Die Republik des Südkreuzes: Novellen
Part 8
Plötzlich stand sie, die Wiedergespiegelte, von ihrem Sessel auf. Vor dieser Beleidigung erbebte ich. Doch etwas Unbesiegbares, etwas von außen her mich Zwingendes hieß auch mich aufstehen. Und die Frau im Spiegel trat einen Schritt vor. Ich gleichfalls. Und die Frau im Spiegel streckte ihre Hände aus. Ich gleichfalls. Mit ihren hypnotisierenden und befehlenden Augen sah sie mir gerade ins Gesicht und bewegte sich vorwärts, und ich schritt ihr entgegen. Und merkwürdig: trotz all des Entsetzens meiner Lage, trotz all meines Hasses auf meine Gegnerin zitterte irgendwo in den Tiefen meiner Seele der seltsame Trost und die versteckte Freude, daß ich nun endlich in jene geheimnisvolle Welt, zu der ich seit der Kindheit mich hingezogen fühlte, und die mir bis heute verschlossen blieb, hineintreten würde. In einigen Augenblicken wußte ich nicht einmal, wer eigentlich den anderen zu sich zöge: sie mich oder ich sie; verlangte sie nach meinem Platz, oder hatte ich diesen Kampf mir nur erdacht, um sie zu verdrängen.
Doch als meine Hände beim Vorwärtsbewegen am Spiegel ihre Hände berührten, erstarb ich förmlich vor Abscheu. Aber _sie_ faßte mich gewaltig an den Händen und zog mich krampfhaft zu sich. Meine Hände versanken im Glase, als wie in feurigkühlem Wasser. Die Kälte des Glases drang unter furchtbaren Schmerzen in meinen Körper, als ob alle Atome meines Wesens ihr gegenseitiges Verhältnis veränderten. Und schon nach einem Augenblicke berührte mein Gesicht das Gesicht meiner Gegnerin, sahen meine Augen die ihren ganz vor sich, verschmolz ich mit ihr in einem ungeheuerlichen Kusse. Alles verschwand vor diesem quälenden Leiden, dem nichts vergleichbar ist, und aus dieser Ohnmacht erwachend, sah ich vor mir mein Boudoir, auf das ich _aus_ dem Spiegel hinabschaute. Meine Nebenbuhlerin stand vor mir und lachte. Und ich, -- o Grausamkeit! -- ich, die vor Qual und Erniedrigung erstarb, ich mußte gleichfalls lachen, alle ihre Grimassen wiederholen, ihr triumphierendes und helles Lachen. Und, ehe ich noch meinen Zustand ganz erfassen konnte, drehte sich meine Nebenbuhlerin plötzlich um, schritt zur Türe, verschwand vor meinen Augen und dann befiehl mich die Erstarrung des Nichtseins.
Darnach begann mein Leben als Spiegelbild. Ein seltsames halbbewußtes, wenn auch heimlich süßes Leben. Wir waren viele in diesem Spiegel, dunkle Seelen voll träumender Erkenntnisse. Wir konnten miteinander nicht sprechen, fühlten aber unsere Nähe und liebten einander. Wir sahen nichts, wir hörten nur unklar, und unser Sein war wie eine Ermattung in der Unmöglichkeit, zu atmen. Und nur wenn ein Wesen aus der Menschenwelt an den Spiegel herantrat, konnten wir, die wir plötzlich sein Bildnis annehmen mußten, in die Welt sehen, die Stimmen unterscheiden, mit voller Brust atmen. Ich denke, daß das Leben der Toten ähnlich sein müßte, ein unklares Bewußtsein des eigenen Ich, dunkle Erinnerung an das Frühere und das peinigende Verlangen, wenn auch nur auf einen Augenblick, wieder Gestalt zu gewinnen, zu sehen, zu hören, zu sprechen . . . Und jeder von uns hegte und pflegte den verheißenen Traum, sich zu befreien, einen neuen Körper zu finden und wieder der Welt der Beständigkeit und Unerregtheit anzugehören.
Die ersten Tage fühlte ich mich in meiner neuen Lage sehr unglücklich. Ich wußte und verstand noch nichts. Gehorsam und sinnlos nahm ich das Bildnis meiner Gegnerin an, wenn sie sich dem Spiegel näherte um mich zu verhöhnen. Und sie tat das ziemlich oft. Es bereitete ihr ein großes Vergnügen, vor mir mit ihrer Lebendigkeit und ihrer Realität zu kokettieren. Sie setzte sich und auch ich mußte mich setzen, sie stand auf und triumphierte, da sie sah, daß auch ich aufstand, breitete die Arme aus, tanzte, zwang mich, ihre Bewegungen zu verdoppeln und lachte, lachte, damit auch ich lachen müßte. Sie schrie mir Beleidigungen ins Gesicht, und ich konnte ihr nicht antworten. Sie drohte mir mit der Faust und verspottete meine unbedingte Wiederholungsgeste. Und mit einem Stoße drehte sie dann plötzlich den Spiegel um seine Achse und mit einem Schwunge stürzte sie mich in das Nichtsein.
Allein die Beleidigungen und Erniedrigungen erweckten in mir allmählich die Erkenntnis. Ich begriff, daß meine Gegnerin jetzt mein Leben lebe, meine Toiletten gebrauche, die Frau meines Mannes sei und in der Welt meinen Platz einnehme. Das Gefühl des Hasses und das Verlangen nach Rache wuchsen in meiner Seele wie zwei feurige Blumen auf. Ich begann, mich bitter zu schmähen, weil ich aus Schwäche oder aus verbrecherischer Neugierde ihr die Möglichkeit gab, mich zu besiegen. Ich war überzeugt, daß diese Abenteurerin niemals über mich hätte triumphieren können, wenn ich ihr nicht selbst in ihren Listen geholfen hätte. Und nachdem ich mich ein wenig mit den Bedingungen meines neuen Seins bekannt gemacht hatte, entschloß ich mich, mit ihr in denselben Kampf zu treten, den sie mit mir geführt hatte. Wenn sie, der Schatten, es verstanden hatte, meinen Platz als wirkliche Frau einzunehmen, war denn ich, der Mensch, der nur zeitweilig zum Schatten wurde, nicht stärker als diese Erscheinung?
Ich begann mit einem Umwege. Anfangs stellte ich mich, als quälte mich der Hohn meiner Gegnerin immer unerträglicher. Ich ließ sie absichtlich alle Süßigkeit des Sieges spüren. Und da ich das vergehende Opfer spielte, reizte ich in ihr alle geheimen Henkerinstinkte. Sie fiel auf dieses Lockmittel herein. Das Spiel mit mir lockte sie. Indem sie immer neue Martern für mich ersann, verschwendete sie ihre Phantasie. Sie erfand tausend Listen, um mir immer und immer noch einmal zu beweisen, daß ich nur eine Erscheinung wäre, und daß ich kein eigenes Leben mehr hätte. Bald spielte sie vor mir auf dem Klavier und quälte mich mit der Tonlosigkeit meiner Welt. Bald saß sie vor meinem Spiegel, trank langsam meine geliebten Liköre und zwang mich, so zu tun, als würde auch ich trinken. Bald endlich führte sie in mein Boudoir Menschen, die ich verachtete, erlaubte ihnen vor meinen Augen ihren Körper zu küssen, und überließ es dabei ihnen, zu denken, daß sie mich küßten. Und wenn sie dann mit mir allein war, lachte sie mit bösem und triumphierenden Lachen. Doch dieses Lachen verletzte mich nicht mehr; seine Schärfe trug eine Süßigkeit: meine kommende Rache!
In den Stunden, wenn sie mich kränkte, zwang ich meine Gegnerin unmerklich, mir in die Augen zu sehen, begann ich allmählich, ihren Blick zu beherrschen. Bald lag es schon in meiner Gewalt, ihre Lider zu heben oder zu senken, diese oder jene Bewegung ihres Gesichtes hervorzurufen. Und schon begann ich, zu triumphieren, wenn ich auch dieses unter der Maske des Leides verbarg. Meine seelischen Kräfte wuchsen, und ich erkühnte mich, meinem Feinde zu befehlen: heute wirst du dieses tun, heute wirst du dorthin fahren, morgen wirst du zu mir um diese Zeit kommen. Und _sie_ führte es aus! Ich verwickelte ihre Seele in das Netz meiner Wünsche, spann einen festen Faden, mit dem ich ihren Willen hielt und wenn ich meine Erfolge bemerkte, triumphierte ich insgeheim. Als sie dann einmal in den Stunden ihres Lachens auf meinen Lippen plötzlich das siegessichere Lächeln bemerkte, war es schon zu spät. _Sie_ lief damals in heller Wut aus dem Zimmer, doch während ich wieder in den Schlaf meines Nichtseins zurückfiel, wußte ich doch, daß sie morgen wiederkehren würde, wußte, daß sie mir gehorchen würde! Und der Jubel des Sieges schwebte über meiner willenlosen Schwäche, zerschnitt das Dunkel meines Halbtodes als regenbogenfarbener Fächer.
Sie kehrte zurück! In Zorn und Furcht kehrte sie zu mir zurück, schrie mich an und drohte mir. Ich aber erteilte ihr Befehle. Und sie mußte mir gehorchen. Es war wie das Spiel der Katze mit der Maus. Zu beliebiger Stunde konnte ich sie wieder in die Spiegeltiefe stürzen, selbst aber hinaustreten in die tönende und feste Wirklichkeit. Sie wußte, daß dieses von meinem Willen abhinge, und dieses Bewußtsein quälte sie zweifach. Doch ich zauderte. Es war mir angenehm, zu Zeiten im Nichtsein zu sein. Es war mir angenehm, mich mit der Möglichkeit zu berauschen. Endlich (und dieses ist gewiß merkwürdig) erwachte in mir das Mitleid mit meiner Gegnerin; die mein Feind war, mein Henker. Allein es war in ihr etwas von mir und es war mir furchtbar, sie so aus der Klarheit des Lebens hinauszureißen und sie in einen Schatten zu verwandeln. Ich schwankte und wagte es nicht, verlängerte die Frist von Tag zu Tag und wußte eigentlich selbst nicht, was ich wollte und was mich erschreckte.
Und plötzlich, an einem hellen Frühlingstage, traten in das Boudoir Menschen mit Brettern und Beilen. Ich war unlebendig, ich lag in einer süßen Erstarrung, aber wenn ich auch nichts sah, so begriff ich doch, daß sie hier wären. Die Leute begannen in der Nähe des Spiegels, der mir zum Weltall geworden war, sich zu beschäftigen. Und eine nach der anderen erwachten die Seelen, die mit mir den Spiegel bewohnten, und nahmen den Körper der Erscheinung, die Form des Spiegelbildes an. Furchtbare Unruhe erregte meine träumende Seele. Im Vorgefühle des Entsetzens, im Vorgefühle des schon nicht mehr gutzumachenden Verderbens sammelte ich all die Macht meines Willens. Welche Anstrengung kostete es mich, mit der Entrücktheit eines halben Seins zu kämpfen. So kämpfen lebendige Leute manchmal mit einem Alpdrücken, wenn sie sich aus seinen quälenden Ketten zur Wirklichkeit befreien wollen.
Ich konzentrierte alle Kräfte der Suggestion in den Ruf, den ich ihr, meiner Gegnerin, zurief: »komm her!« Ich hypnotiserte und magnetisierte sie mit der ganzen Anstrengung meines träumenden Willens. Und ich hatte so wenig Zeit. Schon bewegte sich der Spiegel. Schon hatte man vor, ihn in das Brettergrab zu legen, um ihn fortzuführen: wohin, das war mir unbekannt. Und so in letztem tödlichem Triebe rief ich wieder und wieder: »komm! . . .« Und plötzlich fühlte ich, daß ich lebendig wurde. _Sie_, mein Feind, öffnete die Thüre; und bleich und halbtot kam sie mir entgegen, gehorchte sie meinem Rufe, wenn auch mit Schritten, die sich sträubten, als würde sie zum Richtplatz gehen. Mit meinen Augen umschloß ich ihre Augen, fesselte ihren Blick mit meinem Blicke und dann wußte ich, daß ich siegen würde.
Ich zwang sie, die Leute aus dem Zimmer hinauszuschicken. _Sie_ gehorchte und machte nicht einmal den Versuch, sich zu widersetzen. Und wieder waren wir allein. Ich durfte nicht länger zögern. Außerdem konnte ich ihr ihre Tücke nicht verzeihen. Mitleidlos befahl ich ihr, mir entgegenzugehen. Ein Stöhnen der Qual entrang sich ihren Lippen, ihre Augen erweiterten sich wie vor einem Gespenste, doch sie kam, taumelte, fiel, -- sie kam. Und auch ich ging ihr entgegen, mit Lippen, welche der Triumph verzog, mit Augen, welche die Freude weit geöffnet hatte, und mit Schritten, die vor trunkenem Jubel taumelten. Und wieder berührten sich unsere Hände, wieder näherten sich unsere Lippen und wir stürzten eine in die andere, verbrannt vom unnennbaren Schmerze der neuen Verkörperung. Und schon nach einem Augenblick stand ich _vor_ dem Spiegel, meine Brust füllte sich mit Luft und ich schrie laut und sieghaft auf und fiel hin, fiel vor dem Trumeau nieder vor Ermattung.
Mein Gatte, die Menschen liefen in das Zimmer. Ich konnte nur sagen, daß man meinen früheren Befehl ausführen möge, diesen Spiegel ganz und für immer aus dem Hause fortzutragen. Dann verlor ich das Bewußtsein.
Man legte mich ins Bett. Man berief einen Arzt. Ich bekam nach all dem Erlebten ein Nervenfieber. Meine Verwandten hielten mich schon lange für krank und unnormal. Im ersten Jubel war ich so unvorsichtig, ihnen alles, was mit mir geschehen war, zu erzählen. Meine Erzählung bestärkte nur ihren Verdacht. Man führte mich in ein psychiatrisches Krankenhaus über, in dem ich mich auch jetzt noch befinde. Ich bin davon überzeugt, daß mein ganzes Wesen noch immer tief erschüttert ist. Doch ich darf nicht lange hier bleiben. Mir blieb noch eine Sache, eine Aufgabe, die ich bald schon ausführen muß.
Ich zweifle nicht an meinem Siege, nein, nein! Ich weiß, daß ich Ich bin. Doch sobald ich an jene denke, die jetzt in meinem Spiegel eingeschlossen ist, so erfüllt mich eine seltsame Ungewißheit: wie, wenn mein wirkliches Ich dort wäre? Dann würde ich selbst, ich, die dieses hier denkt, ich, die dieses hier schreibt, ein Schatten sein, eine Erscheinung, ein Spiegelbild. In mich strömten nur die Erinnerungen, Gedanken und Gefühle jener über, die mein anderes Ich ist, mein wirkliches. Und tatsächlich wäre ich noch immer im Nichtsein der Spiegeltiefe, würde mich quälen, würde ermatten, sterben. Ich weiß, o, ich weiß es fast genau, daß dieses nicht wahr ist. Doch um die letzten Wolken des Zweifels zu zerstreuen, muß ich wieder, nur noch einmal, das letztemal in jenen Spiegel schauen. Noch einmal muß ich in ihn sehen, um mich zu überzeugen, daß dort die Usurpatorin ist, mein Feind, der meine Rolle während einiger Monate spielte. Ich werde dies sehen, und alle Bedrücktheit meiner Seele wird weichen, und ich werde wieder sorgenlos klar und glücklich sein. Wo ist dieser Spiegel, wo werde ich ihn finden? Ich muß, o, ich muß noch einmal hineinschauen, schauen in seine Tiefe! . . .
Das Köpfchen aus Marmor
Erzählung eines Landstreichers
Man verurteilte ihn wegen Diebstahls zu einem Jahr Gefängnishaft. Mich intrigierten das Benehmen des Alten vor dem Gerichte, wie auch die eigenen Umstände des Verbrechens. Ich erreichte eine Zusammenkunft mit dem Verurteilten. Anfangs hatte er eine gewisse Scheu vor mir, schwieg, dann aber erzählte er mir doch sein Leben.
-- Sie haben Recht, begann er, ich sah einst bessere Tage, war nicht immer ein Herumtreiber, schlief nicht immer in den Nachtasylen. Ich genoß eine ganz gute Erziehung, ich wurde ein Techniker. Als ich jung war, da hatte ich schon Geld, lebte geräuschvoll: jeden Tag irgend eine Abendgesellschaft, ein Ball, und alles endete immer mit einem Saufgelage. An diese Zeit erinnere ich mich gut, selbst an Kleinigkeiten. Aber in meinen Erinnerungen ist eine Lücke und um sie auszufüllen, würde ich den ganzen Rest meiner lumpigen Tage hingeben: nämlich alles, was in Bezug zu Nina steht.
Sie hieß Nina, gnädiger Herr, ich bin davon überzeugt, daß sie Nina hieß. Sie war mit einem armen Eisenbahnbeamten verheiratet. Sie waren arm. Aber wie verstand sie es, in dieser kläglichen Atmosphäre vornehm zu sein und so besonders fein! Sie kochte selbst, aber ihre Hände waren wie gemeißelt. Aus ihren billigen Fetzen nähte sie sich wundervolle Träume. Ja und auch alles alltägliche, das mit ihr in Berührung kam, wurde so ungewöhnlich, so phantastisch. Ich selbst wurde unter ihrem Einfluß ein anderer, besserer, schüttelte von mir wie Regentropfen alle Gemeinheit des Lebens ab.
Gott verzeih ihr die Sünde, daß sie mich liebte. Rings war alles so ungeschliffen, daß sie mich lieben mußte, mich, den jungen, hübschen, der so viel Verse auswendig konnte. Doch wo ich mit ihr bekannt wurde und wie, dessen kann ich mich schon nicht mehr entsinnen. Aus dem Dunkel reißen sich einige Bilder. Wir sind im Theater. Sie ist glücklich und lustig (o, wie selten das bei ihr vorkam!), trinkt sozusagen jedes Wort des Schauspieles, lächelt mir zu . . . O, dies Lächeln kenn ich noch. Dann sind wir irgend wo zu zweien. Sie neigt den Kopf und sagt mir: »Ich weiß, du, mein Glück, wirst nicht lange bei mir verweilen; sei es immerhin, ich habe doch gelebt.« O diese Worte kenn ich noch. Doch was gleich danach war, -- und ist dies mit Nina überhaupt wahr? Ich weiß nicht.
Natürlich verließ ich sie. Mir erschien das so selbstverständlich. Vor mir lag eine glänzende Zukunft und ich konnte mich durch irgend eine romantische Liebe nicht binden lassen. Es war mir schmerzlich, sehr schmerzlich, aber ich bekämpfte das und sah darin sogar eine Tat, daß ich dieses Weh überstand. Ich hörte, daß Nina rasch darauf mit ihrem Mann nach dem Süden gereist sei und bald gestorben. Doch Erinnerungen und Gespräche von ihr peinigten mich damals so sehr, daß ich alle Nachrichten vermied. Ich bemühte mich, nicht an Nina zu denken. Weder ihr Porträt noch ihre Briefe hatte ich mehr und nichts erinnerte mich an sie. Und natürlich vergaß ich dann auch ihr Gesicht, ihren Namen, unsere ganze Liebe, begreifen Sie bitte, vergaß alles. Sie verschwand aus meinem Leben, als wäre sie nie darin gewesen. Und es ist etwas Schmähliches für einen Menschen, so zu vergessen.
Nun, die Jahre vergingen. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erzählen, wie ich Karriere machte. Von Nina getrennt, dachte ich natürlich nur an äußeren Erfolg, an Geld. Eine Zeit hindurch erreichte ich fast mein Ziel, lebte im Auslande, heiratete, hatte Kinder. Dann kamen die Verluste: die Frau starb; mit den Kindern vertrug ich mich nicht, gab sie zu Verwandten und, Gott verzeih mir, weiß jetzt nicht mal, ob meine Jungen noch leben. Natürlich trank ich. Dann eröffnete ich ein Geschäft, es kam nichts dabei heraus, ich verlor nur mein letztes Geld und meine letzten Kräfte. Zum Schluß sank ich bis zu dem, als den Sie mich heute hier sehen. In den letzten Jahren beschäftigte ich mich einige Monate, als ich nicht trank, als Arbeiter in den Fabriken. Doch wenn ich trank, kam ich auf den Trödelmarkt und in die Nachtasyle. Auf die Menschen war ich furchtbar wütend und träumte immer, das Schicksal würde sich ändern, ich würde wieder reich werden. Meine neuen Kameraden verachtete ich deshalb, weil sie diese Hoffnung nicht hatten.
So trieb ich mich denn einmal frierend und hungrig auf irgend einem Hofe herum, weiß der Teufel warum, ich glaube, der Zufall führte mich. Plötzlich ruft mich ein Koch an: »Lieber, bist du nicht am Ende ein Schlosser?« »Das bin ich,« antwortete ich. Man hieß mich ein Schreibtischschloß zurecht machen. Ich wurde in ein prachtvolles Kabinett geführt; überall Vergoldung und Bilder. Ich arbeitete, reparierte, was nötig war, und die Gnädige gab mir einen Rubel. Das Geld nehmend, erblickte ich plötzlich ein auf einer Säule stehendes Köpfchen aus Marmor. Ich ersterbe, schaue es an und will meinen Augen nicht trauen: es war Nina!
Ich sage Ihnen, lieber Herr, ich hatte Nina völlig vergessen und dort begriff ich es erst, daß ich sie vergessen. Ich schaue, zittere fast und frage: »Gnädige Frau, gestatten Sie zu fragen, was das für ein Köpfchen ist?« »Das,« antwortet sie, »ist eine sehr teuere Sache, die vor fünfhundert Jahren gemacht ist, im XV. Jahrhundert.« Nannte mir auch den Namen des Künstlers, den ich aber nicht behielt, sagte, daß ihr Mann dies Köpfchen aus Italien mitgebracht hätte und hieraus wäre eine ganze diplomatische Affäre zwischen dem italienischen und dem russischen Kabinett entstanden. »Sagen Sie mal,« fragte mich die Gnädige, »gefällt Ihnen das Köpfchen? Was haben Sie für einen unmodernen Geschmack! Die Ohren,« sagt sie, »sind nicht am Platze, die Nase ist unregelmäßig . . .« und schwatzt! und schwatzt!
Wie verhext lief ich aus dem Hause. Das war nicht nur Ähnlichkeit, das war ein Porträt, sogar noch mehr, das war wirkliches Leben im Marmor. Sagen Sie mir bitte, durch welch ein Wunder konnte ein Künstler des XV. Jahrhunderts diese selben mir so bekannten kleinen, ein wenig tief angesetzten Ohren schaffen, diese selben kaum mandelförmigen Augen, die unregelmäßige Nase und die lange zurückgelehnte Stirn, aus denen sich ganz unerwartet das schönste, das reizendste Frauengesicht zusammensetzte? Welch ein Wunder ließ zwei völlig gleiche Frauen leben, die eine im XV. Jahrhundert, die andere -- in unseren Tagen? Denn daß jene, nach welcher der Marmorkopf gemacht wurde, nicht nur im Gesicht, sondern auch dem Charakter, der Seele nach völlig gleichartig, ja identisch mit Nina war, kann ich nicht bezweifeln.
Dieser Tag gestaltete mein ganzes Leben um. Ich begriff sowohl die ganze Niedrigkeit meiner Aufführung im Vergangenen, als auch die Tiefe meines Sturzes. Ich begriff, daß Nina der Engel war, den mir das Schicksal sandte und den ich zu erkennen hatte. Es ist unmöglich, das Vergangene ungeschehen zu machen. Doch gierig begann ich, alle Erinnerungen an Nina zu sammeln, so wie man zuweilen die Scherben einer zerbrochenen kostbaren Vase aufliest. O, wenig war es! Trotz aller Mühe konnte ich nichts Ganzes zusammenstellen. Es waren nur Splitter, Trümmer. Doch wie jubelte ich, wenn es mir gelang, in meiner Seele irgend etwas Neues zu finden. Nachdenkend und mich erinnernd verbrachte ich ganze Stunden; man lachte über mich und doch war ich glücklich. Ich bin alt, es ist für mich zu spät, mein Leben von neuem zu beginnen. Aber noch kann ich meine Seele von schlechten Gedanken befreien, von Menschenhaß und vom Murren auf den Schöpfer. Und in der Erinnerung an Nina fand ich diese Reinigung und Befreiung.
Ich hatte ein leidenschaftliches Verlangen, die Statue noch einmal zu sehen. Ich strich ganze Abende in der Nähe des Hauses, in welchem sie stand, herum und bemühte mich, das Köpfchen aus Marmor zu erblicken, doch es stand zu weit von den Fenstern. Ganze Nächte verbrachte ich vor dem Hause. Ich sah alle in ihm Lebenden, merkte mir die Verteilung der Zimmer, knüpfte mit der Bedienung Bekanntschaften an. Im Sommer fuhren die Besitzer aufs Land. Und länger konnte ich mein Verlangen auch nicht bekämpfen. Ich glaubte, daß, wenn ich noch einmal die marmorne Nina ansehen könnte, ich mich an alles erinnern würde, an alles bis zum Ende. Das wäre mein letztes Glück gewesen. Und ich entschloß mich zu dem, wofür man mich verurteilt hat. Sie wissen, daß es mir nicht gelang, man ergriff mich schon im Vorzimmer. Auf dem Gericht stellte sich heraus, daß ich in den Zimmern schon einmal als Schlosser war, und daß man mich nicht selten in der Nähe des Hauses hatte herumlungern gesehen . . . Ich bin ein Bettler, da hab ich dann eben die Schlösser erbrochen . . . Übrigens ist die Geschichte aus, gnädiger Herr!
-- Aber wir wollen appellieren, sagte ich, man wird Sie freisprechen.
-- Wozu? entgegnete der Alte. Weder betrübt, noch schändet meine Verurteilung jemanden, und ist es nicht imgrunde gleich, wo ich an Nina denke, im Nachtasyl oder im Gefängnis?
Ich fand nichts zu erwidern, doch, indem mich der Alte mit seinen seltsamen verblichenen Augen ansah, sagte er plötzlich noch:
-- Eines beunruhigt mich. Wie, wenn Nina niemals existiert hätte? Wenn nur mein armer, durch Alkohol geschwächter Verstand sich die ganze Geschichte dieser Liebe erdacht hätte, während ich das Köpfchen aus Marmor ansah?
End of Project Gutenberg's Die Republik des Südkreuzes, by Waleri Brjussow