Die Republik des Südkreuzes: Novellen
Part 6
Man rief mich an. Es war Anastasia. Sie saß auf dem Fußboden. Ich ließ mich neben ihr hin. Sie ergriff meine Hand, sie, die gewöhnlich so verhaltene, selbst in den Stunden der Saturnalien, warf sich aufschluchzend an meine Brust und sagte:
-- Und so ist alles aus, das ganze Leben, die ganze Möglichkeit zu leben. Lange Geschlechter, hunderte von Geschlechtern bereiteten meine Seele vor. Ich kann nur in der Pracht leben und atmen. Ich hab Flügel nötig, kann nicht kriechen. Ich muß über den anderen sein, ersticke, wenn allzuviele neben mir sind. Mein ganzes Leben liegt in jenen überzarten, jenen verfeinerten Erlebnissen, welche nur die Höhe ermöglicht! Wir, Treibhausblüten der Menschheit, müssen ja in Wind und Staub vergehen. Und ich will nicht, ich will nicht eure Freiheit und Gleichheit! Ich will lieber eure verschlagene Sklavin sein, als ein Genosse eurer Brüderlichkeit!
Sie schluchzte und ihre kleinen Fäuste ballend, drohte sie jemand. Ich suchte sie zu beruhigen, sagte, daß es noch zu früh wäre zu verzweifeln, unvernünftig, dem ersten Eindruck sich hinzugeben. Die Revolutionäre übertrieben natürlich ihren Sieg. Vielleicht würde morgen die Regierung sie aufs neue unterbekommen. Vielleicht wäre ihnen in der Provinz der Umsturz gar nicht gelungen . . . Doch Anastasia hörte mich nicht.
Plötzlich kam alles in Bewegung. Viele standen auf und andere hoben die Köpfe. Licht irrte -- und vor dem Altar stand Theodosius.
Zwei Diakonissinnen in weißen Gewändern trugen wie immer die hohen Leuchter vor ihm her. Er selbst war in schneeweißem Chitone, seine dunklen Locken fielen über seine Schultern, sein Gesicht war sehr ruhig und sehr streng. So stand er vor dem Altar, breitete segnend seine Hände und sprach. Seine Stimme drang in die Seele wie Wein.
-- Schwestern und Brüder! sagte er, für uns beginnt der Tag der Freude. Unser Glauben kann nicht sterben, denn er ist die ewige Wahrheit des Seins, und selbst unsere Denker tragen dies, wenn auch verborgen, wenn auch unbewußt, in sich. Unser Glaube ist das letzte Geheimnis der Welt, das man in allen Jahrhunderten gleich verehrt, auf allen Planeten. Für uns aber ist jetzt der Tag gekommen unsern Glauben zu bekennen vor allen Zeiten und der Ewigkeit. Wir dürfen uns der höchsten Leidenschaft angeloben: jener vor dem Tode. Erinnert euch, wie oft wir in sinnlicher Verzückung unsere Körper geißelten und wie der Schmerz die Süßigkeit des Verlöbnisses verdoppelte. Der Tod aber wird den Jubel verdreifachen, verzehnfachen. Der Tod wird weit öffnen die Pforten zur Ruhe, die ihr noch nicht wißt, zum blendenden Lichte, das ihr noch nicht kennt. Schwestern! Brüder! Der Augenblick letzter Vereinigung wird wie ein Blitz unser ganzes Sein durchdringen und noch unser letzter Atem wird ein Schrei sein unsagbaren Glückes. O ihr letzten Gläubigen, o ihr letzte Märtyrer des Glaubens, ich sehe, o ich sehe Kränze des Ruhmes auf euren Häuptern!
Ich bin fest davon überzeugt, daß in der Stimme des Theodosius sowohl wie in seinem Blicke eine hypnotische Kraft ist. Unter seinem Einfluß wurden alle im Dome wie umgewandelt. Ich sah ekstatische Gesichter. Ich hörte heroische Ausrufe.
Theodosius befahl, die Hymne zu singen. Jemand setzte sich an die Orgel. Die Luft wogte. Die Melodie erfüllte den dumpfen Raum, strömte zwischen uns hin, verflocht uns alle mit ihrem unüberwindlichen Netz in ein vielgesichtiges Wesen. Die Verse unseres großen Poeten rissen sich unwillkürlich von unseren Lippen los, so wie unwillkürlich der Ozean tönt im Rufe des Windes. Wir waren wie singende Saiten eines großen Orchesters, Stimmen gewaltiger Orgel, rühmend das ewige Rätsel, preisend schöpferische Leidenschaft.
3.
Etwas später rief man mich in den Rat der Ausführenden. Beim Schein der Kerzen versammelten wir uns im gewöhnlichen Zimmer des Rates. Kaum erkennbar waren die göttlichen Fresken an den Wänden. Theodosius war Vorsitzender.
Er sammelte alle Daten über den Lauf des Aufstandes. Die Lage war hoffnungslos. Die ganze Armee ging zu den Revolutionären über. Alle Generäle und höheren Offiziere waren arretiert und größtenteils schon verurteilt. Die Zentralfestung erlag dem Sturmangriff. Sämtliche Regierungsgebäude -- das Palais, das Parlament, die Polizeipräfektur -- nahm die Miliz ein. Die aus der Provinz kommenden Nachrichten meldeten betreffs der anderen Städte einen ähnlichen Erfolg des Aufstandes.
Die Frage wurde aufgeworfen, was zu tun sei. Die Mehrzahl schlug vor, sich zu ergeben und der Gewalt zu unterwerfen.
Theodosius schwieg zu all diesem. Dann nahm er aus einem Täschchen ein Papier und legte es uns zur Durchsicht vor. Das war eine der Proskriptionslisten des Zentralstabes. In ihr waren all jene aufgezählt, die in unserem Ausführenden Rate saßen, darunter auch ich. Uns alle hatte das Geheime Gericht zum Tode verurteilt.
Ein bedrücktes Schweigen begann. Theodosius sagte:
-- Brüder! Lasset uns die Schwächeren nicht in Versuchung führen. Zeigen wir diese Liste allen Gläubigen, so werden viele schwankend werden. Werden hoffen durch Verrat und Abtrünnigkeit sich das Leben zu kaufen. Aber die Liste verheimlichend, lassen wir sie an der großen Ehre teilnehmen, durch die Tat des Todes die Reinheit ihres Glaubens zu besiegeln. Erlauben wir ihnen denn mit uns zu teilen unser dreifach beneidetes Schicksal.
Jemand wollte erwidern, doch zaghaft. Theodosius näherte ruhig das Papier mit den Namen dem Licht und verbrannte es. Wir sahen, wie die kleine Rolle sich langsam in Asche verwandelte. Plötzlich klopfte eine Diakonissin. Ein Vertreter des Stabes begehrte uns zu sprechen.
Ein junger, entschlossener, zuversichtlicher Mensch trat ein. Im Namen der zeitweiligen Regierung verlangte er, daß ein jeder von uns sich in seine Wohnung verfüge. Ein besonderes Komitee würde, dies waren seine Worte, das Statut eures religiösen Bundes durchsehen und feststellen, ob er dem gesellschaftlichen Leben unschädlich sei.
Wir wußten, daß diese Worte nur Betrug seien, da wir schon verurteilt waren. Einige Augenblicke schwiegen alle. Die alsdann gesprochenen zwei Reden -- die des Theodosius und jene des Abgesandten -- kann ich auswendig. In kurzen Worten sprachen sich in ihnen zwei Weltanschauungen aus.
Dieses sprach Theodosius:
-- Die neue Regierung spricht umsonst mit uns diese lügnerische Sprache. Uns ist es schon bekannt, daß wir alle vom Geheimen Gericht zur Hinrichtung verurteilt sind. Wir wissen, daß unser heiliger Glauben von euch schon von vornherein als unsittliche Sekte gebrandmarkt ist. Aber wir erkennen eure Gewalt und euer Gericht nicht an. Wir stehen auf jenen Höhen der Erkenntnis, die ihr niemals erreichtet, und darum ist es nicht an euch, uns zu richten. Wenn ihr nur ein wenig bekannt seid mit dem Kulturleben eurer Heimat, so seht die hier Versammelten an. Wer sind diese? Die Blüte unserer Zeit: eure Poeten, Künstler, Denker. Wir sind der Ausdruck, wir, die Stimme jenes Lautlosen, Ewigstummen, das sich aus Einsen gleich euch zusammensetzt. Ihr seid die Finsternis; wir, das aus ihr sich gebärende Licht. Ihr, die Möglichkeit des Lebens; wir -- das Leben. Ihr seid der Boden, der not und nützlich ist nur dazu, daß aus ihm wachsen könnten Stengel und Blüten -- also wir. Ihr verlangt, wir sollen uns in unsere Häuser begeben und dort eure Dekrete erwarten. Wir verlangen, daß ihr auf den Händen uns zum Palais trüget und auf den Knien liegend unseren Willen entgegennähmet.
Du kennst ja den Theodosius. Kennst alle seine Fehler: seine Heuchelei und Kleinmütigkeit, seine kleinliche Ruhmsucht. Doch dieses Mal, seine letzte Predigt sprechend, war er wirklich groß und schön. Er war wie ein biblischer Prophet, sprechend zu aufrührerischem Volke, oder wie ein Apostel erster Christenzeit, irgendwo in den Katakomben des Kolosseums, inmitten Scharen von Märtyrern, die gleich in die Arena hinausgeführt werden, den Raubtieren zum Zerfleischen.
Und dieses antwortete der Abgesandte dem Theodosius:
-- Umso besser, wenn ihr euer Los schon kennt. Tausendjährige Versuche zeigten uns, daß morschen Seelen kein Platz im neuen Leben sei. Sie waren eine tote Kraft, die bisher all unsere Siege verhinderte. Nun, am Tage der großen Umgestaltung der Welt, entschlossen wir uns zu einem unumgänglichen Opfer. Wir wollen all die Toten, all die zur Neugeburt unfähigen von unserem Körper abhauen, wenn auch mit gleichem Schmerze, so doch auch mit gleicher Unerbittlichkeit, mit der man einen kranken Körperteil abschneidet. Und warum rühmt ihr euch, daß ihr Poeten und Denker wäret! In uns ist genug Kraft um ein ganzes Geschlecht von Weisen und Künstlern zu gebären, wie sie die Erde noch nie gesehen, wie ihr sie auch nicht einmal zu ahnen vermöget. Nur der fürchtet zu verlieren, in dem keine Kraft ist zu schaffen. Wir sind die schöpferische Kraft. Wir brauchen nichts Altes. Wir sagen uns von jedem Erbe los, weil wir uns unsere Schätze selbst schmieden wollen. Ihr seid das Vergangene, wir, das Künftige, aber das Gegenwärtige, das ist das Schwert in unseren Händen!
Lärm erhob sich. Alle sprachen gleichzeitig. Ich mußte schreien:
-- Ja! Barbaren seid ihr, die keine Vorfahren haben. Ihr verachtet die Kultur der Jahrhunderte, weil ihr sie nicht begreift. Ihr rühmt eure Zukunft, weil ihr geistig arm seid. Ihr seid eine Kugel, die schamlos den Marmor des Altertums zerschlägt!
Der Abgesandte des Milizstabes sagte zuletzt in offiziellem Tone:
-- Im Namen der zeitweiligen Regierung geb ich euch Zeit bis zum heutigen Mittag. In dieser Zeit habt ihr die Pforten eures Domes zu öffnen und euch in unsere Hände zu geben. Nur so werdet ihr hunderte von Leuten, die ihr durch Trug und Verführung an euch zogt, vor unnützem Tode bewahren. Das ist alles.
-- Und wenn wir nicht gehorchen? fragte Lycius.
-- Werden unsere Geschütze dieses Gebäude dem Erdboden gleich machen, und euch alle werden die Trümmer begraben.
Der Abgesandte entfernte sich.
-- Den Dom zerstören! wiederholte Lycius, unseren Dom, die wundervollste Schöpfung Leanders! Mit Statuen und Bildern der größten Meister! Mit unserer Bibliothek, der fünftgrößten in der Welt!
-- Mein Freund, entgegnete Adamant, für jene ist unsere Kunst schon Archäologie. Ob nun in ihren Museen zehn unnütze Altertümer mehr sind oder nicht, -- ist ihnen unwichtig.
Jemand sprach sein Bedauern darüber aus, daß man den Abgesandten lebend hinausgelassen. Theodosius hieß ihn schweigen.
-- Wir sind hier, sagte er, um _unser_ Blut zu vergießen, nicht _fremdes_. Wir sind hier für eine Tat des Glaubens, nicht des Mordes. Lasset uns die purpurne Blässe unseres Martyrtumes nicht verdüstern durch die schwarzen Flügel des Zornes und der Rache.
4.
Durch die schweren Stores drang kaum ein Strahl des flimmernden Wintertages.
Unser Dom war völlig von Kerzen erleuchtet. Zum erstenmal sah ich solch eine Feier des Lichtes. Es waren vielleicht an tausend Flammen.
Theodosius befahl die Liturgie abzuhalten.
Noch nie war er so gewaltig. Noch nie erklangen die Stimmen des Chores so feierlich. Noch nie war die Schönheit der nackten Hero so flammend und so verzückend.
Der berauschende Rauch der Weihbecken liebkoste unsere Gesichter als wie mit schlanken flaumigen Fingern. Im schattenhaft bläulichen Weihrauch geschahen die großen Handlungen vor dem Symbole. Ihrer Rangstufe folgend, nahmen die nackten Jünglinge die Hüllen vom Heiligtum. Der unsichtbare Chor der Diakonissinnen lobpries das Blinde Rätsel.
Fast gar nicht berauschend, erregte ein aromatischer süßglühender Wein jedes Beben des Leibes, jedes Verlangen der Seele. Beflügelte jeden durch die Erkenntnis, daß dieser Augenblick einzig und nicht zu wiederholen sei.
Hero in den goldenen Sandalen, mit einer goldenen Schlange als Gürtel anstatt jeder anderen Gewandung, und ihre zwölf Schwestern, die gleich ihr angetan waren, -- sie gingen in einem leisen wiegenden Rundtanz durch den Dom. Die magischen Orgeltöne und das harmonisch-geheime Singen zogen jeden hinter ihr her, lenkte alle Blicke auf ihr gemessenes Wiegen.
Unmerklich, unfühlbar, unwillkürlich, folgten wir alle ihrem leisen Tanz. Und dieses Kreisen berauschte mehr als Wein, und diese Bewegung war trunkener als Liebkosungen, und dieser Gottesdienst übertraf jedes Gebet. Der Rhythmus der Musik wurde schneller, und schneller wurde auch der Rhythmus des Tanzes, und mit ausgestreckten Armen strebten wir vorwärts, im Kreise, ihr nach, der einzigen, der göttlichen, -- Hero. Und schon entrückte uns die Ekstase, und schon keuchten wir, durchglüht von geheimem Feuer, und schon zitterten wir, beschattet von der Gottheit.
Da ertönte die Stimme des Theodosius.
-- Kommet ihr Gläubigen, das Opfer zu vollziehen.
Alle hielten ein, erstarben, wurden unregbar. Hero, die wieder nahe dem Altar stand, erstieg die Stufen. Ein Zeichen des Theodosius rief einen Jüngling herbei, den ich bis dahin noch nicht gesehen. Errötend warf er sein Gewand ab und stellte sich neben Hero, nackt wie ein Gott, jung wie Ganymed, licht wie Balder.
Die Pforten öffneten sich und verschlangen das Paar. Der Vorhang wurde vorgezogen.
Auf den Knien liegende, stimmten wir die Hymne an.
Und Theodosius verkündete uns:
-- Es ist vollbracht.
Er erhob den Kelch und segnete uns.
Es strömten die betörten Töne der Orgel und keiner hatte mehr die Kraft, seine Leidenschaft zu verbergen. Wir umschlangen einander, und im plötzlichen Düster des aufsteigenden Weihrauches suchten sich die Lippen, die Hände, die Leiber. Dies waren Näherungen, Verbindungen, Vereinigungen, waren Schreie, Stöhnen, Schmerz und Jubel. War die Trunkenheit tausendgesichtiger Leidenschaft, wenn ringsum alle Bilder, alle Formen, alle Möglichkeiten, alle Biegungen weiblicher, männlicher und kindlicher Körper und alle Verzerrtheit und Verzücktheit der verwandelten Gesichter sind.
O noch nie, noch nie, fühlte ich solche Flamme, solche Unersättlichkeit des Verlangens, das vom Leibe zum Leibe eilen hieß in zweifache, dreifache, vielfache Umarmungen. Und nutzlos waren uns die Flagellanten, die an diesem Tage gleich allen von der Ekstase der Leidenschaft ergriffen waren.
Plötzlich, ich weiß nicht auf wessen Geheiß, schoben sich die dichten Hüllen der Vorhänge von den Fenstern und das ganze Innere des Domes ward den Blicken der Außenstehenden enthüllt: das Bildnis des Symbols, die rätselhaften Fresken an den Wänden und die Menschen, die in seltsamen Umschlingungen auf den weichen Teppichen lagen. Ein wütender Schrei drang von der Straße her bis zu uns.
Und schon bohrte sich der erste Schuß mit Getöse in das Spiegelglas der Fenster. Und dem ersten folgten weitere. Die pfeifenden Kugeln durchschnitten die Wände. Die Miliztruppen konnten das Schauspiel nicht ertragen, das sich hier ihren Blicken enthüllte, und hielten daher die angegebene Zeit nicht ein.
Doch es war, als höre keiner die Schüsse. Die von unsichtbarer Hand gespielte Orgel setzte ihr betörendes Lied fort. Des Weihrauches Aroma wogte in der erregten Luft. Und auch im klaren Tageslichte, wie früher beim Scheine der heiligen Kerzen, wurde der Kultus der Leidenschaft nicht geringer.
Hero, die in den Pforten des Altares stand, schwankte als erste und fiel, während ihre Lippen der Schmerz verzerrte. Hier und dort sanken Arme; einige Körper fielen wie in endgültiger Ermattung zusammen.
Es begann ein furchtbares Blutvergießen. Die Kugeln fielen zwischen uns wie Regen, als würde eine gigantische Hand sie schockweise auf uns streuen. Doch von den Getreuen wollte keiner fliehen oder freiwillig die Umarmung lösen.
Alle, alle, auch die Verzagten, auch die Kleingläubigen wurden Helden, wurden Märtyrer, wurden Heilige. Das Todesgrauen floh unsere Seelen, als würde es einem magischen Worte gehorchen. Mit unserem Blute besiegelten wir die Wahrheit unseres Glaubens.
Einige, die getroffen waren, stürzten. Andere, in der Nähe der Gestürzten, drückten ihre Leiber fester aneinander. Und noch die Sterbenden suchten im letzten wütenden Kusse die begonnene Liebkosung zu vollenden. Ersterbende Hände streckten sich noch mit einer sinnlichen Geste. Im Haufen verkrümmter Körper war es schon unmöglich zu erkennen, wer noch liebkoste und wer schon starb. Inmitten der Schreie konnte man unmöglich das Stöhnen der Leidenschaft von dem des Todes unterscheiden.
Irgendwelche Lippen preßten sich auf die meinen und ich fühlte den Schmerz verzückten Bisses, der vielleicht nur der letzte Krampf eines Sterbenden war. In meinen Händen hielt ich einen Körper, der entweder vor gesättigter Lust, oder in letzter Agonie erkaltete. Dann warf auch mich ein dumpfer Schlag auf den Kopf in den Haufen der Körper, zu den Brüdern, zu den Schwestern.
Allein das letzte, was ich sah, war das Bildnis unseres Symboles. Allein das letzte, was ich hörte, war der Ausruf des Theodosius, den tausendfältiges Echo nicht unter den Gewölben des Domes, aber in den unendlichen, von Finsternis beschatteten Gängen meiner Seele wiederholte:
-- In deine Hände befehle ich meinen Geist!
Jetzt aber, wo ich erwacht bin . . .
Memoiren eines Psychopathen
Natürlich hielt man mich schon in meiner Kindheit für entartet. Natürlich wollte man mich davon überzeugen, daß niemand meine Gefühle teile. Und ich gewöhnte mich daran, vor den Menschen zu lügen. Gewöhnte mich daran, platte Worte zu sprechen von Mitleid und von der Liebe, vom Glücke, andere Menschen zu lieben. Doch im Innern meiner Seele war ich überzeugt und bin auch jetzt noch davon überzeugt, daß der Mensch seiner Natur nach Verbrecher ist. Ich glaube, daß inmitten aller Empfindungen, die man gewöhnlich Rausch nennt, nur eine ist, die diesen Namen verdient, jene, die den Menschen beim Anblick von fremden Leiden ergreift. Ich glaube, daß der Mensch in seinem Urzustand nur nach einem Verlangen trägt, die ihm Gleichenden zu quälen. Die Kultur legte ihre Fessel auf diese natürliche Regung. Die Jahrhunderte des Sklaventums führten die menschliche Seele zu dem Glauben, daß fremde Leiden ihr schmerzlich wären. Und heute weinen die Leute völlig aufrichtig über andere und leiden mit ihnen. Doch dies ist nur eine Einbildung und eine Täuschung des Gefühles.
Man kann aus Wasser und Spiritus eine Mischung herstellen, in welcher das Provenceröl in jeder Lage im Gleichgewicht bleibt, nicht aufsteigt und nicht hinuntersinkt. Anders gesprochen: die Anziehung der Erde verliert ihre Wirkung auf das Öl. In den physikalischen Lehrbüchern heißt es, daß zufolge des Bestrebens seiner Atome das Öl dann die Form einer Kugel annimmt. Diesem ähneln die Augenblicke, in denen die menschliche Seele sich von aller Macht der Anziehung befreit, von allen Ketten, die Abstammung und Erziehung ihr auferlegten, sowie von allen äußeren Einflüssen, die gewöhnlich unseren Willen bedingen: von der Furcht vor dem letzten Gericht, von dem Bangen vor der öffentlichen Meinung usw. Das sind nicht Stunden des gewöhnlichen Schlafes, in welchen das tägliche Bewußtsein, wenn auch dämmernd, doch immer noch unser schlafendes Ich leitet; das sind auch nicht Tage des Irrsinns und der Geisteszerrüttung: die gewöhnlichen Einflüsse werden von anderen, von noch mehr selbstherrlichen abgewechselt. Das sind Augenblicke jenes seltsamen Zustandes, in dem der Körper im Schlafe ruht, und der Gedanke dies plötzlich begreift und zu seinem in der Welt der Träume irrenden Schatten spricht: du bist frei! Begreife, daß deine Handlungen nur für dich selbst existieren und du wirst dich freiwillig deinen eigenen, aus der dunklen Tiefe deines Willens aufsteigenden Trieben hingeben. In solchen Augenblicken hatte ich niemals das Verlangen, irgend eine gute Tat auszuführen. Im Gegenteil, wissend, daß ich bis zu den letzten Grenzen völlig unbestraft bleiben würde, beeilte ich mich, irgend etwas Wildes, Böses und Sündiges zu tun.
Immer schon liebte ich den Traum. Niemals hielt ich die Zeit, die ich im Traume verbrachte, für verloren. Völlig gleich der Wirklichkeit erfüllt auch der Traum die Seele, erregt, freut und schmerzt sie ebenso und muß überhaupt unserem äußeren Leben ganz an die Seite gestellt werden. Streng gesprochen, ist der Traum nur eine andere Wirklichkeit, -- welche von diesen man vorzieht, hängt von den persönlichen Neigungen ab. Ich zog schon seit meiner Kindheit den Traum vor. Schon als Knabe zählte ich die Nächte, in denen ich keine Träume sah, zu den schweren Entbehrungen. Wenn ich erwachte, ohne daß ich mich an meinen Traum erinnern konnte, so fühlte ich mich unglücklich. Den ganzen Tag, zu Hause oder in der Schule, quälte ich mein Gedächtnis, um dann plötzlich in einem seiner dunklen Winkel einen Splitter der vergessenen Bilder zu finden und bei einer neuen Anstrengung plötzlich die ganze Herrlichkeit des kürzlich vergangenen Traumlebens vor mir zu haben! Heißhungrig vertiefte ich mich dann in diese auferstandene Welt und stellte alle ihre kleinsten Einzelheiten wieder her. Bei solcher Schulung meines Gedächtnisses erreichte ich, daß ich meine Träume niemals mehr vergaß. Wie Stunden ersehnter Zusammenkunft, so erwartete ich nachts den Traum.
Besonders liebte ich Alpdrücken wegen der erschütternden Kraft der Wirkungen. Ich entwickelte in mir die Fähigkeit, es künstlich hervorzurufen. Ich brauchte nur einzuschlafen, indem mein Kopf tiefer als der Körper lag, und sofort schon preßte mich ein Alpdrücken mit süßquälenden Krallen. Fast erstickend erwachte ich in einer unnennbaren Zerschlagenheit, doch kaum hatte ich etwas frische Luft eingeatmet, beschloß ich, wieder hineinzustürzen in jenen schwarzen Grund, in Entsetzen und Erbeben. Doch noch mehr liebte ich schon in meinen frühen Jahren jene Traumzustände, wenn man es weiß, daß man schläft. Schon damals begriff ich, welche große Geistesfreiheit sie geben könnten. Übrigens verstand ich es nicht, sie willkürlich hervorzurufen. Im Traume war es mir, als wenn ich plötzlich einen elektrischen Schlag bekäme, und dann begriff ich mit einem Male, daß die Welt in meiner Gewalt sei. Ich schritt auf den Wegen des Traumes durch seine Paläste und Täler, wohin ich wollte. Bei hartnäckiger Anstrengung des Verlangens konnte ich mich sogar in jeder Umgebung sehen, die mir gefiel, konnte in meinen Traum jede Person einführen, nach der ich Verlangen trug. In meiner ersten Kindheit benutzte ich diese Augenblicke, um mich über die Leute lustig zu machen und alle möglichen Streiche auszuführen. Doch mit den Jahren ging ich zu anderen mehr erlesenen Freuden über: ich vergewaltigte Frauen, ich mordete und wurde zum Henker. Und da erst begriff ich, daß Jubel und Rausch nicht nur leere Worte seien.
Die Jahre vergingen. Es vergingen auch die Tage der Schule und der Unterwürfigkeit. Ich war allein, ich hatte keine Familie, ich mußte niemals um das Recht zu leben kämpfen. Ich hatte die Möglichkeit, mich meinem Glücke ungeteilt hingeben zu können. Im Traum und Halbschlaf verbrachte ich den größten Teil der Tage. Ich gebrauchte verschiedene narkotische Mittel: nicht wegen der von ihnen ausgehenden Entzückungen, sondern um meinen Traum zu verlängern und zu vertiefen. Erfahrung und Gewöhnung gaben mir die Möglichkeit, mich immer öfter und öfter an der grenzenlosesten aller Freiheiten, die ein Mensch nur erträumen kann, zu berauschen. Allmählich begann sich mein nächtliches Bewußtsein in diesen Träumen an Stärke und Helligkeit dem des Tages nicht nur zu nähern, sondern vielleicht es auch zu übertreffen. Ich verstand es, in meinen Träumen zu leben, wie auch dieses Leben von der Seite her zu beobachten. Es war, als würde ich meinen Schatten, der im Traume dieses oder jenes tat, beobachten und leiten und zu gleicher Zeit doch alle seine Empfindungen mit ganzer Leidenschaftlichkeit durchleben.