Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band
Part 6
»Bleibe, o Herr, wolle nicht eintreten: von heute an hat sich Upāli der Hausvater zum Jüngerthum des Asketen Gotamo bekehrt. Verschlossen ist die Pforte den Freien Brüdern und Freien Schwestern: unverschlossen ist sie den Jüngern des Erhabenen, den Mönchen und Nonnen, den Anhängern und Anhängerinen. Wenn du, o Herr, Almosen bedarfst, so bleibe nur hier: man wird es dir hierher bringen.«
»Wohlan denn, guter Pförtner, geh’ zu Upāli dem Hausvater und melde ihm: ›Der Freie Bruder, o Herr, Nāthaputto steht mit einer großen Schaar Freier Brüder vor dem Thore draußen: er möchte dich sehn.‹«
»Jawohl, Herr!« erwiderte da gehorsam der Pförtner dem Freien Bruder Nāthaputto; und er ging zu Upāli dem Hausvater und meldete ihm:
»Der Freie Bruder, o Herr, Nāthaputto steht mit einer großen Schaar Freier Brüder vor dem Thore draußen: er möchte dich sehn.«
»So stelle denn, guter Pförtner, in der mittleren Thorhalle die Stühle zurecht.«
»Jawohl, Herr!« erwiderte da gehorsam der Pförtner Upāli dem Hausvater; und er stellte in der mittleren Thorhalle die Stühle zurecht, und ging dann zu Upāli dem Hausvater und meldete ihm:
»Zurechtgestellt, o Herr, sind dir in der mittleren Thorhalle die Stühle, wie es dir beliebt.«
Und Upāli der Hausvater trat nun in die mittlere Thorhalle ein, 383 nahm dort auf dem ersten und besten, höchsten und vornehmsten Sitze Platz, und befahl dann dem Pförtner:
»So geh’ denn, guter Pförtner, zum Freien Bruder Nāthaputto und melde ihm: ›Upāli, Herr, der Hausvater, lässt sagen: ‚Wolle nähertreten, o Herr, wenn es dir genehm ist.‘‹«
»Jawohl, Herr!« erwiderte da gehorsam der Pförtner Upāli dem Hausvater; und er ging zum Freien Bruder Nāthaputto und meldete ihm: ›Upāli, Herr, der Hausvater, lässt sagen: ‚Wolle nähertreten, o Herr, wenn es dir genehm ist.‘‹
Und der Freie Bruder Nāthaputto trat nun mit seiner großen Schaar Freier Brüder in die mittlere Thorhalle ein. Und Upāli der Hausvater, der da früher, sobald er den Freien Bruder Nāthaputto von ferne herankommen sehn, ihm alsbald entgegengegangen und den ersten und besten, höchsten und vornehmsten Sitz dort eingeräumt, mit dem Mantel abgestäubt und angeboten hatte, der saß nun selbst dort auf dem ersten und besten, höchsten und vornehmsten Sitze; und er sprach also zum Freien Bruder Nāthaputto:
»Es sind hier, o Herr, Sitze bereit: wenn du willst setze dich.«
Also angesprochen entgegnete der Freie Bruder Nāthaputto Upāli dem Hausvater:
»Von Sinnen bist du, Hausvater, verloren hast du, Hausvater! Du hast ja gesagt: ›Hingehn will ich, o Herr, und den Asketen Gotamo beim Wort nehmen‹, und bist ausgezogen und mit einer gewaltigen Niederlage deiner Redekunst heimgekehrt. Gleichwie etwa, Hausvater, wenn ein Mann auszöge, Hoden auszureißen, und mit ausgerissenen Hoden heimkehrte; oder gleichwie etwa, Hausvater, wenn ein Mann auszöge, Augen auszureißen, und mit ausgerissenen Augen heimkehrte: ebenso nun auch, Hausvater, hast du gesagt: ›Hingehn will ich, o Herr, und den Asketen Gotamo beim Wort nehmen‹, und bist ausgezogen und mit einer gewaltigen Niederlage deiner Redekunst heimgekehrt. Weggelockt worden bist du nun, Hausvater, vom Asketen Gotamo durch verlockende List.«
»Beglückend, o Herr, ist diese verlockende List, besäligend, o Herr, ist diese verlockende List! Wenn sich, o Herr, meine lieben Leute und Hausgenossen durch solche Verlockung verleiten ließen, so würd’ es auch meinen lieben Leuten und Hausgenossen lange zum Wohle, zum Heile gereichen. Wenn sich auch, o Herr, alle Adeligen durch solche Verlockung verleiten ließen, so würd’ es einem jeden von ihnen lange zum Wohle, zum Heile gereichen. Wenn sich auch, o Herr, alle Priester und 384 alle Bürger und alle Diener durch solche Verlockung verleiten ließen, so würd’ es einem jeden von ihnen lange zum Wohle, zum Heile gereichen. Wenn sich auch, o Herr, die Welt mit ihren Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von Büßern und Priestern, Göttern und Menschen durch solche Verlockung verleiten ließe, so würd’ es auch der Welt mit ihren Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von Büßern und Priestern, Göttern und Menschen lange zum Wohle, zum Heile gereichen. Und so will ich dir nun, o Herr, ein Gleichniss geben: auch durch Gleichnisse wird da manchem verständigen Manne der Sinn einer Rede klar.
»Es war einmal, o Herr, ein Brāhmane, der war alt und greis und hochbetagt, und hatte eine junge Brāhmanin zur Frau, die war schwanger, der Entbindung nahe. Und diese Brāhmanin, o Herr, sprach also zu ihrem Gemahl: ›Gehe, Brāhmane, auf den Markt, kaufe einen jungen Affen und bring’ ihn heim, auf dass er meinem Knäblein ein Spielgenosse werde.‹ Auf diese Worte, o Herr, erwiderte der Brāhmane seiner Gemahlin: ›Warte so lange, liebe Frau, bis du geboren hast: wenn du, liebe Frau, ein Knäblein gebären wirst, so werd’ ich auf den Markt gehn und dir einen jungen Affen kaufen und heimbringen, auf dass er deinem Knäblein ein Spielgenosse werde; wenn du aber, liebe Frau, ein Mägdlein gebären wirst, so werd’ ich auf den Markt gehn und dir eine junge Aeffin kaufen und heimbringen, auf dass sie deinem Mägdlein eine Spielgenossin werde.‹ Und ein zweites Mal, und ein drittes Mal, o Herr, sprach die Brāhmanin also zu ihrem Gemahl. Da ging nun endlich, o Herr, der Brāhmane, der seine Gemahlin sehr liebte, ihr innig zugethan war, auf den Markt, kaufte einen jungen Affen, brachte ihn heim und sprach also zu seiner Gemahlin: ›Da hast du, liebe Frau, den jungen 385 Affen: ich hab’ ihn am Markte gekauft und dir nun heimgebracht, auf dass er deinem Knäblein ein Spielgenosse werde.‹ Auf diese Worte, o Herr, erwiderte die Brāhmanin ihrem Gemahle: ›Gehe, Brāhmane, mit diesem jungen Affen zu Rattapāṇi dem Färber und sag’ ihm: ‚Ich wünsche, guter Rattapāṇi, dass dieser junge Affe mit gelber Farbe gefärbt, aufgewalzt, durchgewalzt, auf beiden Seiten geglättet werde.‘ Und der Brāhmane, o Herr, der seine Gemahlin sehr liebte, ihr innig zugethan war, ging nun zu Rattapāṇi dem Färber und sprach also zu ihm: ›Ich wünsche, guter Rattapāṇi, dass dieser junge Affe mit gelber Farbe gefärbt, aufgewalzt, durchgewalzt, auf beiden Seiten geglättet werde.‹ Auf diese Worte, o Herr, erwiderte Rattapāṇi der Färber dem Brāhmanen: ›Dieser junge Affe, o Herr, nimmt dir wohl Farbe an, aber lässt sich nicht aufwalzen, lässt sich nicht glatt machen.‹ Ebenso nun auch, o Herr, nimmt der thörigen Freien Brüder Rede wohl Farbe an, für Thoren, nicht für Weise, aber lässt sich nicht zurichten, lässt sich nicht glatt machen. -- Und jener Brāhmane, o Herr, ging nun ein anderes Mal mit einem neuen Stück Tuch zu Rattapāṇi dem Färber und sprach also zu ihm: ›Ich wünsche, guter Rattapāṇi, dass dieses neue Stück Tuch mit gelber Farbe gefärbt, aufgewalzt, durchgewalzt, auf beiden Seiten geglättet werde.‹ Auf diese Worte, o Herr, erwiderte Rattapāṇi der Färber dem Brāhmanen: ›Dieses neue Stück Tuch, o Herr, das nimmt dir Farbe an und lässt sich aufwalzen und lässt sich glatt machen.‹ Ebenso nun auch, o Herr, nimmt des Erhabenen Rede, des Heiligen, vollkommen Erwachten, Farbe an, für Weise, nicht für Thoren, und lässt sich zurichten und lässt sich glatt machen.«
»Der König, o Hausvater, und das Hofgesinde weiß von dir: ›Upāli der Hausvater ist ein Jünger des Freien Bruders Nāthaputto‹; für wessen Jünger, Hausvater, sollen wir dich halten?«
Also befragt erhob sich Upāli der Hausvater von seinem Sitze, entblößte die eine Schulter, verneigte sich ehrerbietig nach der Richtung wo der Erhabene weilte, und gab nun dem Freien 386 Bruder Nāthaputto diese Antwort:
»So vernimm denn, o Herr, wessen Jünger ich bin.
»Des Weisen, den kein Wahn bethört, Kein Unmuth ankommt und kein Sieg versucht, Kein Uebel peinigt, keine Regung reizt, Gereifte Tugend, rechter Witz beräth, Erhaben über alle Welt kein Flecken fleckt: Ja, dessen Jünger, der bin ich.
»Des Frohen, der da nimmer fragt, Zufrieden, weltgenussgenesen weilt, Asketenkunst gemeistert hat als Mensch, Den letzten Leib als Mann zu Ende trägt, Erhaben ohnegleichen heiter glänzt: Ja, dessen Jünger, der bin ich.
»Des Kühnen, der kein Zagen kennt, Gewisser Führer, bester Lenker ist, So lieblich, wie kein Zweiter Wahrheit lehrt, Von Sehnsucht lauter, hell wie Sonnenlicht, Erhaben ohne Hoffart, heldensam: Ja, dessen Jünger, der bin ich.
»Des Aechten, der alleinig west[22] Und unermesslich tief Gedanken denkt, Gar wohl uns rathen, helfen kann, In rechter Ordnung unverstörbar steht, Erhaben kehrt aus Fesseln frei hervor: Ja, dessen Jünger, der bin ich.
»Des Großen, der entfremdet lebt, Von jedem Band entbunden, freigelöst, Besonnen keinem Frohne fröhnt, Und ohne Absicht, ohne Wunscheshang Erhaben abgewendet in sich ruht: Ja, dessen Jünger, der bin ich.
»Des hehrsten Sehers, der uns taugt, Vollendet heilig, dreifach aufgeklärt, Gewitzigt, weil das Wort er weiß. Beschwichtigt, weil den Sinn er sieht, Erhaben, wie der Götterkönig hold: Ja, dessen Jünger, der bin ich.
»Des Wackern, der sich selbst bewacht, Getreu im Tritte, gern uns Kunde giebt, Der in sich schaut und um sich schaut, Geneigt ist keinem, keinem abgeneigt, Erhaben herzensmächtig, unbewegt: Ja, dessen Jünger, der bin ich.
»Des Fürsten, der da Schauung übt, Unhemmbar abgeschieden, rein entrückt, Enthaftet keine Furcht erfährt[23], Entwesen ledig, bis zum letzten Ziel, Erhaben und errettet Retter ist: Ja, dessen Jünger, der bin ich.
»Des Sanften, der da reichlich weiß, Gewaltig weiß, und keiner Sucht begehrt, Vollkommen hier, willkommen hier, Nicht einem ebenbürtig, ebenbild, Erhaben weit hinausblickt, fein versteht: Ja, dessen Jünger, der bin ich.
»Des Wachen, den kein Durst mehr quält, Kein Rauch umdüstert, nimmer Nebel netzt, Des Geistes, den das Opfer ehrt, Der wie kein andrer herrlich ragt empor, Erhaben Erstgerühmter, riesenhoch: Ja, dessen Jünger, der bin ich.«
»Wann hast du dir nur, Hausvater, diese Lobpreisungen des Asketen Gotamo zusammengesucht?«
»Gleichwie etwa, o Herr, wenn da ein großer Haufe verschiedener Blumen läge, und es bände ihn ein geschickter Gärtner oder 387 Gärtnergeselle zu einem bunten Strauße zusammen, ebenso nun auch, o Herr, eignet Ihm, dem Erhabenen, vielfaches Lob, vielhundertfaches Lob: und wer wird, o Herr, einen, der Lob verdient, nicht loben?«
* * * * *
Aber dem Freien Bruder Nāthaputto, der des Erhabenen Ehrung nicht länger zu ertragen vermochte, quoll da warmes Blut aus dem Munde hervor.[24]
57.
Sechster Theil Siebente Rede
DER HUNDELEHRLING
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im Lande der Koḷiyer, zu Haliddavasanam, einer Burg im Koḷiyergebiete.
Da nun begab sich der Koḷiyer Puṇṇo, ein Kuhlehrling, und Seniyo der Unbekleidete, ein Hundelehrling, dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt begrüßte der Koḷiyer Puṇṇo, der Kuhlehrling, den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder; während Seniyo der Unbekleidete, der Hundelehrling, mit dem Erhabenen höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte wechselte und sich dann wie ein Hund eingerollt seitwärts hinsetzte.
Seitwärts sitzend sprach nun der Koḷiyer Puṇṇo, der Kuhlehrling, zum Erhabenen also:
»Dieser Unbekleidete, o Herr, Seniyo der Hundelehrling, übt schwere Buße: auf die Erde geworfene Nahrung nimmt er zu sich. Er hat das Hundegelübte lange Zeit hindurch befolgt und bewahrt: wohin wird er gelangen, was darf er erwarten?«
»Genug, Puṇṇo, lass es gut sein, frage mich das nicht!«
Und zum zweiten Mal, und zum dritten Mal sprach der Koḷiyer Puṇṇo, der Kuhlehrling, zum Erhabenen also:
»Dieser Unbekleidete, o Herr, Seniyo der Hundelehrling, übt schwere Buße: auf die Erde geworfene Nahrung nimmt er zu sich. Er hat das Hundegelübde lange Zeit hindurch befolgt und bewahrt: wohin wird er gelangen, was darf er erwarten?«
»Wohlan denn, Puṇṇo, du giebst mir nicht nach: genug, Puṇṇo, lass’ es gut sein, frage mich das nicht; so will ich dir nun Rede stehn. Da verwirklicht, Puṇṇo, einer das Hundegelübde, kommt ihm ganz und gar nach, verwirklicht die Hundegewohnheit, kommt ihr ganz und gar nach, verwirklicht das Hundegemüth, kommt ihm ganz und gar nach, verwirklicht das Hundegehaben, 388 kommt ihm ganz und gar nach. Und hat er das Hundegelübde verwirklicht, ist ihm ganz und gar nachgekommen, hat er die Hundegewohnheit verwirklicht, ist ihr ganz und gar nachgekommen, hat er das Hundegemüth verwirklicht, ist ihm ganz und gar nachgekommen, hat er das Hundegehaben verwirklicht, ist ihm ganz und gar nachgekommen, so gelangt er bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, unter Hunden wieder zum Dasein. Wenn er aber die Meinung hegt: ›Durch diese Uebungen oder Gelübde, Kasteiung oder Entsagung werd’ ich ein Gott werden oder ein Göttlicher!‹, so ist es eine falsche Meinung. Und seine falsche Meinung, sag’ ich, Puṇṇo, lässt ihn nach der einen oder nach der anderen Seite gelangen: in höllische Welt oder in thierischen Schooß. So führt also, Puṇṇo, das Hundegelübde, wenn es gelingt, zu den Hunden hin, und wenn es misslingt, in höllische Welt.«
Auf diese Worte brach Seniyo der Unbekleidete, der Hundelehrling, in Wehklagen und Thränen aus. Und der Erhabene sprach nun zum Koḷiyer Puṇṇo, dem Kuhlehrling, also:
»Du hast mir ja, Puṇṇo, nicht nachgeben wollen: genug, Puṇṇo, lass’ es gut sein, frage mich das nicht!«
»Nicht klage ich, o Herr, weil der Erhabene solches über mich ausgesagt hat, sondern weil ich, o Herr, dieses Hundegelübde lange Zeit hindurch befolgt und bewahrt habe! -- Dieser Koḷiyer Puṇṇo, o Herr, der Kuhlehrling, hat das Kuhgelübde lange Zeit hindurch befolgt und bewahrt: wohin wird er gelangen, was darf er erwarten?«
»Genug, Seniyo, lass’ es gut sein, frage mich das nicht!«
Und zum zweiten Mal, und zum dritten Mal sprach Seniyo der Unbekleidete, der Hundelehrling, zum Erhabenen also:
»Dieser Koḷiyer Puṇṇo, o Herr, der Kuhlehrling, hat das Kuhgelübde lange Zeit hindurch befolgt und bewahrt: wohin wird er gelangen, was darf er erwarten?«
»Wohlan denn, Seniyo, du giebst mir nicht nach: genug, Seniyo, lass’ es gut sein, frage mich das nicht; so will ich dir nun Rede stehn. Da verwirklicht, Seniyo, einer das Kuhgelübde, kommt ihm ganz und gar nach, verwirklicht die Kuhgewohnheit, kommt ihr ganz und gar nach, verwirklicht das Kuhgemüth, kommt ihm ganz und gar nach, verwirklicht das Kuhgehaben, kommt ihm ganz und gar nach. Und hat er das Kuhgelübde verwirklicht, ist ihm ganz und gar nachgekommen, hat er die Kuhgewohnheit verwirklicht, ist ihr ganz und gar nachgekommen, hat er das Kuhgemüth verwirklicht, ist ihm ganz und gar nachgekommen, hat er das Kuhgehaben verwirklicht, ist ihm ganz und gar nachgekommen, so gelangt er bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, unter Kühen wieder zum Dasein. Wenn er aber die Meinung hegt: ›Durch diese Uebungen oder Gelübde, Kasteiung 389 oder Entsagung werd’ ich ein Gott werden oder ein Göttlicher!‹, so ist es eine falsche Meinung. Und seine falsche Meinung, sag’ ich, Seniyo, lässt ihn nach der einen oder nach der anderen Seite gelangen: in höllische Welt oder in thierischen Schooß. So führt also, Seniyo, das Kuhgelübde, wenn es gelingt, zu den Kühen hin, und wenn es misslingt, in höllische Welt.«
Auf diese Worte brach der Koḷiyer Puṇṇo, der Kuhlehrling, in Wehklagen und Thränen aus. Und der Erhabene sprach nun zu Seniyo dem Unbekleideten, dem Hundelehrling, also:
»Du hast mir ja, Seniyo, nicht nachgeben wollen: genug, Seniyo, lass’ es gut sein, frage mich das nicht!«
»Nicht klage ich, o Herr, weil der Erhabene solches über mich ausgesagt hat, sondern weil ich, o Herr, dieses Kuhgelübde lange Zeit hindurch befolgt und bewahrt habe. -- So viel trau’ ich, o Herr, dem Erhabenen zu und glaube, der Erhabene kann die Lehre derart zeigen, dass ich eben von diesem Kuhgelübde, Seniyo aber der Unbekleidete, der Hundelehrling, von dem Hundegelübde abstehn mag!«
»So höre denn, Puṇṇo, und achte wohl auf meine Rede.«
»Gewiss, o Herr!« erwiderte da aufmerksam der Koḷiyer Puṇṇo, der Kuhlehrling, dem Erhabenen. Der Erhabene sprach also:
»Vier Arten von Thaten, Puṇṇo, hab’ ich mir offenbar gemacht, verwirklicht und erklärt: welche vier sind das? Es giebt, Puṇṇo, dunkle That, die dunkle Folge hat; es giebt, Puṇṇo, lichte That, die lichte Folge hat; es giebt, Puṇṇo, dunkel-lichte That, die dunkel-lichte Folge hat; es giebt, Puṇṇo, weder dunkle noch lichte That, die weder dunkle noch lichte Folge hat, That, die zur Thatenversiegung führt. Was ist das aber, Puṇṇo, für eine That, die dunkel ist und dunkle Folge hat? Da begeht einer, Puṇṇo, in Werken beschwerhafte Handlung, begeht in Worten beschwerhafte Handlung, begeht in Gedanken beschwerhafte Handlung. Und hat er in Werken beschwerhafte Handlung begangen, in Worten beschwerhafte Handlung begangen, in Gedanken beschwerhafte Handlung begangen, so gelangt er in beschwerhafter Welt wieder zum Dasein. Und ist er in beschwerhafter Welt wieder zum Dasein gelangt, so empfangen ihn beschwerhafte Empfindungen. Und von beschwerhaften Empfindungen empfangen fühlt er ein beschwerhaftes Gefühl, einzig leidvoll, gleichwie etwa höllische Wesen. Also kommt, Puṇṇo, nach dem 390 Wirken des Wesens Wiedersein zustande. Was einer wirkt lässt ihn wiedersein; wiedergeworden empfangen ihn Empfindungen. Darum aber, Puṇṇo, sag’ ich: Erben der Werke sind die Wesen. Das heißt man, Puṇṇo, dunkle That, die dunkle Folge hat.
»Und was ist das, Puṇṇo, für eine That, die licht ist und lichte Folge hat? Da begeht einer, Puṇṇo, in Werken beschwerlose Handlung, begeht in Worten beschwerlose Handlung, begeht in Gedanken beschwerlose Handlung. Und hat er in Werken beschwerlose Handlung begangen, in Worten beschwerlose Handlung begangen, in Gedanken beschwerlose Handlung begangen, so gelangt er in beschwerloser Welt wieder zum Dasein. Und ist er in beschwerloser Welt wieder zum Dasein gelangt, so empfangen ihn beschwerlose Empfindungen. Und von beschwerlosen Empfindungen empfangen fühlt er ein beschwerloses Gefühl, einzig freudvoll, gleichwie etwa strahlende Götter. Also kommt, Puṇṇo, nach dem Wirken des Wesens Wiedersein zustande. Was einer wirkt lässt ihn wiedersein; wiedergeworden empfangen ihn Empfindungen. Darum aber, Puṇṇo, sag’ ich: Erben der Werke sind die Wesen. Das heißt man, Puṇṇo, lichte That, die lichte Folge hat.
»Und was ist das, Puṇṇo, für eine That, die dunkel-licht ist und dunkel-lichte Folge hat? Da begeht einer, Puṇṇo, in Werken beschwerhafte Handlung und beschwerlose Handlung, begeht in Worten beschwerhafte Handlung und beschwerlose Handlung, begeht in Gedanken beschwerhafte Handlung und beschwerlose Handlung. Und hat er in Werken beschwerhafte Handlung und beschwerlose Handlung begangen, in Worten beschwerhafte Handlung und beschwerlose Handlung begangen, in Gedanken beschwerhafte Handlung und beschwerlose Handlung begangen, so gelangt er in beschwerhafter und beschwerloser Welt wieder zum Dasein. Und ist er in beschwerhafter und beschwerloser Welt wieder zum Dasein gelangt, so empfangen ihn beschwerhafte und beschwerlose Empfindungen. Und von beschwerhaften und beschwerlosen Empfindungen empfangen fühlt er ein beschwerhaftes und beschwerloses Gefühl, freudvoll und leidvoll gemischt, gleichwie etwa Menschen, und manche Götter und manche Geister.[25] Also kommt, Puṇṇo, nach dem Wirken des Wesens Wiedersein zustande. Was einer wirkt lässt ihn wiedersein; wiedergeworden empfangen ihn Empfindungen. Darum aber, Puṇṇo, sag’ ich: Erben der Werke sind die Wesen. Das heißt man, Puṇṇo, dunkel-lichte That, die dunkel-lichte Folge hat.
»Und was ist das, Puṇṇo, für eine That, die weder dunkel noch 391 licht ist und weder dunkle noch lichte Folge hat, That, die zur Thatenversiegung führt? Es ist da, Puṇṇo, was dunkle That anlangt, die dunkle Folge hat, deren Verleugnung, die gedacht wird; und ist was lichte That anlangt, die lichte Folge hat, deren Verleugnung, die gedacht wird; und ist was dunkel-lichte That anlangt, die dunkel-lichte Folge hat, deren Verleugnung, die gedacht wird. Das heißt man, Puṇṇo, weder dunkle noch lichte That, die weder dunkle noch lichte Folge hat, That, die zur Thatenversiegung führt.
»Das aber, Puṇṇo, sind die vier Arten von Thaten, die ich mir offenbar gemacht, verwirklicht und erklärt habe.«
Nach diesen Worten wandte sich der Koḷiyer Puṇṇo, der Kuhlehrling, also an den Erhabenen:
»Vortrefflich, o Herr, vortrefflich, o Herr! Gleichwie etwa, o Herr, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder ein Licht in die Finsterniss hielte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch hat der Erhabene die Lehre gar vielfach gezeigt. Und so nehm’ ich, o Herr, beim Erhabenen Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich der Erhabene betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«
Seniyo aber der Unbekleidete, der Hundelehrling, sprach zum Erhabenen also:
»Vortrefflich, o Herr, vortrefflich, o Herr! Gleichwie etwa, o Herr, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht in die Finsterniss hielte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch hat der Erhabene die Lehre gar manigfach gezeigt. Und so nehm’ ich, o Herr, beim Erhabenen Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: möge mir, o Herr, der Erhabene Aufnahme gewähren, die Ordensweihe ertheilen!«
»Wer da, Seniyo, erst einem anderen Orden angehörte und in diese Lehre und Zucht aufgenommen werden, die Weihe erhalten will, der bleibt vier Monate bei uns; und nach Verlauf von vier Monaten wird er, wenn er also verblieben ist, von innig erfahrenen Mönchen aufgenommen und eingeweiht in das Mönchthum: denn ich habe hier manche Veränderlichkeit erfahren.«
»Wenn, o Herr, die früheren Anhänger anderer Orden, welche in diese Lehre und Zucht aufgenommen werden, die Weihe erhalten wollen, vier Monate bleiben, und nach Verlauf von vier Monaten, wenn sie also verblieben sind, von innig erfahrenen Mönchen aufgenommen und eingeweiht werden in das Mönchthum, so will ich vier Jahre bleiben[26]: und nach Verlauf von vier Jahren sollen mich, wenn ich also verblieben bin, innig erfahrene Mönche aufnehmen und einweihen in das Mönchthum.«
Es wurde Seniyo der Unbekleidete, der Hundelehrling, vom Erhabenen aufgenommen, wurde mit der Ordensweihe belehnt.
Nicht lange aber war der ehrwürdige Seniyo in den Orden aufgenommen, da hatte er, einsam, abgesondert, unermüdlich, in heißem, innigem Ernste gar bald was edle Söhne gänzlich 392 vom Hause fort in die Hauslosigkeit lockt, jenes höchste Ziel des Asketenthums noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt verstand er da. Auch einer war nun der ehrwürdige Seniyo der Heiligen geworden.[27]
58.
Sechster Theil Achte Rede
ABHAYO DER KÖNIGSOHN
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel[28] der Eichhörnchen.
Da nun begab sich Abhayo der Königsohn dorthin wo der Freie Bruder Nāthaputto weilte, begrüßte den Freien Bruder Nāthaputto ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder. Und zu Abhayo dem Königsohn, der zur Seite saß, sprach der Freie Bruder Nāthaputto also:
»Gehe, du Königsohn, und nimm den Asketen Gotamo beim Worte: dann wird man dir mit dem frohen Ruhmesrufe begegnen: ‚Abhayo der Königsohn hat den Asketen Gotamo, den so mächtigen, so gewaltigen, beim Worte genommen!‘«
»Wie aber, o Herr, soll ich den Asketen Gotamo, den so mächtigen, so gewaltigen, beim Worte nehmen?«