Antwerpen, Herr Pfarrer, Antwerpen ist unser, eben wird’s gemeldet.«
Antwerpen erobert! Da vergaßen die Männer die Strafrede, und die Mütter hatten sie ohnehin schon vergessen in der Freude, ihre unnützen Buben heil wiederzuhaben.
Froh ging’s ins Dorf hinein. Nun konnten die Glocken rufen und die Fahnen wehen: »Sieg, Sieg, Sieg!«
Arne und Jackenknöpfle marschierten einher, als wären sie wirklich draußen gewesen, als hätten sie geholfen Antwerpen erobern. Sie hoben stolz die Nasen, und ein Weilchen fühlten sie sich beinahe als Helden, weil alle sie anstaunten. Aber nur ein Weilchen hielt der Stolz an, dann kam die Vergeltung für begangene Missetaten. Einem Racheengel gleich schoß Frau Besenmüller aus der Türe mit dem Rufe: »Meine Strümpe her! Wo habt ihr meine Strümpe?«
Die Buben wurden feuerrot, himmelgern hätten sie jetzt wieder im verschlossenen Güterwagen gesessen, es half aber nichts. Sie mußten ihre Ranzen öffnen, und da kamen wirklich die vermißten Strümpfe zum Vorschein. »Die waren doch für Soldaten, und weil wir doch Soldaten werden wollten, darum -- --«
»Darum lirumlarum! Setzt euch auf den Schafskopf. Da paßt ihr hin, da habt ihr gleich den rechten Namen,« schrie Frau Besenmüller erbost. »Nä, so was, die scheenen Strümpe! Und gestimmt hat’s doch, hundertvierunddreißig. Ja, zählen, das kann ich. Aber Zeit wär’s, die Schule finge an, sonst kommen noch mehr Buben auf dumme Gedanken.«
Dreizehntes Kapitel
Advent in Sorgen
Jemand kommt auf der Apfelstraße daher, und der alte Briefträger Klöppel sagt: »Morgen, morgen!« -- Weihnachtspakete werden gepackt, und diesmal erzählt Vater Hiller eine Geschichte, und die Mütter denken an ihre Söhne, Malchen aber stimmt die Wacht am Rhein an
Ein paar Tage nach Arnes und Jackenknöpfles Heimkehr war es, da kam vom Bahnhof her ein alter Mann die Apfelstraße entlang. Er ging ganz langsam, blieb auch einmal stehen und sah sich um, und obgleich es ein trüber Tag war und der Nebel die Ferne verhüllte, schien dem alten Mann doch alles sonderlich gut zu gefallen. Kurz vor dem Dorfe bogen von einem Feldweg etliche Kinder auf die Apfelstraße ein. Sie hatten Kartoffeln gegraben und sahen wie richtige Erdmännlein aus. Der Fremde blieb stehen und ließ die Kinder herankommen; die musterten ihn neugierig, aber nur wenige Augenblicke stutzten sie, dann schrieen sie plötzlich alle wie aus einem Munde: »Herr Hiller, unser Herr Hiller!«
Es war wirklich Vater Hiller und kein anderer, der da auf der Apfelstraße von Steinach stand und all die kleinen schmutzigen Hände herzlich in die seinen nahm. Die Kinder meinten, er sei zu Besuch gekommen, aber bald erfuhren sie es, Vater Hiller wollte wieder ihr Lehrer sein. Er wollte seinen jungen Nachfolger vertreten, bis der heimkam.
»Vater Hiller ist wieder da!« Der Ruf lief durch Steinach wie eine Siegesnachricht, und wie bei einer solchen strömten die Leute aus den Häusern. Vater Hiller war da, ihr alter, guter Vater Hiller, den mußten sie doch sehen. Dem alten Mann streckten sich so viele Hände entgegen, so viele Leute kamen, ihm guten Tag zu sagen, daß er nur ganz langsam vorwärts kam. Frau Besenmüller im Schulhaus verging fast vor Ungeduld. »Keinen Empfang, nischte nich hat er gewollt, un nu is ’n Lärm im Dorfe wie beim Vogelschießen,« schalt sie. Die große Schulglocke hatte sie im Arm, denn damit wollte sie den alten Lehrer begrüßen. Tüchtig klingeln wollte sie, die Glocke sollte rufen: »Hurra, hurra!« Endlich näherte sich der Zug langsam dem Schulhaus, und nun hielt es Frau Besenmüller nicht mehr aus, sie wollte ihr Freudenklingeln beginnen, aber ihre Hände zitterten vor Aufregung, die Klingel entrutschte ihr und kollerte Vater Hiller vor die Füße.
Der hob sie lächelnd auf. »Ei, die kann es wohl nicht erwarten?« sagte er heiter und schwenkte sacht die Klingel. Die tönte ein wenig, nur als wollte sie fein bescheiden »Willkommen!« sagen.
So zog Vater Hiller ohne stürmisches Klingelgeläut in seinem lieben Schulhaus wieder ein, und am nächsten Morgen stand Frau Besenmüller wieder vor der Türe, wie schon viele Jahre, und die Glocke schrie: »Es ist Zeit, Zeit, die Schule fängt an! Fleißige und Faule herbei, herbei!«
Die Kinder kamen gern, und als die so lange verschlossene Schulstube sich wieder auftat, da wurde es ihnen ganz heimatlich zumute. Auf einmal behaupteten sie alle miteinander, sie hätten die Ferien schon recht satt gehabt; aber auf die Weihnachtsferien freuten sie sich doch alle.
Den Erwachsenen war es nicht weihnachtlich ums Herz in diesem Jahr. Die horchten alle hinaus, hin nach des Reiches Grenzen. Immer weiter tobte dort der Kampf. Der November kam mit grauen, trüben Tagen, da kehrte Trauer ins Pfarrhaus ein: der älteste Sohn war gefallen. Der alte Briefträger sagte, als er die Nachricht überbrachte: »Es ist eine schwere Zeit für unsereinen, man trägt so viele Sorgen aus.« Dabei sah er trüb nach dem Schulhaus hinüber. Da drinnen wartete Frau Fries seit zehn Tagen auf einen Brief des Sohnes. »Morgen kommt der Brief,« versicherte der alte Briefträger, »morgen sicher.«
Am nächsten Tage -- gegen Mittag kam die Post erst ins Dorf -- rannte Fritze Schwetzer weit hinaus auf die Birnenstraße; von dorther kam der Bote, vielleicht brachte er heute den ersehnten Brief.
Der Alte winkte schon von weitem abwehrend mit der Hand. »Gibt nichts, morgen, morgen -- vielleicht.«
Schwetzers Fritze raste zurück. Vor dem Schulhaus stand schon Frau Fries, da tat es der Bube dem alten Briefträger nach, schüttelte auch mit dem Kopf: »Morgen, morgen sicher!« Aber er sagte »sicher« dazu.
Und wieder wurde es Mittag, und wieder wartete Schwetzers Fritze weit draußen auf der Straße, und der alte Bote schüttelte wieder den Kopf. »Heute nicht, aber morgen -- vielleicht.«
So ging es fort Tag um Tag. Einmal stand Fritze nicht mehr allein weit draußen, Pfarrers Regine stand neben ihm, die wollte auch wissen, ob Heinrich Fries nicht geschrieben hatte. Aber wieder schüttelte der Briefträger den Kopf. »Morgen -- vielleicht,« sagte er, wie schon so viele Tage, und dann seufzte er: »Eine schwere Zeit, schlimm, schlimm!«
Tag um Tag verging so. Immer wieder lief Schwetzers Fritze hinaus, und Fräulein Regine ging mit ihm, und immer kehrten sie beide enttäuscht heim und sahen die alte Frau aus dem Schulhaus schon den Weg entlang kommen. »Kein Brief, keine Nachricht!«
Dann endlich eine Karte von einem Kameraden. Heinrich Fries wurde vermißt. War er tot, war er gefangen? Man wußte es nicht.
»Vermißt!« Es sah niemand in Steinach die alte Frau Lehrerin weinen, still tat sie ihre Arbeit, still half sie andern, aber wenn die Leute diese stille Frau durch die Gasse schreiten sahen, dann sagten sie zueinander: »Der bricht das Herz.«
Im Pfarrhaus trauerten sie um den einen Sohn, aber die Pfarrersleute waren noch reich, und die junge Regine tat den Eltern alle Liebe an. Sie hatte aber auch immer noch Zeit, in das Schulhaus hinüber zu laufen, gerade wie Schwetzers Fritze, der halb im Schulhaus wohnte. Er machte seine Arbeiten an Frau Fries’ Tisch, er half Frau Besenmüller, und wenn seine alte Freundin durch das Dorf ging, da ging er mit, immer drei Schritte hinterher. Redselig war Fritze noch immer nicht, aber mit Frau Fries unterhielt er sich doch gut, da brauchte er nur drei statt zehn Worte zu sagen, gleich verstand sie ihn. Und wenn er einmal später kam, dann sah sie schon nach ihm aus, atmete tief und sagte wohl: »Gut, daß du da bist, Fritz!«
Der erste Schnee sank auf Steinach nieder, und er blieb liegen und schmolz nicht gleich wie wohl in den großen Städten. Die Adventszeit brach an, und wenn die Kinder untereinander waren, dann redeten sie doch von Weihnachten, aber je näher das Fest kam, desto weniger wollten die Erwachsenen davon wissen. Und doch lud auch dieses Jahr Frau Fries die Kinder wieder zur Adventsfeier ein. Zu einem Arbeitsfest, sagte sie, alle sollten ihr helfen, Weihnachtsgrüße zu packen. Nach Ostpreußen sollten noch Pakete gehen, ins Elsaß und zu den Feldgrauen in die Schützengräben, in denen sie in Regen, Schnee, Sturm und Kälte hausten.
Diesmal kamen die Kinder nicht allein, auch die Mütter kamen mit, und das große Schulzimmer war fast zu klein für alle Gäste. Besenmüller saß wieder im Winkel und strickte, jetzt aber einen grauen Strumpf, und die Bäuerinnen strickten auch. Die Kinder dachten alle, Besenmüller würde vielleicht eine Geschichte erzählen. Erst warteten sie still, dann fragten sie laut, doch Besenmüller schüttelte traurig den Kopf: »Nä, nä, ich weiß nur was von den alten Schelmen, und das paßt nicht für heute.«
»Keine Geschichte?« klagten die Kinder.
Frau Fries seufzte. Eine Geschichte erzählen, ja, das gehörte zu einer Adventsfeier, aber ihr Herz war ihr so schwer, es tropfte und rann unablässig darin, es weinte. Vater Hiller saß auch im Schulzimmer, und als die Kinder so um ihre Geschichte klagten, da nickte er Frau Fries zu und sagte: »Ich will euch heute eine Geschichte erzählen, eine selbsterlebte dazu. Besenmüller sagt, eine Schelmengeschichte paßt nicht in diese Zeit, aber eine aus dem Krieg von 1870/71, die kann es wohl sein.«
»Vater Hiller war nämlich dabei,« flüsterten sich die Bäuerinnen zu, und die Kinder spitzten die Ohren; hoho, ihr alter Lehrer war auch im Krieg gewesen.
Der begann: »Die großen Schlachten des Krieges waren schon geschlagen, ihr wißt: Gravelotte, Sedan, all die herrlichen Siege. Wir lagen vor Paris. Ein kalter Winter war’s, wir haben weidlich gefroren, und wir hatten viel auszustehen. In Frankreich kämpften auch jene gegen uns, die nicht Soldaten waren, Männer und Frauen. Heimlich, hinterlistig suchten sie uns zu verderben; es sind ihnen viele von uns zum Opfer gefallen.
Im Quartier lag ich mit einem blutjungen Burschen zusammen. Heinrich will ich ihn nennen. Ein feiner, hübscher Junge war es, mit einem freien, hellen Blick. Dazu stimmte gar nicht sein stilles, verschlossenes Wesen. Es war leicht zu merken, er trug einen Kummer, der hatte ihn so ernst, fast finster gemacht. Durch einen Zufall erfuhr ich, was ihn quälte. Er war einer Witwe einziger Sohn, und er hatte sich das Hinausgehen ertrotzt. Von der Schule weg war er mitgegangen, nur kämpfen für das Vaterland, das war sein einziger Gedanke. Keine Mutterbitte hatte ihn gehalten.
Seine Mutter war eine zarte Frau, die Sorge um ihr einziges Kind hatte sie aufgerieben. Sie war erkrankt, hatte es lange dem Sohn verborgen, bis der es durch Verwandte erfuhr. Da quälte ihn die Sorge so, daß er stumm und verschlossen darüber wurde. Immer wieder fragte er sich, ob er unrecht getan, daß er ging. Aber dem Vaterland zu dienen, war doch Pflicht und Ehre. Einen bitterschweren Kampf kämpfte der arme Junge in aller Stille durch.
Es war um die Weihnachtszeit. Wir dachten viel an die Heimat, und manchmal, wenn wir so hinübersahen nach Paris, da sangen wir wohl halblaut die lieben deutschen Weihnachtslieder. Am dritten Adventssonntag war es, da mußte Heinrich Wache stehen. Er hatte vorher noch nachgefragt, ob ein Brief für ihn gekommen sei. Nein, es war keiner da. Ich sah es ihm an, wie groß seine Enttäuschung war, und als er fort war, fiel es mir ein, heute war sein Geburtstag. Einmal hatte er halb scherzend, halb traurig gesagt, er sei ein Adventskind.
Am Geburtstag keinen Brief von der Mutter zu erhalten, von der Mutter, die krank war, ihm vielleicht zürnte, das mochte hart sein. An diesem Tag erhielten wir dann zufällig noch eine Postsendung, eine Anzahl Briefe, einer für Heinrich war auch dabei. Ich nahm ihn an mich und wollte ihn später abliefern, aber wunderlich, der Brief in meiner Tasche machte mich unruhig. Ich war frei, und so überlegte ich nicht lange, ich ging dahin, wo Heinrich die Wache hatte. Lesen konnte er den Brief dort nicht, so hell war der Abend nicht, aber er wußte doch, die Mutter hatte geschrieben, schon das mochte ihn freuen.
Ich ging also den Weg, ging ganz allein und dachte an die Heimat. Würde ich nächstes Jahr Weihnachten wieder daheim sein? Ein leises Geräusch, wie ein huschen von Schritten, ließ mich aufsehen. Ich sah vor mir zwei dunkle Gestalten auftauchen und verschwinden -- Freischärler.
Ich spannte mein Gewehr, schlich langsam vorsichtig weiter, leise, ganz leise, und dann plötzlich sah ich seitwärts jemand knien, eine Büchse zielend gespannt in der Richtung, wo Heinrich auf Wache stand. Ich habe nicht lange überlegen können, laut rief ich: »Wer da?«
Ein Schuß von mir, einer von dort, noch einer, der Mann überschlug sich, aber er mußte noch nicht schwer verletzt sein, ich sah zwei fliehende Gestalten.
Rasch vorwärts! Heinrich, war mein Gedanke. Er war unverletzt. Mein Ruf hatte ihn aufmerksam gemacht, er hatte noch Deckung suchen können, er hatte auch geschossen, wußte aber nicht, ob er jemand getroffen hatte.