Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band
Part 4
»‚Nicht begehrlich süchten lässt von begehrlicher Sucht abstehn‘: das ist gesagt worden; und warum ist das gesagt worden? Da überlegt, Hausvater, der heilige Jünger bei sich: ›Jene Fesseln, die mich begehrlich süchten ließen, die beginn’ ich zu lösen, abzuschneiden: denn wenn ich begehrlicher Sucht fröhnte, so möcht’ ich gar mich selber verachten, wegen begehrlicher Sucht, und, wohlüberlegt, möchten Verständige mich tadeln, wegen begehrlicher Sucht, und bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, stände mir üble Fährte bevor, wegen begehrlicher Sucht. Das ist ja eben die Fessel, das ist die Hemmung, nämlich begehrliche Sucht. Wenn aber durch begehrliche Sucht verstörendes, sehrendes Wähnen entsteht, kann es den, der sich von begehrlicher Sucht fernhält, also nicht ankommen.‹ ‚Nicht begehrlich süchten lässt von begehrlicher Sucht abstehn‘: wurde das gesagt, so war es darum gesagt.
»‚Nicht rügen und schelten lässt von Rügen und Schelten abstehn‘: das ist gesagt worden; und warum ist das gesagt worden? Da überlegt, Hausvater, der heilige Jünger bei sich: ›Jene Fesseln, die mich rügen und schelten ließen, die beginn’ ich zu lösen, abzuschneiden: denn wenn ich rügte und schölte, 363 so möcht’ ich gar mich selber verachten, wegen des Rügens und Scheltens, und, wohlüberlegt, möchten Verständige mich tadeln, wegen des Rügens und Scheltens, und bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, stände mir üble Fährte bevor, wegen des Rügens und Scheltens. Das ist ja eben die Fessel, das ist die Hemmung, nämlich Rügen und Schelten. Wenn aber durch Rügen und Schelten verstörendes, sehrendes Wähnen entsteht, kann es den, der sich von Rügen und Schelten fernhält, also nicht ankommen.‹ ‚Nicht rügen und schelten lässt von Rügen und Schelten abstehn‘: wurde das gesagt, so war es darum gesagt.
»‚Nicht wüthen und verzweifeln lässt von Wuth und Verzweiflung abstehn‘: das ist gesagt worden; und warum ist das gesagt worden? Da überlegt, Hausvater, der heilige Jünger bei sich: ›Jene Fesseln, die mich wüthen und verzweifeln ließen, die beginn’ ich zu lösen, abzuschneiden: denn wenn ich in Wuth und Verzweiflung geriethe, so möcht’ ich gar mich selber verachten, wegen der Wuth und Verzweiflung, und, wohlüberlegt, möchten Verständige mich tadeln, wegen der Wuth und Verzweiflung, und bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, stände mir üble Fährte bevor, wegen der Wuth und Verzweiflung. Das ist ja eben die Fessel, das ist die Hemmung, nämlich Wuth und Verzweiflung. Wenn aber durch Wuth und Verzweiflung verstörendes, sehrendes Wähnen entsteht, kann es den, der sich von Wuth und Verzweiflung fernhält, also nicht ankommen.‹ ‚Nicht wüthen und verzweifeln lässt von Wuth und Verzweiflung abstehn‘: wurde das gesagt, so war es darum gesagt.
»‚Nicht anmaaßen lässt von Anmaßung abstehn‘: das ist gesagt worden; und warum ist das gesagt worden? Da überlegt, Hausvater, der heilige Jünger bei sich: ›Jene Fesseln, die mir Anmaaßung schüfen, die beginn’ ich zu lösen, abzuschneiden: denn wenn ich anmaaßend würde, so möcht’ ich gar mich selber verachten, wegen der Anmaaßung, und, wohlüberlegt, möchten Verständige mich tadeln, wegen der Anmaaßung, und bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, stände mir üble Fährte bevor, wegen der Anmaaßung. Das ist ja eben die Fessel, das ist die Hemmung, nämlich Anmaaßen. Wenn aber durch Anmaaßen verstörendes, sehrendes Wähnen entsteht, kann es den, der sich von Anmaaßen fernhält, also nicht ankommen.‹ ‚Nicht anmaaßen lässt von Anmaaßung abstehn‘: wurde das gesagt, so war es darum gesagt.
»Das sind, Hausvater, kurz gesagt und ausführlich 364 unterschieden, die acht Dinge, die hier im Orden des Heiligen den Verkehr abschneiden lassen. Doch nicht nur soweit wird im Orden des Heiligen ganz und gar überall aller Verkehr abgeschnitten.«
»Wie aber wird dann, o Herr, im Orden des Heiligen ganz und gar überall aller Verkehr abgeschnitten? O dass mir, o Herr, der Erhabene die Lehre derart zeigen möchte, wie da im Orden des Heiligen ganz und gar überall aller Verkehr abgeschnitten wird!«
»So höre denn, Hausvater, und achte wohl auf meine Rede.«
»Gewiss, o Herr!« erwiderte da aufmerksam Potaliyo der Hausvater dem Erhabenen. Der Erhabene sprach also:
»Gleichwie etwa, Hausvater, wenn ein Hund, von Hunger und Schwäche gepeinigt, sich vor der Bank eines Rindschlächters aufstellte, und es würfe ihm ein geschickter Schlächter oder Schlächtergeselle ein Knochenstück zu, kahl, abgeschabt, ohne Fleisch, blutbefleckt; was meinst du wohl, Hausvater: könnte da dieser Hund, indem er das Knochenstück, das kahle, abgeschabte, fleischlose, blutbefleckte, rings herum benagt, Hunger und Schwäche vertreiben?«
»Gewiß nicht, o Herr!«
»Und warum nicht?«
»Das Knochenstück, o Herr, ist ja kahl, abgeschabt, ohne Fleisch, blutbefleckt, so viel Mühe und Plage auch immer der Hund sich geben mag.«
»Ebenso nun auch, Hausvater, überlegt der heilige Jünger bei sich: ›Kahlen Knochen gleich sind die Begierden, hat der Erhabene gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt‹: und er sieht es also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit an: und den Anblick, der vielfältig Vielheit sucht, diesen verleugnet er, und den Anblick, der einfältig Einheit sucht, wo jedes Hangen an weltlichem Köder gänzlich vereitelt wird, ja diesen Anblick verwirklicht er.
»Gleichwie etwa, Hausvater, wenn ein Geier oder ein Reiher oder ein Rabe einen Fleischfetzen packte und fortrisse, und es stürzten auf ihn andere Geier oder Reiher oder Raben in Schaaren hernieder und rauften darum; was meinst du wohl Hausvater: wenn dieser Geier oder Reiher oder Rabe den Fleischfetzen nicht alsbald fahren ließe, wär’ ihm da Tod gewiss oder tödtlicher Schmerz?«
»Freilich, o Herr!«
»Ebenso nun auch, Hausvater, überlegt der heilige Jünger bei sich: ›Fleischfetzen gleich sind die Begierden, hat der Erhabene gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt‹; und er sieht es also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit an: und den Anblick, der vielfältig 365 Vielheit sucht, diesen verleugnet er, und den Anblick, der einfältig Einheit sucht, wo jedes Hangen an weltlichem Köder gänzlich vereitelt wird, ja diesen Anblick verwirklicht er.
»Gleichwie etwa, Hausvater, wenn ein Mann mit einer flammenden Strohfackel gegen den Wind ginge; was meinst du wohl, Hausvater: wenn dieser Mann die flammende Strohfackel nicht gar eilig von sich fortwürfe, würde sie da seine Hand versengen, seinen Arm versengen oder andere Glieder des Leibes, und er also Tod erleiden oder tödtlichen Schmerz?«
»Freilich, o Herr!«
»Ebenso nun auch, Hausvater, überlegt der heilige Jünger bei sich: ›Flammendem Stroh gleich sind die Begierden, hat der Erhabene gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt‹: und er sieht es also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit an: und den Anblick, der vielfältig Vielheit sucht, diesen verleugnet er, und den Anblick, der einfältig Einheit sucht, wo jedes Hangen an weltlichem Köder gänzlich vereitelt wird, ja diesen Anblick verwirklicht er.
»Gleichwie etwa, Hausvater, wenn da eine Grube wäre, tiefer als Manneshöhe, voll glühender Kohlen, ohne Flammen, ohne Rauch; und es käme ein Mann herbei, der leben, nicht sterben will, der Wohlsein wünscht und Wehe verabscheut, und zwei kräftige Männer ergriffen ihn unter den Armen und schleppten ihn zu der glühenden Kohlengrube hin; was meinst du wohl, Hausvater: würde da nun dieser Mann auf jede nur mögliche Weise den Leib zurückziehn?«
»Gewiss, o Herr!«
»Und warum das?«
»Gar wohl, o Herr, wüsste der Mann: ›Fall’ ich in diese glühenden Kohlen hinein, so muss ich sterben oder tödtlichen Schmerz erleiden!‹«
»Ebenso nun auch, Hausvater, überlegt der heilige Jünger bei sich: ›Glühenden Kohlen gleich sind die Begierden, hat der Erhabene gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt‹; und er sieht es also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit an: und den Anblick, der vielfältig Vielheit sucht, diesen verleugnet er, und den Anblick, der einfältig Einheit sucht, wo jedes Hangen an weltlichem Köder gänzlich vereitelt wird, ja diesen Anblick verwirklicht er.
»Gleichwie etwa, Hausvater, wenn ein Mann ein Traumbild sähe, einen schönen Garten, einen freundlichen Hain, eine heitere Landschaft, einen lichten See, und, wieder erwacht, nichts mehr erblickte: ebenso nun auch, Hausvater, überlegt der heilige Jünger bei sich: ›Traumbilden gleich sind die Begierden, hat der Erhabene gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt‹; und er sieht es also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit an: und den Anblick, der vielfältig Vielheit sucht, diesen verleugnet er, und den Anblick, der einfältig Einheit sucht, wo jedes Hangen an weltlichem Köder gänzlich vereitelt wird, ja diesen Anblick verwirklicht er.
»Gleichwie etwa, Hausvater, wenn ein Mann dargeliehenes Gut entliehe und einen Wagen mit kostbarem Schmuck und Edelgestein belüde[11], und er führe, mit diesem geborgten Schatze versehn 366 und versorgt, über den Marktplatz hin; und die Leute sähen ihn und sprächen: ›Reich, wahrlich, ist der Mann, so können Reiche den Reichthum genießen!‹ Und wo ihn eben etwa die Eigner träfen, da zögen sie eben etwa das Eigen zurück. Was meinet du wohl, Hausvater: genügte das, um diesen Mann zu verstören?«
»Allerdings, o Herr!«
»Und warum das?«
»Die Eigner, o Herr, ziehn ja das Eigen zurück.«
»Ebenso nun auch, Hausvater, überlegt der heilige Jünger bei sich: ›Darlehen gleich sind die Begierden, hat der Erhabene gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt‹; und er sieht es also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit an: und den Anblick, der vielfältig Vielheit sucht, diesen verleugnet er, und den Anblick, der einfältig Einheit sucht, wo jedes Hangen an weltlichem Köder gänzlich vereitelt wird, ja diesen Anblick verwirklicht er.
»Gleichwie etwa, Hausvater, wenn sich unfern eines Dorfes oder einer Stadt ein dichter Forst befände, und ein Baum stände darin, der reifende Früchte trägt, und keine der Früchte wäre herabgefallen. Und es käme ein Mann herbei, der Früchte begehrt, Früchte sucht, nach Früchten ausspäht; und er gelangte ins Innere des Forstes und gewahrte den Baum, der reifende Früchte trägt; da gedächte er: ›Dieser Baum ist mit reifenden Früchten behangen, und keine der Früchte zu Boden gefallen: aber ich kann ja Bäume erklettern! Wie, wenn ich nun da hinaufkletterte und mich daran satt äße und den Rockschurz voll davon pflückte?‹ Und er kletterte hinauf und äße sich satt und pflückte den Rockschurz voll. Aber ein zweiter Mann käme herbei, der Früchte begehrt, Früchte sucht, nach Früchten ausspäht, mit einem scharfen Beile versehn; und er gelangte ins Innere des Forstes und gewahrte den Baum mit den reifenden Früchten; da gedächte er: ›Dieser Baum trägt reifende Früchte, und keine der Früchte liegt auf der Erde, und Bäume erklettern, das kann ich nicht: wie, wenn ich nun diesen Baum an der Wurzel fällte und mich dann satt äße und den Rockschurz vollpflückte?‹ Und er fällte den Baum an der Wurzel. Was meinst du wohl, Hausvater: wenn da jener Mann, der zuerst hinaufgestiegen, nicht gar eilig herabkletterte, möchte ihm da durch den Sturz des Baumes die Hand zerschmettert oder der Fuß zerschmettert oder andere Glieder des Leibes zerschmettert werden, so dass er 367 Tod oder tödtlichen Schmerz erlitte?«
»Freilich, o Herr!«
»Ebenso nun auch, Hausvater, überlegt der heilige Jünger bei sich: ›Baumfrüchten gleich sind die Begierden, hat der Erhabene gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt‹; und er sieht es also, der Wahrheit gemäß mit vollkommener Weisheit an: und den Anblick, der vielfältig Vielheit sucht, diesen verleugnet er, und den Anblick, der einfältig Einheit sucht, wo jedes Hangen an weltlichem Köder gänzlich vereitelt wird, ja diesen Anblick verwirklicht er.
»Hat nun, Hausvater, ein solcher heiliger Jünger eben diese letzte, gleichmüthig einsichtige vollkommene Reine erreicht, so erinnert er sich mancher verschiedenen früheren Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen.
»Hat nun, Hausvater, ein solcher heiliger Jünger eben diese letzte, gleichmüthig einsichtige vollkommene Reine erreicht, so sieht er mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er erkennt wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren.
»Hat nun, Hausvater, ein solcher heiliger Jünger eben diese letzte, gleichmüthig einsichtige vollkommene Reine erreicht, so lässt er den Wahn versiegen und macht sich die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten offenbar, verwirklicht und erringt sie.
»Soweit nun, Hausvater, wird im Orden des Heiligen ganz und gar überall aller Verkehr abgeschnitten. Was meinst du wohl, Hausvater: wie ganz und gar überall aller Verkehr im Orden des Heiligen abgeschnitten wird, findest du, dass auch ebenso bei dir der Verkehr abgeschnitten sei?«
»Was bin ich, o Herr, und was ist der Orden des Heiligen, wo ganz und gar überall aller Verkehr abgeschnitten wird! Fern bin ich, o Herr, davon, dass ich ganz und gar überall allen Verkehr, dem Orden des Heiligen gemäß, abgeschnitten hätte. -- Ja, wir haben früher, o Herr, die anderen Büßer und Pilger, die so gewöhnlich sind, für erlesen gehalten, die so gewöhnlich sind, mit erlesener Speise gespeist, die so gewöhnlich sind, mit erlesener Ehre geehrt: doch haben wir, o Herr, die Mönche, die so erlesen sind, für gewöhnlich gehalten, die so erlesen sind, mit gewöhnlicher Speise gespeist, die so erlesen sind, mit gewöhnlicher Ehre geehrt. Jetzt aber wollen wir, o Herr, die anderen Büßer und Pilger, die so gewöhnlich sind, als 368 gewöhnlich erkennen, die so gewöhnlich sind, mit gewöhnlicher Speise speisen, die so gewöhnlich sind, mit gewöhnlicher Ehre ehren: doch wollen wir, o Herr, die Mönche, die so erlesen sind, als erlesen erkennen, die so erlesen sind, mit erlesener Speise speisen, die so erlesen sind, mit erlesener Ehre ehren. Erzeugt hat mir, wahrlich, o Herr, der Erhabene Asketenliebe zu den Asketen, Asketenfreude an den Asketen, Asketenehrfurcht vor den Asketen. -- Vortrefflich, o Herr, vortrefflich, o Herr! Gleichwie etwa, o Herr, wenn man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht in die Finsterniss brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch ist vom Erhabenen die Lehre gar vielfach gezeigt worden. Und so nehm’ ich, o Herr, beim Erhabenen Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich der Erhabene betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«[12]
55.
Sechster Theil Fünfte Rede
JĪVAKO
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Rājagaham, im Mangohaine Jīvakos, des Hofarztes.[13]
Da nun begab sich Jīvako der Hofarzt zum Erhabenen hin, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun Jīvako der Hofarzt also zum Erhabenen:
»Gehört hab’ ich solches, o Herr: ›Um des Asketen Gotamo willen rauben sie das Leben, und der Asket Gotamo nimmt wissentlich das eigens für ihn bereitete Fleisch an!‹ Die da solches, o Herr, gesagt haben, haben die wirklich, o Herr, des Erhabenen Worte gebraucht und den Erhabenen nicht mit Unrecht angeführt und der Lehre gemäß geredet, so dass sich kein entsprechender Folgesatz als ungehörig erweisen kann?«
»Die da, Jīvako, solches gesagt haben: ›Um des Asketen 369 Gotamo willen rauben sie das Leben, und der Asket Gotamo nimmt wissentlich das eigens für ihn bereitete Fleisch an‹, die haben nicht meine Worte gebraucht und haben mich also ohne Grund und mit Unrecht angeführt. Drei Fälle giebt es, Jīvako, wo ich sage, Fleisch ist nicht zu nehmen: besehn, gehört, vermuthet. Das sind, Jīvako, die drei Fälle, wo ich sage, Fleisch ist nicht zu nehmen. Drei Fälle giebt es, Jīvako, wo ich sage, Fleisch ist zu nehmen: unbesehn, ungehört, unvermuthet. Das sind, Jīvako, die drei Fälle, wo ich sage, Fleisch ist zu nehmen.
»Da lebt, Jīvako, ein Mönch in der Umgebung eines Dorfes oder einer Stadt. Liebevollen Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. Und es sucht ihn ein Hausvater auf, oder der Sohn eines Hausvaters, und bittet ihn, am nächsten Tage bei ihm zu speisen. Mag eben der Mönch es, Jīvako, annehmen, so sagt er zu. Und am nächsten Morgen, zeitig gerüstet, nimmt er Mantel und Schaale und begiebt sich dorthin wo jener Hausvater, oder Sohn eines Hausvaters, wohnt. Dort angekommen nimmt er auf dem dargebotenen Sitze Platz. Und es bedient ihn der Hausvater, oder Sohn eines Hausvaters, mit ausgewählter Almosenspeise. Da denkt er nicht: ›Schön, wahrlich, ist es von diesem Hausvater, oder Sohn eines Hausvaters, mich mit ausgewählter Almosenspeise zu bewirthen: ach wenn mich doch dieser Hausvater, oder Sohn eines Hausvaters, auch fernerhin mit ebensolcher ausgewählter Almosenspeise bewirthen möchte!‹: also etwa denkt er nicht. Er nimmt diese Almosenbissen unverlockt, unverblendet, nicht hingerissen, das Elend sehend, der Entrinnung eingedenk, ein. Was meinst du wohl, Hausvater: hat etwa da der Mönch bei dieser Gelegenheit eigene Verletzung im Sinne, oder hat er anderer Verletzung im Sinne, oder hat er beider Verletzung im Sinne?«
»Das nicht, o Herr!«
»Nimmt also, Jīvako, nicht der Mönch bei dieser Gelegenheit eben untadelhafte Nahrung ein?«
»Allerdings, o Herr! -- Reden hab’ ich gehört, o Herr: ›Brahmā ist liebevoll.‹ Dafür hab’ ich, o Herr, den Erhabenen bürgen sehn: denn der Erhabene, o Herr, ist liebevoll.«
»Jene Gier, Jīvako, jener Hass, jener Wahn, wo Verderben in 370 den Sinn käme, solche Gier, solcher Hass, solcher Wahn ist vom Vollendeten verleugnet, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, ausgerodet worden, kann sich ferner nicht mehr entwickeln. Wenn deine Worte, Jīvako, das gemeint haben, geb’ ich es dir zu.«
»Eben das, freilich, o Herr, haben meine Worte gemeint.«
»Da lebt, Jīvako, ein Mönch in der Umgebung eines Dorfes oder einer Stadt. Erbarmenden Gemüthes, freudevollen Gemüthes, unbewegten Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit erbarmendem Gemüthe, mit freudevollem Gemüthe, mit unbewegtem Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. Und es sucht ihn ein Hausvater auf, oder der Sohn eines Hausvaters, und bittet ihn, am nächsten Tage bei ihm zu speisen. Mag eben der Mönch es, Jīvako, annehmen, so sagt er zu. Und am nächsten Morgen, zeitig gerüstet, nimmt er Mantel und Schaale und begiebt sich dorthin wo jener Hausvater, oder Sohn eines Hausvaters, wohnt. Dort angekommen nimmt er auf dem dargebotenen Sitze Platz. Und es bedient ihn der Hausvater, oder Sohn eines Hausvaters, mit ausgewählter Almosenspeise. Da denkt er nicht: ›Schön, wahrlich, ist es von diesem Hausvater, oder Sohn eines Hausvaters, mich mit ausgewählter Almosenspeise zu bewirthen: ach wenn mich doch dieser Hausvater, oder Sohn eines Hausvaters, auch fernerhin mit ebensolcher ausgewählter Almosenspeise bewirthen möchte!‹: also etwa denkt er nicht. Er nimmt diese Almosenbissen unverlockt, unverblendet, nicht hingerissen, das Elend sehend, der Entrinnung eingedenk, ein. Was meinst du wohl, Hausvater: hat etwa da der Mönch bei dieser Gelegenheit eigene Verletzung im Sinne, oder hat er anderer Verletzung im Sinne, oder hat er beider Verletzung im Sinne?«
»Das nicht, o Herr!«
»Nimmt also, Jīvako, nicht der Mönch bei dieser Gelegenheit eben untadelhafte Nahrung ein?«
»Allerdings, o Herr! -- Reden hab’ ich gehört, o Herr: ›Brahmā ist unbewegt.‹ Dafür hab’ ich, o Herr, den Erhabenen bürgen sehn: denn der Erhabene, o Herr, ist unbewegt.«
»Jene Gier, Jīvako, jener Hass, jener Wahn, wo Wuth, wo Unlust, wo Widerstreit in den Sinn käme, solche Gier, solcher Hass, solcher Wahn ist vom Vollendeten verleugnet, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, ausgerodet worden, kann sich ferner nicht mehr entwickeln. Wenn deine Worte, Jīvako, das gemeint haben, geb’ ich es dir zu.«
»Eben das, freilich, o Herr, haben meine Worte gemeint.« 371
»Wer da, Jīvako, um des Vollendeten oder Vollendeten Jüngers willen das Leben raubt, der erwirbt zu fünf Malen schwere Schuld. Weil er da also befiehlt: ›Geht hin und bringt jenes Thier dort herbei!‹, darum erwirbt er zum ersten Mal schwere Schuld. Weil dann das Thier, zitternd und zagend herbeigeführt, Schmerz und Quaal empfindet, darum erwirbt er zum zweiten Mal schwere Schuld. Weil er dann spricht: ›Geht hin und tödtet dieses Thier!‹, darum erwirbt er zum dritten Mal schwere Schuld. Weil dann das Thier im Tode Schmerz und Quaal empfindet, darum erwirbt er zum vierten Mal schwere Schuld. Weil er dann den Vollendeten oder des Vollendeten Jünger ungebührend laben lässt, darum erwirbt er zum fünften Mal schwere Schuld. Wer da, Jīvako, um des Vollendeten oder Vollendeten Jüngers willen das Leben raubt, der erwirbt zu diesen fünf Malen schwere Schuld.«
* * * * *
Nach diesen Worten sprach Jīvako der Hofarzt also zum Erhabenen:
»Wunderbar, o Herr, außerordentlich, o Herr! Gebührende Nahrung, wahrlich, o Herr, nehmen die Mönche ein, untadelhafte Nahrung, wahrlich, o Herr, nehmen die Mönche ein. -- Vortrefflich, o Herr, vortrefflich, o Herr! Als Anhänger möge mich der Erhabene betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«[14]
56.
Sechster Theil Sechste Rede
UPĀLI
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Nāḷandā, im Mangohaine Pāvārikos. Um diese Zeit nun hielt sich der Freie Bruder Nāthaputto[15] bei Nāḷandā auf, mit einer großen Schaar Freier Brüder.
Da begab sich nun Dīghatapassī, ein Freier Bruder, nach Nāḷandā um Almosenspeise, kehrte wieder zurück, nahm das Mahl ein, und suchte dann den Mangohain Pāvārikos auf, ging dorthin wo der Erhabene weilte, tauschte höflichen Gruß und freundliche, 372 denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und stellte sich seitwärts hin. Und an Dīghatapassī den Freien Bruder, der seitwärts stand, wandte sich der Erhabene also:
»Es sind hier, Tapassī, Sitze bereit: wenn du willst setze dich.«
Also angeredet nahm Dīghatapassī der Freie Bruder einen von den niederen Stühlen zur Hand und setzte sich beiseite nieder. Und zu Dīghatapassī dem Freien Bruder, der beiseite saß, sprach der Erhabene also:
»Wieviel Arten, Tapassī, von Thaten giebt wohl der Freie Bruder Nāthaputto als möglich an, um böse That zu thun, um böse That zu begehn?«
»Nicht steht es, Bruder Gotamo, dem Freien Bruder Nāthaputto an, eine Handlung schlechthin als That zu bezeichnen: als Streich schlechthin, Bruder Gotamo, steht es dem Freien Bruder Nāthaputto an, eine Handlung zu bezeichnen.«
»Wieviel Arten, Tapassī, von Streichen giebt also der Freie Bruder Nāthaputto als möglich an, um böse That zu thun, um böse That zu begehn?«
»Drei Arten, Bruder Gotamo, von Streichen giebt der Freie Bruder Nāthaputto als möglich an, um böse That zu thun, um böse That zu begehn: nämlich Streiche in Werken, Streiche in Worten, Streiche in Gedanken.«
»Wie denn, Tapassī: sind Streiche in Werken Eines, und Streiche in Worten ein Anderes, und Streiche in Gedanken wieder ein Anderes?«
»Eines, Bruder Gotamo, sind Streiche in Werken, und ein Anderes Streiche in Worten, und wieder ein Anderes Streiche in Gedanken.«[16]