Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band
Part 38
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar, richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss des Verschwindens-Erscheinens der Wesen. So kann er mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen sehn, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er erkennt wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. ›Diese lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan, in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes; bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan, in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute Fährte, in sälige Welt‹: so kann er mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen sehn, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er kann erkennen wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar, richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss der Wahnversiegung. ›Das ist das Leiden‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist 569 die Leidensentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Leidensauflösung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist der Wahn‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Wahnentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Wahnauflösung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist der zur Wahnauflösung führende Pfad‹ erkennt er der Wahrheit gemäß.
»Also erkennend, also sehend wird da sein Gemüth erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn, erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹, diese Erkenntniss geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ versteht er da.
»Den heißt man, Priester, einen Menschen, der weder ein Selbstquäler, nicht der Uebung der Selbstquaal eifrig ergeben ist, noch ein Nächstenquäler, nicht der Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben ist: der ohne Selbstquaal, ohne Nächstenquaal schon bei Lebzeiten ausgeglüht, erloschen, kühl geworden ist, sich wohlfühlt, heilig geworden im Herzen.«
Nach diesen Worten wandte sich Ghoṭamukho der Priester also an den ehrwürdigen Udeno:
»Vortrefflich, o Udeno, vortrefflich, o Udeno! Gleichwie etwa, o Udeno, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht in die Finsterniss brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch ist von Herrn Udeno die Lehre gar vielfach gezeigt worden. Und so nehm’ ich bei Herrn Udeno Zuflucht, bei der 570 Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich Herr Udeno betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«
»Nicht bei mir, Priester, wolle du Zuflucht nehmen: sondern bei Ihm, dem Erhabenen, nimm Zuflucht, bei dem ich Zuflucht genommen.«
»Wo aber, o Udeno, weilt Er jetzt, der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte?«
»Erloschen ist Er nun, Priester, der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte.«
»Wenn wir da hörten, o Udeno, Er, der Herr Gotamo, sei dreißig Meilen fern, so würden wir eben dreißig Meilen wandern, Ihn, den Herrn Gotamo zu sehn, den Heiligen, vollkommen Erwachten. Wenn wir da hörten, o Udeno, Er, der Herr Gotamo, sei sechzig Meilen fern, sei neunzig Meilen, hundertzwanzig Meilen, hundertfünfzig Meilen fern, so würden wir eben hundertfünfzig Meilen wandern, Ihn, den Herrn Gotamo zu sehn, den Heiligen, vollkommen Erwachten. Und wenn wir da hörten, o Udeno, dreihundert Meilen sei Er, der Herr Gotamo, fern, so würden wir eben dreihundert Meilen wandern, Ihn, den Herrn Gotamo zu sehn, den Heiligen, vollkommen Erwachten. Weil nun aber, o Udeno, Er, der Herr Gotamo, erloschen ist, so nehmen wir eben bei Ihm, dem Herrn Gotamo, der erloschen ist, unsere Zuflucht, und bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich Herr Udeno betrachten, von heute an zeitlebens getreu. -- Es hat mir, o Udeno, der König von Bengālen einen ständigen Tagesunterhalt ausgesetzt: einen davon widme ich Herrn Udeno.«
»Was hat dir denn, Priester, der König von Bengālen als ständigen Tagesunterhalt ausgesetzt?«
»Fünfhundert Gulden, o Udeno.«[236]
»Nicht kommt es uns, Priester, zu, Gold und Silber anzunehmen.« 571
»Wenn das Herrn Udeno nicht zukommt, so werd’ ich eine Wohnstätte für Herrn Udeno erbauen lassen.«
»Hast du schon, Priester, die Absicht, eine Wohnstätte für mich erbauen zu lassen, so lasse doch der Mönchgemeinde zu Pāṭaliputtam einen Empfangsaal erbauen.«
»Dadurch hat mich Herr Udeno nur noch viel mehr zufrieden und froh gemacht, dass mich Herr Udeno zu einer Gabe an die Mönchgemeinde ermuntert. Und so will ich, o Udeno, mit diesem Tagesunterhalt, und noch einem anderen dazu, der Mönchgemeinde zu Pāṭaliputtam einen Empfangsaal erbauen lassen.«
* * * * *
Und Ghoṭamukho der Priester ließ mit diesem Tagesunterhalt, und noch einem anderen dazu, der Mönchgemeinde zu Pāṭaliputtam einen Empfangsaal erbauen. Dieser wird heute ‚Ghoṭamukher‘ genannt.[237]
95.
Zehnter Theil Fünfte Rede
CAṈKĪ
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit wanderte der Erhabene im Lande Kosalo von Ort zu Ort und kam, von vielen Mönchen begleitet, in die Nähe eines Priesterdorfes der Kosaler Namens Opāsādam.
Zu Opāsādam weilte nun der Erhabene, nördlich vom Dorfe, im Götterhain am Kronwalde.
Um diese Zeit aber lebte Caṉkī der Priester zu Opāsādam, das, gar heiter anzuschauen, mit Weide-, Wald- und Wasserplätzen, mit Kornkammern, mit königlichem Reichthum begabt, von König Pasenadi von Kosalo als Königsgabe den Priestern zu eigen gegeben war.
Und es hörten die priesterlichen Hausväter in Opāsādam reden: ›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe 572 der Sakyer entsagt hat, wandert in unserem Lande von Ort zu Ort und ist mit vielen Mönchen in Opāsādam angekommen. Diesen Herrn Gotamo aber begrüßt man allenthalben mit dem frohen Ruhmesrufe, so zwar: ‚Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene. Er zeigt diese Welt mit ihren Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von Priestern und Büßern, Göttern und Menschen, nachdem er sie selbst verstanden und durchdrungen hat. Er verkündet die Lehre, deren Anfang begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende begütigt, die sinn- und wortgetreue, er legt das vollkommen geläuterte, geklärte Asketenthum dar. Glücklich wer da nun solche Heilige sehn kann!‘‹
Und die priesterlichen Hausväter von Opāsādam zogen aus dem Dorfe hinaus, zahlreich, in Schaaren zusammengekommen, nach Norden gewandt[238], zum Götterhain am Kronwalde. Damals nun hatte Caṉkī der Priester oben auf der Zinne seines Hauses Tagesrast genommen. Da sah denn Caṉkī der Priester die priesterlichen Hausväter von Opāsādam aus dem Dorfe hinausziehn, zahlreich, in Schaaren zusammengekommen, nach Norden gewandt, zum Götterhain am Kronwalde, und als er sie gesehn wandte er sich an seinen Thorwart:
»Was gehn denn da, lieber Thorwart, die priesterlichen Hausväter von Opāsādam aus dem Dorfe hinaus, zahlreich, in Schaaren zusammengekommen, nach Norden gewandt, zum Götterhain am Kronwalde?«
»Es ist, Herr Caṉkī, der Asket Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe der Sakyer entsagt hat, der hierzulande von Ort zu Ort wandert, von vielen Mönchen gefolgt, bei Opāsādam angekommen, 573 weilt bei Opāsādam, nördlich vom Dorfe, im Götterhain am Kronwalde. Diesen Herrn Gotamo aber begrüßt man allenthalben mit dem frohen Ruhmesrufe, so zwar: ›Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene.‹ Diesen Herrn Gotamo gehn sie besuchen.«
»So geh’ doch, lieber Thorwart, zu den priesterlichen Hausvätern dort hin und sprich also zu ihnen: ›Caṉkī, ihr Herren, der Priester, lässt sagen, es möchten die Herren etwas warten: auch Caṉkī der Priester will den Asketen Gotamo besuchen.‹«
»Jawohl, Herr!« entgegnete da gehorsam der Thorwart Caṉkī dem Priester. Und er begab sich zu den priesterlichen Hausvätern dort hin und sprach also zu ihnen:
»Caṉkī, ihr Herren, der Priester, lässt sagen, es möchten die Herren etwas warten: auch Caṉkī der Priester will den Asketen Gotamo besuchen.«
Damals nun waren gegen fünfhundert Priester aus verschiedenen Landen in Opāsādam zusammengekommen, irgend eine Angelegenheit zu verhandeln. Und sie hörten, dass Caṉkī der Priester den Asketen Gotamo besuchen wolle. Da begaben sich denn diese 574 Priester zu Caṉkī dem Priester hin; und sie sprachen also zu ihm:
»Ist es wahr, wie man sagt, dass Herr Caṉkī den Asketen Gotamo besuchen will?«
»Gewiss, ihr Herren, auch ich denke den Asketen Gotamo zu besuchen.«
»Nicht Herr Caṉkī darf den Asketen Gotamo besuchen; nicht geziemt es Herrn Caṉkī den Asketen Gotamo zu besuchen: dem Asketen Gotamo vielmehr geziemt es Herrn Caṉkī zu besuchen. Denn Herr Caṉkī ist beiderseit wohlgeboren, vom Vater und von der Mutter aus, lauter empfangen, bis zum siebenten Ahnherrn hinauf unbefleckt, untadelhaft von Geburt. Weil aber Herr Caṉkī beiderseit wohlgeboren ist, vom Vater und von der Mutter aus, lauter empfangen, bis zum siebenten Ahnherrn hinauf unbefleckt, untadelhaft von Geburt, so geziemt es eben insofern nicht Herrn Caṉkī den Asketen Gotamo zu besuchen: dem Asketen Gotamo vielmehr geziemt es Herrn Caṉkī zu besuchen. Denn Herr Caṉkī ist reich, mit Geld und Gut mächtig begabt. Denn Herr Caṉkī ist ein Meister der drei Veden, sammt ihrer Auslegung und Deutung, sammt ihrer Laut- und Formenlehre, und ihren Sagen zufünft, der Gesänge kundig und ein Erklärer, der die Merkmale eines großen Weltweisen aufweist. Denn Herr Caṉkī ist schön, hold, liebenswürdig, mit höchster Anmuth begabt, mit heiligem Glanze, heiligem Lichte, es ist keine geringe Gunst ihn anzublicken. Denn Herr Caṉkī ist tugendrein, tugendreif, in Tugend reif geworden. Denn Herr Caṉkī spricht angemessen, redet angemessen, seine Rede ist höflich, deutlich, nicht stammelnd, tauglich den Sinn darzulegen. Denn Herr Caṉkī ist vieler Meister und Altmeister und lässt eine Schaar von dreihundert Schülern die Sprüche bei sich erlernen. Denn Herr Caṉkī wird 575 von König Pasenadi von Kosalo werthgehalten, hochgeschätzt, geachtet, geehrt und ausgezeichnet. Denn Herr Caṉkī wird von Pokkharasāti[239] dem Priester werthgehalten, hochgeschätzt, geachtet, geehrt und ausgezeichnet. Denn Herr Caṉkī lebt zu Opāsādam, das, gar heiter anzuschauen, mit Weide-, Wald- und Wasserplätzen, mit Kornkammern, mit königlichem Reichthum begabt, von König Pasenadi von Kosalo als Königsgabe den Priestern zu eigen gegeben ist. Weil aber Herr Caṉkī zu Opāsādam lebt, das, gar heiter anzuschauen, mit Weide-, Wald- und Wasserplätzen, mit Kornkammern, mit königlichem Reichthum begabt, von König Pasenadi von Kosalo als Königsgabe den Priestern zu eigen gegeben ist, so geziemt es eben insofern nicht Herrn Caṉkī den Asketen Gotamo zu besuchen: dem Asketen Gotamo vielmehr geziemt es Herrn Caṉkī zu besuchen.«
Auf diese Worte wandte sich Caṉkī der Priester also an jene Priester:
»Wohlan denn, ihr Herren, so hört auch von mir, aus welchem und welchem Grunde[240] es vielmehr uns geziemt den Herrn Gotamo zu besuchen, und es nicht dem Herrn Gotamo geziemt uns zu besuchen. Der Asket Gotamo, ihr Herren, ist ja beiderseit wohlgeboren, vom Vater und von der Mutter aus, lauter empfangen, bis zum siebenten Ahnherrn hinauf unbefleckt, untadelhaft von Geburt. Weil aber, ihr Herren, der Asket Gotamo beiderseit wohlgeboren ist, vom Vater und von der Mutter aus, lauter empfangen, bis zum siebenten Ahnherrn hinauf unbefleckt, untadelhaft von Geburt, so geziemt es eben insofern nicht dem Herrn Gotamo uns zu besuchen, sondern uns geziemt es den Herrn Gotamo zu besuchen. Der Asket Gotamo, ihr Herren, hat ja reichlichem Gold und Geschmeide pilgernd entsagt, so heimlich vergrabenem wie offen aufgestelltem.[241] Der Asket Gotamo, ihr 576 Herren, ist ja, noch in frischer Blüthe, glänzend dunkelhaarig, im Genusse glücklicher Jugend, im ersten Mannesalter aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen. Der Asket Gotamo, ihr Herren, ist ja gegen den Wunsch seiner weinenden, klagenden Eltern, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen. Der Asket Gotamo, ihr Herren, ist ja schön, hold, liebenswürdig, mit höchster Anmuth begabt, mit heiligem Glanze, heiligem Lichte, es ist keine geringe Gunst ihn anzublicken. Der Asket Gotamo, ihr Herren, ist ja tugendrein, von herrlicher Tugend, gediegener Tugend, in gediegener Tugend erfahren. Der Asket Gotamo, ihr Herren, spricht ja angemessen, redet angemessen, seine Rede ist höflich, deutlich, nicht stammelnd, tauglich den Sinn darzulegen. Der Asket Gotamo, ihr Herren, ist ja vieler Meister und Altmeister. Der Asket Gotamo, ihr Herren, hat ja Wunschbegier versiegt, ist frei von Unfrieden. Der Asket Gotamo, ihr Herren, lehrt ja eigene That und eigenes Handeln, schützt den heilsuchenden Menschen kein Böses vor. Der Asket Gotamo, ihr Herren, ist ja aus hohem Hause hinausgezogen, aus unabhängigem Herrscherhause.[242] Der Asket Gotamo, ihr Herren, ist ja aus reichem Hause hinausgezogen, mit Geld und Gut mächtig begabtem. Zum Asketen Gotamo, ihr Herren, kommen sie ja über Länder und Reiche her Fragen zu stellen. Beim Asketen Gotamo, ihr Herren, haben ja viele tausend Gottheiten zeitlebens Zuflucht genommen.[243] Den Asketen Gotamo, ihr Herren, begrüßt man ja allenthalben mit dem frohen Ruhmesrufe, so zwar: ›Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene.‹ Der Asket Gotamo, ihr Herren, ist ja mit den 577 zweiunddreißig Merkmalen eines großen Mannes begabt. Beim Asketen Gotamo, ihr Herren, hat ja der König von Magadhā Seniyo Bimbisāro mit seinen Frauen und Kindern zeitlebens Zuflucht genommen.[244] Beim Asketen Gotamo, ihr Herren, hat ja König Pasenadi von Kosalo mit seinen Frauen und Kindern zeitlebens Zuflucht genommen. Beim Asketen Gotamo, ihr Herren, hat ja der Priester Pokkharasāti mit seinen Frauen und Kindern zeitlebens Zuflucht genommen. Der Asket Gotamo, ihr Herren, ist ja zu Opāsādam angekommen, weilt bei Opāsādam, nördlich vom Dorfe, im Götterhain am Kronwalde. Wer aber auch immer von Asketen und Priestern in unser Dorfgebiet kommt ist unser Gast. Und einen Gast müssen wir werthhalten, hochschätzen, achten und ehren.[245] Weil nun, ihr Herren, der Asket Gotamo zu Opāsādam angekommen ist, bei Opāsādam weilt, nördlich vom Dorfe, im Götterhain am Kronwalde, so ist der Asket Gotamo unser Gast: und der Gast ist von uns werthzuhalten, hochzuschätzen, zu achten und zu ehren. Auch insofern geziemt es nicht dem Herrn Gotamo uns zu besuchen, sondern uns eben geziemt es den Herrn Gotamo zu besuchen. Soviel weiß ich, ihr Herren, vom Preis des Herrn Gotamo; doch ist der Preis des Herrn Gotamo nicht soviel: unermesslich ist ja der Preis des Herrn Gotamo. Schon um jeder einzelnen Eigenschaft willen, ihr Herren, geziemt es nicht dem Herrn Gotamo uns zu besuchen, sondern uns eben geziemt es den Herrn Gotamo zu besuchen. So wollen wir uns denn alle, ihr 578 Herren, zum Asketen Gotamo hinbegeben.«
Und Caṉkī der Priester, begleitet von der zahlreichen Priesterschaar, begab sich dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt tauschte er höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich seitwärts nieder. Damals nun hatte der Erhabene mit alten, erfahrenen Priestern gerade irgend ein denkwürdiges Gespräch zu Ende geführt. Und es befand sich da ein junger Brāhmane in dieser Versammlung Namens Kāpaṭhiko, eben erst, mit geschorenem Scheitel, vom Lehrer entlassen, im sechzehnten Lebensjahre, ein Meister der drei Veden, sammt ihrer Auslegung und Deutung, sammt ihrer Laut- und Formenlehre, und ihren Sagen zufünft, der Gesänge kundig und ein Erklärer, der die Merkmale eines großen Weltweisen aufwies. Der hatte, während der Erhabene sich mit den alten, erfahrenen Priestern besprach, stets einen anderen Gegenstand vorgebracht. Und der Erhabene rieth nun Kāpaṭhiko dem jungen Brāhmanen ab:
»Möge der ehrwürdige Bhāradvājo[246], während die alten, erfahrenen Priester sich besprechen, keinen anderen Gegenstand vorbringen: das Ende der Unterredung möge der ehrwürdige Bhāradvājo abwarten.«
Das hörte Caṉkī der Priester, und er sprach also zum Erhabenen:
»Möge Herr Gotamo Kāpaṭhiko dem jungen Brāhmanen nicht abrathen: ein edler Spross ist Kāpaṭhiko der junge Brāhmane, viel hat Kāpaṭhiko der junge Brāhmane gelernt, ist gelehrt, weiß angemessen zu reden, er vermag wohl mit Herrn Gotamo über 579 einen Gegenstand hier ein Gespräch zu führen.«
Da wusste nun der Erhabene: ›Gewiss wird Kāpaṭhiko der junge Brāhmane die Kenntniss der drei Veden erworben haben, und desshalb räumen ihm die Priester einen solchen Vorrang ein.‹ Aber Kāpaṭhiko der junge Brāhmane sagte zu sich: ›Wann der Asket Gotamo seinen Blick meinem Blicke begegnen lässt, so werd’ ich dem Asketen Gotamo eine Frage stellen.‹ Und der Erhabene, im Geiste den Geist und Gedanken des jungen Brāhmanen Kāpaṭhiko erkennend, lenkte den Blick nach ihm. Da gedachte nun Kāpaṭhiko der junge Brāhmane: ›Der Blick des Asketen Gotamo ruht auf mir: wie, wenn ich nun dem Asketen Gotamo eine Frage stellte?‹ Und Kāpaṭhiko der junge Brāhmane sprach zum Erhabenen also:
»Was da, o Gotamo, der Priester uralte Spruchlieder anlangt, die auf Treu und Glauben, einem Korbe gleich von Hand zu Hand weitergehn, kommen dabei die Priester in einem Punkte überein, ‚Dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: was hält Herr Gotamo davon?«
»Was glaubst du, Bhāradvājo: giebt es unter den Priestern auch nur einen Priester, der da gesagt hat: ›Ich selber weiß es, ich selber seh’ es; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‹?«
»Wohl nicht, o Gotamo!«
»Was glaubst du, Bhāradvājo: giebt es unter den Priestern auch nur einen Meister, oder Meister und Altmeister, bis zum siebenten Großmeisterahnen hinauf, der da gesagt hat: ›Ich selber weiß es, ich selber seh’ es; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‹?«
»Wohl nicht, o Gotamo!«
»Was glaubst du, Bhāradvājo: die da vormals der Priester Seher waren, die Verfasser der Sprüche, Verkünder der Sprüche, deren uralte Spruchlieder, wie sie gesungen, ausgesprochen, gesammelt 580 wurden, die Priester heute und hier ihnen nachsingen, ihnen nachsagen, das Gesagte weitersagen, das Gelehrte weiterlehren, als da waren Aṭṭhako, Vāmako, Vāmadevo, Vessāmitto, Yamataggi, Aṉgiraso, Bhāradvājo, Vāseṭṭho, Kassapo, Bhagu[247]: haben etwa diese gesagt: ›Wir selber wissen es, wir selber sehn es; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‹?«
»Wohl nicht, o Gotamo!«
»So giebt es denn, Bhāradvājo, unter den Priestern auch nicht einen Priester, der da gesagt hat: ›Ich selber weiß es, ich selber seh’ es; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‹; giebt es unter den Priestern auch nicht einen Meister, oder Meister und Altmeister, bis zum siebenten Großmeisterahnen hinauf, der da gesagt hat: ›Ich selber weiß es, ich selber seh’ es; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‹; und die da vormals der Priester Seher waren, die Verfasser der Sprüche, Verkünder der Sprüche, deren uralte Spruchlieder, wie sie gesungen, ausgesprochen, gesammelt wurden, die Priester heute und hier ihnen nachsingen, ihnen nachsagen, das Gesagte weitersagen, das Gelehrte weiterlehren, als da waren Aṭṭhako, Vāmako, Vāmadevo, Vessāmitto, Yamataggi, Aṉgiraso, Bhāradvājo, Vāseṭṭho, Kassapo, Bhagu: auch diese haben nicht gesagt: ›Wir selber wissen es, wir selber sehn es; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‹ Gleichwie etwa, Bhāradvājo, eine Reihe Blinder, einer dem anderen angeschlossen, und kein vorderer sieht, und kein mittlerer sieht, und kein letzterer sieht: ebenso nun auch, Bhāradvājo, als eine Reihe Blinder will mir das Reden der Priester erscheinen, wo kein vorderer sieht, und kein mittlerer sieht, und kein letzterer sieht.[248] Was meinst du wohl, 581 Bhāradvājo: ist also nicht das Vertrauen zu den Priestern grundlos?«
»Man geht ja nicht, o Gotamo, nur aus Vertrauen zu den Priestern, auch um des Hörensagens willen geht man zu ihnen.«
»Erst bist du da, Bhāradvājo, auf das Vertrauen gekommen: vom Hörensagen redest du jetzt. -- Fünf Dinge giebt es, Bhāradvājo, die da im Leben zweierlei Ausgang haben: welche fünf? Vertrauen, Hingabe, Hörensagen, prüfendes Urtheil, geduldig Einsicht nehmen. Das sind, Bhāradvājo, fünf Dinge, die da im Leben zweierlei Ausgang haben. Denn man kann, Bhāradvājo, einer Sache gar wohl vertrauen, und sie ist hohl und leer und falsch; und man kann ihr auch wohl nicht vertrauen, und sie ist ächt und wahr[249] und wirklich. Denn man kann, Bhāradvājo, einer Sache gar wohl sich hingeben, gar wohl sie vom Hörensagen kennen, gar wohl prüfend beurtheilen, gar wohl in sie geduldig Einsicht nehmen, und sie ist hohl und leer und falsch; und man kann sich einer Sache auch wohl nicht hingeben, sie vom Hörensagen auch wohl nicht kennen, auch wohl nicht prüfend beurtheilen, auch wohl nicht in sie geduldig Einsicht nehmen, und sie ist ächt und wahr und wirklich. Wer der Wahrheit nachgeht, Bhāradvājo, ein verständiger Mann, der wird da nicht gleich einseitig den Schluss ziehn: ›Dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‹.«
»Inwiefern aber, o Gotamo, geht man der Wahrheit nach? Wie kann man der Wahrheit nachgehn? Was der Wahrheit nachgehn sei fragen wir Herrn Gotamo.«
»Wenn da, Bhāradvājo, ein Mann Vertrauen hat, und er sich sagt ›Also ist mein Vertrauen‹ und der Wahrheit nachgeht, so wird er da nicht schon einseitig den Schluss ziehn: ›Dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‹ Wenn da, Bhāradvājo, ein Mann sich einer Sache hingiebt, sie vom Hörensagen kennt, prüfend beurtheilt, in sie geduldig Einsicht nimmt, und er sich sagt ›Also nehm’ ich in sie geduldig Einsicht‹ und der Wahrheit nachgeht, so wird er da nicht schon einseitig den Schluss ziehn: ›Dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‹ Insofern, 582 Bhāradvājo, geht man der Wahrheit nach, so kann man der Wahrheit nachgehn, und insofern erklären wir was der Wahrheit nachgehn sei: doch ist es noch nicht der Wahrheit Nachkunft.«
»Insofern, o Gotamo, geht man der Wahrheit nach, so kann man der Wahrheit nachgehn, und insofern verstehn wir was der Wahrheit nachgehn sei. Inwiefern aber, o Gotamo, kommt man der Wahrheit nach? Wie kann man der Wahrheit nachkommen? Was der Wahrheit Nachkunft sei fragen wir Herrn Gotamo.«