Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band

Part 7

Chapter 73,645 wordsPublic domain

»Gehe, du Königsohn, hin wo der Asket Gotamo weilt, und sprich dann also zu ihm: ›Mag wohl, o Herr, der Vollendete Dinge sagen, die den anderen unlieb und unangenehm sind?‹ Wenn dir der Asket Gotamo auf diese Frage also antwortet: ›Sagen mag, o Königsohn, der Vollendete Dinge, die den anderen unlieb und unangenehm sind‹, so hast du also zu ihm zu reden: ›Aber was ist dann nur, o Herr, für ein Unterschied zwischen dir und einem gewöhnlichen Menschen? Denn auch der gewöhnliche Mensch mag Dinge sagen, die den anderen unlieb und unangenehm sind.‹ Doch wenn dir der Asket Gotamo auf deine Frage also antwortet: ›Nicht mag, o Königsohn, der Vollendete Dinge sagen, die den anderen unlieb und unangenehm sind‹, so hast du also zu ihm zu 393 reden: ›Aber hast du denn nicht, o Herr, von Devadatto gesagt: ‚Unsälig ist Devadatto, unrettbar ist Devadatto, Zwecke sucht Devadatto[29], unheilbar ist Devadatto‘? Und diese deine Worte haben Devadatto zornig und unzufrieden gemacht!‹ Legst du, o Königsohn, dem Asketen Gotamo diese doppeldeutige Frage vor, so wird er weder ausschlingen noch einschlingen können. Gleichwie etwa ein Mann, dem ein eiserner Ring um den Hals gelegt ist, nicht ausschlingen kann und nicht einschlingen, ebenso nun auch, o Königsohn, wird der Asket Gotamo auf diese doppeldeutige Frage weder ausschlingen noch einschlingen können.«

»Gut, o Herr!« erwiderte da gehorsam Abhayo der Königsohn dem Freien Bruder Nāthaputto. Und er stand von seinem Sitze auf, begrüßte den Freien Bruder Nāthaputto ehrerbietig, ging rechts herum und begab sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder. Als nun Abhayo der Königsohn zur Seite saß, da sah er nach der Sonne und gedachte: ›Es ist heute nicht an der Zeit, den Erhabenen beim Worte zu nehmen; morgen dann will ich in meinem Hause den Erhabenen beim Worte nehmen‹: und er sprach zum Erhabenen also:

»Gewähre mir, o Herr, der Erhabene die Bitte, morgen selbviert bei mir zu speisen!«

Schweigend gewährte der Erhabene die Bitte.

Als nun Abhayo der Königsohn der Zustimmung des Erhabenen sicher war, stand er von seinem Sitze auf, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, ging rechts herum und entfernte sich.

Und der Erhabene begab sich am nächsten Morgen, zeitig gerüstet, mit Mantel und Schaale versehn, nach dem Hause Abhayo des Königsohns. Dort angelangt nahm der Erhabene auf dem dargebotenen Sitze Platz. Und Abhayo der Königsohn bediente und versorgte eigenhändig den Erhabenen mit ausgewählter fester und flüssiger Speise.

Nachdem nun der Erhabene gespeist und das Mahl beendet hatte, nahm Abhayo der Königsohn einen von den niederen Stühlen zur Hand und setzte sich zur Seite hin. Zur Seite sitzend sprach dann Abhayo der Königsohn zum Erhabenen also:

»Mag wohl, o Herr, der Vollendete Dinge sagen, die den anderen unlieb und unangenehm sind?«

»Nicht wohl, Königsohn, einzig das.«

»Das haben, o Herr, die Freien Brüder vorgebracht.«

»Warum denn, Königsohn, sprichst du also: ›Das haben, o Herr, die Freien Brüder vorgebracht‹?« 394

»Da war ich, o Herr, zum Freien Bruder Nāthaputto hingegangen, hatte ihn ehrerbietig begrüßt und mich seitwärts niedergesetzt. Und als ich da saß, sprach der Freie Bruder Nāthaputto also zu mir: ›Gehe, du Königsohn, und nimm den Asketen Gotamo beim Worte: dann wird man dir mit dem frohen Ruhmesrufe begegnen: ‚Abhayo der Königsohn hat den Asketen Gotamo, den so mächtigen, so gewaltigen, beim Worte genommen!‘‹ Auf diesen Rath, o Herr, erwiderte ich dem Freien Bruder Nāthaputto: ›Wie soll ich aber, o Herr, den Asketen Gotamo, den so mächtigen, so gewaltigen, beim Worte nehmen?‹ -- ›Gehe, du Königsohn, hin wo der Asket Gotamo weilt, und sprich dann also zu ihm: ‚Mag wohl, o Herr, der Vollendete Dinge sagen, die den anderen unlieb und unangenehm sind?‘ Wenn dir der Asket Gotamo auf diese Frage also antwortet: ‚Sagen mag, o Königsohn, der Vollendete Dinge, die den anderen unlieb und unangenehm sind‘, so hast du also zu ihm zu reden: ‚Aber was ist dann nur, o Herr, für ein Unterschied zwischen dir und einem gewöhnlichen Menschen? Denn auch der gewöhnliche Mensch mag Dinge sagen, die den anderen unlieb und unangenehm sind.‘ Doch wenn dir der Asket Gotamo auf deine Frage also antwortet: ‚Nicht mag, o Königsohn, der Vollendete Dinge sagen, die den anderen unlieb und unangenehm sind‘, so hast du also zu ihm zu reden: ‚Aber hast du denn nicht, o Herr, von Devadatto gesagt: „Unsälig ist Devadatto, unrettbar ist Devadatto, Zwecke sucht Devadatto, unheilbar ist Devadatto“? Und diese deine Worte haben Devadatto zornig und unzufrieden gemacht!‘ Legst du, o Königsohn, dem Asketen Gotamo diese doppeldeutige Frage vor, so wird er weder ausschlingen noch einschlingen können. Gleichwie etwa ein Mann, dem ein eiserner Ring um den Hals gelegt ist, nicht ausschlingen kann und nicht einschlingen, ebenso nun auch, o Königsohn, wird der Asket Gotamo auf diese doppeldeutige Frage weder ausschlingen noch einschlingen können.‹«

Während dieses Gespräches nun hatte Abhayo der Königsohn einen zarten Knaben, einen unvernünftigen Säugling auf dem Schooße sitzen. Da sprach nun der Erhabene zu Abhayo dem Königsohn also:

»Was meinst du wohl, Königsohn: wenn dieser Knabe infolge 395 deiner Nachlässigkeit oder der Nachlässigkeit seiner Amme ein Holzstück oder einen Scherben in den Mund nähme, was würdest du mit ihm machen?«

»Ich würd’ es ihm wegnehmen, o Herr! Wenn ich es, o Herr, nicht gleich von Anfang an wegnehmen könnte, so würd’ ich mit der linken Hand seinen Kopf halten und mit der rechten einen Finger krümmen und es ihm, selbst blutig, herausziehen. Und warum das? Weil mich, o Herr, der Knabe erbarmt.«

»Ebenso nun auch, Königsohn, kennt der Vollendete Worte, von denen er weiß, dass sie unwahr, unächt, unheilsam und den anderen unlieb und unangenehm sind, und mag der Vollendete solche Worte nicht sagen; und kennt der Vollendete Worte, von denen er weiß, dass sie wahr und ächt und unheilsam und den anderen unlieb und unangenehm sind, und mag der Vollendete auch solche Worte nicht sagen; doch kennt der Vollendete Worte, von denen er weiß, dass sie wahr und ächt und heilsam und den anderen unlieb und unangenehm sind, und mag da der Vollendete die Zeit ermessen, solche Worte zu reden. Es kennt der Vollendete Worte, von denen er weiß, dass sie unwahr, unächt, unheilsam und den anderen lieb und angenehm sind, und mag der Vollendete solche Worte nicht sagen; und kennt der Vollendete Worte, von denen er weiß, dass sie wahr und ächt und unheilsam und den anderen lieb und angenehm sind, und mag der Vollendete auch solche Worte nicht sagen; doch kennt der Vollendete Worte, von denen er weiß, dass sie wahr und ächt und heilsam und den anderen lieb und angenehm sind, und mag da der Vollendete die Zeit ermessen, solche Worte zu reden. Und warum das? Weil, Königsohn, den Vollendeten die Wesen erbarmen.«

»Wenn da, o Herr, gelehrte Fürsten und gelehrte Priester, gelehrte Bürger und gelehrte Asketen eine Frage zusammenstellen und den Vollendeten aufsuchen und sie vorlegen, hat da wohl, o Herr, der Erhabene schon vorher im Geiste daran gedacht: ›Wer mich aufsuchen und befragen wird, dem werd’ ich auf solche Frage solche Antwort geben‹; oder kommt es eben erst im Augenblick dem Vollendeten in den Sinn?«

»Da will ich dir nun, Königsohn, eben hierüber eine Frage stellen: wie’s dir gutdünkt magst du sie beantworten. Was meinst du wohl, Königsohn: sind dir die Theile und Stücke des Wagens genau bekannt?«

»Gewiss, o Herr, genau sind mir die Theile und Stücke des Wagens bekannt.«

»Was meinst du wohl, Königsohn: wenn man zu dir käme und dich fragte: ›Was ist denn das für ein Theil und Stück vom Wagen‹, würdest du etwa schon vorher im Geiste daran gedacht haben: ›Wer mich aufsuchen und befragen wird, dem werd’ ich auf solche 396 Frage solche Antwort geben‹; oder kam’ es dir eben erst im Augenblick in den Sinn?«

»Ich bin ja, o Herr, ein erfahrener Wagenlenker, genau sind mir die Theile und Stücke des Wagens bekannt, alle Theile und Stücke des Wagens hab’ ich wohl erprobt: eben erst im Augenblicke käm’ es mir in den Sinn.«

»Ebenso nun auch, Königsohn, gehn da gelehrte Fürsten und gelehrte Priester, gelehrte Bürger und gelehrte Asketen den Vollendeten mit einer Frage an, und es kommt dem Vollendeten eben erst im Augenblick in den Sinn. Und warum das? Jene Eigenart der Dinge hat ja, Königsohn, der Vollendete von Grund aus erkannt, so dass es durch die gründliche Erkenntniss der Eigenart der Dinge dem Vollendeten eben erst im Augenblick in den Sinn kommt.«

Nach diesen Worten wandte sich Abhayo der Königsohn also an den Erhabenen:

»Vortrefflich, o Herr, vortrefflich, o Herr! Gleichwie etwa, o Herr, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder ein Licht in die Finsterniss hielte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch hat der Erhabene die Lehre gar manigfach gezeigt. Und so nehm’ ich, o Herr, beim Erhabenen Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich der Erhabene betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«[30]

59.

Sechster Theil Neunte Rede

VIEL DER GEFÜHLE

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Da nun begab sich Pañcakaṉgo der Baumeister dorthin wo der ehrwürdige Udāyī weilte. Dort angelangt begrüßte er den ehrwürdigen Udāyī ehrerbietig und setzte sich zur Seite hin. Zur Seite sitzend sprach nun Pañcakaṉgo der Baumeister also zum ehrwürdigen Udāyī:

»Wieviel Gefühle hat wohl, Herr Udāyī, der Erhabene angegeben?«

»Drei Gefühle, Hausvater, hat der Erhabene angegeben: das wohlige Gefühl, das wehe Gefühl und das weder wohlig noch wehe Gefühl. Das, o Hausvater, sind die drei Gefühle, die der 397 Erhabene angegeben hat.«

»Nicht drei Gefühle, Herr Udāyī, hat der Erhabene angegeben, zwei Gefühle hat der Erhabene angegeben: das wohlige Gefühl und das wehe Gefühl. Was das weder wohlig noch wehe Gefühl anlangt, o Herr, das hat der Erhabene beim Tüchtigen als auserlesenes Wohl bezeichnet.«

Und zum zweiten Mal, und zum dritten Mal sprach der ehrwürdige Udāyī also zu Pañcakaṉgo dem Baumeister:

»Nicht zwei Gefühle, Hausvater, hat der Erhabene angegeben, drei Gefühle hat der Erhabene angegeben: das wohlige Gefühl, das wehe Gefühl und das weder wohlig noch wehe Gefühl. Das, o Hausvater, sind die drei Gefühle, die der Erhabene angegeben hat.«

Und zum zweiten Mal, und zum dritten Mal sprach Pañcakaṉgo der Baumeister also zum ehrwürdigen Udāyī:

»Nicht drei Gefühle, Herr Udāyī, hat der Erhabene angegeben, zwei Gefühle hat der Erhabene angegeben: das wohlige Gefühl und das wehe Gefühl. Was das weder wohlig noch wehe Gefühl anlangt, o Herr, das hat der Erhabene beim Tüchtigen als auserlesenes Wohl bezeichnet.«

Und weder vermochte der ehrwürdige Udāyī Pañcakaṉgo den Baumeister zu überzeugen, noch auch vermochte Pañcakaṉgo der Baumeister den ehrwürdigen Udāyī zu überzeugen.

Es erfuhr aber der ehrwürdige Ānando das Gespräch, das zwischen dem ehrwürdigen Udāyī und Pañcakaṉgo dem Baumeister stattgefunden. Und der ehrwürdige Ānando begab sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend erzählte nun der ehrwürdige Ānando dem Erhabenen das ganze Gespräch des ehrwürdigen Udāyī mit Pañcakaṉgo dem Baumeister. Nach diesem Berichte sprach der Erhabene also zum ehrwürdigen Ānando:

»Einen tauglichen Standpunkt, wahrlich, Ānando, hat Pañcakaṉgo der Baumeister Udāyī dem Mönche streitig gemacht: und einen tauglichen Standpunkt, wahrlich, Ānando, hat auch Udāyī der Mönch Pañcakaṉgo dem Baumeister streitig gemacht. Zwei Gefühle hab’ ich, Ānando, angegeben je nach dem Standpunkte, und drei Gefühle hab’ ich angegeben je nach dem Standpunkte, und 398 fünf Gefühle hab’ ich angegeben je nach dem Standpunkte, und sechs Gefühle hab’ ich angegeben je nach dem Standpunkte, und achtzehn Gefühle hab’ ich angegeben je nach dem Standpunkte, und sechsunddreißig Gefühle hab’ ich angegeben je nach dem Standpunkte, und hundertacht Gefühle hab’ ich angegeben je nach dem Standpunkte.[31] Also hab’ ich, Ānando, je nach dem Standpunkte die Lehre dargelegt. Wenn sie nun, Ānando, bei also von mir je nach dem Standpunkte dargelegter Lehre dem rechten Worte, der rechten Rede nicht gegenseitig zustimmen, beistimmen, beipflichten wollen, so ist von ihnen zu erwarten, dass sie zanken und streiten, mit einander hadern und scharfe Wortgefechte führen werden. Also hab’ ich, Ānando, je nach dem Standpunkte die Lehre dargelegt. Wenn sie nun, Ānando, bei also von mir je nach dem Standpunkte dargelegter Lehre dem rechten Worte, der rechten Rede gegenseitig zustimmen, beistimmen, beipflichten wollen, so ist von ihnen zu erwarten, dass sie sich vertragen, einig, ohne Zwist, mild geworden, einander sanften Auges ansehn werden.

»Fünf Begehrungen, Ānando, giebt es da: und welche fünf? Die durch das Gesicht ins Bewusstsein tretenden Formen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch das Gehör ins Bewusstsein tretenden Töne, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch den Geruch ins Bewusstsein tretenden Düfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch den Geschmack ins Bewusstsein tretenden Säfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch das Getast ins Bewusstsein tretenden Tastungen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden. Das sind, Ānando, die fünf Begehrungen. Was da Wohl und Glück, Ānando, diesen fünf Begehrungen gemäß geht nennt man Wohl des Begehrens.

»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’ ich ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das aber, Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes Wohl ist? Da weilt, Ānando, ein Mönch, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Das ist, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl.

»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’ ich ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein 399 Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das aber, Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes Wohl ist? Da gewinnt, Ānando, ein Mönch nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. Das ist, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl.

»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’ ich ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das aber, Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes Wohl ist? Da verweilt, Ānando, ein Mönch in heiterer Ruhe, gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die Weihe der dritten Schauung. Das ist, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl.

»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’ ich ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das aber, Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes Wohl ist? Da erwirkt, Ānando, ein Mönch nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Das ist, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl.

»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’ ich ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das aber, Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes Wohl ist? Da gewinnt, Ānando, ein Mönch nach völliger Ueberwindung der Formwahrnehmungen, Vernichtung der Gegenwahrnehmungen, Verwerfung der Vielheitwahrnehmungen in dem Gedanken ›Gränzenlos ist der Raum‹ das Reich des unbegränzten Raumes. Das ist, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl.

»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’ ich ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das aber, Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes Wohl ist? Da gewinnt, Ānando, ein Mönch nach völliger Ueberwindung der unbegrenzten Raumsphäre in dem Gedanken ›Gränzenlos ist das Bewusstsein‹ das Reich des unbegränzten Bewusstseins. Das ist, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl.

»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’ ich ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das aber, Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes Wohl ist? Da gewinnt, Ānando, ein Mönch nach völliger Ueberwindung der unbegränzten Bewusstseinsphäre in dem Gedanken ›Nichts ist da‹ das Reich des Nichtdaseins. Das ist, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl.

»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’ ich ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das aber, Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes Wohl ist? Da erreicht, Ānando, ein Mönch nach völliger Ueberwindung der Nichtdaseinsphäre die Gränzscheide möglicher Wahrnehmung. Das ist, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl.

»Wenn da nun, Ānando, einer behauptet: ›Das ist das höchste 400 Wohl und Glück, das die Wesen genießen können‹, so gesteh’ ich ihm das nicht zu: und warum nicht? Es giebt, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl. Was ist das aber, Ānando, für ein Wohl, das besser und erlesener als jenes Wohl ist? Da erreicht, Ānando, ein Mönch nach völliger Ueberwindung der Gränzscheide möglicher Wahrnehmung die Auflösung der Wahrnehmbarkeit. Das ist, Ānando, ein Wohl, das besser und erlesener ist als jenes Wohl.

»Möglich aber, Ānando, wär’ es, dass da die Pilger anderer Orden sagten: ›Die Auflösung der Wahrnehmbarkeit verkündet der Asket Gotamo, und er bezeichnet sie als Wohl: was ist es damit, wie verhält es sich damit?‹ Auf solche Rede, Ānando, wäre den Pilgern anderer Orden solches zu erwidern: ›Nicht, ihr Brüder, bezeichnet es der Erhabene in Beziehung auf das wohlige Gefühl als Wohl; sondern, ihr Brüder: wo eben immerhin Wohl empfunden wird, das bezeichnet da der Vollendete eben immerhin als Wohl.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige Ānando über das Wort des Erhabenen.[32]

60.

Sechster Theil Zehnte Rede

FRAGLOSIGKEIT

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit wanderte der Erhabene im Lande Kosalo von Ort zu Ort und kam, von vielen Mönchen begleitet, in die Nähe eines kosalischen Brāhmanendorfes Namens Sālā. Und es hörten die brāhmanischen Hausleute in Sālā reden: ›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe der Sakyer entsagt hat, wandert in unserem Lande von Ort zu Ort und ist mit vielen Mönchen in Sālā angekommen. Diesen Herrn 401 Gotamo aber begrüßt man allenthalben mit dem frohen Ruhmesrufe, so zwar: ‚Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene. Er zeigt diese Welt mit ihren Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von Priestern und Büßern, Göttern und Menschen, nachdem er sie selbst verstanden und durchdrungen hat. Er verkündet die Lehre, deren Anfang begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende begütigt, die sinn- und wortgetreue, er legt das vollkommen geläuterte, geklärte Asketenthum dar. Glücklich wer da nun solche Heilige sehn kann!‘‹

Und die brāhmanischen Hausleute von Sālā begaben sich nun dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt verneigten sich einige vor dem Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite nieder, andere wechselten höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzten sich zur Seite nieder, einige wieder falteten die Hände gegen den Erhabenen und setzten sich zur Seite nieder, andere wieder gaben beim Erhabenen Namen und Stand zu erkennen und setzten sich zur Seite nieder, und andere setzten sich still zur Seite nieder. Zu den brāhmanischen Hausleuten von Sālā nun, die da zur Seite saßen, sprach der Erhabene also:

»Habt ihr wohl, Hausväter, einen lieben Meister unter euch, zu dem ihr gegründetes Vertrauen hegen könnt?«

»Nein, o Herr, wir haben keinen lieben Meister unter uns, zu dem wir gegründetes Vertrauen hegen können.«

»Habt ihr, Hausväter, keinen lieben Meister gefunden, so mag euch diese fraglose Lehre zur Weisung dienen. Denn die fraglose Lehre, Hausväter, befolgt und bewahrt, die wird euch lange zum Wohle, zum Heile gereichen. Was ist das aber, Hausväter, für eine fraglose Lehre?

»Es giebt, Hausväter, manche Asketen und Priester, die sagen und lehren: ›Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden -- es ist alles eitel; es giebt keine Saat und Ernte guter und böser Werke; Diesseits und Jenseits sind leere Worte; Vater und Mutter und auch geistige Geburt sind hohle Namen; die Welt hat keine Asketen und Priester, die vollkommen und vollendet sind, die sich den Sinn dieser und jener Welt begreiflich machen, anschaulich vorstellen und erklären können.‹ Nun sagen aber, Hausväter, manche Asketen und Priester gerade das Gegentheil davon und behaupten: ›Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden 402 ist kein Unsinn; es giebt eine Saat und Ernte guter und böser Werke; das Diesseits ist vorhanden und das Jenseits ist vorhanden; Eltern giebt es und geistige Geburt giebt es; die Welt hat Asketen und Priester, die vollkommen und vollendet sind, die sich den Sinn dieser und jener Welt begreiflich machen, anschaulich vorstellen und erklären können.‹ Was meint ihr wohl, Hausväter: sagen da nicht die einen Asketen und Priester gerade das Gegentheil von dem, was die anderen sagen?«

»Allerdings, o Herr!«