Die Schaffnerin; Die Mächtigen: Novellen
Part 3
»Warum fragen Sie mich, Fanny?« entgegnete Tarnow und sah sie fremd an. »Sie wissen es doch selbst! Sie wissen doch selbst, was geschehen ist und daß er stundenlang bei Ihnen war.«
»Ach Tarnow!« rief die Schaffnerin aus und schloß hastig die Thüre. »Kann man unglücklicher sein als ich? Was soll ich thun, wenn er kommt und wenn er sagt, er schlägt mich, wenn ich mich rühre?«
»Ach, Schaffnerin,« unterbrach sie Tarnow leise und kopfschüttelnd, »sagen Sie das nicht. Können Sie nicht zusperren? Und kein Laut war, Fanny, kein Laut war in Ihrem Zimmer.«
»Zusperren!« rief die Schaffnerin aus und schlug stürmisch die Hände zusammen. »Er thäte die Thür zerbrechen in seiner Wut und mich dazu. Und kein Laut war, -- ja freilich kein Laut«, fügte sie bitter hinzu, »weil ich stumm war wie ein Fisch, weil ich ihn angespieen hab, Tarnow, wie er mir zu nahe kam. Da blieb er sitzen und sitzen, bis es ihm zu dumm worden ist. Da haben Sie's, Tarnow. Ach wär ich doch tot, wär ich doch tot!«
Sie setzte sich auf den Backtrog und schlug die Hände vors Gesicht.
Tarnow empfand ein tiefes Mitleiden. Er ging und streichelte ihr übers Haar. »Ich glaub's Ihnen ja, Fanny,« sagte er gütig. »Seien Sie doch ruhig. Fassen Sie sich, Fanny. Es muß ja ein Ende nehmen, es muß ja, sonst, -- ich weiß nicht.«
Die Schaffnerin erhob sich und schlang ihre Arme um seinen Hals und sah ihm mit glühenden Blicken in die Augen. »Jetzt gehn Sie nur, Tarnow,« sagte sie dann, indem sie sich zum Herd wandte und im Suppentopf rührte. »Es wird schon werden.« Und sie lächelte über die Schulter zurück ihm zu.
»Ja, ich gehe,« sagte Tarnow, betroffen von diesem Lächeln. »Ich gehe zum Amtmann und rede mit ihm.«
Er wartete auf ihre Antwort, aber sie rührte schweigend ihre Suppe weiter, ohne daß er ihr Gesicht sehen konnte.
Der Amtmann war in der Schreibstube. Entschlossen trat Tarnow dicht vor ihn hin und sah ihm fest in die Augen, die seinem Blick entglitten. »Herr Amtmann,« sagte er in einer bestimmten Weise, in der jedoch immer das Beschwichtigende seines Wesens verborgen war, »ich komme nur, um Sie zu bitten, daß Sie doch endlich Ihre nächtlichen Besuche bei der Leuthold einstellen. Daß das nicht sein darf, um keinen Preis, müssen Sie ja einsehen, Herr Amtmann.«
Der Amtmann nickte ihm, während er sprach, emsig und ermunternd zu. »Recht so, Tarnow,« sagte er dann, indem er mit der Faust auf das Pult schlug, »das war einmal ein Wort! Recht so, Tarnow, das darf nicht sein, um keinen Preis. Mein heiliges Ehrenwort, Tarnow, es soll nimmer vorkommen. Verkrummen und verlahmen will ich an Händen und Füßen und blind dazu will ich werden, wenn es noch einmal vorkommt, Tarnow. Hier, Tarnow, meine Hand, Sie sind ein ehrenwerter Kerl.«
Tarnow, der einen entsetzlichen Wutausbruch erwartet hatte, stand wie betäubt. Aber schließlich faßte er sich und blickte unschlüssig vor sich hin. »Ich bin dem Herrn Amtmann ja sehr dankbar,« sagte er. »Aber es muß doch etwas anderes sein, wodurch die Schaffnerin sicher gestellt wird.«
»Natürlich, natürlich,« pflichtete der Amtmann eifrig bei und ging aufgeregt in der Stube auf und ab. »Also lieber Tarnow, dann machen wir's so. Wir gehen abends alle drei zu gleicher Zeit ins Bett, nicht? Schön. Ferner soll und muß sich die Leutholdin in ihrer Stube einschließen. Einverstanden? Schön. Aber damit auch Sie mir keine Dummheiten machen, lieber Tarnow, verlange ich, daß bei Ihnen in der Stube der Jäger Klein schläft, der von morgen ab von Strelentin ganz herüber kommt. Er kann sein Bett dort aufschlagen. Einverstanden? Schön, jetzt sind wir wieder die besten Freunde, wa?«
An demselben Mittag veranlaßte der Amtmann die Schaffnerin, sich mit Tarnow zu dutzen und erklärte sie für Brautleute. Er holte das Schreibzeug und Papier und schrieb eine Erklärung nieder, daß Tarnow die Schaffnerin heiraten wolle, wenn er Strelentin bekäme. Tarnow unterschrieb, und er faßte wirklich Hoffnungen für die Zukunft. »Ich gehe heute gegen Abend in die Stadt,« sagte der Amtmann, »weil ich zur Exzellenz muß. Ich werde dann schon für euch sprechen, Kinder.«
Zu alldem blickte die Schaffnerin gleichgültig auf ihren Teller nieder. Als der Amtmann hinaus war, lachte sie.
»Warum das Lachen?« fragte Tarnow verlegen, der auf solch plumpe Art das du vermied.
Sie lachte noch mehr und schüttelte dann leise den Kopf, als ob sie etwas nicht begreifen könne. Tarnow ging an seine Arbeit, die ihm diesen Nachmittag flink von statten geriet. Der Amtmann war wirklich in die Stadt gegangen und als Tarnow fertig war, wanderte er zwischen den Gartenbeeten auf und nieder. Aus diesem Ungestörtsein riß ihn erst der Jäger, der von Strelentin kam. Sogleich begann er, Tarnow zu erzählen, daß ein neuer Verwalter auf Strelentin angekommen sei, ein ehemaliger Student aus Berlin. Er habe gleich seine Frau mitgebracht.
Es war Tarnow, als ob ihm die Beine plötzlich abgehauen würden. Ein konvulsivisches Zittern überlief ihn und zog ihm die Haut zusammen. Aber trotzdem faßte er sich schnell, und er fühlte etwas wie Scham wegen seiner Erregung. Beinahe gleichzeitig kam auch Truchs aus der Stadt zurück und rief Tarnow zum Tisch. »Also Kinderchen,« sagte er, lustig mit den Augen blinzelnd, »es geht alles aufs beste. Die Exzellenz will sich die Sache überlegen, und es ist sehr wahrscheinlich, daß ihr nach Strelentin kommt.«
Tarnow erhob sich unwillkürlich und blickte den Amtmann vorwurfsvoll an. Truchs merkte sofort, woran er war. Er verschränkte die Arme über der Brust und schwieg trotzig still. Seine funkelnden Augen waren auf Tarnow gerichtet. Er zog ein Blatt Papier aus der Tasche, entfaltete es und reichte es Tarnow hinüber. Tarnow las die vom Amtmann geschriebene Erklärung wegen der Heirat, unter die er in freudigen Zügen seinen Namen gesetzt hatte. Er begriff nicht, was der Amtmann meinte und mit fragendem Blick gab er das Blatt zurück. Truchs lächelte mit einem finsteren Lächeln, strich einige Male zärtlich über das Papier und riß es dann mitten durch.
Tarnow senkte den Kopf.
Eine Viertelstunde später ging er auf die Vorwerke hinaus, wo trotz der abendlichen Stunde etwas nachzusehen war. Er ging und wußte nicht, daß er ging. Tausend zerfließende Gedanken durchkreuzten seinen Kopf. Eine allgemeine Angst erfaßte ihn, und einige Male blieb er stehen, um entmutigt die Hand auf die Stirn zu legen.
Als er von den Vorwerken zurückkam, stand die Schaffnerin vor dem Haus. Es dämmerte schon. Graue, lange Wolken bedeckten den Himmel. Als Tarnow der Schaffnerin ins Gesicht sah, erschrak er. Sie hatte eine Leichenfarbe. Ihre Augen waren wie verquollen, ihre Haare verwirrt, ihre Lippen zusammengepreßt.
»Was hast du, Fanny?« fragte Tarnow.
Sie gab ihm keine Antwort, sondern blickte mit zuckendem Mund zur Seite. Und er wiederholte seine Frage. Sie legte ihre Hand leicht auf die seine und wollte sprechen, als der Amtmann aus dem Haus trat und mit rauher Stimme nach ihr rief. Er gewahrte auch Tarnow, kam näher, begrüßte ihn freundlich, legte seinen Arm in den des Wirtschaftsschreibers und zog ihn fort.
»Wollen Sie eine Zigarre haben, lieber Tarnow?« fragte Truchs, als sie im Hof auf und ab gingen.
»Danke, Herr Amtmann, ich rauche nicht,« erwiderte Tarnow, der eine atemlose Spannung empfand.
»Aber zum Teufel, Herr, nehmen Sie doch eine Zigarre, wenn ich Ihnen eine anbiete.«
»Ich habe noch nie geraucht, Herr Amtmann.«
»Das ist mir egal.«
Tarnow nahm eine Zigarre und zündete sie unbeholfen an, als ihm der Amtmann Streichhölzer gegeben hatte.
Der Amtmann barst vor Lachen. »Sie haben ja die Spitze nicht abgeschnitten,« keuchte er, sich auf den Bauch klopfend. »Sie sind mir ein rechter Maulwurf.«
Tarnow schnitt die Spitze ab und bemühte sich mechanisch, den Rauch aus der Zigarre zu ziehen. Der Amtmann war in einem Nu ernst geworden. »So, jetzt können wir ja reden,« sagte er. »Also was ich Ihnen mitteilen wollte, ist das: nämlich, -- aber bleiben Sie nur hübsch ruhig -- nämlich, die Leutholdin ist _meine_ Braut. Sie gefällt mir und ich will sie heiraten. Das wollt ich Ihnen nur mitteilen.«
Tarnow lehnte sich an den Gartenzaun und warf die glimmende Zigarre in den Sand. In seinem Gesicht ging eine wunderliche Veränderung vor. Es war, als ob der Mund sich verschoben hätte und das Kinn schief geworden sei. Dann drehte er sich um und hustete, indem er sich an einem Pfahl festhielt und die Kniee daran preßte.
»Na was ist, Tarnow, was ist? was haben Sie?« rief der Amtmann ungeduldig und kratzte sich den Kopf.
Tarnow wandte sich wieder um und mit gesenktem Haupt sagte er ruhig: »Ich wünsche dem Herrn Amtmann viel Glück. Ich werde Sie trotzdem so schätzen, als ob Sie eine Baronesse zur Frau bekommen hätten.«
Die seltsame Antwort machte den Amtmann stutzig. Aber er hatte nicht Lust, weiter zu fragen, sondern ging ins Haus. Tarnow folgte ihm und suchte gleich sein Zimmer auf, wo der Jäger Klein schon im tiefen Schlaf lag.
Tarnows Arbeit am nächsten Tag glich einer Arbeit, die man im Traum verrichtet. Aber er beherrschte sich so, daß es nicht auffallend war. Er konnte die Schaffnerin von da an nicht mehr sprechen. Der Amtmann war stets zugegen, wenn er sie irgendwo traf, und schließlich kam es so, daß er sich davor fürchtete, sie irgendwo allein zu treffen. Seine Augen waren immer umschleiert, so daß sein Blick etwas dumpf Sinnendes bekam. Sein Gang war schlendernder geworden. Eine merkbare Veränderung war mit ihm vorgegangen.
Auf den Wiesen wurde das Gras gemäht. Die Libuhn war bei den Kühen und melkte. Das Dach des kleinen Neubaues war schon aufgesetzt. Tarnow schrieb im Bureau. Die Schaffnerin und Truchs saßen in der Wohnstube.
»Nun Fanny, was hast du mir zu sagen?« fragte der Amtmann, der die Ellbogen auf seine Kniee gestützt hatte und ganz vorgebeugt saß.
»Ich, Truchs? Was soll ich dir zu sagen haben?«
»Heut früh hast du gesagt, nachmittags würdest du's sagen,« murmelte der Amtmann.
»Es ist nichts, Truchs, ich hab's schon vergessen.«
»Ich will es aber wissen, Leutholdin, hörst du?«
»Ich sag es aber nicht, Truchs.«
»Du bist in den Schreiber verliebt, Leutholdin, leugn' es nicht. Das hast du mir sagen wollen. Bist du in den Schreiber verliebt, Fanny?«
Die Schaffnerin lachte kurz auf. »Was bist du so erregt, Truchs. Nein, zum Verlieben reichts bei mir nicht mehr hin. Aber ich möcht ihn haben. Ich möcht ihn haben, Truchs, das ist die Wahrheit. Ich möcht _auch_ ein Leben führen wie ein Mensch.«
Die eine Hand des Amtmanns griff nach dem Vogelkäfig, der neben ihm auf einem kleinen Tischchen stand, und bog die starken Drähte zusammen, als ob sie aus Wachs bestünden. Das Rotkelchen im Käfig flatterte angstvoll auf und nieder. Die Schaffnerin begann zu erblassen vor dem Blick des Amtmanns und stand auf wie unter einem Alp. Er zog sie her zu sich und sie kniete vor ihm. Ihre Augen wandten sich keine Sekunde lang von ihm ab. Er beugte sich nieder, faßte sie um die Hüften und lachte sie an. Auch sie lachte gezwungen. Er hob sie auf sein Knie und sagte: »Schwer bist du, Schaffnerin.« Sie nickte geistesabwesend. Er näherte den Mund ihrem Ohr und biß sie ins Ohr. Sie schrie auf und klammerte sich an ihn. »Nun wie ists mit dem Schreiber?« fragte er. Jetzt schüttelte sie krampfhaft eilig den Kopf. Sie deutete hinaus in den Hof oder in den Garten, wo sie Tarnow sah. Der Amtmann machte sich los von ihr, ging hinaus und stand bald vor Tarnow, den er fragte, wie es ihm gehe.
Aber Tarnow erwiderte ihm nichts.
»Machen Sie sich keine Hoffnungen, lieber Tarnow,« sagte Truchs boshaft. »Ich lebe schon ein Jahr und länger mit der Leuthold zusammen. Da können Sie sich denken, daß es mit der Keuschheit schon längst am letzten ist, -- hä? Pfui Teufel, was sind Sie für ein Kerl, Tarnow, was für ein Pfaffengesicht haben Sie, pfui Teufel. Man kann Ihnen die Finger abhauen, ohne daß Sie schreien.«
»Ist das wahr, Herr Amtmann, was Sie eben gesagt haben mit der Schaffnerin?« fragte Tarnow, der ein Gefühl hatte, als ob eine Faust sich in seine Brust senke.
Der Amtmann schwieg und wandte sich kurz ab. Und als dann kurze Zeit nach diesem Zwiegespräch Tarnow durch den Flur gegen die Küche schritt, fühlte er auf einmal zwei Arme um seinen Hals, die ihn zurückhielten. Es war die Schaffnerin. Sie atmete erregt, sie drängte ihren Leib dicht an ihn und suchte seinen Mund mit den Lippen, doch küßte sie in die leere Luft. Tarnow hielt sich an der Mauer fest. Er machte eine verzweifelte Bewegung mit dem ganzen Körper, sein Gesicht rötete sich und wie ein zermalmendes Gewicht drückte es auf seinen Schädel.
Stunden vergingen, ohne daß es ihm gelungen wäre, sich einigermaßen zu fassen. Eine geheimnisvolle Stimme in seinem Innern rief ihn fortwährend bei seinem eignen Namen, und diese Stimme verwirrte sein Nachdenken gänzlich. Es war schon spät nachts, als er immer noch auf der Treppe vor dem Haus saß, seinen Kater auf dem Schoß hielt und grübelnd vor sich hin sah. Es wehte ihm ein kühler Wind ins Gesicht.
Auf einmal kam der Amtmann zu ihm heraus; Tarnow schien es, als käme er aus dem Zimmer der Schaffnerin. Er wunderte sich im stillen, daß er diesem Umstand so wenig Wichtigkeit beimaß. Des Amtmanns Haare waren verwirrt und hingen in Strähnen herab. Sein Gesicht war verstört.
»Warum gehen Sie nicht in Ihr Nest?« fuhr er Tarnow wild an.
Tarnow stand auf und blickte schweigend vor sich hin.
»Warum Sie nicht in Ihr Nest gehen?« schrie Truchs mit heiserer Stimme.
»Ich bin nicht müde, Herr Amtmann,« sagte Tarnow gefaßt.
Der Amtmann sah jetzt die Katze in Tarnows Arm. Er lachte kichernd in sich hinein. »Ach so,« sagte er gedehnt, »Sie pflegen das Vieh da! Jetzt weiß ich doch, wohin die jungen Hühner kommen. Bis jetzt hab ich immer gemeint, der Herr Tarnow selbst stiehlt sie und verkauft sie. Marsch!« Mit diesen Worten riß Truchs den Kater an sich, packte mit der einen Hand den Kopf des Tiers und drehte ihn, während er den Körper festhielt, ein paarmal rundherum. Einen raubvogelartigen Pfiff ausstoßend warf er den Kadaver mitten in den Hof.
Tarnow strömte alles Blut, so daß er es deutlich empfand, zum Herzen. Er ächzte und hielt sich nur mit großer Mühe aufrecht. Der Amtmann nickte ihm hämisch zu und ging in den Flur zurück.
Tarnow hob das Tier vom Boden auf. Es war tot. Die Augen waren ganz aus den Höhlen getreten. Mit weitgeöffneten Lidern blickte Tarnow zum bewölkten Himmel empor. Aber noch immer gewannen seine Sanftheit und die angeborene Demut seines Wesens Macht über ihn. Er fühlte jetzt nur noch großes Mitleid mit dem treuen Gefährten seiner Spaziergänge.
Doch erwachte zugleich eine nagende Furcht vor dem Wiederanbruch des Tages in ihm.
VI.
Der Prediger und der Organist von Veitshöchheim waren zu Gast bei dem Amtmann. Sie waren schon nachmittags herüber gekommen und hatten ein Spielchen arrangiert. Ihre Bekanntschaft mit Truchs lag höchstens um einen Sonntag zurück.
Die Unterhaltung bei der Abendmahlzeit zwischen dem Amtmann und seinen Gästen war laut und ungezwungen. Die Schaffnerin, die Truchs gegenüber saß, blickte ohne eine Bewegung zu machen und ohne ein Wort zu sprechen, auf ihren Teller nieder und berührte die Suppe nicht, die vor ihr stand. Tarnow, der neben der Schaffnerin saß, war ebenso schweigsam.
Es gab Brotsuppe. Der Amtmann hatte sich und seinen Gästen Suppe gegeben und reichte nun Tarnow den Vorlegelöffel, damit er sich selbst nehme. Tarnow nahm den Löffel und schöpfte sich Suppe, aber er vermied dabei das Brot, das er nie aß, wenn es in der Brühe gelegen hatte. Da fuhr ihn der Amtmann zornig an: »Das thun ungezogene Leute. Das ist unschicklich.«
Tarnow schwieg.
Der Organist platzte mit Lachen heraus. Der Prediger, ein noch junger Mann, der unter widerwärtigem Schlürfen seine Suppe aß, nickte etwas stupid vor sich hin. Der Amtmann stieß während der ganzen Dauer der Mahlzeit beleidigende und kränkende Worte gegen Tarnow aus, machte sogar zotenhafte Witze, bei denen der Prediger errötete und wie beschwörend die Hand erhob, während der Organist krampfhaft Brotrinden zerbiß. »Na, Leutholdin,« sagte dann der Amtmann jedesmal und warf der Schaffnerin funkelnde Blicke zu, »meinen Sie nicht auch?« Die junge Frau lächelte dann, -- aber mit welch einem rätselhaften Lächeln! Ihr Gesicht erhielt dadurch fast gar keine Veränderung, außer daß der Mund sich in die Länge zog.
Tarnow schwieg zu allem.
Es war schon zehn Uhr vorbei, als der Amtmann mit seinen Gästen aufbrach, um sie zu begleiten. Die Nacht war finster. Ein stürmischer Wind ging und die Fensterscheiben klapperten in ihrer Einfassung.
Zum erstenmal wieder befand sich Tarnow mit der Schaffnerin allein. Er hatte gezittert vor diesem Alleinsein und hatte es doch auch gewünscht. Sie saßen lange Zeit, ohne etwas zu sagen und hörten der schaurigen Windmusik zu. Im Haus selbst war es ganz still. Tarnow glaubte bisweilen, er höre eine Glocke läuten. Es war nur ein ganz dumpfes, hinsterbendes Geräusch, das sich seinen Sinnen darstellte, nicht als ob es die Stille, sondern nur die Finsternis durchbreche, die sich draußen um die Mauern schmiegte. Und wieder glaubte er dann seinen Namen von irgend einem Unsichtbaren gerufen und lauschte voll Angst.
»Fanny, was haben Sie mit dem Amtmann gehabt?« fragte er endlich ohne weitere Überlegung.
Sie schüttelte den Kopf und sagte nichts. Es quälte ihn, daß sie schwieg, aber er wiederholte seine Frage nicht.
Da reichte sie ihm einen Zettel. Er nahm ihn und las mit Bleistift geschriebene Worte: Ich darf nichts reden, wenn ich Ruhe haben will. Heiraten werd ich ihn nicht, nein. Ich werd mich nicht mit dir auseinanderbringen lassen, Tarnow. Eher zieh ich fort.
Der Umstand, daß sie dies geschrieben hatte und offenbar schon lange vorher geschrieben, und daß sie nicht redete, machte einen furchtbaren Eindruck auf Tarnow. Flüsternd, als könne selbst die Stille sie belauschen, fragte er: »Warum sprechen Sie denn nichts, Fanny?«
Sie sah ihn an und blickte dann deutend nach den Fenstern, nach der Thüre, als sei sie gewiß, daß des Amtmanns Ohr eifersüchtig daran gepreßt sei, oder als sei sie gewiß, daß die Luft, in die sie ihre Worte hauchte, ihm den Schall zutragen müßte. Das erfüllte Tarnow mit Schrecken, und er schwieg gleichfalls, obwohl er wußte, daß Truchs in Wirklichkeit mit den beiden Männern fortgegangen war, da er sie selbst bis zur Hausthür begleitet und noch von ferne das dröhnende Lachen des Amtmanns gehört hatte.
Und es dauerte auch noch eine Viertelstunde, bis er zurückkam. Er schien in sehr heiterer Stimmung, that aber, als ob Tarnow gar nicht da sei.
Dieses Verhalten erregte Tarnow auf unerklärliche Art. Aufmerksam verfolgte er jeden Schritt, jede Geste des Amtmanns, und erst als man dann aufbrach, um sich zu Bett zu begeben, hatte sich die Unruhe in ihm etwas gelegt. Aber schlafen konnte er nicht. Er setzte sich an das kleine Tischchen, das zwischen dem Bett des Jägers und dem seinen stand, zündete eine gebrechliche Lampe an, die auf dem eisernen Ofen stand und die ein mageres Licht in der Stube verbreitete, und schrieb einen Brief an seine Mutter, die in einem Weiler in der Nähe von Aschaffenburg wohnte. Er schrieb, daß es ihm gut gehe und daß er sich für ihre sorgliche Nachfrage bedanke; daß er seine Stelle nicht so bald zu verlassen gedenke wegen der Mutter, und daß er bald eine einträgliche Beförderung zu erfahren hoffe; daß er sich zwar nicht viel ersparen könne, daß ihm aber trotzdem an leiblichen Dingen nichts abgehe. Sein Stil war plump, aber zärtlich; all das sanfte Licht, das in seiner Seele wohnte, strömte dabei in die Zeilen über, die ganze Güte seines Wesens kam in wunderlichen Wortverschnörkelungen zum Ausdruck, wie diese: daß du, meine so hochgeliebte Mutter, mich immer ermahnst, beim Rechten zu bleiben, ist ein herrliches Zeugnis deiner Tugend und kann mir nichts Lieberes geschehen. Diese altmodischen Banalitäten nahmen in seiner Schrift, unter seiner langsam sich über das Papier schiebenden Hand etwas Edles und Rührendes an und zeigten, wie sein Gemüt an diesem Tag noch sein Gleichgewicht besaß.
Als Tarnow am nächsten Morgen in das Bureau trat, war der Amtmann schon anwesend. Tarnow war erstaunt, denn es war das erste Mal, daß dies der Fall war. Der Amtmann erwiderte seinen Gutenmorgengruß nicht. Er war mit keiner Arbeit beschäftigt, sondern starrte nur dumpf vor sich hin. »Ich muß mit Ihnen reden, Tarnow,« sagte er einmal, aber als Tarnow den Kopf erhob und lauschte, schwieg der Amtmann. Dagegen wurde er plötzlich aufgeräumt und redselig, als Tarnow sagte, er müsse nach den Vorwerken und dann nach Strelentin hinüber und käme erst Nachmittag zurück.
Aber Tarnow kam schon früher zurück und begegnete am Kloster Himmelspforta der Schaffnerin, die in der Stadt gewesen war. Es hatte zu regnen begonnen, auch der Wind hatte seit gestern noch nicht aufgehört. Tarnow hatte keinen Schirm und bat die Schaffnerin, ihn unter ihrem Schirm mitzunehmen. Förmlich gepeitscht, rasten zerfaserte Wolken über den Himmel. Kein Mensch war weitherum zu sehen. Das Kloster lag in einer gleichsam steinernen Stille da, und die Akazien, die zum Portal führten, krümmten sich und ächzten und die Blätter rauschten laut. Die Schaffnerin war wieder schweigsam und in Tarnow kehrte die Furcht des letzten Abends zurück. Oft glaubte er, die Schaffnerin lächle, aber dann schloß er, daß er sich getäuscht haben müsse. Er meinte es immer dann zu sehen, wenn sie beide schwer gegen den Wind ankämpften, und wenn sie sich dann an ihn preßte oder seine Hand zufällig die ihre berührte. Sein Herz klopfte, wenn er sie ansah, -- das liebliche Oval ihrer Wangen, das duftige Rot, das der Sturm darüber gehaucht, die feine, weiße Haut des Halses, unter der die Adern pochten, das blaue Band, das den Nacken umschloß; und er dachte sich aus, was er ihr vielleicht sagen könnte, um ihr zu gefallen. Aber es blieb beim Denken. Sie näherten sich dem Gut und aus dem Fenster des Bureaus blickte der Amtmann nach ihnen.
Kurze Zeit nachher kam der Krüger Kitz, der eine Zahlung leisten wollte, und Tarnow hatte die Quittung zu schreiben. Er datierte sie, wie es richtig war, auf den 28. Juni, den Tag der Zahlung. Die Zahlung war schon im Mai zu leisten gewesen. Der Amtmann geriet plötzlich in große Wut, als er das Datum der Quittung sah. Er warf das Quittungsbuch des Krügers auf den Tisch und schrie Tarnow aus allen Kräften an: »Herr, zum tausend Teufel, was haben Sie da wieder für dummes Zeug gemacht!«
Tarnow fragte gelassen: »Wieso, Herr Amtmann?«
»Mit dem dummen Quittieren!« schrie der Amtmann. »Der Kitz bezahlt den Branntwein, den er im Mai schuldig geblieben ist, und der muß auch bei dem Monat quittiert werden! Sie sind ein Mensch, der nie eine richtige Rechnung geführt haben kann. Sie sind nichts wert.« Dabei warf er die Sandbüchse mit solcher Heftigkeit auf den Tisch, daß er sich an der Hand verwundete, und daß das Tintenfaß aufflog und die Tinte auf das Papier und auf die Möbel verspritzte. Zugleich schrie er, der Tarnow solle binnen acht Tagen aus dem Hause; er habe sich durch seine Untreue und Durchstechereien der Kondition unwürdig gemacht. »Ich werde Sie unglücklich machen,« schrie er, »ich werde Sie ins Zuchthaus bringen.«
Der Krüger Kitz machte sich ängstlich davon, aber der Amtmann hörte nicht auf zu toben. »Herr, ich schwöre zu Gott, ich halte mein Wort, -- ich will Sie verfolgen, Sie mögen sein, wo Sie wollen, Sie Duckmäuser und Heuchler! Ich werde Sie schon aus ihrer Ruhe bringen, da können Sie sich drauf verlassen.«
Die Leute im Hof waren zusammengelaufen und horchten. Tarnow erlitt ruhig diese Beschimpfungen, als wäre er schon stumpf dagegen geworden. Er hatte sich still an den Ofen gestellt und nur darüber nachgedacht, wie er aus dieser Kondition kommen könne. Dann fragte er mit bebender Stimme: »Was wollen Sie von mir, Herr Amtmann?«
Der Amtmann blickte stier in Tarnows Gesicht. Er geriet in eine unsinnige Wut und stieß Tarnow mit der geballten Faust ins Auge.
Diese Mißhandlung brachte eine Wandlung in das Innere Tarnows.
VII.