Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band

Part 32

Chapter 323,721 wordsPublic domain

»Ich war da, o Herr, zeitig gerüstet, mit Mantel und Schaale versehn, nach der Stadt gegangen, um Almosenspeise. Da hab’ ich, auf der Straße von Haus zu Haus um Almosen stehend, irgend ein Weib gesehn, die eine Frühgeburt, eine Fehlgeburt gethan: und als ich es sah gedacht’ ich bei mir: ›Uebel steht es, 473 wahrlich, um die Wesen, übel steht es, wahrlich, um die Wesen!‹«

»So gehe denn, Aṉgulimālo, zu jenem Weibe hin und sprich also zu ihr: ›Seitdem ich, o Schwester, geboren bin weiß ich nicht, dass ich mit Absicht ein Wesen des Lebens beraubt hätte: so wahr ich sage, sei genesen du, genesen deine Frucht!‹«

»Würd’ ich da nicht, o Herr, bewusste Lüge reden: hab’ ich doch, o Herr, mit Absicht vielen Wesen das Leben geraubt!«

»So gehe denn, Aṉgulimālo, zu jenem Weibe hin und sprich also zu ihr: ›Seitdem ich, o Schwester, in heiliger Geburt geboren bin weiß ich nicht, dass ich mit Absicht ein Wesen des Lebens beraubt hätte: so wahr ich sage, sei genesen du, genesen deine Frucht!‹«

»Wohl, o Herr!« erwiderte da der ehrwürdige Aṉgulimālo, dem Erhabenen gehorchend. Und er begab sich zu jenem Weibe hin und sprach also zu ihr:

»Seitdem ich, o Schwester, in heiliger Geburt geboren bin weiß ich nicht, dass ich mit Absicht ein Wesen des Lebens beraubt hätte: so wahr ich sage, sei genesen du, genesen deine Frucht!«

Und das Weib war genesen, genesen ihre Frucht.

Und der ehrwürdige Aṉgulimālo, einsam, abgesondert, unermüdlich, in heißem, innigem Ernste verweilend, hatte gar bald was edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit lockt, jenes höchste Ziel des Asketenthums noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ verstand er da. Auch einer 474 war nun der ehrwürdige Aṉgulimālo der Heiligen geworden.

* * * * *

Fünftes Bruchstück

Und der ehrwürdige Aṉgulimālo, zeitig gerüstet, nahm Mantel und Schaale und ging nach Sāvatthī um Almosenspeise. Um diese Zeit nun flog ein Stein, den einer geworfen, dem ehrwürdigen Aṉgulimālo an den Leib, flog ein Stock, den einer geworfen, dem ehrwürdigen Aṉgulimālo an den Leib, flog ein Scherben, den einer geworfen, dem ehrwürdigen Aṉgulimālo an den Leib. Da kam nun der ehrwürdige Aṉgulimālo mit zerschnittenem Kopfe und strömendem Blute, mit zerbrochener Schaale und zerrissenem Mantel zum Erhabenen hin. Und es sah der Erhabene den ehrwürdigen Aṉgulimālo von ferne herankommen, und als er ihn gesehn sprach er also zu ihm:

»Dulde nur, Heiliger, dulde nur, Heiliger! Um welcher That Vergeltung du viele Jahre, viele Jahrhunderte, viele Jahrtausende Höllenquaal erlittest, dieser That Vergeltung, Heiliger, findest du noch bei Lebzeiten.«

* * * * *

Sechstes Bruchstück

Da ließ der ehrwürdige Aṉgulimālo, während er einsam zurückgezogen sann, das Heil der Erlösung erfahrend, um diese Zeit folgende Weise vernehmen:

»Wer früher thörig sorglos war, Doch endlich seine Schuld erkennt, Der leuchtet durch die finstre Welt Gleichwie der Mond aus Wolkennacht.

»Wer einst begangne böse That In wahrer Buße tief bereut, 475 Der leuchtet durch die finstre Welt Gleichwie der Mond aus Wolkennacht.

»Wer noch in holder Jugendkraft Als Jünger hier dem Sieger folgt, Der leuchtet durch die finstre Welt Gleichwie der Mond aus Wolkennacht.

* * * * *

»Die Lüfte sollen lauschen meinem Sange Und lieblich wehen um den Auferwachten, Die Lüfte sollen grüßen mir die Menschen, Die Großen, die sich nach der Wahrheit sehnen.

»Den Lüften thu’ mein Lied ich kund, Das Lob der Liebe, der Geduld: O wehet nieder, neigt euch her Und tragt die Wahrheit weiter dann!

»O sei mir jeder wohlgesinnt Und allem andern was er sieht: Den höchsten Frieden findet froh Wer schützt was athmet, schützt was lebt.[181]

»Kanäle schlichten Bauern durch das Feld, Die Bogner schlichten spitze Pfeile zu, Die Zimmrer schlichten schlanke Balken ab, Sich selber, wahrlich, machen Weise schlicht.

»Geschlichtet wird gar mancher Streit Mit Stock und Stachel, Peitsche, Strick: Doch ohne Stock, doch ohne Stahl Hat mich der Meister schlicht gemacht.

»Einst hat man Friedrich[182] mich genannt, Und Friedensmörder war ich nur: Den ächten Namen führ’ ich heut, Genesen froh als Friedenswalt.

»Berüchtigt war das Räuberhaupt, Aṉgulimālo war der Mord: Da brach der Strom die Bresche durch Und trieb mich hin zum wachen Herrn!

»Mit Blut befleckt’ ich meine Hand, Aṉgulimālo war der Mord: Gerettet sieh’ mich rasten hier, Die Daseinsader ist verdarrt.

»Der solche Thaten ich gethan, Von Unheil schwer, von Unheil schwül, Genieße reichlich reifen Lohn, 476 Entsündigt nehm’ ich Atzung ein.

»Dem leichten Sinn ergeben sich Erlahmte Männer, ohne Muth; Den Ernst bewahrt der weise Mann Als köstlich besten Schatzeshort.

»Ergebt euch nicht dem leichten Sinn, O folget nicht der Liebeslust! Der ernst in sich gekehrte Mönch Ist höchstem Heile sälig nah.[182]

»Gefunden hab’ ich’s, nicht verfehlt, Kein übel Ding bedünkt es mich, Von allem was die Welt gewährt Hab’ ich das Beste auserwählt.

»Gefunden hab’ ich’s, nicht verfehlt, Kein übel Ding bedünkt es mich, Drei Wissenschaften kenn’ ich gut, Erfüllt ist was der Meister will.«[183]

87.

Neunter Theil Siebente Rede

WAS EINEM LIEB IST

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Um diese Zeit nun war irgend einem Hausvater sein einziges, vielgeliebtes Büblein gestorben. Und wie es nun todt war, mocht’ er sich weder um Arbeit noch Essen kümmern. Er ging immer wieder zur Leichenstätte und jammerte: ›Wo bist du, einziges Büblein, wo bist du, einziges Büblein?‹

Da nun begab sich jener Hausvater dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts hin. Und zu jenem Hausvater, der da seitwärts saß, wandte sich nun der Erhabene also:

»Nicht zeigst du, Hausvater, die Züge des geistig Gefassten: es sind deine Züge verstört.«

»Wie sollten auch, o Herr, meine Züge nicht verstört sein: ist 477 mir doch, o Herr, das einzige, vielgeliebte Büblein gestorben! Und da es nun todt ist, mag ich mich weder um Arbeit noch Essen kümmern. Ich geh’ immer wieder zur Leichenstätte und jammere: ›Wo bist du, einziges Büblein, wo bist du, einziges Büblein?‹«

»So ist es, Hausvater, so ist es, Hausvater. Was einem lieb ist, Hausvater, giebt ja Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.«[184]

»Wer wird da nur, o Herr, also denken: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt‹: was einem lieb ist, o Herr, giebt ja Freude und Befriedigung, was von Liebem kommt.«

Und jener Hausvater, ungehalten und verstimmt über das Wort des Erhabenen, stand von seinem Sitze auf und ging fort.

Nun waren gerade damals, nicht gar fern vom Erhabenen, viele Würfelspieler beisammen, die Würfel spielten. Da begab sich denn jener Hausvater zu ihnen hin und sprach also:

»Ich war da, ihr Herren, zum Asketen Gotamo gegangen, hatte ehrerbietigen Gruß dargeboten und mich seitwärts hingesetzt. Und als ich da saß, ihr Herren, wandte sich der Asket Gotamo also an mich: ›Nicht zeigst du, Hausvater, die Züge des geistig Gefassten: es sind deine Züge verstört.‹ Also angeredet, ihr Herren, entgegnete ich dem Asketen Gotamo: ›Wie sollten auch, o Herr, meine Züge nicht verstört sein: ist mir doch, o Herr, das einzige, vielgeliebte Büblein gestorben! Und da es nun todt ist, mag ich mich weder um Arbeit noch Essen kümmern. Ich geh’ immer wieder zur Leichenstätte und jammere: ‚Wo 478 bist du, einziges Büblein, wo bist du, einziges Büblein?‘‹ -- ›So ist es, Hausvater, so ist es, Hausvater. Was einem lieb ist, Hausvater, giebt ja Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹ -- ›Wer wird da nur, o Herr, also denken: ‚Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt‘; was einem lieb ist, o Herr, giebt ja Freude und Befriedigung, was von Liebem kommt.‹ So sprach ich, ihr Herren, ungehalten und verstimmt über das Wort des Asketen Gotamo, stand von meinem Sitze auf und ging fort.«

»So ist es, Hausvater, so ist es, Hausvater! Was einem lieb ist, Hausvater, giebt ja Freude und Befriedigung, was von Liebem kommt.«

Da sagte jener Hausvater: »So hab’ ich recht, mit den Würfelspielern!«; und er ging fort.

Aber dieses Gespräch verbreitete sich allmälig bis an den Hof des Königs. Und König Pasenadi von Kosalo wandte sich an seine Gemahlin Mallikā:

»Höre, Mallikā, dein Asket Gotamo hat gesagt: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹«

»Wenn das, großer König, der Erhabene gesagt hat, dann ist es also.«

»Immer doch also giebt diese Mallikā, was auch da der Asket Gotamo sagen mag, eben aber auch alles zu: ›Wenn das, großer König, der Erhabene gesagt hat, dann ist es also.‹ Gleichwie etwa der Lehrer dem Schüler was immer auch sagen mag, und ihm der Schüler eben auf alles zustimmt, ›So ist es, Meister, so ist es, Meister‹, ebenso auch giebst du, Mallikā, was auch immer da der Asket Gotamo sagen mag, eben aber auch alles zu: ›Wenn das, großer König, der Erhabene gesagt hat, dann ist es also.‹ Lass’ es gut sein, Mallikā, hör’ auf!« 479

Da wandte sich Königin Mallikā an den Brāhmanen Nāḷijaṉgho[185] und bat ihn:

»Begieb dich, Brāhmane, zum Erhabenen hin und bring’ dem Erhabenen zu Füßen meinen Gruß dar und wünsche Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein: ›Mallikā‹, sage, ›o Herr, die Königin, bringt dem Erhabenen zu Füßen Gruß dar und wünscht Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein;‹ und füge hinzu: ›hat wohl, o Herr, der Erhabene dieses Wort gesprochen: ‚Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt‘?‹ Und wie dir der Erhabene antworten wird, das merke dir gut und melde mir. Denn die Vollendeten reden nicht unvollkommen.«

»Schön, Herrin!« entgegnete da gehorsam Nāḷijaṉgho der Brāhmane Mallikā der Königin. Und er begab sich dorthin wo der Erhabene weilte, tauschte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun Nāḷijaṉgho der Brāhmane zum Erhabenen also:

»Mallikā, o Gotamo, die Königin, bringt Herrn Gotamo zu Füßen Gruß dar und wünscht Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein; und sie fügte hinzu: hat wohl, o Herr, der Erhabene dieses Wort gesprochen: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt‹?«

»So ist es, Brāhmane, so ist es, Brāhmane. Was einem lieb ist, Brāhmane, giebt ja Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt. Darum muss man es eben, Brāhmane, je nach dem Umstand beurtheilen, wie da was einem lieb ist Wehe und Jammer giebt, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt. Eines Tages, Brāhmane, war eben hier zu 480 Sāvatthī irgend einem Weibe die Mutter gestorben. Durch deren Tod irrsinnig, geistesverstört geworden lief sie von Straße zu Straße, von Markt zu Markt und schrie: ›Habt ihr nicht meine Mutter gesehn, habt ihr nicht meine Mutter gesehn?‹ Darum soll man es eben, Brāhmane, je nach dem Umstand beurtheilen, wie da was einem lieb ist Wehe und Jammer giebt, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.

»Eines Tages, Brāhmane, war eben hier zu Sāvatthī irgend einem Weibe der Vater gestorben -- war der Bruder, die Schwester gestorben -- war der Sohn, war die Tochter gestorben -- war der Gatte gestorben. Durch dessen Tod irrsinnig, geistesverstört geworden lief sie von Straße zu Straße, von Markt zu Markt und schrie: ›Habt ihr nicht meinen Gatten gesehn, habt ihr nicht meinen Gatten gesehn?‹ Darum soll man es eben, Brāhmane, je nach dem Umstand beurtheilen, wie da was einem lieb ist Wehe und Jammer giebt, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.

»Eines Tages, Brāhmane, war eben hier zu Sāvatthī irgend einem Manne die Mutter gestorben -- war der Vater gestorben -- war 481 der Bruder, die Schwester gestorben -- war der Sohn, war die Tochter gestorben -- war die Frau gestorben. Durch deren Tod irrsinnig, geistesverstört geworden lief er von Straße zu Straße, von Markt zu Markt und schrie: ›Habt ihr nicht meine Frau gesehn, habt ihr nicht meine Frau gesehn?‹ Darum soll man es eben, Brāhmane, je nach dem Umstand beurtheilen, wie da was einem lieb ist Wehe und Jammer giebt, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.

»Eines Tages, Brāhmane, war eben hier zu Sāvatthī irgend ein Weib zu Verwandten ins Haus gekommen. Und die Verwandten verboten dieser, mit ihrem Gatten zu leben, wollten sie einem anderen vermählen: sie aber mochte den nicht. Und sie beschwor ihren Mann: ›Diese Verwandten, o Gemahl, reißen mich von dir und wollen mich einem anderen vermählen: ich aber mag den nicht!‹ Und der Mann gab seinem Weibe den Tod und entleibte sich selbst: ›Gestorben werden wir beisammen sein!‹ Darum soll man es eben, Brāhmane, je nach dem Umstand beurtheilen, wie da was einem lieb ist Wehe und Jammer giebt, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.«

Und Nāḷijaṉgho der Brāhmane, durch des Erhabenen Rede erfreut und befriedigt, stand auf und begab sich zu Mallikā der Königin zurück und berichtete Wort für Wort das ganze Gespräch, das der Erhabene mit ihm gepflogen. Und Königin Mallikā ging nun zu König Pasenadi von Kosalo hin und sprach also: 482

»Was meinst du wohl, großer König: hast du deine Tochter Vajīrī lieb?«

»Gewiss, Mallikā, hab’ ich meine Tochter Vajīrī lieb.«

»Was meinst du wohl, großer König: wenn deiner Tochter Vajīrī etwas verschlüge, etwas geschähe, würdest du da Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden?«

»Wenn, Mallikā, meiner Tochter Vajīrī etwas verschlüge, etwas geschähe, könnt’ es auch um mein Leben geschehn sein: wie sollt’ ich da etwa nicht Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden!«

»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er gesagt hat: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹ -- Was meinst du wohl, großer König: hast du die Fürstin Vāsabhā lieb?«

»Gewiss, Mallikā, hab’ ich die Fürstin Vāsabhā lieb.«

»Was meinst du wohl, großer König: wenn der Fürstin Vāsabhā etwas verschlüge, etwas geschähe, würdest du da Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden?«

»Wenn, Mallikā, der Fürstin Vāsabhā etwas verschlüge, etwas geschähe, könnt’ es auch um mein Leben geschehn sein: wie sollt’ ich da etwa nicht Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden!«

»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er gesagt hat: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹ -- Was meinst du wohl, großer König: hast du den Feldherrn Viḍūḍabho lieb?«

»Freilich, Mallikā, hab’ ich den Feldherrn Viḍūḍabho lieb.«

»Was meinst du wohl, großer König: wenn dem Feldherrn 483 Viḍūḍabho etwas verschlüge, etwas geschähe, würdest du da Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden?« 484

»Wenn, Mallikā, dem Feldherrn Viḍūḍabho etwas verschlüge, etwas geschähe, könnt’ es auch um mein Leben geschehn sein: wie sollt’ ich da etwa nicht Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden!«

»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er gesagt hat: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹ -- Was meinst du wohl, großer König: hast du mich lieb?«

»Gewiss, Mallikā, hab’ ich dich lieb.«

»Was meinst du wohl, großer König: wenn mir etwas verschlüge, etwas geschähe, würdest du da Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden?«

»Wenn, Mallikā, dir etwas verschlüge, etwas geschähe, könnt’ es auch um mein Leben geschehn sein: wie sollt’ ich da etwa nicht Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden!«

»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er gesagt hat: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹ -- Was meinst du wohl, großer König: hast du dein Reich Benāres und Kosalo lieb?«

»Sicherlich, Mallikā, hab’ ich mein Reich Benāres und Kosalo lieb: durch die Macht meines Reiches Benāres und Kosalo besitzen wir Seide und Sandel, haben Schmuck und duftende Salben.«

»Was meinst du wohl, großer König: wenn deinem Reiche Benāres und Kosalo etwas verschlüge, etwas geschähe, würdest du da Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden?«

»Wenn, Mallikā, meinem Reiche Benāres und Kosalo etwas verschlüge, etwas geschähe, könnt’ es auch um mein Leben geschehn sein: wie sollt’ ich da etwa nicht Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden!«

»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er gesagt hat: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹«

»Wunderbar, Mallikā, außerordentlich, Mallikā, ist es, wie da Er, der Erhabene, weise durchdringend, weise blickt! Wohl denn, Mallikā: rühme weiter!«[186]

* * * * *

Und König Pasenadi von Kosalo stand auf von seinem Sitze, entblößte eine Schulter, verneigte sich ehrerbietig nach der Richtung wo der Erhabene weilte, und ließ dann dreimal den Gruß ertönen:

»Verehrung dem Erhabenen, Dem heilig auferwachten Herrn!

»Verehrung dem Erhabenen, Dem heilig auferwachten Herrn!

»Verehrung dem Erhabenen, Dem heilig auferwachten Herrn!«

88.

Neunter Theil Achte Rede

DER UEBERWURF

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Da nun begab sich der ehrwürdige Ānando, zeitig gerüstet, mit Mantel und Schaale versehn, auf den Almosengang nach der Stadt. Als er, von Haus zu Haus tretend, Almosenspeise erhalten, kehrte er zurück, nahm das Mahl ein und machte sich dann auf den Weg nach dem Osthain, zu Mutter Migāros Terrasse, tagüber da zu bleiben.

Um diese Zeit aber zog, früh am Nachmittage, König Pasenadi von Kosalo auf seinem Elephanten Weißer Lotusfürst aus Sāvatthī hinaus. Da sah denn der König den ehrwürdigen Ānando von weitem dahinschreiten, und als er ihn gesehn wandte er sich an seinen 485 Marschall Sirivaḍḍho:

»Ist das nicht, bester Sirivaḍḍho, der ehrwürdige Ānando?«

»Ja, großer König, das ist der ehrwürdige Ānando.«

Da befahl denn der König einem seiner Leute:

»Geh’ hin, lieber Mann, zum ehrwürdigen Ānando und bring’ ihm zu Füßen meinen Gruß dar: ›Der König‹, sage, ›o Herr, Pasenadi von Kosalo, bringt dem ehrwürdigen Ānando zu Füßen Gruß dar‹; und füge hinzu: ›wenn, o Herr‹, lässt er sagen, ›der ehrwürdige Ānando nicht dringend zu thun hat, möge doch, o Herr, der ehrwürdige Ānando auf eine Weile nähertreten, von Mitleid bewogen.‹«

»Wohl, o König!« entgegnete da gehorsam jener Mann dem Herrscher. Und er eilte zum ehrwürdigen Ānando hin, bot ehrerbietigen Gruß dar und stand zur Seite. Zur Seite stehend sprach er dann also zum ehrwürdigen Ānando:

»Der König, o Herr, Pasenadi von Kosalo, bringt dem ehrwürdigen Ānando zu Füßen Gruß dar; und er lässt sagen: wenn, o Herr, der ehrwürdige Ānando nicht dringend zu thun hat, möge doch, o Herr, der ehrwürdige Ānando auf eine Weile nähertreten, von Mitleid bewogen.«

Schweigend gewährte der ehrwürdige Ānando die Bitte.

Und König Pasenadi von Kosalo zog nun, so weit man auf Elephanten reiten kann, heran; dann stieg er ab und ging zu Fuße dem ehrwürdigen Ānando entgegen, begrüßte ihn ehrerbietig und stellte sich seitwärts. Seitwärts stehend sprach nun König 486 Pasenadi von Kosalo also zum ehrwürdigen Ānando:

»Wenn, o Herr, der ehrwürdige Ānando nicht dringend zu thun hat, wär’ es schön, o Herr, wenn sich der ehrwürdige Ānando an das Gestade der Aciravatī begeben wollte, von Mitleid bewogen.«

Schweigend gewährte der ehrwürdige Ānando die Bitte.

Und der ehrwürdige Ānando begab sich an das Gestade der Aciravatī und nahm unter einem Baume, auf einem tauglichen Sitze, Platz. Und König Pasenadi von Kosalo zog auf seinem Elephanten heran, so weit man reiten kann; dann stieg er ab und ging zu Fuße zum ehrwürdigen Ānando hin, bot ehrerbietigen Gruß dar und stand seitwärts. Seitwärts stehend sprach nun König Pasenadi von Kosalo also zum ehrwürdigen Ānando:

»Hier, o Herr, möge sich der ehrwürdige Ānando auf die Schabracke hinsetzen!«

»Schon gut, großer König: du setze dich hin; ich bleibe auf meinem Platze.«

Da setzte sich König Pasenadi von Kosalo auf den dargebotenen Sitz. Und er sprach also zum ehrwürdigen Ānando:

»Sagt mir, Herr Ānando: mag wohl Er, der Erhabene, einen Wandel in Werken führen, der ein Aergerniss wäre für Asketen und Priester, verständige Leute?«

»Nicht mag Er, großer König, der Erhabene, einen Wandel in Werken führen, der ein Aergerniss wäre für Asketen und Priester, verständige Leute.«

»Und ferner, Herr Ānando: mag wohl Er, der Erhabene, einen Wandel in Worten, einen Wandel in Gedanken führen, der ein 487 Aergerniss wäre für Asketen und Priester, verständige Leute?«

»Nicht mag Er, großer König, der Erhabene, einen Wandel in Worten, einen Wandel in Gedanken führen, der ein Aergerniss wäre für Asketen und Priester, verständige Leute.«

»Wunderbar, o Herr, außerordentlich, o Herr! Denn was wir, o Herr, durch die Frage nicht auszudrücken vermochten, das hat, o Herr, der ehrwürdige Ānando durch der Frage Beantwortung ausgedrückt. Die da, o Herr, thörig, unbesonnen, ohne Ueberlegung, ohne gründliche Prüfung andere loben und andere tadeln, die können wir nicht ernst nehmen: die aber da, o Herr, weise, besonnen, tiefsinnig, nach Ueberlegung, nach gründlicher Prüfung andere loben und andere tadeln, die können wir ernst nehmen. Was ist das aber, Herr Ānando, für ein Wandel in Werken, der ein Aergerniss ist für Asketen und Priester, verständige Leute?«

»Ein Wandel in Werken, großer König, der unheilsam ist.«

»Was ist aber, o Herr, unheilsamer Wandel in Werken?«

»Ein Wandel in Werken, großer König, der unrecht ist.«

»Was ist aber, o Herr, unrechter Wandel in Werken?«

»Ein Wandel in Werken, großer König, der beschwerhaft ist.«

»Was ist aber, o Herr, beschwerhafter Wandel in Werken?«

»Ein Wandel in Werken, großer König, der Leiden züchtet.«

»Was ist aber, o Herr, ein Wandel in Werken, der Leiden züchtet?«

»Ein Wandel in Werken, großer König, der zu eigener Beschwer, oder zu anderer Beschwer, oder zu beider Beschwer führt, wo da die unheilsamen Dinge sich mehren und die heilsamen Dinge sich mindern: ein Wandel in Werken, großer König, von solcher Art, 488 der ist ein Aergerniss für Asketen und Priester, verständige Leute.«

»Und was ist es, Herr Ānando, für ein Wandel in Worten, Wandel in Gedanken, der ein Aergerniss ist für Asketen und Priester, verständige Leute?«

»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der unheilsam ist.«

»Was ist aber, o Herr, unheilsamer Wandel in Worten, in Gedanken?«

»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der unrecht ist.«

»Was ist aber, o Herr, unrechter Wandel in Worten, in Gedanken?«

»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der beschwerhaft ist.«

»Was ist aber, o Herr, beschwerhafter Wandel in Worten, in Gedanken?«