Die Schatzinsel: Roman

Part 16

Chapter 163,734 wordsPublic domain

So sprach er weiter, dabei mit vollem Munde heißen Speck kauend, so richtete er ihre Hoffnung und ihr Vertrauen wieder auf und, wie ich glaube, gleichzeitig auch seinen eigenen Mut.

„Was die Geisel anlangt,“ fuhr er fort, „wird das wohl sein letztes Gespräch mit seinen vielgeliebten Leuten gewesen sein. Ich weiß jetzt, was ich wissen wollte, und schönen Dank dafür, aber das ist jetzt vorüber. Ich werde ihn zu mir nehmen, wenn wir jetzt auf die Schatzsuche gehen und auf ihn aufpassen, als wäre er von Gold, für den Fall, daß etwas geschieht, ihr versteht schon. Haben wir erst das Schiff und den Schatz und sind wieder fröhliche Gesellen auf See, na, dann wollen wir schon mit Herrn Hawkins noch ein Wörtchen reden und ihm sein Teil zukommen lassen für alle seine Freundlichkeit.“

Es war kein Wunder, daß die Leute jetzt gut gelaunt waren. Ich für mein Teil war furchtbar niedergeschlagen. Wenn sich der Plan, den er da eben entworfen hatte, als ausführbar erweisen sollte, so würde wohl Silver, der nun schon ein doppelter Verräter war, nicht zögern ihn auszuführen. Er hatte in beiden Lagern Fuß gefaßt, und es war kein Zweifel, daß er Reichtum und Freiheit mit den Piraten dem bloßen Entkommen vor dem Galgen vorziehen würde, was ja das Äußerste war, was wir ihm zu bieten hatten.

Ja selbst, wenn es sich so fügen sollte, daß er gezwungen wäre, Doktor Livesay die Treue zu bewahren, welche Gefahr lag selbst dann noch vor uns! Welch ein Augenblick, wenn der Verdacht seiner Gefährten sich in Gewißheit verwandelte und er und ich ums liebe Leben zu kämpfen haben würden -- er der Krüppel, und ich ein Knabe, gegen fünf starke kampftüchtige Seeleute! Zu dieser doppelten Furcht kam noch das Geheimnis, das für mich noch immer über dem Verhalten meiner Freunde lag: ihrer unerklärten Flucht aus dem Blockhaus und ihrer unerklärlichen Übergabe der Karte. Noch weniger verständlich war die letzte Warnung des Doktors an Silver: „Wenn Ihr den Schatz findet, werdet Ihr Verdruß haben“, und man wird mir gerne glauben, daß mir mein Frühstück nicht besonders schmeckte und daß ich mit sehr gemischten Gefühlen hinter meinen Gefangenenwärtern auf die Schatzsuche ging.

Wir sahen sehr sonderbar aus, wenn jemand dabei gewesen wäre, um uns zu sehen, wie wir da alle in schmutzigen Matrosenanzügen und, bis auf mich, alle bis zu den Zähnen bewaffnet, ausrückten. Silver hatte zwei Gewehre umgehängt -- eines vorne, eines hinten --, dazu noch den großen Hirschfänger in seinem Gürtel und eine Pistole in jeder Tasche seines langschößigen Rockes. Kapitän Flint, der auf seiner Schulter saß und Matrosenredensarten sinnlos vor sich hinplapperte, vervollständigte seine merkwürdige Ausrüstung. Ich hatte einen Strick um meinen Leib geschlungen und folgte gehorsam dem Schiffskoch, der das Ende des Seils manchmal in der einen freien Hand, manchmal zwischen dem mächtigen Gebiß hielt. Wahrhaftig, wie ein Tanzbär wurde ich dahingeführt.

Die anderen Matrosen waren verschiedenartig bepackt. Einige trugen Spaten und Schaufeln -- das war das erste gewesen, was sie von der Hispaniola hinuntergetragen hatten --, andere waren mit Fleisch, Brot und Branntwein für die Mittagsmahlzeit beladen. Alle Vorräte kamen, wie ich bemerkte, aus unserer Speisekammer und ich sah, wie richtig Silvers Worte gewesen waren. Wenn er nicht mit dem Doktor den Vertrag geschlossen hätte, wäre er mit seinen Meuterern, nachdem das Schiff weg war, auf Trinkwasser und die etwaigen Ergebnisse der Jagd angewiesen gewesen. Wasser wäre nicht sehr ihr Geschmack gewesen und Matrosen sind selten gute Jäger. Außerdem schien es wahrscheinlich, daß sie auch nicht über sehr große Pulvervorräte verfügten, wenn sie so wenig Eßwaren hatten.

Nun, so ausgerüstet, machten wir uns auf den Weg -- selbst der Kerl mit dem Loch im Kopf war mit, für den es sicherlich besser gewesen wäre, im Schatten zu Hause zu bleiben -- und wanderten der Bucht zu, wo uns die beiden Boote erwarteten. Auch sie trugen Spuren der betrunkenen Wildheit der Seeräuber; in einem war die Ruderbank gebrochen, und beide waren verschmutzt und auf dem Boden standen Wasserlachen. Wir mußten aus Sicherheitsgründen beide mitschleppen und so setzten wir uns endlich in Bewegung.

Unterwegs gab es einigen Streit, der Karte wegen. Das rote Kreuz war natürlich viel zu groß, um als Führer zu dienen und die Ausdrücke der Erklärung auf der Rückseite schienen immerhin zweideutig. Diese Erklärung lautete, wie man sich erinnern wird, folgendermaßen:

„Hoher Baum, Fernrohrabhang, Wegweiser nach N. von NNO. Skelettinsel OSO. und nach O. Zehn Fuß.“

Ein hoher Baum war also die wichtigste Bezeichnung. Der Ankerplatz war gerade vor uns von einer Hochfläche begrenzt, die etwa zwei- bis dreihundert Fuß hoch lag und sich im Norden an den abfallenden südlichen Abhang des „Fernrohrs“, und gegen Süden an die steile zerklüftete Erhöhung, der Kreuzmastberg genannt, anschloß. Diese Hochfläche war dicht mit Nadelbäumen verschiedener Höhe bestanden. Da und dort erhob sich ein Baum vierzig oder fünfzig Fuß über seine Nachbarn, doch welcher davon der eigentliche „hohe Baum“ des Kapitän Flint war, konnte nur an Ort und Stelle mit Hilfe des Kompasses entschieden werden.

Trotzdem die Sache so lag, hieb jeder der Matrosen, bevor wir halb drüben waren, einen Baum, den er sich aussuchte, um, und nur der lange John zuckte die Achseln und riet ihnen, zu warten, bis wir an Ort und Stelle wären.

Auf Silvers Anordnung, der die Matrosen nicht vorzeitig ermüden wollte, gingen wir nur langsam vorwärts und landeten nach einer beträchtlichen Weile bei der Mündung des zweiten Flusses, desjenigen, der durch eine bewaldete Schlucht vom „Fernrohr“ herunterkommt. Von da aus hielten wir uns nach links und erstiegen den Abhang gegen die Hochfläche zu.

Beim Anstieg verlangsamte der Moorboden mit seiner Sumpfvegetation sehr unser Tempo, doch allmählich ging es steiler hinauf, der Boden wurde steiniger, der Wald veränderte seinen Charakter und die Bäume standen in größeren Abständen. Wir kamen nun in einen wunderschönen Teil der Insel. Wohlriechender Ginster und andere blühende Stauden hatten das Gras fast ganz verdrängt. Dichte Gruppen grüner Muskatnußbäume waren da und dort mit den roten Säulen der breitschattigen Nadelbäume untermischt und vermengten ihren Duft mit dem der Nadelbäume. Die Luft war frisch und anregend und wirkte trotz der herniederbrennenden Sonne wunderbar belebend auf unsere Sinne.

Die Leute gingen in fächerförmiger Anordnung und riefen und sprangen hin und her. Ziemlich weit hinter den anderen folgten Silver und ich -- er keuchend von der Anstrengung des Steigens, und ich durch den Strick kurzgehalten. Von Zeit zu Zeit mußte ich ihm die Hand reichen, denn der Weg gab ihm viel zu schaffen und er war mehrmals im Begriffe, rückwärts den Abhang hinunter zu fallen.

Als wir ungefähr eine halbe Meile zurückgelegt hatten, und uns der Höhe näherten, ertönte plötzlich ein lauter Schreckensschrei eines der Männer, der am weitesten nach links gekommen war, ein zweites- und drittesmal schrie er, und die übrigen stürzten nach jener Richtung hin.

„Er kann nicht den Schatz gefunden haben, denn der ist doch ganz oben“, sagte der alte Morgan, der von rechts an uns vorübereilte.

Und es war wirklich etwas ganz anderes. Als wir oben ankamen, sahen wir am Fuße einer ziemlich hohen Tanne und in grüne Schlingpflanzen verschlungen, die sogar einige der kleineren Knochen gehoben hatten, ein menschliches Skelett liegen, das nur mit einigen Lumpen bedeckt war. Ein kalter Schauer durchfuhr in diesem Augenblick alle unsere Herzen.

„Er war ein Seemann“, sagte Georg Merry, der, kühner als die übrigen, nahe herangegangen war und die Kleiderfetzen prüfend betrachtete. „Zum mindesten ist das gutes Matrosentuch.“

„Freilich,“ sagte Silver, „höchstwahrscheinlich, oder hast du gedacht einen Bischof hier oben zu finden? Doch wie merkwürdig die Knochen liegen. Das geht nicht mit rechten Dingen zu.“ Es schien tatsächlich, wenn man genauer hinsah, ausgeschlossen, daß der Leichnam da in natürlicher Stellung lag. Durch irgendwelche zufällige äußere Einflüsse (vielleicht war es das Werk der Vögel oder der langsam wachsenden Schlingpflanze, die allmählich seine Überreste eingehüllt hatte) lag der Mann vollkommen gerade da, seine Füße zeigten nach einer Richtung und seine Hände, die wie die eines Tauchers über den Kopf erhoben waren, genau in die entgegengesetzte.

„Mir geht ein Gedanke durch meinen alten Schädel,“ bemerkte Silver. „Das ist der Kompaß: Dort ist der höchste Punkt der Skelettinsel, der wie ein Zahn heraussteht. Bestimmt jetzt die Richtung der Leiche da.“

Es geschah. Der Körper zeigte gerade in die Richtung der Insel, und auf dem Kompaß stand Ostsüdost und nach Ost zu lesen.

„Ich dachte mir’s,“ rief der Koch, „das ist ein Wegweiser. Gerade dahinauf geht es zum Polarstern und zu unseren lustigen Dollars. Unverkennbar, das war einer von Flints Scherzen! -- Er war mit den sechsen allein hier oben und tötete sie alle, Mann für Mann. Und den einen da schleppte er her und richtete ihn als Wegweiser. Das sind lange Knochen und die Haare sind blond. Ja, das dürfte Allardyce sein! Erinnerst du dich noch an Allardyce, Tom Morgan?“

„Natürlich,“ erwiderte Morgan, „erinnere ich mich an ihn: Er schuldete mir Geld und nahm ein Messer mit ans Land.“

„Weil wir gerade von Messern reden“, sagte ein anderer, „warum liegt seines hier nirgend herum? Flint war nicht der Mann, einem Seemann die Taschen auszuleeren, und die Vögel, denke ich, hätten es auch sein lassen.“

„Beim Teufel, das ist wahr!“ rief Silver.

„Aber rein gar nichts ist da,“ sagte Merry suchend herumblickend, „keine Kupfermünze, keine Tabaksdose, das kommt mir nicht geheuer vor.“

„Ist es auch nicht,“ gab Silver zu, „nicht geheuer und nicht hübsch. Kreuzdonnerwetter, Kameraden, wenn Flint lebte, wär’ das ein heißer Punkt für uns. Sechs waren sie und sechs sind wir. Und von ihnen sind nur mehr Knochen übrig.“

„Mit diesen Augen hier habe ich ihn tot daliegen sehen“, sagte Morgan. „Billy nahm mich mit hinein zu ihm. Da lag er und seine Augen waren mit Kupfermünzen zugehalten.“

„Tot, ja, das schon, tot ist er und in der Hölle,“ sagte der Kerl mit dem verbundenen Kopf, „doch wenn jemals ein Geist umging, dem von Flint traue ich es schon zu. Dieser Flint hat einen bösen Tod gehabt!“ -- „Ja,“ bemerkte ein anderer, „bald wütete er, dann wieder schrie er um Rum und dann sang er. ‚Fünfzehn Mann‘ war sein einziges Lied, Kameraden, und ich muß ehrlich sagen, seit der Zeit höre ich es nicht gerne singen. Es war sehr heiß, das Fenster stand offen und ich hörte das alte Lied noch ganz deutlich, als der Mann schon im Sterben lag.“

„Laßt,“ sagte Silver, „hört auf mit diesen Geschichten. Er ist tot und er geht nicht um, jedenfalls nicht bei Tag, das glaube ich einfach nicht. Wer sich Sorgen macht, kommt um! Jetzt auf zu den Dublonen!“ Wir machten uns auf den Weg; doch trotz der heißen Sonne und dem blendenden Tageslicht gingen die Piraten nicht mehr getrennt und liefen nicht mehr schreiend durch den Wald, sondern hielten sich aneinander und sprachen mit gehaltenem Atem. Die Furcht vor dem toten Freibeuter hatte ihren Mut gelähmt.

Zweiunddreißigstes Kapitel

Die Jagd nach dem Schatze -- Die Stimme aus den Bäumen

Noch unter dem Eindruck dieses Schreckens, zum Teil auch, um Silver und den Kranken etwas Zeit zum Ausruhen zu geben, machte die ganze Gesellschaft Rast, sobald die Höhe erreicht war.

Die Hochfläche neigte sich gegen Westen, und der Punkt, wo wir haltmachten, hatte einen weiten Ausblick nach beiden Seiten. Vor uns sahen wir über die Baumwipfel hinweg das von der Brandung bespülte Waldkap; dahinter konnte man nicht nur den Ankerplatz und die Skelettinsel, sondern auch noch jenseits der Landzunge und des östlichen Tieflandes einen breiten Streifen der offenen See erblicken. Senkrecht über uns erhob sich das Fernrohr, das hier mit einzelstehenden Nadelbäumen bewachsen war, dazwischen lagen schwarze zerklüftete Schluchten. Kein Laut war zu hören, außer dem fernen Anschlagen der Brandung ringsum und dem Gezirp der zahllosen Insekten im Gesträuch. Kein Mensch, kein Schiff auf der See. Gerade die Weite des Ausblickes erhöhte das Gefühl tiefer Einsamkeit.

Silver machte mit seinem Kompaß während der Rast verschiedene Aufnahmen.

„Da sind drei hohe Bäume,“ sagte er, „ungefähr in der bezeichneten Richtung von der Skelettinsel. ‚Fernrohrabhang,‘ damit wird wohl der tiefere Punkt dort gemeint sein. Es ist ein Kinderspiel, die Geschichte jetzt zu finden. Ich möchte beinahe vorher mittagessen.“

„Mir vergeht der Hunger, wenn ich an Flint denke -- als ob’s mir passiert wäre --!“

„Ja, mein Sohn, du kannst dem Himmel danken, daß er tot ist“, sagte Silver.

„Er war ein häßlicher Teufel!“ rief ein dritter Seeräuber schaudernd. „Ganz blau im Gesicht!“

„Das hat der Rum aus ihm gemacht,“ fügte Merry hinzu, „ja, ganz blau war er, das ist richtig.“

Seit der Auffindung des Skeletts hatten sie angefangen immer leiser zu sprechen, so daß das Geräusch ihrer Reden das Schweigen des Waldes kaum unterbrach. Und jetzt, ganz plötzlich, ertönte aus einer Baumgruppe vor uns eine dünne, hohe, zitternde Stimme, die das wohlbekannte Lied sang:

„Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste -- Jo-hoho -- Und ein Fläschchen Rum!“

Niemals habe ich ein wilderes Entsetzen gesehen, als jetzt das der Seeräuber. Ihre Gesichter entfärbten sich, ein paar sprangen auf die Füße, andere klammerten sich an die Kameraden an, Morgan warf sich zu Boden.

„Es ist Flint, zum --!“ schrie Merry. Plötzlich brach das Lied mitten in einem Tone ab, so, als ob jemand dem Sänger den Mund zugehalten hätte. Mir klang es, wie es durch die klare sonnige Luft zwischen den grünen Baumwipfeln ertönte, heiter und lieblich, um so seltsamer schien mir die Wirkung auf meine Gefährten.

„Also,“ sagte Silver, als seine aschgrauen Lippen ein Wort hervorbringen konnten, „das gibts nicht. Das ist ein netter Anfang. Ich weiß nicht, wer da gesungen hat, einer macht sich da einen Witz, einer der aus Fleisch und Blut ist; darauf könnt ihr Gift nehmen!“

Im Sprechen hatte er wieder Mut gewonnen und in sein Gesicht kam wieder ein wenig Farbe. Auch die anderen hatten bereits angefangen auf seine Ermutigung zu hören und kamen ein wenig zu sich, als die Stimme wieder ertönte -- diesmal nicht singend, sondern in einem schwachen, fernen Ruf, den die Schluchten des „Fernrohrs“ noch schwächer widerhallten.

„Darby M’ Graw,“ jammerte es -- denn das ist das Wort, das den Klang am besten andeutet --, „Darby M’ Graw!“

„Darby M’ Graw!“ wieder und wieder und dann noch etwas stärker und mit einem Fluch, den ich nicht wiedergeben kann; „Hol’ mir den Rum, Darby!“

Die Freibeuter standen wie angenagelt und die Augen traten ihnen aus den Höhlen. Noch lange nachdem die Stimme verklungen war, starrten sie in entsetztem Schweigen vor sich hin.

„Jetzt ist es sicher!“ keuchte einer, „gehen wir!“

„Das waren seine letzten Worte,“ stöhnte Morgan, „seine letzten Worte auf dieser Erde.“

Dick hatte seine Bibel ausgepackt und betete eifrig. Er war fromm erzogen worden, der gute Dick, ehe er zur See ging und in schlechte Gesellschaft geraten war.

Nur Silver blieb unbesiegt. Ich hörte zwar, wie ihm die Zähne klapperten, aber er ergab sich noch immer nicht.

„Niemand auf der Insel hier hat jemals von Darby gehört“, murmelte er, „außer uns.“ Dann fuhr er mit großer Anstrengung fort: „Kameraden!“ rief er, „ich bin hergekommen, um dieses Gold zu kriegen, und niemand soll mich daran hindern, weder Mensch noch Teufel! Ich habe mich vor Flint im Leben nicht gefürchtet und ich will mich ihm entgegenstellen, bei allen Teufeln, auch wenn er tot ist. Siebenhunderttausend Pfund liegen kaum eine Viertelmeile von hier. Wann ist je ein Glücksritter vor einem Schatze umgekehrt, bloß wegen so eines alten Seemannes mit einer blauen Fratze, der noch dazu tot ist?“

Doch jetzt war kein Zeichen wiedererwachenden Muts bei seinen Gefährten zu sehen, viel eher wachsende Furcht über die Kühnheit seiner Reden.

„Gebt acht, John!“ sagte Merry, „man soll die Geister nicht böse machen!“

Die übrigen waren zu entsetzt, um zu antworten. Sie wären davongelaufen, wenn sie es gewagt hätten, doch die Furcht hielt sie beisammen und trieb sie zu John, wie wenn sein Wagemut ihnen helfen würde. Er hingegen hatte seine Schwäche tapfer niedergekämpft.

„Geister? Kann schon sein!“ sagte er, „nur eins versteh’ ich nicht: Ich habe ein Echo gehört. Kein Mensch hat je ein Gespenst mit einem Schatten gesehen, was sollte es also mit einem Echo machen, möchte ich wissen? Ist das nicht unnatürlich?“

Diese Beweisführung kam mir ziemlich schwach vor. Doch läßt sich niemals sagen, was den Abergläubischen beeinflussen kann, denn zu meinem großen Erstaunen war Georg Merry merklich getröstet.

„Das ist wahr,“ sagte er, „Ihr seid ein gescheiter Kerl John, kein Zweifel. Vorwärts Kameraden! Wir sind auf einer falschen Fährte, glaube ich. Und wenn ich es recht bedenke, war es schon ähnlich wie Flints Stimme, das geb ich zu, aber eigentlich doch nicht ganz. Eher wie jemandes anderen Stimme -- eher wie --“

„Beim Teufel -- Ben Gunn!“ brüllte Silver.

„Ja, ja,“ rief Morgan, aufspringend, „Ben Gunn war’s!“

„Es macht keinen großen Unterschied,“ sagte Dick, „Ben Gunn ist ebensowenig am Leben wie Flint.“

Doch die alten Matrosen überschütteten ihn mit Hohn.

„Was fällt dir ein, wer schert sich um Ben Gunn“, rief Merry. „Ob tot oder lebendig, keine Katze fragt nach dem.“

Es war ganz merkwürdig, wie rasch ihnen der Mut zurückgekehrt war, und ihre Wangen Farbe bekamen. Bald schnatterten sie durcheinander, und als kein anderer Laut mehr vernehmbar wurde, schulterten sie die Geräte und machten sich auf den Weg, Merry mit Silvers Kompaß, der die gerade Richtung zur Skelettinsel zeigte, voran. Er hatte wahr gesprochen: Ob tot oder lebendig, niemand scherte sich um Ben Gunn.

Nur Dick hielt noch immer seine Bibel fest und blickte mit ängstlichen Augen um sich, doch fand er kein Mitgefühl und Silver lachte sogar über seine Vorsichtsmaßregel.

„Ich hab’ es dir ja gesagt, warum hast du deine Bibel verdorben? Wenn sie nichts mehr zum Schwören taugt, was glaubst du, gibt ein Geist dafür? Nicht das!“ Und er schlug mit seinen dicken Fingern ein Schnippchen, während er, auf seine Krücke gestützt, einen Augenblick stehen blieb.

Doch Dick war untröstlich, und ich sah bald, daß der Junge im Begriffe war krank zu werden. Die Hitze, die Erschöpfung und der Schreck erhöhten sichtlich das von Doktor Livesay prophezeite Fieber.

Es war ein schöner freier Weg, den wir da auf dem Kamm gingen, denn die Hochfläche war, wie gesagt, gegen Westen geneigt. Die hohen und niedrigen Nadelhölzer standen in weiten Zwischenräumen und auch zwischen den Muskatnuß- und Azaleengruppen waren große Lichtungen, auf die die heiße Sonne niederbrannte. Da wir ziemlich gegen Nordwesten über die Insel wanderten, zogen wir einerseits näher zum „Fernrohr“ hin und sahen andererseits weit über jene westliche Bucht hinaus, in der ich einmal in meinem kleinen Boot zitternd herumgestoßen worden war.

Der erste der hohen Bäume war erreicht, und bei der Prüfung mit dem Kompaß zeigte es sich, daß es ein falscher war. Ebenso ging es mit dem zweiten. Der dritte erhob sich über einer Gruppe Unterholz fast zweihundert Fuß in die Luft, ein Riesengewächs, der rote Stamm groß wie ein Haus, in dessen Schatten eine Kompagnie hätte bequem exerzieren können. Er konnte von Osten und Westen, von weit her, wahrgenommen werden und man hätte ihn als Wegweiser in die Karte einzeichnen können.

Doch nicht seine Größe machte Eindruck auf meine Gefährten, sondern der Umstand, daß dort siebenhunderttausend Pfund Gold irgendwo in seinem Schatten begraben lagen. Der Gedanke an das Geld verschlang den früheren Schrecken, als sie näher kamen. Ihre Augen brannten, ihre Füße liefen leichter und schneller, denn ihre ganze Seele hing an diesem Gelde und an dem Leben voll Vergnügen und Verschwendung, das da auf jeden einzelnen von ihnen zu warten schien.

Silver humpelte stöhnend auf seiner Krücke heran. Seine weitgeöffneten Nasenflügel zitterten und er fluchte wütend, wenn sich die Fliegen auf seinem großen, von Hitze glänzenden Gesicht niederließen. Er zog wild an dem Strick, der mich mit ihm verband, und von Zeit zu Zeit schaute er mich böse an. Er gab sich gar keine Mühe, seine Gedanken zu verbergen und ich las es schaudernd von seinem Gesicht. In dieser unmittelbaren Nähe des Goldes war alles übrige vergessen. Sein Versprechen und die Mahnung des Doktors waren vergangene Dinge, und ich konnte nicht daran zweifeln, daß er hoffte, den Schatz zu heben, die Hispaniola im Schutze der Nacht aufzufinden und zu bergen und allen ehrlichen Menschen auf der Insel die Kehle zu durchschneiden, um, so wie er es zuerst beabsichtigt hatte, beladen mit Verbrechen und Reichtümern, fortzusegeln. Bedrückt von diesen Gedanken fiel es mir schwer, mit dem raschen Gang der Schatzsucher Schritt zu halten. Manchmal stolperte ich und dann zog Silver roh am Strick und schoß mörderische Blicke auf mich. Dick, der zurückgeblieben war und jetzt die Nachhut bildete, plapperte, während das Fieber stieg, Gebete und Flüche vor sich hin. Auch das vergrößerte meinen Jammer, und dazu kam noch, daß mich der Gedanke an das Trauerspiel ununterbrochen verfolgte, das sich einst hier auf dieser Hochfläche zugetragen hatte, als jener verruchte Freibeuter mit der blauen Fratze mit eigener Hand seine sechs Mitschuldigen ermordete. Dieses Tal, das jetzt so friedlich dalag, mag damals von Todesschreien erzittert haben, und bei diesem Gedanken glaubte ich jene Schreie noch zu hören.

Wir standen nun am Rande des Dickichts.

„Hallo, Kameraden, allemiteinander!“ rief Merry, und die ersten fingen zu laufen an.

Doch plötzlich, wenige Schritte weiter, standen sie still. Ein schwacher Schrei. Silver verdoppelte seine Geschwindigkeit, er stampfte mit seiner Krücke wie ein Besessener, und im nächsten Augenblick mußten auch wir beide haltmachen.

Vor uns lag ein großer Graben, der schon vor längerer Zeit ausgegraben worden sein mußte, denn der Boden war mit Gras bewachsen. Darin stak der Griff einer zerbrochenen Spitzhaue und ringsherum lagen die Bretter mehrerer Packkisten verstreut; auf einer war mit einem heißen Eisen das Wort „Walroß“ -- der Name von Flints Schiff -- eingebrannt.

Alles war sonnenklar. Jemand hatte das Versteck gefunden und ausgeräumt: Die siebenhunderttausend Pfund waren fort!

Dreiunddreißigstes Kapitel

Der Fall eines Häuptlings

Noch nie hatte sich ein so ungeheurer Umschwung ereignet.

Jeder der sechs Leute war wie erschlagen. Doch an Silver ging der Schlag fast augenblicklich vorüber. Jeder Gedanke in ihm war wie bei einem Rennpferd in voller Jagd geradeaus auf dieses Geld gerichtet gewesen. In einer einzigen Sekunde war er aufgehalten worden; er behielt den Kopf hoch, fand seine gute Laune wieder und wechselte seinen Plan, noch ehe die anderen Zeit hatten, ihre Enttäuschung voll zu erfassen.

„Jim,“ flüsterte er, „nimm das da, und mach’ dich auf Unannehmlichkeiten gefaßt.“ Dabei reichte er mir eine zweiläufige Pistole.

Gleichzeitig begann er sich unauffällig gegen Norden zu bewegen und mit wenigen Schritten hatte er den Graben zwischen uns beide und die anderen fünf gelegt. Dann schaute er mich an und nickte mir zu, wie um zu sagen: „Das ist ein enger Winkel“, und ich fand, daß er recht hatte. Seine Blicke waren jetzt ganz freundlich und ich war über diesen fortwährenden Gesinnungswechsel so empört, daß ich es nicht unterlassen konnte, ihm zuzuflüstern: „Also habt Ihr Euch wieder zur anderen Partei geschlagen.“