Die Regeln des Anstands, der Höflichkeit und der guten Sitte.

Part 2

Chapter 21,497 wordsPublic domain

4. Lächerlich ist es, von sich selbst, von seinen Thaten, seiner Geburt, seinen großen Geschäften zu sprechen; sich mit Dem und Jenem zu vergleichen; Vergleichungen sind immer mißlich. Eben so langweile Niemanden mit Klagen über den Zustand Deiner Gesundheit. Sprich nicht oft von Deinen Erfahrungen, Erlebnissen, Reisen, Du setzest Dich sonst der Lächerlichkeit aus, Erzähltes zu wiederholen und Deine Zuhörer zu langweilen; lobe Dich und die Deinigen nie, ebenso wenig sprich Tadel gegen Dich oder Jemanden von Deiner eignen Familie aus.

5. Vermeide sorgfältig jede Unwahrheit, jede Zweideutigkeit oder Zote! Erzähle nicht jedes Gerücht sogleich nach. Versprich nicht viel, aber halte pünktlich Deine Zusage. Sprich nie Uebles von Deinem Nächsten und mache Dich nicht so lächerlich, über eine Person, die eben die Gesellschaft verlassen, Dich tadelnd zu äußern; nimm Abwesende in Schutz. Verleumde nie! Schweige von Dingen, die Du nicht kennst oder nicht verstehst.

6. Eine unverzeihliche Grobheit wäre es, wenn man Jemandem widersprechen #muß#, zu sagen: »Sie lügen;« »das ist nicht wahr;« »Sie wissen nicht was Sie sagen« -- solche und ähnliche Ausdrücke gebraucht kein wohlerzogener Mensch. Ein durchaus nöthiger Widerspruch muß immer in die höflichste Form gekleidet werden; z. B. »Sie möchten Recht haben, allein Sie übersehen wohl«... oder »Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken«... »Verzeihen Sie, daß ich Ihnen sagen muß«... u. dgl. -- Sei auch nie hart und absprechend in Deinem Urtheil; behaupte und vertheidige Nichts mit Hartnäckigkeit und Eigensinn. Werde nie grob oder gemein, nie zu enthusiastisch und heftig im Gespräch! Werden es Andere, so setze Deine Gründe und Beweise ruhig aus einander und dringst Du nicht durch, so unterlasse den Wortstreit, schweige lieber oder entferne Dich.

7. Allerdings gibt es Fälle, in welchen #Complimente# erlaubt, ja erwartet und nöthig sind; sie müssen aber stets einfach und natürlich sein; weitschweifige, hochtrabende Redensarten sind abgeschmackt und lächerlich. Empfange Complimente mit Bescheidenheit und weise sie nie unfreundlich ab.

8. Nichts ist in der Conversation lästiger, als ein ewiges Fragen über die kleinsten Dinge oder über das was Dich nichts angeht. Die Fragen über Woher? Wohin? oder gar darüber, was Jemand gethan hat oder zu thun gedenkt, sind unartig. Angesehene Personen zu #befragen#, erlaubt der Anstand nur ganz ausnahmsweise und unter den höflichsten Ausdrücken. Kommt man in Gesellschaft zu einem angefangenen Gespräch, so erlaubt der Anstand nicht, zu fragen, wovon die Rede sei; aber die Höflichkeit fordert, den Eintretenden mit dem Inhalt des Gesprächs in Kürze bekannt zu machen. Manche Personen haben die leidige Gewohnheit, jedem ihrer Sätze ein ungezogenes: »Verstehen Sie mich?« beizufügen, oder die noch leidigere, durch unaufhörliches: »Wie, Wie?« den Sprechenden alles Gesagte wiederholen zu lassen. Letzteres darf nur höchst ausnahmsweise und mit der größten Höflichkeit geschehen.

=IV.=

Bei einigen besondern Gelegenheiten.

1. Hat man irgend eine #Einladung# angenommen, so ist sehr unhöflich, ohne ausdrücklich gemachte Entschuldigung wegzubleiben oder sich #erwarten# zu lassen.

2. Wird man in Gesellschaft zum #Singen# oder #Musiciren#, zu einem Vortrag oder dgl. aufgefordert, und kann man es, so steht es übel an, uns sehr bitten zu lassen; man gebe der Aufforderung willig nach und nehme gespendeten Beifall mit Bescheidenheit hin.

3. Bei jedem #Darreichen# oder #Annehmen# in der Gesellschaft verneige man sich leicht. Man reiche oder nehme Nichts in #der# Weise, daß man mit dem Arm an Jemandem vorbeilangt oder über Gerichte hinwegfährt; lieber bitte man seinen Nachbar, uns das Gewünschte (gefälligst) zukommen zu lassen.

4. Läßt Jemand Etwas #fallen#, so fordert es die Höflichkeit, sich rasch zu bücken und es aufzuheben. -- Sich des Ofens oder Kamins zu bemächtigen und sich mit dem Rücken daran zu wärmen ist unhöflich.

5. #Macht# man ein #Geschenk#, so spreche man später nie mehr davon und vermeide ganz besonders, den #Preis# zu erwähnen. Die #Art# des Gebens soll dem Geschenk den besten Werth verleihen. Auch eine Kleinigkeit nimm mit Freundlichkeit entgegen. Hast Du einen Schirm, ein Taschentuch oder dgl. entlehnt, so beeile Dich, das Entlehnte dankend zurückzusenden. Wäsche gibt man nie in unreinem Zustande zurück.

6. Auf #Reisen# sei gefällig! Falle nicht lästig durch langweiliges Fragen oder durch ewiges Klagen; biete Damen oder ältern Leuten den bequemern Platz an. Hüte Dich vor Vertrautheit mit Personen, die Du nicht genauer kennst. Bewundere nicht Alles und Jedes, #noch viel weniger tadle immer#! In der Fremde sprich immer mit Achtung oder Zurückhaltung von den Gesetzen, Sitten, von der Religion. Suche nie lächerlich zu machen, was Andern heilig oder ehrwürdig ist und betrage Dich besonders achtungsvoll in Kirchen und bei religiösen Ceremonien.

7. Beim #Spiel# sei fröhlich aber nicht ausgelassen. #Lautes Gelächter# ist eine sehr üble Gewohnheit. Immer und über Nichts zu lachen ist dumm, laut aufzulachen ist unfein und verräth Mangel an Erziehung.

8. Wird man zu einer #Beerdigung# eingeladen, so kann man sich ohne sehr triftige Gründe nicht davon lossagen. -- Für einen nahen Verwandten legt man Trauer an. So lange die tiefe Trauer dauert, wäre es sehr unschicklich, öffentlichen Vergnügungen beizuwohnen.

9. In #Briefen# sei noch höflicher als in der Conversation; je rascher Du einen Brief beantwortest, desto mehr Höflichkeit und Achtung bezeugst Du. Nimm stets einen #ganzen# Bogen Briefpapier; in Geschäftsbriefen stehe der Datum oben am Anfange, in Briefen an Höhere unten, links der Unterschrift. Nach der Anrede: »Hochgeehrtester Herr!« »Verehrte Frau!« und vor der Unterschrift: »Ihr ergebenster« oder »ergebenster Diener« lasse man, je nach der Achtung, die man bezeugen will, mehr oder weniger freien Raum; dagegen ist es in freundschaftlichen Briefen guter Ton geworden, #keinen# freien Raum zu lassen. Angesehenere Personen darf man nicht mit Grüßen oder Empfehlungen an Andere beauftragen, so wie man Flecken, Radirungen, Zusätze und Nachschriften vermeiden muß. Jeder Brief wird couvertirt. Seit der Einführung mit Postmarken ist die Frankirung der Briefe allgemein geworden. Kinder, kleine oder große, müssen nie vergessen, am Neujahr und Namens- oder Geburtstagen #die Eltern schriftlich zu beglückwünschen#.

Schlußwort.

Dieß sind die vorzüglichsten Regeln der Höflichkeit, die Ihr, meine jungen Freunde, Euch nicht früh genug einprägen könnt. Denn von allen Zierden der Jugend ist die Höflichkeit die wohlfeilste und doch zugleich diejenige, durch welche man sich am meisten beliebt machen kann. »Gebückt, gebückt, mit dem Hut in der Hand, so kommt man durch's ganze Land« -- dieß war der Wahlspruch unsres großen Landsmannes, _Benjamin Franklin_, der es mit diesem Grundsatz der Höflichkeit, wie Euch bekannt ist, vom armen Buchdruckerlehrling zu einem der angesehensten und berühmtesten Männer seiner Zeit und seines Landes, nein! #aller# Zeiten und #aller# Länder, gebracht hat. Lasset mich Euch zum Schlusse aus meiner eignen Erfahrung eine Thatsache mittheilen, wo das höfliche Betragen eines Knaben der Grundstein seines Glückes wurde, eine Thatsache, die sich im geselligen Leben schon sehr oft wiederholt hat.

In meiner Vaterstadt _St. Louis_ lebte -- nun, er lebt noch, der würdige Mann und Ihr müßt mir daher gestatten, ihn ohne Namen zu belassen -- ein tüchtiger, viel beschäftigter Arzt, der eines Tages auf dem Weg zu einer Farm war, wo die bekümmerten Eltern seine Kunst für ein plötzlich und heftig erkranktes Kind in Anspruch genommen hatten. Es sind schon viele Jahre her und damals war die Gegend um meine Vaterstadt noch nicht mit den guten Straßen und Wegen versehen wie jetzt, und unser Doctor, obgleich er sich den rechten Weg zu seinem Patienten genau hatte beschreiben lassen, verirrte sich bei einem abscheulichen Wetter auf seinen Gang in den »Busch.« Glücklicher Weise traf er endlich auf eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft von Knaben und Mädchen, die in der Nähe einer Farm sich lärmend herumtummelten. Unser Doctor fragte freundlich nach seinem Wege; allein keines der Kinder wollte ihm den Weg zeigen, der allerdings wegen des schlechten Wetters nicht eben sehr angenehm war. »Ich gehe nicht mit,« sagte das Eine; »ich auch nicht,« meinte das Andere, »da müßt ich ein Thor sein, durch den nassen Wald zu traben.« In diesem Augenblicke kam ein armer kleiner Junge herzu -- Hermann M. hieß er und Mancher meiner Leser kennt den jungen Mann recht wohl -- und kaum hörte er, was der Doctor wollte, so grüßte er ihn freundlich und bot sich zum Führer an. Unterwegs fragte der über das höfliche Benehmen des Knaben erfreute Arzt unsern Hermann mancherlei und überzeugte sich bald durch seine Antworten wie durch sein ganzes Benehmen, daß der Junge ein intelligenter, offener Kopf sei, der nur durch die große Armuth seiner Eltern vom Lernen und damit von der Begründung seines zukünftigen Fortkommens abgehalten wurde. Er zog noch nähere Erkundigungen ein, nahm dann den Knaben in seine Apotheke, unterrichtete ihn zum Theil selbst und ließ ihn später die medizinische Hochschule in _St. Louis_ absolviren. Heute ist Hermann M. eine viel genannte, weit und breit bekannte Persönlichkeit, ein Muster der Menschenfreundlichkeit, des Wohlwollens und der aufopferndsten Hingebung für das Wohl besonders des armen Theils seiner Mitbürger, und zählt, trotz seiner Uneigennützigkeit, zu den wohlhabendsten Bürgern seiner »=County=.« Einer einfachen Handlung von Höflichkeit und guter Sitte verdankte Herr M. sein Glück und Amerika vielleicht einen seiner besten Söhne.

Wohl wird nicht jede Höflichkeit in so eclatanter Weise sich belohnen, aber gewiß ist und bleibt es: der Höfliche wird sich stets und allenthalben beliebt machen, während man den groben, unhöflichen Burschen eben mit Verachtung seine Wege gehen läßt, die ihn gewöhnlich zu Auszeichnungen ganz anderer Art führen.