Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band
Part 35
»Er sucht den Waldhain auf und sitzt an einem geeigneten Orte nieder. Dann spült er die Füße ab, nicht aber lässt sich Herr Gotamo der Füße Schmuckheit angelegen sein. Hat er die Füße abgespült, so setzt er sich mit verschränkten Beinen nieder, den Körper gerade aufgerichtet, und pflegt der Einsicht. Er denkt weder zu eigener Beschwer, noch zu des Nächsten Beschwer, noch zu beider Beschwer: sich selber zum Wohle, dem Nächsten zum Wohle, beiden zum Wohle, der ganzen Welt zum Wohle denkend sitzt Herr Gotamo da.
»Er weilt im Waldhaine, und legt den Leuten die Lehre dar, redet ihnen nicht zu, redet ihnen nicht ab, ermuntert sie vielmehr in lehrreichem Gespräche, ermuthigt sie, erregt und erheitert sie. Achtfach ausgezeichnet ist die Stimme, die aus dem Munde des Herrn Gotamo hervorgeht: deutlich und verständlich, angenehm und ansprechend, gebunden, nicht gebrochen, tief und volltönig. Wie da Herr Gotamo in einer Versammlung zu sprechen pflegt, geht der Klang seiner Stimme nicht über die Versammlung hinaus. Und sind die Versammelten von Herrn Gotamo in lehrreichem Gespräche ermuntert, ermuthigt, erregt und erheitert worden, so stehn sie von ihren Sitzen auf und entfernen sich indem sie sich umwenden, nur ungern Abschied 522 nehmen.[214]
»Gesehn haben wir, Herr, den Herrn Gotamo gehn, gesehn stillestehn, gesehn in das Haus eintreten[215], gesehn im Hause schweigsam sitzen, gesehn im Hause Nahrung einnehmen, gesehn nach dem Mahle schweigsam sitzen, gesehn nach dem Mahle freundlich sein, gesehn zum Waldhaine schreiten, gesehn im Waldhaine schweigsam sitzen, gesehn im Waldhaine den Leuten die Lehre darlegen. Also und also ist er, der Herr Gotamo: und noch mehr als das.«
Als Brahmāyu der Priester diesen Bericht vernommen erhob er sich von seinem Sitze, entblößte eine Schulter, verneigte sich ehrerbietig nach der Richtung wo der Erhabene weilte, und ließ dann dreimal den Gruß ertönen:
»Verehrung dem Erhabenen, Dem heilig auferwachten Herrn!
»Verehrung dem Erhabenen, Dem heilig auferwachten Herrn!
»Verehrung dem Erhabenen, Dem heilig auferwachten Herrn!
»O dass wir doch einmal Gelegenheit hätten, mit Ihm, mit Herrn Gotamo zusammenzutreffen, dass doch irgend eine Unterredung zwischen uns stattfände!«
Und der Erhabene zog im Videher-Lande von Ort zu Ort weiter und kam allmälig nach Mithilā.
Zu Mithilā weilte nun der Erhabene, im Mangohaine Makhadevos.
Und es hörten die brāhmanischen Hausleute in Mithilā reden: ›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe der Sakyer entsagt hat, wandert in unserem Lande von Ort zu Ort und ist mit vielen Mönchen, einer Schaar von fünfhundert Mönchen in Mithilā angekommen, weilt bei Mithilā, im Mangohaine Makhadevos. Diesen Herrn Gotamo aber begrüßt man allenthalben mit dem frohen Ruhmesrufe, so zwar: ‚Das ist der Erhabene, der 523 Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene. Er zeigt diese Welt mit ihren Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von Büßern und Priestern, Göttern und Menschen, nachdem er sie selbst verstanden und durchdrungen hat. Er verkündet die Lehre, deren Anfang begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende begütigt, die sinn- und wortgetreue, er legt das vollkommen geläuterte, geklärte Asketenthum dar. Glücklich wer da nun solche Heilige sehn kann!‘‹
Und die brāhmanischen Hausleute von Mithilā begaben sich nun dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt verneigten sich einige vor dem Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite nieder, andere wechselten höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzten sich zur Seite nieder, einige wieder falteten die Hände gegen den Erhabenen und setzten sich zur Seite nieder, andere wieder gaben beim Erhabenen Namen und Stand zu erkennen und setzten sich zur Seite nieder, und andere setzten sich still zur Seite nieder.
Brahmāyu der Priester aber hörte reden: ›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe der Sakyer entsagt hat, ist in Mithilā angekommen, weilt bei Mithilā, im Mangohaine Makhadevos.‹ Und Brahmāyu der Priester begab sich mit einer großen Schaar seiner Schüler zum Mangohaine Makhadevos hin. Da nun gedachte Brahmāyu der Priester, nicht ferne vom Mangohain: ›Das steht mir nicht an, dass ich ohne vorher gemeldet zu sein den Asketen Gotamo besuchen ginge.‹ Und Brahmāyu der Priester wandte sich an einen seiner Jünger:
»Geh’, lieber Knabe, und begieb dich zum Asketen Gotamo hin 524 und wünsche in meinem Namen dem Asketen Gotamo Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein: ›Brahmāyu‹, sage, ›o Gotamo, der Priester, wünscht Herrn Gotamo Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein;‹ und füge hinzu: ›Brahmāyu, o Gotamo, der Priester, ist alt und greis, hochbetagt, dem Ende nahe, ausgelebt, im hundertzwanzigsten Lebensjahre, ein Meister der drei Veden, sammt ihrer Auslegung und Deutung, sammt ihrer Laut- und Formenlehre, und ihren Sagen zufünft, der Gesänge kundig und ein Erklärer, der die Merkmale eines großen Weltweisen aufweist. So viel auch, Herr, der brāhmanischen Hausleute zu Mithilā wohnen, der Brāhmane Brahmāyu gilt unter ihnen als erster was da Reichthum anlangt, der Brāhmane Brahmāyu gilt unter ihnen als erster was da Wissen anlangt, der Brāhmane Brahmāyu gilt unter ihnen als erster was da Alter und Berühmtheit anlangt. Der möchte Herrn Gotamo aufsuchen.‹«
»Schön, Herr!« entgegnete da gehorsam jener Jünger Brahmāyu dem Priester. Und er begab sich dorthin wo der Erhabene weilte, tauschte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und stellte sich seitwärts hin. Seitwärts stehend sprach nun jener Jünger zum Erhabenen also:
»Brahmāyu, o Gotamo, der Priester, wünscht Herrn Gotamo Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein. Brahmāyu, o Gotamo, der Priester, ist alt und greis, hochbetagt, dem Ende nahe, ausgelebt, im hundertzwanzigsten Lebensjahre, ein Meister der drei Veden, sammt ihrer Auslegung 525 und Deutung, sammt ihrer Laut- und Formenlehre, und ihren Sagen zufünft, der Gesänge kundig und ein Erklärer, der die Merkmale eines großen Weltweisen aufweist. So viel auch, Herr, der brāhmanischen Hausleute zu Mithilā wohnen, der Brāhmane Brahmāyu gilt unter ihnen als erster was da Reichthum anlangt, der Brāhmane Brahmāyu gilt unter ihnen als erster was da Wissen anlangt, der Brāhmane Brahmāyu gilt unter ihnen als erster was da Alter und Berühmtheit anlangt. Der möchte Herrn Gotamo aufsuchen.«
»Wie es nun, Knabe, Brahmāyu dem Priester belieben mag.«
Da begab sich denn jener Jünger zu Brahmāyu dem Priester zurück und sprach also zu ihm:
»Angenommen ist der Herr vom Asketen Gotamo: wie es nun dem Herrn belieben mag.«
Und Brahmāyu der Priester begab sich zum Erhabenen hin. Und die Leute dort sahn Brahmāyu den Priester von ferne herankommen, und als sie ihn gesehn machten sie ihm von beiden Seiten Platz, als einem so angesehnen, berühmten Manne. Aber Brahmāyu der Priester sprach also zu ihnen:
»Schon gut, Liebe, bleibt auf eueren Sitzen: ich werde mich hier nahe beim Asketen Gotamo niederlassen.«
Und Brahmāyu der Priester schritt zum Erhabenen hin, wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend gedachte nun Brahmāyu der Priester bei sich[216]: ›Angenommen 527 hat mich der Asket Gotamo: was soll ich wohl den Asketen Gotamo fragen, über ein äußeres Verhältniss oder ein inneres?‹ Und Brahmāyu der Priester sagte zu sich: ›Ich kenne die äußeren Verhältnisse, und die Leute fragen mich bei solchen Dingen um Rath; wie, wenn ich nun den Asketen Gotamo eben um ein inneres Verhältniss befragte?‹ Und Brahmāyu der Priester wandte sich an den Erhabenen mit den Sprüchen:
»Wie kann man wohl ein Priester sein Und Vedenmeister, sag’ es mir, Drei Wissen, Herr, wie hegt man die, Und was bedeutet ausgelernt?
»Geheiligt leben, kann man das, Vollkommensein erkämpfen wie, Wer ist es, der alleinig west, Und auferwacht, wen heißt man so?«
Und der Erhabene wandte sich wieder an Brahmāyu den Priester mit den Sprüchen:
»Vergangen Dasein, wer das kennt, So Unterwelt wie Oberwelt, Und die Geburten hat versiegt, 528 Alleinig durch die Dinge schaut,
»Und wer das Herz geläutert weiß, Von allem Hangen abgelöst, Geburtenheil und grabesheil, Asketenhaft vollkommen ist, Als Ueberwinder aller Art: Den Auferwachten heißt man ihn.«
Also beschieden erhob sich Brahmāyu der Priester von seinem Sitze, entblößte eine Schulter, fiel dem Erhabenen zu Füßen und bedeckte des Erhabenen Füße mit Küssen und umschlang sie mit den Händen. Und er nannte seinen Namen:
»Brahmāyu bin ich, o Gotamo, der Priester.«
Da wurden die Umsitzenden durch den außerordentlichen, wunderbaren Vorgang im Innersten getroffen: ›Außerordentlich, o, wunderbar, ach, ist die mächtige Kraft, die mächtige Gewalt des Asketen! Dass da sogar dieser berühmte, gepriesene Priester Brahmāyu eine so hohe Huldigung darbringen mag!‹ Doch der Erhabene wandte sich also an Brahmāyu den Priester:
»Genug, Brāhmane, steh’ auf, setze dich wieder hin, da dein Herz mir so zugethan ist.«
Und Brahmāyu der Priester stand auf und setzte sich wieder hin. Und der Erhabene führte nun Brahmāyu den Priester allmälig in das Gespräch ein, sprach erst mit ihm vom Geben, von der Tugend, von säliger Welt, machte des Begehrens Elend, Ungemach, Trübsal, und der Entsagung Vorzüglichkeit offenbar. Als der Erhabene merkte, dass Brahmāyu der Priester im Herzen bereitsam, geschmeidig, unbehindert, aufgerichtet, heiter geworden war, da gab er die Darlegung jener Lehre, die den Erwachten eigenthümlich ist: das Leiden, die Entwicklung, die Auflösung, den Weg.
Gleichwie etwa ein reines Kleid, von Flecken gesäubert, 529 vollkommen die Färbung annehmen mag, ebenso auch ging da Brahmāyu dem Priester, während er noch da saß, das abgeklärte, abgespülte Auge der Wahrheit auf:
›Was irgend auch entstanden ist Muss alles wieder untergehn.‹
Und Brahmāyu der Priester, der die Wahrheit gesehn, die Wahrheit gefasst, die Wahrheit erkannt, die Wahrheit ergründet hatte, zweifelentronnen, ohne Schwanken, in sich selber gewiss, auf keinen anderen gestützt im Orden des Meisters, der wandte sich nun an den Erhabenen also:
»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie etwa, o Gotamo, wenn einer Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht in die Finsternis brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre gar manigfach gezeigt. Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu. Und möge mir Herr Gotamo die Bitte gewähren, morgen mit den Mönchen bei mir zu speisen!«
Schweigend gewährte der Erhabene die Bitte.
Als nun Brahmāyu der Priester der Zustimmung des Erhabenen sicher war, stand er von seinem Sitze auf, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, ging rechts herum und entfernte sich.
Und Brahmāyu der Priester ließ am nächsten Morgen in seiner Behausung ausgewählte feste und flüssige Speise auftragen und sandte einen Boten an den Erhabenen mit der Meldung: ›Es ist Zeit, o Gotamo, das Mahl ist bereit.‹ Und der Erhabene rüstete 530 sich beizeiten, nahm Mantel und Almosenschaale und begab sich zur Wohnung Brahmāyu des Priesters. Dort angekommen nahm der Erhabene mit den Mönchen auf den dargebotenen Sitzen Platz. Und Brahmāyu der Priester bediente und versorgte eigenhändig den Erwachten und seine Jünger eine Woche lang mit ausgewählter fester und flüssiger Speise. Und als die Woche um war zog der Erhabene wieder im Videher-Lande weiter.
Bald aber, nachdem der Erhabene von dannen gezogen, starb Brahmāyu der Priester.
Da begaben sich denn viele Mönche zum Erhabenen hin, begrüßten den Erhabenen ehrerbietig und setzten sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprachen nun diese Mönche zum Erhabenen also:
»Brahmāyu, o Herr, der Priester, ist gestorben. Wo ist er jetzt, was ist aus ihm geworden?«
»Weise, ihr Mönche, ist Brahmāyu der Priester gewesen, nachgefolgt ist er der Lehre gelehrig, und nicht hat er an meiner Belehrung Anstoß genommen. Brahmāyu, ihr Mönche, der Priester, ist nach Vernichtung der fünf niederzerrenden Fesseln emporgestiegen, um von dort aus zu erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach jener Welt.«
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.[217]
92.
Zehnter Theil Zweite Rede
SELO
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit wanderte der Erhabene im Lande der Aṉguttarāper von Ort zu Ort, von vielen Mönchen begleitet, mit einer Schaar von zwölfhundertfünfzig Mönchen[218], und kam nach Āpaṇam, einer Burg im Gebiete der Aṉguttarāper. Da hörte denn Keṇiyo der Flechtenträger[219] 531 reden: ›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe der Sakyer entsagt hat, wandert in unserem Lande von Ort zu Ort und ist mit vielen Mönchen, mit einer Schar von zwölfhundertfünfzig Mönchen, in Āpaṇam angekommen. Diesen Herrn Gotamo aber begrüßt man allenthalben mit dem frohen Ruhmesrufe, so zwar: ‚Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene. Er zeigt diese Welt mit ihren Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von Büßern und Priestern, Göttern und Menschen, nachdem er sie selbst verstanden und durchdrungen hat. Er verkündet die Lehre, deren Anfang begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende begütigt, die sinn- und wortgetreue, er legt das vollkommen geläuterte, geklärte Asketenthum dar. Glücklich wer da nun solche Heilige sehn kann!‘‹ Keṇiyo der Flechtenträger begab sich aber dorthin wo der Erhabene weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich seitwärts nieder. Keṇiyo den Flechtenträger, der da seitwärts saß, ermunterte der Erhabene in lehrreichem Gespräche, ermuthigte, erregte und erheiterte ihn. Und Keṇiyo der Flechtenträger, vom Erhabenen in lehrreichem Gespräche ermuntert, ermuthigt, erregt und erheitert, wandte sich nun an den Erhabenen also:
»Gewähre mir Herr Gotamo die Bitte, morgen mit den Mönchen bei mir zu speisen!«
Also eingeladen sagte der Erhabene zu Keṇiyo dem Flechtenträger:
»Groß ist, Keṇiyo, die Schaar der Mönche, zwölfhundertfünfzig Mönche: du aber bist den Priestern ergeben.«
Zum zweiten Male wandte sich da Keṇiyo der Flechtenträger also 532 an den Erhabenen, und zum zweiten Male sprach der Erhabene also zu ihm. Und zum dritten Male wandte sich Keṇiyo der Flechtenträger also an den Erhabenen:
»Wenn auch, o Gotamo, die Schaar der Mönche groß ist, es zwölfhundertfünfzig Mönche sind, und ich den Priestern ergeben bin, möge mir dennoch Herr Gotamo die Bitte gewähren und morgen mit den Mönchen bei mir speisen!«
Schweigend gewährte der Erhabene die Bitte.
Als nun Keṇiyo der Flechtenträger der Zustimmung des Erhabenen gewiss war, stand er von seinem Sitze auf und begab sich nach seiner Klause zurück. Dann rief er seine Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern herbei:
»Hört mich, liebe Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern! Der Asket Gotamo ist von mir geladen, für morgen zum Mahle, mitsammt den Mönchen: wollt mir also eure Dienste leihen!« 533
»Gern, Herr!« erwiderten da Keṇiyo dem Flechtenträger die Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern. Und einige bestellten die Feuerherde, andere spalteten Holz, einige wieder wuschen das Geschirr, und wieder andere brachten den Wassereimer herbei, und noch andere rückten die Stühle zurecht. Keṇiyo aber der Flechtenträger ordnete selber die Tafel an.
Um diese Zeit nun lebte der Priester Selo zu Āpaṇam, ein Meister der drei Veden, sammt ihrer Auslegung und Deutung, sammt ihrer Laut- und Formenlehre, und ihren Sagen zufünft, der Gesänge kundig und ein Erklärer, der die Merkmale eines großen Weltweisen aufwies. Der ließ eine Schaar von dreihundert Schülern die Sprüche bei sich erlernen. Keṇiyo der Flechtenträger aber war Selo dem Priester damals von Herzen zugethan.
Da begab sich denn Selo der Priester, von den dreihundert Schülern begleitet, auf einem Spaziergange lustwandelnd, zur Klause Keṇiyo des Flechtenträgers hin. Und er sah da wie einige Leute Feuerherde bestellten, andere Holz spalteten, einige wieder Geschirr wuschen, und wieder andere einen Wassereimer herbeibrachten, und noch andere Stühle zurecht rückten, während Keṇiyo selbst, der Flechtenträger, die Tafel anordnete. Wie er das gesehn sprach er also zu ihm:
»Wird da wohl bei Herrn Keṇiyo Tochterhochzeit oder Sohneshochzeit gehalten, oder wird ein großes Opfer vorbereitet, oder ist der König von Magadhā, Seniyo Bimbisāro für morgen zum Mahle geladen, mitsammt seinem Heerbann?« 534
»Nein, o Selo, keine Tochterhochzeit und keine Sohneshochzeit wird bei mir gehalten, und nicht ist der König von Magadhā, Seniyo Bimbisāro für morgen zum Mahle geladen mitsammt seinem Heerbann: aber ein großes Opfer wird von mir vorbereitet. Der Asket Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe der Sakyer entsagt hat, zieht hierzulande von Ort zu Ort, von vielen Mönchen gefolgt, mit einer Schaar von zwölfhundertfünfzig Mönchen, und ist in Āpaṇam angekommen. Diesen Herrn Gotamo aber begrüßt man allenthalben mit dem frohen Ruhmesrufe, so zwar: ›Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene.‹ Er ist von mir für morgen zum Mahle geladen, mitsammt den Mönchen.«
»Der Erwachte, o Keṇiyo, sagst du?«
»Der Erwachte, o Selo, sag’ ich.«
»Der Erwachte, o Keṇiyo, sagst du?«
»Der Erwachte, o Selo, sag’ ich.«
Da gedachte nun Selo der Priester: ›Das ist ein Klang, den man gar selten vernimmt in der Welt, ‚Der Erwachte‘‹.[220] Und er sagte: »Es werden ja wohl in unseren Sprüchen zweiunddreißig Merkmale eines großen Mannes genannt, mit denen begabt ein solcher nur zwei Bahnen betreten kann, keine dritte. Wenn er im Hause bleibt, wird er König werden, Kaiser, ein gerechter und wahrer Herrscher, ein Sieger bis zur Mark der See, der seinem Reiche Sicherheit schafft, mit sieben Juwelen begabt ist. Das aber sind seine sieben Juwelen, und zwar: das beste Land, der beste Elephant, das beste Ross, die beste Perle, das beste Weib, der beste Bürger, und siebentens der beste Staatsmann. Und er wird über tausend Söhne haben, tapfer, heldensam, 535 Zerstörer der feindlichen Heere. So wird er diese Erde bis zum Ozean hin, ohne Stock und ohne Stahl gerecht obsiegend, beherrschen. Wenn er aber aus dem Hause in die Hauslosigkeit zieht, wird er heilig werden, vollkommen auferwacht, der Welt den Schleier hinwegnehmen. Wo weilt Er wohl jetzt, o Keṇiyo, Herr Gotamo, der Heilige, vollkommen Erwachte?«
Also befragt streckte Keṇiyo der Flechtenträger den rechten Arm aus und sagte zu Selo dem Priester:
»Wo sich dort, o Selo, der blaue Waldsaum hinzieht.«
Und Selo der Priester begab sich mit den dreihundert Jüngern zum Erhabenen hin. Aber er sprach also zu ihnen:
»Leise, ihr Lieben, wollet hinschreiten, Schritt bei Schritt nebeneinander: denn jene Ehrwürdigen[221] sind schwer zugänglich wie einsam wandernde Löwen. Und wenn ich dann mit dem Asketen, Herrn Gotamo, im Gespräche bin, so mögt ihr Lieben keinen anderen Gegenstand vorbringen, vielmehr sollt ihr Lieben das Ende der Unterredung abwarten.«
So kam denn Selo der Priester zum Erhabenen hin, wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich seitwärts. Seitwärts sitzend gedachte 536 nun Selo der Priester bei sich:[222] ›Begabt ist der Asket Gotamo mit den zweiunddreißig Merkmalen eines großen Mannes, vollständig, nicht unvollständig: doch ich weiß es nicht, ob er ein Erwachter ist oder nicht ist. Aber ich hab’ es ja sagen hören, das Wort der alten, der greisen Priester und ihrer Meister und Altmeister: ‚Die da Heilige, vollkommen Erwachte sind, die geben sich, wird ihr Lob gesprochen, zu erkennen.‘ Wie, wenn ich nun hier den Asketen Gotamo mit geeigneten Sprüchen begrüßte?‹ Und Selo der Priester begrüßte hier den Erhabenen mit geeigneten Sprüchen:
»Vollkommen ist dein Körper, Herr, Ist wohlgestaltet, stattlich, schön, Dein Angesicht so heiter, hell, Der Zaun der Zähne weiß gewölbt.
»Des Wohlgebornen Eigenart, Die Unterschiede, adelächt, Ich seh sie alle offenbar, Die Zeichen deiner Größe, Herr!
»Mit milder Miene, sanftem Blick, 537 Erhaben, herrlich anzuschaun, Erstrahlst du in der Jünger Schaar, Gleichwie die Sonne hoch und hehr.
»Ein rechtgekörnter, guter Mönch, Der glänzt wie Gold und anders nicht: Was taugt nun dir Asketenthum, Der du im höchsten Glanze gehst?
»Zum König bist erkoren du, Zum Kaiser aller Königsmacht, Zum Sieger bis zur Mark der See, Zum Herrscher über Hinduland!
»Die Königstämme, kühn und stolz, Sie werden dienen, dir zu Dank: Als Königskaiser, Menschengott Regier’ das Reich, o Gotamo!«
Der Herr:
»Ich bin ein König, Selo, ja, Ein wahrer König aller Welt: Die Wahrheit ist mein Königreich: Ein Reich, das keiner rauben kann.«
Selo:
»So wärest, Herr, der Wache du, Der wahre König aller Welt? ›Die Wahrheit ist mein Königreich‹: Du hast gesagt es, Gotamo.
»Wo ist er, der die Mannen führt, Der Jünger, der dem Meister folgt? Wer hilft gerecht es lenken dir Das Reich, das du gegründet hast?«
Der Herr:
»Was da gegründet ward von mir, Das wahre Reich, das höchste Reich, Nach lenkt es Sāriputto mir Der erstgeborne Siegersohn.
»Erkannt hab’ ich was kennbar ist, Vollendet was Vollendung will, Verlassen was zu lassen ist, Bin also, Selo, auferwacht.
»An mir nicht magst du zweifeln mehr, 538 Bezwinge, Priester, deinen Stolz: Gar selten sieht man, findet man Ein auferwachtes Angesicht.
»Ja, was man hier gar selten sieht, Nicht oft erscheinen in der Welt: Ein Auferwachter, der bin ich, Der beste Künstler, beste Arzt.
»Ich bin das Heil, ich bin der Herr, Zerstörer aller Sterblichkeit: Die Feindschaft hab’ ich ausgesöhnt Und lächle heiter, fürchte nichts.«
Selo:
»O hört, ihr Freunde, hört es froh Was uns der Seher offenbart, Der rechte Arzt, der höchste Held: O lauschet seinem Löwenruf!
»Den heilgewordnen, hehren Herrn, Zerstörer aller Sterblichkeit: Wer ist nicht sälig, ihn zu sehn, Und wär’ er gleich ein Sklave nur!
»Wer bei mir sein will folge mir, Und wer es nicht will gehe hin: Denn ich zieh’ nun als Jünger fort, Zum Lehrer, der das Beste lehrt.«
Die Jünger Selos:
»Wenn unser Meister also wählt, Des Auferwachten Kunst erkiest, So gehn auch wir als Jünger gern Zum Lehrer, der das Beste lehrt.«
Da flehten die Brāhmanen nun, Dreihundert Häupter blickten auf: »O lass’ uns leben, Herr, bei dir Das Leben deiner Heiligkeit!«
Der Herr:
»Wohl offenbar ist unser Heil, Ersichtlich, ohne Zeitgesetz, Wo keiner hier umsonst entsagt In ernstem Eifer, zäher Zucht.«
Und Selo der Priester wurde mit seiner Schaar vom Erhabenen 539 aufgenommen, wurde mit der Ordensweihe belehnt.