Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band

Part 39

Chapter 393,467 wordsPublic domain

»Es weile da, Bhāradvājo, ein Mönch in der Nähe eines Dorfes oder einer Burg. Und es sucht ihn ein Hausvater auf, oder der Sohn eines Hausvaters. Und er forscht ihn auf dreifache Weise aus, über Gier und Hass und Irre: ›Hat etwa dieser Ehrwürdige solche Eigenschaften der Gier an sich, dass er, im Herzen von ihnen eingenommen, wenn er nichts weiß ‚Ich weiß es‘, wenn er nichts sieht ‚Ich seh’ es‘ sagen, oder andere derart unterweisen mag, dass es ihnen lange zum Unheil und Leiden gereichen kann?‹ Und indem er ihn erforscht erkennt er: ›Nicht 583 hat dieser Ehrwürdige solche Eigenschaften der Gier an sich, dass er, im Herzen von ihnen eingenommen, wenn er nichts weiß ‚Ich weiß es‘, wenn er nichts sieht ‚Ich seh’ es‘ sagen, oder andere derart unterweisen mag, dass es ihnen lange zum Unheil und Leiden gereichen kann. Denn diesem Ehrwürdigen eignet solches Betragen und solche Rede, wie es Gierlosen ansteht. Und die Lehre, welche der Ehrwürdige darlegt, diese Lehre ist tief, schwer zu entdecken, schwer zu gewahren, still, erlesen, unbekrittelbar, innig, Weisen erfindlich: nicht wohl kann diese Lehre von Begehrlichem dargelegt werden.‹ Und hat er ihn, also erforschend, lauter von Eigenschaften der Gier befunden, so forscht er ihn weiter aus, über Eigenschaften des Hasses: ›Hat etwa dieser Ehrwürdige solche Eigenschaften des Hasses an sich, dass er, im Herzen von ihnen eingenommen, wenn er nichts weiß ‚Ich weiß es‘, wenn er nichts sieht ‚Ich seh’ es‘ sagen, oder andere derart unterweisen mag, dass es ihnen lange zum Unheil und Leiden gereichen kann?‹ Und indem er ihn erforscht erkennt er: ›Nicht hat dieser Ehrwürdige solche Eigenschaften des Hasses an sich, dass er, im Herzen von ihnen eingenommen, wenn er nichts weiß ‚Ich weiß es‘, wenn er nichts sieht ‚Ich seh’ es‘ sagen, oder andere derart unterweisen mag, dass es ihnen lange zum Unheil und Leiden gereichen kann. Denn diesem Ehrwürdigen eignet solches Betragen und solche Rede, wie es Hasslosen ansteht. Und die Lehre, welche der Ehrwürdige darlegt, diese Lehre ist tief, schwer zu entdecken, schwer 584 zu gewahren, still, erlesen, unbekrittelbar, innig, Weisen erfindlich: nicht wohl kann diese Lehre von Gehässigen dargelegt werden.‹ Und hat er ihn, also erforschend, lauter von Eigenschaften des Hasses befunden, so forscht er ihn weiter aus, über Eigenschaften der Irre: ›Hat etwa dieser Ehrwürdige solche Eigenschaften der Irre an sich, dass er, im Herzen von ihnen eingenommen, wenn er nichts weiß ‚Ich weiß es‘, wenn er nichts sieht ‚Ich seh’ es‘ sagen, oder andere derart unterweisen mag, dass es ihnen lange zum Unheil und Leiden gereichen kann?‹ Und indem er ihn erforscht erkennt er: ›Nicht hat dieser Ehrwürdige solche Eigenschaften der Irre an sich, dass er, im Herzen von ihnen eingenommen, wenn er nichts weiß ‚Ich weiß es‘, wenn er nichts sieht ‚Ich seh’ es‘ sagen, oder andere derart unterweisen mag, dass es ihnen lange zum Unheil und Leiden gereichen kann. Denn diesem Ehrwürdigen eignet solches Betragen und solche Rede, wie es Irrlosen ansteht. Und die Lehre, welche der Ehrwürdige darlegt, diese Lehre ist tief, schwer zu entdecken, schwer zu gewahren, still, erlesen, unbekrittelbar, innig, Weisen erfindlich: nicht wohl kann diese Lehre von Irrigen dargelegt werden.‹ Und hat er ihn, also erforschend, lauter von Eigenschaften der Irre befunden, so fasst er Vertrauen zu ihm. Hat er Vertrauen gefasst, so kommt er heran. Herangekommen gesellt er sich zu. Zugesellt giebt er Gehör. Offenen Ohres hört er die Lehre. Hat er die Lehre gehört behält er sie. Hat er die Sätze behalten betrachtet er den Inhalt. Hat er den Inhalt betrachtet gewähren ihm die Sätze 585 Einsicht. Indem ihm die Sätze Einsicht gewähren billigt er sie. Indem er sie billigt lässt er sie gelten. Hat er sie gelten lassen wägt er ab. Hat er abgewogen arbeitet er. Und weil er innig arbeitet verwirklicht er eben leibhaftig die höchste Wahrheit, und weise durchbohrend erschaut er sie. Insofern, Bhāradvājo, kommt man der Wahrheit nach, so kann man der Wahrheit nachkommen, und insofern erklären wir was der Wahrheit Nachkunft sei: doch ist es noch nicht der Wahrheit Nachfolge.«

»Insofern, o Gotamo, kommt man der Wahrheit nach, so kann man der Wahrheit nachkommen, und insofern verstehn wir was der Wahrheit Nachkunft sei. Inwiefern aber, o Gotamo, folgt man der Wahrheit nach? Wie kann man der Wahrheit nachfolgen? Was der Wahrheit Nachfolge sei fragen wir Herrn Gotamo.«

»Eben diese Dinge, Bhāradvājo, pflegen und entwickeln und ausbilden ist der Wahrheit Nachfolge. Insofern, Bhāradvājo, folgt man der Wahrheit nach, so kann man der Wahrheit nachfolgen, und insofern erklären wir was der Wahrheit Nachfolge sei.«

»Insofern, o Gotamo, folgt man der Wahrheit nach, so kann man der Wahrheit nachfolgen, und insofern verstehn wir was der Wahrheit Nachfolge sei. Was ist aber wichtig, o Gotamo, um der Wahrheit nachzufolgen? Was um der Wahrheit nachzufolgen wichtig sei fragen wir Herrn Gotamo.«

»Um der Wahrheit nachzufolgen, Bhāradvājo, ist arbeiten wichtig. Wer da nicht arbeitet kann nicht der Wahrheit nachfolgen. Doch weil er arbeitet folgt er der Wahrheit nach. Darum ist um der Wahrheit nachzufolgen arbeiten wichtig.« 586

»Was ist aber wichtig, o Gotamo, um zu arbeiten? Was um zu arbeiten wichtig sei fragen wir Herrn Gotamo.«

»Um zu arbeiten, Bhāradvājo, ist abwägen wichtig. Wer da nicht abwägt kann nicht arbeiten. Doch weil er abwägt arbeitet er. Darum ist um zu arbeiten abwägen wichtig.«

»Was ist aber wichtig, o Gotamo, um abzuwägen? Was um abzuwägen wichtig sei fragen wir Herrn Gotamo.«

»Um abzuwägen, Bhāradvājo, ist geltenlassen wichtig. Wer da nicht gelten lässt kann nicht abwägen. Doch weil er gelten lässt wägt er ab. Darum ist um abzuwägen geltenlassen wichtig.«

»Was ist aber wichtig, o Gotamo, um geltenzulassen? Was um geltenzulassen wichtig sei fragen wir Herrn Gotamo.«

»Um geltenzulassen, Bhāradvājo, ist billigen wichtig. Wer da nicht billigt kann nicht geltenlassen. Doch weil er billigt lässt er gelten. Darum ist um geltenzulassen billigen wichtig.«

»Was ist aber wichtig, o Gotamo, um zu billigen? Was um zu billigen wichtig sei fragen wir Herrn Gotamo.«

»Um zu billigen, Bhāradvājo, ist es wichtig, dass die Sätze Einsicht gewähren. Wem da die Sätze keine Einsicht gewähren, der kann nicht billigen. Doch weil ihm die Sätze Einsicht gewähren billigt er. Darum ist es um zu billigen wichtig, dass die Sätze Einsicht gewähren.«[250]

»Was ist aber wichtig, o Gotamo, auf dass die Sätze Einsicht gewähren? Was um der Sätze Einsichtgewährung wichtig sei fragen wir Herrn Gotamo.«

»Auf dass die Sätze Einsicht gewähren, Bhāradvājo, ist es wichtig den Inhalt betrachten. Wer da nicht den Inhalt 587 betrachtet, dem können die Sätze keine Einsicht gewähren. Doch weil er den Inhalt betrachtet gewähren ihm die Sätze Einsicht. Darum ist es um der Sätze Einsichtgewährung wichtig den Inhalt betrachten.«

»Was ist aber wichtig, o Gotamo, um den Inhalt zu betrachten? Was um den Inhalt zu betrachten wichtig sei fragen wir Herrn Gotamo.«

»Um den Inhalt zu betrachten, Bhāradvājo, ist es wichtig die Sätze behalten. Wer da nicht die Sätze behält kann nicht den Inhalt betrachten. Doch weil er die Sätze behält betrachtet er den Inhalt. Darum ist es um den Inhalt zu betrachten wichtig die Sätze behalten.«

»Was ist aber wichtig, o Gotamo, um die Sätze zu behalten? Was um die Sätze zu behalten wichtig sei fragen wir Herrn Gotamo.«

»Um die Sätze zu behalten, Bhāradvājo, ist es wichtig die Lehre hören. Wer da die Lehre nicht hört kann die Sätze nicht behalten. Doch weil er die Lehre hört kann er die Sätze behalten. Darum ist es um die Sätze zu behalten wichtig die Lehre hören.«

»Was ist aber wichtig, o Gotamo, um die Lehre zu hören? Was um die Lehre zu hören wichtig sei fragen wir Herrn Gotamo.«

»Um die Lehre zu hören, Bhāradvājo, ist Gehör geben wichtig. Wer da nicht Gehör giebt kann die Lehre nicht hören. Doch weil er Gehör giebt hört er die Lehre. Darum ist es um die Lehre zu hören wichtig Gehör geben.«

»Was ist aber wichtig, o Gotamo, um Gehör zu geben? Was um 588 Gehör zu geben wichtig sei fragen wir Herrn Gotamo.«

»Um Gehör zu geben, Bhāradvājo, ist zugesellen wichtig. Wer sich da nicht zugesellt kann nicht Gehör geben. Doch weil er sich zugesellt giebt er Gehör. Darum ist es um Gehör zu geben wichtig sich zugesellen.«

»Was ist aber wichtig, o Gotamo, um sich zuzugesellen? Was um sich zuzugesellen wichtig sei fragen wir Herrn Gotamo.«

»Um sich zuzugesellen, Bhāradvājo, ist herankommen wichtig. Wer da nicht herankommt kann sich nicht zugesellen. Doch weil er herankommt gesellt er sich zu. Darum ist um sich zuzugesellen wichtig herankommen.«

»Was ist aber wichtig, o Gotamo, um heranzukommen? Was um heranzukommen wichtig sei fragen wir Herrn Gotamo.«

»Um heranzukommen, Bhāradvājo, ist Vertrauen wichtig. Wer da kein Vertrauen hat kann nicht herankommen. Doch weil er Vertrauen hat kommt er heran. Darum ist um heranzukommen Vertrauen wichtig.«

* * * * *

»Was der Wahrheit Nachgehn sei haben wir Herrn Gotamo gefragt: was der Wahrheit Nachgehn ist hat Herr Gotamo erklärt; und es hat uns gefallen und behagt und wir sind es zufrieden. Was der Wahrheit Nachkunft sei haben wir Herrn Gotamo gefragt: was der Wahrheit Nachkunft ist hat Herr Gotamo erklärt; und es hat uns gefallen und behagt und wir sind es zufrieden. Was der Wahrheit Nachfolge sei haben wir Herrn Gotamo gefragt: was der Wahrheit 589 Nachfolge ist hat Herr Gotamo erklärt; und es hat uns gefallen und behagt und wir sind es zufrieden. Was um der Wahrheit nachzufolgen wichtig sei haben wir Herrn Gotamo gefragt: was um der Wahrheit nachzufolgen wichtig ist hat Herr Gotamo erklärt; und es hat uns gefallen und behagt und wir sind es zufrieden. Was wir eben auch Herrn Gotamo gefragt haben, das hat eben auch Herr Gotamo erklärt; und es hat uns gefallen und behagt und wir sind es zufrieden. -- Wir haben ja früher, o Gotamo, also gedacht: ›Was sind das doch für kahlköpfige Asketen da, ein dreistes Gesindel, einer dem anderen auf den Fersen: was werden die von Wahrheit wissen!‹ Erzeugt hat mir, wahrlich, Herr Gotamo Asketenliebe zu den Asketen, Asketenfreude an den Asketen, Asketenehrfurcht vor den Asketen. -- Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie etwa, o Gotamo, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht in die Finsterniss brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch ist von Herrn Gotamo die Lehre gar vielfach gezeigt worden. Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«[251]

96.

Zehnter Theil Sechste Rede

ESUKĀRĪ

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Da nun begab sich Esukārī[252] der Priester dorthin wo der Erhabene weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun Esukāri der Priester zum Erhabenen also:

»Die Priester, o Gotamo, verkünden die viererlei Pflichten: sie verkünden die Pflichten des Priesters, verkünden die Pflichten des Kriegers, verkünden die Pflichten des Bürgers, verkünden die Pflichten des Dieners. Da geben denn, o Gotamo, 590 die Priester als Pflichten des Priesters an: ›Der Priester darf dem Priester dienen, der Krieger darf dem Priester dienen, der Bürger darf dem Priester dienen, der Diener darf dem Priester dienen.‹ Das geben, o Gotamo, die Priester als Pflichten des Priesters an. Da geben denn, o Gotamo, die Priester als Pflichten des Kriegers an: ›Der Krieger darf dem Krieger dienen, der Bürger darf dem Krieger dienen, der Diener darf dem Krieger dienen.‹ Das geben, o Gotamo, die Priester als Pflichten des Kriegers an. Da geben denn, o Gotamo, die Priester als Pflichten des Bürgers an: ›Der Bürger darf dem Bürger dienen, der Diener darf dem Bürger dienen.‹ Das geben, o Gotamo, die Priester als Pflichten des Bürgers an. Da geben denn, o Gotamo, die Priester als Pflichten des Dieners an: ›Der Diener nur darf dem Diener dienen: wer wird auch anders einem Diener dienen?‹ Das geben, o Gotamo, die Priester als Pflichten des Dieners an. Die Priester, o Gotamo, verkünden diese viererlei Pflichten. Was hält nun Herr Gotamo davon?«

»Sag’ mir doch, Priester: giebt das die ganze Welt den Priestern zu, dass diese viererlei Pflichten gelten sollen?«

»Das wohl nicht, o Gotamo!«

»Gleichwie etwa, Priester, wenn da ein Mann wäre, arm, unfrei, unselbständig; und man nöthigte ihm gegen seinen Willen einen Bissen auf: ›Da hast du, lieber Mann, ein Stück Fleisch zu essen, und das musst du mit Geld bezahlen‹: ebenso nun auch, 591 Priester, haben sich die Priester mit den anderen Priestern und Asketen nicht verständigt, sondern sie verkünden eben diese viererlei Pflichten. Ich sage nicht, Priester, dass man jedem dienen solle; ich sag’ auch nicht, Priester, dass man keinem dienen solle. Denn wer da, Priester, indem er einem dient, durch den Dienst schlechter würde, nicht besser: dem, sag’ ich, soll man nicht dienen. Doch wer da, Priester, indem er einem dient, durch den Dienst besser würde, nicht schlechter: dem, sag’ ich, soll man dienen. Wenn man da, Priester, einen Krieger fragte: ›In wessen Dienste dienend du schlechter würdest, nicht besser; und in wessen Dienste dienend du besser würdest, nicht schlechter: eines wessen Dienst möchtest du da wählen?‹, so würde wohl, Priester, der Krieger rechte Antwort also geben: ›In wessen Dienste dienend ich schlechter würde, nicht besser: dem mag ich nicht dienen; in wessen Dienste dienend ich aber besser würde, nicht schlechter: dem mag ich dienen.‹ Wenn man da, Priester, einen Priester fragte, einen Bürger, einen Diener fragte: ›In wessen Dienste dienend du schlechter würdest, nicht besser; und in wessen Dienste dienend du besser würdest, nicht schlechter: eines wessen Dienst möchtest du da wählen?‹, so würde wohl, Priester, der Priester und der Bürger und der Diener rechte Antwort also geben: ›In wessen Dienste dienend ich schlechter würde, nicht besser: dem mag ich nicht dienen; in wessen Dienste dienend ich aber besser würde, nicht schlechter: dem mag ich dienen.‹ 592

»Ich sage nicht, Priester, dass hohe Geburt besser mache; ich sag’ auch nicht, Priester, dass hohe Geburt schlechter mache. Ich sage nicht, Priester, dass große Schönheit besser mache; ich sag’ auch nicht, Priester, dass große Schönheit schlechter mache. Ich sage nicht, Priester, dass großer Reichthum besser mache: ich sag’ auch nicht, Priester, dass großer Reichthum schlechter mache.[253] Auch von hoher Geburt ist ja da, Priester, mancher ein Mörder, ist ein Dieb, ist ein Wüstling, Lügner, Verleumder, ist ein Zänker und Schwätzer, voll Gier und Hass und Eitelkeit: darum sag’ ich nicht, dass hohe Geburt besser mache. Auch von hoher Geburt ist ja da, Priester, mancher kein Mörder, ist kein Dieb, ist kein Wüstling, Lügner, Verleumder, ist kein Zänker und Schwätzer, ist nicht begehrlich, nicht gehässig, recht gesinnt: darum sag’ ich nicht, dass hohe Geburt schlechter mache. Auch mit 593 großer Schönheit, Priester, auch mit großem Reichthum ist ja da mancher ein Mörder, ist ein Dieb, ist ein Wüstling, Lügner, Verleumder, ist ein Zänker und Schwätzer, voll Gier und Hass und Eitelkeit: darum sag’ ich nicht, dass große Schönheit, großer Reichthum besser mache. Auch mit großer Schönheit, Priester, auch mit großem Reichthum ist ja da mancher kein Mörder, ist kein Dieb, ist kein Wüstling, Lügner, Verleumder, ist kein Zänker und Schwätzer, ist nicht begehrlich, nicht gehässig, recht gesinnt: darum sag’ ich nicht, dass große Schönheit, großer Reichthum schlechter mache. Ich sage nicht, Priester, dass man jedem dienen solle; ich sag’ auch nicht, Priester, dass man keinem dienen solle. Denn bei wem da, Priester, indem er einem dient, durch den Dienst das Vertrauen zunimmt, die Tugend zunimmt, die Erfahrung zunimmt, der Opfermuth zunimmt, die Weisheit zunimmt: dem, sag’ ich, soll 594 man dienen.«

Nach diesen Worten wandte sich Esukārī der Priester also an den Erhabenen:

»Die Priester, o Gotamo, verkünden vier Arten von Besitz: sie verkünden das Besitzthum des Priesters, verkünden das Besitzthum des Kriegers, verkünden das Besitzthum des Bürgers, verkünden das Besitzthum des Dieners. Da geben denn, o Gotamo, die Priester als Besitzthum des Priesters Almosenspende an; ein Priester aber, der das Besitzthum von Almosenspende verachtet, begeht Unrecht, dem Hüter gleich, der den Hort angreift. Das geben, o Gotamo, die Priester als Besitzthum des Priesters an. Da geben denn, o Gotamo, die Priester als Besitzthum des Kriegers Bogen und Köcher an; ein Krieger aber, der das Besitzthum von Bogen und Köcher verachtet, begeht Unrecht, dem Hüter gleich, der den Hort angreift. Das geben, o Gotamo, die Priester als Besitzthum des Kriegers an. Da geben denn, o Gotamo, die Priester als Besitzthum des Bürgers Feldbau und Viehzucht an; ein Bürger aber, der das Besitzthum von Feldbau und Viehzucht verachtet, begeht Unrecht, dem Hüter gleich, der den Hort angreift. Das geben, o Gotamo, die Priester als Besitzthum des Bürgers an. Da geben denn, o Gotamo, die Priester als Besitzthum des Dieners Hippe und Tragstock an; ein Diener aber, der das Besitzthum von Hippe und Tragstock verachtet, begeht Unrecht, dem Hüter gleich, der den Hort angreift. Das geben, o Gotamo, die Priester als Besitzthum des Dieners an. Die Priester, o Gotamo, verkünden diese vier Arten 595 von Besitz. Was hält nun Herr Gotamo davon?«

»Und sag’ mir, Priester: giebt das die ganze Welt den Priestern zu, dass diese vier Arten von Besitz gelten sollen?«

»Das wohl nicht, o Gotamo!«

»Gleichwie etwa, Priester, wenn da ein Mann wäre, arm, unfrei, unselbständig; und man nöthigte ihm gegen seinen Willen einen Bissen auf: ›Da hast du, lieber Mann, ein Stück Fleisch zu essen, und das musst du mit Geld bezahlen‹: ebenso nun auch, Priester, haben sich die Priester mit den anderen Priestern und Asketen nicht verständigt, sondern sie verkünden eben diese vier Arten von Besitz. Ich aber, Priester, verkünde ein heiliges, überweltliches Recht als Besitzthum des Menschen; mag sich auch einer seiner einstigen Abstammung von Vater und Mutter erinnern, wo er eben also und also erzeugt und geboren eben diesen und diesen Namen erhalten hat: im Kriegergeschlechte erzeugt und geboren eben ‚Krieger‘ genannt, im Priestergeschlechte erzeugt und geboren eben ‚Priester‘ genannt, im Bürgergeschlechte erzeugt und geboren eben ‚Bürger‘ genannt, im Dienergeschlechte erzeugt und geboren eben ‚Diener‘ genannt. Gleichwie etwa, Priester, woher da eben Feuer entfacht eben danach genannt wird, von Holz entfacht eben ‚Holzfeuer‘ genannt, von Reisig entfacht eben ‚Reisigfeuer‘ genannt, von Heu entfacht eben ‚Heufeuer‘ 596 genannt, von Dung entfacht eben ‚Dungfeuer‘ genannt: ebenso nun auch, Priester, verkünde ich ein heiliges, überweltliches Recht als Besitzthum des Menschen; mag sich auch einer seiner einstigen Abstammung von Vater und Mutter erinnern, wo er eben also und also erzeugt und geboren eben diesen und diesen Namen erhalten hat: im Kriegergeschlechte erzeugt und geboren eben ‚Krieger‘ genannt, im Priestergeschlechte erzeugt und geboren eben ‚Priester‘ genannt, im Bürgergeschlechte erzeugt und geboren eben ‚Bürger‘ genannt, im Dienergeschlechte erzeugt und geboren eben ‚Diener‘ genannt. Wer da, Priester, aus einem Kriegergeschlechte vom Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen und zu des Vollendeten dargelegter Lehre und Ordnung gekommen ist, von Mord absteht, von Diebstahl absteht, von Unkeuschheit absteht, von Lüge, Verleumdung, Zank und Geschwätz absteht, nicht begehrlich, nicht gehässig, recht gesinnt ist, hat Aechtes erwirkt, heilsames Recht. Wer da, Priester, aus einem Priestergeschlechte oder Bürgergeschlechte oder 597 Dienergeschlechte vom Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen und zu des Vollendeten dargelegter Lehre und Ordnung gekommen ist, von Mord absteht, von Diebstahl absteht, von Unkeuschheit absteht, von Lüge, Verleumdung, Zank und Geschwätz absteht, nicht begehrlich, nicht gehässig, recht gesinnt ist, hat Aechtes erwirkt, heilsames Recht. -- Was meinst du wohl, Priester: kann da nur ein Priester hierzulande ohne Grimm und ohne Groll sein Herz an Milde gewöhnen? Aber nicht so ein Krieger, aber nicht so ein Bürger, aber nicht so ein Diener?«

»Das wohl nicht, o Gotamo! Denn auch ein Krieger, o Gotamo, kann hierzulande ohne Grimm und ohne Groll sein Herz an Milde gewöhnen: und ebenso, o Gotamo, ein Priester, und ebenso, o Gotamo, ein Bürger, und ebenso, o Gotamo, ein Diener; ein jeder, o Gotamo, von den vier Kasten kann hierzulande ohne Grimm und ohne Groll sein Herz an Milde gewöhnen.«

»Ebenso nun auch, Priester, kann wer da aus einem Kriegergeschlechte oder Priestergeschlechte oder Bürgergeschlechte oder Dienergeschlechte vom Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen und zu des Vollendeten dargelegter 598 Lehre und Ordnung gekommen ist, von Mord absteht, von Diebstahl absteht, von Unkeuschheit absteht, von Lüge, Verleumdung, Zank und Geschwätz absteht, nicht begehrlich, nicht gehässig, recht gesinnt ist, Aechtes erwirken, heilsames Recht. -- Was meinst du wohl, Priester: darf da nur ein Priester, mit Schwamm und Seife versehn, zum Flusse baden gehn, um Staub und Schmutz abzuwaschen? Aber nicht so ein Krieger, aber nicht so ein Bürger, aber nicht so ein Diener?«

»Das wohl nicht, o Gotamo! Denn auch ein Krieger, o Gotamo, darf Schwamm und Seife nehmen und nach dem Flusse baden gehn, um Staub und Schmutz abzuwaschen: und ebenso, o Gotamo, ein Priester, und ebenso, o Gotamo, ein Bürger, und ebenso, o Gotamo, ein Diener; ein jeder, o Gotamo, von den vier Kasten darf Schwamm und Seife nehmen und nach dem Flusse baden gehn, um Staub und Schmutz abzuwaschen.«