Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band
Part 34
»Wohlergehn, großer König, soll es Somā und Sakulā den 504 Schwestern!«
Nun wandte sich König Pasenadi von Kosalo also an den Erhabenen:
»Gehört hab’ ich solches, o Herr: ›Der Asket Gotamo behauptet: ‚Es giebt keinen Asketen oder Priester, der alles weiß, alles versteht, unbeschränkte Wissensklarheit bekennen kann: das ist unmöglich.‘‹ Die da solches, o Herr, gesagt haben, haben die wirklich, o Herr, des Erhabenen Worte gebraucht und den Erhabenen nicht mit Unrecht angeführt und der Lehre gemäß geredet, so dass sich kein entsprechender Folgesatz als ungehörig erweisen kann?«
»Die da, großer König, solches gesagt haben: ›Der Asket Gotamo behauptet: ‚Es giebt keinen Asketen oder Priester, der alles weiß, alles versteht, unbeschränkte Wissensklarheit bekennen kann: das ist unmöglich‘‹, die haben nicht meine Worte gebraucht und haben mich ohne Grund und mit Unrecht angeführt.«
Auf diesen Bescheid wandte sich König Pasenadi von Kosalo nach Viḍūḍabho, dem Feldherrn, um und fragte ihn:
»Wer hat denn wohl, Feldherr, dieses Gerede bei Hof in Umlauf gebracht?«
»Sañjayo, großer König, der Brāhmane, der Ākāser.«[194]
Da befahl König Pasenadi von Kosalo einem seiner Leute:
»Geh’, lieber Mann, und rufe mir Sañjayo den Brāhmanen, den 505 Ākāser, her: ›Der König‹, sage, ›o Herr, Pasenadi von Kosalo, lässt dich rufen.‹«
»Wohl, o König!« entgegnete da gehorsam jener Mann dem Herrscher. Und er begab sich dorthin wo Sañjayo der Brāhmane, der Ākāser, weilte; und er sprach also zu ihm:
»Der König, o Herr, Pasenadi von Kosalo, lässt dich rufen.«
Nun wandte sich König Pasenadi von Kosalo also an den Erhabenen:
»Vielleicht hat es, o Herr, der Erhabene auf irgend eine andere Weise gemeint, und die Leute haben es wiederum anders aufgenommen. In welchem Sinne gesteht wohl, o Herr, der Erhabene zu, den Ausspruch gethan zu haben?«
»Also gesteh’ ich, großer König, zu, den Ausspruch gethan zu haben: ›Es giebt keinen Asketen oder Priester, der auf einmal alles wissen, alles verstehn kann: das ist unmöglich.‹«
»Begründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat, wohlbegründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat: ›Es giebt keinen Asketen oder Priester, der auf einmal alles wissen, alles verstehn kann: das ist unmöglich.‹ -- Vier giebt es, o Herr, der Kasten: Krieger, Priester, Bürger und Diener. Kann man da nun, o Herr, bei diesen vier Kasten eine Besonderheit, einen Unterschied aufstellen?«
»Vier giebt es, großer König, der Kasten: Krieger, Priester, Bürger und Diener. Da sind, großer König, von diesen vier Kasten zwei als die oberen anerkannt, Krieger und Priester, was Begrüßung, Aufmerksamkeit, Ehrfurcht und Achtung angeht.«
»Nicht frag’ ich, o Herr, den Erhabenen um das äußere 506 Verhältnis: um das innere, o Herr, frag’ ich den Erhabenen. Vier giebt es, o Herr, der Kasten: Krieger, Priester, Bürger und Diener. Kann man da nun, o Herr, bei diesen vier Kasten eine Besonderheit, einen Unterschied aufstellen?«
»Fünf giebt es, großer König, der Kampfeseigenschaften: welche fünf? Da hat, großer König, ein Mönch Zutrauen, er traut der Wachheit des Vollendeten, so zwar: ›Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene.‹ Rüstig ist er und munter, seine Kräfte sind gleichmäßig gemischt, weder zu kühl noch zu heiß, den mittleren Kampf zu bestehn. Ehrlich ist er und offen und giebt sich der Wahrheit gemäß dem Meister oder erfahrenen Ordensbrüdern zu erkennen. Muth hat er und Kraft unheilsame Dinge zu verleugnen und heilsame Dinge zu erringen, er dauert stark und standhaft aus, giebt den heilsamen Kampf nicht auf. Witzig ist er, mit der Weisheit begabt, die Aufgang und Untergang sieht, mit der heiligen, durchdringenden, die zur völligen Leidensversiegung führt. Das sind, großer König, die fünf Kampfeseigenschaften. Vier giebt es, großer König, der Kasten: Krieger, Priester, Bürger und Diener. Und sind sie, großer König, mit diesen fünf Kampfeseigenschaften begabt, so gereicht es ihnen lange zum Wohle, zum Heile.«
»Vier giebt es, o Herr, der Kasten: Krieger, Priester, Bürger und Diener. Und sind sie, o Herr, mit diesen fünf Kampfeseigenschaften begabt, kann man da noch bei ihnen, o Herr, von einer Besonderheit, von einem Unterschied reden?«
»Das kommt, sag’ ich, großer König, auf die Art und Weise an, wie sie kämpfen. Gleichwie etwa, großer König, wenn da 507 zwei Reitelephanten oder Wagenrosse oder Zugstiere wären, wohlgebändigt, wohlabgerichtet, und zwei Reitelephanten oder Wagenrosse oder Zugstiere, ungebändigt, unabgerichtet; was bedünkt dich, großer König: jene zwei Reitelephanten oder Wagenrosse oder Zugstiere, die wohlgebändigten, wohlabgerichteten, würden nun diese als Gebändigte thun was Gebändigten taugt, als Gebändigte ausführen was Gebändigten obliegt?«
»Freilich, o Herr!«
»Aber die anderen beiden Reitelephanten oder Wagenrosse oder Zugstiere, die nicht gebändigt, nicht abgerichtet sind, würden etwa diese als Ungebändigte thun was Gebändigten taugt, als Ungebändigte ausführen was Gebändigten obliegt, gleichwie jene beiden Reitelephanten oder Wagenrosse oder Zugstiere, die wohlgebändigt, wohlabgerichtet sind?«
»Das nicht, o Herr!«
»Ebenso nun auch, großer König, etwa vermeinen, was da einer durch Zutrauen, Rüstigkeit, ehrliche Offenheit, Tapferkeit, Weisheit erreichen kann, kann ein anderer auch ohne Zutrauen, kränklich, listig, gleißnerisch, feig, ungewitzigt erreichen: das ist unmöglich.«
»Begründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat, wohlbegründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat. -- Vier giebt es, o Herr, der Kasten: Krieger, Priester, Bürger und Diener. Und sind sie, o Herr, mit den fünf Kampfeseigenschaften begabt, und bestehn sie die gewaltigen Kämpfe, kann man da noch bei diesen, o Herr, von einer Besonderheit, von einem Unterschied reden?«
»Da kann, sag’ ich, großer König, bei ihnen von einem Unterschied nicht mehr die Rede sein, Erlösung gegenüber Erlösung. Gleichwie etwa, großer König, wenn ein Mann trockenes Eichenholz nähme, Feuer erweckte, Licht hervorbrächte; und 508 ein anderer Mann trockenes Sālholz nähme, Feuer erweckte, Licht hervorbrächte; und ein anderer Mann trockenes Mangoholz nähme, Feuer erweckte, Licht hervorbrächte; und ein anderer Mann trockenes Feigenholz nähme, Feuer erweckte, Licht hervorbrächte; was bedünkt dich, großer König: bestände da wohl unter diesen Feuern, aus verschiedenem Holze erweckt, irgend ein Unterschied zwischen Flamme und Flamme, Glanz und Glanz, Schein und Schein?«
»Das nicht, o Herr!«
»Ebenso nun auch, großer König, wie das Licht durch Kraft entzündet, im Kampfe erzeugt wird, sag’ ich, giebt es da keinen Unterschied mehr, Erlösung Erlösung gegenüber.«
»Begründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat, wohlbegründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat. -- Wie aber, o Herr: giebt es Götter?«
»Warum denn, großer König, sprichst du also: ›Wie aber, o Herr: giebt es Götter?‹«
»Ich frage, ob die Götter, o Herr, wiederkehren zu dieser Welt, oder ob sie nicht mehr wiederkehren.«
»Götter, großer König, die zugewandt sind, kehren wieder zu dieser Welt: Götter, die abgewandt sind, kehren nicht mehr wieder.«[195]
Auf diese Worte wandte sich Viḍūḍabho der Feldherr also an den Erhabenen:
»Und können, o Herr, die Götter, die zugewandt zu dieser Welt wiederkehren, jene abgewandten Götter, die nicht mehr wiederkehren, von ihrem Orte verjagen und verbannen?«
Da kam nun dem ehrwürdigen Ānando der Gedanke in den Sinn: ›Dieser Feldherr Viḍūḍabho ist der Sohn König Pasenadis von Kosalo, und ich bin der Sohn des Erhabenen: jetzt schickt es 509 sich, dass der Sohn den Sohn belehre.‹ Und der ehrwürdige Ānando wandte sich also an Viḍūḍabho den Feldherrn:
»Da will ich dir nun, Feldherr, eben hierüber eine Frage stellen: wie’s dir gutdünkt magst du sie beantworten. Was meinst du wohl, Feldherr: soweit das Gebiet König Pasenadis von Kosalo reicht, wo König Pasenadi von Kosalo die Herrschaft und Obermacht königlich ausübt, vermag da der König einen Asketen oder einen Priester, einen guten oder einen schlechten, einen ächten oder einen unächten, aus diesem Gebiete zu verjagen, zu verbannen?«
»Soweit, Herr, das Gebiet König Pasenadis von Kosalo reicht, wo König Pasenadi von Kosalo die Herrschaft und Obermacht königlich ausübt, da vermag der König einen Asketen oder einen Priester, einen guten oder einen schlechten, einen ächten oder einen unächten, aus diesem Gebiete zu verjagen, zu verbannen.«
»Was meinst du wohl, Feldherr: wo das Gebiet König Pasenadis von Kosalo aufhört, wo König Pasenadi von Kosalo keine Herrschaft und Obermacht königlich ausübt, vermag da der König einen Asketen oder einen Priester, einen guten oder einen schlechten, einen ächten oder einen unächten, aus diesem Gebiete zu verjagen, zu verbannen?«
»Wo, Herr, das Gebiet König Pasenadis von Kosalo aufhört, wo König Pasenadi von Kosalo keine Herrschaft und Obermacht königlich ausübt, nicht vermag da der König einen Asketen oder einen Priester, einen guten oder einen schlechten, einen 510 ächten oder einen unächten, aus diesem Gebiete zu verjagen, zu verbannen.«
»Was meinst du wohl, Feldherr: hast du von den Dreiunddreißig Göttern gehört?«
»Gewiss, Herr, ich habe von den Dreiunddreißig Göttern gehört: und auch Herr Pasenadi hier, der König von Kosalo, hat von ihnen gehört.«
»Was meinst du wohl, Feldherr: vermag der König die Dreiunddreißig Götter von ihrem Orte zu verjagen, zu verbannen?«
»Nicht einmal sehn, Herr, kann der König die Dreiunddreißig Götter, geschweige denn dass er vermöchte, sie von ihrem Orte zu verjagen, zu verbannen!«
»Ebenso nun auch, Feldherr, können die Götter, die zugewandt zu dieser Welt wiederkehren, jene abgewandten Götter, die nicht mehr wiederkehren, nicht einmal sehn, geschweige denn dass sie vermöchten, sie von ihrem Orte zu verjagen, zu verbannen.«
Da wandte sich nun König Pasenadi von Kosalo an den Erhabenen und sprach:
»Wie heißt, o Herr, dieser Mönch?«
»Ānando heißt er, großer König.«
»Ānando also: wahrlich, wie Ānando sieht er aus![196] Begründet ist, o Herr, was der ehrwürdige Ānando gesagt hat, wohlbegründet ist, o Herr, was der ehrwürdige Ānando gesagt hat. -- Wie aber, o Herr: giebt es einen Brahmā?«
»Warum denn, großer König, sprichst du also: ›Wie aber, o Herr: giebt es einen Brahmā?‹«
»Ich frage, ob ein Brahmā, o Herr, wiederkehrt zu dieser Welt, oder ob er nicht mehr wiederkehrt.«
»Ein Brahmā, großer König, der zugewandt ist, kehrt wieder zu dieser Welt: ein Brahmā, der abgewandt ist, kehrt nicht mehr 511 wieder.«
Da trat einer der Leute an den König heran und sprach also zu ihm:
»Sañjayo, großer König, der Brāhmane, der Ākāser, ist gekommen.«
Und König Pasenadi von Kosalo wandte sich also an Sañjayo den Brāhmanen, den Ākāser:
»Wer hat denn wohl, Brāhmane, jenes Gerede bei Hof in Umlauf gebracht?«
»Viḍūḍabho, großer König, der Feldherr.«
»Viḍūḍabho der Feldherr, der sagte: ›Sañjayo, großer König, der Brāhmane, der Ākāser.‹«
Hier brachte einer der Leute dem König die Meldung:
»Die Wagen stehn bereit, großer König.«
Und König Pasenadi von Kosalo sprach nun zum Erhabenen also:
»Ueber die Allwissenheit haben wir, o Herr, den Erhabenen befragt: und die Allwissenheit hat uns der Erhabene erklärt: und es hat uns gefallen und behagt und wir sind es zufrieden. Ueber die Reinheit der vier Kasten haben wir, o Herr, den Erhabenen befragt: und die Reinheit der vier Kasten hat uns der Erhabene erklärt; und es hat uns gefallen und behagt und wir sind es zufrieden. Ueber die Götter haben wir, o Herr, den Erhabenen befragt: und die Götter hat uns der Erhabene erklärt; und es hat uns gefallen und behagt und wir sind es zufrieden. Ueber den Brahmā haben wir, o Herr, den Erhabenen befragt: und den Brahmā hat uns der Erhabene erklärt; und es hat uns gefallen und behagt und wir sind es zufrieden. Ueber was wir eben auch den Erhabenen befragt haben, das hat uns eben auch der Erhabene erklärt; und es hat uns gefallen und behagt und wir sind es zufrieden. -- Wohlan denn, o Herr, jetzt wollen wir 512 gehn: manche Pflicht wartet unser, manche Obliegenheit.«
»Wie es dir nun, großer König, belieben mag.«
* * * * *
Und König Pasenadi von Kosalo, durch des Erhabenen Rede erfreut und befriedigt, stand von seinem Sitze auf, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, ging rechts herum und entfernte sich.[197]
ZEHNTER THEIL
BUCH DER PRIESTER
91.
Zehnter Theil Erste Rede
BRAHMĀYU
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit wanderte der Erhabene im Videher-Lande von Ort zu Ort, von vielen Mönchen begleitet, einer Schaar von fünfhundert Mönchen.
Um diese Zeit nun weilte Brahmāyu der Priester zu Mithilā, alt und greis, hochbetagt, dem Ende nahe, ausgelebt, im hundertzwanzigsten Lebensjahre[198], ein Meister der drei Veden, sammt ihrer Auslegung und Deutung, sammt ihrer Laut- und Formenlehre, und ihren Sagen zufünft, der Gesänge kundig und ein Erklärer, der die Merkmale eines großen Weltweisen aufwies. Und es hörte Brahmāyu der Priester reden: ›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe der 513 Sakyer entsagt hat, wandert im Videher-Lande von Ort zu Ort, von vielen Mönchen begleitet, einer Schaar von fünfhundert Mönchen. Diesen Herrn Gotamo aber begrüßt man allenthalben mit dem frohen Ruhmesrufe, so zwar: ‚Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene. Er zeigt diese Welt mit ihren Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von Büßern und Priestern, Göttern und Menschen, nachdem er sie selbst verstanden und durchdrungen hat. Er verkündet die Lehre, deren Anfang begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende begütigt, die sinn- und wortgetreue, er legt das vollkommen geläuterte, geklärte Asketenthum dar. Glücklich wer da nun solche Heilige sehn kann!‘‹
Damals nun hatte Brahmāyu der Priester einen jungen Brāhmanen als Schüler bei sich, Uttaro mit Namen, der ebenso gelehrt wie er selbst war. Und Brahmāyu der Priester wandte sich also an Uttaro den jungen Brāhmanen:
»Komm’, lieber Uttaro, und geh’ zum Asketen Gotamo hin und 514 erforsche den Asketen Gotamo, ob er wirklich so ist, wie ihn der Ruf begrüßt, oder nicht so ist; und ob da Herr Gotamo solche Art hat, oder nicht hat: durch dich wollen wir ihn, den Herrn Gotamo, kennen lernen.«
»Auf welche Weise aber, Herr, soll ich ihn, den Herrn Gotamo, erforschen, ob Herr Gotamo wirklich so ist, wie ihn der Ruf begrüßt, oder nicht so ist; und ob da Herr Gotamo solche Art hat, oder nicht hat?«
»Es werden, lieber Uttaro, in unseren Sprüchen zweiunddreißig Merkmale eines großen Mannes genannt, mit denen begabt ein solcher nur zwei Bahnen betreten kann, keine dritte. Wenn er im Hause bleibt, wird er König werden, Kaiser, ein gerechter und wahrer Herrscher[199], ein Sieger bis zur Mark der See, der seinem Reiche Sicherheit schafft, mit sieben Juwelen begabt ist. Das aber sind seine sieben Juwelen, und zwar: das beste Land, der beste Elephant, das beste Ross, die beste Perle, das beste Weib, der beste Bürger, und siebentens der beste Staatsmann. Und er wird über tausend Söhne haben, tapfer, heldensam, Zerstörer der feindlichen Heere. So wird er diese Erde bis zum Ozean hin, ohne Stock und ohne Stahl gerecht obsiegend, beherrschen. Wenn er aber aus dem Hause in die Hauslosigkeit zieht, wird er heilig werden, vollkommen auferwacht, der Welt den Schleier hinwegnehmen. Wohl hab’ ich dir schon, lieber Uttaro, die Sprüche gesagt, und du hast sie 515 bei dir behalten.«
»Ja, Herr!« entgegnete da Uttaro der junge Brāhmane, Brahmāyu dem Priester zustimmend. Und er erhob sich von seinem Sitze, bot ehrerbietigen Gruß dar, ging rechts herum und begab sich nach Videhā, auf die Wanderung zum Erhabenen hin. Von Ort zu Ort wandernd kam er dorthin wo der Erhabene weilte. Und er tauschte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend gedachte nun Uttaro der junge Brāhmane bei sich[200]: ›Begabt ist der Asket Gotamo mit den zweiunddreißig Merkmalen eines großen Mannes; wie, wenn ich nun dem Asketen Gotamo nachfolgte, um sein Betragen kennen zu lernen?‹ Und Uttaro der 516 junge Brāhmane folgte dem Erhabenen sieben Monate nach, dem untrennbaren Schatten gleich.
Als nun sieben Monate um waren kehrte Uttaro der junge Brāhmane von Videhā wieder nach Mithilā zurück. Von Ort zu Ort wandernd kam er dorthin wo Brahmāyu der Priester weilte. Dort angelangt bot er ehrerbietigen Gruß dar und setzte sich zur Seite nieder. Und an Uttaro, der da zur Seite saß, wandte sich nun Brahmāyu der Priester also:
»Ist denn, lieber Uttaro, der Herr Gotamo wirklich so, wie ihn der Ruf begrüßt, oder ist er nicht so? Und hat er, der Herr Gotamo, solche Art und keine andere?«
»Wie er eben wirklich ist, Herr, begrüßt Herrn Gotamo der Ruf, nicht anders; und solche Art hat er, der Herr Gotamo, und keine andere. Begabt ist Herr Gotamo mit den zweiunddreißig Merkmalen eines großen Mannes. Wohlgefestet sind die Füße des Herrn Gotamo: und das ist eben eines der Merkmale eines großen Mannes, das Herrn Gotamo eignet. Unten sind bei Herrn Gotamo, an den Sohlen der Füße, Räder zu sehn, mit tausend Speichen, mit Felge und Nabe und allen Abzeichen geziert.[201] Schmal ist die Ferse des Herrn Gotamo, lang sind die Zehen. Sanft und zart sind Hände und Füße des Herrn Gotamo. Die Bindehaut zwischen Fingern und Zehen ist breit geschweift wie ein Netz. Muschelwölbig ist der Rist. Gazellenbeinig ist Herr Gotamo[202]; stehend kann Herr Gotamo, ohne sich zu beugen, 517 mit beiden Handflächen die Kniee befühlen und berühren.[203] In der Vorhaut verborgen ist das Schaamglied.[204] Gülden leuchtet der Körper des Herrn Gotamo, wie Gold erglänzt seine Haut. Sie ist geschmeidig, so geschmeidig, dass kein Staub und Schmutz daran haften bleibt. Einzelflaumig ist Herr Gotamo, je einzeln ist das Flaumhaar in der Pore gewachsen. Nach oben gerichtet ist der Flaum des Herrn Gotamo, die Flaumhaare sind nach oben gewachsen. Schwarz wie Augenschminke, wie Ringe geringelt, rechts herum sind sie gedreht. Heilig erhaben ragt Herr Gotamo empor, ist gar heiter anzuschauen.[205] Wie beim Löwen ist der Vorderleib des Herrn Gotamo, mit der breiten Brust. Eine Klafter hoch ist Herr Gotamo; seine Körperlänge entspricht seiner Armweite: seine Armweite entspricht seiner Körperlänge. Gleichgeformte Schultern hat Herr Gotamo. Mächtige Ohrmuscheln hat Herr Gotamo[206]. Ein Löwenkinn hat Herr Gotamo. Alle Zähne hat Herr Gotamo[207]; gleichmäßig gefügt, nicht auseinanderstehend, glänzend weiß ist das Gebiss. Gewaltig ist die Zunge des Herrn Gotamo. Heilig tönt seine Stimme, wie Waldvogelsang. Tiefschwarz sind die Augen des Herrn Gotamo; die Wimpern wie beim Rinde. Eine Flocke ist 518 Herrn Gotamo zwischen den Brauen gewachsen, weiß und weich wie Baumwolle.[208] Einen Scheitelkamm hat Herr Gotamo: und auch das ist eines der Merkmale eines großen Mannes, das Herrn Gotamo eignet. Das sind, Herr, die zweiunddreißig Merkmale eines großen Mannes, mit denen Herr Gotamo begabt ist.[209]
»Im Gange schreitet Herr Gotamo mit dem rechten Fuße voran. Er macht keine zu großen, macht keine zu kleinen Schritte. Er geht nicht zu schnell, geht nicht zu langsam. Beim Gehn stößt er nicht mit den Waden[210], nicht mit den Knöcheln aneinander; er dreht die Schenkel nicht nach oben, nicht nach unten, nicht einwärts, nicht auswärts. Während Herr Gotamo hinschreitet ist sein Körper gerade gerichtet, schwankt nicht[211], tritt nicht mit Leibeswucht auf. Beim Umblicken blickt Herr Gotamo mit dem ganzen Körper um. Er schaut nicht hinauf, er schaut nicht herab, lässt die Blicke nicht hin- und herschweifen, er blickt vier Spannen weit vor sich[212]: so hat er höhere, unbehinderte Wissensklarheit gewonnen.
»Beim Betreten eines Hauses dreht er den Körper nicht nach oben, nicht nach unten, nicht einwärts, nicht auswärts. Nicht zu ferne, nicht zu nahe tritt er an den Stuhl heran, ohne ihn mit der Hand anzufassen nimmt er Platz, er lässt sich nicht jählig nieder. Und hat er im Hause Platz genommen, so macht er keine unnütze Handbewegung, keine unnütze Fußbewegung. Er sitzt da und hat nicht Wade über Wade geschlagen, nicht Knöchel über 519 Knöchel geschlagen, nicht das Kinn in die Hand gestützt. Im Hause hat er sich niedergesetzt und bangt und bebt nicht und zittert und zagt nicht: ohne Bangen und Beben, ohne Zittern und Zagen, frei von Angst, mit Einsicht umgethan, nimmt Herr Gotamo Platz im Hause.
»Nimmt er Wasser in der Almosenschaale entgegen, so dreht er die Schaale nicht nach oben, nicht nach unten, nicht einwärts, nicht auswärts, er lässt sich das Wasser eingießen, nicht zu wenig, nicht zu viel. Er wäscht die Schaale aus ohne zu plätschern, ohne sie umzustülpen, er stellt sie nicht auf den Boden um sich die Hände zu waschen; indem er die Schaale wäscht wäscht er die Hände: indem er die Hände wäscht wäscht er die Schaale. Dann gießt er das Wasser weg, nicht zu ferne, nicht zu nahe, verspritzt es nicht.
»Nimmt er den Reisbrei entgegen, so dreht er die Schaale nicht nach oben, nicht nach unten, nicht einwärts, nicht auswärts, er lässt sich den Reisbrei einfüllen, nicht zu wenig, nicht zu viel. Die Brühe aber nimmt Herr Gotamo nur als Brühe hinzu und taucht den Bissen nicht mehr als nöthig ein. Zwei- bis dreimal lässt Herr Gotamo den Bissen im Munde herumgehn bevor er ihn verschlingt, so dass kein Reiskorn unzerkaut in den Magen gelangt, so dass kein Reiskorn im Munde zurückbleibt: dann nimmt er den nächsten Bissen auf. Den Geschmack empfindet Herr Gotamo indem er die Nahrung einnimmt, aber er genießt ihn nicht. Achtfach ausgezeichnet ist die Nahrung, die Herr 520 Gotamo einnimmt, nicht zur Letzung noch Ergetzung, nicht zur Schmuckheit und Zier, sondern nur um diesen Körper zu erhalten, zu fristen, um Schaden zu verhüten, um ein heiliges Leben führen zu können: ›So werd’ ich das frühere Gefühl abtödten und ein neues Gefühl nicht aufkommen lassen, und ich werde ein Fortkommen haben, ohne Tadel bestehn, mich wohl befinden.‹
»Nimmt er, nach dem Mahle, Wasser in der Almosenschaale entgegen, so dreht er die Schaale nicht nach oben, nicht nach unten, nicht einwärts, nicht auswärts, er lässt sich das Wasser eingießen, nicht zu wenig, nicht zu viel. Er wäscht die Schaale aus ohne zu plätschern, ohne sie umzustülpen, er stellt sie nicht auf den Boden um sich die Hände zu waschen; indem er die Schaale wäscht wäscht er die Hände: indem er die Hände wäscht wäscht er die Schaale. Dann gießt er das Wasser weg, nicht zu ferne, nicht zu nahe, verspritzt es nicht. Er stellt die Schaale, wann er gespeist, nicht gleich auf den Boden hin[213], nicht zu ferne, nicht zu nahe, er hebt sie nicht unnöthig auf, behält sie auch nicht zu lange.
»Nach dem Mahle sitzt er eine Weile schweigsam da; doch nicht zu lange lässt er sich genügen. Es genügt ihm, dass er gespeist hat; weder tadelt er das Mahl noch verlangt er wiederum: vielmehr ermuntert er nun die Umsitzenden in lehrreichem Gespräche, ermuthigt sie, erregt und erheitert sie. Und hat er die Umsitzenden in lehrreichem Gespräche ermuntert, ermuthigt, erregt und erheitert, so steht er von seinem Sitze auf und geht fort. Er geht nicht zu schnell, geht nicht zu langsam, und geht nicht als ob er sich fortschleichen wollte.
»Und des Herrn Gotamo Gewand ist nicht zu hoch geschürzt und 521 nicht zu tief geschürzt, es liegt am Körper nicht zu knapp und nicht zu lose an; und es wird Herrn Gotamo vom Wind nicht aufgeweht, und nicht bleibt Herrn Gotamo am Körper Staub und Schmutz haften.