Die Republik des Südkreuzes: Novellen

Part 7

Chapter 73,671 wordsPublic domain

Ich erschuf mir für meine Traumgesichte eine passende Umgebung. Das war irgendwo tief unter der Erde ein geräumiger Saal. Er wurde vom roten Feuer zweier riesiger Öfen beleuchtet. Die Wände waren augenscheinlich eisern. Der Boden aus Stein. Dort befanden sich alle üblichen Marterapparate: Schrauben, Pfähle, Sitze mit spitzen Nägeln, Geräte zum Strecken der Muskeln und zum Aufwickeln der Gedärme, Messer, Zangen, Peitschen, Sägen, glühende Stangen und Rechen. Wenn ein glückseliges Geschick mir wieder die Freiheit gab, trat ich überzeugungsvoll in meinen geheimnisvollen Schlupfwinkel. Mit riesiger Willensanstrengung gelang es mir, wen ich wollte, in diese unterirdische Halle zu führen, zuweilen meine Bekannten, öfters aber solche, die nur in meiner Einbildung lebten; meistens waren es Mädchen und Jünglinge, schwangere Frauen und Kinder. Unter ihnen befanden sich auch einige, die ich zu meinen Lieblingsopfern erwählte. Ich kannte ihre Namen. An einigen lockte mich die Schönheit ihres Körpers, an anderen ihr tapferes Ertragen der größten Qualen, ihre Verachtung aller meiner Listen, während ich bei den dritten im Gegenteil ihre Schwäche, Willenslosigkeit, ihr Stöhnen und unnützes Beten liebte. Zuweilen und nicht einmal selten ließ ich auch die von mir bereits zu Tode gequälten wieder auferstehen, um mich noch einmal an ihrem Märtyrertode zu erfreuen. Anfangs war ich ganz allein, sowohl Henker als auch Zuschauer. Dann aber erschuf ich mir eine Schar unförmlicher Zwerge zu Gehilfen. Ihre Zahl wuchs nach meinem Belieben. Sie reichten mir die Marterinstrumente und lachend und mit Verrenkungen führten sie alle meine Befehle aus. Und mit ihnen feierte ich meine Orgien des Blutes und Feuers, der Schreie und Flüche.

Wahrscheinlich wäre ich so wahnsinnig, einsam und glücklich, wie ich es war, geblieben. Doch die wenigen Freunde, die ich noch hatte, hielten mich für krank und nahe dem Irrsinn, und wollten mich retten. Fast mit Gewalt zwangen sie mich, auszufahren, in Theater und Gesellschaften zu gehen. Ich hege auch den Verdacht, daß sie jenes Mädchen, das nachher meine Frau wurde, mir absichtlich in dem allerreizvollsten Lichte zeigten. Übrigens würde sich wohl kaum ein Mensch gefunden haben, der sie nicht der Anbetung würdig erklärt hätte. Alle Reize der Frau und des Menschen vereinten sich in ihr, die ich lieb gewann, die ich so oft mein nannte, und die ich in allen Tagen meines Lebens, die mir übrig geblieben sind, nicht aufhören werde, zu beweinen. Ihr aber zeigte man mich als einen Leidenden, als einen Unglücklichen, den man retten müsse. Sie begann mit Neugierde und ging dann zu der vollen, selbstvergessenden Leidenschaft über.

Lange Zeit hindurch wagte ich nicht, an eine Heirat zu denken. Wie stark das Gefühl auch war, das meine Seele unterjochte, mich erschreckte der Gedanke, meine Einsamkeit zu verlieren, die mir solche Weiten, in denen ich in Freiheit mich an meinen Traumgesichten berauschen konnte, erschloß. Doch das regelmäßige Leben, zu dem man mich zwang, trübte allmählich meine Erkenntnis. Aufrichtig begann ich, daran zu glauben, daß mit meiner Seele eine Umgestaltung geschehen könne, daß sie ihrer von den Leuten nicht anerkannten Wahrheit entsagen würde. Am Tage meiner Hochzeit gratulierten mir meine Freunde wie einem aus dem Grabe zur Sonne Erstandenen. Nach der Hochzeitsreise bezogen meine Frau und ich ein neues helles und heiteres Heim. Ich begann mir vorzureden, daß mich die Weltereignisse und Stadtneuigkeiten interessierten; ich las Zeitungen und unterhielt einen regen Verkehr. Und wieder lernte ich, am Tage munter zu sein. Nachts, inmitten der entrückten Liebkosungen zweier Liebender überfiel mich gewöhnlich ein toter, flacher Schlaf, der ohne Weiten war, ohne Bilder. In der kurzen Zeit meiner Blindheit war ich bereit, mich meiner Genesung zu freuen, meines Erwachens aus Wahnsinn zur Alltäglichkeit.

Doch natürlich niemals, o niemals! erstarb in mir das Verlangen nach anderen Trunkenheiten. Es wurde nur von der allzu faßbaren Wirklichkeit betäubt. Und selbst in den Flitterwochen des ersten Monats nach der Hochzeit fühlte ich irgendwo in den Tiefen meiner Seele den unersättlichen Hunger nach blendenderen und mehr erregenden Empfindungen. Mit jeder neuen Woche quälte mich dieses Verlangen immer unbesiegbarer. Und gleichzeitig mit ihm entstand in mir ein anderes unbezwingliches Verlangen, daß ich mir anfangs gar nicht einmal eingestehen wollte: das Verlangen, sie, meine Frau, die ich liebte, zu meiner nächtlichen Feier zu bringen, und ihr Gesicht bei den Qualen ihres Leibes verzerrt zu sehen. Ich kämpfte, kämpfte sehr lange und bemühte mich, meine Nüchternheit zu bewahren. Ich war bestrebt, mich mit allen Vernunftsgründen zu überzeugen, doch ich konnte ihnen nicht glauben. Und umsonst suchte ich Zerstreuung und floh das Alleinsein mit mir, die Versuchung wuchs in mir, und ich konnte ihr nicht entfliehen.

Und endlich gab ich ihr nach. Ich tat so, als hätte ich eine große religionsgeschichtliche Arbeit vor. In meine Bibliothek stellte ich breite Divans und verbrachte dort ganze Nächte. Etwas später verbrachte ich dort auch ganze Tage. Auf alle nur mögliche Weise verhüllte ich mein Geheimnis vor meiner Frau; ich zitterte bei dem Gedanken, daß sie in das eindringen würde, was ich so eifersüchtig hütete. Sie war mir noch ebenso teuer, wie zuvor. Ihre Liebkosungen waren mir nicht minder süß, wie in den ersten Tagen unseres Zusammenlebens. Doch eine größere Wollust trieb mich jetzt. Ich konnte ihr mein Benehmen nicht erklären. Ich zog es sogar vor, sie bei dem Gedanken zu lassen, daß ich sie nicht mehr liebe und ein Zusammensein mit ihr vermiede. Und tatsächlich glaubte sie das, quälte sich und wurde müde. Ich sah, wie sie bleicher wurde und hinschwand, sah, daß der Gram sie zum Grabe führen würde. Doch wenn ich, dem Triebe mich hingebend, ihr die früheren Liebesworte sprach, erblühte sie nur auf Augenblicke: sie glaubte mir nicht mehr, weil, wie es ihr schien, alle meine Taten meinen Worten widersprachen.

Doch wenn ich auch, wie früher, ganze Tage im Traume zubrachte und mich meinen Erscheinungen noch ungeteilter als vor der Hochzeit hingab, irgendwie hatte ich meine frühere Fähigkeit, völlige Freiheit zu gewinnen, verloren. Ganze Wochen verbrachte ich auf meinen Divans, erwachte nur, um mich mit ein wenig Wein oder Bouillon zu stärken und um eine neue Dosis des Schlafmittels einzunehmen, allein der erwünschte Augenblick kam nicht. Ich durchlebte die süßen Qualen des Alpdrückens, seine Pracht und Unerbittlichkeit, ich konnte mich an die Reihe der vielgestaltigen Träume erinnern, und sie vor mir aufrollen lassen, die Träume, die so konsequent und furchtbar in dieser triumphierenden Folgerichtigkeit waren, so wild und unlogisch, so entzückend und prachtvoll in dem Wahnsinn ihrer Verbindung, aber meine Erkenntnis blieb, wie von einem Wölkchen umhüllt. Mir fehlte die alte Macht, über den Traum zu verfügen, ich konnte nur jenes, was mir von außen herkam, belauschen und beschauen. Ich griff zu allen mir bekannten Mitteln und Rezepten, zu allen existierenden Giften: störte künstlich die Blutzirkulation, hypnotisierte mich selbst, gebrauchte Opium, Haschisch und alle anderen betäubenden Gifte, doch sie gaben mir nur ihre eigenen Zauber. Erwachend gedachte ich mit sinnloser Wut der anreizenden Erscheinungen, in denen ich kraftlos, wie ein Spielzeug eines fremden Willens, begraben war, und über die ich nicht zu herrschen vermochte. Ich verging vor Wut und Verlangen, aber, wie gesagt, ich war kraftlos.

Seit jener Zeit, in der ich zu dem unterbrochenen Rausch der Träume zurückkehrte, vergingen sechs Monate bis zu dem Tage, da mein verheißenes Glück wiederum mir zurückgegeben wurde. Im Traume fühlte ich plötzlich den mir so gut bekannten elekrischen Schlag und begriff, daß ich frei sei, daß ich schliefe, doch stark genug sei, über den Traum zu verfügen, daß ich alles ausführen könne, wonach ich verlangte und daß es doch nur ein Traum bleiben würde! Eine Welle unsagbaren Jubels überströmte meine Seele. Und da konnte ich auch schon nicht mehr der alten Versuchung widerstehen. Allerdings verlangte ich nicht mehr nach meiner unterirdischen Halle. Ich zog es vor, mich in jene Umgebung zu versetzen, an die _sie_ gewöhnt war, die sie sich selbst hergestellt hatte. Dies war ein noch mehr verfeinerter Genuß. Und gleichzeitig mit meinem zweiten Traumbewußtsein sah ich mich selbst in der Tür meiner Bibliothek stehen.

»Gehen wir, sagte ich zu meiner Erscheinung, gehen wir, _sie_ schläft jetzt und nimm einen schmalen Dolch mit dir, dessen Griff von Elfenbein sei.«

Ich gehorchte und ging den gewöhnlichen Weg durch die dunklen Zimmer. Es kam mir so vor, als würde ich nicht gehen, und nicht meine Füße bewegen, sondern fliegen, wie das ja immer im Traume so ist. Als ich durch den Saal ging, sah ich durchs Fenster die Dächer der Stadt und dachte: »dies alles ist in meiner Gewalt.« Die Nacht war ohne Mondschein, aber am Himmel funkelten die Sterne. Unter den Sesseln krochen meine Zwerge hervor, doch ich ließ sie verschwinden. Lautlos öffnete ich die Türe zum Schlafzimmer. Das Zimmer wurde von einem Lämpchen genügend erhellt. Ich trat an das Bett heran, in dem mein Weib schlief. Da lag sie, so schwach, so klein, so mager; ihre Haare, die sie des Nachts in zwei Zöpfe flocht, hingen vom Bett herunter. Neben dem Kopfkissen lag ein Tuch: sie hatte wohl geweint, da sie sich niederlegte, darüber geweint, daß sie mich wieder nicht erwarten konnte. Ein bitteres Gefühl schnürte mein Herz zusammen. In diesem Augenblick war ich bereit, an Mitleid zu glauben. Ich hatte sogar das Verlangen, vor ihrem Bette niederzuknien und ihre frierenden Füße zu küssen. Doch sofort erinnerte ich mich, daß dieses alles im Traume wäre.

Ein merkwürdig seltsames Gefühl quälte mich. Ich konnte mein geheimes Verlangen befriedigen, mit dieser Frau alles tun, was ich nur wollte. Und doch würde alles das nur mir bekannt bleiben. Und am Tage konnte ich sie wiederum mit allem Rausche der Zärtlichkeit umgeben, sie trösten, lieben und liebkosen . . . Indem ich mich über den Körper meiner Frau bückte, preßte ich mit fester Hand ihre Gurgel zusammen, so daß sie nicht schreien konnte. Jählings erwachte sie, öffnete die Augen und erbebte unter meiner Hand. Doch ich nagelte sie förmlich an das Bett, und in dem Bestreben, mich fortzustoßen, krümmte sie sich, war bemüht, mir etwas zu sagen und sah mich mit verstörten Augen an. Einige Sekunden lang sah ich sie voll unsagbarer Erregung an, dann aber stieß ich unter der Decke mit einem Schlage meinen Dolch in ihre Seite. Ich sah, wie sie erzitterte, sich streckte, noch immer nicht zu schreien vermochte, aber ihre Augen füllten sich mit Entsetzen und Tränen entströmten ihnen. Über meine Hand, die den Dolch hielt, floß das klebrige und warme Blut. Dann stieß ich langsam den Dolch mehrere Male in ihren Körper, riß die Decke von ihr und verwundete sie immer mehr, sie, die Nackte, die sich bedecken wollte, aufspringen, fortkriechen. Dann erfaßte ich sie am Kopfe und stieß den Dolch durch ihren Hals, dort, wo die Halsarterie ist, nahm alle meine Kraft zusammen und schnitt ihre Kehle durch. Gurgelnd strömte das Blut hervor, da sie sich noch im Todeskampfe zu atmen bemühte, ihre Hände wollten krampfhaft etwas greifen und fortwischen. Ein wenig später war sie schon unbeweglich.

Da ergriff eine so furchtbare Verzweiflung meine Seele, daß ich mich sofort zu erwachen bemühte, aber ich konnte es nicht. Ich machte alle Willensanstrengungen, ich erwartete, daß die Wände ihres Schlafzimmers plötzlich zerfallen würden, verschwinden, zerschmelzen, daß ich mich auf meinem Divan in der Bibliothek wieder sehen würde. Doch das Alpdrücken ging nicht vorüber. Der blutige und unförmliche Körper meines Weibes lag vor mir auf dem vom Blute überströmten Bette. Und in der Türe drängten sich mit Lichtern schon die Menschen, die hierherstürzten, als sie den Lärm des Kampfes hörten, und ihre Gesichter verzerrte das Entsetzen. Sie sprachen kein Wort, doch alle blickten mich an und ich sah sie.

Da begriff ich plötzlich, daß dieses Mal alles, was geschehen war, nicht im Traume geschah.

Im Spiegel

Aus dem Archiv eines Psychiaters

Ich liebte die Spiegel schon seit meinen frühesten Jahren. Als Kind weinte und zitterte ich oft, wenn ich in ihre durchsichtig-wahrhaftige Tiefe blickte. In der Kindheit war es mein Lieblingsspiel, durch die Zimmer und den Garten zu gehen, einen Spiegel vor mir herzutragen und in seinen Abgrund blickend, mit jedem Schritte den Rand zu überschreiten und vor Schrecken und Schwindlichkeit fast zu ersticken. Schon als Mädchen begann ich, mein ganzes Zimmer mit großen und kleinen, getreuen und ein wenig verzerrenden, klaren und etwas trüben Spiegeln zu füllen. Ich hatte mich gewöhnt, ganze Stunden, ganze Tage inmitten dieser sich kreuzenden, in einander übergehenden, taumelnden, verschwindenden und aufs neue erstehenden Welten zu verbringen. Meine einzige Leidenschaft wurde es, mich diesen lautlosen Fernen hinzugeben, diesen Perspektiven ohne Echo, diesen abgesonderten Welten, welche die unsere durchschneiden und, im Widerspruch zu der Erkenntnis, mit ihr gleichzeitig und am gleichen Platze existieren. Diese umgedrehte Wirklichkeit, die von uns durch die glatte Spiegelfläche getrennt und dem Tastvermögen irgendwie unerreichbar ist, zog mich immer an und lockte mich wie ein Abgrund oder ein Geheimnis.

Mich lockte auch jene Erscheinung, die immer, wenn ich an den Spiegel herantrat, vor mir erschien und mein Wesen seltsam verdoppelte. Ich bemühte mich, zu erraten, wodurch jene (die andere Frau) sich von mir unterscheide, und, wie es sein könne, daß ihre rechte Hand meine linke sei und daß alle Finger dieser Hand umgestellt wären, obgleich auf einem von ihnen sich eben mein Verlobungsring befand. Meine Gedanken begannen sich zu verwirren, kaum daß ich in dieses Rätsel eindringen wollte, um es zu lösen. In _dieser_ Welt, wo man sich an alles herantasten kann und wo Stimmen und Töne sind, da lebte ich, die Wirkliche; aber in jener _Spiegel_welt, die man nur sehen kann, lebte sie, die Erscheinung. Sie war fast wie ich und doch nicht völlig ich; sie wiederholte alle meine Bewegungen, und doch fiel nicht eine dieser Bewegungen mit dem zusammen, was ich tat. Jene (die andere) wußte, was _ich_ nicht erraten konnte, verfügte über jenes Geheimnis, das auf ewig meinem Verstande verborgen war.

Doch ich bemerkte, daß jeder Spiegel seine eigene Welt hätte, seine ihm eigentümliche. Man stelle auf ein und denselben Ort nacheinander zwei Spiegel, und es werden zwei verschiedene Welten entstehen. Und in verschiedenen Spiegeln erstanden verschiedene Erscheinungen vor mir, die alle mir ähnlich sahen und doch niemals miteinander identisch waren. In meinem kleinen Handspiegel lebte ein naives Mädchen, dessen klare Augen mich an meine früheste Jugend erinnerten. Im runden Boudoirspiegel verbarg sich ein schamloses, freies, schönes, kühnes Weib, das alle die verschiedenen Süßigkeiten der Liebkosungen erfahren hatte. In der viereckigen Spiegeltüre des Schrankes wuchs immer eine strenge, machtvolle, kalte Figur auf mit unerbittlichen Blicken. Ich kannte noch andere Doppelgänger von mir, in meinem Trumeau, in dem zusammenlegbaren, vergoldeten Triptychon, im Hängespiegel mit dem eichenen Rahmen, in dem Halsspiegelchen und in vielen und vielen, die ich bewahrte. All den Wesen, die sich in ihnen verbargen, gab ich Grund und Möglichkeit, zu erscheinen. Nach den seltsamen Gesetzen ihrer Welten mußten sie immer das Bildnis dessen annehmen, der sich vor das Glas stellte. Doch sie bewahrten in dieser angenommenen Äußerlichkeit ihre nur ihnen eigentümlichen Züge.

Es gab Spiegelwelten, die ich liebte; es gab aber auch solche, die ich haßte. Ich liebte es, mich in einige von ihnen auf ganze Stunden zu vertiefen und mich in ihren lockenden Räumen zu verlieren. Andere wiederum vermied ich. Heimlich liebte ich nicht alle meine Doppelgänger. Ich wußte, daß alle mir feindlich gesinnt wären, schon weil sie mein von ihnen gehaßtes Bildnis annehmen mußten. Doch einige der Spiegelfrauen bemitleidete ich, verzieh ihnen ihren Haß und verhielt mich zu ihnen fast freundschaftlich. Es gab aber auch solche, die ich verachtete, deren kraftlose Wut ich zu verlachen liebte, die ich mit meiner Selbständigkeit neckte, und mit der Macht, die mir über sie zustand, quälte. Dagegen gab es auch solche, die stärker als ich waren und sich erkühnten, ihrerseits über mich zu lachen und mir Befehle zu erteilen. Ich beeilte mich, von den Spiegeln, in denen diese Frauen lebten, freizukommen, sah sie nicht an, versteckte, verschenkte und zerschlug sie sogar bisweilen. Doch nach jedem Zerschlagen eines Spiegels mußte ich tagelang weinen, weil ich erkannte, daß ich ein Weltall vernichtet hatte. Und die vorwurfsvollen Gesichter einer vernichteten Welt sahen mich aus den Splittern drohend an.

Den für mich schicksalsvoll gewordenen Spiegel kaufte ich im Herbst auf irgend einem Ausverkaufe. Es war ein großes Trumeau, das sich in Scharnieren bewegte. Es überraschte mich durch die ungemeine Klarheit der Wiedergabe. Seine gespenstische Wirklichkeit veränderte sich bei der geringsten Verschiebung des Spiegels, aber sie war immer selbstständig und schrankenlos lebendig. Als ich während des Ausverkaufs das Trumeau besah, schaute die Frau, die mich in ihm vorstellte, mir mit einer hochmütigen Herausforderung in die Augen. Ich wollte ihr nicht nachgeben, ihr nicht zeigen, daß sie mich erschreckt hätte, kaufte darum das Trumeau und ließ es in mein Boudoir stellen. Als ich in meinem Zimmer allein war, trat ich sofort an den neuen Spiegel heran und heftete meine Augen in die meiner Gegnerin. Doch sie tat dasselbe und so voreinander stehend, begannen wir, wie Schlangen einander mit den Blicken zu durchbohren. In ihrer Iris spiegelte ich mich und sie sich in der meinen. Mein Herz erstarrte und mein Kopf begann sich vor diesem starren Blicke zu drehen. Durch eine Willensanstrengung riß ich endlich meine Augen von den fremden Augen, stieß mit dem Fuß an den Spiegel, so daß er zu schaukeln begann und sich das Bildnis meiner Gegnerin kläglich verzerrte, und verließ das Zimmer.

Seit jener Stunde begann unser Kampf. Am Abend des ersten Tages dieser Begegnung wagte ich nicht, mich dem neuen Trumeau zu nähern; ich war mit meinem Manne im Theater, ich lachte übermäßig, und man hielt mich für sehr lustig. Am andern Tage, im klaren Lichte eines Septembermorgens, betrat ich kühn mein Boudoir und setzte mich absichtlich gerade vor den Spiegel. Im selben Augenblick trat auch jene, die andere, in die Türe, kam mir entgegen, durchschritt das Zimmer und setzte sich mir gegenüber hin. Unsere Augen begegneten sich. Ich las in ihren Augen den Haß auf mich, sie in den meinen den auf sie. Unser zweiter Zweikampf begann, ein Zweikampf der Augen, zweier unerbittlicher Blicke, die befehlend waren, drohend, hypnotisierend. Jede von uns bemühte sich, den Willen ihrer Gegnerin zu besiegen, ihren Widerstand zu zerbrechen und sie ihrem Verlangen Untertan zu machen. Und es müßte furchtbar sein, so von der Seite zwei Frauen zu sehen, die einander regungslos gegenübersitzen, vom magischen Einfluß der Blicke gefesselt sind, und vor psychischer Anspannung das Bewußtsein verlieren . . . Plötzlich rief man mich. Der Zauber schwand. Ich stand auf und ging hinaus.

Nun wiederholten sich unsere Zweikämpfe jeden Tag. Ich begriff, daß diese Abenteurerin absichtlich in mein Haus eingedrungen war, um mich zu verderben, und um in unserer Welt meinen Platz einzunehmen. Doch schon war ich zu schwach, um diesem Kampfe zu entsagen. In dieser Rivalität lag für mich eine geheime Trunkenheit. Und schon in der Möglichkeit einer Niederlage versteckte sich eine süße Versuchung. Zuweilen zwang ich mich ganze Tage hindurch, nicht an das Trumeau heranzugehen, beschäftigte mich mit anderen Dingen, zerstreute mich, doch in der Tiefe meiner Seele blieb immer das Bild meiner Gegnerin, die meine Rückkehr zu ihr geduldig und siegessicher erwartete. Und ich kehrte zurück, und sie trat vor mich hin, noch triumphierender als früher, durchbohrte mich mit dem siegessicheren Blicke und nagelte mich vor sich an meinen Platz. Mein Herz blieb stehen, und in kraftloser Wut fühlte ich mich in der Gewalt dieses Blickes. Zuweilen, wenn ich nicht mit ihr war, kams mir in den Kopf, mein Haus zu fliehen, in eine andere Stadt zu fahren, um mich vor meinem Feinde zu verbergen, doch sogleich begriff ich dann, daß dies unmöglich wäre, daß ich dennoch, gehorsam der lockenden Kraft des feindlichen Blickes, hierher zurückkehren müßte, in dieses Zimmer, zu meinem Spiegel. Zuweilen wollte ich sein Glas zerschlagen, es in Splitter zertrümmern, diese unbekannte und mir drohende Welt vernichten, und zuweilen stürzte ich sogar mit irgend einem schweren Gegenstand in der Hand in Ekstase auf den Spiegel zu, aber das verächtliche Lächeln meiner Gegnerin hielt mich zurück. Ein so erkaufter Sieg wäre das Geständnis ihrer Macht und meiner Niederlage gewesen. Und so dauerte der Kampf, dauerte, um mit dem Siege einer von uns zu enden.

Allein bald schon fühlte ich, daß meine Gegnerin stärker war als ich. Mit jeder neuen Begegnung konzentrierte sich in ihrem Blicke eine immer größer und größer werdende Gewalt über mich. Allmählich verlor ich denn auch die Möglichkeit, sie einen Tag hindurch ganz zu fliehen. _Sie_ befahl mir täglich, mehrere Stunden vor ihr zu verbringen. _Sie_ beherrschte meinen Willen, wie der Magnetiseur den Willen der Somnambule. _Sie_ teilte mein Leben ein, wie die Herrin das Leben der Sklavin. Alles, was sie verlangte, mußte ich ausführen, und ich wurde zum Automaten ihrer schweigenden Befehle. Ich wußte, daß sie bedacht und vorsichtig, aber auf sicherem Wege mich zum Verderben führe, doch ich wehrte mich nicht mehr. Ich erriet ihren geheimen Plan: mich in die Welt der Spiegel zu bannen und selbst in unsere Welt hinauszutreten, doch schon hatte ich keine Kraft mehr, sie zu hindern. Mein Mann, meine Verwandten sahen, daß ich ganze Stunden, ganze Tage, ganze Nächte vor dem Spiegel verbrachte; sie hielten mich für verrückt und wollten mich heilen. Ich aber wagte es nicht, ihnen die Wahrheit zu enthüllen, es war mir verboten, ihnen die ganze furchtbare Wahrheit zu sagen, das ganze Entsetzen, dem ich entgegenging.

Einer jener Dezembertage vor den Feiertagen war der Tag meines Verderbens. Ich erinnere mich noch an alles, völlig klar, völlig genau bis in die Einzelheiten: in meiner Erinnerung hat sich nichts verwischt. Wie gewöhnlich betrat ich schon früh mein Boudoir, noch bevor es düster wurde. Vor den Spiegel stellte ich einen weichen Sessel ohne Rücklehne, setzte mich, und gab mich _ihr_ hin. Ohne zu zögern, erschien sie auf meinen Ruf, rückte gleichfalls einen Sessel heran, setzte sich und begann mich anzusehen. Dunkle Vorahnungen quälten meine Seele, aber ich hatte nicht die Macht, mein Gesicht zu senken und mußte den frechen Blick meiner Gegnerin in mir aufnehmen. Die Stunden vergingen, und es wurde finster. Keine von uns beiden zündete Licht an. Leise nur glänzte in der Dunkelheit das Glas. Und schon war kaum mehr etwas zu sehen, nur die siegessicheren Augen sahen mich mit der alten Kraft an. Ich fühlte weder Zorn noch Entsetzen, wie an anderen Tagen, nur eine unstillbare Trauer und die bittere Erkenntnis, daß ich ganz in der Gewalt der anderen wäre. Die Zeit floß hin, und ich schwamm mit ihr in die Unendlichkeit, in den schwarzen Raum der Schwäche und Willenslosigkeit.