Part 15
Nun, ihr wißt doch alle, was ich wollte, und ihr wißt auch, daß, wenn es zustande gekommen wäre, wir heute alle am Leben geblieben und kampftüchtig und gut angegessen an Bord der Hispaniola säßen mit dem Schatz, zum Donnerwetter! unten im Schiffsrumpf. Wer hat sich mir widersetzt? Wer hat mich zu etwas anderem gezwungen, wo ich doch euer selbstgewählter Kapitän war? Wer hat mir den schwarzen Fleck übergeben am Tag als wir landeten und diesen ganzen Tanz angefangen? Na, es ist ein schöner Tanz -- darin bin ich mit euch einig -- und es schaut verflucht so aus, als ob er sich zu einem ‚Schottischen‘ auswachsen wollte in der Schlinge am Exekutionsdock in London, wahrhaftig. Und wer ist schuld daran? Nun, Anderson, Hands und Ihr, Georg Merry. Und Ihr seid der letzte von dieser frechen Gesellschaft, der übriggeblieben ist, und Ihr habt die Teufelsunverschämtheit und wollt Euch als Kapitän über mich stellen? Ihr, der die meisten von uns am Gewissen hat! Aber, bei den Höllenmächten! Diese letzte Geschichte ist mir zu viel!“
Silver hielt ein, und ich konnte in den Gesichtern Georgs und seiner Genossen sehen, daß diese Worte nicht ohne Eindruck geblieben waren.
„Das war Nummer eins“, rief der Beschuldigte und wischte sich den Schweiß von der Stirne, denn er hatte mit solcher Heftigkeit gesprochen, daß das Haus zitterte. „Nun, ich gebe euch mein Wort darauf, ich hab’ es satt, mit euch zu reden. Ihr habt weder Verstand noch Gedächtnis, und was euren Eltern eingefallen ist, daß sie euch Seeleute werden ließen, das verstehe ich nicht. Seeleute?! Glücksritter?! Schneider seid ihr!“
„Sprecht weiter, John“, sagte Morgan. „Sprecht zu den anderen.“
„Ach, die anderen!“ erwiderte John. „Das ist wahrhaftig eine nette Gesellschaft! Ihr sagt, diese Fahrt ist verpatzt. Ja, Donnerwetter noch einmal, wenn Ihr nur verstehen würdet, wie arg verpatzt sie ist! Wir sind dem Galgen so nahe, daß mir der Hals steif wird, wenn ich an ihn denke. Ihr habt sie vielleicht schon gesehen, in Reihen aufgehängt, wenn die Vögel an ihnen picken und die Seeleute auf sie zeigen, wenn sie vorübergehen. ‚Wer ist das?‘ fragt einer. ‚Das? das ist John Silver, ich hab’ ihn gut gekannt‘, sagt ein anderer, und Ihr könnt die Ketten rasseln hören, während Ihr zum nächsten kommt. Soweit halten wir jetzt, und das haben wir denen zu verdanken, dem da und Hands und Anderson und den anderen Kerlen unter euch, die uns ins Verderben getrieben haben. Und wenn ihr wissen wollt, was mit Nummer vier ist, mit dem Jungen da? Ja, zum Teufel, ist er denn nicht unsere Geisel? Werden wir eine Geisel verschwenden? Nein, das werden wir nicht. Wer weiß, ob nicht gerade sie unsere letzte Rettung werden wird. Ich soll diesen Jungen töten? Nein, Kameraden, das werde ich nicht tun, so dumm bin ich nicht. Und über Punkt drei, ja da wäre eine Menge zu sagen. Ist es denn gar nichts, wenn ein richtiger, gelernter Doktor jeden Tag zu euch kommt, euch besuchen -- Euch, John, mit Eurer Kopfwunde -- und Euch, Georg Merry, den das Fieber noch vor sechs Stunden gebeutelt hat daß Eure Augen davon noch immer gelb sind wie eine Zitronenschale? Und wißt ihr vielleicht nicht, daß ein Hilfsschiff ausgerüstet wird, und es dürfte gar nicht mehr lange dauern, dann ist es da und wir werden schon sehen, wer froh sein wird, dann eine Geisel zu haben! Und was Nummer zwei anlangt, und warum ich mit denen einen Handel abschloß? Ja, seid denn Ihr nicht auf den Knien gekrochen gekommen, um mich dazuzubringen? So niedergeschlagen wart ihr -- und ihr wäret auch Hungers gestorben, wenn ich es nicht gemacht hätte -- aber das ist noch gar nichts, da schaut her -- darum hab’ ich es gemacht!“
Und er warf ein Blatt Papier auf den Boden, das ich sofort erkannte -- es war die Karte auf gelbem Papier, mit den drei roten Kreuzen, die ich in der Wachsleinwand am Boden des Koffers von Billy Bones gefunden hatte. Warum sie ihm der Doktor gegeben hatte, das allerdings ging über meinen Verstand.
Doch während mir das Auftauchen der Karte unverständlich war, schien es den Meuterern einfach unglaublich. Sie sprangen auf die Karte los wie Katzen auf eine Maus. Sie ging von Hand zu Hand, einer riß sie dem anderen weg und beim Anhören der Flüche, Ausrufe und des kindischen Gelächters, mit welchem sie ihr Studium begleiteten, hätte man glauben können, daß sie nicht nur das Gold schon in der Hand hätten sondern damit auch schon in Sicherheit auf hoher See seien.
„Ja,“ sagte einer, „das ist schon Flints Hand, ganz gewiß. J. F. und ein Strich darunter mit einem Haken dran, so hat er sich unterschrieben.“
„Sehr nett“, sagte Georg. „Aber wie sollen wir damit fortkommen -- ohne Schiff?“
Silver sprang plötzlich auf, und indem er sich mit einer Hand an die Wand stützte, rief er: „Ich warne Euch, Georg! Noch ein Wort von diesem Gespött, und ich schlag’ Euch nieder! Wie? Ja, wie soll ich das wissen? Ihr hättet mir das sagen sollen, Ihr und die anderen, bevor Ihr mir meinen Schooner durch Eure Einmischung verloren habt, verfluchte Kerle! Aber natürlich, ihr wißt es nicht, ihr habt den Verstand einer Küchenschabe. Aber höflich könnt Ihr reden, Georg Merry, und höflich werdet Ihr sein von nun ab, da könnt Ihr Gift daraufnehmen!“
„So gehört es sich“, sagte der alte Morgan.
„Gehören? Das will ich meinen“, sagte der Schiffskoch. „Ihr habt das Schiff verloren, ich habe den Schatz gefunden, wer von uns beiden ist der bessere Mann? Aber hol’s der Teufel, ich trete zurück! Wählt zum Kapitän wen ihr wollt, ich hab’ genug davon.“
„Silver!“ riefen sie. „Der Bratrost soll leben, unser Bratrost muß Kapitän sein!“
„Aus diesem Loch bläst es?“ rief der Koch. „Georg, mein Freund, Ihr werdet auf die nächste Wahl warten müssen. Und seid froh, daß ich nicht rachsüchtig bin; das war nie meine Art. -- Und was ist’s nun mit dem schwarzen Fleck, Kameraden? Er taugt nicht viel, was? Dick hat sein Glück verspielt und seine Bibel ruiniert und sonst ist nichts dabei herausgekommen.“
„Es wird doch genügen, wenn ich die Bibel küsse, nicht wahr?“ murmelte Dick, der sichtlich unter dem Fluche litt, den er da auf sich geladen hatte.
„Eine Bibel, aus der etwas herausgerissen worden ist?“ erwiderte Silver spöttisch. „Nein, die hat jetzt nicht mehr Kraft als irgendein Balladenbuch.“
„Soviel doch?“ rief Dick förmlich erfreut, „nun, damit ist sie ja doch was wert.“
„Da, Jim -- da habt Ihr was Interessantes zum Anschauen“, sagte Silver, indem er mir das Papier zuschob.
Es war ein rundes Stück Papier, ungefähr in der Größe einer Krone. Auf der einen Seite war es leer, denn es war das letzte Blatt; auf der anderen Seite standen ein paar Verse aus der Offenbarung, und zwar Worte, die mich betroffen machten: „Draußen stehen Hunde und Mörder.“ Die bedruckte Seite war mit Holzasche geschwärzt, an der ich mir die Finger beschmutzte, und auf der leeren Seite war ebenfalls mit Holzasche das eine Wort „Abgesetzt“ geschrieben. Ich habe mir dieses Dokument als Kuriosität bis heute aufbewahrt, aber man sieht kein Zeichen einer Schrift mehr darauf, nur einen einzigen Ritzer, wie man ihn mit dem Daumennagel hervorbringen kann.
Damit waren die Ereignisse dieser Nacht zu Ende, und nachdem wir miteinander eine Runde getrunken hatten, legten wir uns schlafen. Äußerlich bekundete Silver seine Rachsucht nur so weit, daß er Georg als Wache aufstellte und ihn mit dem Tode bedrohte, wenn er sich unzuverlässig erweisen sollte.
Lange konnte ich kein Auge schließen, denn ich hatte, weiß Gott, genug Stoff zum Nachdenken. Ich dachte an den Mann, den ich an diesem Nachmittage getötet hatte, an meine höchst gefährliche Lage und vor allem an das merkwürdige Spiel, das ich Silver jetzt spielen sah: wie er mit einer Hand die Meuterer zusammenhielt und mit der anderen nach jedem möglichen und unmöglichen Mittel griff, um sein elendes Leben zu retten. Er selbst schlief friedlich und schnarchte laut. Trotz seiner Schlechtigkeit tat er mir leid, wenn ich an die dunklen Gefahren dachte, von denen er umgeben war und an den schmachvollen Galgentod, der ihn erwartete.
Dreißigstes Kapitel
Auf Ehrenwort
Ich wurde geweckt -- das heißt wir alle wurden geweckt, sogar die Schildwache, die gegen den Türpfosten gefallen war, wurde von einer klaren herzlichen Stimme geweckt, die uns vom Waldrand her anrief:
„Blockhaus hoi!“ rief es, „der Doktor ist da!“ Und er war es. Ich war froh, seine Stimme zu hören, doch meine Freude war nicht ganz ungemischt. Ich dachte bekümmert an mein ungehorsames und listiges Benehmen, und als ich mich umsah, mit was für Gefährten es mich zusammengebracht hatte und von welchen Gefahren ich umringt war, da schämte ich mich, ihm ins Gesicht zu schauen.
Er mußte noch im Finstern aufgestanden sein, denn die Sonne war noch kaum draußen, und als ich an eine Schießscharte lief, um hinzusehen, sah ich ihn, wie damals Silver, bis an die Knie im Nebel stehen.
„Der Herr Doktor! Schönsten guten Morgen, Herr!“ rief Silver, ganz wach und sofort von guter Laune strahlend. „Froh und früh, das muß man sagen. Das Sprichwort hat recht: Es ist der erste Vogel, der das Futter kriegt. Georg, nehmt Eure Beine in die Hand, mein Sohn, und helft Dr. Livesay ins Schiff hinein. Allen geht’s gut, Herr Doktor, alle Patienten sind frisch und munter.“
So schwatzte er drauflos, wie er da oben auf dem Abhang stand, die Krücke unterm Ellbogen, mit dem anderen Arm an das Blockhaus gelehnt -- in Stimme, Art und Ausdruck ganz der alte John von früher.
„Und wir haben eine Überraschung für Euch, Herr“, fuhr er fort. „Wir haben einen kleinen Fremden hier, jawohl! Ein neuer Gast und Pensionär, Herr, und kreuzfidel! Hat wie ein Sack da grad’ neben mir geschlafen -- nebeneinander sind wir gelegen, die ganze Nacht.“ Doktor Livesay war indessen über die Umzäunung und dem Koch ganz nahegekommen, und ich konnte die Erregung in seiner Stimme hören, als er fragte:
„Doch nicht Jim?“
„Jim selber, wie er leibt und lebt“, sagte Silver. Der Doktor stand starr, sprach kein Wort und es dauerte ein paar Sekunden, ehe er weitergehen konnte.
„Na, na,“ sagte er schließlich, „erst die Pflicht und dann das Vergnügen, wie Ihr zu sagen pflegt, Silver. Erst wollen wir einmal Eure Patienten untersuchen.“
Einen Augenblick später trat er in das Blockhaus ein und mit einem grimmigen Nicken zu mir herüber ging er an seine Arbeit. Er schien gar keine Furcht zu empfinden, obwohl er wissen mußte, daß sein Leben, mitten unter diesen verräterischen Teufeln da, an einem Haar hing. Er aber plauderte mit seinen Patienten, als ob er einen gewöhnlichen ärztlichen Besuch in einer ruhigen englischen Familie machte, und seine Ruhe schien wieder auf die Leute zurückzuwirken, denn sie benahmen sich, als ob nichts geschehen wäre -- als sei er noch weiter der Schiffsarzt und sie die ordentlichen Matrosen.
„Es geht gut, mein Freund,“ sagte er zu dem Kerl mit dem verbundenen Kopf, „Ihr seid sehr knapp durchgerutscht und Euer Schädel muß hart wie Eisen sein. Nun, Georg, wie geht’s? Ihr habt eine nette Farbe, freilich. Ja, Eure Leber, mein Lieber, ist drunter und drüber. Habt Ihr die Medizin genommen? Hat er die Medizin genommen, Leute?“
„Freilich, freilich, Herr, ganz gewiß“, erwiderte Morgan.
„Denn wißt ihr, Leute, seid ich Meutererarzt geworden bin oder auch Gefängnisarzt, wie ich es lieber nenne,“ sagte Doktor Livesay in seiner liebenswürdigsten Art, „seitdem mach’ ich mir ein Gewissen draus, daß mir kein einziger Mann für König Georg (den Gott erhalte!) und den Galgen verloren geht.“ Die Schufte blickten einander an, schluckten aber die Pille schweigend.
„Dick fühlt sich krank, Herr“, sagte einer.
„So?“ antwortete der Doktor. „Kommt her, Dick, und laßt Eure Zunge anschauen. Nun ja, seine Zunge könnte den Franzosen Furcht einjagen! Wieder einer mit Fieber.“
„Das kommt davon,“ sagte Morgan, „das kommt vom Bibelzerreißen.“
„Das kommt davon, daß ihr dumme Esel seid“, erwiderte der Doktor, „und nicht Verstand genug habt, um gute Luft von vergifteter, und trockenen Boden von einem elenden, verpesteten Sumpf zu unterscheiden. Ich halte es für sehr wahrscheinlich -- doch das ist natürlich nur meine Meinung --, daß ihr alle noch ordentlich draufzuzahlen haben werdet, ehe ihr die Malaria wieder los seid. Wie kann man nur in einem Sumpf sein Lager aufschlagen? Silver, über Euch wundere ich mich. Ihr seid weniger dumm als die meisten hier, und doch scheint Ihr nicht die geringste Idee von den Grundregeln der Gesundheitslehre zu haben.“
„So“, fügte er hinzu, nachdem er ihnen allen Arznei verabreicht, und sie seine Vorschriften mit geradezu lächerlicher Demut befolgt hatten, in der sie eher Armenschulkindern als blutschuldigen Meuterern und Piraten glichen -- „so, für heute sind wir fertig und jetzt möchte ich, bitte, mit dem Jungen da sprechen.“ Und er nickte nachlässig in meine Richtung hin.
Georg Merry stand an der Tür und spuckte und schluckte gerade an einer übelschmeckenden Medizin, doch beim ersten Wort, das der Doktor in dieser Sache sprach, drehte er sich mit hochrotem Gesicht um und rief fluchend „Nein!“
Silver schlug mit der Faust auf das Faß.
„Ru--he!“ brüllte er und schaute wie ein Löwe um sich. „Herr Doktor,“ fuhr er in gewöhnlichem Tone fort, „ich habe daran gedacht, ich weiß, daß Ihr den Jungen gern habt. Wir alle sind Euch für Eure Güte untertänigst dankbar, und wie Ihr seht, haben wir Vertrauen zu Euch und nehmen die Medizin ein, als ob es Grog wäre. Ich denke, ich habe einen Weg gefunden, der uns allen zusagen wird: Hawkins, wollt Ihr mir Euer Ehrenwort als Gentleman geben -- denn ein Gentleman seid Ihr trotz Eurer bescheidenen Abkunft -- nicht auszureißen?“
Bereitwillig gab ich mein Wort.
„Also, Herr Doktor,“ sagte Silver, „Ihr geht, bitte, aus der Umzäunung heraus und wenn Ihr mal draußen seid, bring’ ich den Jungen von innen auch hin, und ich denke, Ihr werdet ganz gut mit ihm durch die Ritzen reden können. Guten Tag, Herr, und unsere besten Empfehlungen dem Squire und Kapitän Smollett.“
Die Mißbilligung der ganzen Mannschaft, welche nur durch Silvers wilde Blicke im Zaum gehalten worden war, brach sofort los, als der Doktor aus dem Haus getreten war. Sie beschuldigten Silver ganz rund heraus, doppeltes Spiel zu spielen, einen Separatfrieden für sich selbst herauszuschlagen, die Interessen seiner Mitschuldigen und Opfer zu verraten, mit einem Wort genau der Dinge, die er wirklich tat. Das schien mir in diesem Falle so augenscheinlich, daß ich mir nicht vorstellen konnte, wie er ihren Zorn abwenden würde. Aber er war zweimal soviel Mann als die anderen, und sein Sieg am vorigen Abend hatte ihm einen ungeheuren Einfluß verschafft. Er putzte sie nach allen Regeln der Kunst herunter, nannte sie Esel und Dummköpfe, sagte, es sei notwendig, daß ich mit dem Doktor rede, fuchtelte ihnen mit der Karte vor der Nase herum und fragte, ob sie den Vertrag gerade an diesem Tag brechen wollten, an dem sie doch den Schatz suchen wollten.
„Nein, zum Donnerwetter,“ rief er, „wir werden den Vertrag brechen bis die Zeit dazu da ist, und bis dahin will ich den Doktor foppen, und wenn ich seine Schuhe mit Branntwein salben sollte.“
Dann befahl er ihnen, das Feuer anzuzünden, und schritt stolz, die Hand auf meine Schulter gelehnt, auf seiner Krücke mit mir hinaus. Sie blieben ganz verwirrt zurück, von seiner Zungenfertigkeit zum Schweigen gebracht, doch kaum überzeugt.
„Langsam, Junge, langsam“, sagte er. „Auf eins, zwei kämen sie hinter uns her, wenn sie uns laufen sähen.“ Wir näherten uns also sehr bedächtig der Stelle, wo uns der Doktor jenseits der Umzäunung erwartete, und sobald wir in bequemer Hörweite waren, blieb Silver stehen.
„Nicht wahr, Sie werden sich das auch merken, Herr Doktor?“ sagte er. „Und der Junge wird Ihnen erzählen, wie ich ihm das Leben rettete und dafür abgesetzt wurde. Herr Doktor, wenn einer so nahe dem Wind steuert wie ich und um sein letztes bißchen Atem, Kopf und Adler spielen muß, möchten Sie ihm da nicht ein gutes Wort geben? Denken Sie doch daran, daß es nicht nur um mein Leben geht, sondern auch um das des Jungen da, und geben Sie mir ein wenig Hoffnung, um der Barmherzigkeit willen.“
Silver war ganz verändert, sobald er seinen Freunden und dem Blockhaus den Rücken gedreht hatte. Seine Wangen schienen eingefallen, seine Stimme zitterte, seine Seelenangst war echt.
„Aber John, Ihr fürchtet Euch doch nicht?“ fragte Doktor Livesay.
„Herr Doktor, ich bin kein Feigling, ich nicht, nicht so viel!“ Und schlug ein Schnippchen. „Aber ich will ehrlich gestehen, vor dem Galgen fürchte ich mich. Ihr seid ein guter und anständiger Mensch, ich habe nie einen besseren getroffen. Und Ihr werdet nicht vergessen, was ich Gutes getan habe, sowie Ihr auch bestimmt das Böse nicht vergessen werdet. Und jetzt will ich beiseite treten -- seht, dorthin -- und Euch mit Jim allein lassen, und Ihr werdet mir auch das zugute halten, nicht war? Denn es ist viel, was ich da wage!“ Dabei ging er zurück, bis er außer Hörweite war, setzte sich auf einen Baumstumpf und begann zu pfeifen, während er sich auf seinem Sitz gelegentlich herumdrehte, um abwechselnd mich und den Doktor und dann wieder seine unbotmäßigen Gesellen zu beobachten, die im Sand auf und ab gingen, zwischen dem Feuer -- das sie fleißig schürten -- und dem Hause, aus dem sie Schweinefleisch und Brot für das Frühstück heraustrugen.
„Nun, Jim,“ sagte der Doktor traurig, „da bist du ja. Was du dir eingebrockt hast, das wirst du aufessen, mein Junge. Es fällt mir schwer, dich auszuzanken, aber eins muß ich dir doch sagen, ob du es freundlich oder unfreundlich findest: Wenn Kapitän Smollett gesund gewesen wäre, hättest du es nicht gewagt, fortzulaufen. Aber als er krank war und es nicht verhindern konnte, da war es, zum Teufel, einfach eine Feigheit!“
Ich muß gestehen, daß ich jetzt zu weinen anfing. „Doktor,“ sagte ich, „schonet mich, ich habe mir genug schwere Vorwürfe gemacht. Mein Leben ist ja doch verwirkt, und ich wäre schon tot, wenn mich Silver nicht geschützt hätte. Doktor, glaubt mir, ich werde zu sterben wissen, und ich glaube auch, daß ich den Tod verdient habe, aber vor dem Martern fürchte ich mich. Wenn sie mich martern werden --“
„Jim,“ unterbrach mich der Doktor, mit ganz veränderter Stimme, „Jim, das kann ich nicht anhören. Spring herüber und wir laufen was wir können.“
„Herr Doktor,“ sagte ich, „ich hab’ mein Wort gegeben.“
„Ich weiß, ich weiß,“ rief er, „da kann man jetzt nichts machen, Jim. Ich nehm’ das Ganze auf mich, den Schimpf und die Schande, mein Junge, aber hier lassen kann ich dich nicht. Spring! Ein Sprung und du bist draußen, und dann wollen wir rennen wie die Gazellen.“
„Nein!“ erwiderte ich. „Ihr wißt ganz gut, daß Ihr so etwas auch nicht tätet, weder Ihr, noch der Squire, noch der Kapitän. Und ich tu’s auch nicht. Silver hat mir vertraut, ich habe mein Wort gegeben und gehe zurück. Aber ich bin noch nicht zu Ende. Wenn sie mich martern, könnte ich mir ein Wort entreißen lassen, wo das Schiff liegt. Ich hab’ nämlich das Schiff, teils, weil ich Glück hatte, und teils, weil ich’s eben gewagt habe, in Sicherheit bringen können und es liegt bei der Nordbucht am Ufer, etwas unter Wasser. Schon bei halber Flut muß es trocken und oben sein.“
„Das Schiff!“ rief der Doktor aus.
Rasch schilderte ich ihm meine Abenteuer, und er hörte mir schweigend zu.
„Das ist schon wie Schicksal,“ bemerkte er, als ich zu Ende war, „bei jedem Schritt bist du es, der uns das Leben rettet. Und glaubst du, daß wir jetzt zugeben werden, daß du deines lassen mußt? Das wäre eine traurige Vergeltung, mein Junge. Du hast die Verschwörung entdeckt, du hast Ben Gunn gefunden -- das Beste, was dir je geglückt ist oder glücken wird, und wenn du neunzig wirst. Ja, beim Zeus, weil wir von Ben Gunn reden! Das ist der verkörperte Unfug dieser Mensch -- Silver!“ rief er, „Silver!! Ich will Euch einen Rat geben“, fuhr er fort, als der Koch näher kam, „beeilt Euch nicht zu sehr, den Schatz zu suchen.“
„Warum, Herr? ich tue jetzt mein möglichstes,“ sagte Silver, „kann ich doch, Sie entschuldigen schon, mein Leben und das des Jungen nur retten, wenn wir dem Schatz nachjagen.“
„Nun Silver,“ erwiderte der Doktor, „wenn das so ist, will ich einen Schritt weitergehen. Ihr werdet Verdruß haben, wenn Ihr ihn findet!“
„Herr,“ sagte Silver, „das ist zu viel und zu wenig. Was habt Ihr im Sinn? Warum habt Ihr das Blockhaus verlassen, warum habt Ihr mir die Karte da gegeben? Ich weiß es nicht. Und doch habe ich mit geschlossenen Augen Eure Befehle befolgt, ohne irgendeine Hoffnung für mich zu sehen.. Aber das jetzt, das ist zu viel! Und wenn Ihr mir nicht geradeheraus sagt, was Ihr eigentlich meint, dann werde ich das Steuer loslassen.“
„Nein,“ sagte der Doktor nachdenklich, „ich habe kein Recht, mehr zu sagen, denn es ist nicht mein Geheimnis, Silver, sonst würde ich es sagen, mein Wort darauf. Aber ich will so weit gehen, als ich darf, und noch einen Schritt weiter, wenn auch der Kapitän mir tüchtig meine Perücke zerzausen wird, wenn ich nicht sehr irre. Aber zuerst will ich Euch ein wenig Hoffnung geben: Silver, wenn wir beide lebendig aus dieser Wolfsfalle herauskommen, werde ich tun, was ich kann, um Euch herauszureißen.“
Das Gesicht Silvers strahlte. „Mehr könntet Ihr nicht sagen, Herr, wenn Ihr meine Mutter wäret“, rief er aus.
„Nun, das ist mein erstes Zugeständnis“, fügte der Doktor hinzu. „Das zweite ist ein Rat: Haltet den Jungen fest bei Euch, und wenn Ihr Hilfe braucht, ruft. Ich gehe jetzt, diese Hilfe zu suchen, und das ist der beste Beweis, daß ich nicht in den Tag hineinschwätze. Leb’ wohl, Jim.“ Doktor Livesay schüttelte mir durch die Umzäunung die Hand, nickte Silver zu und ging mit raschen Schritten dem Walde zu.
Einunddreißigstes Kapitel
Die Jagd nach dem Schatze -- Flints Wegweiser
„Jim,“ sagte Silver, als wir allein waren, „Ihr habt auch mir das Leben gerettet, und das werde ich nicht vergessen. Ich hab’ beobachtet, so aus meinem Augenwinkel heraus, daß Euch der Doktor riet, fortzulaufen, und Ihr habt nein gesagt. Das habe ich so deutlich gesehen, wie wenn ich zugehört hätte. Jim, Ihr habt eins gut bei mir. Das ist der erste Hoffnungsschimmer, seit der Angriff versagte, und den verdanke ich Euch. Jetzt, Jim, müssen wir mit versiegelter Marschorder diesem Schatz nachjagen, und die Sache gefällt mir gar nicht. Wir beide müssen fest zusammenbleiben, Schulter an Schulter, und wir werden uns schon irgendwie durchbeißen.“
Da rief uns ein Mann vom Feuer her zu, daß das Frühstück bereit sei, und wir setzten uns dazu und aßen Zwieback und Pökelfleisch. Sie hatten ein Feuer angezündet, an dem man einen Ochsen hätte braten können und dem man sich nur von der Windseite nähern konnte, und auch da nur mit Vorsicht. Ebenso verschwenderisch hatten sie etwa dreimal soviel gekocht, als wir essen konnten und einer von ihnen warf mit einem dummen Lachen das übriggebliebene Essen ins Feuer, das vom ungewöhnlichen Brennmaterial zischte und hoch aufloderte. Ich hatte noch nie eine solche törichte Verschwendung gesehen. Sie wirtschafteten in jeder Beziehung von der Hand in den Mund, das Essen verwüsteten sie, ihre Schildwachen schliefen ein, und obgleich sie verwegen genug für jedes Scharmützel waren, schien es mir sicher, daß sie zu einem längeren Kampf gänzlich ungeeignet geworden.
Selbst Silver, auf dessen Schulter Kapitän Flint saß und mitaß, hatte kein Wort des Tadels für ihre Verschwendung. Und das überraschte mich um so mehr, denn niemals hatte er sich so schlau gezeigt wie jetzt.
„Na, Kameraden,“ sagte er, „ihr könnt schon froh sein, den Bratrost zu haben, daß er für euch denkt. Ich hab’ jetzt, was ich wollte. Ganz sicher, sie haben das Schiff. Wo es ist, weiß ich noch nicht, doch wenn wir erst den Schatz haben, werden wir schon suchen und es finden. Und dann Kameraden, wer die Boote hat, denk’ ich, der hat ja doch die Oberhand.“