Die Republik des Südkreuzes: Novellen

Part 4

Chapter 43,665 wordsPublic domain

Fieberhaft grub er sich in ihre Hände. Er wandte ihr sein erhitztes Gesicht zu. In der Welt quälender Halluzinationen, wie war es freudig, ein schlichtes und mildes Gesicht zu sehen! Und war nicht ein leichtes Scheinen um diesen Kopf wie bei den Heiligen der raphaelitischen Bilder?

Er lehnte seine Wange an Lydias Hand und gehorsam sagte er:

-- Ja Lydia, ich bin krank, bin müde, sehr müde. Doch nicht vom heutigen Tage, aber vom ganzen Leben. Ja, nimm mich, ja, führe mich fort. Doch nicht nur aus diesem Zimmer, aber aus den Qualen meines Lebens. Ich ziehe mich zurück. Ich erkläre mich für besiegt. Rette mich, da du allein mich retten kannst.

Ihre Augen füllten sich leise mit Tränen. Kraftlos sank sie zu seinen Füßen nieder, bettete ihren Kopf auf seine Knie, flüsterte ihm zu:

-- Jetzt bittest du mich um Hilfe. Aber dachtest du an mich in jenen Monaten, wo ich tags und nachts mit dem Kopf an die Wände schlug, wo ich stundenlang auf dem Fußboden lag, im Verlangen, tiefer zu fallen, noch tiefer. Wenn es dir in den Kopf kam, mich zu liebkosen, dachtest du daran, daß ich vor Trauer fast verrückt wurde? Aber du verlangtest, daß ich lächeln sollte; du fragtest, ob ich nicht glücklich wäre und warum ich mich nicht freue, daß ich mit dir sei? Gehorchend wurde ich fast zu einem Automaten. Ich lernte lachen, wenn du mein Lachen wolltest, lernte Worte sprechen, die du mir vorsagtest. Alles, was in mir mein war, mein Eigenstes, rissest du heraus. Du hast meine Seele verwüstet, was erwartest du jetzt noch von mir?

Wie in einem Anfall plötzlichen Schmerzes preßte Nikolai ihre Hände. Antwortete voller Trauer:

-- Ich werde nicht lügen. Ich habe dir nichts zu geben und will dir alles nehmen. Ich bitte dich um ein Opfer, eine Tat. Ich werde niemals aufhören, jene, die anderen, zu lieben. Und zuweilen werde ich dich darum hassen, weil du nicht sie bist und nicht ihre Worte und Liebkosungen kennst. Doch du zeige mir die ganze Grenzenlosigkeit der Liebe. Sei mein Schicksal, meine Gnade, mein Segen. Sei mir eine Mutter. Sei mir eine ältere Schwester. Wiege mich ein mit zärtlichen Händen. Streichle mit ihnen mein Herz, -- es hat so nötig die Berührung zarter Finger.

Ihr Atem ging unmerklich in Schluchzen über. Sie zitterte auf seinen Knien, die Kleine, die Hilflose.

-- Zu spät! sprach sie durch Tränen. Monate und Monate hindurch erwartete ich diese Worte. Mit letzter Anstrengung hielt ich in mir die versiegenden Quellen der Liebe und Verzeihung zurück. Ich sagte mir: er wird zu mir kommen, ein Unglücklicher, Zerquälter und ich werde alles vergessen und ihm alles sein, was er nur verlangt. Doch du kamst zu mir mit Lippen, die noch heiß waren von anderen Küssen, suchtest in mir nur ein anderes, als in den anderen, verlangtest, daß ich in deinem Leben eine Dekoration wäre. Und vergebens sprach ich noch zu mir: das wird morgen sein . . . Aber ich weiß selbst nicht, es flossen unbemerkt die letzten Tropfen aus mir, es verwehte der letzte Rausch. Ich bin eine Wüste. Ich bin nur ein Schatten. Was könnte ich dir geben?

Nikolai beugte sich zu ihrem Ohr, lehnte ihren so bekannten ihm verwandten Körper an seinen und, indem er sich bemühte, seiner Stimme all die Töne früherer Tage zu geben, flüsterte er ihr zu:

-- Lydia! Im Namen unseres gestorbenen Sohnes . . . im Namen unseres künftigen Kindes.

Sie befreite sich aus seinen Händen. Ihr von Tränen gerötetes, ihr seltsam zerdrücktes Gesicht mit den auf die Stirn hinunterfallenden Haaren, war furchtbar und erbarmenswert und wieder wurden die Augen wahnsinnig und groß.

-- Unseres Sohnes? fragte sie zurück. Hast du es denn noch nicht begriffen, daß ich selbst ihn getötet habe? Hast du nicht begriffen, warum ich an seinem Sarge nicht weinen konnte? Aber ich weinte, habe zuviel um ihn geweint, als er noch lebendig war. Doch ich war das Werkzeug Gottes, der mir, der Mutter, befahl, dich in deinem Sohne zu treffen. Ich nahm ihn aus seinem Bettchen, ich legte ihn auf ein Kissen und während ich weinte und seinen Körper küßte, erwürgten ihn meine Hände. Und als er aufgehört hatte zu atmen, da ging ich, dich und deine Geliebten rufen und den Doktor und alle! Und ihr begrifft es nicht, niemand, niemand!

Sie lachte mit dem furchtbaren Jubel des hysterischen Lachens. Nikolais Gedanken verwirrten sich. Er wußte, er fühlte, daß sie die Unwahrheit sprach. Doch es fehlte ihm an Kraft, zu entdecken, worin die Unwahrheit wäre. Er fand keine Worte, und wiederholte nur stumm:

-- Es ist Lüge, es ist Lüge.

Ohne Kraft zu sprechen, zeigte sie mit der Hand zur Seite. Dort, auf dem Sessel, auf dem weißen verhüllten Kissen lag mit purpurnem Gesicht und hervorgequollenen Augen der Leichnam seines Kindes.

»Wie aber hat der Doktor denn nicht begriffen, daß es erwürgt sei?« dachte Nikolai.

Dann aber begriff er diesen Gedanken und schrie sich selbst zu:

-- Welcher Irrsinn! Mein Sohn ist vor einigen Wochen gestorben und längst begraben. Dies ist wieder ein Fiebergesicht.

Er glaubte zu ersticken und versuchte angestrengt, zu erwachen. Aber das Zimmer begann sich mit kleinen nackten Körpern gestorbener Kinder zu füllen, mit diesen blutlosen, verkrümmten, abscheulichen. Das war eine ungeheuere Morgue, in welcher er der Mörder aller war, schuld an jedem Tode. Und sein Kopf drehte sich und alles begann, sich ringsum zu drehen, und ein wildes Geheul erfüllte seine Ohren, als würden Teufel um ihn kreisen.

Mit letzter Willenskraft entriß er sich diesem Alpdrücken und kehrte zur Wirklichkeit zurück.

Rings war alles wie immer still. Wie früher saß er an seinem Schreibtisch.

Er fühlte große Hitze. Er hatte Fieber. Man müßte weggehen von hier, sich ins Bett legen. Doch es fehlte an Kraft. Er fühlte, daß die Klarheit nur einen Augenblick dauern würde, daß das Fieber sofort aufs neue beginnen müsse.

Einige Zeit kämpfte Nikolai noch auf der Grenze des Realen, wehrte sich gegen den Schritt in die Welt der Gespenster und des Entsetzens. Doch irgend eine Kraft besiegte ihn und wie in eine Schlucht, so stürzte er wieder in den Abgrund seiner Gesichter.

5.

Die Türe bewegte sich zum dritten Male.

»Jetzt werde ich Mara sehen«, dachte Nikolai.

Mara kam herein.

Ihre Lippen waren aufeinandergepreßt. Ihre Augen schauten konzentriert. Sie sagte:

-- Ich kam, um dich zu holen.

Und schon fehlten ihm Kraft und Willensstärke, um zu kämpfen. Mit einem Zeichen hieß sie ihn aufstehen und gehen. Wie ein Mondsüchtiger folgte er ihr durch die dunklen Zimmer und dachte daran, wie der Fieberwahn das Aussehen aller Gegenstände verändere.

Im Gastzimmer brannten die Kerzen hell in ihren Kandelabern.

-- Sieh hin, sagte Mara.

Auf dem Divan lagen zwei Körper. Es waren Lydia und Kett. Beide waren tot. Auf dem Boden lag in dunkelroten Flecken das Blut, und färbte in ungeheueren Kreisen den Stoff des Divans. Blutgeruch erfüllte das ganze Zimmer.

Im Kopf Nikolais verwirrten sich die Bilder und Gedanken. Sein ganzer Körper zitterte. Um nicht zu fallen, stützte er sich auf die Lehne eines Sessels. Zuweilen glaubte er an die Realität all dessen, was er sah, zuweilen erkannte er, daß es nur ein Fieberwahn sei. Bald wollte er erwachen, bald seinen Wahnsinn fortsetzen.

Mara sagte ihm etwas, und es war gewaltig und voller Befehle. So wird man vielleicht auf dem Letzten Gerichte sprechen. Langsam begann Nikolai zu hören und den Sinn ihrer Worte zu verstehen.

-- Darum tötete ich sie, sagte Mara, weil du sie liebtest. Diese Stunde war ihre letzte Stunde und ich konnte sie schon nicht mehr vorübergehen lassen. Sie würde sich nicht wiederholt haben. Ich willigte ein, das Schicksal zu spielen. Das Schicksal muß wohl schön sein. Und nur jene Liebe ist wirklich schön, die vom Tode gekrönt wird. Unser Zweikampf ist der ewige Zweikampf des Mannes und der Frau. Du hättest wohl gewünscht, daß alle Frauen der ganzen Welt dir gehören sollen; ich aber wäre bereit, die ganze Welt zu verwüsten, um mit dir allein zu sein. Lange warst du der Sieger, doch der letzte Kranz ist mein! Vielleicht wurde mein Sieg nur durch Untreue erkämpft, aber die Liebe rechtfertigt alles und auch die Untreue! Unsere Welt ist verwüstet, da wir nur noch einige Stunden zu leben haben und in diesen Stunden werden wir allein sein!

Noch immer konnte Nikolai kein Wort sprechen. Manchmal glaubte er, den Verstand zu verlieren. Mara dachte, daß er schwankend geworden wäre und sprach ihm mit weißem und verzerrtem Gesichte von etwas anderem. Daß sie alles vorhergesehen hätte. Daß es nutzlos wäre, jemand zu rufen. Daß man ihn in jedem Falle der Mitschuld am Verbrechen bezichtigen würde, ihn richten, verurteilen . . .

Die letzten Worte machten Nikolai fast lächeln. So lächerlich erschien ihm der Gedanke, daß der nächste Tag in irgend einer Verbindung mit dieser wahnsinnigen Nacht sein könnte.

Seltsam kam es Nikolai vor, daß er nicht bemerkt hatte, wann Mara die Kleider auszog. Und in dem Zimmer des Todes stand sie vor ihm so sehr nackt, wie sie es liebte, sich ihm hinzugeben. Durch den erstickenden Blutgeruch drang der bekannte und so einzige Duft ihres Körpers bis zu ihm.

Und Mara rief ihn, zärtlich und liebkosend.

-- Liebster, komm her, komm. Ich will, daß du mich liebkosen sollst. Ich will dich. Will, daß wir im selben Augenblicke dasselbe fühlen sollen. Und dann wollen wir beide sterben und auch im selben Augenblick. Und der Tod wird uns sein, wie eine Zärtlichkeit.

Doch erst, als Mara ihm schon ganz nah war und sich an ihn schmiegte und ihm in die Augen schaute, konnte Nikolai erwidern:

-- Ich weiß, daß du ein Schatten bist, ein Traumgesicht, nur eine Erscheinung Maras. Doch der Erscheinung kann und will ich alles sagen, was ich ihr nicht gesagt. Ich glaube, daß aus all den Gefühlen, die mich peinigten und betörten, nur jenes heilig war, das ich ihr entgegenbrachte, deinem Urbilde! Weil unsere Liebe der Ruf des Körpers zum Körper war, und ganz ein sinnliches Verlangen, das noch nicht von Freundschaft oder Mütterlichkeit befleckt war. Unsere Liebe war das auf allen Welten gleiche elementare Geheimnis, das den Menschen ähnlich macht den Dämonen und Engeln.

Nikolai konnte selbst nicht begreifen, warum er von seiner Liebe als von etwas Vergangenem sprach.

Dann ließen sich die zwei langsam auf einen Teppich sinken und preßten sich in Umarmungen aneinander. Die Wirklichkeit begann zu schmelzen und zu verschwinden und zur Unendlichkeit wurde jener kleine Raum, in dem sich die beiden Körper befanden. Der Augenblick jenes Rausches trat ein, wo der Mensch sich als einen Vogel fühlt, der über dem Abgrund hängt, und wo er immer grade vor sich die anderen Augen sieht, die beschattet sind von der Qual entrückter Sinnlichkeit, und wo er kreist und kreist und plötzlich loslassend wie ein Pfeil hinunterschießt in die Gischt der Abgründe.

Als er erwachte, sah Nikolai die beiden toten Körper, die noch immer so unbeweglich auf dem Divan ausgestreckt lagen. Lydias Gesicht war milde und ihre klagenden geöffneten Lippen fragten: schon? -- aber das stolze und ruhige Gesicht Ketts antwortete: mag sein! Als Nikolai sich den Körpern nähern wollte, hielt Mara ihn zurück:

-- Nicht nötig, nicht nötig.

Es war Wein da. Sie tranken ihn. Sie sogen den Duft aus Blut, Wein und Leidenschaft ein. Sie bemühten sich, nur einander in die Augen zu schauen. Ihre Gesichter brannten, und in ihren Augensternen spiegelten sich die brennenden Kerzen wie Funken.

Die Stunden vergingen. Und es waren Ekstasen der Leidenschaft und Ekstasen der Ermattung. Und es war die Seligkeit der Bekenntnisse und die Seligkeit des Schweigens. Ihre Körper waren von Umarmungen geschwächt und konnten dennoch nicht den Liebkosungen entsagen. Ihre Seelen, die sich einstmals dem Leben wie blühende Blumen geöffnet hatten, errieten hinter jedem gesagten Worte die ganze Unendlichkeit seiner Bedeutung. Dann aber verschmolz sie das schon nicht mehr zu befriedigende Verlangen wieder und wieder in eines und sie taumelten auf dem harten Fußboden, der kaum vom Teppich bedeckt war, inmitten der Flecken von Blut.

Draußen begann es, trotz des wütenden Sturmes allmählich heller zu werden. Bleiche Lichtflächen legten sich auf die Wände, die Möbel, die Teppiche. Langsam veränderte sich die Welt.

6.

Drei Tage lang beschäftigten sich die örtlichen Zeitungen mit den ungeheuerlichen Vorkommnissen auf dem Gehöfte des Nikolai S. Die vier Leichname konnten niemand von den Geheimnissen der furchtbaren Nacht erzählen. Die Dienerschaft wurde anfangs arretiert, doch bald infolge mangelnder Beweise wieder freigelassen. Das Geschehnis blieb ein unaufgeklärter Fall. Die Nachricht von dem geheimnisvollen Morde oder Selbstmorde der drei Schwestern und des Mannes einer derselben drang nur in Form von kurzen Bemerkungen in die größeren Blätter und erschien dort in kleiner Schrift auf der vierten Seite in der »Provinzialchronik«. Übrigens konnten sich die Leser dieses intimen Familiendramas im Lärme der großen politischen Ereignisse jenes Jahres dafür auch nicht interessieren.

Im unterirdischen Kerker

Nach einer italienischen Handschrift des 16. Jahrhunderts

1.

Sultan Mahomed II., der Eroberer, welcher zwei Kaiserreiche sich unterworfen hatte, vierzehn Königreiche und zweihundert Städte, schwor, daß er sein Roß mit Hafer vom Altar des heiligen Petrus in Rom füttern wollte. Achmed Pascha, der Großvezier des Sultans, durchschiffte mit einem ungeheuren Heere die Bucht, umlagerte Otranto zu Wasser und zu Lande und nahm es im Sturmangriff vom 26. Juni im Jahre des Heils 1480. Die Sieger kannten ihren Greueln keinen Einhalt: Messer Francesko Largo, den Befehlshaber des Heeres, zerschnitten sie mit einer Säge, viele der noch kampffähigen Einwohner wurden umgebracht, der Erzbischof, die Priester und die Mönche wurden in ihren Kirchen auf alle mögliche Weise beleidigt, die wohledlen Damen und Jungfrauen durch Vergewaltigung geschändet.

Des Francesko Largo Tochter, die schöne Julia, begehrte der Großvezier selbst in seinen Harem. Doch die stolze Neapolitanerin willigte nicht ein, Maitresse des Ungläubigen zu werden. Sie empfing den Türken bei seinem Besuche mit solchen Schmähungen, daß ihn ein furchtbarer Zorn gegen sie befiel. Natürlich hätte Achmed Pascha den Widerstand des schwachen Mädchens mit roher Gewalt besiegen können, doch er beschloß, sich grausamer zu rächen und ließ sie in den städtischen unterirdischen Kerker werfen. In diesen Kerker warfen die neapolitanischen Herrscher nur unverbesserliche Mörder und schwärzeste Bösewichte, deren Strafe schlimmer sein sollte als der Tod.

Julia, die man an Händen und Füßen durch dicke Stricke gefesselt hatte, wurde in einer verhüllten Sänfte zum Kerker getragen, da selbst die Türken ihr eine gewisse Ehrerbietung die ihr nach Geburt und Stellung zukam, nicht verweigern konnten. Auf enger und schmutziger Treppe wurde sie in die Kerkertiefe hinabgezerrt und mit einer eisernen Kette an die Wand geschmiedet. Julia hatte nur ihr prächtiges Gewand aus Lyoner Seide an, alle ihre Schmucksachen hatte man ihr fortgenommen: goldene Ringe und Armbänder, ihr Perlendiadem und die diamantenen Ohrringe. Jemand zog ihr sogar die Safianstiefelchen, die aus dem Orient stammten, ab, so daß Julia barfuß blieb.

Der Kerker war eine Erdhöhle unter dem Turme der Stadtmauer. Zwei mit dicken Eisenstäben fest vergitterte und dicht an der Decke belegene winzige Fenster reichten nur mit ihren oberen Teilen ans Tageslicht. Sie ließen nur ein wenig Helligkeit durch, damit im Kerker kein ewiges Dunkel wäre, und damit die an das Halbdunkel gewöhnten Augen die Mitgefangenen unterscheiden könnten. In den Steinmauern waren starke Haken mit Ketten und Eisengürteln angebracht. Diese Gürtel wurden fest um die Eingesperrten geschlungen und dann verschlossen.

Sechs Gefangene waren im Kerker. Die Türken wollten keinen von ihnen befreien, da sie die Gebräuche der Länder, die sie erobert, fortzuführen liebten. Und Julia ward angekettet neben der alten Vanozza, die wegen Zauberei und Verkehr mit dem Teufel verurteilt worden war, und neben dem bleichen Jüngling Marco, der schon während der Belagerung hier eingesperrt wurde, da er an einer Verschwörung gegen den Befehlshaber der Stadt teilgenommen hatte.

2.

Julia lag in den ersten Stunden ihrer Gefangenschaft wie eine Tote. Sie war von all dem mit ihr Geschehenen erschüttert und glaubte in der dumpfen und übelriechenden Kerkerluft ersticken zu müssen. Von Minute zu Minute erwartete sie ihr Hinscheiden.

Die andern Gefangenen, die noch nichts von der Einnahme der Stadt wußten, besprachen unterdes, was sie gesehen. Anfangs stritten sie lange über den Grund des Erscheinens der Türken in ihrem Loche. Dann sprach man von Julia, kritisierte ihr Äußeres, ihr Gesicht, ihre Kleidung und warf die Frage auf, wer sie sei und was sie wohl in diese Höhle gebracht hätte.

-- Ein schönes Mädchen, sagte Lorenzo, der alte Räuber, der an dem der Julia entgegengesetzten Ende des Kerkers angekettet war, -- schade nur, daß ich so weit von ihr bin. Du aber, Marco, säume nicht!

-- Das ist ein wichtiger Vogel, ist nicht für uns, sagte die alte Vanozza, -- und was trägt sie für ein Kleid! Einen ganzen Dukaten ist die Elle wert.

-- Daß ich den Kopf ihr zerschlüge, wär sie mir nur näher, sagte Cosimo aus seiner dunklen Ecke heraus, -- sie ist von jenen, die in Seide gehen, während wir hungern.

Die leidende Maria, die schon längst fast zum Skelett geworden, und die der frühere Kerkermeister jeden Tag fragte, ob sie nicht bald stürbe, bemitleidete Julien:

-- O, schwer wird es ihr werden, so vom weichem Pfühle auf die nackte Erde zu kommen, vom fürstlichen Mahle zu Wasser und Brot!

Aber der Prophet Filippo, der entsprungene Mönch, der im Kerker schon über zwanzig Jahre saß, und ganz mit Haaren bewachsen war, drohte mit schrecklicher Stimme:

-- Nah ist die Zeit, sie ist nah. Die Welt ist den Ungläubigen übergeben, zur Züchtigung der Stolzen und Schlemmenden, damit später die Kleinen und Armen sich freuen können. Freut euch.

Und nur Marco schwieg. Übrigens betrachteten ihn die Gefangenen noch nicht völlig als den ihrigen, da er ein Neuhinzugekommener war.

3.

Langsam kam Julia zu sich. Doch ihre Augen blieben geschlossen und sie bewegte sich nicht. Sie hörte von sich sprechen, aber begriff kaum ein Wort. Dann dunkelte es immer mehr und die Gefangenen schliefen einer nach dem andern ein. Von allen Seiten scholl lautes Schnarchen. Da erst konnte Julia weinen und sie schluchzte bis zum ersten Lichte.

Früh am Morgen stiegen die neuen Kerkermeister zu ihnen herab. Das waren zwei Türken: der eigentliche Kerkermeister war älter, sein Gehilfe jünger. Sie begannen, wie das auch ihre Vorgänger taten, den Kerker zu reinigen. Der Gehilfe nahm mit einer Schaufel den Unrat, der sich tagsüber ansammelte, weg, während der andere den Gefangenen Stücke verschimmelten Brotes zuteilte und in ihre Lehmkrüge Wasser goß.

Anfangs wagten die Gefangenen nicht zu sprechen, aber dann erkühnten sie sich, zu fragen, was denn eigentlich geschehen sei, und warum man sie nicht freiließe, wenn doch die Stadt von anderen beherrscht würde. Doch die Türken verstanden kein Italienisch.

Den altern Kerkermeister reizte Julias Schönheit und Jugend. Er legte seinen Brotsack beiseite, sagte ihr einiges in schmeichelndem Tone und wollte sie umfangen. Doch Julia, die ihre traurige Lage vergaß, wollte keine solche Beleidigung ertragen und schlug ihn ins Gesicht.

Der Türke wurde wütend, ergriff eine Peitsche, die er zufällig bei sich trug, und begann, sie grausam zu peitschen. Alsdann, akkompagniert vom Lachen und fröhlichen Schreien des ganzen Gefängnisses, vergewaltigte er sie.

So gewann die Jungfernschaft der schönen Julia Largo, die ihre Gunst selbst dem Großvezir des Sultans versagt hatte, ein einfacher Türke, dem es nicht einmal gegeben war, die Frauen aus dem Harem seines Paschas jemals sehen zu können.

4.

So vergingen die Tage im Kerker.

Julia gewöhnte sich allmählich an ihre furchtbare Umgebung, an die verpestete Luft, an das steinharte Brot und an das faulende Wasser. Sie gewöhnte sich selbst an Dinge, an die sie früher ohne die äußerste Scham nicht einmal denken konnte. Schweigend nahm sie des Kerkermeisters Liebkosungen täglich hin, sowie auch zuweilen seine Schläge. Sie entschloß sich, wie alle Gefangenen es taten, vor aller Augen das zu tun, was die Leute gewöhnlich verbergen.

Die Gefangenen waren in solchen Abständen angekettet, daß der eine sich nur mit Mühe bis zum andern strecken konnte. Die Länge der Kette erlaubte ihnen zu sitzen, doch schon zu stehen war unmöglich. Doch ungeachtet dessen erdachten die Gefangenen sich eine ganze Reihe von Zerstreuungen. Lorenzo und Cosimo stellten sich Würfel her und würfelten ganze Tage -- um Brot und Wasser; zuweilen mußte der Verlierende ganze fünf Tage hungern. Sehr oft nahm auch die Vanozza an ihrem Spiele teil. Cosimo belustigte sich außerdem damit, auf die anderen Gefangenen mit Steinen und Erde zu werfen. Dadurch brachte er dann den Filippo so in Wut, daß der wie ein Stier zu brüllen begann und an den Ketten riß, daß die Wände nur so zitterten. Sonst war Filippo eifrig damit beschäftigt, eine Kreuzigung Christi in die Wand neben sich zu meißeln. Zuweilen auch erhoben sich unter den Gefangenen lange Gespräche, die immer in ein wüstes Geschimpfe übergingen. Zuweilen aber gingen ganze Tage vorbei, an denen keiner sprechen wollte: alle lagen in ihren Winkeln, voll Wut und Verzweiflung.

Inmitten der Gefangenen blieb Julia einsam. Sie antwortete auf keine Frage, und es war, als hörte sie die Schmähungen nicht, mit denen sie überschüttet wurde. Sie sagte keinem, wer sie sei, und dies blieb ein Geheimnis für alle Insassen des Kerkers. Sie verbrachte die Tage in schweigsamem Nachsinnen, ohne zu weinen, ohne zu klagen.

Nur mit ihrer Nachbarin, der alten Vanozza, tauschte sie zuweilen einige Worte aus. Vanozza, die im Kerker schon viele Jahre saß, gab Julien mehrere wichtige Ratschläge. Unterwies sie, von Zeit zu Zeit auf den Zehenspitzen zu sitzen, damit die Füße nicht steif würden. Zeigte ihr, wie man es anstellen müsse, damit der eiserne Gürtel nicht allzu sehr den Körper presse. Riet ihr, jeden Morgen den im Kruge gebliebenen Wasserrest auszusprengen, damit das Wasser nicht verfaule. Julia mußte die Nützlichkeit dieser Ratschläge einsehen und antwortete aus Dankbarkeit auf die Stimme der Vanozza.

Einmal stieß Julia unversehens an ihren Krug und vergoß ihr Wasser. Die Gefangenen hüteten ihr Wasser sehr, denn es war Sommer und im Kerker sehr heiß. Furchtbar quälte Julia der Durst, aber sie zeigte es nicht.

Der neben ihr angekettete Marco rückte ihr seinen Krug heran.

-- Du willst trinken, sagte er, -- und ich bitte dich, nimm mein Wasser.

Julia sah den Marco an. Seine schwarzen Augen kamen ihr schön vor und ebenso seine bleichen Wangen.

Sie sagte:

-- Ich danke dir.

An diesem Tage war das schlechte Wasser ganz besonders erfrischend.

5.

Seit diesem Tage begann Julia mit dem Marco zu sprechen. Anfangs waren ihre Gespräche sehr abgerissen. Aber allmählich begannen sie mehr und mehr miteinander zu reden. Und zuletzt verbrachten sie ganze Tage in Unterhaltungen.