Die Republik des Südkreuzes: Novellen

Part 3

Chapter 33,792 wordsPublic domain

Gegenwärtig ist der größte Teil der Stadt bereits von Leichnamen gesäubert. Die elektrische Beleuchtung und Beheizung sind wieder hergestellt. Unbesetzt sind bisher nur noch die Amerikanischen Quartale, doch man nimmt an, daß in ihnen keine Lebewesen sind. Im ganzen sind gegen 10000 Menschen gerettet, doch der größte Teil von ihnen hat eine unheilbare psychische Störung erlitten. Die, welche mehr oder weniger wieder genesen, sprechen nur höchst ungern von dem, was sie überlebten und von den grauenhaften Tagen. Zudem sind ihre Erzählungen voller Widersprüche und werden sehr oft vom dokumental Gegebenem nicht bestätigt. An verschiedenen Orten hat man Nummern der Zeitungen aufgefunden, die in der Stadt noch bis Ende Juli erschienen. Die letzte bis jetzt aufgefundene, vom 22. Juli datierte, enthält die Nachricht vom Tode Horace Diviles und den Aufruf, das Asyl im Rathaus wiederherzustellen. Allerdings wurde noch ein Blättchen gefunden, das vom August datiert, doch dessen Inhalt ist derart, daß man den Autor (der vermutlich seinen Irrsinn selbst gesetzt hat) entschieden für unzurechnungsfähig erklären muß. Im Rathaus wurde das Tagebuch Horace Diviles entdeckt, das in folgerichtiger Ordnung die Chronik der Ereignisse in in jenen drei Wochen vom 28. Juni bis zum 20. Juli enthält. Nach den furchtbaren Funden, die man auf den Straßen und im Innern der Häuser gemacht hat, kann man sich eine klare Vorstellung von jenen Ungeheuerlichkeiten machen, die in den letzten Tagen in der Stadt geschahen. Überall sind furchtbar verstümmelte Leichen: Menschen, die des Hungertodes starben, Menschen, die gemartert und erwürgt wurden, Menschen, die von Wahnsinnigen in Anfällen der Ekstase getötet wurden, und endlich -- benagte Körper. Die Leichen findet man in den allerunerwartetsten Orten: im Tunnel der Metropolitaine, in den Kanalisationsröhren, in unterschiedlichen Koffern, in Kesseln: überall suchten die ihres Verstandes beraubten Einwohner Rettung vor dem sie umgebenden Entsetzen. Das Innere fast aller Häuser ist zerstört und die Immobilien, die den Plünderern nutzlos erschienen, findet man in geheimen Zimmern und unterirdischen Räumen versteckt.

Zweifellos werden bis zur Wiederbewohnbarkeit der Sternenstadt noch einige Monate vergehen. Gegenwärtig ist sie fast leer. Die Stadt, die gegen drei Millionen Menschen beherbergen kann, wird augenblicklich von etwa 30000 Arbeitern bewohnt, die mit der Säuberung von Straßen und Häusern beschäftigt sind. Übrigens kamen auch einige der früheren Einwohner an, um die Leichen ihrer Verwandten aufzusuchen und die Reste ihres vernichteten oder gestohlenen Eigentums zu sammeln. Zugereist sind auch einige Touristen, die das ausschließliche Schauspiel der verwüsteten Stadt hingelockt hat. Zwei Unternehmer haben bereits zwei Hotels eröffnet, die schon recht flotte Geschäfte machen. In kurzer Zeit wird auch ein kleines Café chantant eröffnet werden, für welches die Truppe bereits engagiert ist.

Das »Nord-Europäische Abendblatt« hat seinerseits einen neuen Korrespondenten, Herrn Andrew Ewald, in die Stadt gesandt und wird in genauen Berichten die Leser mit allen neuen Entdeckungen bekannt machen, die in der unglücklichen Hauptstadt der Republik des Südkreuzes gemacht werden sollten.

Die Schwestern

Ein unaufgeklärter Fall

1.

Ferne erstarb der Glockenton, zerschmolz fast klagend, so daß es bald schwer wurde, zu unterscheiden, ob man ihn noch höre, oder ob er nur in der Erinnerung klänge.

Langsam und schweigend kehrten die Schwestern in den Saal zurück. Keine sah die andere an. Wußten nicht, was zu sprechen.

Noch standen auf dem Tische die Reste des vor kurzem beendeten traurigen Abendbrotes, eine kaum angebrochene Weinflasche, ein kalt gewordener Teekessel.

Lydia wagte es, zu sprechen:

-- Kett, willst du nicht Tee? Ich glaube, du trankst noch nicht.

Mara zuckte nervös mit den Achseln. Kett schüttelte den Kopf.

Alle drei setzten sich, schwiegen, dachten an dasselbe. Dachten an ein Schneefeld und an ein Dreigespann, das schnell über die Wege frischen Schnees dahinbraust; dachten an ein Stationsgebäude, das ganz in Lichtern steht; hörten schon das gleichmäßige Räderrollen, das sich immer, kaum daß die Wange sich an das harte Polster des Waggons gelehnt hat, so sehr mit den ersten Bildnissen des Traumes vermischt . . . . Dann dachten sie an das ferne Paris, an breite und helle Plätze, an bunte, schwirrende Boulevards. Dachten daran, daß Nikolai nun nie wieder zurückkäme.

Und in jeder Seele erhob sich das Gefühl kraftloser zu später Reue, schwoll an wie Wasser, strömte über: das quälendste aller Gefühle. Und in den drei verschiedenen Sprachen dreier verschiedener Seelen sprachen sie, sagten sich selbst, sagten sich die gleichen Worte: wie es möglich war, diesen letzten Augenblick vorübergehen zu lassen. Wie es möglich war, nicht den letzten, und sei es verzweifelten Versuch zu wagen? Wie, wenn man eilen würde, ihn ereilen, etwas sagen, etwas ausführen? . . . Oder ist es schon zu spät? Zu spät? Zu spät?

Die Schwestern schwiegen, doch es war ihnen, als tauschten sie nichtssagende Worte aus. Und vielleicht tauschten sie auch nichtssagende Worte aus und es war ihnen nur, als wenn sie schwiegen.

Draußen begann der Schnee zu wirbeln. Und im Netz der wehenden Schneeflocken war noch verwischter die Biegung des Weges und der Abhang mit dem schwärzlichen Zaune jungen Fichtenwaldes und weiterhin rechts die Ferne leblosen Feldes.

Irgend eine Zeit verging. Und es wäre ein Tropfen genug gewesen, zu fallen in dies Gefäß der Hoffnungslosigkeit, ein Wort, ein Anstoß, damit diese drei Frauen aufspringen würden mit dem Schrei des Entsetzens, hinstürzen wie ohne Gefühle oder sich aufeinander wie drei Wölfinnen werfen, um sich zu zerfleischen und mit den Krallen zu zerreißen.

Doch in gleicher Erstarrung folgten die Minuten den Minuten. Nur der Schneewirbel wurde dichter. Nur die Töne verstummten in dem Häuschen, das die Dienerschaft bewohnte.

Und jemand sagte, daß schon Mitternacht wäre.

Die Schwestern standen auf, verabschiedeten sich von einander, gingen in ihre Zimmer. Und hörbar wurde in den Zimmern das Rauschen der Kleider. Dann verstummte auch dies.

Und mit jeder waren die Nacht und ihre Gedanken.

Draußen hob der Sturm an.

* * *

Ferne erstand der Glockenton, war anfangs kaum hörbar, so daß es schwer wurde, zu unterscheiden, ob man ihn höre oder ob er nur in der Erinnerung klänge, ergoß sich langsam in die nächtliche Stille, verstärkte sich, gewann eigenen Körper. Und schon klingen die Glockentöne nah und deutlich. Das Dreigespann eilt flink auf dem Wege heran, biegt ab und schon wird auf dem frischen Schnee das dumpfe Knirschen der Schlittenkufen hörbar, und, der Freitreppe sich nähernd, hält der Kutscher die Pferde an.

Die Schwestern an der Tür sehen einander ins Gesicht. Alle drei sind bleich. Sie haben alles erraten, aber wagen nichts zu sagen. Erwarten.

Da ist der bekannte Schritt. Schon geht er durch die Vorhalle. Die Tür geht auf. Herein strömt der Winternacht harte Kälte. In seinem von Schnee silbern gewordenen Pelz steht Nikolai in der Türe.

Niemand fragt ihn. Er beeilt sich die vorbereitete auswendig gelernte Antwort zu sagen:

-- Ich kam zu spät zum Zuge. Ich wollte nicht bis zum Morgen auf der Station sitzen. Ich habe mich entschlossen, morgen zu fahren. Der Abendzug ist bequemer. Und vielleicht überlege ich's mir und fahre überhaupt nicht.

Und plötzlich stürzte Lydia weinend auf ihn zu und wollte etwas tränenerstickt sagen, ganz vergessend, daß die Schwestern sie hören. Doch leise wehrte er ab.

-- Morgen will ich alles erklären; morgen. Ich bin heute sehr müde. Möge man mir ins Kabinett Wein bringen. Ich habe mich ein wenig im Froste erkältet. Und bitte regt mich nicht auf. Ich muß einige wichtige Briefe schreiben.

Kett und Mara waren in der Tiefe des Zimmers. Er blickte sie nicht an, doch er sah sie. Er fühlte die Notwendigkeit, auch ihnen etwas zu sagen, doch er hatte keine Worte.

Eine Minute lang erhob er den Kopf, doch den unbeweglichen Augen Maras begegnend, senkte er ihn wieder, und ging schweigend hinaus, glitt vorbei, verschwand in der Türe seines Kabinetts.

Lydia lief fort. Man hörte ihre geschäftige Stimme.

Kett schritt langsam im Saal auf und ab und wickelte sich in ihr dunkelhimbeerfarbenes Tuch.

Mara fühlte eine Schwüle. Sie öffnete die Türe und schritt die Freitreppe hinab. Fast erstickend zerriß sie den Kragen ihres Kleides. Der Sturm schlug ihr ins Gesicht. Die feuchten Schneeflocken zerschlugen sich an ihrer Brust und das kühle Wasser rieselte an ihrem Körper herab. Sie erbebte, aber sie zog die kalte Luft tief ein.

Der Schnee ließ den Himmel bleich erscheinen. Der Wind bewegte die kraftlosen, weißen Massen. Am Tore und über dem Zaune heulte der Sturm.

Im fernen Pferdestall sah man die schwankende Laterne des Kutschers, der die Pferde bestellte.

2.

Nikolai saß an seinem Schreibtisch.

Alles ringsum war ihm so bekannt: die farbigen Tapeten, die Bücherreihen auf ihren Brettern, die Mappen mit den angefangenen und lang schon vergessenen Arbeiten. Es brannte die bekannte Lampe unter dem grünmetallenen Lampenschirm.

Nikolai lehnte sich tiefer in den Sessel und legte die Füße auf das Bärenfell. Er wollte denken, viel denken, immer und immer noch denken. Sich dem Gedankengange so hingeben, wie auf dem langen Wege der Schneefelder. Es lag eine physische Wollust darin, daß die Gedanken wieder so auf den vorgemerkten Wegen eilen konnten.

Natürlich dachte er daran, was schon zwei Jahre sein ganzes Leben ausmachte und seine ganze Seele erfüllte: an diese drei Frauen, an die er durch furchtbare Banden der Seligkeit und Qual gefesselt war. Und so nach einem sinnlosen Fluchtversuch, um sich wieder einer dunklen Freiheit anheimzugeben, um sein Leben an einem Punkte in zwei Teile zu teilen, ist er wieder hier, bei ihnen, und wieder haben die Tage der entrückten Stunden zu beginnen, die Tage des Jubels und der Verzweiflung. Er begriff, o er begriff heute, daß er außerhalb dieser Atmosphäre gemeinsamer Beleidigungen und Anbetungen, die sie einander entgegenbrachten, nicht leben könnte, daß er ohne sie sterben müßte, wie eine tropische Pflanze ohne Treibhaus. Er wußte, daß er auf ewig hierher zurückgekommen war.

Sein Kopf drehte sich und schmerzte, vielleicht vor Müdigkeit, vielleicht von Erkältung. Die Bilder und Gestalten der Gedanken waren so deutlich, wie sonst nur im Traum oder im Fieber. Und wie im Anfangsstadium des Traumes fühlte er sich fähig, den Wechsel der Erscheinung zu beherrschen, Gestalten herbeizurufen, wie es ein Zauberer durch die Kraft seiner Beschwörungen vermag.

Er wollte Lydias Bildnis vor sich erscheinen lassen, so wie sie in den ersten Tagen nach ihrer Hochzeit war, -- ein schüchternes Mädchen, ein schamhaftes Weib, das in dem für sie Unsagbaren unvernünftig wurde. Und er sah ihr Zimmer wieder in irgend einem Hotel an der Riviera, sah deutlich, die Spitzen an den Bettkissen und in dem rosigen Licht des elektrischen Lämpchens inmitten der zerdrückten Pfühle ihren zerbrechlichen und fast kindlichen Körper. Und wieder bedeckte er ihn mit beseligten Küssen, küßte jeden Muskel, jedes Haar, dabei die berauschenden Worte: du bist mein! du bist mein! wiederholend, und von neuem die ganze naive Ekstase ihrer nur unklar zum Durchbruch kommenden Sinnlichkeit mit ihr durchlebend.

Und gleichzeitig ließ er ein anderes Gesicht Lydias erscheinen, eines, wo sie im Augenblick der letzten Verzweiflung, verwundet von Eifersucht, nackt auf den schneebedeckten Hof herauslief, auf der Freitreppe hinstürzte, so daß aus ihrem zerschlagenen Kopfe das Blut strömte. Und wieder hob er sie auf seine Hände und trug sie ins Haus; zwei irrsinnige ungläubige Augen, die plötzlich förmlich nur aus der Iris bestanden, sahen ihn an. Sie war ganz wie ein vergiftetes Tierchen und in seiner Seele war nichts, außer dem unersättlichen Mitleid zur Geliebten, außer dem zärtlichen Hunger, ihr ein grenzenloses Glück zu geben und in ihm wie in den Strahlen der Sonne zu zerschmelzen.

Doch sei dies nicht Lydia, -- o würde in seinen Händen der entblößte, völlig nackte Leib Maras zittern in einer jener heimlichen Zusammenkünfte, welche die beiden aus der Welt der Lebenden völlig hinausrissen und sie auf einen anderen und entfernten Planeten trugen. Und wieder ergriff ihn das Verlangen der Entrückung, das er immer noch so gut kannte, wenn er mit ihr war, das Verlangen nach etwas größerem als Küsse, als Zärtlichkeiten, als die leidenschaftliche Hingabe seiner selbst; das Verlangen, mit seinem ganzen Leben in sie einzudringen und wiederum ihr ganzes Wesen in sich aufzunehmen. In seinen Augen lagen so berückend die Linien ihres Leibes und das eigentümliche quälend-erwünschte Atmen dieses Leibes floß förmlich in seine Nasenflügel und Lippen wie ein scharf berauschendes Getränk.

Und wieder sind sie einander nah. Und wieder entsteht die Qual der sinnlichen Verzückung. Sie wächst, sie geht bis an alle Grenzen, sie verwandelt sich in Wut und Haß. Und da stoßen auch beide schon mit Abscheu einander von sich. Als ob sie erwacht wären, sehen sie sich voll Entsetzen an und jedem ist es unerträglich, mit dem andern zu sein. Einer erkennt im andern seinen ewigen, seinen vorher bestimmten Feind, und all die beleidigenden Worte der Schmähung, welche nur der Haß ihnen zuflüstern kann, kommen auf ihre Lippen. Sie schämen sich ihrer Nacktheit. Seine Blicke sind ihr eine Schmach, und erniedrigend scheint ihr seine Berührung. Und auch er will sich auf sie werfen, sie schlagen, töten, töten . . .

Doch dies ist schon nicht mehr Mara. Kett steht vor ihm, hoch, schlank, jungfräulich, unberührt. Sie kam zu ihm, wie sie so oft schon früher in dieses Kabinett kam, wenn alles im Hause schlief, um ihm noch einmal zu sagen, daß sie ihn liebt, nur ihn ersehnt, aber niemals sich ihm hingeben wird. Durch ihre Augen sieht er in ihre Seele. Und der frühere Glaube, daß mit ihr, nur mit ihr es ihm möglich wäre, den unsagbaren und unerforschten Segen zu erlangen, daß sie, nur sie alle die geheimsten Wünsche seines Wesens in ihrer dunklen Begeisterung errät, läßt ihn wieder sich ihr zuneigen, und wieder ihr die einzigen unwiederbringlichen Worte sagen. Und da neigen sich auch schon, als ob es wider ihrem Willen geschieht, ihre Gesichter einander zu und von neuem erstehen die alten wütenden Küsse, welche die Lippen blutig zerspringen lassen. Die Hände verschlingen sich in Umarmungen, die fast wie Schmerz sind, vereinigen sich wie Ringe; sie fallen auf den Fußboden und pressen ihre Kniee aneinander. Und wie Feinde in einem Walde, so kämpfen sie. Er bricht ihre Hände, und sie beißt ihn wie eine Katze. Das verhaltene Atmen geht zu Schreien über. Wie metallene Federn springen sie plötzlich jäh auf; sie mit zerrissenen Kleidern, er mit entblößter Brust. Er wirft sich in einen Sessel, sie verschwindet wie ein Schatten . . .

Gesichter der Wirklichkeit, Gesichter des Vergangenen kreisen wie Schneeflocken hinterm Fenster. Und abwechselnd beugen die drei Frauen über ihn ihre Gesichter, die bald glücklich sind, bald berauscht, bald von Verzweiflung verzerrt, bald wahnsinnig, bald beleidigend verächtlich. Er hört Worte der Liebkosungen und erbitterte Vorwürfe. Und er will, er will das alles: wie dies Glück, so auch diese Qual. Er dreht sich mit diesen Frauen in trunkenem Tanze, bald preßt er sich an ihre entblößten Brüste, bald verhüllt er die Augen vor ihren wilden Schlägen. Das Tempo des teuflischen Walzers wird immer rascher und schon ist er kraftlos, und schon ist er kraftlos, ihm zu folgen.

Ein Windstoß schlägt heftig ans Fenster. Nikolai erwacht auf einen Augenblick. Seine Hand fährt über die Stirn. Die Bilder waren so deutlich, daß er wie nach einer körperlichen Anstrengung in seinen Händen eine Schwäche fühlt. Oder sollte er sich auf dem Wege ernstlich erkältet haben? Er trinkt ein Glas starken Wein und Feuerströme fließen durch seine Adern.

Hinterm Fenster heult der Sturm seinen ungeheuerlichen Walzer. Und nichts ist dort zu sehen, außer dem Netz aus weißen Punkten.

3.

Vor Nikolai stand Kett.

Lange schaute er sich in sie hinein und wußte nicht, ob dies wirklich Kett wäre oder nur eines seiner Traumgesichter. Endlich begann er zu glauben und reichte ihr seine Hände.

-- Du? Du kamst? Ich erwartete dich. Nur dich.

Sie schüttelte verneinend den Kopf.

Er sank vor ihr auf die Knie. Er liebte es, vor ihr auf den Knien zu liegen und ihre langen schmalen Finger zu küssen. Er flehte:

-- Küsse mich. O beug dich über mich.

Kett sah ihn mit ihren traurigen Augen an. Dann sprach sie:

-- Ich kam, um mich von dir zu verabschieden. Ich darf nicht mehr mit dir sein. Ich ersehnte eine grenzenlose unendliche Liebe. In dir ist keine solche Liebe. Meine Liebe ist allzu groß für dich; und deine ist für mich -- zu klein. Ach die Liebe ist tyrannisch! Sie verlangt, daß man sich ihr völlig hingebe. Nichts halbes nimmt sie entgegen. Du aber gabst unserer Liebe nur ein Drittel deiner Seele, ganz genau ein Drittel und förmlich wie auf der Wage abgewogen!

Er suchte sie zu besänftigen, indem er sein Gesicht an ihre Finger preßte.

-- Kett! Kett! sprich nicht so zu mir. Sage mir nichts. Ich bin müde, ich bin kraftlos. Ich weiß ja selbst nichts. Laß mich mit dir sein, nur in deiner Nähe sein, nur fühlen, daß du meine Seele begreifst.

Sie befreite ihre Hände aus den seinen und entwand sich ihm.

-- Deine Seele? Ja, ich begreife deine Seele! Habe sie zwei Jahre beobachtet. Sie hat von allem ein wenig nötig. Ein wenig meiner Liebe, ein wenig der Zärtlichkeit meiner einen Schwester, und ein wenig der Leidenschaft meiner anderen Schwester. O, wenn du doch nur einmal etwas ganz verlangen würdest! Wenn auch nicht mich, so doch etwas Ganzes, etwas bis zum Ende! Ach selbst, wenn du gewagt hättest, zu entfliehen! Doch du fuhrst bis zur Station und kehrtest zurück. Wie sieht das dir ähnlich!

Sie sprach hart und kalt. In ihrer Stimme waren Befehle des Höheren zum Niederen. Unendliche Trauer, unendliche Bitterkeit, unendliche Beleidigung erfüllten die Seele Nikolais. Und noch immer hielt er ihre Hände fest, obgleich er ihr rauh und mitleidlos antworten wollte.

-- Wie aber, wenn du dich täuschest? fragte er sie. Wie, wenn ich zu lieben verstehe, wie du niemals geliebt hast? Mir genügt deine reine klare kristallene Seele nicht! Mir genügt dein geschlechtloses Gefühl nicht! Ich begehre auch nach jener Zärtlichkeit und jener Leidenschaft. Ihr selbst zerreißt meine einige, lebendige Liebe in drei Teile, und verwünscht dann die Kleinheit der blutenden Fetzen. Es ist an mir, eure Kleinlichkeit, eure Enge zu verachten. Ja, ich kehrte zurück, doch ich tat es, um zu sagen, daß ich nicht mehr euer Sklave bin, daß ihr mich nicht mehr beherrscht.

Hochmütig lächelnd entgegnete ihm Kett:

-- Mir ist jetzt alles gleich. Ich verlange nichts mehr von dir. Ich träumte einmal davon, die ganze Fülle der Liebe zu erblicken. Ich hatte den sinnlosen Traum, die Liebe über alles siegen zu sehen, -- über Leidenschaft, Mitleid, über das Bedingte. Doch du wagtest es nicht, deine Liebe mir hinzugeben, weil es dir furchtbar war, deine Frau zu betrügen: sie würde vielleicht vor Schmerz sterben! Du wagtest es nicht, deine Liebe mir hinzugeben, weil es dir schwer wurde, dich von den Küssen meiner anderen Schwester zu trennen! Und ferner, -- dich hinderten die verschiedenen Bedingungen des Lebens! Und so entbinde ich dich von allen Schwüren, die du an mich verschwendet hast. Wenn ich mein Wesen nicht jener Liebe, die ich suchte, hingeben konnte, so werde ich es dem Tode geben, den ich will. Leb wohl!

Die Worte Ketts verwundeten Nikolais Seele wie kleine Pfeile. Schon lag er nicht mehr vor Kett auf den Knien. Zwischen ihnen war der Tisch. Seine Hände fest an seine Brust drückend, bemühte sich Nikolai gleichfalls hart und kalt zu sprechen:

-- Warum heuchelst du? Glaubst du, ich hätte nicht schon lange den wirklichen Sinn deiner großen Worte erraten? Du willst einfach deine Mädchenunschuld bewahren. Du fürchtest die Sünde, dich dem Manne deiner Schwester hinzugeben. Du hütest deine erste Nacht für deinen gesetzlichen Ehegatten.

Da bog sich Kett über den Tisch, näherte ihr Gesicht dem Nikolais, so daß er in ihrer Iris sein Bild sah. Und dieses Mal waren in ihrer Stimme Wut und Spott:

-- Glaubtest du denn, daß ich dich liebe? Glaube es nicht: ich experimentierte nur! Ich wollte nur in deiner Seele die Flamme der wahren, alles verzehrenden Liebe sehen. Nun ja! der Versuch ist nicht geglückt! Ich habe mich umsonst gezwungen, deine Küsse zu ertragen. Ich habe umsonst das Zittern des Abscheus bekämpft, wenn ich dir erlaubte, mich zu umarmen. Deine Seele war noch kleiner und enger als selbst ich es erwartete. Triumphiere, -- du hast mich betrogen, da du dich größer und würdiger anstelltest, als du tatsächlich warst.

Sie begann zu lachen.

So standen sie im Triebe gegenseitigen Hasses einander aufs neue wie schon viele Male im Leben gegenüber und schleuderten sich Beleidigungen zu. Vor Nikolais Augen war es wie ein Nebel, und Ketts Bildnis verschwand bald, um dann aufs neue zu erstehen. Und schon wußte er nicht, ob sie zu ihm die wütenden Flüche sprach, oder ob er sie für Kett sich selbst sagte.

Wie Gewitterschein fiel plötzlich ein seltsamer Gedanke in die Weiten der Erkenntnis Nikolais. Scheu und ungläubig streckte er seine Hand aus und berührte ihre Hände.

-- Kett! Kett! Bist du dies? fragte er. Oder bist du eine Erscheinung? Es ist ja nicht möglich, daß du mir das alles sagen kannst. Es sind doch dieselben Gedanken, die ich heute auf dem Wege durch die Schneefelder dachte? Du konntest ja nichts von dem wissen? Antworte mir!

Und sehr unerwartet, mit sehr verändertem Gesicht, mit unendlicher Zärtlichkeit, mit der letzten Liebkosung antwortete Kett:

-- O, natürlich, natürlich, ist das alles Lüge! Es ist nur das eine wahr, daß ich dich liebe, doch ich darf nicht mit dir sein. Und so kam ich her, dir meine Liebe beweisen.

Nikolai erblickte in Ketts Hand einen Dolch. Sie führte die Schneide an ihre Lippen und küßte sie. Dann öffnete sie das Kleid. Langsam stieß sie den Dolch dort hinein, wo ihr Herz schlagen mußte. So stand sie noch einige Augenblicke, bleich und mit geöffneten Lippen. Dann fiel sie hin.

Und sofort verließ Nikolai jene Erstarrung, die sich immer im Traum einstellt, wenn man fliehen muß. Er warf sich auf Kett, um sie aufzuheben, seine Lippen auf ihre Wunden zu drücken, ihr zu sagen, daß er nur sie liebe -- und erwachte.

Er war allein in seinem Kabinett, und saß auf seinem Sessel. Unter dem grünmetallenen Schirm brannte die Lampe hell und gleichmäßig. Ringsum war es still.

War es denn Kett, die zu ihm hereinkam? Oder war alles nur ein Fiebertraum?

Er trank noch mehr Wein. In den Schläfen hämmerte es.

4.

Lange saß Nikolai so, seinen Kopf in seine Hände gepreßt. Um seine Erregung zu bekämpfen, bemühte er sich, etwas Nebensächliches, Unwichtiges zu denken. »Dann, dann,« sprach er zu sich, »dann will ich alle Fragen entscheiden, aber jetzt muß ich mich beruhigen, sonst werde ich verrückt.« Doch es waren immer dieselben Gedanken, immer dieselben Bilder, die zu ihm kamen, wie Wellen in der Stunde der Flut zu dem ausgehöhlten Stein kommen.

Es ist sehr schwer, so allein zu sein mit den Gedanken, wenn sie plötzlich ein unabhängiges Leben gewinnen, unerbittlich einen bestürmen und die geschwächte Erkenntnis mit langen Speeren besiegen! Könnte man weggehen aus diesem einsamen Zimmer, das allen Traumgesichtern offen steht, -- zum Licht, zum Menschenwort, zu den Menschen! Ist denn wirklich der schweigende Ruf der Seele zu schwach, um jemand hereinzurufen, der mitleidig wäre und trösten könnte? Er hat keine Kraft mehr, er bittet um Erbarmen.

Und leise und kaum hörbar öffnete sich die Türe. Mit den zärtlichen Schritten des liebenden Weibes kam Lydia herein, trat an ihn heran, legte ihre Hände auf seine Schultern:

-- Du bist müde, Nikolai, bist krank, leg dich zu Bett.