Die Schatzinsel: Roman

Part 17

Chapter 173,540 wordsPublic domain

Doch er hatte keine Zeit mehr, zu antworten. Die Freibeuter sprangen schreiend und fluchend einer nach dem anderen in den Graben, warfen die Bretter zur Seite und fingen an, mit den Händen zu graben. Morgan fand ein Goldstück und hielt es unter einer wahren Sturzflut von Flüchen in die Höhe. Es war ein Zweipfundstück und ging eine Weile von Hand zu Hand.

„Zwei Pfund!“ brüllte Merry, indem er es Silver drohend hinhielt. „Das sind Eure siebenhunderttausend Pfund, was? Ihr seid der Mann der guten Geschäfte, nicht wahr? Ihr habt nie was verpatzt, Ihr holzköpfiger Tölpel!“

„Grabt nur, Jungen!“ sagte Silver mit kühler Frechheit, „Ihr werdet schon ein paar Erdnüsse finden, glaube ich.“

„Erdnüsse!“ wiederholte Merry kreischend. „Kameraden, hört ihr’s. Ich sage euch jetzt, der Mann hat es die ganze Zeit gewußt. Schaut ihm ins Gesicht, da stehts geschrieben.“

„Ah, Merry,“ bemerkte Silver, „Ihr wollt wieder Kapitän werden? Ihr seid ein ehrgeiziger Junge, das muß man sagen.“

Doch diesmal waren alle auf Merrys Seite. Sie kletterten wieder aus dem Graben heraus und sandten wütende Blicke zurück, doch sah ich zu meiner Freude, daß sie alle auf der Silver entgegengesetzten Seite hinaufkamen.

Nun, da standen wir: zwei auf der einen Seite, fünf auf der anderen, zwischen uns der Graben, und niemand wagte vorderhand den ersten Schlag zu tun. Silver rührte sich nicht. Er stand sehr aufrecht an seiner Krücke und beobachtete sie so kühl wie nur denkbar. Er war tapfer; darüber gab’s keinen Zweifel.

Schließlich schien Merry der Ansicht zu sein, daß man etwas reden sollte.

„Kameraden,“ sagte er, „die zwei da drüben sind allein; der alte Krüppel, der uns hergebracht hat und so tölpelhaft anrennen ließ, und der Bengel, dem ich das Herz aus dem Leibe zu reißen gedenke. Nun Kameraden -- --“

Er hob Arm und Stimme und wollte offenbar jetzt losfahren. Doch in diesem Augenblick -- krach -- krach -- krach -- blitzten drei Gewehrschüsse aus dem Gebüsch. Merry rollte mit dem Kopf voran in den Graben, der Mann mit dem Verband drehte sich wie ein Kreisel und fiel in seiner ganzen Länge tot hin und die übrigen drei wendeten sich und rannten fort so rasch sie konnten.

Bevor man sich besinnen konnte, hatte der lange John schon zwei Pistolenschüsse auf Merry abgefeuert, der im Todeskampf lag, und als dieser im letzten Augenblick seiner Agonie die Augen zu ihm aufschlug, sagte er: „Na, Georg, ich denke, dich habe ich erledigt.“

Im selben Moment kamen der Doktor, Gray und Ben Gunn mit rauchenden Gewehren von den Muskatbäumen her auf uns zu.

„Vorwärts!“ rief der Doktor. „Schnell Jungen, wir müssen die Boote vor ihnen erreichen.“

In heftigster Eile gingen wir los und arbeiteten uns mit vieler Mühe, manchmal bis zur Brust durchs Gebüsch stampfend, einen Weg.

Ich versichere es. Silver lag viel daran mit uns Schritt zu halten. Die Mühe, die es dem Mann kostete, an seiner Krücke mit uns durch Dick und Dünn zu springen bis seine Adern fast sprangen, war eine übermenschliche Leistung, auch nach der Meinung des Doktors. Trotzdem war er schon etwa dreißig Schritte zurückgeblieben und fast am Ersticken, als wir den Gipfel des Abhanges erreichten.

„Herr Doktor,“ rief er, „seht dorthin! Keine Eile!“

Sicherlich war keine Eile mehr nötig. Von einer offenen Stelle der Hochfläche aus konnten wir die drei Überlebenden in derselben Richtung, von der sie gekommen waren, gerade gegen den Kreuzmastberg laufen sehen. Wir waren bereits zwischen ihnen und den Booten, und so konnten wir vier uns niedersetzen, um Atem zu schöpfen, während der lange John, der sich das Gesicht abtrocknete, uns langsam nachkam.

„Vielen Dank, Herr Doktor,“ sagte er, „Ihr kamet gerade im letzten Moment für mich und Hawkins. Also Ihr seid es, Ben Gunn! Nun, Ihr seid mir ein netter Bursch.“

„Ich bin Ben Gunn, ich bin’s“, erwiderte der Ausgesetzte und wand sich dabei vor Verlegenheit wie ein Aal. „Aber,“ fügte er nach einer langen Pause hinzu, „wie geht’s, Herr Silver? Recht gut, sagt Ihr, das freut mich.“

„Ben, Ben,“ murmelte Silver, „wenn ich denke, was Ihr mir angetan habt!“

Der Doktor sandte Gray zurück, um eine der von den Meuterern bei ihrer Flucht im Stich gelassenen Spitzhauen zu holen, und erzählte, während wir gemächlich zum Landungsplatz der Boote hinabstiegen, in kurzen Worten, was vorgegangen war. Es war eine Geschichte, welche Silver außerordentlich interessierte und deren Held von Anfang bis zu Ende Ben Gunn, der ausgesetzte Halbidiot war.

Ben hatte auf seinen langen einsamen Wanderungen durch die Insel das Skelett gefunden, er war es, der es ausgeraubt hatte! Er hatte den Schatz gefunden, ihn ausgegraben (es war der Stiel seiner Kreuzhacke, der zerbrochen im Graben lag) und ihn in vielen mühseligen Tagwerken vom Fuß der hohen Fichte bis zu einem Versteck geschafft, das er an dem zweispitzigen Hügel am Nordostende der Insel angelegt hatte. Dort lag er, sicher aufbewahrt, schon zwei Monate, ehe die Hispaniola landete. Nachdem der Doktor ihm dieses Geheimnis am Nachmittage des Angriffes entwunden hatte und als er am nächsten Morgen den Ankerplatz verlassen daliegen sah, war er zu Silver gegangen, hatte ihm die Karte gegeben, die jetzt nutzlos geworden war, ebenso die Vorräte (denn Ben Gunns Keller war mit selbst eingesalzenem Wildfleisch wohlversehen), kurz, er hatte ihm alles und jedes gegeben, nur um die Möglichkeit zu haben, in Sicherheit vom Blockhaus nach dem zweispitzigen Berg zu ziehen, wo er vor der Malaria geschützt war und das Geld bewachen konnte.

„Was dich anbelangt, Jim, ging’s mir ja sehr zu Herzen, doch ich mußte mein möglichstes für die tun, die zu ihrer Pflicht gestanden hatten. Und wessen Schuld war es, daß du nicht darunter warst?“ -- An jenem Morgen, als er sah, daß ich in die schreckliche Enttäuschung, die er für die Meuterer bereit hatte, verwickelt werden mußte, war er den ganzen Weg zur Schatzhöhle zurückgelaufen, ließ den Squire zur Pflege des Kapitäns zurück und machte mit Gray und Ben Gunn den ganzen Weg quer durch die Insel, um rechtzeitig zur Stelle zu sein. Doch bald sah er, daß wir ihm zuvorgekommen waren und Ben Gunn, der ein flinker Läufer war, wurde vorausgeschickt, um alles zu tun, was er allein eben tun konnte. Dem war es eingefallen, auf den Aberglauben seiner alten Schiffsgefährten zu spekulieren, und das gelang ihm so weit, daß er sie hinhielt, bis Gray und der Doktor hinaufgekommen waren und schon versteckt lagen, ehe die Schatzjäger ankamen.

„Na,“ sagte Silver, „ein Glück für mich, daß ich Hawkins bei mir hatte. Ihr hättet den alten John ruhig in Stücke reißen lassen und ihm keine Träne nachgeweint, Herr Doktor.“

„Keine einzige“, erwiderte Doktor Livesay vergnügt. Inzwischen hatten wir die Boote erreicht. Der Doktor schlug mit der Hacke das eine zusammen und wir nahmen alle in dem anderen Platz und ruderten zur Nordbucht.

Das war ein Weg von acht oder neun Meilen. Silver wurde, trotzdem er vor Müdigkeit halb tot war, wie wir anderen an ein Ruder gesetzt, und bald glitten wir rasch über die ruhige See. Bald kamen wir aus der Meerenge heraus und umsegelten das südöstliche Ende der Insel, um welches wir vier Tage vorher die Hispaniola bugsiert hatten.

Als wir den zweispitzigen Hügel passierten, konnten wir die schwarze Mündung von Ben Gunns Höhle sehen und einen Mann davor, der sich an sein Gewehr lehnte. Es war der Squire. Wir schwenkten ein Taschentuch und brachen in Hochrufe aus, in welche Silver ebenso lebhaft einstimmte wie die anderen. Und wem begegneten wir drei Meilen weiter, gerade bei der Mündung der Nordbucht? Niemand anderem als der Hispaniola, die da allein herumkreuzte. Die letzte Flut hatte sie emporgehoben; und wenn ein stärkerer Wind oder eine heftige Flutströmung, wie am südlichen Ankerplatz, eingesetzt hätte, hätten wir sie entweder nie oder nur hoffnungslos gestrandet wieder gefunden. So aber war bis auf das verdorbene Hauptsegel so ziemlich alles in Ordnung. Ein neuer Anker wurde fertiggemacht und eineinhalb Faden tief ins Wasser gelassen. Wir alle ruderten wieder zur Rumbucht hinüber, dem nächsten Landungsplatz für Ben Gunns Schatzhaus. Dann kehrte Gray allein mit dem Boot zur Hispaniola zurück, wo er die Nacht auf Wache verbringen sollte.

Eine leicht abgeschrägte Böschung führte von der Bucht zum Eingang des Schachtes. Oben trafen wir den Squire. Er war herzlich und freundlich zu mir und sprach nichts von meiner Flucht, weder tadelnd noch lobend. Bei Silvers höflichem Gruß rötete sich sein Gesicht.

„John Silver,“ sagte er, „Ihr seid ein unglaublicher Schurke und Schwindler -- ein monströser Schwindler, Herr. Man sagte mir, daß ich Euch nicht verfolgen lassen solle. Gut, ich werde es nicht tun. Doch die Toten, Herr, hängen an Eurem Halse wie Mühlsteine.“

„Vielen Dank, Herr“, erwiderte der lange John, neuerlich grüßend.

„Ihr wagt es noch, mir zu danken!“ schrie der Squire. „Ich begehe eine große Pflichtverletzung. Aus meinen Augen!“

Darauf betraten wir alle die Höhle. Sie war hoch und luftig, enthielt eine kleine Quelle und einen kleinen Teich reinen Wassers, der mit Farnkräutern überhangen war. Der Boden bestand aus Sand. Vor einem großen Feuer lag Kapitän Smollett und in einem entfernten Winkel, der nur schwach vom Feuerschein beleuchtet wurde, sah ich große Haufen Goldmünzen und viereckig aufgebaute Stöße von Goldbarren. Das war Flints Schatz, den zu suchen wir so weit hergekommen waren, und der nun schon siebzehn Menschen von der Hispaniola das Leben gekostet hatte. Wieviele er verschlungen hatte, als er aufgehäuft wurde, wieviel Blut und Kummer, wieviel gute Schiffe auf den Meeresgrund versenkt wurden, wieviel tapfere Männer mit verbundenen Augen den Untergang fanden, wieviel Kanonenschüsse, wieviel Schande, Lüge und Grausamkeit da mitaufgehäuft lagen, konnte wohl kein Lebender erzählen. Doch drei waren jetzt auf unserer Insel -- Silver, der alte Morgan und Ben Gunn --, die jeder einen Anteil an diesen Verbrechen gehabt hatten, da jeder von ihnen, wenn auch vergeblich, gehofft hatte, den Lohn einzuheimsen.

„Komm herein, Jim,“ sagte der Kapitän, „du bist in deiner Art ein guter Junge. Aber ich glaube nicht, daß wir zwei wieder zusammen auf die See gehen werden, für mich bist du zu sehr Protektionskind.

Seid Ihr das, John Silver? Was bringt Euch her, Mann?“

„Ich bin zu meiner Pflicht zurückgekehrt, Herr“, erwiderte Silver.

„Ah!“ sagte der Kapitän. Das war alles, was er sagte.

Welch ein Festmahl war das, mit allen meinen Freunden wieder an einem Tische vereint. Wie schmeckte mir Ben Gunns gepökeltes Wildfleisch und sonstige Leckerbissen und eine Flasche alten Weines von der Hispaniola! Ich glaube, nie hat es frohere oder glücklichere Menschen gegeben! Und dort saß Silver, ganz im Hintergrund und fast schon im Finstern, doch auch er aß eifrig, jeden Moment bereit aufzuspringen, wenn jemand etwas brauchte, und manchmal stimmte er sogar leise in unser Gelächter ein -- derselbe sanfte, höfliche, unterwürfige Seemann, als der er mit uns ausgefahren war.

Vierunddreißigstes und letztes Kapitel

Am nächsten Morgen mußten wir frühzeitig mit der Arbeit beginnen, denn der Transport dieser großen Menge Goldes, zu Lande fast eine Meile weit bis zum Ufer, und dann drei Meilen mit dem Boot zur Hispaniola, war eine beträchtliche Aufgabe für eine so kleine Anzahl von Arbeitern. Die drei Kerle, die noch immer auf der Insel herumstreiften, fürchteten wir wenig. Eine einzige Schildwache auf dem vorspringenden Rande des Hügels genügte, um uns vor einem plötzlichen Angriff zu schützen, und übrigens nahmen wir an, daß sie nicht sehr auf weitere Kämpfe erpicht waren.

Die Arbeit ging also fröhlich vorwärts. Gray und Ben Gunn kamen und gingen mit dem Boot und die übrigen häuften inzwischen am Ufer den Schatz auf. Zwei Barren mit einem Tau zusammengehalten waren eine ziemliche Ladung für einen starken Mann, mit der er nur langsam vorwärtskommen konnte. Da ich für mein Teil nicht viel zu tragen imstande war, wurde ich den ganzen Tag in der Höhle damit beschäftigt, das gemünzte Gold in Brotsäcke zu packen.

Es war eine seltsame Sammlung; wie der Hort Billy Bones von verschiedenartigster Prägung, doch um soviel größer und vielfältiger, daß ich wohl nie ein größeres Vergnügen hatte, als bei diesem Sortieren. Englische, französische, spanische und portugiesische Münzen, Georgs- und Ludwigstaler, Dublonen und doppelte Guineen, Moidore und Zechinen, die Bilder aller europäischen Könige der letzten hundert Jahre, seltsames orientalisches Geld, gestanzt mit einer Art Büschel von Fäden oder wie mit Spinnweben, dann runde und viereckige und in der Mitte durchbohrte Stücke, die offenbar zum Tragen am Halse bestimmt waren, fast alle Münzenarten der Welt müssen wohl in dieser Sammlung ihren Platz gefunden haben. Sie waren zahllos wie die gefallenen Blätter im Herbste, und mein Rücken schmerzte mich vom Bücken und meine Finger vom Sortieren.

Tag für Tag ging diese Arbeit weiter. Jeden Abend wurde ein Vermögen an Bord geborgen und ein neues wartete, um am nächsten Abend verwahrt zu werden. Während der ganzen Zeit hörten wir nichts von den drei überlebenden Meuterern.

Endlich -- ich glaube es war in der dritten Nacht -- ließ der Wind, als ich mit dem Doktor oben auf den Hügeln auf und ab ging, von wo man die tiefgelegenen Teile der Insel übersieht, einen eigentümlichen Lärm herüberklingen, der zwischen Kreischen und Singen die Mitte hielt. Es war nur ein flüchtiger Augenblick, dem wieder das frühere Schweigen folgte.

„Hilf Himmel!“ sagte der Doktor, „die Meuterer!“

„Alle betrunken, Herr“, warf Silvers Stimme von hinten ein.

Silver, muß ich bemerken, hatte seine vollständige Freiheit, und trotz täglicher Abweisungen schien er sich wieder ganz als unser bevorzugter und befreundeter Gefolgsmann zu fühlen. Es war tatsächlich bemerkenswert, mit welch unermüdlicher Höflichkeit er diese fortwährenden Zurückweisungen ertrug und fortfuhr zu versuchen, sich bei allen in Gunst zu setzen. Trotzdem behandelten ihn alle nicht besser als einen Hund, außer Ben Gunn, der noch immer eine entsetzliche Furcht vor seinem früheren Quartiermeister hatte, und mir, der ihm tatsächlich Dank schuldig war. Allerdings hatte gerade ich in dieser Beziehung Anlaß, von ihm noch schlechter zu denken als jeder andere, hatte ich ihn doch auf der Hochfläche neuerlichen Verrat ersinnen gesehen. Der Doktor antwortete ihm daher auch entsprechend mürrisch.

„Betrunken oder nicht mehr ganz bei Sinnen“, sagte er.

„Ganz recht, Herr,“ erwiderte Silver, „und uns kann es wohl ziemlich gleichgültig sein, welches von beiden.“

„Ich denke, Ihr werdet nicht verlangen, daß ich Euch für einen menschlichen Menschen halte,“ erwiderte der Doktor mit einem höhnischen Blick, „und darum mag Euch meine Ansicht überraschen, Herr Silver. Doch wenn ich sicher wäre, daß sie phantasieren -- wie ich eigentlich ziemlich sicher bin, da zumindest einer von ihnen schwer fieberkrank ist -- so würde ich dieses Lager verlassen und trotz der Gefahr für meinen eigenen Leichnam ihnen ärztliche Hilfe zuteil werden lassen.“

„Bitte um Entschuldigung, Herr, aber das wäre sehr unrecht“, entgegnete Silver. „Ihr würdet Euer kostbares Leben einbüßen, ganz sicher. Ich bin jetzt ganz auf Eurer Seite mit Haut und Haaren, und ich möchte nicht, daß unsere Partei geschwächt wird oder daß Euch was zustößt -- wenn ich bedenke, was ich gerade Euch schulde. Doch diese Leute da unten, die könnten ihr Wort nicht halten -- nein, nicht einmal wenn sie wollten. Und was noch ärger ist, die würden nicht glauben, daß Ihr es könnt.“

„Nein,“ sagte der Doktor, „aber Ihr seid der Mann vom Worthalten, das wissen wir.“

Nun, das war so ziemlich das letzte, was wir von den Meuterern hörten. Nur einmal vernahmen wir aus weiter Entfernung einen Schuß; offenbar jagten sie. Eine Beratung wurde abgehalten und es wurde beschlossen, daß wir sie auf der Insel lassen sollten -- zur ungeheuren Begeisterung Ben Gunns und unter energischer Zustimmung Grays. Wir ließen einen tüchtigen Vorrat von Pulver und Blei, den größten Teil des gepökelten Wildfleisches, einige Arzneien und andere Notwendigkeiten, Werkzeuge, Kleidung, ein Segel, ein bis zwei Faden Tau und, auf besonderen Wunsch des Doktors, einen ansehnlichen Vorrat Tabak zurück.

Das war so ziemlich unsere letzte Arbeit auf der Insel. Vorher hatten wir den Schatz geborgen und genügend Wasser und für den Notfall auch den Rest des Ziegenfleisches eingeschifft. Endlich lichteten wir eines schönen Morgens die Anker und segelten aus der Nordbucht heraus. Dieselbe Fahne wehte auf dem Schiffe, die der Kapitän auf dem Blockhause gehißt hatte.

Die drei Burschen aber hatten uns wohl besser beobachtet, als wir gedacht hatten, wie sich bald herausstellte. Denn als wir aus der Meerenge herauskamen, mußten wir uns sehr nahe an das südliche Kap halten und dort sahen wir sie alle drei mit flehenden, emporgehobenen Armen auf der sandigen Landzunge knien. Ich glaube, es ging uns allen zu Herzen, sie in diesem elenden Zustande zurückzulassen, doch konnten wir eine neuerliche Meuterei nicht riskieren, und sie dem Galgen zuzuführen, wäre doch eine grausame Form der Güte gewesen. Der Doktor rief sie an und sagte ihnen von den Vorräten, die wir zurückgelassen hatten und wo sie sie finden würden. Doch sie fuhren fort uns beim Namen zu rufen und uns um Gottes Willen zu beschwören, barmherzig zu sein und sie nicht an diesem Orte sterben zu lassen.

Schließlich, als sie sahen, daß das Schiff seinen Kurs fortsetzte und rasch außer Hörweite gelangte, sprang einer von ihnen -- ich weiß nicht welcher -- mit einem heiseren Schrei auf die Füße, legte sein Gewehr an und gab einen Schuß ab, der an Silvers Kopf vorüberpfiff und das Hauptsegel durchbohrte. Danach hielten wir uns in Deckung hinter der Reeling, und als ich wieder herausschaute, waren sie von der Landzunge verschwunden und diese selbst schon kaum mehr sichtbar. Das war das Ende, und noch vor Mittag war zu meiner unaussprechlichen Freude auch vom höchsten Felsen der Schatzinsel nichts mehr zu erblicken und rings um uns war blaue See.

Wir waren unserer so wenige, daß jeder am Bord mithelfen mußte, nur der Kapitän lag auf einer Matratze im Achterdeck und erteilte seine Befehle. Denn obwohl er sich sehr erholt hatte, brauchte er noch Ruhe. Wir steuerten nach dem nächsten Hafen im spanischen Teil Amerikas, denn wir konnten die weite Reise nach Hause ohne neue Matrosen nicht wagen. Ohnehin wurden wir durch widrige Winde und ein paar ziemliche Stürme alle sehr hergenommen und waren alle mit unseren Kräften am Rande, noch ehe wir den Hafen erreicht hatten.

Gerade bei Sonnenuntergang gingen wir in einem wunderbar gelegenen Hafen vor Anker und wurden sofort von kleinen Booten umringt, voll von Negern, mexikanischen Indianern und Halbbluteingeborenen, die uns Früchte und Gemüse verkauften und uns anboten, kleine Münzen aus dem Wasser zu tauchen. Der Anblick so vieler heiterer Gesichter (besonders der schwarzen), der Geschmack der tropischen Früchte und vor allem die Lichter, die in der Stadt aufzublitzen begannen, vereint, bildeten den entzückendsten Gegensatz zu unserem düsteren, blutigen Aufenthalt auf der Insel. Der Doktor und der Squire nahmen mich mit und wir gingen ans Ufer, um dort den Abend zu verbringen. Dort trafen sie den Kapitän eines englischen Kriegsschiffes, kamen ins Gespräch mit ihm, gingen mit an Bord seines Schiffes, kurzum, die Zeit verging so angenehm, daß der Tag anbrach, als wir die Hispaniola betraten.

Ben Gunn war allein auf Deck, und sowie wir an Bord kamen, fing er unter sonderbaren Verrenkungen an, uns ein Geständnis zu machen. Silver war fort. Der Ausgesetzte hatte ihm vor ein paar Stunden zu seiner Flucht in einem der Uferboote geholfen und er versicherte uns nun, daß er das nur getan habe, um uns zu schützen, denn unser Leben wäre bestimmt verloren gewesen, wenn „jener Mann mit dem einen Bein“ an Bord geblieben wäre. Doch das war nicht alles. Der Schiffskoch war nicht mit leeren Händen verschwunden. Er hatte heimlich einen Balken durchsägt und einen der mit Münzen gefüllten Brotsäcke im Werte von vielleicht drei- bis vierhundert Guineen mitgenommen, der ihm auf seinen ferneren Wanderungen von Nutzen sein sollte.

Ich glaube, wir waren alle froh, ihn so billig losgeworden zu sein.

Nun, um es kurz zu sagen, wir nahmen ein paar Matrosen an Bord, hatten eine gute Heimreise, und die Hispaniola erreichte Bristol eben, als Herr Blandly daran ging, ein Hilfsschiff auszurüsten. Nur fünf von denen, die ausgefahren waren, kehrten zurück.

„Schnaps stand stets auf der Höllenfahrtsliste“ ...

Immerhin waren wir kein so böser Fall als jenes andere Schiff, von dem sie gesungen hatten:

„Mit fünfundsiebzig die Reise begann, Zurück kam nur ein einziger Mann.“

Jeder von uns bekam einen reichlichen Anteil von dem Schatze und nützte ihn klug oder töricht, je nach seiner Art. Kapitän Smollett zog sich von seinem Berufe zurück. Gray sparte nicht nur sein Geld, sondern, plötzlich von dem Wunsche ergriffen, sich hinaufzuarbeiten, lernte er gründlich sein Handwerk und ist jetzt Maat und Mitbesitzer eines schönen großen Schiffes, überdies verheiratet und Familienvater. Ben Gunn bekam tausend Pfund, die er in drei Wochen, vielmehr genauer bezeichnet in neunzehn Tagen, ausgab oder verlor, denn schon am zwanzigsten sah man ihn wieder betteln. Dann bekam er eine Torhüterstelle, also genau das, was er gefürchtet hatte. Er lebt noch immer und ist ein großer Liebling, dabei auch eine Art Prügelknabe der Dorfjungen und an Sonn- und Feiertagen ein gesuchter Sänger im Kirchenchor.

Von Silver hörten wir nichts mehr. Der schreckliche Mensch mit dem einen Bein ist endlich ganz aus meinem Leben verschwunden. Ich nehme an, er hat seine alte Negerin irgendwo getroffen und lebt vielleicht irgendwo behaglich mit ihr und Kapitän Flint. Das steht zu hoffen, denn ich glaube, seine Aussichten auf ein behagliches Leben in der anderen Welt sind äußerst gering.

Das Barrensilber und die Waffen liegen, soviel ich weiß, noch immer dort, wo Flint sie vergraben hat, und was mich betrifft, können sie dort liegen bleiben. Keine zehn Ochsen könnten mich je wieder zu der fluchbeladenen Insel zurückbringen; und die schlimmsten Träume, die ich je habe, sind jene, in denen ich die Brandung an ihre Küsten dröhnen höre oder aufgeschreckt in die Höhe fahre, mit der scharfen Stimme Kapitän Flints wieder in meinen Ohren: „Goldstücke! Goldstücke!“