Die Säge: Ein Rückblick auf vier Jahrtausende
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DIE SÄGE
EIN RÜCKBLICK AUF VIER JAHRTAUSENDE
VON
FRANZ M. FELDHAUS
INGENIEUR
HERAUSGEGEBEN UND VERLEGT VON
J. D. DOMINICUS & SOEHNE G.M.B.H.
BERLIN SW. 68 REMSCHEID-VIERINGHAUSEN
NACHDRUCK VERBOTEN
Copyright 1921 by J. D. Dominicus & Soehne G. m. b. H. Berlin-Remscheid
DIE SÄGE
EIN RÜCKBLICK AUF VIER JAHRTAUSENDE
VON
FRANZ M. FELDHAUS
INGENIEUR
MIT 66 ABBILDUNGEN NACH ALTEN ORIGINALEN
HERAUSGEGEBEN UND VERLEGT VON
J. D. DOMINICUS & SOEHNE G. M. B. H.
BERLIN SW. 68 UND REMSCHEID-VIERINGHAUSEN
Wo der Mensch vor vielen hundert Jahrtausenden seine werktätige Laufbahn begann, nahm er den Dorn des Waldes, den spitzigen Stein und den scharf gebrochenen Knochen eines verendeten Tieres, um zu schaben, zu bohren, zu glätten. Es gab keine Werkleute und keine Werkstattsregeln. Tastend mußte jeder Urmensch den Widerstand der Materie zu überwinden suchen. Was gab es auch viel zu tun? -- Die ersten Menschen trugen Waffen und Werkzeuge noch als Gaben der Natur bei sich: muskulöse Kiefer mit starken Zähnen, lange Arme mit kraftvollen Händen und einen gedrungenen Körperbau auf Füßen, die den Händen gleich gebrauchsfähig waren. Keine Sorge um Wohnung, Kleidung und Gerät. Nur ein kleines Hirn, das die Listen des Tieres und die widrigen Naturgewalten überlisten wollte.
Hunderte von Jahrtausenden, Zeiten von einer Ausdehnung, gegen die die paar tausend Jahre unserer Kultur winzig sind, mußten vergehen, bis die Urmenschen sich Arbeitsmethoden zu eigen machten. Von da ab bewahrten sie in ihren Höhlen den spitzen Stein als Bohrer, den knolligen als Hammer, den scharfkantigen als Schneidewerkzeug. Und dann begann der Wettkampf, denn wer das schärfste Messer hatte, bekam vom gefallenen Wild das größte Stück. Und neben dem Hunger waren es Habsucht und Geiz und Selbstsucht und Roheit, die unsere Ur-Urväter zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen trieben und sie zur Erzeugung neuer Werke mit immer neuen Werk-Zeugen zwangen.
So finden wir denn in den ältesten sichtbaren Siedelungen der Menschen tief unter der heutigen Erdoberfläche rohe steinerne Äxte, steinerne Schaber, steinerne Messer, steinerne Bohrer und Pfrieme, steinerne Pfeilspitzen, knöcherne Nadeln, Angelhaken und Harpunen, und Schleifsteine für solche Knochenwerkzeuge. Funde dieser Art, aus der sogenannten älteren Steinzeit, sind zum Teil weit über 25000 Jahre alt.
In der jüngeren Steinzeit, die in Mitteleuropa zwischen 5000 bis 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung liegt, werden die steinernen Waffen und Werkzeuge in ihren Arten nicht nur vermehrt, sondern an den Arbeitskanten und auf den Oberflächen auch sorgsam geschliffen und poliert. Wir werden bald hören, wie die jüngere Steinzeit mit Säge und Sägemaschine zu schaffen wußte.
* * * * *
Ehe wir uns die Entwicklung der Säge von vier Jahrtausenden ansehen, müssen wir uns darüber klar werden, daß man wohl bis zur Hälfte dieser Zeit die Säge recht gut entbehren konnte. Der vor einigen Jahren verstorbene Südseeforscher Finsch zeigte mir einmal, als ich ihn in seinem Braunschweiger Museum besuchte, wie die von fremder Kultur unberührten Südseevölker ein Stück Holz zerteilen: sie schaben mit einem scharfen Stein, der in einem Handgriff befestigt ist, in das Holz gemächlich eine Rinne. Dann drehen sie das Holz um und arbeiten sich mit dem scharfen steinernen Zahn noch einmal in das Holzstück hinein. Je nach der Dicke des Holzes wird die Arbeit mit dem Steinzahn so lange fortgesetzt, bis der Eingeborene das Stück mit wuchtigem Schlag zwischen den beiden Rinnen zu Bruch bringen kann.
Ich sehe nicht ein, weshalb man diese Technik nicht »sägen« nennen soll, stößt doch ein scharfer Zahn nach und nach eine Rinne in ein Werkstück. Wir tun heute beim Sägen nichts anderes, nur fügen wir im Werkzeug viele Zähne aneinander und lassen diese mit größerer Geschwindigkeit durch das Material hindurchgehen.
Wir werden aber noch von den Römern und weit später von den Nordländern hören, daß man in Zeiten großen Holzreichtums gar nicht an ein Zersägen der Stämme dachte, sondern die Bretter mit der Axt heraushaute.
Wie die Säge in der älteren Steinzeit aussah, erkennen wir an einem (s. Abb.) schönen, handgroßen Stück einer bei Flensburg gefundenen Säge aus Feuerstein, die sich im »Museum für Völkerkunde« in Berlin befindet. Es ist deutlich zu erkennen, daß die schwach gebogene Kante dieses Stücks absichtlich gezähnt ist.[1]
Eine hölzerne Schäftung solcher steinernen Sägen ist erst aus der jüngeren Steinzeit bekannt. Auch Schäftungen aus Horn kommen damals vor.[2]
Diese gezähnten steinernen Sägen wurden zur Zerteilung von Holz benutzt. Wollte man Steine zerteilen, dann benutzte man ein aus dem Holz herausgespaltenes dünnes Brett, das man unter Zugabe von scharfem Sand schleifend über den Stein bewegte.
Wir haben aus der jüngeren Steinzeit, als man die steinernen Waffen und Werkzeuge an ihren Oberflächen sorgsam schliff, wiederholt Steinbrocken gefunden, die eigentümliche Sägeschnitte aufweisen. Sägt man mit einer steinernen oder hölzernen Säge, dann wird der Schnitt am Anfang und am Ende gewöhnlich tiefer in das Material hineingehen, als in der Mitte des Werkstückes. Der Schnitt wird um so mehr konvex verlaufen, je ungeübter oder sorgloser die menschliche Hand arbeitet. Bei den aufgefundenen Steinbrocken verläuft der Schnitt aber konkav, d. h. er hat in der Mitte des Werkstücks seine tiefste Stelle. Das läßt sich erklären, wenn man eine besondere Sägemaschine annimmt. An der gleichen Fundstelle sind die in den Steinen liegenden Bogen stets die gleichen. Mithin ging die Säge in einer Führung mit gleichbleibendem Radius (s. Abb.). Der Straßburger Archäologe Robert Forrer hat an Hand solcher Steinfunde eine Sägemaschine rekonstruiert, wie sie rund ums Jahr 3500 vor unserer Zeitrechnung benutzt wurde. Sie entspricht im Aufbau einer gleichzeitigen Steinbohrmaschine.[3] Wir erkennen auf einem Grundbrett A eine Säule B, sie trägt auf einem Holzzapfen oben in einer Bindung einen wagerecht liegenden Hebel C. Damit dieser Hebel nicht seitlich ausweichen kann, wird er von zwei Balken E, die oben durch Bindung im nötigen Abstand gehalten werden, geführt. Auf den Hebel ist ein Stein D gebunden, um beim Sägen einen gleichmäßigen Druck zu geben. Der schon erwähnte Sägearm F trägt unten in einem Schlitz die steinerne oder hölzerne Säge. Wird sie über den darunterliegenden Werkstein hinweggeführt, dann entsteht -- bei hölzernen Sägen unter Hinzugabe von Sand -- der Sägeschnitt. Selten wird man diesen Schnitt tief in den Stein hineingeführt haben. Dann drehte man den Stein um und sägte von der anderen Seite einen gleichen Schnitt, so daß man den Stein zwischen den beiden Schnitten zerschlagen konnte.[4]
Die ältesten metallenen Sägen, die wir kennen, stammen aus Ägypten.[5] Es sind winzige Bruchstücke von bronzenen Sägeblättern, teils mit feiner, teils mit grober Zahnung. Zwei Originale aus Fayum in Ägypten sind auf Seite 8 abgebildet. Das Sägeblatt mißt von Loch zu Loch 560 mm, die Bügelsäge am Blatt innerhalb der Bügel 690 mm.
Wie man mit Bronzesägen arbeitete, erkennen wir aus den Reliefs der berühmten Grabkammern eines ägyptischen Totenpriesters, namens Ti, der ums Jahr 2700 v. Chr. bei Sakarah in Ägypten beigesetzt wurde. Es ist eine lange Reihe von Handwerkern bei den verschiedensten Verrichtungen dargestellt, so auch die hier wiedergegebenen Säger (Seite 10).[6]
Rechts hockt der Mann, der mit der linken Hand ein Brett hält und es mit der bronzenen Säge zersägt. Links sägt ein Mann stehend. Das Brett ist hier an einem kürzeren Pfahl angebunden. In der Bindung steckt ein Hebel, der durch einen, an einem Seil hängenden Stein beschwert ist. Hier ist die Darstellung wohl ungenau, denn der Stein würde den Sägeschnitt zusammenpressen. Vermutlich müssen zwei verschiedene Bindungen vorhanden gewesen sein. Die eine hielt das Brett an einem Pfahl fest, während die andere den kleinen Hebel hielt. Dieser war wohl am unteren Ende zugespitzt, steckte mit dieser Schneide im Sägeschnitt und öffnete ihn beim Fortschreiten der Säge immer mehr. Auch auf anderen ägyptischen Darstellungen ist der sägende Holzarbeiter zu sehen, so z. B. auf Seite 9, die eine Malerei aus dem Grab des Rekhmara von etwa 1450 v. Chr. zeigt.[7]
Etwa um's Jahr 2100 v. Chr. lernte man in Europa die Bearbeitung des Kupfers kennen, und man fertigte daraus Werkzeuge und Waffen. Bald wurde das Kupfer durch Mischung mit Zinn von der widerstandsfähigeren Bronze abgelöst und Waffen, Werkzeuge, Gerät und Schmuck wurden von einer ausgedehnten Bronzeindustrie in erstaunlicher Vollendung hergestellt.
Wie die Sägen der Bronzezeit um's Jahr 1500 v. Chr. aussahen, wissen wir nicht nur aus Funden von Sägen, sondern auch aus Funden von steinernen Gußformen (Seite 11). Vergleicht man die in schweizerischen Pfahlbauten gefundenen Sägen mit denen der Nordländer, dann muß man zu der Annahme kommen, daß man in Mitteleuropa damals kleine Bronzesägen in Form gerader Stichsägen verwendete. Das Blatt verjüngt sich zur Spitze hin nur wenig. An einem Ende hat es ein Loch, um es im Handgriff festzuhalten. Ein Exemplar aus dem Pfahlbau Möringen, das sich jetzt im Landesmuseum zu Zürich befindet, ist 140 mm lang und an den Zähnen nicht ganz 2 mm breit.
Die nordischen Sägen haben eine eigenartige Form, die sich sowohl an gefundenen Originalstücken, wie auch an Gußformen findet. Ihre Länge schwankt zwischen 12 und 18 cm. Höcker am Rücken müssen zu einer bisher nicht bekannten Art der Schäftung gedient haben[8].
Die Bronzesäge ging auch in den griechischen Kulturkreis über. Auf Seite 12 ist eine feine, bronzene Knochensäge mit angegossenem Griff abgebildet, wie sie ums Jahr 200 v. Chr. von griechischen Ärzten bei Amputationen benutzt wurde. Die ganze Länge dieses zu Ephesos gefundenen Stückes mißt 205 mm[9].
Die römischen Schriftsteller verlegten die Erfindung der Säge in die Zeit, da der sagenhafte Daedalos zu Athen lebte. Und sie erzählen: Thalos, ein junger griechischer Künstler, der bei Daedalos in der Lehre war, fand einst die Kinnlade einer Schlange, die er spielend an einem Holz hin- und herrieb. Da bemerkte er, daß die Zähne in das Holz einschnitten und das Holz sich so teilen ließ. Dies brachte ihn auf den Gedanken, ein Werkzeug zu machen, das die Schärfe der Zähne der Schlange nachahmte. Er nahm also ein Stück Metall, schnitt nach dem Muster der kleinen, kurzen und eng bei einanderstehenden Zähne der Schlange Zacken hinein und so entstand die erste Säge. Der Erfinder soll damals erst 12 Jahre alt gewesen sein. Daedalos sei auf seinen Lehrling wegen dieser Erfindung so neidisch geworden, daß er den Thalos von der Burg zu Athen hinabstürzte und deshalb flüchtig werden mußte. Daedalos ging nach der Insel Kreta, wo er das berühmte Labyrinth gebaut haben soll. Doch er »haßt indessen die kerkernde Kreta, wohin ihn lange verbannt das Geschick. Und, gelockt von der Liebe der Heimat, war er umschlossen vom Meer. So werde denn Land und Gewässer, rief er, gesperrt, doch öffnet der Himmel sich: dort sei die Laufbahn!« Und wir wissen, daß die Sage uns vom Flug des Daedalos und des Ikaros berichtet, noch ehe wir Kunde von einem menschlichen Flugversuch haben[10].
Daedalos wird im Altertum mit einer Säge in der Hand abgebildet (Seite 13). Hier sehen wir ihn mit diesem Werkzeug vor der von ihm angefertigten hölzernen Kuh, die er für die Gattin des Königs Minos lebenswahr gebildet hatte[11].
Betrachten wir die Darstellungen von Sägen auf Bildwerken des Altertums, dann dürfen wir nicht allzuviel technische Kritik aufwenden, denn der Künstler ging damals -- und geht noch heute -- bei der Gestaltung realer Dinge von ästhetischen Gesichtspunkten aus. Und dann müssen wir beachten, daß die feinen Einzelheiten einer Säge, zumal die Zahnform, auf bildlichen Darstellungen leicht verloren gehen und auch von den Altertumsforschern, die die antiken Denkmäler ehemals abzeichneten, wohl nicht allzu sorgsam wiedergegeben worden sind.
Wie schlecht die Archäologen technische Dinge sehen können, erkennen wir aus der Betrachtung eines alten Gemmenbildes (Seite 15), das einen »Herkules mit der Säge« darstellen soll. Tatsächlich hat Herkules das Löwenfell hinter sich. An seinem linken Arm sehen wir es deutlich nach unten hängend. Die am Fell sitzenden Krallen des Löwen sind als vier Zier-Kugeln gezeichnet. Die gleichen Kugeln erkennen wir unten an der »Säge«, die nichts anderes, als die zottige Fell-Kante ist! So hat also dieser Herkules gar keine Säge bei sich. Das Original der Gemme würde, wenn man es ohne Vorurteil ansähe, sicherlich eine viel ungezwungenere Form der Fellkante und wohl auch der Krallen des Felles zeigen. Die in Florenz erhaltene Gemme soll etruskisch sein[12]. Es hätte den Altertumskennern doch auffallen müssen, daß Herkules mit der Säge auftritt. Ich wüßte nicht, bei welcher seiner »Taten« er sie benutzt haben sollte.
Es sind noch manche andere Zeichnungen der Archäologen von Werkzeugen, Geräten und Maschinen falsch gedeutet worden[12a].
Im Museum zu Volterra in Italien befindet sich eine römische Alabastervase (Seite 14), auf der man sieht, wie zwei Männer einen aufrechtstehenden Balken zersägen[13]. Und das gleiche Museum besitzt eine Vase aus Tuffstein, auf der die Handhabung einer römischen Rahmensäge klarer zu sehen ist (Seite 16)[14].
Auf einem Altarstein aus der Zeit des römischen Kaisers Domitianus, der von 81 bis 96 regierte, sind unter verschiedenen Werkzeugen eine Rahmensäge und eine Schrotsäge abgebildet (Seite 20). An beiden erkennt man deutlich die stark geneigte Dreiecksverzahnung und den gewölbten Rücken des Sägeblattes. Die Rahmensäge ist mit Nägeln in den Rahmen eingehangen. Das Blatt konnte also nicht, wie bei uns, gedreht werden. Die Schrotsäge ist an den Enden verstärkt und länglich durchlocht[15].
Dieser Altarstein wird im Capitolinischen Museum der Stadt Rom aufbewahrt.
Im Jahre 1883 fand man in Deneuvre (Departement Meurthe-et-Moselle) einen Stein mit dem hier neben wiedergegebenen Relief. Da man gleichzeitig eine Münze des römischen Kaisers Constantinus fand, kann man diese Darstellung auf etwa 325 nach Chr. datieren. Wir sehen in einer Nische die Darstellung eines auf gespreizten Beinen stehenden Sägebockes. Auf ihm liegt -- was an dem arg beschädigten Stein nicht mehr sichtbar ist -- das zu sägende Bord. Ein Säger steht auf dem Bock, der andere darunter. Die Säge ist so stark beschädigt, daß sie nicht mehr in den Einzelheiten zu erkennen ist. Ja, das über dem Bord herausragende Stück der Säge verläuft wesentlich anders, als das unten sichtbare[16].
Die Altertumswissenschaft hat diese Darstellung bisher stets für eine Säge gehalten, und obwohl ich wegen des eigenartigen Verlaufs des Sägeblattes erhebliche technische Bedenken habe, gebe ich die Darstellung hier wieder. Ich wüßte keine andere Erklärung für sie. Vielleicht ist der obere Teil des Sägeblattes so weggebrochen, daß man den Bruch nicht mehr erkennen kann, die helle Bruchstelle unterhalb der Hände des oberen Sägers kann ja auch zum Hintergrund gehören.
Funde römischer Sägen bieten im Vergleich zu den bisher besprochenen Darstellungen auf Denkmälern nichts Neues. Meist kamen nur die Sägeblätter, und auch diese nur bruchstückweise, zu Tage. Eine in Rom gefundene Bronzesäge mit Heft ist hier auf Seite 17 abgebildet[17].
Diesseits der Alpen fand man im Römerkastell Saalburg die hier auf Seite 17 bis 18 abgebildeten Sägen aus Eisen. Das auf Seite 17 (unten) dargestellte Stück ist das eine Ende von einem Blatt einer Rahmensäge. Wir sehen rechts die Öse zum Einhängen des Blattes. Der dritte Fund auf Seite 18 (oben) beglaubigt, daß der römische Kulturkreis für Schrotsägen eine Verzahnung kannte, die auf jedem Zahn eine Art Vorschneider trägt[18].
Auffallend ist, daß man auf der Saalburg wohl erhaltene hölzerne Arme zu Rahmensägen fand [19], die eine recht ungünstige Anordnung der Spannung zeigen. Unser Mittelbaum ist hier so beiseite gerückt worden, daß bis zur Spannkordel ¼, bis zu den Nieten des Sägeblattes etwa ¾ Abstand ist. Bedingt wurde diese Anordnung dadurch, daß die Römer, wie wir auch auf Seite 19 sehen, drehbare Hefte zur Verdrehung der Sägeblätter nicht kannten.
Bei den Sägen der Saalburg läßt sich deutlich nachweisen, daß die Sägezähne geschränkt wurden. An einem messerartigen Werkzeug der Saalburg findet sich nahe am Heft ein Einschnitt, der in seiner Weite und Tiefe den Einschnitten unserer Schränkeisen entspricht[20]. Man nimmt an, daß es sich um ein Schnitzmesser eines Tischlers handelt, der den Einschnitt zum Schränken der Sägen verwendete.
In den Pfahlbauten zu Wollishofen am Züricher See fand man ein Stück von einem Sägeblatt, das hinter einer Reihe von Zähnen eine eigenartige Strichteilung enthält. Es scheint so, als ob der Handwerker sich ehemals diese Teilung zuerst gemacht habe, um danach die Zähne in gleichen Abständen einfeilen zu können. Die Wiedergabe der Photographie (siehe unten) ist leider nicht so deutlich wie das Originalstück, das sich im römisch-germanischen Zentralmuseum in Mainz befindet.[21]
Das römische Altertum kannte neben diesen verschiedenartig gezahnten Sägen für Holz die ungezahnte Säge für Stein. Plinius, der Verfasser der römischen Naturgeschichte, berichtet ums Jahr 77 unserer Zeitrechnung[22] über den Marmor: »das Schneiden geschieht durch Sand und nur scheinbar durch Eisen, denn die Säge drückt in sehr schmaler Linie auf den Sand, wälzt denselben durch Hin- und Hergehen, und schneidet so unmittelbar durch die Bewegung.« Das ist die gleiche Technik des Steinsägens, die wir noch heute ausführen.
Die großen Sklavenmassen des Altertums verrichteten alle, auch die schwierigsten und eintönigsten Arbeiten, und so kam es, daß die Maschine nur da einzugreifen brauchte, wo der Sklavenarm nicht zufassen konnte. Das Altertum kannte Windräder, Wasserräder und Göpel, aber es verwendete sie nur selten, weil Mühlen, Pumpen und andere Maschinen von Sklaven bewegt wurden.
Eine der wenigen Nachrichten über Wasserkraftanlagen des Altertums bezieht sich auf Sägemühlen. Der römische Dichter Ausonius besingt ums Jahr 369 n. Chr. in seinem Mosel-Gedicht (Vers 361) mit wenigen Worten, daß man an der Roer Steinsägen durch Wasserräder betreibe.
Diese Nachricht von einem mechanischen Sägewerk bleibt aber lange vereinzelt.
Im Gotischen ist eine Benennung für das Sägewerkzeug nicht nachweisbar. Im Altnordischen heißt das Werkzeug »sog«, im Angelsächsischen »saga« und »sagu« und im Althochdeutschen schrieb man »saga« und »sega«. Moritz Heyne, der ausgezeichnete Kenner der deutschen Vergangenheit, glaubt[23], daß das alte, unvollkommene, heimische Sägewerkzeug, wie es uns aus Funden der Stein- und Bronzezeit bekannt ist, nach römischen Vorbildern in Deutschland zu einem leistungsfähigen Instrument für die Bauleute wurde. Ich kann dieser Ansicht nicht beistimmen. Sie ist eine rein philologische. Wir wissen ja nicht einmal lückenlos, was die Römer an Sägen hatten. Ein paar Textstellen und die wenigen zufällig erhaltenen, hier auf Seite 13 bis 19 abgebildeten großen Sägen sind uns bekannt. Jeder Tag kann uns einen neuen Fund, ein neues Relief bringen und uns mit neuen Formen bekannt machen. Alles, was wir heute über Geschichte der Technik schreiben, ist von dem zufällig erhaltenen Material abhängig und deshalb bin ich sehr vorsichtig, etwas Wahrscheinliches für etwas unbeugsam Sicheres auszugeben.
Neben dem gemeingermanischen Wort »saga« findet sich im Angelsächsischen auch die Bezeichnung »snîde«. Die Säge ist ethymologisch mit andern schneidenden Instrumenten verwandt. So heißt die Sense im Althochdeutschen »segansa«, die Pflugschar »seh«, die Sichel »sihhila« und das Messer »sahs«. Ursprünglich gehen diese Worte auf die lateinische Bezeichnung für »schneiden« = »secare« zurück. Bemerkenswert ist, daß man im Althochdeutschen unter einer Saga oder Sega auch eine Feile verstand.
In einer lateinischen Bibel des 10. Jahrhunderts ist eine große Säge abgebildet, die einem Heiligen durch den Kopf gezogen wird. Die Zeichnung ist wohl ungenau, weil an dem Rahmen keine Spannung für das Sägeblatt zu sehen ist.[24].
Eine frühe mittelalterliche Malerei des Sägens findet sich in einer kostbaren Bilderhandschrift im Kloster Monte-Cassino in Italien. Die Handschrift ist im Jahre 1023 entstanden, enthält eine Übersicht über das menschliche Wissen und Können und ist mit vielen Malereien geziert. Wir sehen hier unten zwei Arbeiter, nach damaliger Sitte wenig bekleidet, beim Sägen. Das Bild gehört zum Abschnitt »Über den Marmor« und soll darstellen, wie eine Säule aus buntem Marmor in Platten zersägt wird. Wir sehen unten die hölzerne Befestigung der Säule, oben aber eine Rahmensäge, wie sie die Tischler benutzen[24a]. Der Maler hat nicht bedacht, daß man Steine mit einer ungezähnten Säge zerteilt.
Eine einzähnige Säge wird uns ums Jahr 1100 von einem Mönch Namens Theophilus beschrieben, der ein umfangreiches Buch mit Anweisungen für die Herstellung aller möglichen kirchlichen Geräte verfaßte. In dem Abschnitt über das Tauschieren beschreibt Theophilus eine Maschine, die ich hier mit aller Vorsicht rekonstruiert habe. Beim Tauschieren ritzt man das zu verzierende Eisen nach einer aufgetragenen Zeichnung ein und hämmert in dieser Ritz silberne oder goldene Fäden. Der Ritz muß möglichst gleichmäßig werden, sonst wird die Verzierung unansehnlich.