Die Säge: Ein Rückblick auf vier Jahrtausende

Part 3

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Porta sagt in der gleichen Stelle auch, daß man Eisen unter Beifügung von Schmirgel und Öl mit einem Kupferdraht schneiden könne[57].

Portas Vorschlag scheint in dem betriebsamen England nicht unbeachtet geblieben zu sein; denn am 11. Dezember 1618 erwarb Bewis Bulwer eines der ersten britischen Patente auf eine Sägemaschine zum Zersägen von Eisenbarren. Er wollte aus den abgesägten Streifen Nägel herstellen[58].

Besondere Sägen hatte man früher, um das sehr harte, als Farbholz geschätzte Brasilholz zu zerkleinern. Den Namen hat dieses Holz nicht von Brasilien, sondern es war schon Jahrhunderte vor der Entdeckung dieses Landes in Europa bekannt und hieß »lignum bresilium« oder »lignum braxillii«[59]. In Nürnberg bildeten die Brasilholzstoßer oder »Prisilgstoßer« ein eigenes Gewerbe[60].

Das Zersägen dieses harten Holzes geschah im 17. Jahrhundert und später in den Zuchthäusern, d. h. in den Anstalten, in denen verwahrloste Jugendliche, Landstreicher und Dirnen wieder zum ordentlichen Lebenswandel erzogen werden sollten. Von unsern heutigen Zuchthäusern unterschieden sich diese Anstalten also sehr. Auf einem niederländischen Kupferstich vom Jahr 1613 ist das Sägen des Brasilholzes deutlich zu erkennen (Seite 46). An einem langen Eisen, das mit Handhaben versehen ist, sind zwei starke Sägeblätter seitlich in Knopfschlitzen befestigt und oben durch zwei Paar Eisenbügel gehalten. Zwei Sträflinge ziehen diese Doppelsäge über das in einem Bock eingespannte Farbholz, das dadurch in kleine Stücke zerteilt wird, hinweg[61].

Auch gemeingefährliche Verbrecher, die man fesseln mußte, wurden (Seite 47) mit dem Sägen von Brasilholz in ihrer Zelle beschäftigt. Hier hat die Säge im Jahr 1663, wenn die Zeichnung richtig ist, drei nebeneinander liegende Blätter[62].

Die Eissäge scheint eine deutsche Erfindung zu sein; denn der aus den Niederlanden stammende Ingenieur Adam Wybe (Seite 48) erhielt im Jahr 1637 von der Stadt Danzig ein Patent auf seine Erfindung »Eis zu schneiden«. Wybe hat diese Erfindung bis zu seinem Tod mit Vorteil ausgenutzt. Aus den noch vorhandenen Akten[63] ließ sich aber nicht ersehen, welcher Art die Konstruktion dieser Eissäge war. Dieser Wybe wurde später, 1644, berühmt durch seine große Anlage einer Seilschwebebahn, die bei den Danziger Festungsbauten zur Wegschaffung großer Erdmassen lange in Betrieb war[64].

Ein sehr ausdrucksvolles Porträt eines Schreiners aus dem Landauer'schen Bruderhaus (vgl. Seite 49) ist hier aus dem Jahre 1679 abgebildet[65].

Das Wappen der Nürnberger Säger ist in einer mit Hunderten von Wappen gezierten Handschrift abgebildet, die alle Ordnungen der Nürnberger Handwerker, die um 1680 in Gültigkeit waren, enthält (Seite 50). Die Säger führen ein aufrechtstehendes, bauchiges, blaues Sägeblatt im Wappen[66].

Die Werkstatt eines Sägemachers bildet im Jahre 1698 Christoff Weigel in einer Zusammenstellung der wichtigsten Handwerke ab[67]. Die Verse bei dem Bild stammen von dem berühmten Kanzelredner Abraham a Sancta Clara, der wegen seiner drastischen Vergleiche bekannt war. Wir sehen, wie der »Eberschmied« dabei ist, die Zähne einer großen Säge einzufeilen. Neben ihm liegen eigentümlich geformte, lange Sägeblätter, Meißel und Bohrer; denn außer Sägen macht der Eberschmied besondere Bohrer. An der Wand hängen Rahmensägen und eine Metallsäge mit Griff. Außen am Fensterkreuz hat der Meister eine Säge ausgehangen, um Käufer anzulocken. Eigentliche Auslagen, Schaufenster, gab es damals bei Handwerkern nicht immer.

Bei der Beschreibung der Arbeiten des Messingbrenners, des heutigen Gelbgießers, erwähnt Weigel sogar Gattersägen für Metall: »so gießen sie (Messing) zu großen Tafeln und Platten, welche nachgehends durch den Messing-Schneider oder Säger auf einem Werk-Tisch, gleich den Holtz-Schneide-Mühlen fest gemachet zu ein- zwei- auch wohl drey Finger breiten Schienen, Zainen oder Stäben zerschnitten oder gesäget werden«[68].

Schiller hat sich in »Wallensteins Lager« die ergötzlich polternde Redeweise des Abraham a Sancta Clara zum Vorbild für seinen Kapuzinerpater genommen. Hier ein Beispiel, wie Abraham in der Barockzeit beim »Säg-Müller« erbaulich schrieb: »Ich weiß eine Sau / die hat keine Augen / keinen Rüssel / keinen Kopff / keine Füße / und ist doch eine Sau / das ist wunderbarlich; Ich weiß eine Sau / die hat keine Haut / keine Börsten / kein Fleisch / kein Speck / ist doch eine Sau / das ist seltzsam; Ich weiß eine Sau / die lebt nicht / und frißt doch mehr als eine gantze Heerde Säu / das ist achtlich.« Dann erzählt er unmittelbar von allerhand Flüssen des Altertums und der neueren Zeit und sagt dann plötzlich: »Savus auf Deutsch die Sau / ein vornehmer Fluß in Sclavonien. Diese Sau hat kein Maul / lebt nicht / und frißt doch viel / da beist sie ein Stuck Acker hinweg / dort eine Reyh Wiesen / anderwärts ein große Gestätt / an einem Ort ein halbes Dorff / unterhalb eine gantze Au: Ey du grobe Sau!« Anfänglich sei diese Sau ganz klein, später aber werde es eine großmächtige Sau. So werde auch kein Mensch »auf einmal eine grobe Sau / eine unzüchtige Sau.« Also müsse man sich vor den kleinen Sünden hüten, wenn man nicht in die großen fallen wolle. Zu seiner Überschrift, dem Sägemüller, schwenkt Abraham nach dieser Betrachtung virtuos mit dem Satz: »Wann die Säg einmahl recht ankommt und das Wasser treibt / ists gewiß / daß es bey Vorigem bleibt.« Von da ab erzählt er alles mögliche über die Sägemühle, wo man sie anlegen soll, und was man drauf schneidet. Plötzlich schwenkt er wieder in geistliche Betrachtungen ab und schließt dann das Kapitel mit den Worten: »Der Säg-Müller gewohne sich gleich im Anfang zum Guten / so wird man von ihm sagen können / daß er allezeit bey demselben verbleiben wird«[69].

Die Säge eines verschwundenen Handwerks ist auf Seite 52 abgebildet. Sie ruht in einem Bügel zwischen Werktisch und Sitzbank des »Bleiweißschneiders.« Dieser Handwerker zerschnitt den Graphit -- damals Bleiweiß genannt -- zu feinen Stäbchen, die man in Holz faßte. Es ist also der Ahne unserer heutigen Bleistiftfabrikanten[70].

Eine reichverzierte, mit künstlichem Eisenschnitt versehene Bügelsäge mit Metallsägeblatt befindet sich im Kunstgewerbemuseum zu Berlin (Seite 54). Sie stammt etwa aus dem Jahr 1700[71].

Es ist mir aufgefallen, daß die Sägemühle den Zeichnern und Malern sehr selten und recht spät eine Anregung gab; denn man findet die Mahlmühle für Brotgetreide seit dem Mittelalter in einer endlosen Zahl von Darstellungen, niemals aber die Sägemühle. Die frühste mir bisher bekannt gewordene Darstellung einer solchen auf einem Kunstblatt stammt aus dem Jahr 1701 und auch hier ist sie mit der Wassermühle und der Windmühle zusammen in der gleichen Landschaft zu sehen[72]. (Seite 55).

An einer recht versteckten Stelle fand ich, daß ein eiserner Spanndraht anstelle des Spannstrickes bei der Rahmensäge ums Jahr 1700 von einem Niederländer erfunden wurde. Der Frankfurter Patrizier[73] v. Uffenbach besuchte im Jahr 1710 den Amsterdamer Mechaniker Metz und sah bei ihm »Sägen, welche ein Gestell wie die gemeine Holz-Sägen hatten, außer daß an statt des Stricks ein eiserner Drat mit einer Schraube an einer Seite daran war.« Man hat diese Rahmensägen, wie so manches andere Werkzeug, bisher irrtümlich für eine amerikanische Erfindung gehalten.

Ums Jahr 1695 erschienen in Paris Abbildungen von Handwerkern, die im damaligen barocken Geschmack mit ihren eigenen Werkzeugen oder Fabrikaten bekleidet waren. Man fand an solchen Bildern Geschmack und es kamen bis etwa 1730 mehrere Serien solcher Kunstblätter »der mit ihren eigenen Arbeiten und Werckzeugen eingekleideten Künstlern, Handwerckern und Professionen« heraus. Hier ist auf Seite 56 die Frau des Wagners dargestellt, die in der rechten Hand eine große Säge hält. Die Schnecken des Haares, die Puffärmel und die Krinoline sind aus Wagenrädern gebildet und rings um den Reifrock herum hängen alle möglichen Werkzeuge[74].

Der Laubsägen-Bügel wird 1763 in dem gewaltigen französischen Werk abgebildet, das eine Reihe von Gelehrten, die Encyclopédisten, über alle die bis dahin unbeachtet gebliebenen Gebiete des menschlichen Wissens verfaßte. Sie wollten das zur menschlichen Tätigkeit Notwendige, bis in die kleinsten Einzelheiten wissenschaftlich ebenso sorgfältig behandeln, wie man seit Jahrhunderten die Einzelheiten der reinen Geisteswissenschaften behandelt hatte. So entstand unter dem Titel »Encyclopédie« ein Werk von 34 Foliobänden mit über 3000 großen Kupfertafeln. Jedes einzelne Gewerbe, jedes Handwerk wird sorgsam beschrieben und alle seine Maschinen und Werkzeuge werden bis in die Einzelheiten abgebildet. Hier sehen wir oben die Laubsäge samt der Spannvorrichtung. Sie wurde damals von den Schachtelmachern benutzt[75].

Die Rahmensäge des französischen Schachtelmachers hatte ums Jahr 1750 die auf Seite 58 angegebene Form[75].

Der erste, der den später so überaus fruchtbar gewordenen Plan hatte, Papier aus Holz herzustellen, der Regensburger Prediger Jacob Christian Schäffer, erfand 1768 eine originelle Sägemaschine (Seite 59). Der alte Herr hatte wohl selbst ein Bedürfnis, sich zwischen den anstrengenden gelehrten Arbeiten Bewegung zu verschaffen. So ließ er sich von dem Regensburger Tischler Simmerding die hier abgebildete Maschine bauen, probierte sie aus und schrieb flugs ein Buch darüber. In einem großen, geschweiften und verzierten Gestell hängt an einem Pendel eine Rahmensäge. Legt man auf zwei Konsolen ein Stück Holz, dann kann man im Wohn- oder Arbeitszimmer »zur Leibesbewegung für Gelehrte und Kränkliche« nützlich Brennholz sägen[76].

Die soeben auf Seite 57 erwähnte Encyclopédie wurde von dem Berliner Gelehrten Johann Georg Krünitz für die deutschen Verhältnisse passend übersetzt und ergänzt. So entstand das größte bisher in Deutschland überhaupt erschienene, zusammenhängende Werk, ein Lexikon, das von A bis Z 242 Bände umfaßt. Im 10. Band dieses Riesenwerkes steht auch eine Nachricht von der Eissäge: »Um das Eis eines Grabens oder Flusses zu durchschneiden und zu öffnen, bedient man sich einer Maschine, entweder in Gestalt eines Pfluges, oder in Gestalt einer Säge, welche von Menschen in Bewegung gesetzt wird«[77].

Im 34. Band sagt Krünitz, daß man in der Geschützgießerei die angegossenen Trichter nach dem Erkalten »mit einer großen Säge, welche von 4 oder 5 Menschen an ihrem eisernen Bogen geführt wird« abschneide[78]. Hier wird also eine Bügelsäge zum Metallschneiden in recht beträchtlichen Abmessungen verwendet.

Wir hörten auf Seite 38, daß der Nürnberger Mechaniker Lobsinger ums Jahr 1550 die Kreissäge zum Schneiden von Stein erfunden hatte. Die Kreissäge für Holz und Metall ist eine Erfindung von Samuel Bentham in Westminster. Er nahm am 23. April 1793 das britische Patent Nr. 1951. Der Antrieb sollte durch Dampfkraft erfolgen und die Beschreibung läßt, obwohl sie ohne Zeichnung eingereicht wurde, erkennen, daß ein kreisrundes, gezahntes Sägeblatt zwischen zwei Flanschen eingespannt, nach einer Richtung hin umläuft. Die Säge soll rohe Werkstücke, wie sie aus der Gießerei oder aus der Schmiede kommen mit geraden Kanten versehen. Die Auflage für das Werkstück läßt sich gegen die Säge vorschieben und hoch und tief verstellen. Die Sägeblätter sollen entweder aus Stahl oder aus Eisen mit aufgeschweißtem Stahlkranz bestehen. Größere Blätter werden aus einem eisernen Stammblatt mit angesetzten Ringausschnitten hergestellt[79].

In der Literatur ist die Angabe verbreitet, die Kreissägen seien die Erfindung eines Deutschen namens Gervinus. Trotz vieler Mühe habe ich nichts über einen Mann dieses Namens und über diese seine angebliche Erfindung feststellen können. Nach einer andern Lesart sollen die Kreissägen zum Zersägen von Eis im 18. Jahrhundert im Uralgebirge[80] verwendet worden sein. Mir erscheint diese Nachricht, obwohl keine Quelle dafür angegeben wird, glaubhaft, weil man im Ural auch frühzeitig rotierende Steinfräser benutzte[81].

Im Jahr 1799 ließ sich L. C. A. Albert in Paris die gezahnte Kreissäge als »scie sans fin« patentieren. Sie ist, wie wir unten erkennen, aus mehreren Segmenten zusammengesetzt[82]. Die Erfindung wurde alsbald auch in Deutschland bekannt gemacht[83].

Die französische Bezeichnung »Säge ohne Ende« hat oberflächliche Beobachter veranlaßt[84], die Albertsche Kreissäge für das zu halten, was der Franzose heute darunter versteht: für eine Bandsäge.

Im Jahre 1801 erfand Marc Isambard Brunel die Kronsäge, die aus einem zum Vollkreis gebogenen Sägeblatt besteht und mit der gezahnten Kante kreisförmige und bogenförmige Ausschnitte aus Holz macht[85].

Im Jahr 1806 werden in den vornehmen Häusern der Engländer große Vorlegemesser gebräuchlich, die am Rücken scharfe Sägezähne haben, um die Knochen der großen englischen Braten zu zersägen[86].

Im Jahr 1807 erfand der englische Ingenieur William Newberry die Bandsäge[87]. Ob er sie im gleichen Jahr, wie man gelegentlich liest[88], auch gebaut hat, ist nicht nachweisbar.

Und im Jahre 1808 ist die Erfindung der Furnierholzsäge für England zu verzeichnen. Der Erfinder ist der soeben genannte berühmte englische Ingenieur Brunel[89].

Eine verschwundene Erscheinung im Straßenbild ist der Sägenausrufer. Er durchzog ehemals, wie viele andere Ausrufer, die großen Städte und pries seine Ware durch einen melodischen Gesang an. Jahrhundertelang gab es fast für jede Gruppe von verwandten Gegenständen solche Straßenausrufer, die ihre eigenen Melodien riefen, denn durch den Tonfall konnten sie sich von der Straße aus besser kenntlich machen, als durch ihre meist in fremdem Dialekt stehende Aussprache. Die Sägenverkäufer kamen aus Thüringen, aus Westfalen und aus der damaligen Grafschaft Henneberg in Franken. Ein nach Hamburg kommender Sägenhändler ist im Jahr 1808 abgebildet (Seite 61). Er ruft singend: »Sagen koop!«[90].

Aus einem Brief vom 27. Juli 1821 erfahren wir etwas über die ersten Anfänge der deutschen Gußstahlindustrie zur Sägenfabrikation. Friedrich Krupp schrieb damals an eine Remscheider Firma, er bäte sie »recht bald die bewußten fertig gewordenen Sägen zu übersenden, denn in circa 8 Tagen wünsche ich dieselben einem hohen Beamten, der alsbald von Berlin hier eintreffen wird, als Muster vorlegen zu können«[91]. Krupp bittet, in dem Begleitbrief zu bemerken, daß diese Sägen von seinem Gußstahl gefertigt seien. Er will diesen Brief dem hohen Beamten zeigen und deshalb soll der Brief so eingerichtet sein, »daß ich ihn darf lesen lassen und mich auch auf Ihnen als Sachkenner beziehen kann.« Weiter erfahren wir aus dem Briefe, daß man sich über die Härte des zu verwendenden deutschen Gußstahles noch nicht einig war. Krupp wünschte einen möglichst harten Gußstahl zu verwenden, der nur nicht so spröde sein durfte, daß die Zähne beim Schränken abbrechen.

Eine selbständige Sägenindustrie gab es in Deutschland damals noch nicht. Die Eisenwaren-Fabriken machten schlecht und recht Sägen mit anderen Werkzeugen zusammen. Das ersieht man am besten aus einer Zeichenrolle vom Jahr 1765, in die auf Anordnung des Kurfürsten Karl Theodor v. Berg die Warenzeichen der im Bergischen Land tätigen Handwerker niedergelegt -- meist in Siegellack abgedruckt -- sind. Da manche Handwerker angaben, wie lange ihre Vorfahren diese Zeichen schon führten und für welche Gegenstände sie die Zeichen verwendeten, kann man die bergische Sägenfabrikation bis etwa zum Jahr 1600 zurückführen. Hundert Jahre später -- um 1700 -- sind schon viele Werkzeugmacher in dieser Industrie beschäftigt. Heute sind in Remscheid eine Anzahl Fabriken ausschließlich mit der Herstellung von Sägen beschäftigt. Unter ihnen ist die im Jahr 1822 -- also vor 100 Jahren -- gegründete, im Besitz der Firma J. D. Dominicus & Soehne befindliche Fabrik eine der ältesten. Das älteste deutsche »Fabriken- und Manufacturen-Address-Lexicon« von J. C. Gädicke (erschienen 1799) kennt selbständige Sägenfabriken nicht. Es sagt: »Sägeblätter, mehrartige, lange, dünne, auf einer Seite mit Zähnen versehene Werkzeuge, so die Eisenfabriken nach Gewicht, Dutzenden oder Stücken in den Handel bringen«.

Eine Säge, die sowohl wegen der Antriebsart, als auch wegen ihrer Wirkungsweise für die Zeit, da sie aufkam, originell ist, stammt vom Erfinder des Dampfhammers, vom englischen Ingenieur Nasmyth. Dieser ausgezeichnete Konstrukteur setzte 1849 eine ungezahnte, weiche, kreisförmige Stahlscheibe auf die Welle einer Dampfturbine. Er erhielt also eine Umdrehungsgeschwindigkeit von mehreren tausend Drehungen in der Minute. Näherte man dieser Rundsäge Schmiedeeisen, ungehärteten oder gehärteten Stahl, hartes Messing oder andere Metalle, dann entstand eine breite Schnittfuge, aus der die Metallteilchen in glühendem Zustand als gewaltige Funkengarbe herausschossen. Man hat diese Sägen »Schnellreibsägen« genannt[92].

Besonders starke Sägeblätter wurden zu den Ausrüstungen der Polarexpeditionen des vergangenen Jahrhunderts angefertigt. So sehen wir auf Seite 63 ein Bildchen von der Expedition des »Northstar«, der in den 40er Jahren in das Polarmeer gefahren ist, um den verschollenen Nordpolfahrer Franklin aufzusuchen. Man hatte diese Säge mitgenommen, um das Schiff, wenn es ins Eis eingefroren war, heraussägen zu können. Das Blatt hatte eine Länge von 20 Fuß. Es wurde, wie wir sehen, an einem Strick gezogen und unten im Wasser durch ein Gewicht beschwert.

Ein transportables Dampfsägewerk (unten), das man im Wald aufstellte, wurde 1857 auf der Wiener Ausstellung bekannt. Das Gerüst der Maschine wird zwischen zwei Bäumen befestigt. Auf diese Weise wollte man Zeit und Arbeit ersparen und auch den Holzverlust, den die Axtarbeit mit sich bringt, vermeiden. Der Erfinder dieser Maschine war der sächsische Ingenieur Ludwig Zeschke[93].

Sägen dieser Art wurden, wie wir auf Seite 45 lasen, um 1675 von dem deutschen Nationalökonom Becher angegeben. Neuerdings wurden sie wohl durch den Pariser Mechaniker Mourey wieder in Erinnerung gebracht[94].

Im Jahr 1861 kam in Amerika eine transportable Säge auf, die von Hamilton erfunden war. Mit ihr konnte man nicht nur Bäume fällen, sondern -- nachdem man das Blatt senkrecht gestellt hatte -- auch in kurze Stücke sägen. Der Antrieb erfolgte durch Kurbeldrehung (Seite 65)[95].

Die Bandsäge für Metall wurde von der Firma Panhard & Levassor in Paris im Jahr 1866 zuerst versucht und zwei Jahre später in Havre ausgestellt. Ein Jahr vorher hatten die Engländer Schnittproben an Panzerplatten, die mit der Bandsäge ausgeführt waren, in Paris ausgestellt[96].

Zum Schluß etwas Humoristisches.

In der Lüneburger Heide hatten die Bauern ehemals in der Kinderstube den »Sägemann«. Es ist eine vom Dorfschmied aus Eisenblech hergestellte Figur, die man (Seite 66) mit zwei scharfen Spitzen neben die Wiege des Kindes auf die Kante einer Truhe oder eines Stuhles setzte. Der blecherne Mann hält eine gewaltige Säge, an der unten ein Stück Blei befestigt ist. Stößt man die Säge an, dann schwingt der Sägemann lange Zeit, das Kind sieht ihm aufmerksam zu und vergißt das Weinen[97].

Daß das Schleifen der Sägezähne einen üblen Ton gibt, illustriert ein englisches Spottbild aus dem Jahr 1864 (Seite 67). Der Meister, der die Säge kreischend schleift, sieht neidisch zu dem singenden Pfau empor, dessen Töne die Schönheit des Sägetons fast zu übertreffen vermögen[98].

Zum Schlußbild auf Seite 68 ist nichts zu sagen; es ist eine der trefflichen Karikaturen, die selbst deutlich genug reden[99].

LITERATUR-NACHWEIS

[1] Museum für Völkerkunde Berlin, Prähistorische Abteilung II, 3948.

[2] R. Forrer, Reallexikon der prähistorischen Altertümer, Berlin 1907, S. 669.

[3] R. Forrer, Reallexikon der prähistorischen Altertümer, Berlin 1907, Taf. 29, F. M. Feldhaus, Technik der Vorzeit, Leipzig 1914, Abb. 94.

[4] Forrer, ebenda, S. 780; Feldhaus, ebenda, Abb. 871.

[5] W. M. Flinders Petrie, Tools and Weapons, London, 1917, Taf. 51.

[6] G. Steindorff, Das Grab des Ti, Leipzig 1913, Taf. 133.

[7] P. E. Newberry, Life of Rekhmara, Westminster 1900.

[8] R. Forrer, Reallexikon der prähistorischen Altertümer, Berlin 1907, Fig. 237, 530 und 531.

[9] Original in der Sammlung Meyer-Steineg in Jena (Meyer-Steineg, Chirurgische Instrumente des Altertums, Jena 1912, S. 46).

[10] Ovid, Metamorphosen, Buch 8; Seneca, Epistolae 90; Plinius, historia naturalis, Buch 7, Kap. 57.

[11] Daremberg et Saglio, Dictionnaire des antiquités, Paris 1877 ff, Artikel: Daedalos.

[12] A. F. Gorius, Museum Etruscum, Bd. 1, Florenz 1737, Taf. 199.

[12a] Einen ägyptischen Schmelzofen sah man lange als einen Glasbläserofen an (F. M. Feldhaus, Technik der Vorzeit 1914, Sp. 449). Ein ägyptisches Bild des Seilers bei der Arbeit wird noch ganz phantastisch erklärt (Geschichtsblätter für Technik, Bd. 2, 1915, S. 32). Die Darstellung eines Blasbalges in einer Goldschmiedewerkstatt wird als goldene Schüssel ausgegeben (ebenda, S. 35). Laienhafte Ansichten von der antiken Technik und auch von der Säge im Altertum veröffentlichte 1919 Albert Neuburger in seinem Buch über die Technik des Altertums.

[13] Antichi Monumenti, Florenz 1810, Taf. 49.

[14] Ebenda.

[15] Museum Capitolinum, Rom 1782, Taf. 15.

[16] Journal de la Société d'Archéologie Lorraine, Nancy 1888, S. 83.

[17] Dictionnaire des antiquités von Daremberg und Saglio, Paris 1877 bis 1904, Fig. 6375.

[18] L. Jacobi, Römerkastell Saalburg, Homburg 1897, Taf. 34, Fig. 6; ebenda Seite 209, Nr. 28, Taf. 34, Fig. 5.

[19] Jacobi, ebenda, Seite 209, Nr. 26.

[20] Jacobi, ebenda, Taf. 37, Fig. 12; Der Limes, Band 10, Taf. 9, Fig. 19.

[21] Inventar-Nr. 8627.

[22] Plinius, Historia naturalis, Buch 36, Kap. 9.

[23] Moritz Heyne, Das altdeutsche Handwerk, Straßburg 1908, S. 10 11.

[24] M. Viollet le Duc, Dictionnaire du Mobilier, Bd. 2, Paris 1871, S. 529; M. Heyne, Das altdeutsche Handwerk, Straßburg 1908, Abb. 6.

[24a] Miniature dell' anno 1023, Montecassino 1896, Buch 17, Kap. 5, Taf. 119.

[25] Quellenschriften für Kunstgeschichte, Bd. 7, Wien 1874.